Lesepotpourri August und September

Die beliebte Rubrik „Was liest der Kinderdok“ wird erfolgreich fortgesetzt, wie immer zusammenfassend und fett verspätet, aber dennoch bunt und informativ. Hier die Stars der letzten Monate:


All the Birds in the Sky von Charlie Jane Anders
Klar erinnert das etwas an Harry Potter, wenn wieder einmal ein Zaubermensch (diesmal eine Hexe) als Protagonistin auftritt. Aber Patricia ist ganz anders als der vielfach geleckte und trotzdem tolle Harry. Sie spricht mit Tieren, wird durch viele Umwege ihre Bestimmung auf dieser Welt finden und trifft vor allem auf Laurence, den durchgeknallten Hochintellektuellen. Da fällt mir auf: Der erinnert übrigens ein wenig an Eoin Colfers Artemis Fowl.
Also: Hermione Granger trifft auf Artemis Fowl. Nein. Das verkürzt diesen coolen Jugend-Urban-Fairy-Tale-Roman auf ein zu schwaches Level. Hier gibts bestimmt bald eine Fortsetzung. (5/5)


The Sense of an Ending von Julian Barnes
Als ich diesen Roman im „Waterstones“ in Edinburgh gekauft habe, raunte mir die nette Verkäuferin zu, dies sei „one of her favourite, I love it“ zu. Vielleicht macht sie das immer und das gehört zur Bestätigungstaktik grosser Buchhandlungen – aber dennoch: Auch für mich ist dieses Buch „one favourite“ mit sofortiger Wirkung. Wer einen 150-Seiten-Roman lesen will, der poetisch ist, bildet, nachdenklich macht, und trotzdem nicht abgehoben, sondern auf dieser Welt bleibt, lese „Vom Ende einer Geschichte“ (dessen deutscher Titel dem „sense“ des Romanes in keiner Weise gerecht wird).
Tony und Adrian sind gute Freunde in der Schule, verlieren sich aus den Augen und treffen sich wieder, unglücklich und vom Leben verwirrt. Wie ein einzelne Begegnung, ein einzelnes Wort, eine unbedachte Äußerung das Leben in diese oder jene Richtung lenken kann, lehrt dieses Buch. Manche lügen sich durch ihre ganze Geschichte und manche vor allem sich selbst. (5/5)


Geister von Nathan Hill (Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence und Katrin Behringer)
Wie ich auf diesen Roman kam, weiß ich gar nicht mehr, er umspülte mich in irgendwelche Cookie-Online-Amazon-Empfehlungen, ich las mich fest in der Kindle-Leseprobe und kam nicht mehr los. Der glücklose Literaturprofessor Samuel findet seine Mutter wieder, die ihn und seinen Vater vor Jahren unter dubiosen Vorzeichen verließ. Sie gerät in die Schlagzeilen, weil sie einen Senatorenkandidaten mit Steinen bewirft und Samuel soll „das Aufdeckungsbuch“ über die vermeintliche „Terroristin“, seine Mutter schreiben. Dass es anders kommt, dürfte klar sein. ein Buch, dass viel über die amerikanische Gesellschaft verrät, über Verstrickung der Politik und des Journalismus, knackig geschrieben und sehr unterhaltsam, vielleicht im Stil von Jonathan Franzen oder Jeffrey Eugenides. (4/5)


Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr (Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence)
Pulitzerpreis von 2015 sollte ein Qualitätsmerkmal dieses Romanes sein. Er erzählt die Geschichte eines blinden Mädchens, dass unter den näher rückenden Deutschen im Zweiten Weltkrieg aus Paris flüchtet und mit ihrem Vater durch Frankreich irrt. Parallel lernen wir Werner kennen, einen deutschen verwaisten Jungen, der dank seiner Intelligenz in Nazideutschland auf eine Eliteschule gehen darf und schließlich auch in den Wirren des Krieges nach Frankreich versetzt wird. Hier kreuzen sich die Wege der Kinder.
Eine schöne Sprache, ein virtuos komponiertes Buch aus Rückblenden und zwei Erzählsträngen, sehr einfühlsam die Schilderungen aus dem Off der „Sichtweise“ des blinden Mädchens. Aber seltsam: Mich hat das Buch nicht eingesogen, ich konnte mich nicht festlesen. Vielleicht die falsche Zeit. Das Buch bekommt einen zweiten Versuch, bis dahin: (3/5)


Die Terranauten von T.C. Boyle (Übersetzt von Dirk von Gunsteren)
T.C. Boyle schreibt mal wieder über sein Lieblingssujet: Eine Gruppe von Menschen, unterschiedlicher wie nur möglich, gebettet in einen Plot rund um die Umwelt, und wie wir sie schützen können. Anders als in seinen letzten Büchern ist es diesmal aber die menschliche Natur, die Probleme im Zusammenleben macht. Wen wundert es: Boyle schildert das „Second Earth“ Experiment, in dem eine Gruppe von Wissenschaftlern unter einen riesigen Kuppel, abgeschnitten von anderen, autark überleben sollen, z.B. als Vorbereitungen für eine mögliche Marsmission.
Nach den letzten Durchhängern fand ich Boyles Buch diesmal richtig gut, eine perfekte Urlaubslektüre (bei mir auch) – spannend, unaufdringlich vorhersehbar, mit ein paar netten Twists und einen Background, der nachdenken lässt. (5/5)


Was vom Tage übrig blieb von Kazuo Ishiguro (Übersetzt von Hermann Stiehl)
Als habe ich es gewusst: Nach dem „Begrabenen Riesen“ im letzten Jahr las ich in diesem Sommer endlich einen anderen Roman von Ishiguro, seinen bekanntesten, über den Butler in England, der auf eine Reise geht und die Konventionen übertritt und die Liebe entdeckt. Oder auch nicht. Herrlich zurückgenommen, distingiert, wie sich das für einen Butler gehört, ist dieser Roman auch geschrieben. Kein dickes Werk, aber voll der poetischen Sprache des neuen britischen Nobelpreisträgers für Literatur mit japanischen Wurzeln. (5/5)


Die Stadt, in der es mich nicht gibt von Kei Sanbe
Mit Comics ist das bei mir so eine Sache: Klar, die Story muss stimmen, wie in jedem Buch, aber bei Comics ist das Auge doch viel mehr gefordert, der Erzählrhythmus wird weniger durch die Worte der Sprechblasen geprägt, sondern durch die Aufteilung der Panels und – logisch – den Zeichenstil selbst.
„Die Stadt, in der…“ fällt unter die Mangas, gelesen von vorne nach hinten, von rechts nach links, das ist lustig und hipp, und ich habe auch Mangas gelesen, die mich dabei nicht gestört haben. Hier schon. Vielleicht, weil die Geschichte über Zeitensprünge sowieso schon die Zeitachse auf den Kopf stellt. Außerdem habe ich nun für mich beschlossen, dass der Manga-Tokyo-Pop-Stil nichts für mich sind. Auch wenn mich z.B. die Reihe Barfuß durch Hiroshima von Keji Nakazawa absolut umgehauen hat.
Der vorliegende Manga hat das nicht – Kultcomic hin oder her – schade. (2/5)

[Dieser Text enthält so genannte Affiliate Links – siehe Impressum]

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Wenn der Kopf brummt

Überraschung! 171/366

Dass Kinder auf den Kopf fallen, ist der häufigste Unfallvorgang im Kindesalter. Abgelöst wird das im Schulalter durch Sportunfälle: Stürze beim Fussball, Rangeleien auf dem Schulhof, beim Skifahren.

Ich habe in der Praxis den Eindruck, diese Prellungen des Kopfes werden zu sehr auf die leichte Schulter genommen. Als ich vor über zwanzig Jahren in einem, sagen wir, prekären Vorort einer englischen Großstadt meine Arztpraktikum absolvierte, waren wir Assistenten in der Notfallambulanz angehalten, jeden Sturz sehr ernst zu nehmen und die Eltern auch bei Entlassung genau zu briefen. Und Stürze gab es dort viele.

In meiner Ausbildung in Deutschland waren alle viel entspannter. „Das passiert eben“, „die Schädel halten das aus“ waren häufige Sprüche. Naja. Auch in den Sportvereinen meiner Kinder sehen das die Betreuer eher gelassen.

Daher freue ich mich, dass das Thema „Gehirnerschütterung“ durch neue Initiativen wieder mehr in den Focus gerückt wird:

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„Eine Gehirnerschütterung ist eine leichte Verletzung des Gehirns, die durch einen Schlag oder Stoß auf den Kopf entsteht. Kopfschmerzen, Übelkeit, aber auch emotionale Probleme können die Folge sein.

„Die Anzeichen für eine Gehirnerschütterung reichen von Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel, Gleichgewichts- und Sehstörungen, Licht- und Lärmempfindlichkeit über Schlafstörungen, Schwierigkeiten beim Denken, emotionale Probleme bis hin zu Bewusstlosigkeit.

Weinen ohne Grund kann auch ein Zeichen sein. Bei Krämpfen, Schwäche in den Gliedmaßen, verwaschener Sprache und Verwirrtheit sollte umgehend eine Ambulanz gerufen werden“, rät Dr. Hermann Josef Kahl, Kinder- und Jugendarzt sowie Bundespressesprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Die Symptome können auch zeitverzögert auftreten.

Das Gehirn ist im Schädel von einer schützenden Flüssigkeit, dem sogenannten Liquor, umgeben. Schlägt der Kopf mit großer Geschwindigkeit auf einen harten Gegenstand oder wird der Kopf durch einen Stoß heftig bewegt, kann das Hirn trotzdem an den Schädelknochen prallen. Es gehen neuronale Verbindungen im Gehirn verloren. Diese können sich nur mit ausreichend Erholungszeit – etwa sechs bis zehn Tage je nach Schwere der Gehirnerschütterung – wieder regenerieren. Wiederholte Erschütterungen führen aber zu Entzündungsreaktionen, und es sterben Gehirnzellen ab. „Nach etwa zwei bis vier Tagen Ruhepause können Schüler evtl. wieder in die Schule gehen – vorausgesetzt, sie können sich eine Dreiviertel bis zwei Stunden ohne Verstärkung von Kopfschmerzen und anderen Beschwerden geistig beschäftigen, wie z.B. lesen. In die Schule sollten sie aber nur dann, wenn sie die Anstrengungen schrittweise anpassen und Ruhezeiten in der Schule einhalten können. Dafür kann eine schriftliche Empfehlung des Arztes hilfreich sein“, so Dr. Kahl.

Folgende Maßnahmen können den Schulalltag erleichtern: Regelmäßige Pausen, geringe Gewichtsbelastung z.B. durch den Schulranzen, Wahl eines Sitzplatzes fern vom Fenster (lichtarm), evtl. Aufsetzen einer Sonnenbrille, zunächst Sportverzicht, Nutzen von Rolltreppen und Fahrstuhl, Vermeidung unnötiger Geräuschbelastung oder evtl. Tragen eines Hörschutzes, minimaler Gebrauch von Computer, Handys und sonstigen Bildschirmen sowie Einschränkung des Lesens.

Die Initiative „Schütz Deinen Kopf!“ der ZNS-Hannelore-Kohl-Stiftung empfiehlt ein 5-Stufen-Programm:

  • Stufe 1: keine geistige Aktivität,
  • Stufe 2: 5- bis 15-minütige geistige Aktivitäten,
  • Stufe 3: Erhöhung der geistigen Tätigkeiten mit 20- bis 30-Mintuten-Intervallen,
  • Stufe 4: schrittweiser Schulbeginn mit 1 bis 2 Stunden Konzentrationszeit,
  • Stufe 5: Wiederaufnahme der vollen geistigen Arbeit und Beginn des Zurück-zum-Sport-Protokolls.

Quellen: Unfallchirurg, GET – Gehirn Erschüttert? TestApp, 5-Stufen-Programm der Initiative „Schütz Deinen Kopf!“ der ZNS-Hannelore-Kohl-Stiftung, HealthDay
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Dies ist eine Pressemeldung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V.

(C) Foto bei Flickr/Dennis Skley (unter CC Lizenz CC BYND 2.0)

Gesundheit für Kinder – Buchtipp [Werbung]

Das Buch habe ich schon häufiger hier erwähnt, vielleicht findet auch jemand noch die Erstempfehlung (ich habe es nicht geschafft), meine erste Wahl, wenn Eltern nach einem guten Buch über Kinderkrankheiten fragen:

Gesundheit für Kinder von Herbert Renz-Polster, Nicole Menche und Arne Schäffler

Es erschien wenige Monate nach meiner Niederlassung und hat mich gleich fasziniert, heuer erlebt das Buch seine neunte („überarbeitete“) Auflage und bleibt eine Empfehlung. Die Inhalte sprechen für sich: Prävention, Symptome und ihre Ursachen, Kinder mit Handicaps, Darstellung der Einzelerkrankungen und schließlich Erste Hilfe, schnell findbar am Ende des Buches und sauber rot abgesetzt.

Was gefällt?

Selten finden sich die wichtigen Dinge rund um die Kindergesundheit so gut zusammengefasst, sinnig gegliedert und gewertet. Tabellen zum schnellen Überblick, Cartoons und schöne Kinderbilder ergänzen die Auswahl, das Layout mit viel Farbe und dem „Kreidestil“ sind stimmig. Wer es braucht: Es finden sich genug Hinweise zu alternativen Heilverfahren.

Die Positionen zu denselben sind freundlich, es gibt Empfehlungen, aber es gibt auch gute Grenzsetzungen.

Was gefällt nicht so?

Der Ratgeber ist nun dick genug (528 Seiten). Mehr Inhalt in den nächsten Auflagen würde das Werk überfrachten und die Grenze zum Lehrbuch überschreiten. Bereits jetzt sind manche Texte zu lang.

Klar sehe ich die Empfehlungen zur Homöopathie sehr kritisch, aber die Be-wertung in den einführenden Texten wirkt zwar leicht distanziert, in den speziellen Krankheitskapiteln stehen dann jedoch Glaubuli und andere pseudomedizinische Heilverfahren oft gleichberechtigt zur echten Medizin.

Impfungen werden klar befürwortet, individuelle Impfentscheidungen für mein Empfinden kritisch gesehen, jedoch bestimmte Impfungen als eingeschränkt (Mumps, Hepatitis B, HPV, Rota) bzw. als verzichtbar (Windpocken) eingestuft. Hier hätte ich mir mehr Vertrauen in die STIKO-Empfehlung gewünscht, ich habe den Eindruck, die Autoren wollen es (wie bei den Alternativverfahren) allen Recht machen, deshalb wird alles erwähnt. Aber vielleicht muss ein Buch so sein.

Auch wenn der Absatz des Nichtgefallens größer ausfällt, bleibt das Buch eine Empfehlung, für mich gibt es keine gute andere, vor allem abseits der GU-Ratgeber-Flut.

Gesundheit für Kinder: Kinderkrankheiten verhüten, erkennen, behandeln von Herbert Renz-Polster, Nicole Menche und Arne Schäffler (alles Drs.)
€ 29,95 [D] inkl. MwSt.
€ 30,80 [A] | CHF 39,90*
(* empf. VK-Preis)
Gebundenes Buch, Pappband
ISBN: 978-3-466-30904-7

Link zu Random House mit mehr Infos, Videos und Leseprobe

Tolles Heft [Werbung, eigentlich*]

Früher hieß das „Schwungübungen“ oder „Schreib doch mal schön!“, heute sollen viele Grundschüler Ergotherapie bekommen, damit ihre Schrift hübscher wird, lesbarer, angenehmer zu Korrigieren für die armen Lehrer. Du könntest jetzt philosophieren, was da verpasst wurde oder wer da nicht genug gefördert hat, Kindergarten oder Eltern, aber meist ist es einfach so: Manche haben eine Grottenschrift.

Miriam Stiehler möchte das nicht so stehen lassen. Für sie ist ist Schrift eine Kulturtechnik, ein Ausdruck der Ästhetik. Und sie wünscht sich, eine bessere Handschrift bereits anzubahnen, als sie später zu therapieren. In ihrer eigenen Praxis und auf ihrem Blog http://www.praxis-foerderdiagnostik.de beschäftigt sie sich schon lange mit dem Thema. Und jetzt ist es da:

Ein Heft zum Üben. „Mit spitzem Stift zu schöner Schrift“

Mir gefällt es: Einer Einführung mit theoretischen Hintergrund und ein paar „handfesten“ Bildern zur optimalen Stifthaltung folgen Tipps zu Material, also den Stiften, der richtigen Körperhaltung und dem besten Schreibtisch. Wer mehr lesen will, findet noch Wort zur Lernerziehung und ein Plädoyer für die schöne Schrift. Dabei hebt Miriam nie den Zeigefinger, sondern weckt Begeisterung.

Und dann kommen die Übungen: Einfache, schwere, Bilder, Muster, Inka-Tempel, Monster, Tiere, Blumen, Zahlen, Feuerwerke und Marsmännchen. Immer mit Vorübungen, Strichelhilfe und viel Platz zum Nachmalen. Da bekommst Du Lust, selbst zu kritzeln, Pardon, zu zeichnen.

Ich bestelle sicher ein paar Exemplare für die Praxis – Eltern brauchen Hilfsmittel, mit „Machen Sie doch mal Schwungübungen mit Patrick“ oder „Kaufen Sie sich ein paar Vorschulblöcke“ ist ihnen zu wenig geholfen. Ohje, die Ergotherapeuten werden arbeitslos.

52 Seiten – 6,90€ – Jede Seite ist ihr Geld wert. Bestellen?

Weiteres:
Praxis Förderdiagnostik
Familienergo vom Kollegen Dernick
Da müssese mal zur Ergo

*[ist es eigentlich Werbung, wenn ich Dinge empfehle, die ich echt gut finde? Außer einem Rezensionsexemplar bekomme ich übrigens keine Prozente von Miriam. Also: Eigentlich Werbung, aber eigentlich eine Empfehlung]

Über das Geschichtenerzählen in (Mediziner)Blogs

Diesmal bewege ich mich weg von der eigentlichen Pädiatrie oder meinen Patienten und schreibe über das Bloggen selbst. Im Rahmen der Medmen-Veranstaltung habe ich einen Vortrag als Speaker zum Thema „Storytelling“ gehalten, wir dürfen aber auch „Geschichtenerzählen“ dazu sagen.

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Auf diesen Seiten gebe ich gerne Geschichten zum Besten, die mir oder anderen Kollegen in ihrem Praxisalltag so passieren. Jede/r, die/der hier mitliest, darf aber versichert sein: Diese Geschichten sind nie exakt so passiert. Sie sind verfremdet, pointiert, dramatisiert, teils zusammengesetzt aus verschiedenen Episoden, aber dennoch in ihrem eigentlichen Wahrheitsgehalt authentisch. Letzteres sei ebenfalls versichert. Trotzdem sollen die Geschichten auch Botschaften vermitteln und nicht zum reinen Vergnügen verkommen. Diesen Anspruch hat das Storytelling.

Geschichten erzählen die Menschen schon lange. Ob Märchen, Fabeln, Parabeln oder journalistische Artikel: Geschichten fesseln die Leser viel schneller ans Thema, als es das trockene Sujet kann. Schon das „Rotkäppchen“ vermittelte in einer vermeindlichen Kindergeschichte unterschwellige Botschaften (Die Symbolik des „Frauwerdens“ und die Versuchungen durch das Leben und die  Männer beschäftigte schon viele Analytiker). Eine gute Reportage in „Spiegel“ oder „Stern“ beginnt mit dem Einzelschicksal, um dann den Blick weiter zu öffnen auf das große Ganze. Das erhöht die Identifikation mit den Betroffenen, das Einfühlen des Lesers, und macht die Sache schlicht anschaulicher.
Das kannst Du beim Bloggen genauso nutzen, um eine Botschaft zu vermitteln.

Formen des Storytellings sind
– Einstiege und Aufhänger, wie oben beschrieben, Gatekeeper (z.B. Don Massimo)
– Anekdoten, die das eigentlich Thema genauer illustrieren sollen (z.B. Ich beim Zahnarzt)
– Beispiele (abschreckende, vorbildliche, diametrale), um das Thema eventuell zu diskutieren (z.B. was Eltern so Sorgen macht)

Noch was anderes: Jeder Blogger frage sich, wer die Zielgruppe ist, für die er schreibt. 

Schreibst Du nur für Dich, ist das Bloggen reiner Selbstzweck, um Deine Schreibskills zu verfeinern, oder um den Kopf zu lüften, zum Loslassen des Arbeits- und Lebensalltags? Ist das dann aber noch Storytelling?
Oder schreibst Du (als Mediziner oder andere/r Fachmann/frau) für den interessierten Laien? In meinem Fall für Eltern oder den Zufallsleser, der sich für den Beruf und die Hintergründe interessiert? Dient das Bloggen dann womöglich nur dem Voyeurismus und der Neugier?
Und schließlich könntest Du für andere Fachleute schreiben – für Ärzte, medizinische Berufe, Wissenschaftler, hier dienen die Geschichten als Illustrationen und Beispiele, viel besser, als das in einem trockenen Sachbuch möglich wäre.

Was brauchst Du für ein gutes Storytelling?
– Eine gute Geschichte, wie banal. Sie muss interessant sein, außergewöhnlich, aber vielleicht auch beispielhaft für das Thema, über das Du schreiben möchtest. Aber Du bist (als Mediziner oder sonst in Deinem Beruf) Experte und hast sicher schon Einiges erlebt.
– Sie muss also passen, sie sollte pointiert geschrieben sein, aber gleichzeitig auch verfremdet, denn Du möchtest keine Rückschlüsse der Mitwirkenden. Du hast die Verantwortung, diese zu schützen.
Lust zum Schreiben – ohne das geht es nicht. Schreiben ist zwar Arbeit, aber ohne Spaß bleibt auch Dein Ergebnis seltsam saftlos.
Talent zum Schreiben? Eigentlich nicht. Die meisten Skills bestehen doch nur zu 10% aus Talent, der Rest ist Routine, Übung, Training, wie Du es auch nennen magst.
– Ein gutes Setting, also die klassische Geschichte („Es war einmal“), eine Anekdote („Neulich habe ich was erlebt“), einen Dialog („Sagt der Vater…“), aber auch ein guter Tweet kann eine Geschichte erzählen.
– Wenn Du fertig bist mit Deiner Geschichte: Ist die Botschaft für Deine Zielgruppe angekommen? Ist das eigentliche Thema klargeworden?
– Dann lass den Blogpost liegen, lass ihn „abhängen“ und lies ihn erst in ein paar Stunden, einen Tag oder eine Woche später noch einmal.
– Editiere und streiche beherzt.
– Veröffentliche mit Mut.
– Kommentiere die Kommentare.
Dann erzählst auch Du Deine Geschichte.

Zum Schluss ein Appell – wenn Du als Mediziner bloggst:
– Das wichtigste sei die Wissensvermittlung, das Thema habe oberste Priorität
– Die Story nur der Story wegen bedient nur den Voyeurismus des Lesers
– Bleib sachlich in Deinen Themen und Deiner Wortwahl – Sensationen, Panikmache und Fakenews schreiben andere schon genug. Als Mediziner sollten wir da Contenance behalten.

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Mein Keynote-Vortrag:

Deine Mutter als Hebamme


Neulich bei der U2.

Ich: „haben Sie denn eine Hebamme für die Nachsorge?“
Vater: „Nöö, brauchen wir nicht. Meine Mutter ist im Haus.“
Ich: „Und die ist Hebamme?“
Vater: „Nein, aber die hatte auch drei Kinder.“
Ich: „Ok. Ich bin auch schon zehn Autos gefahren und würde trotzdem keines reparieren.“
Vater: „Ja, aber eins fahren.“
Mist, er hat die Lücken in meinem Vergleich durchschaut.
Ich: „Ich würde es Ihnen trotzdem raten, ist immerhin das erste Kind bei Ihnen.“
Mutter: „Siehst Du Schatz, habe ich doch gleich gesagt. Hebamme ist besser.“
Ich: „Das zahlt auch die Krankenkasse.“
Vater: „Wirklich? Na dann auf jeden Fall. Wenn’s nichts kostet.“
Mutter: „Und nach einem Monat dürfen wir dann mal spazieren gehen, oder?“
Ich: „Ach was. Gleich vom ersten Tag an. Immer raus an die frische Luft mit den Kleinen.“
Mutter: „Seine Mutter sagt, die ersten vierzig Tage nicht.“
Ich lächele mein bestes „Siehste“-Lächeln zum Vater und träume einen kurzen Tagtraum meines ersten Autos.

Nur nochmal zur Info: Jede Familie hat das Recht auf Nachsorge durch eine Hebamme nach der Entbindung. Kostenlos. Auch wenn es momentan überall schwieriger wird, diese Hebammen zu bekommen, leider gibt es nun einmal eine echte Hebammenknappheit, bringt das nur Vorteile: Beruhigung in den ersten Tagen, Beobachtung des Säuglings, Hilfe beim Stillen oder Füttern, der Pflege und während der Hormonkrisen. Und die Hebammen beraten zu allen wichtigen Fragen, seien sie auch sonst so klein und vermeintlich unwichtig. Frischluft zum Beispiel.

(c) Bild bei Flickr / Amarpreet Kaur (Lizenz BY NC ND 2.0)

Kurze Beruhigungen für junge Eltern

Erstlingseltern, also solche, die noch keinen Stall voll Kinder daheim haben, sorgen sich ab der ersten Minute um ihr Kind, das liegt in der Natur der Sache. Hier ein paar kurze Hinweise, was alles bei einem Frischling normal ist (aber gerne gefragt wird):

– Der Flaum auf den Schulter fällt noch aus (übrigens auch die restlichen Haare).
– Pickelchen, Rötungen und spröde Haut gehen von alleine weg.
– Neugeborene atmen sehr laut.
– Die Ohren entfalten sich noch, auch der restliche Schädel.
– Wenn ein Kind noch viel schläft: Keine Sorge, das ändert sich.
– Der Stuhlgang wird grüner, gelber, flüssiger. Er klebt dann nicht mehr so sehr. Ekelig bleibt es.
– Die Augen sind bald nicht mehr verklebt. Wasser und ein weicher Waschlappen reicht meist aus.
– Der Nabel tut nicht weh. Puder ist verboten. Desinfektion ist ok. Macht die Hebamme.
– Der Po ist oft rot. Cremen ist in Ordnung. Urin macht nichts, Stuhlgang schon.
– Das Zeug in den Falten nennt man Käseschmiere. Gut für die Haut, muß man nicht saubermachen.
– Den roten Fleck über der Nase nennt man Engelskuss, den roten Fleck im Nacken Storchenbiss.
– Lange Fingernägel sind häufig, vor allem, wenn das Kind etwas verspätet zur Welt kam. Ja, man darf sie – vorsichtig! – kürzen.
– Kleine weisse Punkte auf der Nase nennt man Milien. Sie trocknen ein.
– Milien im Mund nennt man Epstein Perlen. Auch sie trocknen ein.
– Tief schlafende Babys sind tief schlafende Babys. Ein Atemstillstand sieht anders aus. (Danke an ´ne mama)
– Pickelchen im Gesicht nennt man Babyakne,verschwindet nach einiger Zeit von ganz alleine und muss nicht behandelt werden. (Danke an @cHHrissi)
– Das rote Pulver in der Windel ist Ziegelmehl…, weil es eben so aussieht. Das ist kein Blut, sondern das sind Urinkristalle. Harmlos. (Danke an Danielle)

To be completed. Anyone? Weitere Tipps für die Neugeborenenzeit, die über das „Sichtbare“ nach Geburt hinausgehen außerdem weiter unten in den Kommentaren.

Buchtipp „Der Mensch“


Holt Euch dieses Buch, verschenkt es, liebt es, blättert es. Eigentlich konzipiert für Kinder ist das Buch „Der Mensch oder Das Wunder unseres Körpers und seiner Billionen Bewohner“ auch ein Augenschmaus für den interessierten Erwachsenen. Nebenbei wird auch noch was erklärt.

Jan Paul Schutten (Text) und Floor Rieder (Illustrationen) haben bereits ein ähnliches Buch zur Evolution vorgelegt, nun also das Buch zum Menschen (Übersetzung Verena Kiefer). Warum, warum, warum wird gefragt, und dabei bewegen wir uns durch den menschlichen Körper – die Zellen, das Gehirn, der HNO-Bereich, die Lunge, Bauch, Haut und Haar und schließlich Vermischtes in Bewegung und in Fortpflanzung. Dabei werden so spannende Fragen gestellt, warum „du dir im Staubsauger begegnest“, warum „du einfacher gestrickt bist als eine Reispflanze“ oder warum „tot sein nicht so schlimm ist“. Man sieht: Ungewöhnlich. Oder wie wäre es mit „Warum ein Hochdruckgebiet über Skandinavien einen Krieg auslösen kann“? Was das mit dem menschlichen Körper zu tun hat? Spoiler: Es geht um Hormone.

Schöne Bilder gibt es zu sehen, sympathisch einfach, dennoch eingängig und haftend. Kleine Scherze sind eingearbeitet, keine Hemmungen gibt es zu überwinden, wir lesen ein Buch aus den Niederlanden. Das alles in warmen Rot, Grün und Golden. Der Schnitt ist rot gefasst, ein edles Buch. Und wieder möchte der Leser das Buch nicht als e-book verschlissen sehen. Da kann es nicht wirken.

Jan-Paul Schutten, Floor Rieder – Der Mensch oder Das Wunder unseres Körpers und seiner Billionen Bewohner“, bei Gerstenberg, 2016, übersetzt von Verena Kiefer, fest gebunden, 160 Seiten, mit viel Liebe gemacht.

Link zu Gerstenberg

Affiliate Link zu Amazon 

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Rote Fahnen oder: Wenn Kinderärzte sich Sorgen machen

Alle Welt spricht in der Notfallbehandlung und den Ambulanzen vom Triage-System: Also der Einschätzung, ob eine ambulante Vorstellung sehr dringend, weniger dringend oder „naja, das ist ja nicht wirklich ein Notfall“ ist. Manchmal wird es auch das „Ampel-System“ genannt, weil rote, gelbe und grüne Farben vergeben werden, um die Dringlichkeit einer Behandlung anzuzeigen. Dem verwandt sind die „Red Flags„, die sich in vielen Symptombeschreibungen finden, also Krankheitszeichen, die in der Aufmerksamkeit des Mediziners knallrote Fahnen schwenken: Achtung! Gefahr!

Ich versuche, meinen fMFA diese roten Fahnen zu vermitteln: Eltern rufen ja meist vorher an, weil sie einen Termin brauchen, und die fMFA sollte dann bereits am Telefon entscheiden, wie kurzfristig dieser vergeben werden muss (oder ob vielleicht eine Beratung am Telefon ausreicht – gibt´s ja auch). Jedes Krankheitsbild hat da so seine „specials“, aber ein paar „Nummer Eins“-Red-flags, also „Rote Flaggen mit Blink- und Blaulicht“ gibt es sicher noch obendrauf.

Hier ein paar Dinge, die auch den Kinderarzt schwitzen lassen. Wann machen wir uns wirklich Sorgen?

Kleine Säuglinge mit hohem Fieber — Wer Eltern am Telefon hat, sollte immer, immer und immer nach dem Alter des Kindes fragen. Handelt es sich um einen Säugling (also bis zum 1.Geburtstag, noch dringlicher wird es unter 6 Monaten), wird er immer schneller einbestellt, als ein größeres Kind. Nicht nur, weil meist die Eltern besorgter sind, sondern weil die klassischen Symptome bei vielen Krankheiten unklarer sind. Wenn kleine Babys Fieber haben (> 38,5 Grad rektal), ist meist was im Busch.

Sehr starke Schmerzen — völlig klar. Kinder mit Schmerzen sollten das nicht aushalten. Aber es gibt ja so gute Mittel wie Paracetamol und Ibuprofen (umso erschreckender, dass Kinder bei uns vorgestellt werden, die „schon die ganze Nacht Ohrenweh“ haben und immer noch nichts bekamen).
In diesem Post geht es aber um Schmerzen, die die Kinder völlig einnehmen, dass auch Analgetika nichts mehr ausrichten können. Schmerzen an Kopf, Bauch, Rücken, nach Stürzen. Kinder, die sich nicht mehr beruhigen, Säuglinge (wieder), die nichts mehr trinken wollen, große Kinder, die sich vor Schmerzen nicht mehr bewegen (auch die stillen) – zum Doktor.

Atemnot — „Herr Doktor, mein Kind bekommt gar keine Luft“, das hören wir oft und ist aus Sicht der Eltern ein weites Feld.
Achten sollte man vielmehr auf fehlende Stimme (wieder die Säuglinge, die nicht mal mehr schreien), so genannte Einziehungen (sichtbare Atmung an den Rippen oder oberhalb des Brustbeins), sehr schnelle Atmung und quietschende oder feinknisternde Geräusche.
Schließlich können Atemprobleme zu starker Blässe oder Dunkelverfärbung des Gesichtes führen (Zyanose), auch darauf sollten Eltern achten.

Eintrübung — Nichtansprechbarkeit, Lethargie, Bewußtlosigkeit, Schläfrigkeit, Synonyme gibt es viele. Dies ist ein absolutes Alarmzeichen, egal in welchem Alter.
Klar sind kranke Kinder müde, wenn sie aber nicht erweckbar sind, sich gar nicht mit Spielen oder Ablenkung aufmuntern lassen, darf das zu Denken geben.

Ausschläge — Hier sind nicht irgendwelche Pickelchen gemeint, auch nicht Ausschläge bei Windpocken, Ringelröteln oder Scharlach. Es gibt eigentlich keine dermatologischen Notfälle.
Ausschläge, vor denen wir Angst haben, sind „Petechien“ (Einblutungen in die Haut), erkennbar daran, dass Druck auf die Haut die Rötungen nicht verschwinden lassen, sie blasst nicht ab. Petechien können eine schwere Sepsis anzeigen, wie sie bei Hirnhautentzündungen vorkommen. Ein Notfall.


Diese Red Flags sind in absteigender Häufigkeit aufgeschrieben, fiebernde Säuglinge sind beinahe Tagesgeschäft, während das fiese Exanthem bei Meningokokken-Sepsis eine große Ausnahme ist, dennoch sind meine fMFA bei all diesen Kindern bemüht, am gleichen Halbtag noch einen Termin zu geben.

Für Eltern, deren Kinder o.g. Auffälligkeiten zeigen: Anrufen, Dringlichkeit mitteilen, auf einen Termin bestehen. Diese Red Flags bedeuten nicht, dass tatsächlich etwas Schlimmes vorliegt (im Gegenteil: Meist können wir eine ernsthafte Krankheit ausschließen und den Kindern gut helfen), aber eine Abklärung ist unumgänglich. Ist der Kinderarzt nicht erreichbar, fahrt in die nächstgelegene Notfallklinik oder (insbesondere bei Atemnot, Nichtansprechbarkeit oder der Hirnhautentzündung) wählt die 112.


Können wir die o.g. Symptome auch umgekehrt betrachten?

Klar! Ein Kind, dass zwar krank ist, aber …
– … klein ist, noch gut trinkt oder isst, kein Fieber hat,
– … über keine Schmerzen klagt, also auch lacht und spielt,
– … ganz ruhig atmet, z.B. auch durch die Nase oder mit Schnuller im Mund,
– … adäquat reagiert, antwortet, seinem Spielzeug nachgeht oder sich ablenken lässt vom Kranksein,
dürfte insgesamt zwar krank, aber nicht lebensbedrohlich erkrankt sein. Ein Anruf beim Kinderarzt kann jetzt die Nerven beruhigen, Tipps von der fMFA Abholen kann ja nie schaden. Im Zweifelsfall schaue ich aber gerne das Kind an.

Grüße,
kinderdok.

Nebenbei: Diese Dinge sind – logisch – international. Claire McCarthy (@drClaire) schrieb unlängst ein ähnliches Posting (englisch) aus ihrer Notfallsprechstunde, ich habe mich an ihren Artikel angelehnt.

Erstveröffentlichung hier.

(c) Bild: kinderdok, basierend auf Red flags von Rutger van Waveren/Flickr (Lizenz bei CC BY-SA 2.0)

„Der läuft so komisch“

A walk in the park...with style

Da war wieder jemand schneller – siehe die anhängende Pressemitteilung des BVKJ. Scheinbar geht es nicht nur mir so, dass Eltern um den zweiten Geburtstags die Frage nach den Laufwegen ihres Kindes stellen. Dabei ist das alles normal.

In aller Regel beginnen die Kinder mit O-Beinen zu laufen, die dann während des Lauflernalters zu recht auffälligen X-Beinen mutieren. Das richtige „Geradelaufen“ sieht man erst im Schulalter. In all diesen Phasen haben „Lauflernschuhe“, medizinische Einlagen oder Krankengymnastik nichts zu suchen. Den wohlmeinenden Hinweisen von Schuhverkäufern oder Kinderturnbetreuern dürfen Eltern mit Blick auf die regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen antworten: „Das checkt der Kinder- und Jugendarzt regelmäßig.“ „Verpassen“ wird man sowieso nichts. Das Einzige, was nicht verpasst werden sollte, ist die vorgeschriebene Hüftuntersuchung per Ultraschall im Rahmen der frühen U3-Untersuchung. Hier kann eine angeborene Fehlstellung der Hüfte ausgeschlossen werden.


 

Die Pressemitteilung des BVKJ:

„Einwärtsgehen“ bei Kindern selten bedenklich

Schon als Säugling können die Füße einwärtsgedreht sein, aber auch, wenn Kinder zu laufen beginnen, drehen viele beim Gehen ihre Füße nach innen, sie gehen einwärts. Das kann unter Umständen bis in das Grundschulalter andauern.

Kleine Kinder zeigen häufig einen Einwärtsgang, der bei manchen Kinder bis zum Grundschulalter anhält. In den allermeisten Fällen korrigiert sich diese Gangart von selbst und erfordert keine Behandlung. Bemerken Eltern aber, dass ihr Kind Schwierigkeiten beim Gehen hat, häufig stolpert oder hinfällt, sollten sie ihr Kind beim Kinder- und Jugendarzt vorstellen, aber auf keinen Fall ohne ärztlich Anweisung ihren Kindern Korrekturschuhe oder Ähnliches zumuten. „Wenn sich der Einwärtsgang verschlimmert oder das Kind sogar hinkt oder Schmerzen angibt, sollten Eltern unverzüglich den Kinder- und Jugendarzt aufsuchen“, rät Dr. Ulrich Fegeler, Kinder- und Jugendarzt sowie Mitglied des Expertengremiums des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Ob sich die Gangart verändert, können Eltern, wenn sie unsicher sind, mit Hilfe von kurzen Videoaufnahmen im Abstand von einem Jahr erkennen. Dabei sollten sie ihr Kind beim Gehen von vorne und von hinten aufnehmen.

Die Einwärtsdrehung der Füße kann auf unterschiedlichen Ursachen beruhen. Säuglinge können eine Einwärtsdrehung des Vorfußes zeigen, die sich in der Regel schnell korrigiert. Beginnen Kinder zu laufen und die Füße einwärts zu drehen, kann gerade im frühen Kleinkindalter eine knöcherne Einwärtsdrehung des Schienbeines (Tibia) der Grund sein. Auch das „korrigieren“ die Zeit und das Wachstum. Am häufigsten und durchaus bis zum 9. Lebensjahr reichend besteht die Ursache in einer Innenrotation des Oberschenkelknochens (Femur) in den Hüftgelenken. Mit zunehmendem Wachstum richtet sich das Becken auf und durch die damit verbundenen statischen Veränderungen ändert sich auch die Rotation des Femurs im Hüftgelenk. „Betroffene Kinder bevorzugen u.a. auch den Zwischenfersensitz („Najadensitz“), d.h., das Gesäß befindet sich beim Sitzen zwischen beiden nach außen gewinkelten Beinen. Nur in ganz seltenen Ausnahmefällen sind operative Korrekturen notwendig“, erklärt Dr. Fegeler.

Ob eine Fehlbildung der Hüftgelenke vorliegt, kann der Kinder- und Jugendarzt durch eine Ultraschalluntersuchung der Hüfte beim Baby feststellen, die er routinemäßig bereits im Rahmen der U3 zwischen der 4. und 5. Lebenswoche durchführt. Auch, wenn der Innenrotationsgang noch jenseits des 9. Geburtstages auffällt, ist ein Besuch beim Kinder- und Jugendarzt angeraten. Bei besonderen Auffälligkeiten ist die Überweisung zum Kinderorthopäden notwendig.

Quellen: AAP, MMW Fortschr Med, J Peds


Dies ist eine Pressemitteilung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte BVKJ.

(c) Foto bei Flickr/Jeff Power (Lizenz Creative Commons)

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