Spielen um halb zwei

Final night

Mutter: „Herr Dokter, ich habe ein Problem mit meinem Sohn, der hat eine Schlafstörung.“
Der junge Mann ist dreieinhalb Jahre alt.
Mutter: „Wissen Sie, der geht nach dem Fernsehen um 21 Uhr ins Bett. Da trinkt er noch seine Flasche, dann steht er um elfe wieder auf und kommt zu mir rüber und weckt mich, dass er jetzt spielen will.“
Ich: „Und dann?“
Mutter: „Dann will er puzzeln, oder er macht den Fernseher an oder die Rolladen hoch. Ich weiß gar nicht, was ich machen soll.“
Ich: „Was machen Sie denn, damit er das lässt?“
Mutter: „Ich spiele dann kurz mit ihm, er will das ja so. Aber Fernsehen oder Rolladen, da schimpf ich dann schon. Letztens lag ich im Bett und da hat er an meinen Augenwimpern gezupft, dann hat er gesagt, Mama, Du hast die Augen auf, los, spiel mit mir. So was…“
Ich: „Was kann ich da tun?“
Mutter: „Der hat doch was. Solche Schlafstörungen sind doch nicht normal.“
Ich: „Ich bin ja kein Pädagoge, sondern auch nur Vater, aber ist das vielleicht eine Frage der Erziehung?“
Mutter: „Meinen Sie? Achso…“

(c) Bild bei Flickr/Matt (CC Lizenz)

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Servicewüste Kinderarztpraxis

Telefon

 

Vater: „Ja, hallo, meine Frau ist krank, und kann nicht auf meinen Sohn aufpassen, deshalb muß ich zuhause bleiben und brauche eine Krankschreibung.“
fMFA: „Was hat denn Ihr Sohn?“
Vater: „Nichts, der ist gesund, aber meine Frau ist krank.“
fMFA: „Oh, Sie haben die Kinderarztpraxis Dr. kinderdok gewählt.“
Vater: „Ja, das weiß ich, ich brauche eine Krankschreibung, für den Arbeitgeber, dass ich zuhause bleiben kann.“
fMFA: „Aber Ihr Sohn ist nicht krank.“
Vater: „Das sagte ich schon. Meine Frau ist krank. Und. Ich. Muss. Deswegen. Zuhause. Bleiben.“
fMFA: „Tut mir leid, aber wir können nur eine Bescheinigung für den Arbeitgeber rausschreiben, wenn Ihr Kind krank ist und Sie deswegen zuhause bleiben müssen.“
Vater: „Meine Frau ist krank.“
fMFA: „Ich habe das verstanden, aber solange Ihr Sohn nicht…“
Vater: „Wissen Sie was? Mein Sohn ist krank. Ich brauche eine Bescheinigung, dass ich zuhause bleiben kann. Für den Arbeitgeber.“
fMFA: „… und was hat Ihr Sohn. Wann haben Sie denn Zeit vorbeizukommen, um ihn untersuchen zu lassen?“
Vater: „Geht´s noch? Jetzt soll ich auch noch vorbeikommen?“

(c) Foto bei Flickr/Idaponte (unter CC BY-SA 2.0)

Die Katze geht zum Arzt, nicht zum Heilpraktikant

Unsere Katze hat immer wieder diese kleinen schwarzen Punkte unter dem Kinn, sieht aus wie Mohnkrümel oder schwarze Schuppen. Es scheint, zu jucken, denn gerne schabt sie mit dem Kinn auf der Couch herum. Nach einiger Zeit wird es besonders wüst: Die Haare gehen an der Stelle aus, vor zwei Monaten war ein Mundwinkel richtig wund geworden.

Der Tierarzt nennt das salopp „Katzenakne“, keine Ahnung, ob das stimmt, bei meinen Kindern google ich nicht irgendwelche Krankheiten, sondern verlasse mich auf den Experten. Als der Tierarzt mitbekam, dass ich was mit Medizin mache, murmelte er etwas von Autoimmunerkrankung, „nicht so schlimm“, und dass Cortison ja immer helfe, oder nicht?

Das war dann auch so: Die ein- bis zweimonatliche Spritze tat Wunder, die Hautveränderungen gingen zurück, die Katze war wieder glücklich. Der Behandlungsversuch zuvor mit antibiotischer Salbe scheiterte am Gefauche der Dame und dem Unvermögen des therapierenden Herrchens. Antibiotische Salbe bei Autoimmunerkrankung? Ok, wohl für die Superinfektion.

Im Wartezimmer kam ich ins Gespräch, eine Dame erzählte mir, sie gehe immer zuerst zu dem Tierheilpraktiker im Nachbarort. Eine schöne Praxis gebe es da, in schönen Farben und schönen Gerüchen, man merke, die Tiere fühlten sich gleich viel wohler. Da werden die Tiere auf dem Schoß der „Eltern“ untersucht, sagte sie, nicht, wie hier, auf einem kalten nackten Tisch. Sie zeigte auf ihren bereits grauhaarigen Yorkshire-Terrier, der müde hechelnd unter ihrem Stuhl saß. Es war ein heißer Tag. Der Tierheilpraktiker könne sicher auch was für unsere Katze tun, meinte sie. Und wo man das Geld nun ausgebe, sei doch egal, meinte sie.

Fand ich nicht. Wer ein Haustier hat, weiß, wie teuer ärztliche Behandlungen sein können. Es gibt zwar Tierkrankenversicherungen, aber, Hand aufs Herz, wer schließt die schon ab, wenn man nicht gerade einen Araberhengst im Schuppen stehen hat? So bleibt einem die Überraschung, wenn die Arzthelferin nach der EC-Karte fragt.

Und jetzt soll ich das Geld für Heilpraktikanten ausgeben? Da ist die Erstverschlechterung meiner Begeisterung inklusive. Katzen sind doch Einflüsterungen von außen sowieso nicht zugänglich. Denkt wirklich jemand, dass eine Katze auf Placebos reinfällt? Ein Hund vielleicht, ok, der freut sich über alles, was Frauchen oder Herrchen ihm Gutes tut, da ist die Placebo-by-proxy-Wirkung schon in der Tierart implementiert. Aber Katzen? Da die immer das Gegenteil von dem machen, was wir wollen, müsste ich ja am Ende statt „Similia similibus curentur“ „Contrarium contrario curentur“ anwenden (und man lege mich bitte nicht auf die richtige Deklination fest).

Vielleicht hilft ja Chiropraxie oder Osteopathie bei der Katzenakne? Der Gemütliche Riese aus Norddeutschland (RIP) hätte vielleicht auch das bei unserer Tigerin eingerenkt. Jedenfalls erschlüge sicher sein Charisma unsere Überzeugung. Im Fernsehen war es auf jeden Fall gut anzusehen. Spaß beiseite. Aber es denkt wohl niemand, das Schröpfen bei den Fellungeheuern irgendwas bewirkt, oder? Wie soll der Heilpraktikant denn da auch ein ordentliches Vakuum aufbauen?

Dann vielleicht die Akupunktur. Unsere Katze ist immer hellauf begeistert, wenn sie die Cortisonspritze oder ihre Impfungen bekommt. Ihr Instinkt meldet das schon fünf Minuten vorher an. Wenn dann die Tierärztin mit dem Besteck klappert, wird aus dem wilden Tiger endgültig die Feldmaus, die wir immer schon in ihr vermutet haben. Also dann Akupunkturnadeln? Und wer will die wiederfinden nach getaner Arbeit? Obwohl, man könnte die Nadel mit Fähnchen …

Ich gehe also weiterhin zu Dr. Engel (doch, so ungefähr heißt der tatsächlich) mit seiner Grummelstimme und dem sterilen Metallbeckenuntersuchungstisch mit Abflusseinrichtung. Der hat das – denke ich mal – auch richtig studiert. Der Tierheilpraktiker aus dem Nachbarort hat vielleicht schnell 2.000 Euro in die Hand genommen, ist von Haus aus Bankkaufmann und „mit Tieren groß geworden“. Wenigstens folgen beide ihrer Berufung. Aber ich muss nicht allem hinterher rennen.

Kurzer Faktencheck

(Der Faktencheck wurde der Infoplattform www.tierheilpraktiker.net entnommen. Ergänzen sollte ich, dass der Hinweis auf Praktika, d.h. die Arbeit direkt am Tier nicht bei allen Ausbildungsanbietern zu finden ist.)

Interessant in diesem Zusammenhang fand ich auch die beiden Artikel „Aber bei Kindern und Tieren hilfts doch auch“ und „So wirken Placebos bei Tieren“.

(c) Bild bei Werner Mandl/Flickr unter CC-Lizenz

Dieses Posting erschien ursprünglich bei DocCheck Blogs.

Eltern sind uneins – BGH entscheidet pro Impfungen

(Ein Blogpost ohne das Bild einer überdimensionierte Impfspritze)

Vor einem knappen Jahr musste ich hier bloggen, dass bei getrennt lebenden Eltern die Einverständnis beider Eltern vonnöten sei, um ein Kind impfen zu lassen. Dies hatte auch Auswirkungen auf die Praxis in der Praxis: Wir Ärzte können nicht stillschweigend davon ausgehen, dass das nicht anwesende Elternteil mit der Impfentscheidung einverstanden ist.

Nun gab es ein neues Urteil in ähnlicher Sache – aber von höchster Instanz, dem Bundesgerichtshof (Beschluss vom 3. Mai 2017 – XII ZB 157/16 ). Hier wurde einem Vater die (Pro-)Impfentscheidung zugesprochen, die Klage der Mutter gegen die Impfungen abgewiesen. Bereits ein Oberlandesgericht hatte für die Impfungen entschieden, die Beschwerde der Mutter hatte keinen Erfolg.

Zunächst wurde die Schwere der Impfentscheidung herausgestellt und aus den Entscheidungen des alltäglichen Lebens herausgelöst (welche stets das Elternteil fällen darf, bei dem das Kind lebt): „Sowohl das durch eine Impfung vermeidbare und mit möglichen Komplikationen verbundene Infektionsrisiko als auch das Risiko einer Impfschädigung belegen die erhebliche Bedeutung.“ — und daher soll die Entscheidung im Streitfall nicht bei einem Elternteil belassen werden, sondern kann vor einem Familiengericht entschieden werden. Dieses wiederum kann „auf Antrag eines Elternteils die Entscheidung einem Elternteil übertragen. Die Entscheidungskompetenz ist dem Elternteil zu übertragen, dessen Lösungsvorschlag dem Wohl des Kindes besser gerecht wird.“ Und hier entschied das Gericht für den Vater.

… und weiter: „Die von der Mutter erhobenen Vorbehalte, die aus ihrer Befürchtung einer „unheilvollen Lobbyarbeit von Pharmaindustrie und der Ärzteschaft“ resultieren, musste das Oberlandesgericht dagegen nicht zum Anlass für die Einholung eines gesonderten Sachverständigengutachtens über allgemeine Impfrisiken nehmen.“ Anders: Die Sinnhaftigheit von Impfungen hat das BGH in seiner Urteilsbegründung als gegeben und medizinischen Standard angesehen, hierüber musste gar nicht diskutiert werden.

Ein guter Schritt für den Impfgedanken.

Pressemitteilung des BGH und der Originaltext der Urteilsbegründung (Sehr lesenswert im Detail!)

Chantalismus

Teil der Vorurteile: Seltsame Vornamen sind den sozialen Notschichten zueigen. Die Kevins, Justins und Marvins, die Chantals, Bonnys und Tschakkelines dieser Gesellschaft werden es später schwer haben, der Name sei Programm. So geht die Meinung. Bei den Promis sieht es da bekanntermaßen anders aus – da werden nicht Neoanglismen bemüht oder die Vokale mit „y“ vertauscht, hier findet sich die Nomifizierung von Substantiven, Blumen oder ganzen Ländern.

Warum allerdings die zukünftigen Starköche den Namen ihrer Restaurants bereits bei Geburt mitbekommen haben, ist mir schleierhaft:

jamie

… eigentlich bin ich Jamie-Fan.

Besser Patschhand als Handyklatsch

Next Generation

Das Kind ist krank, ich frage die üblichen Einstiegs-Anamnesefragen, währenddessen klingelt das Handy der Mutter. Die Aufmerksamkeit reißt ab, sie kramt in der Wickeltasche nach dem melodiösen Objekt.

„Alles klar soweit?“, frage ich, nachdem sie mühsam Hinwisch-Herwisch das Gerät zum Stillhalten motiviert hat.
„Jaja“, sagt sie, „alles klar.“ Ohne den Blick vom Display zu nehmen.
Ich seufze und widme mich der anderthalbjährigen Marie-Endivie, die schon irritiert nach ihrer Mutter sehnt. Diese verstaut wenigstens das Handy zurück in der Wickeltasche.
Es pingt.
Ich schaue kurz über meinen nicht vorhandenen Brillenrand. Mutter lächelt und nickt, als wolle sie Geduld zeigen.
Ich untersuche weiter. Marie-Endivie ist tapfer, sie streckt die Patschhand nach der Mama aus, bekommt sogar den Zeigefinger zu greifen. Ich darf weitermachen. Abhören, Bauch, Ohren, Hals.

Der Kontakt zur Patschhand reißt ab.
Die Mutter kramt wieder in der Tasche und wischt. Und wischt. Und wischt.
Ich lege das Stethoskop zur Seite und beuge mich demonstrativ zu Marie-Endivie, so dass wir beide die gleiche Kopfhöhe und Blickrichtung auf die Mama haben. Gemeinsamkeit macht stark.

„Würden Sie das jetzt bitte wegräumen, bis Sie die Praxis verlassen haben?“, sage ich zur Mutter im Namen des Kindes.
Sie wischt noch zwei-, dreimal, dann – wie ertappt, oh Wunder – klickt sie theatralisch auf den On/Off-Knopf und versenkt das Objekt wieder in der Tasche. Sie hebt die Brauen und geht in Angriff über.
„Aber Sie waren doch mit Marie beschäftigt, sie war mit ihnen beschäftigt. Warum darf ich mich dann nicht beschäftigen?“

(c) Foto bei Flickr/Solaika (CC License CC BY-ND 2.0)

 

Fakten, die ich schon immer zum Impfen hören wollte

image

 

Ohne jetzt hier die gesamte Begegnung der unheimlichen Art vom heutigen Tag wiederzugeben – hier nur die nackten Fakten, die mir Frau Impfkritisch entgegenwarf:

„Ich kenne mindestens vier Leute, die einen Impfschaden haben.“

„Die meisten Leute impfen ja nur, weil sie nicht mit Ihnen diskutieren wollen. Und außerdem impfen nur noch ganz wenige.“

„Diese Kombiimpfungen sind hochgefährlich. Wenn, aber nur wenn, dann impfen wir alles einzeln.“

„Studien sind grundsätzlich von den Impfherstellern gefaket.“

Und das Beste – mit einem Augenzwinkern, als ob sie ein wohlgehütetes Geheimnis verrate: „Masern sind ja nicht wirklich gefährlich, oder, Herr Doktor?“

Nachdem sie es wirklich geschafft hat, den empfohlenen ersten Impfzeitpunkt um acht Monate zu überschreiten, denn schließlich sei das Kind „immer mal krank gewesen“, und wenn nicht, dann „war ich selbst krank“ oder „mein Mann nicht zuhause“, habe ich ihr heute empfohlen, sich einen anderen betreuenden Arzt zu suchen.

(c) Foto bei Flickr/Brandon Grasley

How to creme

Da wir momentan täglich (!) Kinder mit Sonnenbrand sehen – sie werden nur nicht deswegen vorgestellt, aber dem wissenden Blick des Docs entgeht nichts – hier ein aktueller Hinweis unseres Berufsverbandes:

 

„Eltern sollten bei ihren Kindern Sonnenschutzmittel reichlich und mehrmals anwenden, d.h. alle zwei Stunden oder nachdem die Kinder im Wasser waren oder nachdem sie geschwitzt haben. Sonnenschutzmittel (Lichtschutzfaktor >30) sollte dick aufgetragen und etwas eingerieben werden. Dabei sollten diejenigen Hautareale erreicht werden, die nicht durch Kleidung geschützt werden können.

„Denken Sie daran, die Creme gleichmäßig zu verteilen. Vergessen Sie nicht die Ohren, Hände, Füße, Schultern und den Nacken sowie die Lippen. Schützende Kleidung, wie ein Sonnenhut mit Krempe, eine Sonnenbrille und das Vermeiden der Sonne in der Zeit ihrer höchsten Einstrahlung, etwa zwischen 11.00 und 16.00 Uhr, sind ebenso wichtig“, mahnt Dr. Ulrich Fegeler, Kinder- und Jugendarzt sowie Mitglied des Expertengremiums des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) bei http://www.kinderaerzte-im-netz.de. Die Verwendung von Sonnenschutzmittel dürfe nicht dazu führen, den Aufenthalt in der Sonne zu verlängern, da sie nur bedingt wirksam seien, warnt Dr. Fegeler. Sie senkten das Melanomrisiko nicht, sondern erhöhten es möglicherweise aufgrund eines falschen Sicherheitsgefühls. Säuglinge sollten überhaupt nicht der direkten Sonne ausgesetzt sein.

„Lassen Sie Kinder nicht zu lange im Wasser bleiben. Zum einen reflektiert das Wasser die Sonnenstrahlen und zum anderen halten auch wasserfeste Mittel nicht unbegrenzt. Die Bezeichnung ‚wasserfester Sonnenschutz‘ beschreibt nur, dass der Sonnenschutz im Wasser nicht ganz verloren geht. Nach etwa 40 Minuten im Pool haben diese Cremes etwa die Hälfte ihrer Wirksamkeit eingebüßt“, warnt Dr. Fegeler. Viele schätzen auch den Effekt des Lichtschutzfaktors falsch ein: Ein doppelter Lichtschutzfaktor (Lichtschutzfaktor = LSF; englisch: sun protection factor = SPF) bedeutet nicht, dass Kinder doppelt so lange in der Sonne bleiben dürfen. SPF 10 lässt noch etwa 10% der UV-Strahlung durch, SPF 30 etwa 3% und SPF 50 etwa 2%. Umfragen in Süddeutschland haben zudem ergeben, dass Eltern glauben, bei bedecktem Himmel bestünde keine Gefahr. Doch selbst bei Wolken können noch 50 bis 80% der UV-Strahlung auf die Erde gelangen.“

Quellen: Pediatric Dermatology, Stanford University School of Medicine, CME

*** Dies ist eine Pressemitteilung des Berufsverbandes für Kinder- und Jugendmedizin BVKJ


 

Ähnliches – Früheres:
Sonnenbrand
Sommersonnensinn
Der Sommer ist da

Zauberei

Jeder Notdienst, der mir einen „Chassaignac“ präsentiert, also die Subluxatio dolorosa, das Herausrutschen des Radiusköpfchens aus seinem Halteband am Ellenbogen – ein Trauma, das zu einer sehr schmerzhaften Schonhaltung des enstprechenden Armes führt -, lässt mich zum Zauberer werden: Durch ein kurzes Repositionsmanöver ist das Kind plötzlich beschwerdefrei und glücklich. Eine klassische Art von gelernter und erklärbarer Medizin: Etwas ist kaputt und wird repariert. So einfach funktioniert Medizin nicht immer, aber die versteckte, weil übersehbare Aktion der Reposition wirkt wie Zauber, als ob der Arzt heilende Hände hätte.

Warum haben Heilpraktiker ein so großen Zulauf? Warum finden Patienten bei den etablierten Ärzten keine ausreichende Hilfe und Unterstützung? Warum wenden sich viele seltsamen Heilversprechen zu und glauben an geisterhaft kryptische Therapien? Warum spaltet die Zuwendung zu Alternativverfahren die Kommentare in Internetforen, warum nehmen die Diskussionen darüber immer religiös-fanatische Züge an, die keine friedliche Koexistenz der Systeme gewährleistet?

Anousch Müller hat ein Buch geschrieben, das es bisher in dieser Weise noch nicht auf dem deutschen Sachbuchmarkt gab, aber das schon lange geschrieben gehörte. Wohl strukturiert und m.E. sehr unaufgeregt sammelt sie die verschiedenen Facetten des Heilpraktikertums ein. Ausgangspunkt war das eigene Erleben an einer Heilpraktikerschule. Beim genaueren objektiven Beschäftigen mit den Quellen der einzelnen Verfahren stieß die Autorin auf seltsam rückwärtsgewandte Pseudomedizin, die sich nicht weiterentwickelt, sondern mit abenteuerlichsten Nischentherapien stets Heilung versprechen.

Die einzelnen Verfahren werden dargestellt, ihr Ursprung, ihre „Erklärungsmodelle“. Jedes Verfahren beansprucht für sich eine rationale Ebene, damit die denkende Vernunft den Einstieg findet, um letztendlich aber stets auf einer unerklärlichen Ebene zu landen, die „geisterhaft“ oder „noch nicht erklärbar“ erscheint, seien es die Meridiane der Akupunktur oder das Wassergedächtnis der Homöopathie. Dabei findet Anousch Müller auch Gutes an Verfahren, so den Entspannungstechniken, an Massagen, an Qigong. Die Osteopathie kommt dabei im meinen Augen zu gut weg, sie wird in einem Nebensatz gestreift. Alleine der Anspruch der Heilsversprechen dieser „wohltuenden Berührungstherapie“ entlarvt die Osteopathie als Schwurbelverfahren (Punkt 8 der Checkliste der Indizien für Quacksalberei).

Wir erfahren viel über das Weltbild der Heilpraktiker, über den Ursprung des Heilpraktikergesetzes im Dritten Reich, den seltsamen Umgang mit der Wissenschaft, das Problem der confirmation bias, der Cochrane Collaboration und die üblichen Phrasen „Wer heilt, hat recht“, „die Pharmaindustrie will nur Geld machen“ oder „die Wissenschaft sperrt sich gegen alternative Medizin“. Sicher ist Frau Müller in ihrem Buch dabei nicht objektiv und unterliegt selbst dem „Bestätigungsfehler“, wie sie unumwunden zugibt, aber den Anspruch einer cochranesken Korrektheit muß sie auch gar nicht erfüllen. Wer den Titel in der Buchhandlung sieht, weiß, worauf er sich einlässt.

Auch Ärzte beschäftigen sich mit Alternativverfahren, die Zusatzweiterbildung „Naturheilverfahren“, die jeder Mediziner ablegen kann, dürfte in ihrer Schwurbelvielfalt den Heilpraktikern in nichts nachstehen: Auch hier wird neuraltherapiert, geschröpft, akupunktiert und globulisiert. Für viele Ärzte ist dies im übrigen ein gutes Zusatzeinkommen, denn Abrechnen via Gesetzlicher Krankenversicherungskarte geht nicht. Hier folgen viele Kollegen dem Trend: „Natürliches“ wird verlangt, da bietet man gerne Entsprechendes an. Der Patient darf aber nicht denken, dass das die Verfahren wirksamer macht, vielleicht ist der Placeboeffekt nur ein größerer, da aus ärztlicher Hand. Und wenn dann die Krankenkasse freundlicherweise die Kosten übernimmt (weil die sich auf dem Markt behaupten muß), wird das Verfahren zudem geadelt.

Dieser Aspekt kam mir etwas zu kurz: Das Wirtschaftsunternehmen „Heilversprechungspraktik“. Die Stundenlöhne, die der Heilpraktiker kassiert (ohne Personal, ohne großartigen Verschleiss von Verbrauchsmaterialien), die Kostenübernahme durch viele viele Gesetzliche Krankenkassen. Wer unwissenschaftlichen Methoden folgen möchte, darf diese gerne selbst bezahlen.

Bleibt die Frage, warum Heilpraktikanten einen solchen Zulauf haben? Wir vermuten die üblichen Verdächtigen: Die böse Schulmedizin, die nur schaden will, ganz wie zu Hahnemanns Zeiten, dagegen die Gesprächs- und Berührungsbereitschaft der Heilpraktiker. Aber vielleicht ist ein Grund der Luxus unserer modernen Medizin, der sichere Schoß, in dem wir uns eingenistet haben, die dank der vielfältigen Informationsquellen so erklärlich geworden ist, dass ihr ein wenig der Zauber fehlt. Viele Menschen wollen irrational behandelt werden, sie pfeifen auf wissenschaftliche Erklärungen, sie wollen Mystik atmen und Alternatives, sie wollen „anders“ behandelt werden, weil alles schon zu etabliert ist. Leider wird diesem „Anders“-Wunsch alles subsummiert: Also wird sich auch noch anders ernährt und gegen Impfungen gewettert. Ihnen ist vielleicht auch nicht zu helfen. Schade nur um die Hoffnungsvollen mit chronischen Krankheiten, die auf die Versprechen der Heilpraktiker mit ihren (un)durchsichtigen Therapien hereinfallen. Vielleicht kann hier das vorliegende Buch neue kritische Denkansätze bieten, die nicht sofort in Glaubensdiskussionen untergehen.

Anousch Müller: „Unheilpraktiker“, Wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielen, Riemann Verlag.


[Dieser Text enthält so genannte Affiliate Links – siehe Impressum. Das Buch wurde uns als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Vielen Dank.]

Multitasking

Doch, ich kann es schon verstehen, dass man zwei Kinder hat. Also, dass man das erste Kind mitbringt in die Kinderarztpraxis, wenn das zweite seine Vorsorgeuntersuchung hat,  vor allem, wenn das erste Kind noch kein Kindergartenkind ist oder so alt, dass es bei der Omma bleiben kann für zwei Stunden. Das verstehe ich sehr gut. Wie soll man´s dann auch anders machen?

Was ich aber nicht verstehe, ist, dass das erste Kind, während ich das zweite Kind untersuche, die ganze Zeit unbeachtet durch die Mutter (aber sehr wohl registriert durch mich), sämtliche zur Verfügung stehende Schranktüren im Behandlungsraum (als da wären … Moment … sechs) und Schubladen (… äh, drei) mehrmals öffnen darf, um den dort befindlichen Inhalt genauestens zu untersuchen. Verbandsmaterial, Handtücher und Windeln sind sehr interessante Dinge während einer langweiligen Untersuchung des Geschwisterkindes. Spannend auch das Otoskop und die Ewingrassel, ganz zu schweigen von den Pflastern, Mundspateln und Ohrtrichtern – die nebenbei später eventuell bei anderen Kindern Verwendung finden sollen.

Ich verstehe, dass man in gewissen Situationen nicht multitaskingfähig ist. Und ich verstehe auch, dass Kind Nummer Eins einen gottgebenen Instinkt dafür hat, wann Mama abgelenkt ist – in diesem Fall durch die Untersuchung (durch mich) ihres Kindes Nummer Zwo.

Was ich nicht verstehe, dass ich das – im Gegensatz zur Mutter – sehr wohl wahrnehme und auch reagiere. Zunächst gegenüber Kind Nummer Eins, dann bei der dritten Bemerkung auch gegenüber der Mama. Nicht verstehen kann ich dann die rotzfreche naive Bemerkung der Mutter, sie dachte, sie sei in einer Kinderarztpraxis. Nun gut.

Meine Konzentration bei der Beurteilung von Kind Zwei ist ausreichend geschult. Sogar so sehr, dass ich (während ich Kind Zwei impfe:  Eine Hand hält den Oberschenkel, die andere impft) schnell genug bin, um die Kanüle zu ziehen, außer Reichweite von Kind Zwei zu legen, um im gleichen Moment die Hand von Kind Eins zu erwischen, die bereits neugierig auf dem Impftablett rumgrapscht. („Aber, Leon-Malte-Moritz, dass darfst Du doch nicht, da kannst Du doch Aua-Aua bekommen.“ OT Mutter.)

Ich verstehe mich schließlich sehr gut, wenn ich nach diesem Moment kurz mal austickte.

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Dies ist ein Nostalgie-Posting – veröffentlicht erstmals vor fünf Jahren – für Euch, liebe Leser, recycelt und aufpoliert. Enjoy.

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