Lesepotpourri

Das letzte Lese-Posting ist tatsächlich schon fünf Monate her – trotz Sommerferienlektüre, Buchmesse und zwei bis drei Bücherflohmärkten bin ich nicht zu meiner Bücherrevue gekommen. Sträfliches Versäumnis.
Hier nun also im Schnelldurchlauf, meine Lektüre Juli bis November:

Bestimmt habe ich ein oder zwei Bücher im Rückblick vergessen – ein paar Graphic Novels zum Beispiel, aber vielleicht waren die auch nicht so gut, dass ich sie mir gemerkt habe. Die Bewertungen der letzten Monate entfallen.

Nur soviel:
Bestes Leseerlebnis – Andreas Pflüger – Endgültig
Bestes Non-Belletristikwerk – James Rhodes – Der Klang der Wut

Beides absolute Leseempfehlungen!

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Gelesen im Juni

6 Uhr 41 von Jean-Philippe Blondel
(Übersetzt von Anne Braun)
Ein Roman über die Begegnung zweier ehemals Liierten in einem Personenzug, sie setzen nebeneinander, der eine wagt nicht, den anderen erkannt zu haben und umgekehrt, es gibt Rückblenden beider Leben und am Ende gehen sie doch haarscharf aneinander vorbei. Stylistisch hübsch geschrieben, auch die Idee ist nett – aber ganz ehrlich: Am Ende blieb nur heiße Luft. (2/5)

Der Ruf des Kuckucks von Robert Galbraith (d.i. J.K.Rowling)
(Übersetzt von Wulf Bergner, Christoph Göhler und Kristof Kurz)
Ich kann die Kritiker verstehen. Wir alle wollen ein Buch im Harry-Potter-Style lesen, eine Pageturner, mit viel Fantasie und literarischer Magie. Der „Kuckuck“ ist der Pseudonymroman von JK Rowling und eine nette Fingerübung der Erfolgsautorin. Ein solider „Whodunit“-Krimi in klassisch englischer Manier mit einem interessanten Charakterkopf als Detektiv und seiner neuen Assistentin. Viele Dinge wirkten vorhersehbar, vor allem die Beziehung der zwei Protagonisten, die Auflösung des Falles war irgendwann klar, entsprechend lasch war der Spannungsbogen gehalten. (3/5)

Unheilpraktiker: Wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielenvon Anousch Müller
Hierüber habe ich schon geschrieben. (5/5)

Der goldene Handschuh von Heinz Strunck
(Hörbuch, gelesen von ihm selbst)
Eklig, richtig eklig das Buch. Ich bin ja als Arzt hartgesotten und mache auch vor Splatterfilmen nicht halt, ertrage vielleicht auch die Fantasien von Massenmördern, aber dieses Buch ist … eklig. Wahrscheinlich zieht das Buch seine Faszination jedoch aus der Wirklichkeit, aus der Zeitlosigkeit, daraus, dass die ganze Geschichte des Frauenmörders aus Hamburg auch in der heutigen Zeit stattfinden könnte. Brilliant die Balance zwischen Abschreckung und Sympathie für den gefallenen Mann, wunderbar gelesen vom Autor selbst – wieder ein Hamburger, der sein Buch selbst liest. Das kann schief gehen, weil unfreiwillig komisch, hier aber macht es einen guten Teil der Spannung aus. Trotzdem eklig. (4/5)

Der Pfau von Isabel Bogdan
(Hörbuch gelesen von Christoph Maria Herbst)
Frau Bogdan schrub ein Buch – viel besser als JK Rowling in ihrem Metier umschreibt sie die Klischees eines Herrenhauses in den Schottischen Highlands, dem schrulligen Hausherrn, seiner resoluten Frau, dem kompetenten Gärtnerfaktotum, der hilfsbedürftigen Haushaltshilfe. Dazu die versnobbten Banker aus London, die ein Teambuildingwochenende im Herrenhaus abhalten, geführt von der gestrengen Frau Chefin. Dass am Ende alle ein bißchen anders wurden, weil alles ein bißchen anders lief als gedacht, das macht den Gag des Buches aus. Schöne Urlaubslektüre in Schottland. Den Vorleser CM Herbst muß man nicht erwähnen, er bringt diesem Hörbuch den fünften Stern. (5/5)
Ach, und dann ist da noch der Pfau. Der arme Pfau.

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Tolle Twin-Tests zur Sprachentwicklung

scream and shout Eines der spannendsten, weil umstrittensten, weil variabelsten Themen in der Entwicklung von Kindern ist die der Sprache. Viele Berufene erteilen den Eltern Ratschläge, wann welche Sprache noch ok ist, wie sich Sprache entwickelt und wann man doch bitte „sofort zum Logopäden“ gehen sollte, damit dieser schaut, „ob auch alles noch gut ist“.

Ich möchte zwei einfache Fragebögen vorstellen, die im Internet zu finden sind, wissenschaftlich fundiert, und eine sehr gute Orientierung bieten, um die Sprachentwicklung des Zwei- oder Dreijährigen normal verläuft. Denn um diese Altersgruppe geht es: Ab Zwei werden die ersten Wörter deutlich und sinnbezogen gesprochen, die ersten Wörter zu Sätzen kombiniert, die aktive sprachliche Kommunikation des Kleinkindes tritt in ihre entscheidende Phase.

Ein halbjähriges Kind brabbelt, lautiert, blubbert, „erzählt“, ein Einjähriger verdoppelt die Silben zu Mama, Papa, Dada, Dudu und NeinNein. Das sind die ersten Grenzsteine der Sprachentwicklung. Sie sind extrem variabel, hängen von der Sprachkompetenz der Eltern ab (wird überhaupt gesprochen?), von Geschwistern, von Großeltern. Keinen Einfluß hat logischerweise Zweisprachigkeit: Das Kind wird sich meist die Sprache rauspicken, die es am meisten hört, die „Muttersprache“. Ist diese durchsetzt mit Akzent oder eine Sprachmischung, wird auch das das Kind kopieren. Also: Jedes Eltern spricht die Sprache, die er/sie am besten kann.

Bei Zweijährigen kreist alles um den Wortschatz. Eine ominöse Zahl wird immer genannt: 50 Wörter. Aber was bedeutet das? Es bedeutet, das Kind spricht aktiv 50 Wörter in seiner Sprache, in seiner Aussprache, in seinem Sinnzusammenhang, d.h. das „Wort“ Dudu für Auto, wenn es immer so für Autos benutzt wird, zählt als gesprochenes Wort.

Die Arbeitsgruppe um Suchodoletz und Sachse hat zur Orientierung den SBE-2-KT entwickelt, ein Fragebogen, den wir allen Eltern bei der U7 vorlegen. Er fragt vor allem den Wortschatz ab, denn darauf kommt es mit 2 Jahren an. Die Aussprache ist egal, die Grammatik spielt noch eine untergeordnete Rolle. Hier findet man ihn in deutscher Sprache und vielen anderen Sprachen, nebst Anleitung und Auswertung. Ich finde, eine gute Möglichkeit, um Spätsprachentwickler (so genannte Late Talker) zu fischen. Sie brauchen für die Zukunft ein größeres Augenmerk, manche holen auf, manche zeigen bereits jetzt, dass sie später Probleme haben werden. Kinder, die beim SBE-2-KT den Cut nicht schaffen, bestellen wir nach einem halben Jahr wieder ein, irgendwann während dieser Zeit erfolgt eine pädaudiologische Untersuchung. Ergibt sich keine Dynamik in der Sprachentwicklung – ab zum Logopäden.

Einen erweiterten Test zur Sprachentwicklung, den SBE-3-KT entwickelte die Arbeitsgruppe auch, er hat sich m.W. noch nicht ganz so durchgesetzt als Screeninginstrument, meist ist mit drei Jahren bereits eine Therapie eingeleitet oder zumindest ein Bewußtsein über die verzögerte Sprachentwicklung entstanden. Der SBE-3-KT beschäftigt sich nun auch mit Grammatik, Fragewörtern und Satzverknüpfungen. Wir setzen ihn vor allem dann in der Praxis ein, wenn kein Gespräch mit dem dreijährigen Kind möglich ist. Der Goldstandard ist natürlich immer die direkte Kommunikation zwischen Doc und Kind – das funktioniert bei der U7a mit drei Jahren oft erstaunlich gut.

Weder SBE-2-KT noch SBE-3-KT können in 100% die Sprachentwicklung vorhersehen. Manche zeigen in beiden Tests grottenschlechte Ergebnisse und knabbern dem Arzt mit 4 Jahren trotzdem das Ohr ab – in sauberer Grammatik und mit Riesenwortschatz. Aber: Fallen beide Tests sehr gut aus, bedeutet das für die Eltern und Erzieherinnen einen guten Anhaltspunkt für eine normale Sprachentwicklung. Weiteres bringen U8 und U9 in den Vorsorgeuntersuchungen und die Schuleingangsuntersuchung. Durch die Lappen sollte dabei kein Kind mehr gehen.

(c) Foto bei Flickr/Mindaugas Danys

 

Zauberei

Jeder Notdienst, der mir einen „Chassaignac“ präsentiert, also die Subluxatio dolorosa, das Herausrutschen des Radiusköpfchens aus seinem Halteband am Ellenbogen – ein Trauma, das zu einer sehr schmerzhaften Schonhaltung des enstprechenden Armes führt -, lässt mich zum Zauberer werden: Durch ein kurzes Repositionsmanöver ist das Kind plötzlich beschwerdefrei und glücklich. Eine klassische Art von gelernter und erklärbarer Medizin: Etwas ist kaputt und wird repariert. So einfach funktioniert Medizin nicht immer, aber die versteckte, weil übersehbare Aktion der Reposition wirkt wie Zauber, als ob der Arzt heilende Hände hätte.

Warum haben Heilpraktiker ein so großen Zulauf? Warum finden Patienten bei den etablierten Ärzten keine ausreichende Hilfe und Unterstützung? Warum wenden sich viele seltsamen Heilversprechen zu und glauben an geisterhaft kryptische Therapien? Warum spaltet die Zuwendung zu Alternativverfahren die Kommentare in Internetforen, warum nehmen die Diskussionen darüber immer religiös-fanatische Züge an, die keine friedliche Koexistenz der Systeme gewährleistet?

Anousch Müller hat ein Buch geschrieben, das es bisher in dieser Weise noch nicht auf dem deutschen Sachbuchmarkt gab, aber das schon lange geschrieben gehörte. Wohl strukturiert und m.E. sehr unaufgeregt sammelt sie die verschiedenen Facetten des Heilpraktikertums ein. Ausgangspunkt war das eigene Erleben an einer Heilpraktikerschule. Beim genaueren objektiven Beschäftigen mit den Quellen der einzelnen Verfahren stieß die Autorin auf seltsam rückwärtsgewandte Pseudomedizin, die sich nicht weiterentwickelt, sondern mit abenteuerlichsten Nischentherapien stets Heilung versprechen.

Die einzelnen Verfahren werden dargestellt, ihr Ursprung, ihre „Erklärungsmodelle“. Jedes Verfahren beansprucht für sich eine rationale Ebene, damit die denkende Vernunft den Einstieg findet, um letztendlich aber stets auf einer unerklärlichen Ebene zu landen, die „geisterhaft“ oder „noch nicht erklärbar“ erscheint, seien es die Meridiane der Akupunktur oder das Wassergedächtnis der Homöopathie. Dabei findet Anousch Müller auch Gutes an Verfahren, so den Entspannungstechniken, an Massagen, an Qigong. Die Osteopathie kommt dabei im meinen Augen zu gut weg, sie wird in einem Nebensatz gestreift. Alleine der Anspruch der Heilsversprechen dieser „wohltuenden Berührungstherapie“ entlarvt die Osteopathie als Schwurbelverfahren (Punkt 8 der Checkliste der Indizien für Quacksalberei).

Wir erfahren viel über das Weltbild der Heilpraktiker, über den Ursprung des Heilpraktikergesetzes im Dritten Reich, den seltsamen Umgang mit der Wissenschaft, das Problem der confirmation bias, der Cochrane Collaboration und die üblichen Phrasen „Wer heilt, hat recht“, „die Pharmaindustrie will nur Geld machen“ oder „die Wissenschaft sperrt sich gegen alternative Medizin“. Sicher ist Frau Müller in ihrem Buch dabei nicht objektiv und unterliegt selbst dem „Bestätigungsfehler“, wie sie unumwunden zugibt, aber den Anspruch einer cochranesken Korrektheit muß sie auch gar nicht erfüllen. Wer den Titel in der Buchhandlung sieht, weiß, worauf er sich einlässt.

Auch Ärzte beschäftigen sich mit Alternativverfahren, die Zusatzweiterbildung „Naturheilverfahren“, die jeder Mediziner ablegen kann, dürfte in ihrer Schwurbelvielfalt den Heilpraktikern in nichts nachstehen: Auch hier wird neuraltherapiert, geschröpft, akupunktiert und globulisiert. Für viele Ärzte ist dies im übrigen ein gutes Zusatzeinkommen, denn Abrechnen via Gesetzlicher Krankenversicherungskarte geht nicht. Hier folgen viele Kollegen dem Trend: „Natürliches“ wird verlangt, da bietet man gerne Entsprechendes an. Der Patient darf aber nicht denken, dass das die Verfahren wirksamer macht, vielleicht ist der Placeboeffekt nur ein größerer, da aus ärztlicher Hand. Und wenn dann die Krankenkasse freundlicherweise die Kosten übernimmt (weil die sich auf dem Markt behaupten muß), wird das Verfahren zudem geadelt.

Dieser Aspekt kam mir etwas zu kurz: Das Wirtschaftsunternehmen „Heilversprechungspraktik“. Die Stundenlöhne, die der Heilpraktiker kassiert (ohne Personal, ohne großartigen Verschleiss von Verbrauchsmaterialien), die Kostenübernahme durch viele viele Gesetzliche Krankenkassen. Wer unwissenschaftlichen Methoden folgen möchte, darf diese gerne selbst bezahlen.

Bleibt die Frage, warum Heilpraktikanten einen solchen Zulauf haben? Wir vermuten die üblichen Verdächtigen: Die böse Schulmedizin, die nur schaden will, ganz wie zu Hahnemanns Zeiten, dagegen die Gesprächs- und Berührungsbereitschaft der Heilpraktiker. Aber vielleicht ist ein Grund der Luxus unserer modernen Medizin, der sichere Schoß, in dem wir uns eingenistet haben, die dank der vielfältigen Informationsquellen so erklärlich geworden ist, dass ihr ein wenig der Zauber fehlt. Viele Menschen wollen irrational behandelt werden, sie pfeifen auf wissenschaftliche Erklärungen, sie wollen Mystik atmen und Alternatives, sie wollen „anders“ behandelt werden, weil alles schon zu etabliert ist. Leider wird diesem „Anders“-Wunsch alles subsummiert: Also wird sich auch noch anders ernährt und gegen Impfungen gewettert. Ihnen ist vielleicht auch nicht zu helfen. Schade nur um die Hoffnungsvollen mit chronischen Krankheiten, die auf die Versprechen der Heilpraktiker mit ihren (un)durchsichtigen Therapien hereinfallen. Vielleicht kann hier das vorliegende Buch neue kritische Denkansätze bieten, die nicht sofort in Glaubensdiskussionen untergehen.

Anousch Müller: „Unheilpraktiker“, Wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielen, Riemann Verlag.


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Artgerechte Haltung

Eine Buchrezension von Frau kinderdok –
Es ist Zeit für eine jungengerechte Erziehung

Was für ein provozierender Titel und damit Grund genug, das Buch von Birgit Gegier Steiner in die Hand zu nehmen! In kurzen, übersichtlichen Kapiteln wird eindrucksvoll beschrieben, was kleine Jungenseelen brauchen und dass diese doch anders ticken als weibliche. Mit klarer und prägnanter Sprache teilt uns die Autorin mit, wo in unserem Gesellschaftssystem die Fallstricke für Jungs zu finden sind, wie man diese erkennt und umgehen kann.
Ihre authentisch geschilderten Erlebnisse sind von mir nachvollziehbar, so manches davon habe ich auch schon so oder so ähnlich erlebt. Ich fühle mich durch ihr Buch gestärkt, meinen Sohn, Sohn sein zu lassen und ihm die Freiheiten einzuräumen, die er braucht, egal, wie viel Wind mir seitens anderer Mütter oder der Lehrerinnen entgegenschlägt! Mir schenkt es Kraft und Zuversicht.

Ein Buch, welches ohne erhobenen Zeigefinger auskommt. Die Erkenntnis darf in einem selbst heranreifen. Ein wunderbares Werk für alle Mütter, die Söhne haben!

Artgerechte Haltung: Es ist Zeit für eine jungengerechte Erziehung von Birgit Gegier Steiner, 256 Seiten, broschiert, bei Gütersloher Verlagshaus

[Dieser Text enthält so genannte Affiliate Links – siehe Impressum Das Buch wurde uns als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Vielen Dank.]

Aufgerufen seien hiermit alle Leser, die Söhne ihr eigen nennen: Erzählt die netteste, erkenntnisreichste, coolste Anekdoten vom Leben mit einem Sohn – was hat Euch ein Problem bereitet, was fandet Ihr leicht, was war der „Junge-Aha“-Effekt?

Gelesen im Mai

Nur zwei „richtige“ Bücher gelesen diesen Monat, dafür zwei echte Wälzer, über sechshundert Seiten stark. Ich tue mich im Alter etwas schwer mit diesen dicken Dingern, schon zuviele habe ich nach einem Viertel einfach beiseite gelegt, weil sie mich nicht mitgenommen haben.

Kapital von John Lanchester
(Übersetzt von Dorothee Merkel)
„Kapital“ wollte ich eine Chance geben, ich fand das Konzept des Romans (die Geschichte einer Straße und seiner Anwohner in London) interessant, jedes Kapitel springt zum nächsten Protagonisten und erzählt die jeweilige Story fort. Der rote Faden ist die Straße, mysteriöse Postsendungen und Vandalismus. Manche Charakter haben mich gefesselt, manche nicht so sehr, ich hatte den Eindruck, Lanchester habe das Buch zu sehr „geplant“ und dann die Kapitel auf seinem Corkboard hin- und hergeschoben, bis es stimmig war. Die Auflösung der Kriminalgeschichte war etwas öde, die Sujets (Wirtschaftskrise, Alte Leute, Ausländer, Dschihad, Liebe) ein wenig zuviel des Guten. Dennoch: Ein Leseerlebnis, kann man empfehlen. (4/5)

Unterleuten von Juli Zeh
Ein Lieblingsbuch der Deutschen in diesem Frühjahr. Die intelligente Juli Zeh bringt einen neuen Roman raus, manche ihrer Bücher waren mir zu seicht oder zu konstruiert, das hier ist ein Hammer, sicher ihr bestes Werk bisher. Erzählt wird das Leben in einem ostdeutschen Dorf, in dem Windkrafträder aufgestellt werden sollen. Dass das beim Öko-Zugezogenen, beim Ex-Stasi, beim alt eingesessenen Bauern und dem Neu-Kapitalisten, außerdem beim ganz normalen Volk zu Wirrungen führt, kann man sich denken. Exemplarisch vielleicht für Vorgänge in vielen anderen Dörfern destilliert Juli Zeh jeden einzelnen Charakter auf seine dunklen und hellen Seiten. Die Zustände und Meinungen wechseln während des Buches, die Winkelzüge der Kommunalpolitiker und Dorfältesten sind raffiniert, die Klischees der Zugezogenen treffsicher beschrieben. Dazu noch eine süffige runde Sprache. Lesen!
Ganz lustig übrigens: Ich habe das Buch als ebook gelesen, und die erwähnten Hyperlinks im Buch lassen sich tatsächlich anklicken und führen den Leser auf (konstruierte?) Websites zu Windkraftanlagen oder Pferdezüchtern. Witzig. (5/5)

Nachruf auf den Mond von Nathan Filer
(Übersetzt von Eva Bonné, Hörbuch von Hanno Kofler)
Ok. Der Mond ist der große Bruder Simon des Erzählenden. Der Bruder stirbt, der kleine Bruder ist schizophren, der Tod ein Auslöser für eine handfeste Lebenskrise. Die Geschichte dümpelt so vor sich hin, eigentlich ist alles absehbar, das Ende nicht überraschend, dennoch gibt es schöne Stellen, vor allem die erzählten Rückblenden der Momente zwischen den Brüdern. Der Vorleser Hanno Kofler ist jetzt nicht so mein Topkandidat, aber seine jugendliche Stimme musste wohl passen. (3/5)

Die Sache mit Sorge: Stalins Spion in Tokio von Isabel Kreitz
Eine Graphic Novel über den Topspion Stalins in Japan während des zweiten Weltkrieges. Sorge warnte Stalin vor dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion – ihm wurde nicht geglaubt. Das Buch ist aufgebaut wie ein Dokumentarfilm, eine interessante Lehrstunde aus einer anderen Ecke der Welt während des Dritten Reiches, über das wir in Europa nicht so viel wissen. Ich hatte etwas Probleme mit den vielen Personen😉 – das war mir nicht interessant genug akzentuiert. Sonst ganz nett. (2/5)

Daytripper von Fábio Moon und Gabriel Bá
Hingegen hier ein Supercomic – Die Geschichte eines Todes, der „Daytripper“, der in jedem Kapitel neu lebt und doch wieder stirbt – schwierig zu erklären, aber toll erzählt und fantastisch gezeichnet. „Daytripper“ taucht immer wieder auf den Toplisten der besten Graphic Novels auf – zu Recht. (5/5)

Aufzeichnungen aus Birma von Guy Delisle
Guy Delisle folgt seiner Frau, wenn diese für die Médicins sans frontiéres um die Welt reist, es gibt bereits einen Band aus Pjönjang und Jerusalem, hier folgen wir der Familie in das diktatorische Birma. In kurzen Sequenzen, teils nur seitenlang, erzählt Delisle sein Leben in Rangun, seine Frau als Ärztin, er als Hausmann. Sehr lustig, sehr informativ, sehr empfehlenswert. Nur: Kann der Mann keine Schuhe zeichnen? (5/5)

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Gelesen im April

Selbstporträt mit Flusspferd von Arno Geiger
In der Reihe der Bücher über junge männliche Protagonisten vom Übergang des Schüler- oder Studentendaseins zum Erwachsenenwerden mit allen Irrungen und Wirrungen dieser Zeit, erster echter Liebe, erstem Sex, der Auseinandersetzung mit den Autoritäten dieser Welt, den Freunden, die sich jetzt wie die Spreu vom Weizen trennen, viel Musik und viel Selbstzweifel – ist dies auch eines. Die Sprache von Arno Geiger ist viel gerühmt, die Metapher des Flusspferdes taugt für viele Interpretationen in Lesezirkeln und Deutsch-Grundkursen, eine echte nachhaltige Botschaft konnte ich dem Buch nicht entnehmen. Abgehakt unter „Arno Geiger gelesen“. (3/5)

Unsere Kinder: Was sie für die Zukunft wirklich stark macht von Reimer Gronemeyer und Michaela Fink
Die Autoren nehmen sich unglaublich viel vor: Krisen der Zukunft, Bildung, Sicherheit, Toleranz, Empathie, Information, Gesundheit und Stärke, schließlich den Sprung in die Zukunft – so die Kapiteltitel. Dabei kommen sie pro Kapitel, quatsch, pro Absatz vom Hundertsten zum Tausendsten, wilde Assoziationen von der Familie hin zur Ausbeutung der Welt, vom Handykonsum zum Schicksal von afrikanischen Kindern. Schreibt man ein Sachbuch, dann mag man vielleicht mit einem Brainstorming beginnen, einer Mind-Map, dabei kommen unglaublich schlaue Gedanken heraus, keine Frage, aber ihnen fehlt der rote Faden. Als ob die Basis-Mind-Map in Sätze verwandelt wurde. Bei jedem zweiten oder dritten Absatz fragte ich mich: Wo ist hier der Lektor, der die Kapitel straffte, strukturierte, auf den Punkt brachte?
Und zuletzt – Wer die Devise anpeilt „Was unsere Kinder für die Zukunft wirklich stark macht“, sollte sich immer wieder auf diese Frage besinnen und hinarbeiten.
Man verstehe mich nicht falsch: Das Buch ist sehr interessant und es gibt viele Ansätze zum Grübeln, ein Rundumschlag der Gesellschaftskritik.
Mir war´s am Ende zu chaotisch. (2/5)

Der Araber von morgen, Band 2: Eine Kindheit im Nahen Osten (1984 – 1985) von von Riad Sattouf
(Deutsch von Andreas Platthaus)
Der Zweite Teil der Autobiographie von Riad Sattouf ist kompakter als der erste Teil, geschuldet sicher dem besseren Erinnern der Zeit, als der kleine Riad nun in die Schule kommt. Noch mehr spielt Sattouf mit den Farben, dem blaßen Rosa in der Geschichte, dem feurigen Rot bei Gefahr, dem Blaßblau in den Szenen in Frankreich. Wie schon beim ersten Teil fasziniert die naive Sicht des Jungen auf die Gegebenheiten im patriachalischen Islam, das Nichtverstehen des Judenhasses und der Diktatur, die Schilderungen des seltsamen Essens und der Lebenskultur. Man fürchtet die „Lebensphilospophie“ zu spüren, die Menschen zu Islamisten machen. Sattouf hat später sein Vaterland verlassen, und ist in seinem Mutterland zu einem berühmten Zeichner gereift (der auch in „Charlie Hebdo“ veröffentlichte). — Ganz gespannt auf den nächsten Teil. (5/5)

Sophia, der Tod und ich von Thees Uhlmann
Sänger schreiben Bücher. Na dann. Und dann lesen sie auch noch das eigene Buch als Hörbuch ein. Ohje. Ob das wird?
Und ob. Selten habe ich ein Hörbuch so gerne konsumiert, wartete jeden Morgen im Auto gespannt auf die Fortsetzung. Der Gedanke, der Tod steht vor der Tür, wie knapse ich ihm ein paar Zeit ab – genial umgesetzt, sehr lustig formuliert, sehr herzerwärmend. Ich habe teils laut losgelacht, am Ende geheult. Und das Thees Uhlmann das Buch selbst liest, versüßt den Genuß – seine norddeutsche Schnodderschnauze passt hervorragend. Da wird sogar der Tod sympathisch. (5/5)

Fieber am Morgen von Péter Gárdos (Hörbuch gelesen von Axel Wostry, übersetzt von Timea Tankó)
Im Literarischen Quartett kam das Buch so leidlich gut weg, ich habe es mir ausgesucht, weil ich mal wieder einen historischen Stoff lesen wollte. Péter Gárdos Vater schreibt im Nachkriegsexil in Schweden hunderte von Briefen an ungarische Frauen, und verliebt sich in eine. Eine romantische Geschichte mit viel Hoffnung nach dem großen Leid. Der Zauber entsteht tatsächlich aus der Authentizität. Die Schrecken des Dritten Reiches ertönen in wenigen Sätzen, „über die sie nie sprachen“ – und sind dafür umso eindringlicher.
Vielleicht hätte ich den Atem für die Lektüre nicht gehabt, als Hörbuch war es ein interssantes Erlebnis. (4/5)

… und geguckt:
Bosch – Staffel 2
Better Call Saul – 2
Fargo – Season 2

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Schlaulicht – neuer Podcast

Sendung mit der Maus, Löwenzahn… Wissenssendungen sind bei Kindern echt beliebt, aber immer mit der Glotze verbunden. Vielleicht kann der neue Podcast „Schlaulicht“ hier Abhilfe schaffen – die drei Gründungsväter André, Olli und Jörg wollen in einer halben bis dreiviertel Stunde interessante Themen für Kinder („sieben bis neunundneunzig“) aufarbeiten und an die Hörer ranquatschen. Das kann man dann abends im Bett hören oder auf der nächsten Autofahrt oder oder oder. v-mkdeaf

Die „Nullnummer“ zur Einführung und das No. 1 „Sprachen“ klingen schon einmal sehr vielversprechend, ich fand´s sehr nett. Vielleicht kriegt Ihr die technischen Probleme noch in den Griff – bei Podcasts mit mehreren Beteiligten finde  ich es immer nervig, wenn die Lautstärken der Teilnehmer unterschiedlich sind. Ich habe den Cast im Auto gehört und war ständig am Regler. Aber der Inhalt: Schön, sehr schön. Mehr davon. Als Doc freue ich mich natürlich auch über gesundheitliche Themen: Impfungen, Antibiotika, Fieber und Grippe, unendliche Weiten…

Hört einmal rein. Schlaulicht!

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Gelesen im März

Auslöschung von Jeff VanderMeer (Übersetzt von Michael Kellner)
Ein seltsames Buch. Ich war am Anfang verwundert, ob ich die Schilderungen langweilig fand oder faszinierend, immer die Frage „Wo soll das hingehen?“. „Auslöschung“ ist Teil einer „kultigen“ Trilogie im Science Fiction Stil, ein wenig Area 51, ein wenig Akte X, ein wenig „Lost“. Das alles aus der Erzählperspektive einer Wissenschaftlerin, die, wie alle Protagonisten, keinen Namen hat. Am Ende überwiegt das Gefühl, hier wird ein Haken ausgeworfen, um den Leser zu ködern, wie es nun weitergeht. Noch ist meine Neugier nicht allzu groß. (3/5)

Heimkehr von Toni Morrison (Übersetzt von Thomas Piltz)
Die Literaturnobelpreisträgerin schreibt ein kurzes Buch über …ja, Schwarze in den USA kurz nach dem (Korea?-)Krieg, über eine Familientragödie (-geschichte?), eine Liebesgeschichte, im Englischen sicherlich in eigenwilligem Stile geschrieben, in der Übersetzung etwas gestelzt. Ich habe meine Probleme mit Morrisons Büchern, dieses habe ich nur durchgelesen, weil die Seitenzahl überschaubar war. Sonst hielt sie mich nicht so lange im Buch fest. Sicher Weltliteratur, aber nichts für mich. (2/5)

Immun: Über das Impfen – von Zweifel, Angst und Verantwortung von Eula Biss (Übersetzt von Kirsten Riesselmann)
Eula Biss schreibt als Mutter ein Buchessay über das Impfen. Ihr Verdienst ist, dass sie niemanden in die Ecke stellt und mit dem Finger zeigt. Sie wertet ihre eigene Impfeinstellung nicht höher als die anderer, sondern schildert teils emotional, teils sachlich, teils philosophisch den Weg ihrer Entscheidungsfindung. Dabei zitiert sie eine Vielzahl an Quellen aus der Medizin, der Philosophie und der einschlägigen „Berater“ in den USA. Ihre Hauptentscheidungshilfe ist aber ihr eigener Vater, ein Arzt. So wird ihre Einstellung – wie bei allen Eltern – geprägt von der eigenen Sozialisation. Etwas irritiert hat mich das wiederholte Bemühen des Vampirs als Metapher für das Impfen – für mich nicht mal bildlich nachvollziehbar. Ein Lektor mit mehr Aufmerksamkeit hätte dem Buch dazu noch gutgetan – zuviel Redundanz. Trotzdem: (5/5)

Das Wettangeln von Siegfried Lenz
„Siegfried Lenz´ letzte, noch nie veröffentlichte Erzählung“, herausgegeben als Bilderbuch mit Zeichnungen von Nikolaus Heidelbach. Eine hübsche Geschichte, deren Bedeutung im Nachwort von Günter Berg ein wenig gewinnt, beim spontanen Lesen aber seltsam beliebig daherkommt. Naja. (2/5)

Dead Heart von Christian De Metter
Sehr spannende Graphic Novel nach einem Roman von Douglas Kennedy über einen abgebrannten Typen, der sich nach einer Affäre mit einer Anhalterin in einem abgelegenen Dorf voller Inzest und dikatorischen Strukturen wiederfindet. Gruselig, toll gezeichnet. (4/5)

Revival 3: Ein ferner Ort von Tim Seeley und Mike Norton
Ok, der dritte Teil der Reihe „Revival“ – genauso öde wie die anderen. Ihr hattet Eure Chance. (1/5)

Trabanten von Frank Schmolke
Das wiederum war ein Hochgenuß: Ein Comic aus deutscher Feder, spielt in München der 80er Jahre, schwarzweiß, düster, wie ein Film gezeichnet mit Großaufnahmen und Details, zerbrochene Zeichnungen wie der Hauptdarsteller. Franz kommt aus dem Knast und bekommt keinen Fuß auf den Boden. Kurze Lichtblicke werden von Schatten ausgeknipst. Keine Hoffnung. (5/5)

Wenn das Land still ist von Carsten Kluth (Hörbuch gelesen von Heikko Deutschmann)
Ein Zufallsfund auf Spotify, ich wußte nichts von dem Buch, von dem Autor, dem Inhalt. Eine Ehegeschichte vor politischem Hintergrund, ein Politikeraufstieg und -fall und was die Familie dabei ausrichten kann. Ein interessanter Einblick in den Lobbyismus der Wirtschaft, besonders reizvoll, da aus der Wirtschaft der Umwelttechnologie. Der Kanzler taucht auf – ja, der – , außerdem noch ein wenig Xenophobie in Deutschland und Kriminelle. Ich habe es gerne gehört, auch dank Heikko Deutschmann, vielleicht zum Lesen nicht ganz so gut. (4/5)

Der Schneesturm von Vladimir Sorokin (Übersetzt von Andreas Tretner, Hörbuch gelesen von Stefan Kaminski)
Und noch ein Zufallsfund, mein Buch des Monats. Sorokin sei DER zeitgenössische Schriftsteller Russlands, seine Geschichten sind fantasievoll, surreal und trotzdem im traditionellen Erzählstil pointiert gesetzt. Liebevolle Charaktere im Sinne Tolstois oder Tschechovs, denen unvorhersehbare Dinge geschehen. Selten war ich so froh, rein gar nichts über ein Buch gewußt zu haben – das sind die größten Entdeckungen. (5/5)

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Gelesen im Februar

Eisiger Dienstag von Nicci French (Übersetzt von Birgit Moosmüller)
Ich hatte vor zwei Jahren den ersten Krimi rund um Frieda Klein, der Psychotherapeuten aus London, gelesen, und er hatte mich absolut geflasht. Trotzdem hat es bis zum 2.Versuch gedauert. Diesmal kam ich etwas schwerer rein, aber wieder, nach der ersten Hälfte, war ich drin: Wieder ein vielschichtiger Fall, wieder hübsche Nebencharaktere und eine starke Hauptfigur. Etwas anstrengend: Das Aufarbeiten des ersten Buches, dessen Clou noch nicht gelöst war, und die Position der Laien-Polizistin Frieda im Apparat von Scotland Yard. Das genau das aber ein Grundkonflikt der Bücher ist, dürfte jedem Leser klar sein – umso mehr wünschte ich mir eine klare Lösung. Trotzdem: Spannend, lesenswert, mit viel London-Flair. Den nächsten lese ich nicht erst in zwei Jahren. (3/5)

Ungläubiges Staunen: Über das Christentum von Navid Kermani
Inspiriert von Denis Schecks Empfehlung in „Druckfrisch“ habe ich spontan beim letzten Buchhandlungsbesuch nach diesem Buch gegriffen, ohne genau zu wissen, was mich erwartet: Ein hochgebildeter Muslim (Friedenspreisträger 2015) vermittelt seine Liebe zum Christentum anhand klassischer Kunstdarstellung: Caravaggio, Botticelli, Leonardo da Vinci und viele mehr, Bilder, Skulpturen, ein Kreuz, eine Kirche, ein Video — was sagen sie aus über unser Christentum und die Facetten von Liebe, Schönheit, Tod, Licht und Lust? Nebenbei vermitteln die 40 Bildbeschreibungen einen Abriß der christlichen Geschichte, Jesu` Leben und berühmter Heiliger. Durchdrungen ist das Buch von der Verständigung zwischen Christen und Muslime, wie der Heilige Franz von Assisi eine Freundschaft mit dem Sultan al-Malik al-Kamil teilte (ihr ist eine der längsten Passagen gewidmet).
Dass ein Muslim mir einmal das Christentum so nahe bringt, wie vielleicht zuletzt zu meiner Konfirmationszeit, das hat mich an diesem Buch fasziniert. Sehr empfehlenswert. (5/5)

Die Engel von Sidi Moumen von Mahi Binebine (Übersetzt von Regula Renschler)
Ein kurzer Roman über eine Gruppe Jugendlicher im Armenviertel Casablancas, die quasi „über Nacht“ zu Selbstmordattentäter werden. Hitzig geschrieben, in kleinen Episoden aus deren Alltag, Anekdoten, die wie selbstverständlich das Leben im Slum schildern, Fussball, Mädchen, Freundschaft. Ohne böses Ahnen oder manifestem religiösen Hintergrund werden sie dem Extremismus einverleibt, ohne je extremistisch zu sein. Das Bereuen und die Trauer kommt erst nach dem Tod, wenn der Engel seine Lebensgeschichte erzählt. Ganz erklären kann das Buch nicht, vielleicht ist das aber auch die Botschaft: Ganz erklären lässt sich Extremismus nie. Schon gar nicht verstehen. (5/5)

The Stand – Das letzte Gefecht von Stephen King (Übersetzt von Harro Christensen, Joachim Körber und Wolfgang Neuhaus, Hörbuch gelesen von David Nathan)
Schon lange höre ich an diesem Buch, wen wunderts, geht es doch vierundfünfzig Stunden, das sind für mich ca. hundert Fahrten zur Praxis und zurück. „Das letzte Gefecht“ habe ich mit sechzehn das erste Mal verschlungen, seither mein Lieblingsbuch von Stephen King, zehn Jahre später, im Studentenalter, noch einmal. Nun als Hörbuch, wie immer unvergleichlich gelesen von David Nathan, diesmal in der ungekürzten Fassung, genoß ich es, als habe ich es noch nie gelesen. Fantastisch. Wer einen langen Atem hat und Stephen King als Literat kennenlernen will, dem sei dieses Buch empfohlen. Die stark überzeichneten christlichen Motive sind Teil des Ganzen, für ein Seminar der Darstellung und Entwicklung von Romanfiguren ist „The Stand“ ein Lehrbuch. (5/5)

Wo sind die großen Tage geblieben? von Jim und Alex Tefengki
Eine graphic novel über drei Freunde, deren bester Freund Selbstmord begangen hat. Jeder bekommt ein Geschenk, das deren Leben verändern wird. Wunderschön coloriert, eine spannende, nachdenkliche Geschichte aus Paris. Keine Offenbarung, aber für zwischenrein gut lesbar. (4/5)

Ein Sommer am See von Mariko und Jilian Tamaki
DER gehypte Comic des letzten Jahres über zwei Freundinnen in ihrem Sommerurlaub. Eine Variante des Thema des Growing Up, Coming-of-Age, des Erwachsenenwerdens, wie man es auch nennen mag. Subtil gezeichnet, mit einem tollen Gefühl für Geschwindigkeit und Pausen. Ich vermute, dass ich nicht ganz der Zielgruppe entspreche, ich habe es mal auf den Buchstapel meiner Tochter gelegt. (4/5)

Das Gedächtnis des Meeres von Mathieu Reynès und Valérie Vernay (Übersetzt von Eckart Schott)
Und noch ein Comic. Noch ein Mädchen, noch ein „Großwerden“. Diesmal als Hintergrund die französische Atlantikküste, rauh, gefährlich, das Meer als Ungeheuer. Mir haben die Zeichnungen nicht so zugesagt, die Story war nett, die Auflösung sehr wort-, weil erklärungsreich, das kommt bei einer graphic novel eher unglücklich. (2/5)

Gesehen:
Stephen King’s The Stand – Das letzte Gefecht [2 DVDs] von Mick Garris
Dass von „The Stand“ eine Verfilmung existierte, wußte ich. Nachdem ich das Hörbuch zuende gelesen hatte, war ich neugierig, wie man knapp 1200 Seiten in eine „Miniserie“ von 4 x 90 Minuten quetscht. Ja. Ok. Das kann man so machen. Die Serie versprüht einen lustigen 90er Charme, im Fernsehformat gedreht, mit bekannten amerikanischen Schauspielern (Gary Sinise oder Molly Ringwald), der eigentliche Plot ist faszinierend schlüssig umgesetzt (von King persönlich), die Zwischentöne, der Spannungsaufbau und manch schöner Charakter wurden geopfert. Der Film taugt wohl eher als cineastisches Filmdokument, denn als Blockbuster. Gibt es, außer Kubricks „Shining“ überhaupt eine gute Stephen-King-Verfilmung? Edit: Beste King-Verfilmung ist sicher Kubricks „Shining“, „Misery“ und „Green Mile“ gleich dahinter. Aber die Adaptation für den TV-Markt konnten kaum überzeugen. (3/5)

 


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