Wer trifft die Entscheidungen?

“Darf Dich die Tante mal messen und wiegen, ja?”
“Kommst Du bitte mit ins Zimmer?”
“Möchtest Du Dich hier oben hinsetzen?”
“Jetzt kommt dann gleich der Doktor, okay?”
“So, schau, da ist er, der macht auch nichts Schlimmes, oder?”
“Machst Du bitte schön den Mund auf?”
“Lässt Du Dich jetzt mal untersuchen?”
“Schau mal, wie der Onkel, möchtest Du auch mal auf einem Bein stehen?”
“Soll die Mama mitmachen?”
“Und die Bilder da, magst Du die mal anschauen?”
“Sollen wir Dich jetzt wieder anziehen?”
“Auch die Hose und die Jacke?”
“Hast Du gehört, den Schnuller lassen wir abends mal weg, ist das okay?”
“Sagst Du dem Mann mal auf Wiedersehen?”
“Bist Du jetzt mal lieb?”

“Herr Doktor, ich weiß auch nicht, aber die Kleine macht im Moment gar nicht, was ich will.”

… ich gebe zu, ein Thema, dass mich seit der Niederlassung (also dem Bemühen um das Untersuchen von Kindern) und seit dem eigenen Vatersein (also der Erziehung der eigenen Kinder) umtreibt: Müssen Eltern ihre Kinder immer um Erlaubnis fragen? Eine Frage öffnet wenigstens zwei Möglichkeiten, und ein Kind nimmt todsicher die nicht gewünschte. Außerdem zeigen wir damit unsere eigene Unsicherheit über den Ablauf des Geschehens: Dem Kind wird die Wahl überlassen, ist aber vielleicht gar nicht in der Lage, eine Wahl zu treffen.

Oben genannten Ablauf habe ich letzte Woche bei einer U7a erlebt – zusammengekürzt auf die Aussagen der Mutter, die durch die Bank aus Fragen bestanden. Kein Wunder, dass die Dreijährige immer genau das Gegenteil von dem tat, was Mama wollte. Die Untersuchung scheiterte am Ende in einem Zornanfall des Kindes.

Blähungen und Plattfüße

– Kaiserschnittgeburt
– Saugglockengeburt
– Natürliche Geburt
– Tränengangsenge
– Blähungen
– Lagebedingter Plagiozephalus
– Schreikind
– Spuckkind
– Zahnungsbeschwerden
– Schiefes Kind
– “Saugverwirrung”
– Nächtliche Schreiphasen
– Zu schnelle motorische Entwicklung
– Verzögerte motorische Entwicklung
– Schnullerbiss
– Dauerschnupfen
– Häufige Infekte
– Allergie
– Sprachentwicklungsstörung
– Unklare Bauchweh
– Senk/Plattfüße
– Enuresis
– ADHS
– Wachstumsschmerzen
– Kopfschmerzen
– Allgemeine Konzentrationsschwäche
– Schulstress

Eine nicht abschließende Aufzählung von Diagnosen, warum Kinder angeblich eine osteopathische Behandlung benötigen, nicht wahllos, sondern aus meiner Praxis, gesammelt im letzten halben Jahr! “Indiziert” wurde die Therapie jeweils von den Hebammen, den Erzieherinnen im Kindergarten oder den Osteopathen selbst (die tatsächlich durch die Kindergärten pilgern – Infoabend nennt sich das dann). Immer, wenn eine Therapie für alles herhalten kann, ist sie schon suspekt (Neue Indikationen schaffen ist der beste Weg zur Geldvermehrung, man kann es auch künstliche Bedürfnisweckung nennen).
Wer würde sein Kind nicht in dieser Liste wiederfinden?
Und natürlich haben viele den Zeitlauf erkannt, eine osteopathische Praxis nach der anderen eröffnet. Mystische Therapien, die schön sanft ablaufen und anekdotische Erfolge erzielen, sind stets beliebt. Und wer würde sich nicht weiterbilden, um den Wettbewerbsvorteil zu nutzen. Jedem sein Stück vom Alternativmedizinkuchen.

Ich weise die Therapie nicht völlig von mir, manch ein unruhiges Kind, manch ein “asymmetrischer” Säugling kann vielleicht von einer manuellen Therapie eines gut ausgebildeten Kinderarztes (auch die gibt es) profitieren. Aber ehrlich: Das kommt vielleicht viermal im Jahr vor. Mit einer erfahrenen Physiotherapeutin, die mit Kindern “turnen” kann, lassen sich aber auch diese Kinder heilen.

Aber sind wir beruhigt: Die Osteopathie ist ja schon längst nicht mehr Therapie en vogue.

Artikel zu dem Thema:
Kurzer Aufreger
Ich klage an.
Edzard Ernst: Osteopathy is based on excellent evidence. (Not…)
Osteopathie bei Psiram

Einsicht

Vater: “Die hustet schon seit Wooochen, wie ein Raucherhusten.”
Ich: “Vielleicht ist es einer? Wer raucht denn zuhause?”
Vater: “Na, meine Frau und ich.”
Ich: “Passiv rauchende Kinder haben oft viel länger Husten als andere.”
Vater: “Echt? Sie meinen, dann sollten wir doch häufiger auf dem Balkon rauchen?”

Doping

Erzählt mir doch letztens eine Mutter, eine Mitmutter aus dem Kindergarten habe ihr letztens unter vorgehaltener Hand gestanden, sie gebe ab und zu ihren Kindern einen Schluck Paracetamol vor dem Kindergarten, wenn diese zu, was war das Wort?, “anhänglich” seien.

WTF? Ähnliches hat mir vor Jahren ein Oberarzt gestanden: Bei Überseeflügen bekamen seine (damals) Vorschulkinder eine Dosis Fen.is.til, bekanntermassen mit der dabei gewünschten Nebenwirkung der Müdigkeit. Das mag bei Juckreiz am Abend bei Neurodermitis oder einer allergischen Reaktion ja noch angehen, damit das Kind schlafen kann… aber als Beruhigungsmittel auf dem Flug?

Gerne gibt man fiebernden Kinder ein wenig Ibu, damit die Erzieherin oder der Grundschullehrer nichts von der Krankheit mitbekommt. Geht auch gut mit Hustenstillern bei Dauergehuste. Lästig, so was.

Bequemlichkeit steckt dahinter. Bequemlichkeit, nicht einen anderen Urlaub zu buchen, sondern den, den die Eltern sich wünschen. Und Bequemlichkeit, sich am morgen den “Anhänglichkeiten” des Kindes zu stellen, also seinen Verlustängsten, seinem kindlichen Bauchgefühl, dass es alleine ohne Mama in den Kindergarten abgeschoben wird. Da müßte man sich ja ausgiebigst mit dem Kinde auseinandersetzen.

“Ich pumpe mein Kind nicht mit allem voll…”, ein klassischer Spruch aus der Formelsammlung der Akademiker-Eltern, so ähnlich wie “Ich geh ja nicht mit allem zum Arzt”. Und trotzdem habe ich gerade ein paar anekdotische Mütter- und Vätergesichter vor Augen, die sich im zweiten, dritten oder vieren Einsatz genau so verhalten: Häufiger zum Arzt zu gehen als nötig und lieber einmal häufiger ein Antibiotikum einzufordern. Die Zeiten, in denen wir Kinderärzte diskutieren mussten, indizierte Medikamente doch bitt’schön zu geben, sind vorbei, das hatte ich früher schon mal geschrieben. Heute musst Du eher aufs Zuwarten drängen.

Oder Eltern, wie denen weiter oben, etwas erzählen von früher Medikamentenabhängigkeit und geprimten Suchtverhalten (siehe übrigens auch “Globuli, die”, für alles und immer einzunehmen). Schon mal selbst davon mitbekommen, wie die im Anfang benannte Mutter? Ansprechen, Kritisieren, die soziale Ächtung reflektieren! Irritierte Gesichter allenthalben.

osteopathologisch

“Herr Doktor, wir würden gerne mal zum Osteopathen, weil, die Maya kam ja mit die Saugglocke, und da hat mein Kieferorthopäde gesagt, da kann man mal zum Osteopathen gehen. Die Krankenkasse zahlt das auch, wenn Sie es verordnen.”
“Aber Ihre Tochter ist doch kerngesund?”
“Nur zur Vorsicht.”
“Vor was?”
“Dass sie sich normal entwickelt.”
“Tut sie ja, das haben wir bei der U3 und U4 schon prima gesehen. Mehr muss sie gar nicht können, als sie jetzt kann.”
“… und die anderen machen es ja auch.”

Jimmy Kimmel und Oliver Welke und die Impfungen

Diese Videos sind schon viral unterwegs, erlaubt mir, sie trotzdem hier zu wiederholen. Sie sind zu gut… (am besten die Kollegenstatements (ab 2:55).

Oliver Welke versucht es auch, na immerhin:

Man kann´s ja mal versuchen

Ich: “Tut mir leid, ich kann Ihnen keine Arbeitgeberbescheinigung schreiben. Sie haben leider keine Versichertenkarte dabei. Auch das Rezept gibt es erstmal nur privat.”
Mutter: “Ausnahme mal?”
Ich: “Nee, geht wirklich nicht. Auch letztes Mal schon nicht, Sie erinnern sich? Ich kann Ihnen das ohne Karte nicht rausschreiben.”
Mutter: “Ok…”

Sekunden später an der Anmeldung:
Mutter zur fMFA: “Ich brauch´ dann noch eine Krankmeldung für die Arbeit.”
Ich beim Vorbeigehen: “Äh, hallo? So geht es leider nicht. Ich hatte Ihnen doch grad gesagt, ich kann Ihnen das nicht rausschreiben.”
Mutter: “Achso? Aber ich dachte, die Arzthelferin kann das…”

Noch ´ne Petition

Ist ja grade “in”, Petitionen in den Bundestag einzubringen, dafür, dagegen, gemeinsam, alleine und so weiter.

Da wimmeln sich aktuell so befremdliche Dinge wie “Anerkennung des Osteopathen als eigenständigen Beruf” (aha…, nebenbei mit der schönen Begründung “weiter kann der staatlich anerkannte Osteopath mit der Berechtigung zum Primärkontakt zukünftig helfen, die flächendeckende medizinische Patientenversorgung zu gewährleisten und die vorhandenen Engpässe und die Wartezeitproblematik in Arztpraxen zu reduzieren” WTF?), aber auch weniger befremdlich “Einführung eines Tempolimits von 130 km/h” oder “Reduzierung des Umsatzsteuersatzes für eBooks auf 7 Prozent”.

Und demnächst (nämlich ab 23.2.) beginnt die Zeichnungsfrist für die Online-Petition zur Einsetzung eines Kinderbeauftragten in den Bundestag. Wer bereits jetzt mitmachen möchte: Auch in vielen Kinder- und Jugendarztpraxen liegen Unterschriftenlisten aus — noch bis Ende März.

 

Die offizielle Petitionstext der initiierenden Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (der auch unser Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte angehört):

Der Deutsche Bundestag möge beschließen, eine(n) Kinder- und Jugendbeauftragte(n) des Deutschen Bundestages einzusetzen.

Sie/Er soll
– unabhängig und nicht weisungsgebunden sein
– Gesetze und Entscheidungen der Exekutive daraufhin überprüfen, ob sie den Rechten unserer Kinder und Jugendlichen entsprechen
– Ansprechpartner für die Kinder und Jugendlichen, deren Eltern und für KinderrechtsvertreterInnen sein
– auf eigene Initiative hin tätig werden, wenn Kinderrechte verletzt sein könnten

Ausführliche Pressemitteilung

Was denkt die werte Leserschaft? Sinnvoll? Nützlich? Überholt? Immerhin konnte sich bisher auch nicht der Ruf nach Kinderrechten im Grundgesetz durchsetzen.
IMHO ist eine jegliche Aufwertung der Rechte Kinder, sei es durch eine Grundgesetzänderung oder zumindest einen Kinderbeauftragten ein wichtiger Schritt. Es geht ja nicht um die Entmündigung der Eltern oder die Übernahme der Obhutspflicht durch den Staat (wie das gerne bei früher Kitaisierung … schlimmes Wort … unterstellt wird), sondern um eine/n direkte/n Ansprechpartner/in für die Belange der Kinder – an die/den sich die Kinder selbst wenden können. Oder ist das wieder das überstrapazierte “Feigenblatt”, der “Papiertiger”, ohne Einfluß oder Entscheidungs-, gar Vetogewalt?

Externe Diagnose

Mutter: “Ich möchte gerne meine Tochter auf Winkelfehlsichtigkeit untersuchen lassen.”
Ich: “Aha. Wieso, wie kommen Sie darauf?”
Mutter: “Hat die Bezugserzieherin gesagt im Elterngespräch. Die Diagnose sei eindeutig.”
Ich: “Und welches Problem hat Ihre Tochter mit fünf Jahren genau, dass die Erzieherin sich so sicher ist… mit dieser höchst umstrittenen Diagnose?”
Mutter: “Sie kann noch nicht das Größer-Kleiner-Zeichen richtig. Verwechselt sie ständig.”

??

Mutterkuchenzucker

Ich kann nicht viel erkennen an der Haut des Säuglings, aber die Mami sieht etwas.
Mutter: “Diese Pickel waren gestern noch viel schlimmer. Ist das denn normal?
Ich: “So was sieht man manchmal bei Säuglingen…”
Mutter: “Ich dachte schon, die Muttermilch?”
Ich: “Eher das kalte Wetter.”
Mutter: “Er schläft auch so unruhig. Juckt bestimmt.”
Ich – finde immer noch nichts, auch wenn ich inzwischen jeden Millimeter von Marvyns Haut abgesucht habe – : “Vielleicht einfach mal ein bisschen Babyöl nach dem Baden?” Hilft immer.
Mutter: “Ich glaub´ , ich gebe jetzt mal häufiger die Plazentakügelchen…”
Ich: “Die was?”
Mutter: “Ja, haben wir machen lassen. Hilft wirklich gut.” Sie nickt eifrig. “Bei Milchstau, bei Entzündungen, Blähungen, Juckreiz.”
Ich: “Bei Ihnen jetzt?”
Mutter: “Jaja, bei mir sowieso, aber vor allem auch beim Marvyn. Tolle Sache.”
Ich: “Kostenpunkt?”
Mutter: “Nicht teuer, aber sehr wertvoll. Hält ewig. Und wenn´s alle ist, kann man nachbestellen.”

Super Geschäftsmodell: Dankbare Zielgruppe, Entscheidungsfindung unter Druck und hormonell gesteuert. Wenig Urmaterial, damit geringe Lagerungskosten, Herstellungsprozess dubios und zugesetzte Materialen im Centbereich, hohe Nachfrage mit sicherem Placeboeffekt. Abonnentensystem dank Einlagerung – genial.

Aber Achtung: Die Konkurrenz schläft nicht und hat noch bessere Ideen.

[Ich weise darauf hin, dass ich keinen Werbevertrag mit den verlinkten Firmen unterhalte. Die Links dienen lediglich der Entrüstung über soviel Chuzpe.]

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1. Platz in Kategorie Baby und Kinder bei den Hitmeister Superblogs 2012
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