Lieber Kollege Hauch …

… vielen Dank für dieses Buch.

Es wäre einfach zu schreiben, Sie haben genau das Buch geschrieben, das wir Kinderärzte im stillen Kämmerlein alle einmal schreiben wollten, aber, beim Heiligen “Laurence-Moon-Bardet-Biedl”: Es ist die Wahrheit.

Sie formulieren exakt die Erfahrungen in der Kinderarztpraxis, die Fallbeispiele, die Vorgänge in den Elternhäusern, den Kindergärten, den Grundschulen, bei Therapeuten, den Zeitgeist. Sie beschreiben, wie unsere Kinder und ihre Eltern ab Geburt unter ständigem Leistungsdruck stehen, wie jeder von ihnen stets nur Erfolge und Funktionieren erwarten und wie alle nur nach den Defiziten stieren. Sie beschreiben die Veränderungen in der Arztpraxis der letzten Jahre, weg von den Kinderkrankheiten, hin zu den sozialpädiatrischen Problemen, wir lesen von den Schwierigkeiten, die gerade Jungen haben, von den Tests, den Beobachtungen, die über die Kinder hineinbrechen, über die Meilensteine der Entwicklung, die eigentlich keine sind und über die Unfähigkeit aller Beteiligten, damit umzugehen.

Die Kapitelüberschriften (eine Auswahl) illustrieren den Rundumschlag Ihres Buches: “Von Masern zu Neuen Morbidiäten/Warum es schwerer geworden ist, Eltern zu sein/Das muss Ihr Kind können – muss es wirklich?/ADHS ist Dimensions- und Definitionssache/Warum es so schwer ist, nein zu Therapien zu sagen” usw. usf. Ein wenig Redundanz muß bei einer Empörungsschrift, wie Sie sie geschrieben haben, sein, denn man kann es nicht oft wiederholen: Therapien schaden. Sie zitieren Largo, Renz-Polster, Juul und Schlack, alles ehrenwerte Brüder im Geiste, die unsere Kinder so sehen, wie sie sind, nämlich – (CAVE: Banalität!) – Kinder und keine Versuchsobjekte von Erzieherinnen, Therapeuten oder, ja Eltern.

Ich rechne Ihnen hoch an, dass die Eltern so gut wegkommen, da greife ich mir an die eigene Nase, so gut gelingt mir das in meinem Buch und Blog nicht, zu sehr musste ich da ventilieren. Die Eltern können auch gar nicht anders – der Instinkt, die Natürlichkeit und Gelassenheit im Umgang mit den Kindern muß in der heutigen Zeit auf der Strecke bleiben. Zuviel “es muß”, “es soll”, “es wird erwartet” und “wenn nicht jetzt, dann…” vernebelt ihnen den Blick auf den spontanen Entwicklungsweg jedes einzelnen Kindes.

“Kinder haben ein Recht darauf, nicht ständig ans Morgen zu denken. Kindheit ist nicht die kurze Zeitspanne, in der der Mensch optimiert werden muss um das Rattenrennen um die besten Jobs und die besten Plätze in der Gesellschaft, Kindheit ist keine Krankheit, sondern Lebenszeit. Die wichtigste!”

Ich werde einen Karton mit fünfzig Exemplaren Ihres Buches ordern, um es jedem Kindergarten der Umgebung zu schenken und jedem mit überflüssigen Anfragen nach Therapien als Antwort zu schicken.

Kindheit ist keine Krankheit: Wie wir unsere Kinder mit Tests und Therapien zu Patienten machen von Michael Hauch, Regine Hauch – FISCHER Taschenbuch ISBN-10: 359603230X

“Lasst die Kinder in Ruhe!”, Michael Hauchs Artikel in der FAZ vom Februar letzten Jahres, der zu diesem Buch führte.

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Ein Pieks weniger

Breaking News:

Die Ständige Impfkommission STIKO hat in ihrem neuesten Bulletin, das stets im August erscheint, ein ganz kleines Bisschen an den Impfempfehlungen gedreht: So wechselt sie bei den Pneumokokken-Impfungen vom 3+1 Schema zum 2+1 Schema, d.h. es wird nur noch zweimal im ersten halben Jahr geimpft und ein drittes Mal im zweiten Lebensjahr. Bisher wurde die Pneumokokkenimpfung an die Sechsfachimpfung gekoppelt. Letztere verbleibt übrigens beim 3+1 Schema, obwohl dies in manchen Ländern anders gehandhabt wird.

Übrigens: Die von vielen erwartete Empfehlung zur Menigokokken B Impfung blieb im aktuellen Bulletin aus, zu unsicher sei noch die Studienlage. Das halte ich persönlich für eine mutige Entscheidung, denn eine Meningitis B ist für uns alle ein Horror sondergleichen.

SPON zu den Empfehlungen

Das neueste Bulletin als pdf.

Woanders 

Gefunden hier und da, auch freundlich zugesandt durch Leser, Follower und Tweeter, in jedem Fall spannend zu lesen. Viel Spaß:

Die Süddeutsche setzt sich mit den Risiken auseinander, die eine naturheilkundlich-alternative Behandlung von Kindern mit sich bringen kann. Wir Kinderärzte fürchten auch den alltäglichen Mißbrauch, das Kinder erfahren, wegen jedem Wehwechen ein Glaubulili bekommen zu müssen.

Immer mehr Krankenkassen setzen auf den Marktvorteil “Homöopathie” und verpulvert Geld für eine unwirksame Heilmethode. Panorama berichtet, was das für Ärzte bedeutet: Sie werden für Gespräche fürstlich entlohnt, wenn diese als homöopathische Anamnesen erhoben werden. Die sprechende Medizin fernab der Globuli bleibt außenvor.

Incidental Comics beschäftigt sich gerne mit dem Kampf um die richtigen Worte, das Bücherschreiben, die Literatur. Hier wieder ein wundervolles Beispiel für den nächtlichen Schreibanfall.

Was kann man Eltern umstimmen, die ihre Kinder nicht impfen wollen? Es ist immer noch die Darstellung der impfpräventablen Krankheiten an sich.

Ein wunderbarer Artikel aus der Zeit über den Mythos des Kellers, der mich daran erinnerte, dass der unsrige auch mal wieder eine Generalmobilmachung braucht. Online ist der Artikel im Stil des Scrollytelling erzählt, eine Erzählform, die ich erst durch Buddenbohms Linkliste kennenlernte. Tollstes Beispiel dazu.

Hat Euer Kind auch eine Zahnspange? Vielleicht ohne echten medizinischen Nutzen. Ein Sakrileg unter Kieferorthopäden. Auch ein lustiges Thema: Die Seilschaften zwischen den “Kiefis”, den Orthopäden und – wieder mal – den Osteopathen. Wäre auch mal was für Medizinjournalisten.

Während ich das hier schreibe, läuft im Hintergrund Paris, Texas von Wim Wenders. Zuletzt habe ich den Film in unserem Kommunalen Kino gesehen, da bin ich noch zur Schule gegangen, der Film war gerade ein Jahr alt. Wir saßen im ersten Stock unserer Ortsbibliothek, der Film kam von der Rolle (mit Pause), und wir saßen auf knarzenden Plastikstühlen. Ich bin sicher, ich habe ihn danach nie wieder gesehen. Trotzdem erkenne ich jede Szene wieder. Ganz großes deutsches Kino.

Wenn´s Pimmelchen mal rot wird*

golden boyWenn ein Kinderarzt als Diagnose “Balanitis” verschlüsselt, dann handelt es sich meist um eine “Balanoposthitis”, denn in der Regel ist bei dem Jungen Patienten nicht die Eichel (Glans, Balanos) entzündet, sondern die Vorhaut oder das umgebende Gewebe, teils auch kleine Drüsen im Penisschaft. Kaum ein Junge, der dies nicht einmal oder mehrmals in seinem Leben durchläuft, insbesondere, wenn die Vorhaut im Vorschulalter noch eng und verklebt erscheint und sich nicht zurückziehen lässt.

Bei alledem ist keine Panik angesagt: Viele Jungen, vor allem die mit Windel, haben ein rotes “Orificium” (also die Öffnung der Vorhaut, die Mündung des Harnleiters), das liegt am Urin, am Stuhlgang, an der Reibung durch die Windel, an der eigenen Manipulation (ja, manche sind da wirklich rabiat), am Smegma, dem Talg aus den Vorhautdrüsen. Aber auch übertriebene Hygiene (vor allem bei den weiterhin zu hörenden Empfehlungen, die Vorhaut bereits im Vorschulalter zurückzuziehen) begünstigt eine Entzündung.
Mit ein wenig “Babycreme” oder den Wunder-Panthenol-Mitteln geben sich die Reizungen wieder. Nimmt die Rötung zu, erreicht sie den Penisschaft, kommt es eventuell auch zu Schwellungen, kann man weitere therapeutische Schritte versuchen: Kamille-Umschläge, Ri.va.nol-Umschläge, deren tatsächliche Wirkung ist zwar umstritten, aber die Eltern haben etwas zu tun und ein wenig desinfizierend ist es allemal. Ein häufiger Grund für “tiefere” Entzündungen sind Urinkristalle, auch Sandkörnchen, die eine Reizung “im Innern” verursachen, in der Regel spült das der Urin aber beim nächsten Mal aus.

Unschön wird es, wenn sich eine gelbliche sämige Flüssigkeit bildet, eventuell hat sich nun eine bakterielle Infektion entwickelt – Versuche mit lokalen Antibiotika (z.B. mit den kleinen Augensalbentübchen), vorsichtig unter der Vorhaut appliziert, helfen. Der Kinderarzt nimmt vermutlich einen Abstrich.

Eine physiologische Phimose (Verengung der Vorhaut) begünstigt zwar eine Entzündung in diesem Bereich, aber sollte nicht als falsche Indikation für eine Beschneidung herhalten. Ausnahmen gibt es: Wenn eine Balanitis zu häufig vorkommt, kann das Gewebe sekundärentzündlich vernarben, was aus der physiologischen Phimose eine sekundäre Phimose macht. Diese wird sich im Schulalter nicht alleine lösen und muß dann operiert werden.

Grundsätzliche Empfehlungen bei Balanitiden: Windel mal weglassen, Reinigung nur mit Wasser, Waschlappen und “Babyseife”, Feuchttücher wegwerfen und Abwarten. Wer sich unsicher ist: Doktor zeigen, beruhigen lassen.
Abgefallen ist noch keiner einer kleiner.

Zum Thema Phimose die Broschüre “Mann, oh Mann” vom BVKJ.

(C) Foto bei Tiffa Day via Flickr

*das wird wieder tolle Suchanfragen via Google produzieren.

Gelesen im Juli

Wie auch im Juni – der Owen Meany. Da im englischen Original, hat es etwas länger gedauert, ihn zu lesen, dennoch war es, als lese ich den Roman ganz neu, das erste Mal.

A Prayer for Owen Meany von John Irving
Was kann ich noch über das Buch sagen, nachdem ich es nun zum zigsten Mal (aber erstmals im Original) gelesen habe? Vielleicht habe ich es tatsächlich neu entdeckt. Die Religiösität, die dem Buch entspringt, war mir nie so bewußt, obwohl man es in jeder Seite um die Ohren gehauen bekommt. Zu stark empfand ich immer den Charakter von Owen Meany selbst. Noch mehr verstand ich diesmal die vielen Metaphern und Symbole, und auch die Bezüge zur Gegenwart (1987, als das Buch erschien) verstehe ich jetzt besser als früher. Absolut bewundernswert: Irvings Komposition des Romans, seine Rück-, Vor- und Einblendungen, ohne je die Twists des Romanes vorher zu verraten.

In der englischen Kindle-Ausgabe gibt es noch ein schönes Interview mit John Irving, für Fans natürlich lesenswert. Amazon bietet zudem noch einen Guide für Lehrer an. Owen Meany ist in den USA inzwischen Schullektüre, die Aufgaben im A Teacher’s Guide sind sehr interessant, manche Fragen beleuchten Figuren und Ideen, über die ich mir (bisher) keine Gedanken gemacht habe. Wen es interessiert, also die verkappten Englischlehrer unter uns – angucken. Übrigens kostenlos. (5/5)

Die letzte Drachentöterin von Jasper Fforde
(übersetzt von Isabel Bogdan)
Hinein ins Vergnügen. So ab und zu lese ich gerne mal so genannte Jugendbücher, meist heute als “no-ager” oder “crossover” bezeichnet, also geschrieben für ein junges Publikum, aber eigentlich auch für uns Große hübsch lesbar, siehe Harry Potter oder John Green. Im “Drachentöterin” gehts um Jennifer Strange, mal wieder um Magie im Alltag, einer seltsamen Welt zwischen dem heutigen Großbritannien und einer Fabelvision davon, dem letzten Drachen in derselben und wer ihn töten soll. Herrlich lustige Verwicklungen, schnelle Handlungswechsel und ein Schluß, der Lust macht auf mehr (ist nur der Einstieg in eine Reihe von Büchern rund um Jennifer Strange). Fforde schreibt gerne Fortsetzungsbücher, mit Thursday Next bin ich nicht so warm geworden, die Reihe “Grau” hingegen scheint er leider nicht fortzusetzen, deren Debütroman fand ich wirklich gut. “Drachentöterin” jedenfalls — das kann noch sehr lustig werden.
Respekt vor Isabel Bogdan für die Übersetzung – was ist schwerer, als den englischen Humor ins Deutsche zu verpflanzen? So gut! (5/5)

Um Leben und Tod von Henry Marsh
(übersetzt von Katrin Behringer)
Der Kollege Neurochirurg schreibt ein Buch. Das hat mich interessiert und das habe ich auch bekommen: Kapitel für Kapitel ein Bericht aus dem OP-Saal, jeweils betitelt mit Erkrankungen (meist Tumoren) des Gehirns, Innenansichten des bekanntesten Neurochirurgen Englands, inzwischen im Ruhestand. Bei vielen Geschichten musste ich schlucken, verstand die Sicht des Arztes, aber bei keiner so sehr, als Marsh selbst zum Patienten wird.
Dennoch: Das Buch wirkt ein wenig zusammengestückelt, als habe ein Lektor (oder Verleger) ihn aufgefordert, “Mr Marsh, schreibens´e doch mal ein Buch. Tolle Idee: Sie nehmen sich immer einen Patienten und seinen speziellen Tumor und erzählen ein bisschen aus ihrem Leben, na, wäre das was?” Das Buch wird gelobt für die Eigenkritik des Arztes, für die Eingeständnisse der Fehler, die er in seiner Karriere begangen hat, und die jeden Mediziner verfolgen. Diese Passagen sind wichtig und schenken paradoxerweise noch mehr Vertrauen in einen solch erfahrenen Chirurgen. Der Rest sind Geschichten. Mehr nicht. Aber sicher bin ich auch die falsche Zielgruppe. (3/5)

Die Schneekönigin von Michael Cunningham
(übersetzt von Eva Bonné)
Naja. Na gut. Nicht mein Buch. Nicht mein Stil. Die Bilder und Gedanken zu verschwurbelt, die Charaktere für mich zumindest zu wenig identifizabel (urgs…). Irgendwie geht´s um zwei Brüder, die Freundin des einen ist an Krebs erkrankt, spielt in New York, prima. Der eine ist schwul, der andere ein verkappter Rockmusiker. Soviel zum Klischee der New Yorker. Ich bin einfach nicht reingekommen. Da “nur” ausgeliehen hier per Onleihe, zum Glück in der Anschaffung verzeihbar. Lektüre abgebrochen. (1/5)

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Herr Doktor, ´s Bobele hat so´n Pickele – Blogrecycling

Dermatitis solaris (Synonyma Dermatitis caloris, Hitzepickel, Hitzefriesel, Schwitzbläschen, Sudamina, Hidroa, Hippelchen, Schweisspusteln, Juckbläschen, Miliaria), in der Regel Hitzepickel genannter Ausschlag, der meist nach übermässiger Wärmezufuhr, z.b. während Hitzewellen, aber auch in der Sauna oder einer Säuglingswindel entstehen kann.
Feinfleckiger bis konfluierender Ausschlag im bereich der ekkrinen Schweißdrüsen, also Achseln, Dekolleté, Rücken, Genitalbereich, aber auch ubiquitär vorkommend, meist mit mildem bis starkem Juckreiz einhergehend, verstärkt durch Cremes, Salben, auch Sonnenschutzmitteln, oder wenig Wasserkontakt (siehe Badewannenallergie).

Häufiger Vorstellungsgrund kleiner Kinder im Sommer in der betreuenden Kinderarztpraxis, dann mit weitläufigen Diagnoseverdachtsmomenten wie Pocken, Windpocken, Sonnenallergie (was´n das?), Neurodermitis, Röteln, Ringelröteln, Zecken (!), Nahrungsmittelallergien. Meist harmloser Befund mit massivem Verdacht auf gesundem Kind, regelmäßig durch gutes Zureden, klarem Wasser und kühlem Kopf behandelbar. Kein Grund für Kindergarten- oder Schulkarenz, geschweige denn “Bezug von Krankengeld bei Erkrankung des Kindes” (siehe Formblatt Muster 21 – 10.2014).

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… das mußte aus aktuellem Anlass sein. Ich Schelm, jetzt recycle ich schon meine eigenen Artikel. Mir fällt eben nichts mehr ein. ;-P

Tipps für eine heiße Praxis – für Ärzte

– Rechnen Sie damit, dass (vor allem die kleinen) Patienten lieber ins Freibad gehen, als bei Ihnen eine Vorsorgeuntersuchung oder eine Impfung durchführen zu lassen.
– Kalkulieren Sie dabei ein, dass Telefone bei über 35 Grad im Schatten nicht mehr funktionieren (um evtl. obige Termine abzusagen).
– Nehmen Sie in Ihre Impfaufklärung den Hinweis “Hitze macht bei der Impfung kein erhöhtes Nebenwirkungsrisiko” ebenso auf, wie den Hinweis, dass “die Impfung auch bei hohen Außentemperaturen im Körper nicht denaturiert”.
– Verzichten Sie auf das Händeschütteln. Das war schon immer unhygienisch. Jetzt klebt es auch noch.
– Motivieren Sie Ihre Mitarbeiter zum Trinken (ein kostenloser Wasserkasten alle zwei Stunden erhöht die Arbeitsmoral ungemein) und sind Sie mal großzügig, wenn auch die Patienten und ihre Eltern hin und wieder zur Flasche greifen.
– Fenster sind von Arbeitsbeginn bis 9 Uhr offen zu halten, außerdem von 19 Uhr bis Arbeitsschluss.
– Da Ihnen Ihr Vermieter keine Klimaanlage bei Vertragsabschluß spendiert hat, dürfen seine Enkel kostenlos behandelt werden – aber nur in den Sommermonaten.
– Stören Sie sich nicht an Bienen, Fliegen, Wespen oder Stechmücken – diese erkunden nur das Terrain und verlassen in aller Regel die Räume wieder ohne Einwirken auf das Geschehen. Bei anstehenden Blutabnahmen ist ein Moskitonetz vorzuhalten.
– Lassen Sie ausnahmsweise die Zimmertüren offen, das schafft Vertrauen für den nächsten Impfling und kühlt die Gemüter. Weinende Kinder hinter verschlossenen Türen sind sowieso suspekt für die Wartenden.
– Ein Wasserspender wird zwar in diesen Tagen gerne gefordert, rentiert sich aber wegen der Sturzgefahr durch Wasserflecken nicht.
– Scherzen Sie am meisten mit den Kindern namens Annelie, Clara und Bigi. Die mit den seltsamen Namen stapeln tiefer.
– Begrüßen Sie die gutgemeinten Mitbringsel der Eltern (Eis, Eis am Stiel, Eis in der Waffel, Eiskonfekt, Becher Eis…) und ärgern Sie sich nicht, auf das Gefrierfach im Kühlschrank verzichtet zu haben.
– Danken Sie dem Weitblick Ihres Praxisausstatters, den Impfstoffkühlschrank im Server-Raum platziert zu haben, das Mehr an Energieverbrauch wird durch das Ausbleiben eines akuten Shutdowns der Computeranlage wettgemacht.
– Vergessen Sie die Pflaster. Platzwunden lassen sich eh besser tackern.
– Tragen Sie kurze Hosen. Ihre Seriösität wird darunter nicht leiden.
– Freuen Sie sich über ruhigen Arbeitstage – der nächste Coxsackie-Virus kommt bestimmt.

Gelesen im Juni

Schwierig, schwierig, dieser Monat. Ich kam ja aus dem Urlaub und wenn man so entspannt ist, reifen seltsame Ideen. Ich hatte bereits früher John Irving auf englisch gelesen, aber jetzt wollte ich mich an meinen absoluten Irving-favourite machen (eigentlich eines meiner Lieblingsbücher überhaupt):

A Prayer for Owen Meany von John Irving
Der lässt mich gerade nicht los. Ich lese zwar auf dem Kindle, dann ist der Wälzer gewichtsneutral, aber dennoch habe ich erst 49% Lesefortschritt im ganzen Juni geschafft. Es sind die alltäglichen Begleitumstände, die mich vom Lesen abhalten.
“Owen Meany” ist John Irvings Meisterwerk: Seine Abrechnung mit den Religionen dieser Welt (oder zumindest dem Religionswahn in den Staaten), gespiegelt durch die Parabel eines “auserwählten” Jungen, sehr speziell in seinem Körperbau, seiner Sprechweise und seinen Ideen, ist Owen Meany der beste Freunde des Protagonisten, dessen eigene Geschichte seltsam in den Hintergrund gedrängt wird und dennoch alles bestimmt. Irving durchsetzt die Jugendgeschichte der beiden Freunde mit Einsichten in die Amerikanische Politik der ausgehenden Achtziger Jahre, Ronald Reagan, die Contra-Affäre. Der Roman ist unglaublich gut geplottet, auch wenn John Irving gerne behauptet, er schreibe (bis auf seine berühmten letzten Sätze) “von vorne”. Ich kenne ja schon das Ende, und bin jedesmal entzückt, wie John Irving die Story-Fäden zusammenführt bis zum Gipfel auf den letzten Seiten. Davor: Zeitsprünge, Parallelgeschichten, liebenswerte schrullige Charaktere, die von John Irving bekannte seltsame Auseinandersetzung mit der Sexualität und die Rollenspiele von Mann und Frau – ein typischer Irving eben.
Ich habe ihn schon ein paar mal gelesen, er ist “mein Roman” meines Studiums, bisher aber immer nur auf deutsch, jetzt lese ich das Original – dank WordWise auf dem Kindle auch mit nicht zu großen Vokabellücken.
Es gibt keine Bewertung, da dieses Buch alle Bewertungen sprengt.

Doppler von Erlend Loe
(Übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, Gelesen von Andrea Fröhlich)
Naja. War eine Empfehlung aus dem Twitter/Facebook-Kosmos, ich habe das Hörbuch beim Autofahren gehört, und … naja. Ganz ok. Ganz nett, ganz lustig. Der Typ, der “aussteigt”, um mit einem Elch im Wald zu leben. Ja. Passt. Das Problem ist: Ich wurde mit Doppler, dem Ich-Erzähler, nie so ganz warm. Zu wirr seine Ideen, zu misanthropisch, zu genervt, zu pessimistisch. Ich habe die ganze Zeit auf den Twist gewartet, auf den geistigen Fortschritt dieses verbohrten Typen, aber weder der depressive Nachbar, sein eigener kleiner Sohn, schon gar nicht die Niederkunft seiner Frau haben irgendetwas geändert. Völlig daneben. (1/5)

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Die Vorsorgeuntersuchungen – U6

Hurra, das Bobele ist ein Jahr alt! Einer der wichtigsten Geburtstage für die Eltern, dem Kinde ist es völlig egal – außer, es gibt genug Geschenkpapier, mit dem es spielen kann. Die Verwandtschaft versammelt sich, alle singen, das Kind ist verblüfft über so viel Aufmerksamkeit und gibt sich ganz dem Fremdeln hin – und dem Trotzen, weil der normale Tagesrhythmus flöten geht.

Beim Kinderarzt beginnen mit der U6 die fremdkritischen Vorsorgeuntersuchungen: Wer das Fremdeln bei der U5 noch nicht kannte, jetzt gehts ab. Was ist denn das für ein Typ, der mit meinen Eltern redet, was macht denn die Frau da, die wird mich doch wohl nicht messen…. Wäääh! …. wiegen …. Wääääh!, Mama, rette mich. Was denn, was denn, nackt muß ich auch noch sein, ich kenne die doch alle gar nicht… Ja, eine Untersuchung in fremder Umgebung mit fremden Menschen in fremden Licht kann das Bobele ganz schön aus dem Takt bringen.

Aber mißverstehen wir bitte diese Emotion nicht: Die Kinder haben keine Angst, warum auch? Woher sollen sie Angst kennen? Das Weinen ist eher ein Ausdruck der Unzufriedenheit, des Frustes. “Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden”, möchte der Patient sagen. Denn dieses Alter ist der Übergang aus dem Fremdeln zum Trotzen, und letzteres (bescheuertes deutsches Wort) bedeutet die Unleidigkeit darüber, dass nicht mehr alles so geht, wie sich der kleine Mensch das so vorstellt. Und was nun anderes tun als Weinen, denn darauf haben Mama und Papa doch bisher immer so gut reagiert? Dazu kommt das Nahetreten in den Intimbereich des Kindes: Viele akzeptieren es, wenn Herr oder Frau Doktor mit den Eltern auf Abstand spricht, sogar, wenn wir auf gewisse Entfernung Augen- oder Ohrenuntersuchungen machen. Aber entsteht Kontakt durch die Hände, das Stethoskop oder vielleicht auch nur ein Blickkontakt, ist das ein Eindringen in den Nahbereich, das ist unangenehm, es wird gemotzt. Uns Kinderärzte stört das nicht, also bleibt entspannt, liebe Eltern, die meisten Kinder reagieren so.

Die Untersuchung passt sich dieser Abwehrhaltung an: Viel kann man nicht untersuchen. Hörcheck, Sehcheck, Brücknertest, Abhören, Genitale, zügig und schnell, ehe Madame oder Monsieur der Situation gewahr werden und protestieren. Gut funktioniert die U6 immer auf dem Schoß der Mutter oder des Vaters. Alleine mit dem Doc am Wickeltisch? Vergiß es.

Das Kind bewegt sich jetzt frei fort – wie es das will, robbend, krabbelnd, am Tisch entlang oder bereits laufend. Aber merke: Freies Laufen beginnt erst jetzt und darf mit achtzehn Monaten erreicht sein. Also nicht zu ehrgeizig sein. ´s Bobele greift gezielt mit der Hand, aus dem Zangengriff wird jetzt ein Pinzettengriff, es spricht deutliche Worte wie Mama Papa Gaga da da du du Gigi BoBo Ubu und versteht so einige kleinere Aufforderungen wie “kuck einmal“ oder “wo ist die Omma” und kann so nette Spielchen wie “Ich versteck mich und du findest mich”. Idealerweise ißt Schatzi jetzt komplett am Tisch mit und nuckelt nicht mehr an der Flasche. Klappt natürlich nicht immer. Aber vor allem zeigt der liebe Säugling, dass er jetzt ganz schön groß ist – und die Familie gut im Griff hat. Stimmt’s?

Achja: Mit einem Jahr wird weiter geimpft, es folgen die Lebendimpfungen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken, außerdem die Meningokokken C Impfungen und danach die erste Wiederholungsimpfung der Säuglingsimpfungen. Ausnahmen sind die kleinen Helden, die bereits mit 12 Monaten in einer Tageseinrichtung oder bei der Tagesmutter sind, sie sollten bereits vorher, z.B. mit 10 Monaten ihre Masernimpfung erhalten. Wenn’s ansonsten gut läuft und nicht die ersten Erkältungen alles verschieben, ist das Kind mit 15 Monaten komplett geimpft. Ist doch gut, oder?

Und dann ist Pause beim Kinderarzt: Mit zwei Jahren geht es erst weiter, mit der U7.

Aus dieser Reihe:
Die Vorsorgeuntersuchungen – U1
Die Vorsorgeuntersuchungen – U2
Die Vorsorgeuntersuchungen – U3
Die Vorsorgeuntersuchungen – U4
Die Vorsorgeuntersuchungen – U5

Doping

Erzählt mir doch letztens eine Mutter, eine Mitmutter aus dem Kindergarten habe ihr letztens unter vorgehaltener Hand gestanden, sie gebe ab und zu ihren Kindern einen Schluck Paracetamol vor dem Kindergarten, wenn diese zu, was war das Wort?, “anhänglich” seien.

WTF? Ähnliches hat mir vor Jahren ein Oberarzt gestanden: Bei Überseeflügen bekamen seine (damals) Vorschulkinder eine Dosis Fen.is.til, bekanntermassen mit der dabei gewünschten Nebenwirkung der Müdigkeit. Das mag bei Juckreiz am Abend bei Neurodermitis oder einer allergischen Reaktion ja noch angehen, damit das Kind schlafen kann… aber als Beruhigungsmittel auf dem Flug?

Gerne gibt man fiebernden Kinder ein wenig Ibu, damit die Erzieherin oder der Grundschullehrer nichts von der Krankheit mitbekommt. Geht auch gut mit Hustenstillern bei Dauergehuste. Lästig, so was.

Bequemlichkeit steckt dahinter. Bequemlichkeit, nicht einen anderen Urlaub zu buchen, sondern den, den die Eltern sich wünschen. Und Bequemlichkeit, sich am morgen den “Anhänglichkeiten” des Kindes zu stellen, also seinen Verlustängsten, seinem kindlichen Bauchgefühl, dass es alleine ohne Mama in den Kindergarten abgeschoben wird. Da müßte man sich ja ausgiebigst mit dem Kinde auseinandersetzen.

“Ich pumpe mein Kind nicht mit allem voll…”, ein klassischer Spruch aus der Formelsammlung der Akademiker-Eltern, so ähnlich wie “Ich geh ja nicht mit allem zum Arzt”. Und trotzdem habe ich gerade ein paar anekdotische Mütter- und Vätergesichter vor Augen, die sich im zweiten, dritten oder vieren Einsatz genau so verhalten: Häufiger zum Arzt zu gehen als nötig und lieber einmal häufiger ein Antibiotikum einzufordern. Die Zeiten, in denen wir Kinderärzte diskutieren mussten, indizierte Medikamente doch bitt’schön zu geben, sind vorbei, das hatte ich früher schon mal geschrieben. Heute musst Du eher aufs Zuwarten drängen.

Oder Eltern, wie denen weiter oben, etwas erzählen von früher Medikamentenabhängigkeit und geprimten Suchtverhalten (siehe übrigens auch “Globuli, die”, für alles und immer einzunehmen). Schon mal selbst davon mitbekommen, wie die im Anfang benannte Mutter? Ansprechen, Kritisieren, die soziale Ächtung reflektieren! Irritierte Gesichter allenthalben.

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