Tolles Heft [Werbung, eigentlich*]

Früher hieß das „Schwungübungen“ oder „Schreib doch mal schön!“, heute sollen viele Grundschüler Ergotherapie bekommen, damit ihre Schrift hübscher wird, lesbarer, angenehmer zu Korrigieren für die armen Lehrer. Du könntest jetzt philosophieren, was da verpasst wurde oder wer da nicht genug gefördert hat, Kindergarten oder Eltern, aber meist ist es einfach so: Manche haben eine Grottenschrift.

Miriam Stiehler möchte das nicht so stehen lassen. Für sie ist ist Schrift eine Kulturtechnik, ein Ausdruck der Ästhetik. Und sie wünscht sich, eine bessere Handschrift bereits anzubahnen, als sie später zu therapieren. In ihrer eigenen Praxis und auf ihrem Blog http://www.praxis-foerderdiagnostik.de beschäftigt sie sich schon lange mit dem Thema. Und jetzt ist es da:

Ein Heft zum Üben. „Mit spitzem Stift zu schöner Schrift“

Mir gefällt es: Einer Einführung mit theoretischen Hintergrund und ein paar „handfesten“ Bildern zur optimalen Stifthaltung folgen Tipps zu Material, also den Stiften, der richtigen Körperhaltung und dem besten Schreibtisch. Wer mehr lesen will, findet noch Wort zur Lernerziehung und ein Plädoyer für die schöne Schrift. Dabei hebt Miriam nie den Zeigefinger, sondern weckt Begeisterung.

Und dann kommen die Übungen: Einfache, schwere, Bilder, Muster, Inka-Tempel, Monster, Tiere, Blumen, Zahlen, Feuerwerke und Marsmännchen. Immer mit Vorübungen, Strichelhilfe und viel Platz zum Nachmalen. Da bekommst Du Lust, selbst zu kritzeln, Pardon, zu zeichnen.

Ich bestelle sicher ein paar Exemplare für die Praxis – Eltern brauchen Hilfsmittel, mit „Machen Sie doch mal Schwungübungen mit Patrick“ oder „Kaufen Sie sich ein paar Vorschulblöcke“ ist ihnen zu wenig geholfen. Ohje, die Ergotherapeuten werden arbeitslos.

52 Seiten – 6,90€ – Jede Seite ist ihr Geld wert. Bestellen?

Weiteres:
Praxis Förderdiagnostik
Familienergo vom Kollegen Dernick
Da müssese mal zur Ergo

*[ist es eigentlich Werbung, wenn ich Dinge empfehle, die ich echt gut finde? Außer einem Rezensionsexemplar bekomme ich übrigens keine Prozente von Miriam. Also: Eigentlich Werbung, aber eigentlich eine Empfehlung]

Über das Geschichtenerzählen in (Mediziner)Blogs

Diesmal bewege ich mich weg von der eigentlichen Pädiatrie oder meinen Patienten und schreibe über das Bloggen selbst. Im Rahmen der Medmen-Veranstaltung habe ich einen Vortrag als Speaker zum Thema „Storytelling“ gehalten, wir dürfen aber auch „Geschichtenerzählen“ dazu sagen.

—–

Auf diesen Seiten gebe ich gerne Geschichten zum Besten, die mir oder anderen Kollegen in ihrem Praxisalltag so passieren. Jede/r, die/der hier mitliest, darf aber versichert sein: Diese Geschichten sind nie exakt so passiert. Sie sind verfremdet, pointiert, dramatisiert, teils zusammengesetzt aus verschiedenen Episoden, aber dennoch in ihrem eigentlichen Wahrheitsgehalt authentisch. Letzteres sei ebenfalls versichert. Trotzdem sollen die Geschichten auch Botschaften vermitteln und nicht zum reinen Vergnügen verkommen. Diesen Anspruch hat das Storytelling.

Geschichten erzählen die Menschen schon lange. Ob Märchen, Fabeln, Parabeln oder journalistische Artikel: Geschichten fesseln die Leser viel schneller ans Thema, als es das trockene Sujet kann. Schon das „Rotkäppchen“ vermittelte in einer vermeindlichen Kindergeschichte unterschwellige Botschaften (Die Symbolik des „Frauwerdens“ und die Versuchungen durch das Leben und die  Männer beschäftigte schon viele Analytiker). Eine gute Reportage in „Spiegel“ oder „Stern“ beginnt mit dem Einzelschicksal, um dann den Blick weiter zu öffnen auf das große Ganze. Das erhöht die Identifikation mit den Betroffenen, das Einfühlen des Lesers, und macht die Sache schlicht anschaulicher.
Das kannst Du beim Bloggen genauso nutzen, um eine Botschaft zu vermitteln.

Formen des Storytellings sind
– Einstiege und Aufhänger, wie oben beschrieben, Gatekeeper (z.B. Don Massimo)
– Anekdoten, die das eigentlich Thema genauer illustrieren sollen (z.B. Ich beim Zahnarzt)
– Beispiele (abschreckende, vorbildliche, diametrale), um das Thema eventuell zu diskutieren (z.B. was Eltern so Sorgen macht)

Noch was anderes: Jeder Blogger frage sich, wer die Zielgruppe ist, für die er schreibt. 

Schreibst Du nur für Dich, ist das Bloggen reiner Selbstzweck, um Deine Schreibskills zu verfeinern, oder um den Kopf zu lüften, zum Loslassen des Arbeits- und Lebensalltags? Ist das dann aber noch Storytelling?
Oder schreibst Du (als Mediziner oder andere/r Fachmann/frau) für den interessierten Laien? In meinem Fall für Eltern oder den Zufallsleser, der sich für den Beruf und die Hintergründe interessiert? Dient das Bloggen dann womöglich nur dem Voyeurismus und der Neugier?
Und schließlich könntest Du für andere Fachleute schreiben – für Ärzte, medizinische Berufe, Wissenschaftler, hier dienen die Geschichten als Illustrationen und Beispiele, viel besser, als das in einem trockenen Sachbuch möglich wäre.

Was brauchst Du für ein gutes Storytelling?
– Eine gute Geschichte, wie banal. Sie muss interessant sein, außergewöhnlich, aber vielleicht auch beispielhaft für das Thema, über das Du schreiben möchtest. Aber Du bist (als Mediziner oder sonst in Deinem Beruf) Experte und hast sicher schon Einiges erlebt.
– Sie muss also passen, sie sollte pointiert geschrieben sein, aber gleichzeitig auch verfremdet, denn Du möchtest keine Rückschlüsse der Mitwirkenden. Du hast die Verantwortung, diese zu schützen.
Lust zum Schreiben – ohne das geht es nicht. Schreiben ist zwar Arbeit, aber ohne Spaß bleibt auch Dein Ergebnis seltsam saftlos.
Talent zum Schreiben? Eigentlich nicht. Die meisten Skills bestehen doch nur zu 10% aus Talent, der Rest ist Routine, Übung, Training, wie Du es auch nennen magst.
– Ein gutes Setting, also die klassische Geschichte („Es war einmal“), eine Anekdote („Neulich habe ich was erlebt“), einen Dialog („Sagt der Vater…“), aber auch ein guter Tweet kann eine Geschichte erzählen.
– Wenn Du fertig bist mit Deiner Geschichte: Ist die Botschaft für Deine Zielgruppe angekommen? Ist das eigentliche Thema klargeworden?
– Dann lass den Blogpost liegen, lass ihn „abhängen“ und lies ihn erst in ein paar Stunden, einen Tag oder eine Woche später noch einmal.
– Editiere und streiche beherzt.
– Veröffentliche mit Mut.
– Kommentiere die Kommentare.
Dann erzählst auch Du Deine Geschichte.

Zum Schluss ein Appell – wenn Du als Mediziner bloggst:
– Das wichtigste sei die Wissensvermittlung, das Thema habe oberste Priorität
– Die Story nur der Story wegen bedient nur den Voyeurismus des Lesers
– Bleib sachlich in Deinen Themen und Deiner Wortwahl – Sensationen, Panikmache und Fakenews schreiben andere schon genug. Als Mediziner sollten wir da Contenance behalten.

—-

Mein Keynote-Vortrag:

Deine Mutter als Hebamme


Neulich bei der U2.

Ich: „haben Sie denn eine Hebamme für die Nachsorge?“
Vater: „Nöö, brauchen wir nicht. Meine Mutter ist im Haus.“
Ich: „Und die ist Hebamme?“
Vater: „Nein, aber die hatte auch drei Kinder.“
Ich: „Ok. Ich bin auch schon zehn Autos gefahren und würde trotzdem keines reparieren.“
Vater: „Ja, aber eins fahren.“
Mist, er hat die Lücken in meinem Vergleich durchschaut.
Ich: „Ich würde es Ihnen trotzdem raten, ist immerhin das erste Kind bei Ihnen.“
Mutter: „Siehst Du Schatz, habe ich doch gleich gesagt. Hebamme ist besser.“
Ich: „Das zahlt auch die Krankenkasse.“
Vater: „Wirklich? Na dann auf jeden Fall. Wenn’s nichts kostet.“
Mutter: „Und nach einem Monat dürfen wir dann mal spazieren gehen, oder?“
Ich: „Ach was. Gleich vom ersten Tag an. Immer raus an die frische Luft mit den Kleinen.“
Mutter: „Seine Mutter sagt, die ersten vierzig Tage nicht.“
Ich lächele mein bestes „Siehste“-Lächeln zum Vater und träume einen kurzen Tagtraum meines ersten Autos.

Nur nochmal zur Info: Jede Familie hat das Recht auf Nachsorge durch eine Hebamme nach der Entbindung. Kostenlos. Auch wenn es momentan überall schwieriger wird, diese Hebammen zu bekommen, leider gibt es nun einmal eine echte Hebammenknappheit, bringt das nur Vorteile: Beruhigung in den ersten Tagen, Beobachtung des Säuglings, Hilfe beim Stillen oder Füttern, der Pflege und während der Hormonkrisen. Und die Hebammen beraten zu allen wichtigen Fragen, seien sie auch sonst so klein und vermeintlich unwichtig. Frischluft zum Beispiel.

(c) Bild bei Flickr / Amarpreet Kaur (Lizenz BY NC ND 2.0)

Kurze Beruhigungen für junge Eltern

Erstlingseltern, also solche, die noch keinen Stall voll Kinder daheim haben, sorgen sich ab der ersten Minute um ihr Kind, das liegt in der Natur der Sache. Hier ein paar kurze Hinweise, was alles bei einem Frischling normal ist (aber gerne gefragt wird):

– Der Flaum auf den Schulter fällt noch aus (übrigens auch die restlichen Haare).
– Pickelchen, Rötungen und spröde Haut gehen von alleine weg.
– Neugeborene atmen sehr laut.
– Die Ohren entfalten sich noch, auch der restliche Schädel.
– Wenn ein Kind noch viel schläft: Keine Sorge, das ändert sich.
– Der Stuhlgang wird grüner, gelber, flüssiger. Er klebt dann nicht mehr so sehr. Ekelig bleibt es.
– Die Augen sind bald nicht mehr verklebt. Wasser und ein weicher Waschlappen reicht meist aus.
– Der Nabel tut nicht weh. Puder ist verboten. Desinfektion ist ok. Macht die Hebamme.
– Der Po ist oft rot. Cremen ist in Ordnung. Urin macht nichts, Stuhlgang schon.
– Das Zeug in den Falten nennt man Käseschmiere. Gut für die Haut, muß man nicht saubermachen.
– Den roten Fleck über der Nase nennt man Engelskuss, den roten Fleck im Nacken Storchenbiss.
– Lange Fingernägel sind häufig, vor allem, wenn das Kind etwas verspätet zur Welt kam. Ja, man darf sie – vorsichtig! – kürzen.
– Kleine weisse Punkte auf der Nase nennt man Milien. Sie trocknen ein.
– Milien im Mund nennt man Epstein Perlen. Auch sie trocknen ein.
– Tief schlafende Babys sind tief schlafende Babys. Ein Atemstillstand sieht anders aus. (Danke an ´ne mama)
– Pickelchen im Gesicht nennt man Babyakne,verschwindet nach einiger Zeit von ganz alleine und muss nicht behandelt werden. (Danke an @cHHrissi)
– Das rote Pulver in der Windel ist Ziegelmehl…, weil es eben so aussieht. Das ist kein Blut, sondern das sind Urinkristalle. Harmlos. (Danke an Danielle)

To be completed. Anyone? Weitere Tipps für die Neugeborenenzeit, die über das „Sichtbare“ nach Geburt hinausgehen außerdem weiter unten in den Kommentaren.

Buchtipp „Der Mensch“


Holt Euch dieses Buch, verschenkt es, liebt es, blättert es. Eigentlich konzipiert für Kinder ist das Buch „Der Mensch oder Das Wunder unseres Körpers und seiner Billionen Bewohner“ auch ein Augenschmaus für den interessierten Erwachsenen. Nebenbei wird auch noch was erklärt.

Jan Paul Schutten (Text) und Floor Rieder (Illustrationen) haben bereits ein ähnliches Buch zur Evolution vorgelegt, nun also das Buch zum Menschen (Übersetzung Verena Kiefer). Warum, warum, warum wird gefragt, und dabei bewegen wir uns durch den menschlichen Körper – die Zellen, das Gehirn, der HNO-Bereich, die Lunge, Bauch, Haut und Haar und schließlich Vermischtes in Bewegung und in Fortpflanzung. Dabei werden so spannende Fragen gestellt, warum „du dir im Staubsauger begegnest“, warum „du einfacher gestrickt bist als eine Reispflanze“ oder warum „tot sein nicht so schlimm ist“. Man sieht: Ungewöhnlich. Oder wie wäre es mit „Warum ein Hochdruckgebiet über Skandinavien einen Krieg auslösen kann“? Was das mit dem menschlichen Körper zu tun hat? Spoiler: Es geht um Hormone.

Schöne Bilder gibt es zu sehen, sympathisch einfach, dennoch eingängig und haftend. Kleine Scherze sind eingearbeitet, keine Hemmungen gibt es zu überwinden, wir lesen ein Buch aus den Niederlanden. Das alles in warmen Rot, Grün und Golden. Der Schnitt ist rot gefasst, ein edles Buch. Und wieder möchte der Leser das Buch nicht als e-book verschlissen sehen. Da kann es nicht wirken.

Jan-Paul Schutten, Floor Rieder – Der Mensch oder Das Wunder unseres Körpers und seiner Billionen Bewohner“, bei Gerstenberg, 2016, übersetzt von Verena Kiefer, fest gebunden, 160 Seiten, mit viel Liebe gemacht.

Link zu Gerstenberg

Affiliate Link zu Amazon 

.

Rote Fahnen oder: Wenn Kinderärzte sich Sorgen machen

Alle Welt spricht in der Notfallbehandlung und den Ambulanzen vom Triage-System: Also der Einschätzung, ob eine ambulante Vorstellung sehr dringend, weniger dringend oder „naja, das ist ja nicht wirklich ein Notfall“ ist. Manchmal wird es auch das „Ampel-System“ genannt, weil rote, gelbe und grüne Farben vergeben werden, um die Dringlichkeit einer Behandlung anzuzeigen. Dem verwandt sind die „Red Flags„, die sich in vielen Symptombeschreibungen finden, also Krankheitszeichen, die in der Aufmerksamkeit des Mediziners knallrote Fahnen schwenken: Achtung! Gefahr!

Ich versuche, meinen fMFA diese roten Fahnen zu vermitteln: Eltern rufen ja meist vorher an, weil sie einen Termin brauchen, und die fMFA sollte dann bereits am Telefon entscheiden, wie kurzfristig dieser vergeben werden muss (oder ob vielleicht eine Beratung am Telefon ausreicht – gibt´s ja auch). Jedes Krankheitsbild hat da so seine „specials“, aber ein paar „Nummer Eins“-Red-flags, also „Rote Flaggen mit Blink- und Blaulicht“ gibt es sicher noch obendrauf.

Hier ein paar Dinge, die auch den Kinderarzt schwitzen lassen. Wann machen wir uns wirklich Sorgen?

Kleine Säuglinge mit hohem Fieber — Wer Eltern am Telefon hat, sollte immer, immer und immer nach dem Alter des Kindes fragen. Handelt es sich um einen Säugling (also bis zum 1.Geburtstag, noch dringlicher wird es unter 6 Monaten), wird er immer schneller einbestellt, als ein größeres Kind. Nicht nur, weil meist die Eltern besorgter sind, sondern weil die klassischen Symptome bei vielen Krankheiten unklarer sind. Wenn kleine Babys Fieber haben (> 38,5 Grad rektal), ist meist was im Busch.

Sehr starke Schmerzen — völlig klar. Kinder mit Schmerzen sollten das nicht aushalten. Aber es gibt ja so gute Mittel wie Paracetamol und Ibuprofen (umso erschreckender, dass Kinder bei uns vorgestellt werden, die „schon die ganze Nacht Ohrenweh“ haben und immer noch nichts bekamen).
In diesem Post geht es aber um Schmerzen, die die Kinder völlig einnehmen, dass auch Analgetika nichts mehr ausrichten können. Schmerzen an Kopf, Bauch, Rücken, nach Stürzen. Kinder, die sich nicht mehr beruhigen, Säuglinge (wieder), die nichts mehr trinken wollen, große Kinder, die sich vor Schmerzen nicht mehr bewegen (auch die stillen) – zum Doktor.

Atemnot — „Herr Doktor, mein Kind bekommt gar keine Luft“, das hören wir oft und ist aus Sicht der Eltern ein weites Feld.
Achten sollte man vielmehr auf fehlende Stimme (wieder die Säuglinge, die nicht mal mehr schreien), so genannte Einziehungen (sichtbare Atmung an den Rippen oder oberhalb des Brustbeins), sehr schnelle Atmung und quietschende oder feinknisternde Geräusche.
Schließlich können Atemprobleme zu starker Blässe oder Dunkelverfärbung des Gesichtes führen (Zyanose), auch darauf sollten Eltern achten.

Eintrübung — Nichtansprechbarkeit, Lethargie, Bewußtlosigkeit, Schläfrigkeit, Synonyme gibt es viele. Dies ist ein absolutes Alarmzeichen, egal in welchem Alter.
Klar sind kranke Kinder müde, wenn sie aber nicht erweckbar sind, sich gar nicht mit Spielen oder Ablenkung aufmuntern lassen, darf das zu Denken geben.

Ausschläge — Hier sind nicht irgendwelche Pickelchen gemeint, auch nicht Ausschläge bei Windpocken, Ringelröteln oder Scharlach. Es gibt eigentlich keine dermatologischen Notfälle.
Ausschläge, vor denen wir Angst haben, sind „Petechien“ (Einblutungen in die Haut), erkennbar daran, dass Druck auf die Haut die Rötungen nicht verschwinden lassen, sie blasst nicht ab. Petechien können eine schwere Sepsis anzeigen, wie sie bei Hirnhautentzündungen vorkommen. Ein Notfall.


Diese Red Flags sind in absteigender Häufigkeit aufgeschrieben, fiebernde Säuglinge sind beinahe Tagesgeschäft, während das fiese Exanthem bei Meningokokken-Sepsis eine große Ausnahme ist, dennoch sind meine fMFA bei all diesen Kindern bemüht, am gleichen Halbtag noch einen Termin zu geben.

Für Eltern, deren Kinder o.g. Auffälligkeiten zeigen: Anrufen, Dringlichkeit mitteilen, auf einen Termin bestehen. Diese Red Flags bedeuten nicht, dass tatsächlich etwas Schlimmes vorliegt (im Gegenteil: Meist können wir eine ernsthafte Krankheit ausschließen und den Kindern gut helfen), aber eine Abklärung ist unumgänglich. Ist der Kinderarzt nicht erreichbar, fahrt in die nächstgelegene Notfallklinik oder (insbesondere bei Atemnot, Nichtansprechbarkeit oder der Hirnhautentzündung) wählt die 112.


Können wir die o.g. Symptome auch umgekehrt betrachten?

Klar! Ein Kind, dass zwar krank ist, aber …
– … klein ist, noch gut trinkt oder isst, kein Fieber hat,
– … über keine Schmerzen klagt, also auch lacht und spielt,
– … ganz ruhig atmet, z.B. auch durch die Nase oder mit Schnuller im Mund,
– … adäquat reagiert, antwortet, seinem Spielzeug nachgeht oder sich ablenken lässt vom Kranksein,
dürfte insgesamt zwar krank, aber nicht lebensbedrohlich erkrankt sein. Ein Anruf beim Kinderarzt kann jetzt die Nerven beruhigen, Tipps von der fMFA Abholen kann ja nie schaden. Im Zweifelsfall schaue ich aber gerne das Kind an.

Grüße,
kinderdok.

Nebenbei: Diese Dinge sind – logisch – international. Claire McCarthy (@drClaire) schrieb unlängst ein ähnliches Posting (englisch) aus ihrer Notfallsprechstunde, ich habe mich an ihren Artikel angelehnt.

Erstveröffentlichung hier.

(c) Bild: kinderdok, basierend auf Red flags von Rutger van Waveren/Flickr (Lizenz bei CC BY-SA 2.0)

„Der läuft so komisch“

A walk in the park...with style

Da war wieder jemand schneller – siehe die anhängende Pressemitteilung des BVKJ. Scheinbar geht es nicht nur mir so, dass Eltern um den zweiten Geburtstags die Frage nach den Laufwegen ihres Kindes stellen. Dabei ist das alles normal.

In aller Regel beginnen die Kinder mit O-Beinen zu laufen, die dann während des Lauflernalters zu recht auffälligen X-Beinen mutieren. Das richtige „Geradelaufen“ sieht man erst im Schulalter. In all diesen Phasen haben „Lauflernschuhe“, medizinische Einlagen oder Krankengymnastik nichts zu suchen. Den wohlmeinenden Hinweisen von Schuhverkäufern oder Kinderturnbetreuern dürfen Eltern mit Blick auf die regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen antworten: „Das checkt der Kinder- und Jugendarzt regelmäßig.“ „Verpassen“ wird man sowieso nichts. Das Einzige, was nicht verpasst werden sollte, ist die vorgeschriebene Hüftuntersuchung per Ultraschall im Rahmen der frühen U3-Untersuchung. Hier kann eine angeborene Fehlstellung der Hüfte ausgeschlossen werden.


 

Die Pressemitteilung des BVKJ:

„Einwärtsgehen“ bei Kindern selten bedenklich

Schon als Säugling können die Füße einwärtsgedreht sein, aber auch, wenn Kinder zu laufen beginnen, drehen viele beim Gehen ihre Füße nach innen, sie gehen einwärts. Das kann unter Umständen bis in das Grundschulalter andauern.

Kleine Kinder zeigen häufig einen Einwärtsgang, der bei manchen Kinder bis zum Grundschulalter anhält. In den allermeisten Fällen korrigiert sich diese Gangart von selbst und erfordert keine Behandlung. Bemerken Eltern aber, dass ihr Kind Schwierigkeiten beim Gehen hat, häufig stolpert oder hinfällt, sollten sie ihr Kind beim Kinder- und Jugendarzt vorstellen, aber auf keinen Fall ohne ärztlich Anweisung ihren Kindern Korrekturschuhe oder Ähnliches zumuten. „Wenn sich der Einwärtsgang verschlimmert oder das Kind sogar hinkt oder Schmerzen angibt, sollten Eltern unverzüglich den Kinder- und Jugendarzt aufsuchen“, rät Dr. Ulrich Fegeler, Kinder- und Jugendarzt sowie Mitglied des Expertengremiums des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Ob sich die Gangart verändert, können Eltern, wenn sie unsicher sind, mit Hilfe von kurzen Videoaufnahmen im Abstand von einem Jahr erkennen. Dabei sollten sie ihr Kind beim Gehen von vorne und von hinten aufnehmen.

Die Einwärtsdrehung der Füße kann auf unterschiedlichen Ursachen beruhen. Säuglinge können eine Einwärtsdrehung des Vorfußes zeigen, die sich in der Regel schnell korrigiert. Beginnen Kinder zu laufen und die Füße einwärts zu drehen, kann gerade im frühen Kleinkindalter eine knöcherne Einwärtsdrehung des Schienbeines (Tibia) der Grund sein. Auch das „korrigieren“ die Zeit und das Wachstum. Am häufigsten und durchaus bis zum 9. Lebensjahr reichend besteht die Ursache in einer Innenrotation des Oberschenkelknochens (Femur) in den Hüftgelenken. Mit zunehmendem Wachstum richtet sich das Becken auf und durch die damit verbundenen statischen Veränderungen ändert sich auch die Rotation des Femurs im Hüftgelenk. „Betroffene Kinder bevorzugen u.a. auch den Zwischenfersensitz („Najadensitz“), d.h., das Gesäß befindet sich beim Sitzen zwischen beiden nach außen gewinkelten Beinen. Nur in ganz seltenen Ausnahmefällen sind operative Korrekturen notwendig“, erklärt Dr. Fegeler.

Ob eine Fehlbildung der Hüftgelenke vorliegt, kann der Kinder- und Jugendarzt durch eine Ultraschalluntersuchung der Hüfte beim Baby feststellen, die er routinemäßig bereits im Rahmen der U3 zwischen der 4. und 5. Lebenswoche durchführt. Auch, wenn der Innenrotationsgang noch jenseits des 9. Geburtstages auffällt, ist ein Besuch beim Kinder- und Jugendarzt angeraten. Bei besonderen Auffälligkeiten ist die Überweisung zum Kinderorthopäden notwendig.

Quellen: AAP, MMW Fortschr Med, J Peds


Dies ist eine Pressemitteilung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte BVKJ.

(c) Foto bei Flickr/Jeff Power (Lizenz Creative Commons)

Lesepotpourri Dezember/Januar

Und wieder ist einige Zeit ins Land gegangen seit des letzten Leserückblicks, aber die Tradition setze ich trotzdem fort, auch wenn keine Zeit für einzelne Rezensionen übrig bleibt. Wer Fragen hat, darf fragen.

Hier also der Lesestoff der letzten zwei Monate:

Ich war viel im Netz unterwegs, habe viele Blogs gelesen und recherchiert, außerdem habe ich mir zu Weihnachten ein Abo der ZEIT als Digitaldownload gegönnt. Das Leben besteht tatsächlich aus Lesen, oder? Ich kann gar nicht verstehen, wie es anderen ganz anders geht.

Absolute Lesehighlights aus dem obigen Potpourri:

Die Raumpatrouillevon Matthias Brandt – der Hype über dieses kleine Buch überrascht ein wenig, leider fragte ich mich ständig beim Lesen, ob dieser Erfolg auch gekommen wäre, wenn Matthias Brandt nicht Schauspieler und nicht berühmter Sohn wäre. Dennoch schöne Schreibe- und damit Lesekunst.

Außerdem, als Fan, die Biographie von Bruce Springsteen, klar, mit viel Neugier gelesen und klar überrascht, wie interessant der Mann auch neben seinen Songs schreiben kann. Viele Gedanken neben profanem Fanwissen, viel Poesie neben bescheidenem gerechtfertigtem Pathos.

Geheimtipp: Butcher’s Crossing von John Williams. Der Schriftsteller wird gerade auf der ganzen Welt wiederentdeckt, er hat nur drei Romane geschrieben, auf meinem Schreibtisch liegt schon sein berühmtestes Werk Augustus. „Butcher´s Crossing“ ist ein Roman wie ein Donnerschlag, so episch-wuchtig wie Jack London, so prosaisch wie Cormac McCarthy, so unterhaltsam wie ein Western von Quentin Tarantino. Lesen!

[Dieser Text enthält so genannte Affiliate Links – siehe Impressum]

5 plus 5 beste Mittel bei Erkältungen


1) Frische Luft
Die Zeiten, in denen kranke Kinder das Bett hüten mussten, sind vorbei. Egal, ob Fieber oder Husten, Rotz oder Durchfall – Kinder gehören an die frische Luft. Dies gilt auch nachts: Gut durchlüften, Heizung aus, vielleicht sogar bei offenem Fenster schlafen.

2) Nasentropfen
Die meisten Erkältungen sind nasenzentriert – sie beginnen über die Nase, dies ist die Haupteintrittspforte von viralen Erregern. Mit verstopfter Nase schläft es sich schlecht, der Mund geht auf, man hustet. Also: Nasentropfen 1-2x pro Tag, vor allem abends, damit das Kind gut schlafen kann. Aber nicht länger als eine Woche, sonst gewöhnen sich die Schleimhäute zu sehr daran.

3) Tee mit Honig
Warmer Tee mit Honig, auch Milch mit Honig toppt alle frei verkäuflichen Hustensäfte (Bitte nicht im 1. Lebensjahr). Darüber gab es sogar schon Studien. Man spare sich also das Geld für die werbegepushten „Schleimbagger“, egal ob mit Am.brox.ol, Efeu oder Primelwurz – Omas Hausmittel sind das beste.

4) Fiebermittel
Ein Streitpunkt, zugegeben. Fieber gehört zu Infekten dazu, man muss es nicht zwanghaft senken. Wer aber nicht schlafen kann oder (Ohren-, Hals- oder Kopf-)Schmerzen hat, darf Paracetamol oder Ibuprofen bekommen.

5) Hühnersuppe
Auch da gab es eine schöne Studie aus den USA – eine gute selbst gemachte Hühnersuppe nährt das Gemüt, die Kräfte und die Stimmung, und wirkt wohl entzündungshemmend.

Und:

6) Wunschkost
Wer krank ist und nicht gerade den Brechdurchfall hat, darf essen, was er/sie will. Kartoffelpuffer, Gummibärchen, Schokoküsse – egal. Da darf man es sich gut gehen lassen. Wer dann spuckt, hat Pech gehabt. Zurück auf Los.

7) Geschenke
Kinder freuen sich immer über Geschenke, besonders wenn sie krank sind. Also lieber sonst nicht zuviel und ständig Geschenke verteilen, aber: Wer mit Rotze nicht in den Kindergarten oder die Schule darf, sollte wenigstens mit Lego oder Playmobil bauen dürfen oder das neueste „Lustige Taschenbuch“ lesen. Wer liest heute noch das „Lustige Taschenbuch“? Egal. Die Überraschung zählt.

8) Ruhe
Wer krank ist, geht nicht in den Kindergarten oder die Schule. Nichts, was man da verpassen könnte, wäre es wert. (Dass die Eltern trotzdem arbeiten müssen, steht auf einem anderen Blatt.) Ruhe bedeutet auch Ruhe von lautem Geflimmer auf iPad oder Fernseher, stattdessen eine Vorlesegeschichte oder ein Hörbuch.

9) Wärme
Zum Beispiel mit No. 3) oder No. 4), aber natürlich vor allem durch Mama oder Papa im Elternbett in der Nacht. Was gibt´s Schöneres, als im dicken Kissen von Mama am Abend einzuschlafen, umgeben von deren Duft? Das bekommt sogar noch unser Teenager, wenn er krank ist.

10) Nähe
siehe 9), aber auch dank des Umtüttelns durch die Eltern oder die grossen Geschwister, vielleicht durch Omma und Oppa, vielleicht durch die Kuscheltierburg. Nähe ist Wärme ist Ruhe ist Wunschkost. Das ist, was der Körper braucht.

Achja: Und Susannchen braucht keine Globuli

Lesepotpourri

Das letzte Lese-Posting ist tatsächlich schon fünf Monate her – trotz Sommerferienlektüre, Buchmesse und zwei bis drei Bücherflohmärkten bin ich nicht zu meiner Bücherrevue gekommen. Sträfliches Versäumnis.
Hier nun also im Schnelldurchlauf, meine Lektüre Juli bis November:

Bestimmt habe ich ein oder zwei Bücher im Rückblick vergessen – ein paar Graphic Novels zum Beispiel, aber vielleicht waren die auch nicht so gut, dass ich sie mir gemerkt habe. Die Bewertungen der letzten Monate entfallen.

Nur soviel:
Bestes Leseerlebnis – Andreas Pflüger – Endgültig
Bestes Non-Belletristikwerk – James Rhodes – Der Klang der Wut

Beides absolute Leseempfehlungen!

[Dieser Text enthält so genannte Affiliate Links – siehe Impressum]

Vorherige ältere Einträge

%d Bloggern gefällt das: