Gelesen im Januar

Etwas verspätet – dennoch. Meine Lektüren im letzten Monat, diesmal etwas comiclastig:

Der begrabene Riese von Kazuo Ishiguro (übersetzt von Barbara Schaden)
Mein Buch des Januars, vielleicht des Jahres bereits. Ein Märchen aus der Zeit von König Artus, viel Traumphantasien, nebulösen Ideen, Rittern, Edelleuten und dem ganz normalen Volk. Vor allem aber eine Hommage an das Zusammenleben von Mann und Frau, damit der Familie, der Liebe, den Kindern. Ein Buch, das ein zweites Lesen zwingt, um es zu interpretieren, ein Buch für Lesezirkel, fürs Unterhalten darüber. Sensationell. Wenn man sich drauf einlässt. (5/5)

Florian Berg ist sterblich von Janko Marklein
Ja. Ganz nett. Der Typ ist ein Widerling, ich hätte ihm alles Blöde dieser Welt gewünscht, der Stil des Buches flockig, locker, das Setting: Studenten. Kann man lesen, ich wollte, ich hätt´s gelassen. (2/5)

Harold von einzlkind
Da schleicht ein wenig “Harold und Maude” durch die Seiten, bei dem Titel natürlich beabsichtigt, der titelgebende Harold ist genauso einer. Der wiederum trifft auf einen inselbegabten Jungen, beide reisen sie quer durch England auf der Suche nach dem Vater desselben. Da gabs ein paar Plotholes, das nicht überraschende Ende, dass der letzte in der Liste der Namen der Vater sei … oder auch nicht? Unglaubwürdige Geschichten mit allerdings zwei sympathischen Hauptfiguren (die man aber auch irgendwo schon mal gelesen hat). (3/5)

Revival von Tim Seeley und Mike Norton
Soll so was wie “Walking Dead” sein, nur dass hier die Toten wirklich wieder leben. Bisschen langweilig, zuviele Perspektivensprünge, die irritieren und ärgern, dazu etwas zu konventionell, also langweilig gemalt. Splatter alleine reicht nicht. (1/5)

Kinder der Hoffnung von Marc Levy und Alain Grand
Tolles graphic novel über die Resistance, nach einer wahren Geschichte, den Aufzeichnungen von Marc Levys Verwandten und seinen Mitrebellen in Frankreich. Erschreckend schöne Bilder, viel schlimmer die Visualisierung der Verschleppung der gefassten Resistancekämpfer ins KZ. Sehr beeindruckend. (5/5)

Weißer Schatten von Antoine Ozanam und Antoine Carrion
So, wie “Revival” das zweite “Walking Dead” sei, ist dies hier die Version für Arme von “Games of Thrones”. Die Bilder sind ganz schön gruselig und mystisch, die Story aber etwas zu dünn und durchsichtig. (1/5)

Irmina von Barbara Yelin
Und noch ein tolles graphic novel, wieder angesiedelt in der Zeit des Dritten Reiches. Irmina ist ein Mädchen, das kurz vor der Machtergreifung ein Auslandsjahr in London verbringt, sich dort in einen Schwarzen verliebt, zurückkehrt ins Hitlerdeutschland und am Ende einen SS-Offizier heiratet. Und dabei letztendlich ihr eigenes Leben verrät und verkauft an das angepasste Leben in Deutschland. Sehr traurig und ergreifend, immer wartend auf das große happy end, das zwar kommt, aber dann doch auch nicht. Schöne Bilder von London und – ja – auch Deutschland der damaligen Zeit. Viel Luft zum Nachdenken über die Zeit und, wie so oft bei diesen Büchern, darüber, wie man sich selbst verhalten hätte. Oder? (5/5)

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Gelesen im Dezember

Der Dezember war geprägt von Arbeitsanflutung in der Praxis, Vorbereitungen für Weihnachten, Deadlines für den Adventskalender im Blog – da blieb nur wenig Zeit für die schönen Lesestunden. Ein paar brachten:

Erschlagt die Armen! von Shumona Sinha (Übersetzt von Lena Müller)
War wohl ein Skandalbuch in Frankreich, da die Autorin als Dolmetscherin in Flüchtlings- und Behördeneinrichtungen gearbeitet hat und ihre Erfahrungen und Gefühle in diesem Roman verdichtete – nicht unbedingt immer politisch korrekt. Anstoß erregte vor allem, dass sie – selbst ehemaliger Flüchtling – niedere Beweggründe und Täuschungsmanöver der Geflüchtete ansprach. Interessant geschrieben, teils etwas gedankenflüchtig, nicht immer am Thema bleibend, aber vor allem in seiner Skandalträchtigkeit überschätzt. Für das ernste Thema beinahe zu blumig-poetisch, bei mir kam am Ende nur ein “So what?” heraus. Sicher ein Buch, dass jeder anders aufnimmt. (3/5)

Bilder deiner großen Liebe: Ein unvollendeter Roman von Wolfgang Herrndorf
Der letzte Roman des m.E. großen Schriftstellers, wie bekannt unvollendet, dennoch weitergesponnen durch Herrndorfs nahen Freunde Kathrin Passig und Marcus Gärtner. Isa ist die dritte Hauptperson in Herrndorfs “Tschick” und ihre Geschichte wird hier erzählt. Der Stil entspricht dem des Nachbarromans, daher flüssig und hintergründig lesbar. Dennoch bleibt der Roman eben unvollendet und am Ende fragt man sich – genau… Mein Lieblingsroman von Wolfgang Herrndorf bleibt “Sand”, extrem komplex und unterhaltsam, viel zu unbekannt. Dieser letzte Roman hier trotzdem: (4/5)

Huck Finn von Olivia Vieweg
Ich wollte nach “Antoinette” unbedingt noch eine graphic novel von Olivia Vieweg lesen, also “Huck Finn” – ich war ehrlicherweise etwas enttäuscht. Klar, die Geschichte war spannend und auch für Jugendliche sicher mitreißend, kein Wunder, Huckleberry Finn und so. Aber dann driftete die Geschichte zum Ende in eine Peng- und Knallgeschichte ab, etwas verstörend. Das ist zwar konsequent zur Originalvorlage von Mark Twain, aber für ein Buch der heutigen Zeit wohl eher unglaublich. Zum Schluß gibts eine schöne Kurve zum Guten, na denn. (2/5)

Wie ein leeres Blatt von Pénélope Bagieu und Boulet (Übersetzt von Ulrich Pröfrock)
Eine junge Frau erwacht auf einer Parkbank und erinnert sich an nichts. Einfache Idee, schon oft durchdacht, hier in Comicform. Toll gezeichnet, schöne Storyline und schnelle Identifikation mit der Hauptperson. Dazu viel Humor und nette Nebencharaktere. Rundum super. Dass die Geschichte am Ende so ganz anders ausgeht als gedacht, macht das Ganze nur noch besser- (5/5)

Fargo – Season 1
Oh yeah. Meine Serie des Jahres. Ich bin sowieso ein Fan aller Dinge, die die Brüder Coen so anfassen, hier waren sie Koproduzenten des eigenen Originalstoffes. Der Film war schon sensationell, die Serie ist in ihrem Genre mindestens ebenbürtig: Die schwangere Polizistin liebenswert, der Bösewicht zum Gruseln, dennoch faszinierend, alleine der “böse” Gute fand ich mit Bilbo Freeman etwas seltsam besetzt. Ok, aber auch interessant. Gewinner auf jeden Fall: Billy Bob Thornton. “Breaking Bad”? “Game of Thrones”? Ach was – Fargo! Einself! (5/5)

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… morgen geht die Praxis wieder los, dann gibt es hier auch wieder Geschichten daraus. Versprochen.

Lieblingsbücher 2015

Jaja, die Rückblicke zwischen den Jahren…
Seit einiger Zeit schreibe ich hier am Anfang des Monats, welche Bücher, Comics, Filme und Serien ich im Monat davor konsumiert habe, völlig off topic, denn dies ist schließlich ein Kinderarztblog, aber als Rückblick für mich zum Nachlesen ganz lustig. Nun heute also der Rückblick der Monatsrückblicke – meine Lieblingslektüren 2015, beschränkt auf zehn Bücher (ohne Ranking):

Das Glück der anderen von Stewart O´Nan (Übersetzt von Thomas Gunkel)
Altes Land von Dörte Hansen
Im Frühling sterben von Ralf Rothmann
Die Straße von Cormac MacCarthy (Deutsch von Nikolaus Stingl)
Kindheit ist keine Krankheit von Michael Hauch
Die letzte Drachentöterin von Jasper Fforde (übersetzt von Isabel Bogdan)
Nazis, Nadeln und Intrigen: Erinnerungen eines Skeptikers von Edzard Ernst
Kindeswohl von Ian McEwan (übersetzt von Werner Schmitz)
Schwimmen in der Nacht von Jessica Keener (übersetzt von Maria Hummitzsch)
ok, und natürlich: Avenue of Mysteries von John Irving

Mir fällt auf, dass es kein DAS Buch 2015 für mich gab. Das Jahr scheint für mich eher eine Durststrecke in Sachen guter Lektüre gewesen zu sein. Vielleicht war es aber auch nicht mein Jahr fürs Lesen, vielleicht waren die vibes andere, ich habe z.B. viele Serien geschaut (“The Wire”, “Fargo” z.B.), viel DIE ZEIT gelesen, da blieb nicht viel übrig für das tägliche Romane lesen. Das mag sich 2016 ändern.
Den “John Irving” habe ich daher oben hineingeschummelt, ich habe ihn noch gar nicht durch, aber das ist ein tolles Buch des Jahreswechsels.

Achja, und noch eines, bei dem ich gerade in den letzten Kapiteln liege:
Der begrabene Riese von Kazuo Ishiguro (übersetzt von Barbara Schaden)
Sehr empfehlenswert – dazu demnächst mehr beim “Gelesen im Januar”. So, jetzt sind es doch elf geworden.

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Gelesen im November

Gehen, ging, gegangen von Jenny Erpenbeck
Mmmmh, ja. Ok. Kann man lesen. Richard, der ausgebrannte Professor, sucht Kontakt mit den Flüchtlingen in Berlin. Passt zur Zeit, erweitert in jedem Fall den Horizont, was das Thema angeht und ein jeder, der´s gelesen hat, kann sich nun rühmen, mehr dazu zu wissen. Literarisch bestimmt toll geschrieben, meins ist es nicht. Auf der Shortlist für den Buchpreis 2015. Empfehlenswert zu Weihnachten? Für die Germanistik-Interessierten. (2/5)

Sehr gerne, Mama, du Arschbombe von Patricia Cammarata
Darüber habe ich bereits geschrieben – ist was für eine gute Freundin zum Weihnachtsfest. (4/5)

Blankets von Craig Thompson
Brilliante graphic novel über das religiös verbrämte Heranwachsen eines Jugendlichen, seiner ersten Liebe und ersten “Erfahrungen”, autobiographisch kritisch, daher knisternd gut. Trotz knapp 600 Seiten an einem Tag durchgelesen. (5/5)

Antoinette kehrt zurück von Olivia Vieweg
Antoinette kehrt in ihr Deutschland der Kindheit zurück, um mit der Vergangenheit endgültig aufzuräumen. Gelingt ihr das? Der Leser bleibt zweifelnd zurück. Eine kurze Graphic novella, schön naiv gezeichnet und dabei umso eindringlicher. Macht Lust auf Mehr von Frau Vieweg. (5/5)

Avenue of Mysteries von John Irving
Muß ich hier listen, denn ich lese gerade dran, und die “Avenue” ist jetzt schon MEIN Buch des Novembers und Dezembers. Ich bin Irving-Fan und hier hat der Meister nach ein paar Schwächen der letzten Romane wieder mal einen Klassiker seiner Schreibe vorgelegt: Ein Krüppel, ein Waisenkind, sexuelle Verwicklungen, Übernatürliches und ein Schriftsteller. Irvings Variationen des ewig gleichen Themas – egal, das funktioniert auch beim vierten ähnlichen Roman. Nobelpreis bitte. (7/5)

S. – Das Schiff des Theseus von J.J. Abrams und Doug Dorst
(Übersetzt von Tobias Schnettler)
Ein Film als Buch, “Lost” in Print, keine Ahnung. In jedem Fall die Gegendarstellung zu allen ebooks dieser Welt. Vielleicht die Zukunft der Buchkunst. Ein Roman in einem Roman, eine Story hinter der Geschichte, Zettelchen, Fotos und Karten als Hinweise, etwas anstrengend im Lesefluß, die Auflösung wohl eher dröge, aber das Leseerlebnis sucht seinesgleichen. Ein Weihnachtsgeschenk für alle Bibliophilen. (4/5)

Gesehen:
Halt and catch fire, Fernsehserie von AMC (Christopher Cantwell und Christopher C. Rogers), bei Amazon Prime
Zufällig gefunden unter den Stream-Serien bei Amazon, die Geschichte eines Visionärs, einer verrückten Softwareentwicklerin und einem Hardware-Nerd in den frühen Achtziger Jahren, die Entwicklung der ersten tragbaren PCs, die Verwirrung in einem “mittelständischen” Unternehmens der USA zwischen den Mächten der Branche. Dabei eine Charakterstudie der drei (oder fünf) Protagonisten, ganz langsam in der Entwicklung bis zum schrillen Finale. Beste Szene: Die Offenbarung des Apple MacIntosh. (5/5)
Die zweite Staffel fällt etwas ab.

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Wenn da nicht der Titel wäre

@dasnuf a.k.a. Patricia Cammarata schickte mir ein Rezensionsexemplar ihres Buches “Sehr gerne, Mama, Du Arschbombe”, das mal gleich zum Anfang – ganz in ihrem Sinne, ein solches als solches zu kennzeichnen.

Da ich Doktor bin, habe ich mir zunächst die Geschichte beim Kinderarzt rausgepickt, die mit der U8, viel Fremdschämen für die Kollegin dabei, viel “geht ja gar nicht”. Hoffentlich mache ich das aus der Sicht der Eltern ein wenig feinfühliger. Auch wenn ich Patricia Cammaratas Sarkasmus und dramatische Übertreibung abziehe, bleibt genug übrig, um sich zu schütteln. Respekt für “Kind 3”.

 Dann habe ich von vorne gelesen, wie sich das gehört. Muß man aber bei dem Buch gar nicht, schließlich gibt es keinen Plot, keinen Zusammenhang, die Kapiteleinteilungen dienen nur der groben Orientierung, mehr brauchts nicht, den dies ist das Best-of ihres Blogs “das nuf advanced“. Das spricht die Nicht-so-Blogaffinen an, das macht Sinn, schließlich sollte jederfrau/mann an Frau Cammaratas trockenem Humor, den überraschenden Wendungen und entwaffnenden Einsichten der Geschichten teilhaben. Das Nuf ist ein Urgestein des (weiblichen) Bloggens, Frau Nessy hat das schön dargestellt, hier also das Buch zum Blog, das Blogbuch, das Print zum Screen. Ein wilde Sammlungen an den Alltäglichkeiten, die wir Eltern so kennen, das Anziehen, das Zubettbringen, das Essen, der Kindergarten, die Pekipgruppe, huch, die Erziehung. Lesen kann das jede/r, der/die Kinder großzieht oder sich gerne über Kinder und ihre Eltern echauffiert. Der Wiedererkennungsfaktor ist hoch.

Über Frau Cammaratas Stil schreibe ich nur soviel: Göttlich. Weil lustig. Und pointenreich. Also Blog anlesen, oder via Kindle Leseprobe oder schlicht mir vertrauen und kaufen. Achja: Der Beetlebum hat illustriert, was die Sache noch cooler macht.

Jetzt kommt das mit dem Titel (was da oben im Titel steht). Wenn ich das “das nuf” nicht via Blog gekannt hätte und nur ein einsamer Familienvater auf der Suche nach etwas Zerstreuung in einem Buchladen wäre – dieses Buch hätte ich mir nicht gekauft. Warum stets Fäkaliensprache? Warum “Arschbombe”, “Kinderkacke“, “Fuck” oder “Elternschiss“? Wieso meinen Verlage, dass sich Bücher so besser verkaufen? Weil Eltern sich gerne mit Ausscheidungen und Gossensprache beschäftigen, oder Kinder sich gerne wider besseren Wissens in der Wortwahl vergreifen? Oh, wie lustig. Sex and Puke sells. Na, danke auch.

Patricia Cammarata, “Sehr gerne, Mama, Du Arschbombe – Tiefenentspannt durch die Kinderjahre”, Bastei Lübbe, 8,99 €

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Hilfe, mein Kind hustet II

Gibt es eine häufigere Frage, einen häufigeren Vorstellungsgrund in der Kinder- und Jugendarztpraxis als: “Mein Kind hat Husten, was soll ich tun?”

Warscheinlich nicht. Die Erkältungszeit hat begonnen, die Sommerferien liegen lange genug zurück, die Schul- und Kindergartenkinder hatten genug Zeit, ihre Schnupfenviren zu tauschen und zu konservieren. Keine Gruppe im Kindergarten, die nicht mindestens vier oder fünf Rotzekinder ihr eigen nennt, keine Kindergartentür, an der nicht “Liebe Eltern, wir haben zwei Fälle von Scharlach, drei Kinder mit Streptokokken” (sic!) “und fünf mit Infekten” (sic, sic!) “in der Gruppe.”

Grundsätzliches
Erkältungen gehören zum Kindesalter dazu wie das Laufenlernen oder das Zahnen. Sobald das Bobele Kontakt mit anderen Kindern bekommt, beginnt der Austausch der Viren (denn meistens sind es Viren, die die Erkältungen auslösen).
Da kann das Kind ein Jahr sein, drei oder sechs – irgendwann wird es eine Zeit geben, in dem ein Schnupfen dem nächsten die Klinke in die Hand gibt. Da über die Hälfte der Kinder inzwischen vor dem zweiten Lebensjahr in Betreuungseinrichtungen kommt, verschiebt sich das Eintrittsalter der Abwehrstärkung auch nach vorne. Das hat Vorteile – die Kinder sind früher aus dem Alter wieder raus und können die Vorschulzeit infektfrei überstehen, aber vor allem Nachteile: Je kleiner das Kind, desto beeinträchtigter reagiert der Organismus, desto sorgenvoller die Eltern, desto eingeschränkter sind die Behandlungsmöglichkeiten.

Bei ein wenig laufender Nase bleiben alle noch ruhig. Besorgt sind die Eltern und Erzieher erst beim Husten, dem bösen bösen Symptom, das Unheil bringe. “Ich komme ja nicht bei jedem Schnupfen, aber der Husten der letzten zwei Tage, das hat mir dann schon Angst gemacht.”
Was also tun?

Vorbeugung
Händewaschen ist das A und O.
Vor den Viren in der Luft, an der Türklinke, am Einkaufswagengriff kann sich niemand schützen. Es gilt bei uns als unüblich, mit Mundschutz durch die Fußgängerzone zu laufen, zuviel Desinfektion schadet der Immunsystem mehr als das es hilft und greift zudem Haut und Atemwege an.
Aber Händewaschen: Bringt den Kindern bei, sich regelmäßig die Hände zu waschen – nach dem Toilettengang sollte das klar sein, aber auch vor dem Essen und vielleicht auch nach dem “Nachhausekommen”. Da geht es weniger um den Schmutz an sich (die Streuner und Räuber haben immer schwarze Fingernägel…), sondern um Rituale an bestimmten Tagesabläufen, die mögliche Übertragungswege einzudämmen. Darmerreger lassen sich nach dem Toilettengang (oder dem Windelwechseln) mit Händewaschen gut im Griff halten, beim Essen ist der Weg der Hand ins Gesicht viel häufiger als sonst, nach dem Kindergarten kann man die Viren “abwaschen”.

Händewaschen vernichtet nicht die Erreger, aber reduziert die Viruslast auf ein Maß, mit dem ein Organismus gut zu recht kommen kann, denn vor der Infektion steht die Inkubation, die Aufnahme des Errgers, die noch keine Erkrankung bedeutet.
Vor allem aber wird durch regelmäßiges Händewaschen die Übertragung der Erreger und damit das epidemische Auftreten von Rotz, Wasser und Husten eingedämmt.
(Gilt auch für ErzieherInnen).

Die DEGAM-Leitlinie (für Erwachsene, für Kinder gibt es so etwas nicht) empfiehlt zudem das Rauchen aufzugeben (auf Kinder übertragen: Kein Rauchen der Bezugspersonen, K.E.I.N. Rauchen! Auch nicht auf dem Balkon), sich fit zu halten (Kinder: Viel Bewegung an der frischen Luft) und das Kneippen zu erwägen. Für eine Prophylaxe durch Einnahme von Vitamin C, Probiotika oder Zinkpräparaten sieht die DEGAM zu wenig positive Resultate, um dies ausdrücklich zu empfehlen.

Also doch Therapie?
Husten ist ein Schutzmechanismus des Körpers. Ihn sofort zu bekämpfen wäre, als würde man den Staubsauger abschaffen oder die Straße nicht mehr fegen. Oder den Auspuff im Auto zustöpseln.
Husten macht Sinn, er bringt die Erkältungserreger, aber auch Verunreinigungen und Schleim nach oben, so dass sie aus den Atemwegen befördert werden (ja, auch durch nachfolgendes Erbrechen oder dem Herunterschlucken des Hochgehusteten). Die Atemwege werden “befreit”.

Dieses Abhusten muß jedoch nicht zusätzlich durch “Schleimlöser”, medizinisch Mukolytika oder Expektoranzien, angetrieben werden. Wieder die DEGAM-Richtlinie: “Ein akuter Husten im Rahmen eines Infektes sollte nicht mit Expektorantien (Sekretolytika, Mukolytika) behandelt werden.” Die Werbung suggeriert anderes: Da müssen Schleimbagger irgendwelchen Schmutz bewegen, dazu sind sie zu schwach, also muß irgendwas eingeworfen werden.

Persönliche Erfahrung in der Praxis: Kinder mit Sekretlöser husten sich die Seele aus dem Leib, weil sie noch mehr Schleim befördern müssen. Außerdem ist bei einer möglichen Bronchitis per se der Schleim in den Bronchien “gefangen”, ein noch mehr an Sekret verschlimmern die Symptomatik.

Wie ist das mit den pflanzlichen Präparaten? Einen gewissen Wirkeffekt wird den gängigen Mitteln rund um Thymian, Primel und Efeu nachgesagt, die Effekte sind aber eher gering. Zur Behandlung von Kindern schweigt sich die o.g. Leitlinie zudem aus. “Bei entsprechendem Therapiewunsch des Patienten können (…) Phytopharmaka zur moderaten Symptomlinderung bzw. -verkürzung bei Erkältungshusten bzw. akuter Bronchitis erwogen werden.” Das bedeutet soviel wie: Kann man machen, muß man aber nicht.
Persönliche Erfahrung: Ob mit oder ohne Pro.sp.an, eine Erkältung dauert zehn Tage. Außerdem habe diese Präparate, obwohl brav “natürlich”, ebenfalls eine schleimlösende Wirkung, siehe oben.

Dann gibt es die Hustenstiller. Sie sind in letzter Zeit wieder ins Gespräch gekommen, als codeinhaltige Mittel für Kinder vom Markt genommen wurden. Vernünftige Kinder- und Jugendärzte haben den Wirkstoff schon lange nicht mehr eingesetzt – nun ist es eben offiziell, damit es auch der letzte Allgemeinkollege versteht.
Andere Hustenstiller mit z.B. Noscapin oder Pentoxyverin gibt es weiterhin, auch sie haben ihr Nebenwirkungsprofil, können aber – für kurze Zeit eingesetzt – ein paar ruhige Nächte bereiten. Voraussetzung: Das Kind hat keine dicke Bronchitis oder Lungenentzündung, denn dann braucht es wiederum das Abhusten, siehe oben.

Bleiben die Hausmittel
Hausmittel sind Erfahrungsmedizin. Jeder tut das, was ihm gut tut. Wir tun unseren Kindern das an, was wir denken, das ihnen gut tut. Das wurde auch bei der Twitter- und Blogumfrage klar. Alles super!
Oberste Prämisse: Weniger ist mehr.

Also:
– Ausruhen. Ausruhen. Ausruhen.
– Ausreichend Flüssigkeit (nicht mehr! Flüssigkeit. Das ist nur bei Fieber nötig).
– Der viel gelobte Heiße Tee mit Honig oder Milch mit Honig wird als angenehm empfunden, es gab Studien, die einen Vorteil gegen klassische Hustensäfte zeigten, eine Cochrane-Analyse dämpfte diese Ansicht jüngst.
– Die Nase sollte frei sein – also moderat Nasentropfen geben (maximal fünf Tage, vielleicht nur abends – siehe DEGAM-Leitlinie). Wer gut durch die Nase atmet, muß das nicht durch den Mund tun, dann reizt das schon mal nicht im Hals.
– Ein- oder zweimal am Tag wird auch das kranke Kind hinausbefördert — frische Luft und Bewegung tun gut und lenken ab.

Und wann bleibt das Kind jetzt zuhause?
Es ist eine Illusion, im Herbst eine gesunde Kindergartengruppe zu haben, das habe ich schon erwähnt. Aus epidemiologischer Sicht macht es zwar Sinn, ein Kind mit Rotznase zuhause zu lassen, realistisch ist das aber nicht.
Fiebernde Kinder bleiben daheim, das ist klar. Hier würde ich das Kriterium auch strenger setzen, als im Fieberartikel unlängst geschrieben: Ein Kind mit erhöhter Temperatur (über 37,5 Grad) hat in einer Gemeinschafteinrichtung nichts verloren. Zudem sollte es 24 Stunden ohne Fieber und ohne Fiebersenker sein, bevor der Besuch wieder erlaubt ist.
Alles andere ist schwer zu greifen und immer eine Abwägung zwischen Befinden des Kindes, Schutz der anderen und dem Berufsalltag der Eltern.

Bleibt jedes Kind jedes Mal bei einer Erkältung zuhause, geht man außerdem davon aus, dass eine Erkältung gute zehn Tage dauert und ein Kleinkind bis zu zehn bis zwölf infektiöse Infekte im Jahr(genauer: im Herbst- und Winterhalbjahr) hat, dürfte ein Kleinkind nach der Eingewöhnungszeit für fünf Monate mehr Tage zuhause verbringen als in der Einrichtung, bzw. fünf Monate komplett daheim bleiben. Der Arbeitgeber wird sich freuen, der Eingewöhnungseffekt ist flöten, die Infekte kommen trotzdem.

Fazit:
Erkältungen sind lästig, aber unvermeidlich. Sie stärken das Immunsystem und machen die Kinder “stabiler” für später. Viele Infekte sind in aller Regel normal nach Kindergarteneintritt und sind keine Zeichen für eine Immunschwäche.
Medikamente sind im Großteil der Fälle überflüssig, es braucht vor allem Liebe, Ruhe, frische Luft und ein oder zwei Hausmittel, denn jeder braucht auch ein bisschen Placebo, um glücklich zu sein. Und Hühnersuppe.

AWMF-Leitlinie (Husten bei Erwachsenen) – in Prüfung
DEGAM-Leitlinie (ebenfalls Erwachsene)
Auf dem Blog “Mit Kinderaugen” läuft bis Ende des Jahres eine Blogparade zum Thema Fieber, BloggerInnen können ihre Erfahrungen zum Thema Fieber posten, dazu gibt es einen Hashtag #BraunFieberthermometer, denn unter den Blogposts werden von der Firma Braun Ohrthermometer verlost.

Damit die meinen Leser auch nicht leer ausgehen: Postet Euer Geheimrezept bei Husten in den Kommentaren und gewinnt eines von drei Ohrfiebertherometer der Fa. Braun. E-mail-Adresse angeben, was Schlaues schreiben und Glück beim Verlosen haben. Stichtag ist der 30.November, der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Ich lose drei Gewinner aus den Kommentaren zu diesem und dem ersten Teil des Postings aus, Ihr müsst also nicht doppelt schreiben. Viel Glück!

Ein “sponsored post” für Braun Fieberthermometer.

Hilfe, mein Kind hustet I

Kleine Umfrage beim Twittern – für alle die fehlenden 1.700 Follower, die kein Twitter ihr eigen nennen… ;-)

Ich bin überrascht, wie bodenständig die Empfehlungen daher kommen. Scheint, als setze sich die Pöse Farmermafia mit ihren Heilsversprechen doch nicht durch.

Und Ihr so?
Bald: Das alljährliche “Was der kinderdok empfiehlt…”-Special in “Hilfe, mein Kind hustet II”

Gelesen im Oktober

Natchez Burning von Greg Iles
(Übersetzt von Ulrike Seeberger)
Wenn ich bei einem 1000-Seiten-Roman nach 600 Seiten auf die Idee komme, dass dies wohl ein Buch einer Reihe ist (nämlich schon der vierte Band?) und ich dann beim Recherchieren erfahre, dass es sich bei dem Buch zudem um “den Auftakt einer Trilogie handelt”, ich also damit rechnen muß, dass am Ende der laaangen 1000 Seiten keine komplette Auflösung auf mich wartet, und dann der Roman im ganzen zwar spannende Momente hat, aber zuviele “lose ends”, zuviele Wiederholungen, zuviele überflüssigen Erklärungen und eine Unmengen an Personen: Dann höre ich auf. Schade eigentlich um das Thema (Aufklärung von Morden an Schwarzen in den Sechzigern, Verstrickung in den JFK- und RFK-Mord). Die Hälfte der Seiten hätte auch gereicht, außerdem ertrage ich nicht die Perspektivenwechsel bei jedem Kapitel (vor allem, wenn eine davon in der 1.Person geschrieben ist). Abgebrochen. (2/5)

Wenn der Wind singt – Pinball 1973 von Haruki Murakami
(Übersetzt von Ursula Gräfe)
Als Murakami-Fan mehrmals hier offenbart, habe ich diesen Monat auch seine ersten beiden Romane gelesen, die nun laut Werbung “sensationell spektakulär” ins Deutsche übersetzt wurden (ganz ehrlich: Olle Schinken werden immer dann auf den Markt geworfen, wenn der Meister eine Schaffenspause hat, aber egal). Für Murakami-Novizen sind diese beiden Kurzromane in einem Buch nichts: Sie wirken noch sehr experimentell (bösen Zungen sagen, Murakami habe dieses Experimentieren nie ganz verlassen), manche Abschnitten verleiten zum Seufzen wegen des Unzusammenhangs mit der fehlenden Handlung. Die klassischen Murakami-Figuren treten bereits jetzt auf, das traumhafte Geschichtenerzählen, das poetische im Alltag. Keine leichte Lektüre, für Fans aber eine Selbstverständlichkeit. (4/5)

Leben von David Wagner
Ich dachte eine Zeit lang, David Wagner sei Amerikaner. Wie lustig. Unwichtig. Das Buch war vor ein paar Jahren recht gehyped durch die Feuilletons gegeistert, erst jetzt habe ich es auf dem Flohmarkt erstanden. Tolle kurze Schreibe, ganz in meinem medizinischen Sujet angesiedelt, das kommt mir ja entgegen. Dass David Wagner sein eigenes Erleben erschreibt, macht das Buch automatisch sympathisch, für Betroffene (Transplantierte) kann es bei der eigenen Aufarbeitung hilfreich sein. Manchmal dachte ich, es ist ein Transkript des Wagnerschen Tagebuchs, und vielleicht ist es das ja auch – Tagebucheinträge von fünf Zeilen oder Abschriften von Todesanzeigen können auch die Seiten füllen. (4/5)
P.S. Herr Wagner: Im Krankenhaus wird man nicht von der Radiologin geröntgt, sondern von der Medizintechnischen Radiologieassistentin.

Auerhaus von Bov Bjerg
Auch dieses Buch geistert durch die Feuilletons, wird als Geheimtipp gehandelt, vor allem im Hamburger Raum. Ich fand die Geschichte um sechs Jugendliche, die in ein Haus ziehen, um den Kumpel vor der Suizidalität zu bewahren, ganz nett, die story plätscherte schön durch bis zum Ende, ein wenig Rebellion hier, ein wenig Spießertum da – aber alles irgendwie schon einmal gelesen, vielleicht bei Herrndorf, vielleicht bei jedem anderen Jugendroman. Das vorhersehbare Ende verdampft dabei leider zur Unwichtigkeit. (3/5)

Das Glück der anderen von Stewart O´Nan
(Übersetzt von Thomas Gunkel).
Gibt es bessere Leseerlebnisse als Bücher, von denen Du noch nie gehört hast, wo Du keine Meinungen oder Rezensionen kennst, Bücher, die Du zufällig in der Bücherei oder der Buchhandlung mitnimmst, weil Dich der Klappentext interessiert oder die Bildsprache der ersten Worte? Dieses ist so eines. Du liest in die ersten Sätze hinein, blätterst weiter, hängst an einem Absatz und mußt es sofort zu Ende lesen. Stewart O´Nan wird vom Verlag gerne mit Stephen King in Verbindung gebracht, Du hast keine Ahnung, warum. Die Sprache ist eine andere, die Themen sind anders, Du liest einen kurzen, überwältigenden, sprachlich raffinierten Roman, der Dich nachdenklich hinterlässt. Lass Dich nicht von der zweiten Person Singular irritieren, Du gewöhnst Dich dran und verstehst. Unbedingt wieder entdecken (der Roman ist von 1999). (5/5)

Faust von Flix
Flix hat sich früher ™ gerne an Klassikern versucht, hier der “Faust”, es gibt auch eine verflixte Adaption von “Don Quijote”, beide sind verschlungen zeitadaptiert aufgefrischt gezeichnet, den “Don” fand ich besser, aber der “Faust” hat auch was. Die großen Stars: Gott und Teufel.  Was ein bisschen nervt bei diesen recalm-gestylten Ausgaben des Carlsenverlages ist die Mini-Type, die man kaum lesen kann. Liegt bestimmt an meiner Alterssichtigkeit. (4/5)

Der Papyrus des Cäsar von Jean-Yves Ferri und Didier Conrad
(Übersetzt von Klaus Jöken)
Jeder neue Asterix wird an Uderzo und Goscinni gemessen, lassen wir das. Jeder neue Asterix ist für den dauerhaften Fan-Leser, der “sie alle kennt” ein Rückbesinnen auf die Kindheit, Jugend, das ganze Leben. Ich bin damit groß geworden, Du vielleicht auch, also werden sie alle weiter verschlungen, nochmal und nochmal, denn jede Lektüre findet neue Namen, neue versteckte Zeichnungen und Anspielungen. Die Story ist gut, die Nebenhandlungen lustig, der Anspruch hoch. (4/5)
Zitat Sohn: “Na, gehts mal wieder ums Verkloppen der Römer?” Ja! Unbedingt!

Das Attentat von Dauvillier und Chapron, nach Yasmina Khadra
(übersetzt von Ulrich Pröfrock)
Diese graphic novel verführt den Leser nach Israel, mittenrein in den palästinensisch-israelischen Konflikt. Der Protagonist lebt als muslimischer Arzt in einem israelischen Krankenhaus, seine Frau entlarvt sich als Selbstmordattentäterin, die Geschichte enthüllt die Hintergründe, die der Arzt nicht kannte. Ganz stark die Szenen “zwischen allen Stühlen”, der Kontakt mit dem israelischen Geheimdienst und dem palästinensischen Untergrund. Die Rettung kann nur die Familie sein. (4/5)

Finderlohn von Stephen King
(Hörbuch von David Nathan, übersetzt von Bernhard Kleinschmidt)
Stephen King setzt seine Geschichte um den alten Polizisten Hodges fort, aber dieser erscheint erst im zweiten Drittel des Buches. Vordergründig geht es um die gestohlenen Notizbücher der Schriftstellerikone John Rothstein, der vor dreißig Jahren in seinem Haus ermordet wurde. Ein Jugendlicher findet die Bücher und viel Geld und gerät in den Konflikt, seine Familie zu retten oder die gestohlene Ware zurückzugeben. Der Mörder, nach dreißig Jahren aus dem Gefängnis entlassen, sucht ebenfalls nach den Manuskripten. Spannend sind alle Bücher Kings, das ist banal, man darf Fan sein, darf ihn auch testen, sollte sich bei seinen Büchern aber nicht von den Schockeffekten abschrecken lassen. Vielleicht wäre hier weniger davon besser gewesen, aber wenn Du Stephen King heißt, musst Du konsequent bleiben. Nebenbei ist “Finderlohn” eine Variation über die Liebe zu Büchern, über den Wunsch, Geschichten weiterzuerzählen, auch eine Variation über Kings eigenes Werk “Misery”. David Nathan als Vorleser: Unübertroffen. (5/5)

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Meine Buchmesse Collage

Wer die Bildunterschriften lesen will, darf die Galerie mit Doppelklick gerne öffnen.

Buchmesse ist ja immer Viel Laufen, Viel Stehen, Viel Gucken und Viel Pause (muß man sich gönnen). Promigucken ist nicht so meins, auch wenn ich gerne zuhause erzähle, dass ich Ulrich Wickert (hei, ist der groß!) oder Denis Scheck gesehen habe (der gerne wiederholt über die Agora läuft, um gesehen zu werden, glaube ich). Aber niemals anstehen, um den Fuß von Mario Adorf zu sehen.

Buchmesse ist nach Giveaways gucken, nach Buchprobehäppchen, ist für viele wohl auch Buchmopsen (alljährlich konkurrieren die Verlage um das meistgeklaute Buch), auch dieses Jahr habe ich wieder zwei nette Zeitgenossen gesehen, die geschwind mal ein Buch in die Taschen gleiten ließen. Kugelschreiber, Bleitstifte und Luftballons gehen immer, aber vor allem: Überdimensionierte Taschen – die nur so groß sind, um fett Werbefläche zu produzieren, welche Bücher soll man da schon umhertragen? Vielleicht Kalender.

Am liebsten drifte ich durch die Kunstbuchverlage und die Hallen mit den Wissenschaftsbüchern, erste, weil es dort noch wunderschöne, weil liebevoll produzierte Bücher zu sehen gibt, keine Taschenbuchmassenware, letztere, weil man da noch Platz zum Laufen hat und die überteuerten Cafés wenigstens nicht auch noch überfüllt sind. Pause machen, siehe oben.

Vermeiden sollte man die großen Publikumsverlage: Die Hallen 3.0, 3.1 und ihre Pendants in 4.1 – zu laut, zu voll, zwischen 11 und 17 Uhr nicht zu betreten. Da ich dieses Jahr mit meiner Tochter unterwegs war, blieb mir der Besuch unter der Woche (trotz Presseakkreditierung) verwehrt, es blieb (wegen Schulbesuchs werktags) der Samstag und damit der allgemeine Publikumsandrang. Meine schönste Buchmesseerfahrung hatte ich letztes Jahr am Freitag mit viel weniger Besuchern und dem Ausklingen beim Virenschleuderpreis bei Häppchen, Wein und Bier. Da hatte ich als Externer tatsächlich ein Hauch davon, dass es noch eine Welt hinter den Kulissen gibt, die wir Normalos am Samstag oder Sonntag gar nicht mitbekommen. Vielleicht nächstes Jahr.

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Und der Literaturnobelpreis geht an …

Sind wir doch mal ehrlich: Wer nicht gerade Wissenschaftler ist, interessiert sich vor allem für den Friedens- und natürlich den Literaturnobelpreis, denn da können wir mitreden (jedenfalls ansatzweise).

Hier ist es schon Tradition, einen Tipp für den heutigen Tag abzugeben – in den Wettbüros schwimmt Frau Svetlana Aleksijevitj ganz oben, gefolgt von meinem ewigen Tipp Murakami, letzterer erhält bereits den sprichwörtlichen Titel “Ewiger Kandidat”.
Peter Eglund, der Vorsitzende der Akademie erklärt, dass Anfang des Jahres über 200 Kandidaten für den Nobelpreis für Literatur genannt werden, aus denen dann bis zum Sommer fünf in die short list einköcheln. Am Ende ist es eine Mehrheitsentscheidung. Übrigens: nach fünfzig Jahren werden die Protokolle geöffnet.

Auf den Wettlisten tummeln sich heuer so nette Leute wie EL Doctorow (+2015) oder Neil Gaiman, Bob Dylan oder gar George RR Martin. Man hat den Eindruck, der Preis wird gerecht über die Welt verteilt, auch wenn die Englischsprachigen naturgemäß überwiegen. Letztes Jahr war ein Franzose dran – Alice Munro in Englisch 2013 – vermutlich wird es dieses Jahr ein “Exot”, wie die Eurozentriker gerne sagen.

Wie auch immer: Die Aussteller der Buchmesse in Frankfurt knibbeln sich schon die Finger wund, in der Hoffnung, der Gewinner steht in ihrem Regal (und muß nicht mühsam nachgedruckt werden, weil die letzte Ausgabe seit zwanzig Jahren vergriffen ist).

Ich wage es: Mein Tipp – ja, doch, Don DeLillo.

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