Der aktuelle Impfplan für Säuglinge

Impfwoche

.

Zur europäischen Impfwoche hier ein Überblick über den aktuell bundesweit empfohlenen Impfplan für Säuglinge – ohne lokale Empfehlungen wie z.B. die FSME-Impfung (für den süddeutschen Raum) oder die Meningokokken-B-Impfung (wie z.B. von der Sächsischen Impfkommission empfohlen).

Es gibt – geschickt geplant – insgesamt 7 Termine (bzw. 11 Injektionen und 2 Schluckimpfungen) zum Impfen bis zum 15. Lebensmonat. So machen wir das. Das Schema der STIKO erlaubt eine Abweichung von diesen Terminen, aber so ist es am rationellsten und wegen der wenigen Termine (z.B. Kombination mit den Vorsorgen) am wenigsten belastend für das Kind.

0) Bei U3 mit einem Monat Beratung und Aufklärung über die empfohlenen Impfungen
1) 1. Termin ab 8. Lebenswoche: Kombiimpfung (Tetanus/Diphtherie/Keuchhusten/Kinderlähmung/Hämophilus influenzae B/Hepatitis B) + Pneumokokken + Schluckimpfung gegen Rota-Virus
2) 4 Wochen später: Kombiimpfung (Tetanus/Diphtherie/Keuchhusten/Kinderlähmung/Hämophilus influenzae B/Hepatitis B) + Schluckimpfung gegen Rota-Virus – z.B. mit der U4
3) 4 Wochen später: Kombiimpfung (Tetanus/Diphtherie/Keuchhusten/Kinderlähmung/Hämophilus influenzae B/Hepatitis B) + Pneumokokken

4) ab 10. Lebensmonat: Kombiimpfung (Masern/Mumps/Röteln) + Varizellen
5) ab 12. Lebensmonat: Meningokokken C – z.B. mit der U6
6) 6 Monate nach 3), also z.B. 13. Lebensmonat: Kombiimpfung (Tetanus/Diphtherie/Keuchhusten/Kinderlähmung/Hämophilus influenzae B/Hepatitis B) + Pneumokokken
7) ab 15. Lebensmonat: Kombiimpfung (Masern/Mumps/Röteln/Varizellen)

Erläuterungen:
ad 1)-3)
– Der Rota-Impfstoff kann bereits ab 6. Lebenswoche gegeben werden, dann hat man einen Termin mehr.
– Startet man die Impfungen etwas später, verschieben sich die Termine jeweils um einen Monat, da hier immer ein vierwöchiger Abstand sein muss.
– Ein Rota-Virus-Impfstoff muss dreimal gegeben werden, wird dieser verwendet, gibt man diesen natürlich an allen drei Terminen
– Bei ehemaligen Frühgeborenen gibt man dreimal den Pneumokokken-Impfstoff.

ad 4) dies wird vor allem für Kinder empfohlen, die ab einem Jahr oder bereits jetzt in eine Betreuungseinrichtung gehen. Vermutlich wird die Empfehlung zur früheren Masernimpfung demnächst von der STIKO generell ausgesprochen werden.

ad 5)-7)
– Die MMR kann getrennt von der Windpocken-Impfung gegeben werden, wird sie als MMRV gegeben, könnte man 4) und 5) bei der U6 kombinieren – dann spart man sich noch einen Termin.
– Strenggenommen sind keine grossen Abstände zwischen den Impfungen einzuhalten, ein Monat hat sich aber als praktisch erwiesen.
– Die zweite MMRV-Impfung sollte erst nach dem 15. Lebensmonat erfolgen, kann aber „ab Beginn des zweiten Lebensjahres“ gegeben werden.

Impfkalender bei der STIKO auch in vielfacher Übersetzung erhältlich
Ausführliche Erläuterungen im Epidemiolgischen Bulletin
STIKO-Empfehlungen als App

impfkalender

Ein Pieks weniger

Breaking News:

Die Ständige Impfkommission STIKO hat in ihrem neuesten Bulletin, das stets im August erscheint, ein ganz kleines Bisschen an den Impfempfehlungen gedreht: So wechselt sie bei den Pneumokokken-Impfungen vom 3+1 Schema zum 2+1 Schema, d.h. es wird nur noch zweimal im ersten halben Jahr geimpft und ein drittes Mal im zweiten Lebensjahr. Bisher wurde die Pneumokokkenimpfung an die Sechsfachimpfung gekoppelt. Letztere verbleibt übrigens beim 3+1 Schema, obwohl dies in manchen Ländern anders gehandhabt wird.

Übrigens: Die von vielen erwartete Empfehlung zur Menigokokken B Impfung blieb im aktuellen Bulletin aus, zu unsicher sei noch die Studienlage. Das halte ich persönlich für eine mutige Entscheidung, denn eine Meningitis B ist für uns alle ein Horror sondergleichen.

SPON zu den Empfehlungen

Das neueste Bulletin als pdf.

Empfehlungen für Säuglinge in Maserngebieten

N.G. hat mir eine Anfrage per Mail geschrieben, die ich gerne in der aktuellen Debatte aufgreifen möchte. Da sie ihre Fragen von Kinderärzten in der Umgebung nicht beantwortet sieht, da diese „in Bezug auf Impfen und Co recht .. esoterische … Meinungen vertreten“, versuche ich mich einmal.

Ich darf keine gezielten Anfragen beantworten, insbesondere keine personenbezogenen Hilfestellungen geben, also bitte nicht jetzt anfangen, Mails zu schreiben. In diesem Fall ist es aber allgemein genug:

N.G. schreibt: Aktuelle Fragen von meinen Bekannten (die auch alle Babys und Kleinkinder haben) und mir:

+ Wenn man in einem Gebiet wohnt, wo eine aktuelle Masernepidemie
grassiert – soll man dann sein Baby vorzeitig (ab 9 Monaten) impfen?

Die Masernimpfung wird üblicherweise im 11. oder 12. Lebensmonat durchgeführt (z.B. bei der U6). In allen Fachinformationen der zur Verfügung stehenden Impfstoffe (Masern-Mumps-Röteln oder Masern-Mumps-Röteln-Windpocken) gibt es aber den Passus, dass bei Besuch einer Gemeinschaftseinrichtung vor dem 1.Geburtstag bzw. „wenn eine epidemiologische Situation“ diese erfordert, auch früher geimpft werden kann, allerdings nicht vor dem 9. Lebensmonat. Es könnten also ab heute Säuglinge geimpft werden, die vor dem 26. Mai 2014 geboren wurden.

Das ist natürlich eine individuelle Entscheidung. Ist ein älteres Kind in der Familie, besteht dadurch mehr Kontakt zu Kita oder Kindergarten, ist eine frühere Impfung sicher zu erwägen. Erst recht, wenn das zu impfende Kind selbst in die Krippe soll.

Das RKI schreibt: „Nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) kann die MMR-Impfung auch schon vor dem 12. Lebensmonat, jedoch nicht vor dem 9. Lebensmonat erfolgen (vor dem 9. Lebensmonat ist die Wirksamkeit durch das Vorhandensein mütterlicher Antikörper und durch die Unreife des kindlichen Immunsystems häufig stark vermindert). Eine Impfung ab einem Alter von 9 Monaten kann unter Berücksichtigung der gegebenen epidemiologischen Situation insbesondere in folgenden Situationen erfolgen:
bevorstehende Aufnahme in eine Gemeinschaftseinrichtung
nach möglichem Kontakt zu Masernkranken
Sofern vor dem Alter von 11 Monaten geimpft wird, muss die 2. Impfung bereits zu Beginn des 2. Lebensjahrs erfolgen, da persistierende maternale Antikörper im 1. Lebensjahr die Impfviren neutralisieren können.
Für eine MMR-Impfung von Säuglingen unter 9 Monaten fehlen umfassende Daten zur Sicherheit und Wirksamkeit, so dass diese Säuglinge z.B. in einem Ausbruchsgeschehen in erster Linie durch Impfungen der Kontaktpersonen in der Umgebung zu schützen sind. Individuelle Risiko-Nutzen-Abwägungen können eine Impfung mit 6 bis 8 Monaten ausnahmsweise begründen. Vor dem Alter von 9 Monaten geimpfte Säuglinge sollen zum Aufbau einer langfristigen Immunität 2 weitere Dosen MMR-Impfstoff im 2. Lebensjahr erhalten. Nach Kontakt zu Masernkranken können unter 9 Monate alte Säuglinge nach individueller Risiko-Nutzen-Abwägung alternativ Immunglobuline zum Schutz vor einer Erkrankung erhalten. Nach einer Immunglobulin-Gabe ist die MMR-Impfung für 5 bis 6 Monate nicht sicher wirksam. Dies sollte bei der Indikation zur Immunglobulin-Gabe berücksichtigt werden.“

+ Soll man während einer Masernepidemie „öffentliche Orte“ mit
ungeimpften Babys vermeiden? Was tun, wenn das kaum machbar ist
(Einkaufen, Öffentl. Verkehrsmittel, etc)?

Ich halte das für überzogen und realitätsfern. Man kann sich nicht überall gegen alles schützen. Fernhalten würde ich mich allerdings aus Kindergärten und Schulen, wo es Masernfälle gab.
Ob ein Maserninfizierter im Ed.e.ka rumrennt oder die U-Bahn benutzt – auszuschließen ist das nicht. Ist er erkrankt, sind die Eltern hoffentlich vernünftig genug und lassen ihn daheim.
[Edit] Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte hat dazu eine etwas strengere Auffassung und empfiehlt mit der PM vom 27.2., „Familien mit Säuglingen, Menschenansammlungen zu vermeiden“.

+ Soll man während einer Masernepidemie Kontakte zu anderen
Babys/Kleinkindern vermeiden (Krabbelgruppen, Babyschwimmen, etc.)?

Das gleiche wie oben. „Babys“ sind per definitionem Kinder unter einem Jahr, die in der Regel ja eh noch nicht gegen Masern geimpft sind. In einer Krabbelgruppe mit „Babys“ ist die Chance einer Maserinfektion eher gering. Da diese Gruppen aber überschaubar sind und man sich ja kennt, darf die Frage schon gestellt werden, ob es ungeimpfte Geschwisterkinder gibt.
Gibt es masernerkrankte Geschwisterkinder, ist das inkubierte Geschwisterbaby sowieso zu Hause zu lassen, es wird die Masern zu 99,9% ebenfalls bekommen (und auch weitergeben).

Nochmal, liebe Eltern: Kommunziert! Fragt in Euren Gruppen, Kitas und Kindergärten nach der „Impflage“, diskutiert und erhöht den Druck auf die Anbieter und Kita/Kiga-Träger, nur geimpfte Kinder aufzunehmen.

+ Welche Vorsichtsmaßnahmen können Eltern mit ungeimpften Babys während einer Masernepidemie treffen? Verwandtschaft nochmal extra auf Masern ansprechen und ggf. nachimpfen?

Ja! Die einzige Schutzchance für Säuglinge sind die anderen, die sich hoffentlich impfen lassen, also Oppa, Omma, Tagesmutter, jeder Kontakt.
Alle Erwachsenen, die nach 1970 geboren sind und keine oder nur eine Masernimpfung hatten, sollten sich einmalig gegen Masern impfen lassen. So empfiehlt es die STIKO.

Masern-Infoblatt aus Neukölln von 2015
Masern-Infoblatt aus Berlin von 2012, ausführlicher und radikaler im Verbot des Schulbesuches für Ungeimpfte

Fernsehbefehl

… ok, nicht so martialisch: Fernsehempfehlung heute abend, oder jetzt schon über die 3sat-Mediathek: „Impfen – nein danke?

Für mein Dafürhalten ein recht ausgeglichener Beitrag, der viele Facetten des Themas bestreift, die üblichen Verdächtigen wie Ed Jenner und Monsieur Hirte, aber auch schlichte Fakten präsentiert, und auch die problematischen Themen rund ums Impfen, wie die Schweinegrippe und die HPV-Impfung nicht vergisst. Ich freue mich sehr, dass nicht zuviel vom Schwachsinn reproduziert wurde, was im Internet grassiert, und das letzteres tatsächlich als Hauptursache für die Impfskepsis unter Akademikern in Deutschland ausgemacht wurde.
Die forschende Psychologin bringt es auf den Punkt: Die Diskrepanz zwischen der Gefühls- und der Verstandesentscheidung. Und das viele Gefühlsentscheider sich letztendlich egoistisch darauf ausruhen, dass die Mitmenschen geimpft sind.

Ärgerlich hinterlässt mich wie immer Kollege Hirte aus München, der alleine auf der Emotionsebene argumentiert und mit schwammigen Begriffen kommt („einige“, „zahlreiche“, „ganze Menge“, „da muss man sich schon fragen…“). Herrje. Warum ausgerechnet er „zahlreiche Kinder“ gesehen hat, die nach „Fünffach- oder Sechsfach-Impfungen Krampfanfälle oder Hirnschäden“ bekommen haben, und wir anderen Niedergelassenen nicht, wird wohl sein ureigenes Rätsel bleiben. Vielleicht liegt es daran, dass er nur privat behandelt und keine KV-Zulassung hat?

Schön, dass man am Ende sieht, wie er auch impft, wenn auch in den Gluteus, mit einer recht eigenwilligen Technik, ob das so empfehlenswert ist? Vielleicht hat er deshalb soviele Nebenwirkungen beobachtet? Aber er würde ja auch Masern nur deswegen impfen, „damit die Kinder ihre Eltern nicht anstecken“…

noch ´ne neue Impfung?

… nein, das ist falsch, die ist nun wirklich nicht neu: Die Rota-Virus-Impfung. Ich hatte schon davon berichtet.

Neu ist, dass nun auch die Ständige Impfkommission eine allgemeine Empfehlung ausgesprochen hat. Bisher gab es zwar die Impfung, sie wurde von uns Kinder- und Jugendärzten auch empfohlen, aber … die Finanzierung war immer noch kompliziert. Die einen Kassen haben sie bezahlt, die anderen nicht, private Kassen wollten einen extra Schrieb vom Kinderarzt, dass die Impfung wirklich indiziert sei, usw. Mit der jetzigen STIKO-Empfehlung wird das hoffentlich einfacher. Immerhin hat bereits die grösste Krankenkasse, die AOK, eine allgemeine Kostenübernahme mit entsprechender Abrechnungsziffer genehmigt. Und das will etwas heissen, war doch die AOK bisher eher der Hemmschuh bei Novitäten (siehe neue Vorsorgeuntersuchungen für Kinder).

Wer bekommt die Impfung? Säuglinge ab der 6. Lebenswoche bis allerspätestens der 24 (32). Lebenswoche.
Wie wird sie gegeben? Eine Schluckimpfung, hurra! Ich bin überrascht, wieviele Eltern der Impfung sofort zustimmen, wenn sie hören, dass diese oral gegeben wird – Spritzen sind böseböseböse.
Wie oft wird sie gegeben? Es gibt zwei Anbieter, beim einen gibt man zwei Dosen, beim anderen drei, jeweils im Abstand von einem Monat. Da die Erstattung für die Ärzte in der Summe gleich ist, kann man sich leicht ausrechnen, welcher Impfstoff sich durchsetzen wird.

Welche Nebenwirkungen gibt es? Naja. Da die Impfung gegen Durchfallsviren ist, kann sie als NW auch mal Durchfall machen. Allgemeine systemische NW sind eher selten, leichtes Fieber ist aber immer möglich. Eine gefürchtete Nebenwirkung ist die Invagination, die bei einem älteren Impfstoff häufiger vorkam, mit der neuen Generation aber sehr selten geworden ist (max. 2/100000).

Rotaviren sind die häufigsten Verursacher für Durchfall im jungen Kleinkindalter und die häufigsten Erreger, die einen Krankenhausaufenthalt nach sich ziehen – das gilt es zu vermeiden. Praktisch jedes Kind durchläuft einmal eine Rotavirus-Infektion – für kleine Säuglinge ist die Erkrankung am problematischsten, die mögliche „Austrocknung“ durch den Durchfall bestimmt letztendlich den Zustand der Kinder. Todesfälle können vorkommen, sind bei uns aber sehr selten geworden, da Eltern sich der Risiko bewusst sind.
Ganz unabhängig davon ist stets gut, Kinder vor Krankheiten zu schützen, banal, doch Prävention ist Inbegriff des Arztberufes.

Trotzdem ist die Versorgung eines Rotaviruserkrankten in der industrialisierten Welt unproblematisch, die Impfung letztendlich ein Glück der Vorbeugung, wenn auch ein Luxus. 85% der Todesfälle an Rotaviren treten in den Entwicklungsländern auf – wir fragen lieber nicht, wieviele der Impfungen bereits in der Dritten Welt verteilt wurden.

Schöne Übersicht des Kollegen Pabel – wenn auch inhaltlich (Impfung) veraltet
Infos des Berufsverbandes
Die Nachricht der Impfempfehlung von SPON – leider mit einem Schwachsinnsbild einer Stichimpfung
Begründung der STIKO

Kosten des Impfstoffes –
RotaTeq (3 Dosen) = je 45,76 € = 137,28 €
Rotarix (2 Dosen) = je 67,75 € = 135,50 €
Vergütung Impfarzt (je nach Krankenkasse, Bundesland usw.) = 12 – 15 € für die gesamte Impfserie (= 4 – 7,50 € pro Impfung)

Eine neue Impfung

Die Oberärztin und ich sind verzweifelt.
Der Fünfzehnjährige war am Morgen unseres gemeinsamen Dienstes in der Ambulanz gesessen und hatte über Kopfschmerzen geklagt. Am Tag vorher war er im Freibad, alle dachten, er habe einen Sonnenstich bekommen. Aber – er war meningeal, d.h. die Hirnhäute waren gereizt. Gibt es auch beim Sonnenstich.

Dennoch: Nach Untersuchung und Aufnahme zapften wir nicht nur Blut, sondern entnahmen auch Liquor am Rücken. Hochpathologisch. Eine Antbiose folgte, zügige Behandlung, Überwachung, alles, was nötig war.
Aber manchmal sind die Krankheiten schneller: Bereits zwei Stunden später beklagte der Junge stärkste Beinschmerzen, bei der Untersuchung fielen zahlreiche dunkle Flecken an den Beinen auf, Einblutungen, wie sie leider vor allem bei einer Meningokokken-Infektion vorkommen.

In den weiteren Stunden verblasste alles, was durch die Ambulanztür kam, was sind schon Husten, Schnupfen, Durchfall – die Kinderklinik kreiste nur noch um diesen Jungen. Intensivbehandlung, zentrale Katheter, zusätzliche Antibiotika – ihm ging es schlechter und schlechter.
In der Mitte der Nacht, das werde ich nicht vergessen, es war kurz nach zwei, war der Junge tot.

Es gibt Krankheiten, gegen die wir Ärzte machtlos sind. Es gibt Krankheiten, gegen die wir impfen können, damit unsere Macht vorwirkt. Die Meningitis durch die Meningokokken B war eine der Erkrankungen, die wir Kinder- und Jugendärzte immer am meisten fürchteten, gerade weil man so wenig tun kann. Wer die Krankheit überlebt, hat oft neurologische Folgeschäden oder verliert Gliedmaßen durch die gefürchteten Gefäßverschlüsse.

Ab diesem Sommer lässt sich die Krankheit impfen. Darüber sind wir Ärzte sehr froh. Einfacher kann man es nicht sagen.

Wikipedia zu Meningokokken
Infoartikel Impfung MenB des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte und zur Meningitis im Allgemeinen
Film zu dem Thema

impftechnik

es soll ja wirklich leute geben, die impfen noch in den allerwertesten gluteus maximus, aber die werden wohl demnächst ihre approbation abgeben müssen altershalber zurückgeben.

– geimpft wird grundsätzlich in den größten muskel, der wenig nebenwirkungen bietet, also: bei säuglingen in den vastus lateralis/ rectus femoris (die seitlichen oberschenkelstrecker), bei einjährigen aufwärts der deltoideus (deltamuskel über dem schultergelenk). bei säuglingen machen die beinmuskeln nichts, weil die noch nicht auf den beinchen stehen. wenn sie dann stehen und laufen, verbieten sich die beinmuskeln, weil viele kinder nach einer impfung plötzlich nicht mehr stehen und laufen wollen.
– subkutan-impfungen (lebendimpfungen wie masern oder windpocken) gehen auch an den arm, allerdings nicht in den muskel, sondern mitte des oberarms. streckseitig.
– säuglinge und kleinkinder sitzen auf dem schoß der eltern, bauch an bauch, beste position zum halten und beste position zum trösten. größere sitzen auf der liege. doc bekommt assistenz durch eltern (gegenüberliegender arm/hand aus der schußlinie nehmen und bereit, kind doch etwas festzuhalten)
– alle kinder werden vorbereitet, am tag vorher und am impftag durch die eltern (ja, wir gehen zum doc, und ja, es gibt eine spritze und ja, verdammt, die tut weh. aber das hilft dir, mama ist da und tröstet dich. danach gibts eine belohnung). auch die mfa und auch der doc sprechen klare worte und beschönigen nichts, aber die sache wird auch nicht unnötig hochgepusht.
– die eltern werden vorbereitet (halten des kindes, zuwendung, trösten), sinn und zweck der impfung, nebenwirkungen usw. usf.
– kind wird untersucht, dass es gesund sei, sitzt in position, impfstelle wird mit wischinfektion (einmal!) desinfiziert, wirkzeit überbrückt mit griff zur spritze (impfstoff sollte zimmertemperatur haben), aufsetzen der kanüle (bei uns immer immer immer 27g, nr.20 – die grauen), lösen der schutzkappe, dann bitte nochmals um gutes festhalten, vielleicht ablenken, tura-lura-lu singen, bei säuglingen schnullern, stillen, flasche und dann
– geimpft 1) im 45 grad winkel zur hautoberfläche 2) zweite achse parallel zum arm oder bein, 3) mit dem kanülenschliff nach oben, sonst tuts saumässig weh und 4) schön tief (i.m.) – umso weniger lokale nebenwirkungen gibt es. den knochen erwischt man nie. aber sehr oft die oberen hautpartien, wenn die nadel nur 2 mm eindringt – sehr unangenehm bei i.m. spritzen. häufigster fehler bei allgemeinärzten impfanfängern.
– die linke hand des kinderdoks hält dabei den arm oder das bein, kneift etwas die haut, das lenkt ab, die rechte durchsticht mit der spritze die haut, versetzt etwas den stichkanal (weniger nebenwirkungen), mit einer hand wird aspiriert (dass man kein blutgefäss erwischt hat) und „zügig, aber nicht überhastet“ der spritzenstempel gedrückt. bei subkutan-impfungen wird eine hautfalte gehoben, auch etwas „gepetzt“, dann merkt man den piekser nicht so.
– hoffen, dass die kanüle kein montagsprodukt und durchgängig ist. hoffen, dass kein blut bei aspiration kommt, sonst: zug der spritze und alles von vorne. kurzes fluchen.
– impfstoff drin? spritze zügig ziehen, mit trockenem tupfer kurz die stelle abdrücken, verreiben (aber erst, nachdem die nadel draussen ist).
– kanüle sofort abwerfen (nicht weitergeben an mfa oder impftablett, sondern direkt weg), spritze wandert in den müll.
– trösten trösten trösten (eltern), loben loben loben (kinderdok)
pflaster klebe ich nur selten – wenns die kinder gerne wollen, schön bunt und quietschig. sonst lasse ich das lieber, siehe pflasterallergie, die.
– belohnungen gibts in zahlreicher form: eine echte schatzkiste an der anmeldung mit zig rumsteherles und einstaubhilfen für zu hause, alles, was später im staubsauger verschwindet, aber auch tatoos, aufkleber, radierer, spitzer, stifte, edelsteine (für grosse). am meisten freuen sich aber alle über die bilder, die wir auf die hand oder den arm malen, stempeln, kritzeln.

wer möchte, bekommt emla (taub-mach-salbe), persönliche erfahrung: das impfen (in den muskel) tut trotzdem weh und die kinder stehen gar nicht auf das vorneweg bohei mit der salbe. ansichtssache.

über impfabstände und den impfplan sag ich hier nichts, das ist überall bekannt. vorher muß auch das administrative geprüft werden (richtige impfung, richtiger zeitpunkt usw.) und hinterher die nachbereitung (dokumentation impfpass, karteikarteneintrag, impfbuch praxis). aber das sieht keiner.

aktuelle vergütung für impfungen (aok, je nach kv-bezirk): vierfachimpfung 7,60 – 8,85 €, sechsfachimpfung 12,80 – 17 €

durchschnittl. impfkosten der kinderdok´ hauskatze (pro spritze): 30 €

wipo zum zweiten

jeder kann die links selbst lesen:

die stiftung warentest
die bild zeitung
unser berufsverband

wer einmal erlebt hat, wie schwer windpocken verlaufen können – mit superinfektionen, lungenentzündung oder auch kleinhirnentzündung, einmal habe ich eine elfjährige erlebt, die hatte soviel pöckchen an sich, dass sie sich kaum von ihrer couch erheben konnte, wird die impfung immer empfehlen. wenn man einem kind eine erkrankung ersparen kann, sollte man dies auch tun. die windpockenimpfung ist in meinen augen sicher, sie schützt sehr gut, zumindest bei meinen patienten habe ich keine schweren nebenwirkungen erlebt, und alle eltern waren bisher froh, dass die mini-wipo-epidemien an ihnen vorbei ging.

freuen wir uns doch lieber über diese tollen bilder der bild:

wer die fehler findet, darf sie hier posten.

btw: den test zu den multivitaminsäften fand ich im übrigens viel spannender. wie hoch wird wohl der volkswirtschaftliche schaden durch multivitamininduzierte karies und verdummung der bevölkerung mit mvs sein? 😉
immerhin berichtete davon sogar die kindernachrichtensendung „logo“.

1. Platz in Kategorie Baby und Kinder bei den Hitmeister Superblogs 2012
%d Bloggern gefällt das: