Gelesen im Juli

Wie auch im Juni – der Owen Meany. Da im englischen Original, hat es etwas länger gedauert, ihn zu lesen, dennoch war es, als lese ich den Roman ganz neu, das erste Mal.

A Prayer for Owen Meany von John Irving
Was kann ich noch über das Buch sagen, nachdem ich es nun zum zigsten Mal (aber erstmals im Original) gelesen habe? Vielleicht habe ich es tatsächlich neu entdeckt. Die Religiösität, die dem Buch entspringt, war mir nie so bewußt, obwohl man es in jeder Seite um die Ohren gehauen bekommt. Zu stark empfand ich immer den Charakter von Owen Meany selbst. Noch mehr verstand ich diesmal die vielen Metaphern und Symbole, und auch die Bezüge zur Gegenwart (1987, als das Buch erschien) verstehe ich jetzt besser als früher. Absolut bewundernswert: Irvings Komposition des Romans, seine Rück-, Vor- und Einblendungen, ohne je die Twists des Romanes vorher zu verraten.

In der englischen Kindle-Ausgabe gibt es noch ein schönes Interview mit John Irving, für Fans natürlich lesenswert. Amazon bietet zudem noch einen Guide für Lehrer an. Owen Meany ist in den USA inzwischen Schullektüre, die Aufgaben im A Teacher’s Guide sind sehr interessant, manche Fragen beleuchten Figuren und Ideen, über die ich mir (bisher) keine Gedanken gemacht habe. Wen es interessiert, also die verkappten Englischlehrer unter uns – angucken. Übrigens kostenlos. (5/5)

Die letzte Drachentöterin von Jasper Fforde
(übersetzt von Isabel Bogdan)
Hinein ins Vergnügen. So ab und zu lese ich gerne mal so genannte Jugendbücher, meist heute als “no-ager” oder “crossover” bezeichnet, also geschrieben für ein junges Publikum, aber eigentlich auch für uns Große hübsch lesbar, siehe Harry Potter oder John Green. Im “Drachentöterin” gehts um Jennifer Strange, mal wieder um Magie im Alltag, einer seltsamen Welt zwischen dem heutigen Großbritannien und einer Fabelvision davon, dem letzten Drachen in derselben und wer ihn töten soll. Herrlich lustige Verwicklungen, schnelle Handlungswechsel und ein Schluß, der Lust macht auf mehr (ist nur der Einstieg in eine Reihe von Büchern rund um Jennifer Strange). Fforde schreibt gerne Fortsetzungsbücher, mit Thursday Next bin ich nicht so warm geworden, die Reihe “Grau” hingegen scheint er leider nicht fortzusetzen, deren Debütroman fand ich wirklich gut. “Drachentöterin” jedenfalls — das kann noch sehr lustig werden.
Respekt vor Isabel Bogdan für die Übersetzung – was ist schwerer, als den englischen Humor ins Deutsche zu verpflanzen? So gut! (5/5)

Um Leben und Tod von Henry Marsh
(übersetzt von Katrin Behringer)
Der Kollege Neurochirurg schreibt ein Buch. Das hat mich interessiert und das habe ich auch bekommen: Kapitel für Kapitel ein Bericht aus dem OP-Saal, jeweils betitelt mit Erkrankungen (meist Tumoren) des Gehirns, Innenansichten des bekanntesten Neurochirurgen Englands, inzwischen im Ruhestand. Bei vielen Geschichten musste ich schlucken, verstand die Sicht des Arztes, aber bei keiner so sehr, als Marsh selbst zum Patienten wird.
Dennoch: Das Buch wirkt ein wenig zusammengestückelt, als habe ein Lektor (oder Verleger) ihn aufgefordert, “Mr Marsh, schreibens´e doch mal ein Buch. Tolle Idee: Sie nehmen sich immer einen Patienten und seinen speziellen Tumor und erzählen ein bisschen aus ihrem Leben, na, wäre das was?” Das Buch wird gelobt für die Eigenkritik des Arztes, für die Eingeständnisse der Fehler, die er in seiner Karriere begangen hat, und die jeden Mediziner verfolgen. Diese Passagen sind wichtig und schenken paradoxerweise noch mehr Vertrauen in einen solch erfahrenen Chirurgen. Der Rest sind Geschichten. Mehr nicht. Aber sicher bin ich auch die falsche Zielgruppe. (3/5)

Die Schneekönigin von Michael Cunningham
(übersetzt von Eva Bonné)
Naja. Na gut. Nicht mein Buch. Nicht mein Stil. Die Bilder und Gedanken zu verschwurbelt, die Charaktere für mich zumindest zu wenig identifizabel (urgs…). Irgendwie geht´s um zwei Brüder, die Freundin des einen ist an Krebs erkrankt, spielt in New York, prima. Der eine ist schwul, der andere ein verkappter Rockmusiker. Soviel zum Klischee der New Yorker. Ich bin einfach nicht reingekommen. Da “nur” ausgeliehen hier per Onleihe, zum Glück in der Anschaffung verzeihbar. Lektüre abgebrochen. (1/5)

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Herr Doktor, ´s Bobele hat so´n Pickele – Blogrecycling

Dermatitis solaris (Synonyma Dermatitis caloris, Hitzepickel, Hitzefriesel, Schwitzbläschen, Sudamina, Hidroa, Hippelchen, Schweisspusteln, Juckbläschen, Miliaria), in der Regel Hitzepickel genannter Ausschlag, der meist nach übermässiger Wärmezufuhr, z.b. während Hitzewellen, aber auch in der Sauna oder einer Säuglingswindel entstehen kann.
Feinfleckiger bis konfluierender Ausschlag im bereich der ekkrinen Schweißdrüsen, also Achseln, Dekolleté, Rücken, Genitalbereich, aber auch ubiquitär vorkommend, meist mit mildem bis starkem Juckreiz einhergehend, verstärkt durch Cremes, Salben, auch Sonnenschutzmitteln, oder wenig Wasserkontakt (siehe Badewannenallergie).

Häufiger Vorstellungsgrund kleiner Kinder im Sommer in der betreuenden Kinderarztpraxis, dann mit weitläufigen Diagnoseverdachtsmomenten wie Pocken, Windpocken, Sonnenallergie (was´n das?), Neurodermitis, Röteln, Ringelröteln, Zecken (!), Nahrungsmittelallergien. Meist harmloser Befund mit massivem Verdacht auf gesundem Kind, regelmäßig durch gutes Zureden, klarem Wasser und kühlem Kopf behandelbar. Kein Grund für Kindergarten- oder Schulkarenz, geschweige denn “Bezug von Krankengeld bei Erkrankung des Kindes” (siehe Formblatt Muster 21 – 10.2014).

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… das mußte aus aktuellem Anlass sein. Ich Schelm, jetzt recycle ich schon meine eigenen Artikel. Mir fällt eben nichts mehr ein. ;-P

Tipps für eine heiße Praxis – für Ärzte

– Rechnen Sie damit, dass (vor allem die kleinen) Patienten lieber ins Freibad gehen, als bei Ihnen eine Vorsorgeuntersuchung oder eine Impfung durchführen zu lassen.
– Kalkulieren Sie dabei ein, dass Telefone bei über 35 Grad im Schatten nicht mehr funktionieren (um evtl. obige Termine abzusagen).
– Nehmen Sie in Ihre Impfaufklärung den Hinweis “Hitze macht bei der Impfung kein erhöhtes Nebenwirkungsrisiko” ebenso auf, wie den Hinweis, dass “die Impfung auch bei hohen Außentemperaturen im Körper nicht denaturiert”.
– Verzichten Sie auf das Händeschütteln. Das war schon immer unhygienisch. Jetzt klebt es auch noch.
– Motivieren Sie Ihre Mitarbeiter zum Trinken (ein kostenloser Wasserkasten alle zwei Stunden erhöht die Arbeitsmoral ungemein) und sind Sie mal großzügig, wenn auch die Patienten und ihre Eltern hin und wieder zur Flasche greifen.
– Fenster sind von Arbeitsbeginn bis 9 Uhr offen zu halten, außerdem von 19 Uhr bis Arbeitsschluss.
– Da Ihnen Ihr Vermieter keine Klimaanlage bei Vertragsabschluß spendiert hat, dürfen seine Enkel kostenlos behandelt werden – aber nur in den Sommermonaten.
– Stören Sie sich nicht an Bienen, Fliegen, Wespen oder Stechmücken – diese erkunden nur das Terrain und verlassen in aller Regel die Räume wieder ohne Einwirken auf das Geschehen. Bei anstehenden Blutabnahmen ist ein Moskitonetz vorzuhalten.
– Lassen Sie ausnahmsweise die Zimmertüren offen, das schafft Vertrauen für den nächsten Impfling und kühlt die Gemüter. Weinende Kinder hinter verschlossenen Türen sind sowieso suspekt für die Wartenden.
– Ein Wasserspender wird zwar in diesen Tagen gerne gefordert, rentiert sich aber wegen der Sturzgefahr durch Wasserflecken nicht.
– Scherzen Sie am meisten mit den Kindern namens Annelie, Clara und Bigi. Die mit den seltsamen Namen stapeln tiefer.
– Begrüßen Sie die gutgemeinten Mitbringsel der Eltern (Eis, Eis am Stiel, Eis in der Waffel, Eiskonfekt, Becher Eis…) und ärgern Sie sich nicht, auf das Gefrierfach im Kühlschrank verzichtet zu haben.
– Danken Sie dem Weitblick Ihres Praxisausstatters, den Impfstoffkühlschrank im Server-Raum platziert zu haben, das Mehr an Energieverbrauch wird durch das Ausbleiben eines akuten Shutdowns der Computeranlage wettgemacht.
– Vergessen Sie die Pflaster. Platzwunden lassen sich eh besser tackern.
– Tragen Sie kurze Hosen. Ihre Seriösität wird darunter nicht leiden.
– Freuen Sie sich über ruhigen Arbeitstage – der nächste Coxsackie-Virus kommt bestimmt.

Gelesen im Juni

Schwierig, schwierig, dieser Monat. Ich kam ja aus dem Urlaub und wenn man so entspannt ist, reifen seltsame Ideen. Ich hatte bereits früher John Irving auf englisch gelesen, aber jetzt wollte ich mich an meinen absoluten Irving-favourite machen (eigentlich eines meiner Lieblingsbücher überhaupt):

A Prayer for Owen Meany von John Irving
Der lässt mich gerade nicht los. Ich lese zwar auf dem Kindle, dann ist der Wälzer gewichtsneutral, aber dennoch habe ich erst 49% Lesefortschritt im ganzen Juni geschafft. Es sind die alltäglichen Begleitumstände, die mich vom Lesen abhalten.
“Owen Meany” ist John Irvings Meisterwerk: Seine Abrechnung mit den Religionen dieser Welt (oder zumindest dem Religionswahn in den Staaten), gespiegelt durch die Parabel eines “auserwählten” Jungen, sehr speziell in seinem Körperbau, seiner Sprechweise und seinen Ideen, ist Owen Meany der beste Freunde des Protagonisten, dessen eigene Geschichte seltsam in den Hintergrund gedrängt wird und dennoch alles bestimmt. Irving durchsetzt die Jugendgeschichte der beiden Freunde mit Einsichten in die Amerikanische Politik der ausgehenden Achtziger Jahre, Ronald Reagan, die Contra-Affäre. Der Roman ist unglaublich gut geplottet, auch wenn John Irving gerne behauptet, er schreibe (bis auf seine berühmten letzten Sätze) “von vorne”. Ich kenne ja schon das Ende, und bin jedesmal entzückt, wie John Irving die Story-Fäden zusammenführt bis zum Gipfel auf den letzten Seiten. Davor: Zeitsprünge, Parallelgeschichten, liebenswerte schrullige Charaktere, die von John Irving bekannte seltsame Auseinandersetzung mit der Sexualität und die Rollenspiele von Mann und Frau – ein typischer Irving eben.
Ich habe ihn schon ein paar mal gelesen, er ist “mein Roman” meines Studiums, bisher aber immer nur auf deutsch, jetzt lese ich das Original – dank WordWise auf dem Kindle auch mit nicht zu großen Vokabellücken.
Es gibt keine Bewertung, da dieses Buch alle Bewertungen sprengt.

Doppler von Erlend Loe
(Übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, Gelesen von Andrea Fröhlich)
Naja. War eine Empfehlung aus dem Twitter/Facebook-Kosmos, ich habe das Hörbuch beim Autofahren gehört, und … naja. Ganz ok. Ganz nett, ganz lustig. Der Typ, der “aussteigt”, um mit einem Elch im Wald zu leben. Ja. Passt. Das Problem ist: Ich wurde mit Doppler, dem Ich-Erzähler, nie so ganz warm. Zu wirr seine Ideen, zu misanthropisch, zu genervt, zu pessimistisch. Ich habe die ganze Zeit auf den Twist gewartet, auf den geistigen Fortschritt dieses verbohrten Typen, aber weder der depressive Nachbar, sein eigener kleiner Sohn, schon gar nicht die Niederkunft seiner Frau haben irgendetwas geändert. Völlig daneben. (1/5)

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Die Vorsorgeuntersuchungen – U6

Hurra, das Bobele ist ein Jahr alt! Einer der wichtigsten Geburtstage für die Eltern, dem Kinde ist es völlig egal – außer, es gibt genug Geschenkpapier, mit dem es spielen kann. Die Verwandtschaft versammelt sich, alle singen, das Kind ist verblüfft über so viel Aufmerksamkeit und gibt sich ganz dem Fremdeln hin – und dem Trotzen, weil der normale Tagesrhythmus flöten geht.

Beim Kinderarzt beginnen mit der U6 die fremdkritischen Vorsorgeuntersuchungen: Wer das Fremdeln bei der U5 noch nicht kannte, jetzt gehts ab. Was ist denn das für ein Typ, der mit meinen Eltern redet, was macht denn die Frau da, die wird mich doch wohl nicht messen…. Wäääh! …. wiegen …. Wääääh!, Mama, rette mich. Was denn, was denn, nackt muß ich auch noch sein, ich kenne die doch alle gar nicht… Ja, eine Untersuchung in fremder Umgebung mit fremden Menschen in fremden Licht kann das Bobele ganz schön aus dem Takt bringen.

Aber mißverstehen wir bitte diese Emotion nicht: Die Kinder haben keine Angst, warum auch? Woher sollen sie Angst kennen? Das Weinen ist eher ein Ausdruck der Unzufriedenheit, des Frustes. “Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden”, möchte der Patient sagen. Denn dieses Alter ist der Übergang aus dem Fremdeln zum Trotzen, und letzteres (bescheuertes deutsches Wort) bedeutet die Unleidigkeit darüber, dass nicht mehr alles so geht, wie sich der kleine Mensch das so vorstellt. Und was nun anderes tun als Weinen, denn darauf haben Mama und Papa doch bisher immer so gut reagiert? Dazu kommt das Nahetreten in den Intimbereich des Kindes: Viele akzeptieren es, wenn Herr oder Frau Doktor mit den Eltern auf Abstand spricht, sogar, wenn wir auf gewisse Entfernung Augen- oder Ohrenuntersuchungen machen. Aber entsteht Kontakt durch die Hände, das Stethoskop oder vielleicht auch nur ein Blickkontakt, ist das ein Eindringen in den Nahbereich, das ist unangenehm, es wird gemotzt. Uns Kinderärzte stört das nicht, also bleibt entspannt, liebe Eltern, die meisten Kinder reagieren so.

Die Untersuchung passt sich dieser Abwehrhaltung an: Viel kann man nicht untersuchen. Hörcheck, Sehcheck, Brücknertest, Abhören, Genitale, zügig und schnell, ehe Madame oder Monsieur der Situation gewahr werden und protestieren. Gut funktioniert die U6 immer auf dem Schoß der Mutter oder des Vaters. Alleine mit dem Doc am Wickeltisch? Vergiß es.

Das Kind bewegt sich jetzt frei fort – wie es das will, robbend, krabbelnd, am Tisch entlang oder bereits laufend. Aber merke: Freies Laufen beginnt erst jetzt und darf mit achtzehn Monaten erreicht sein. Also nicht zu ehrgeizig sein. ´s Bobele greift gezielt mit der Hand, aus dem Zangengriff wird jetzt ein Pinzettengriff, es spricht deutliche Worte wie Mama Papa Gaga da da du du Gigi BoBo Ubu und versteht so einige kleinere Aufforderungen wie “kuck einmal“ oder “wo ist die Omma” und kann so nette Spielchen wie “Ich versteck mich und du findest mich”. Idealerweise ißt Schatzi jetzt komplett am Tisch mit und nuckelt nicht mehr an der Flasche. Klappt natürlich nicht immer. Aber vor allem zeigt der liebe Säugling, dass er jetzt ganz schön groß ist – und die Familie gut im Griff hat. Stimmt’s?

Achja: Mit einem Jahr wird weiter geimpft, es folgen die Lebendimpfungen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken, außerdem die Meningokokken C Impfungen und danach die erste Wiederholungsimpfung der Säuglingsimpfungen. Ausnahmen sind die kleinen Helden, die bereits mit 12 Monaten in einer Tageseinrichtung oder bei der Tagesmutter sind, sie sollten bereits vorher, z.B. mit 10 Monaten ihre Masernimpfung erhalten. Wenn’s ansonsten gut läuft und nicht die ersten Erkältungen alles verschieben, ist das Kind mit 15 Monaten komplett geimpft. Ist doch gut, oder?

Und dann ist Pause beim Kinderarzt: Mit zwei Jahren geht es erst weiter, mit der U7.

Aus dieser Reihe:
Die Vorsorgeuntersuchungen – U1
Die Vorsorgeuntersuchungen – U2
Die Vorsorgeuntersuchungen – U3
Die Vorsorgeuntersuchungen – U4
Die Vorsorgeuntersuchungen – U5

Doping

Erzählt mir doch letztens eine Mutter, eine Mitmutter aus dem Kindergarten habe ihr letztens unter vorgehaltener Hand gestanden, sie gebe ab und zu ihren Kindern einen Schluck Paracetamol vor dem Kindergarten, wenn diese zu, was war das Wort?, “anhänglich” seien.

WTF? Ähnliches hat mir vor Jahren ein Oberarzt gestanden: Bei Überseeflügen bekamen seine (damals) Vorschulkinder eine Dosis Fen.is.til, bekanntermassen mit der dabei gewünschten Nebenwirkung der Müdigkeit. Das mag bei Juckreiz am Abend bei Neurodermitis oder einer allergischen Reaktion ja noch angehen, damit das Kind schlafen kann… aber als Beruhigungsmittel auf dem Flug?

Gerne gibt man fiebernden Kinder ein wenig Ibu, damit die Erzieherin oder der Grundschullehrer nichts von der Krankheit mitbekommt. Geht auch gut mit Hustenstillern bei Dauergehuste. Lästig, so was.

Bequemlichkeit steckt dahinter. Bequemlichkeit, nicht einen anderen Urlaub zu buchen, sondern den, den die Eltern sich wünschen. Und Bequemlichkeit, sich am morgen den “Anhänglichkeiten” des Kindes zu stellen, also seinen Verlustängsten, seinem kindlichen Bauchgefühl, dass es alleine ohne Mama in den Kindergarten abgeschoben wird. Da müßte man sich ja ausgiebigst mit dem Kinde auseinandersetzen.

“Ich pumpe mein Kind nicht mit allem voll…”, ein klassischer Spruch aus der Formelsammlung der Akademiker-Eltern, so ähnlich wie “Ich geh ja nicht mit allem zum Arzt”. Und trotzdem habe ich gerade ein paar anekdotische Mütter- und Vätergesichter vor Augen, die sich im zweiten, dritten oder vieren Einsatz genau so verhalten: Häufiger zum Arzt zu gehen als nötig und lieber einmal häufiger ein Antibiotikum einzufordern. Die Zeiten, in denen wir Kinderärzte diskutieren mussten, indizierte Medikamente doch bitt’schön zu geben, sind vorbei, das hatte ich früher schon mal geschrieben. Heute musst Du eher aufs Zuwarten drängen.

Oder Eltern, wie denen weiter oben, etwas erzählen von früher Medikamentenabhängigkeit und geprimten Suchtverhalten (siehe übrigens auch “Globuli, die”, für alles und immer einzunehmen). Schon mal selbst davon mitbekommen, wie die im Anfang benannte Mutter? Ansprechen, Kritisieren, die soziale Ächtung reflektieren! Irritierte Gesichter allenthalben.

Gelesen (und Gesehen und Gehört) im Mai

Der Marsianer von Andy Weir (übersetzt von Jürgen Langowski)
Hat ein bisschen was von “Apollo 13″, versetzt ins nächste Jahrtausend, in dem der Marsastronaut bei einer missglückten Mission auf der Oberfläche des Planeten zurückgelassen wird. Seine eigenen McGyver-Anstrengungen und die Rettungsaktion der Erde stehen im Mittelpunkt des Buches. Inwiweit die ausführlichen physikalischen und chemischen Ausführungen der Wahrheit entsprechen, kann ich nicht sagen, schlüssig klang das alles schon. Am Ende wird es richtig schön actionmäßig knapp und unglaubwürdig, ein wenig mehr Verzweiflung hätte den Protagonisten zudem nachvollziehbarer gemacht. In jedem Fall *das* Buch der kommenden Raumfahrtgeneration, sehr weitsichtig. (4/5)

Der Tag, als meine Frau einen Mann fand von Sibylle Berg
Frau ist frustriert vom Zusammenleben mit ihrem Ehemann, beide um die fünfzig, da muß der neue Lover her, der am Ende aber enttäuscht, und die Frau erkennt, dass die Ehe, die sie bis dahin führte, doch das Verlässlichere im Leben ist. Sibylle Berg spart nicht mit sexuellen Ausführungen, saftigen Worten und verblüffenden Metaphern, ganz nett zu lesen, aber für mich nicht nachhaltig genug. Weil ich ein Mann bin? (3/5)

Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek von David Whitehouse
(übersetzt von Dorothee Merkel)
Sehr nette Geschichte über einen vernachlässigten Jungen, der sich in die Arme einer alleinerziehenden Mutter flüchtet und mit dieser und ihrer (autistischen, jeder braucht eine Geschichte) Tochter in einem gestohlenen Bücherbus quer durch England flüchtet. Sehr schön geschrieben, kein wirklicher Roman für alle Generationen, da teils sehr heftige Ausbrüche des Jungen. Aber insgesamt sehr spannend konstruiert mit echten Cliffhangern. Achja, ein ungerecht verfolgter Mörder und ein Schloß mit Zoo in Schottland kommt auch noch drin vor. Wem das nicht genug Abstrusitäten sind – es gibt noch ein paar. (4/5)

Alles über Sally von Arno Geiger
Frau ist frustriert vom Zusammenleben mit ihrem Ehemann, beide um die fünfzig, da muß der neue Lover her, der am Ende aber enttäuscht, und die Frau erkennt, dass die Ehe, die sie bis dahin führte, doch das Verlässlichere im Leben ist. Arno Geiger beschreibt das Ehepaar nüchterner und alltäglicher als Sibylle Berg (s.o.), keine Ahnung, warum ich gerade solche Bücher lesen muß. Jetzt habe ich genug davon. Sprache schön, Story teils zu ausufernd, Überblätterfaktor hoch (3/5).

Ein anderes Highlight dieses Monats: Game of Thrones – Staffeln 1-4 
Die Frau des Hauses meinte, es sei mal Zeit, die GoT-Staffeln an einem Stück zu sehen, also denn. Da ich die dritte und vierte noch gar nicht kannte (die Bücher sowieso nicht, die sind mir zu dick), gönnten wir uns die ca. 40 Folgen in knapp zwei Wochen, allabendlich. Da läuft man wenigstens nicht Gefahr, sinnlos im Fernsehen herumzuzappen. Bewertung ist klar, für Fans volle Punktzahl, für alle anderen kein Verlust, sie nicht zu sehen. (5/5)

Zum Hörbuchhören kam ich im Mai nicht, stattdessen habe ich dies für mich entdeckt: Sanft und Sorgfältig, eine Radiosendung und Podcast von Olli Schulz und Jan Böhmermann
Gewöhnungsbedürftig, diese Radiosendung von Schulz und Böhmermann, Kultstatus bei allen Pro7- und NeoMagazin-Sehern. Die beiden quatschen zu allem und nichts, ziehen eine Zote nach der anderen, ein loses Thema soll der einzelnen Sendung einen roten Faden geben, unterscheiden kann man die Sendungen aber dennoch kaum. Mit Gästen wie Peter Fox oder Matthias Brandt (also: maulfauler Starschauspieler trifft auf Quasselstrippen) gibts dezente Abwechslung. Ich höre die Sendung zeitversetzt als Podcast im Auto, leider ist dieser dann ohne Musikpausen, was bei den annoncierten Songs seeehr schade ist. Kultsendung bedeutet, man bekommt kaum genug davon, das war es aber auch schon. Ich bleib trotzdem dran. (4/5)

(Ich habe keine Ahnung, warum die Bücherlinks momentan nicht immer das Titelblatt des Buches zeigen, irgendein Bug der Affiliate links)

Don’t shake the baby!

“Baby niemals schütteln
Eltern sollten ihr Baby niemals schütteln. „Die Nackenmuskulatur eines Babys ist noch schwach und kann seinen großen und schweren Kopf nicht unterstützen. Wenn Eltern ihr Baby kräftig schütteln, fällt der Kopf daher hin und her. Durch die Scher- und Rotationskräfte zerreißen u.a. die Blutgefäße zwischen harter und weicher Hirnhaut, es bilden sich Blutergüsse und Schwellungen im Gehirn, die Netzhaut der Augen kann einbluten, und Nervenzellen werden geschädigt.

Auch die Wirbelsäule kann verletzt werden. Die Folge sind schwere körperliche und geistige Schäden, wie verzögerte motorische Entwicklung, Sprach- und Sprechschwierigkeiten, Sehprobleme, Blindheit, Lähmungen, Epilepsie und sogar der Tod – Experten sprechen von Shaken-Baby-Syndrom oder Schütteltrauma“, erklärt Dr. Monika Niehaus, Kinder- und Jugendärztin aus Weimar sowie Mitglied des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ).
Untersuchungen haben ergeben, dass das Risiko eines Babys, ein Schütteltrauma zu erleiden, im ersten Lebenshalbjahr besonders groß ist. Häufig sind Schreibabys betroffen. Eltern dieser Kinder setzen sich selbst meist stark unter Druck, weil es ihnen nicht gelingt, ihr Kind zu beruhigen. „In Situationen, in denen junge Eltern mit den Nerven am Ende sind, weil das Baby nicht aufhört zu schreien, sollten sie es auf dem Rücken in sein Bettchen legen und die Tür schließen, bevor sie unüberlegt handeln. Tief durchatmen oder eine vertraute Person anrufen, kann dann helfen. Wenn das Baby mehr als zwei bis drei Stunden täglich schreit, länger als üblich schreit, es einen kranken Eindruck macht oder den Eltern Angst macht, dann sollten sie den Kinder- und Jugendarzt kontaktieren“, rät Dr. Niehaus. Falls Großeltern, ein Babysitter oder andere Personen einen Säugling betreuen, sollten Eltern sie darüber informieren, wie gefährlich „Schütteln“ ist.
In Deutschland erleiden schätzungsweise 200 Babys pro Jahr ein Schütteltrauma. 30% der Kinder versterben und bis zu 70% der Überlebenden haben lebenslang unter den Folgen zu leiden.”

Quellen: Notfall + Rettungsmedizin, Pediatr Radiol, Mayo Clinic

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Dies ist eine Pressemeldung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V. 

Wer reiset, impfet.

“Vor jeder Auslandsreise sollten Eltern überprüfen, ob die mitfahrenden Kinder einen ausreichenden Standardimpfschutz gegen MMR (Masern, Mumps und Röteln), Tetanus, Diphtherie, Pertussis, Haemophilus influenzae (HiB), Hepatitis B, Poliomyelitis, Pneumokokken und Meningokokken besitzen.

„Um eventuell fehlende Immunisierungen rechtzeitig verabreichen zu können, sollten sich Eltern möglichst schon einige Wochen vor Reiseantritt von ihrem Kinder- und Jugendarzt beraten lassen. Er kann auch bei der Reiseapotheke behilflich sein“, empfiehlt Dr. Ulrich Fegeler, Kinder- und Jugendarzt sowie Bundespressesprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Insbesondere bei älteren Kindern bestehen häufig Impflücken.
Neben den Standardimpfungen können auch andere Schutzmaßnahmen ratsam sein, wie ein Influenza-Impfschutz für Reisen in Regionen der Südhalbkugel. Dort tritt Influenza (Grippe) von April bis Oktober auf und in tropischen Gebieten das ganze Jahr. Impfungen gegen FSME, Hepatitis A, Typhus sowie Impfungen gegen bestimmte Meningokokken-Serogruppen zusätzlich zur Meningokokken-C-Impfung können für manche Länder sinnvoll sein. In seltenen Fällen, wie z.B. bei Aufenthalten in ländlichen Regionen Asiens, kann eine Immunisierung gegen die Japanische Enzephalitis erforderlich sein. Gelbfieberimpfungen sind empfehlenswert für alle Länder, wo ein entsprechendes Risiko besteht. Tödliche Erkrankungen wurden zuletzt von Reisenden im Amazonasgebiet, Venezuela und Westafrika bekannt.

„Eltern sollten auch wissen, ob in dem von ihnen gewählten Urlaubsland Tollwut-Gefahr besteht. Kleine Kinder haben hier ein erhöhtes Risiko für tödliche Infektionen, da sie unüberlegt Tiere streicheln wollen und gebissen werden können. Aber auch Kratzer oder kleinere Verletzungen, oder das Ablecken einer verletzten Hautstelle durch ein infiziertes Tier können zu einer Ansteckung führen“, gibt Dr. Fegeler zu bedenken. Die häufigsten Überträger in den betroffenen Ländern sind Hunde, gefolgt von Fledermäusen, Katzen, Füchsen, Wölfen, Dachsen, Waschbären und Affen. In einigen Ländern muss ein Fledermausbiss immer als ein Tollwutfall behandelt werden, da die Tiere Tollwut übertragen können, ohne selbst Anzeichen zu zeigen. Besonders gefährdete Gebiete sind hier Afrika und Asien. In Südamerika und der Karibik gibt es noch einige Tollwut-Fälle. Laut dem WHO Rabies Bulletin Europe wurden 2014 und 2015 u.a. noch in der Türkei (168 Tiere), in der Ukraine (185 Tiere) und in Georgien (29) infizierte Tiere gemeldet. Allerdings blieben Menschen bis auf einen Fall in Georgien verschont. Weltweit verursacht Tollwut schätzungsweise 60.000 Todesfälle – etwa die Hälfte davon in Indien.”

Quellen: MMW Fortschr. Med., pädiatrie hautnah, pädiatrie & pädiologie, WHO
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Dies ist eine Pressemeldung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V.

Ich finde es stets interessant, wie blauäugig die Eltern in die exotischsten Regionen reisen, ohne sich rechtzeitig Gedanken zum Impfschutz zu machen. “Morgen fliegen wir nach Kuala Lumpur!” — schön. Dann wird es etwas knapp mit der empfohlenen Hepatitis-A-Impfung.

Viele Krankenkassen beteiligen sich inzwischen auch an den Kosten für Reiseimpfungen, die jedoch zunächst als Individuelle Gesundheitsleistung selbst zu bezahlen sind. Dieses Geld sollte es einem Wert sein. Die Kohle hat ja schließlich auch für die Weltreise gereicht.

Gelesen im April

Leider hat mich Buch No.2 sehr lange festgehalten und damit fern von anderen literarischen Genüssen, das ist im Rückblick schade, die Lesefreizeit ist zu kurz, um sich mit Büchern abzugeben, die nicht für den eigenen Geschmack gedacht sind. Ich muss das Weglegen wieder konsequenter umsetzen. Hier meine Leseabenteuer des April:

Nazis, Nadeln und Intrigen: Erinnerungen eines Skeptikers von Edzard Ernst
Darüber habe ich bereits ausführlich geschrieben, jedem Skeptiker alternativer Medizin sehr ans Herz gelegt, gibt es einen interessanten Einblick in die “Szene” und gegen welche Windmühlen gestandene Wissenschaftler kämpfen müssen. (5/5)

Das achte Leben (Für Brilka) von Nino Haratischwili
Das Buch hat mich ratlos hinterlassen. Wohl geschrieben, angenehm zu lesen, sicher lange recherchiert. Stand auf der Liste zum Buchpreis 2014. Eine Familiengeschichte in Georgien und der Sowjetunion im letzten Jahrhundert, nebenbei erfährt man viel von der russischen Geschichte (bei mir einen große Lücke).
Ein ambitioniertes Projekt von über 1200 Seiten, und genau diese Tatsache hat mich scheitern lassen. Das Buch ist imho viel zu lang. Vielleicht habe ich auch nicht genug Durchhaltevermögen. Tut mir leid. Warum dürfen literarische Werke nicht mehrteilig erscheinen? George R.R. Martin kann es doch auch. Die “Brilka” jedenfalls habe ich nicht zu Ende gelesen, schade um die Zeit. (2/5)

Deutschland verstehen: Ein Lese-, Lern- und Anschaubuch von Ralf Grauel und Jan Schwochow
Ein Sachbuch, das schon lange in meinem Schrank steht, ich stehe auf Erklärbärgrafiken. Beim Schmökern durch meinen SuB bin ich bei diesem großformatigen Buch hängen geblieben, und habe mich ein ganzes Wochenende hineinvertieft. Ob es die Vorgänge bei einer Bundestagswahl oder die beteiligten Personen bei einem Bundesligaspiel sind, alles ist wunderbar einprägsam illustriert, genauso wie die beliebtesten Vornamen (und warum) oder die Luftbrücke. Wer Deutschland verstehen will, mal auf andere Weise, dem sei dieses Buch gegönnt. (5/5)

Revival von Stephen King
(Übersetzt von Bernhard Kleinschmidt, Gelesen von David Nathan)
Stephen King schreibt ein Buch über Religiösität, über Familie, über Drogen, Rockmusik und Elektrizität. Seltsam? Ja. Der Spannungsbogen ist klassisch, die Figuren faszinierend, die Atmosphäre unvergleichlich. Stephen King kehrt zum Horror zurück und bleibt seinem Stil “das Gruselige des Alltags” treu. Wie sich das Entspannte und Familiäre über Jahre fortentwickelt zur Abrechnung mit den Dämonen der Vergangenheit, das ist genial. Gelesen von David Nathan, mehr geht nicht. (5/5)


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