Durchblick

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Ich: „Und seit wann hast Du die Kopfschmerzen?“
Erik-James: „Jetzt am Wochenende und am Ende der Schule.“
Ich (nach zahlreichen neurologischen Anamnesefragen und entsprechender Untersuchung): „Dann solltest Du mal zum Augenarzt gehen, vielleicht brauchst Du eine Brille.“
Vater: „Oh, eine Brille hat er.“
Ich: „Achso?“
Vater: „Ja, schon seit einem halben Jahr.“
Ich: „Aber Du hast sie jetzt nicht dabei.“
Erik-James: „Soll ich nur in der Schule tragen oder bei den Hausaufgaben.“
Ich: „Warst Du denn heute in der Schule?“
Erik-James: „Ja.“
Ich: „Und jetzt hast Du wieder Kopfweh?“
Erik-James: „Ja, seit der sechsten Stunde.“
Ich: „Brille nicht getragen?“
Erik-James: „Nee.“
Ich: „Ok. Letzte Frage. Ich glaube, ich kenne schon die Antwort.“
Vater: „Ja?“
Erik-James: „Ja?“
Ich: „Warum hast Du denn Deine Brille vor einem halben Jahr bekommen?“
Erik-James: „Ich hatte immer so Kopfweh…“

(c) Bild bei Pixabay/RondellMelling (Creative Commons)
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Eine Frage der Haltung

Teens

Seitdem wir vermehrt in letzten Jahren die neuen Vorsorgen U10 und U11 mit 7/8 Jahren bzw. 9/10 Jahren durchführen, haben wir auch größeres Augenmerk auf die Körperhaltung der Kinder. Frühertm sahen wir viele unserer Patienten im Grundschulalter seltener, zur Vorsorgeuntersuchung sogar erst wieder im Jugendalter mit der J1 (ca. 12/13 Jahre).
Dabei ist das spätere Grundschulalter mit teils beginnender Pubertät und dem damit verbundenen Wachstumsschub eine sehr filigrane Zeit, die an der Wirbelsäule einiges kaputt machen kann, wenn die Kinder, die Eltern und letztendlich wir nicht aufpassen.

„Haltung“ ist ein unschätzbares Gut. Auch wir Eltern haben das von unseren Eltern gehört: „Sitz gerade, halte Dich gerade, Dein Rücken wird krumm, wie lümmelst Du schon wieder rum?!“ und dergleichen. Das hat seine medizinische Berechtigung, auch wenn unsere Eltern vielleicht eine anderes Motiv für ihre Forderungen hatten. Wer rumlümmelt, hat schließlich auch eine schwache Haltung dem Leben gegenüber. Naja.

Bereits Anfang dieses Jahrtausends beschäftigten sich Orthopäden und Pädiater mit dem Einfluss von Medien auf die Haltung der Kinder, da waren Handys noch gar nicht so verbreitet – weitere Studien hierzu werden nicht lange auf sich warten lassen.
Was auf jeden Fall bei den o.g. Vorsorgeuntersuchungen offensichtlich wird: Wer Sport treibt, hat die deutlich bessere Körperhaltung, egal, ob es sich um eine Fußballerin dreht oder einen Ballettänzer. Frage ich immer: „Was machst Du sonst in Deiner Freizeit? Sport? Musik?“ Schade, wenn dann als Antwort kommt, man habe keine Zeit für so etwas. Diese Kinder und Jugendlichen sind meist nicht nur dicker als andere, sie sind vor allem unbeweglicher, haben einen schlechteren (Einbein-/Zehen-)Stand und versagen in einfachsten Koordinationsübungen (Hampelmann, Seitsprung oder Balancestand). Die Rückenmuskulatur ist schwach ausgebildet, dadurch die Führung der darunterliegenden Wirbelsäule eingeschränkt, kommt nun noch eine wenig beachtete Grundhaltung dazu (bei Hausaufgaben, in der Schule, Tragen einer Schultertasche), entstehen Haltungsschäden, die sich bei J1 in Skoliosen oder Rundrücken zeigen.

Achtet mal auf Eure heranwachsenden Kids, insbesondere beim Übergang ins zweite Lebensjahrzehnt, wenn der erste Wachstumsschub kommt, sich die ersten sekundären Geschlechtsmerkmale zeigen: Viele Jugendliche halten sich an sich selbst fest, d.h. sie verschränken die Arme, sie stützen sich mit einer Hand in der Hüfte ab, sie schieben die Hände in die Hosentaschen (vorne oder hinten, oder wie letztens gesehen, eine vorne, eine hinten). Das mag zunächst wie Schüchternheit wirken, wie Unzufriedenheit oder Unsicherheit mit dem eigenen Körper, vielfach ist es aber eine schwach ausgebildete muskuläre Grundhaltung. Sportler, insbesondere Kampfsportler, aber auch Tänzer- und Tänzerinnen oder Chorsänger stehen ganz anders da, weil ihre Betätigung das so fordert.

Brust raus, Nase hoch, Schultern ein wenig zurück (ohne gleich ins Hohlkreuz zu verfallen) sind einfache Ausrichtungen, um den Kindern eine gute Körperhaltung zu demonstrieren. Wer sich sonst schwer tut, stellt sich in einen guten Stand, nimmt die Arme gerade nach oben und hält sie dann waagerecht nach rechts und links. Nach einer kurzen Ausrichtung lässt man jetzt die Arme langsam zu beiden Seiten des Körpers herabsinken, ohne die Schultern nach vorne zu verschieben – et voilà, das ist eine gerade Grundhaltung. Probiert es mal aus.

Haltung hat natürlich etwas mit Haltung zu tun, mit Selbstvertrauen, mit eigener Meinung und eigener Haltung zu den Dingen. Präsenz in einer Gruppe geht mit Körperhaltung einher, nicht mit Hochnäsigkeit, sondern mit Standfestigkeit, mit einem guten sicheren Blick auf die Welt. Als Eltern sollten wir das vorleben, nicht mit verbalen Ermahnungen, nicht so rumzulümmeln, sondern mit einer eigenen Geradlinigkeit und Rückgrat.

(c) Bild bei Flickr/Leslie Duss (unter CC Lizenz)

Tolle Spritze

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Mutter, Kinderdok, Bobele (knapp sechs Jahre alt) – Letzterer strahlt mich an, als er durch die Türe kommt.

Bobele: „Oh, das ist aber alles schön bunt hier.“
Ich: „Äh … ja, danke!“
Mutter: „Ja, er ist grad auf dem Loben-Trip. Alles ist toll und schön.“
Bobele: „Wow, das ist aber eine tolle Liege.“
Mutter: „Sehen sie?“
Ich: „Spitze. Mensch, Bobele, du bist aber nett zu den Leuten.“
Bobele grinst sich eins.
Ich: „Ok. Trotzdem gibts heute eine Impfung. Weißt du ja.“
Bobele: „Klar. Kein Problem.“
Ich: „Ok, also, Achtung. Eins – zwei – drei. … fertig.“
Bobele verklemmt sich eine Träne: „Aua. Das hat aber jetzt … “
Kurzes Schlucken.
Bobele: „Das hat gar nicht weh getan.“
Ich: „Siehste. Du warst richtig tapfer.“
Bobele: „Mmh. Ja. Das war eine gaaanz tolle Spritze.“

Schon recht, Bobele, jedes Loben darf mal ein Ende haben.

(c) Bild bei Flickr/Anthony Kelly (CC Lizenz)

Wenn Kinder Bauchweh haben, wird alles wichtig

Chronische Bauchschmerzen: Wichtige Beobachtungen für die Sprechstunde notieren

Chronische Bauchschmerzen haben meistens eine nicht-organische Ursache, doch ist es wichtig, dass der Kinder- und Jugendarzt die Beschwerden abklärt. Von chronischen Bauchschmerzen sprechen Experten, wenn diese seit mehr als zwei Monaten bestehen und die Bauchschmerzen mindestens viermal pro Monat auftreten.

Bei der Diagnose der Bauchschmerzen sind Beobachtungen der Eltern und die Auskunft der Kinder hilfreich. Kann Ihr Kind den Ort des Schmerzes nennen bzw. strahlt dieser aus? In welchen Zeiträumen treten die Beschwerden auf, und häufen sie sich zu bestimmten Tageszeiten oder nach dem Essen? Leidet das Kind unter Erbrechen? Wie ist der Stuhlgang – leidet Ihr Kind unter Durchfall, Verstopfung, ist Schleim oder Blut beigemengt? Wichtig sind auch die Ernährungsgewohnheiten: Trinkt Ihr Kind viel Milch oder Fruchtsäfte, isst es viel Früchte oder konsumiert es evtl. viel Süßstoff – z.B. über Getränke? Hat Ihr Kind Schluckbeschwerden? Oder quälen Ihr Kind irgendwelche Probleme? „Um dem Kinder- und Jugendarzt bei der Suche zu helfen, können sich Eltern zu diesen Punkten vor der Sprechstunde Notizen machen bzw. ein Protokoll führen. Darüber hinaus ist ein Protokoll der Ernährungsgewohnheiten sinnvoll, wenn eine Nahrungsmittelallergie vermutet wird“, empfiehlt Dr. Ulrich Fegeler, Kinder- und Jugendarzt sowie Mitglied des wissenschaftlichen Beirats beim Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Ohne eine medizinische Bestätigung sollten Eltern auf keinen Fall ihrem Kind eine Diät auferlegen. Denn dadurch können Mangelerscheinungen begünstigt werden.

Sind in der Familie chronische Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Zöliakie bekannt, muss der Kinder- und Jugendarzt ebenso davon wissen. „Sind körperliche Ursachen unwahrscheinlich bzw. ausgeschlossen, handelt es sich bei den chronischen Bauchschmerzen um sogenannte funktionelle Bauchschmerzen. Ursache sind Stress (z.B. Ängste unterschiedlicher Art, Schlaflosigkeit, zu viel Bildschirmkonsum, familiäre Spannungen etc.). Dann ist es wichtig, die Ursachen aufzuarbeiten, damit das Kind lernt, damit umzugehen bzw. andere Auslöser zu vermeiden“, beschreibt Dr. Fegeler das Vorgehen.

Funktionelle Bauchschmerzen nehmen mit zunehmendem Alter ab. Ist bei den 3- bis 6-Jährigen noch fast jedes vierte Kind davon betroffen, leidet weniger als jeder fünfte Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren darunter.

Quelle: MMW Fortschritte der Medizin

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Dies ist eine Pressemeldung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V.

Die Rettung allen Lebens

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Schon mal von dem Phänomen des „Großen Blutbildes“ gehört? Ärzte lieben es und treffen es tagtäglich in der Praxis an.

Wann immer ein Kind zweimal in vierzehn Tagen krank war, wann immer es ein wenig blässlich um die Nase wirkt, wann immer es zu dick, zu dünn, zu aufgedreht, zu ruhig ist, kommt die Frage nach einer Blutabnahme, nach dem erkenntnis- und heilbringenden Stich. „Ich glaube, sie hat was an der Schildrüse“, „vielleicht ist er ja allergisch“ und „Diabetes gibt es in der Familie“. Die Krönung des ganzen ist dann „Machen Sie doch mal ´Ein großes Blutbild`, wir haben noch nie Blut abgenommen, das kann es doch nicht sein!“

Doch, kann es. Ich hatte einen Oberarzt in der Facharztausbildung der die prägende Regel aufstellte „Untersuche nur das, was nötig ist und kreuze nur an, was Du später erklären kannst“. Anders gesagt: Blut abgenommen wird nur, wenn sich daraus ein Erkenntnisgewinn ergibt. Bin ich im Unklaren, ob es sich um eine virale oder bakterielle Infektion handelt? Habe ich Sorge, dass eine leukämische Reaktion der Grund für die tatsächlich offensichtliche Blässe des Kindes ist? Liegt vielleicht eine Thalassämie vor oder eine andere Anämie? Dann weist mich die klinische Untersuchung des Kindes in die entsprechende Richtung. Denn das kann „Das Große Blutbild“: Das Ergebnis der blutbildenden Organe aufzeigen – rote und weiße Blutkörperchen, deren Größe und Verteilung, die Blutplättchen. Keine Aussage zu anderen Organen, weder Leber, noch Niere, noch Schilddrüse.

Aber woher kommt die Vorstellung, dass das „Große Blutbild“ die Rettung allen Lebens sei? Ich kann mich erinnern, dass bereits meine Mutter vom Arzt kam mit den Worten „der hat ein großes Blutbild gemacht, alles ist gut“. In einigen Ländern ist eine regelmäßige Blutabnahme scheinbar tradiert, in Russland, in Polen wohl auch, keine Ahnung, ob das wirklich so ist, Familien von dort fordern das überdurchschnittlich häufig. Die Italiener suchen gerne nach Anämien, in arabischen Staaten sucht man nach Vitaminmängeln (die man nicht im „Großen Blutbild“ findet“).  (Kennt Ihr übrigens die Brüder im Geiste des „Großen Blutbildes“? – das sind „Die Blutsenkung“ und „Die Blutgruppe“.)

Vielleicht ist es in vielen Praxen wie mit den Rosa Rezepten – wer damit aus der Tür geht, wurde gut behandelt, wer nur ein paar warme Worte bekam und den Hinweis auf frische Luft und Hustentee, kann nicht gesund werden. Um Diskussionen zu verkürzen, macht der friedensliebende Doc eben „g´schwind ´n klaans Blutbuid“. Wenn der Kinderdok hingegen beim Kinde noch nie Blut abgenommen hat, scheint er wohl seine Arbeit nicht ernst zu nehmen.

Blutabnehmen kann traumatisierend für Kinder sein. Impfungen sind es schon genug. Warum soll ich also kleine Löcher in kleine Kinder bohren, womöglich unter Hilfe einer Arzthelferin, nur damit die Eltern zufrieden sind? Nichts anderes ist manchmal eine Blutabnahme: Schmerzen für das Kind, Beruhigung der Eltern. Ein kurativer Aderlaß. Aber ein unnötiger, wenn so inflationär durchgeführt, wie von Eltern gefordert. Bitte überlasst es uns, wann es nötig ist, „Das Große Blutbild“.

(c) Bild bei Flickr/PAHO (unter CC-Lizenz)

Stellen Sie immer offene Fragen, dann bekommen Sie mehr Auskünfte.

Question mark in Esbjerg

„Guten Morgen, na, was hat denn Ihr Bobele?“
„Das wollen wir von Ihnen wissen…“ — ja, Danke. Kenne ich schon.
„Und was führt Sie zu mir in die Praxis?“
„Der spuckt die ganze Zeit.“ — Im Moment nicht.
„Wie oft denn bisher?“
„Öfters schon.“ — So genau wollte ich es gar nicht wissen, doch, doch, eigentlich schon.
„Ja, ok, einmal seit heute morgen oder mehrmals?“
„Ziemlich oft.“ — Aha.
„Also häufiger als dreimal oder eher zehnmal?“
„Immer, wenn er was gegessen hat.“ — Jetzt kommen wir der Sache näher.
„Und wieviel hat er heute gegessen?“
„Der isst ja gar nichts mehr.“ — Falsche Fährte.
„Also hat er dann gar nicht gespuckt, wenn er gar nichts mehr isst und immer nur beim Essen spuckt?“
„Nenene, der hat schon ganz schön oft gespuckt.“ — Return to Zeile 4.
„Ok. Wann hat er denn zuletzt gespuckt?“ (Neuer Versuch, andere Fährte).
„Gestern abend.“ — Na dann.
„Und seitdem nicht mehr?“
„Nein. Aber essen tut er auch nicht.“

Und.so.weiter. Je.Des.Mal.
Hinweg mit allen Theorien zu offenen und geschlossenen Fragen. Manchmal wundere ich mich nicht, dass manche Kollegen gar nicht mehr mit den Eltern sprechen, sondern das Kind nur noch untersuchen und durchwinken oder einweisen.

(c) Bild bei Flickr/Alexander Henning Drachmann (unter CC.Lizenz)

Zweitmeinungen und Kollegialität

Ich möchte mich hier ausdrücklich bei allen Kolleginnen und Kollegen entschuldigen, denen ich in meiner Laufbahn bisher Inkompetenz angedichtet habe, sei es dem Unfallchirurgen, der beim Platzwundenähen vergessen hat, den Tetanusschutz des Patienten aufzufrischen, sei es dem Assistenten in der Kinderklinik, der das Extremfrühgeborene am Freitag abend nach Hause entlässt, sei es dem niedergelassenen Hausarzt, der dem Dreijährigen Cef.uro.xim-Tabletten verordnete. Nur so als Beispiele.

Es gibt immer Gründe dafür, wie man handelt. Sei es Stress am Arbeitsplatz, Stress durch den Vorgesetzten, Stress durch den Patienten oder Stress durch (in unserem Fall sehr oft) Angehörige. Jeder kann seine Kompetenzen überschreiten, ein gutes Fehlermanagement gehört zum Arztberuf dazu wie Rezepteschreiben. Nur lernen muß man aus ihnen.

Ich schicke genug Patienten auf die Reise, am Wochenende, im Notdienst, in Vertretung, deren weiteren Krankheitsverlauf ich nicht mehr im Auge haben kann, da sie in der Regel woanders betreut werden. Fehler mache ich genauso. Wie schön, wenn dann eine freundliche und kompetent sachliche Rückmeldung käme, was nicht so optimal lief.

Deshalb schicke ich auch Patienten, die beim Facharzt versorgt werden (bei uns vor allem Pulmologen, Hautärzte, Chirurgen) zurück, wenn die verordnete Therapie nicht richtig fruchtet („der hat mir dies und das aufgeschrieben, aber. Das. Bringt. Ja. Gar. Nichts.). Wie soll der Kollege korrigierend eingreifen, wenn er den Erfolg (oder Misserfolg) seiner Bemühungen nicht wiedersehen darf? Ein zweite Meinung mag für den Patienten zwar eine zweite Chance sein, für den Erstbehandler ist sie es nicht. Im besten Fall bekommst Du eine ähnliche Diagnose, eine andere Therapie bekommst Du immer, denn die „Zweite Meinung“ hat den Vorteil des Nachbehandelns.

Ich werde mitunter auch um eine Zweitmeinung gebeten. Das begeistert mich nicht, weil ich zwar das Recht des Patienten dazu sehe, mich aber stets als Kontrollinstanz überhöht fühle. Ich greife nur selten in das vorgeschlagene Regime des Kollegen ein, sondern plädiere, wenn ich die Sachlage anders einschätze, das Gespräch mit dem Vorbehandler zu suchen.

Je weiter die Diagnostik- und Therapiekette dann gediehen ist, und es gibt Patienten, die Arzt nach Arzt und Heilpraktiker nach Heilpraktiker „durcharbeiten“, desto höher die Wahrscheinlichkeit, das allumfassende Heilmittel zu finden. Auf nichts anderem bauen ja viele Alternativverfahren auf. Die Zeit heilt vieles. Und der Homöopath darf ausprobieren, das ist Teil des Konzeptes. Aber ich schweife ab.

Fehler sind ok, Fehler sollten nicht wiederholt werden. Aus Fehlern kann jeder lernen. Also gestehen wir sie jedem zu. Was aber gar nicht geht: Über den Kollegen oder die Kollegin schlecht reden. „Das hätte Doktor Soundso aber anders behandeln müssen“ oder „sehen müssen“, „Was, das hat sie nicht erkannt?“ oder „Ich schreibe Ihnen mal was auf, was wirklich hilft.“ Ein absolutes NoGo. Wir sollten als Ärzte soviel Ehrgefühl und Kollegialität unserem Stand entgegenbringen, dass wir rhetorisch nicht entgleisen, sondern besonnen und nüchtern formulieren. Die Patienten werden es uns und dem Ärztestand danken.

Entschuldigung Kolleginnen und Kollegen für die bösen Gedanken, die ich Euch manchmal hinterher sende. Die Patienten haben davon nichts gehört.

Euer kinderdok

(c) bei flickr/sergio santos (unter CC Lizenz), Credit: http://nursingschoolsnearme.com

Vorsagen

Sehr unterhaltsam ist es immer, wenn Eltern bei den „grossen“ Vorsorgeuntersuchungen, also U7+, U8 oder U9 ihren Schützlingen Hilfestellung geben wollen. Ich frage ja dann dies und das und möchte ein kleines Gespräch mit den Kindern entwickeln, um Sprache, Auffassungsgabe und Reflektion zu überprüfen. die Eltern wiederum haben natürlich den Wunsch, dass ihre Kinder auch funktionieren, mitmachen und möglichst auch alles richtig machen, damit der Tüv-Stempel am Ende auch stattfindet.
Ich (zeige auf das Bild mit dem Hammer): „Und was ist das?“
Bobele: „…?“
Ich: „Hat der Papa bestimmt zuhause.“
Bobele: „…?“
Papa: „Ei, Bobele, das ist doch ein Hammer.“
Danke.
Ich (Zum Bobele): „Genau. Ein Hammer. Und wozu braucht den der Papa?“
Papa: „zum Nägel einhauen.“
Ja. Danke.
Und so geht das weiter.
Ich: „Was ist das für eine Farbe?“ (gelb)
Bobele: „Lot.“
Papa: „Nein, Quatsch, das ist gelb.“
Böser Blick vom kinderdok.
Ich: „Und das hier?“ (rot)
Bobele: „Glün.“
Papa: „Ah, ne, das ist jetzt rot.“
Böser Blick und ein kurzes Anraunzen durch den kinderdok.

Und so geht das weiter, bis das Bobele durch die Einwürfe des Vaters immer unsicherer wird – Merke: Bei Vorsorgen immer loben, nie kritisieren und schon gar nicht verbessern – und dann entsprechend „zumacht“, blockiert.
Wir kommen zur körperlichen Untersuchung. Kinderdok möchte sich den Mund ansehen. Lampe, freundliche Aufforderung, Mund bleibt zu. Logisch. Kinderdok müht sich langsam ab, mit allen verbalen und handwerklichen Tricks (einschließlich des unleidigen und unbeliebten Spatels) – der Mund bleibt zu.
Ich (zum Papa): „Jetzt dürfen Sie mal was sagen.“
Papa: „Ach, jetzt soll ich? Ich dachte, ich darf nichts sagen?“
Ich: „Doch. Sie sollten nicht vorsagen und auch nicht verbessern, aber Auffordern zum Mundaufmachen, das dürfen Sie in ihrer väterlichen Autorität schon.“
Papa: „Der macht doch eh, was er will.“
Ja. Stimmt. Ganz der Vater. Merke: Kein Kind wird kooperieren, wenn´s die Eltern nicht selber tun.

 

Servicewüste Kinderarztpraxis

Telefon

 

Vater: „Ja, hallo, meine Frau ist krank, und kann nicht auf meinen Sohn aufpassen, deshalb muß ich zuhause bleiben und brauche eine Krankschreibung.“
fMFA: „Was hat denn Ihr Sohn?“
Vater: „Nichts, der ist gesund, aber meine Frau ist krank.“
fMFA: „Oh, Sie haben die Kinderarztpraxis Dr. kinderdok gewählt.“
Vater: „Ja, das weiß ich, ich brauche eine Krankschreibung, für den Arbeitgeber, dass ich zuhause bleiben kann.“
fMFA: „Aber Ihr Sohn ist nicht krank.“
Vater: „Das sagte ich schon. Meine Frau ist krank. Und. Ich. Muss. Deswegen. Zuhause. Bleiben.“
fMFA: „Tut mir leid, aber wir können nur eine Bescheinigung für den Arbeitgeber rausschreiben, wenn Ihr Kind krank ist und Sie deswegen zuhause bleiben müssen.“
Vater: „Meine Frau ist krank.“
fMFA: „Ich habe das verstanden, aber solange Ihr Sohn nicht…“
Vater: „Wissen Sie was? Mein Sohn ist krank. Ich brauche eine Bescheinigung, dass ich zuhause bleiben kann. Für den Arbeitgeber.“
fMFA: „… und was hat Ihr Sohn. Wann haben Sie denn Zeit vorbeizukommen, um ihn untersuchen zu lassen?“
Vater: „Geht´s noch? Jetzt soll ich auch noch vorbeikommen?“

(c) Foto bei Flickr/Idaponte (unter CC BY-SA 2.0)

Paul möchte ins Spielzimmer

Paul ist ganz irritiert.

Eigentlich dachte er, dass er mit Mama nur auf den Spielplatz geht oder in den Laden mit den vielen bunten Sachen im Regal und den Leckerlis am Ausgang. Da darf er immer in dem Auto sitzen, mit Lenkrad!, und Mama fährt ihn durch die hohen Gänge, in denen es mal kalt ist und mal warm, mal richtig gut und mal doof. Lustig, wenn die anderen Leute beseite springen, wenn er kräht.

Da fahren sie immer hin, wenn sie fahren, wenn Mama ihn auf dem Rücksitz festmacht in dem engen Sitz, bei dem man nur den Vordersitz sieht und schräg das Ohr von Mama. Sonst nichts. Vor dem Fenster hängt Winnie Puh, dabei schaut Paul viel lieber nach den anderen Autos.

Sie sind nicht zum Spielplatz gefahren, und auch nicht in den Laden, und auch nicht zur Oma Gerda mit den Katzen, sondern halten vor dem Haus mit den bunten Klappfenster und den Kinderwagen vor der Tür. Das ist auch nicht der Kindergarten, wo seine grosse Schwester hingeht. Das ist was anderes.

Mama hat was von Ausziehen und Messen gesagt, von Unter und Suchen und Spielen und anderen Sachen, die er nicht verstanden hat. An der grossen Theke sitzen zwei Frauen, die mit Mama reden, Mama holt ihre Tasche mit dem Geld raus und gibt der einen Frau ein Plastik und dann sollen sie gleich. Dabei sieht Paul in dem Zimmer direkt neben der grossen Theke ganz viel Spielzeug auf dem Boden liegen, Bücher und zwei andere Kinder, die da spielen. Da darf er nicht rein. Er soll „gleich mitkommen“.

Paul zieht Mama zu dem Zimmer mit dem Spielzeug. Da möchte er gerne rein. Mama sagt ihm, es sei keine Zeit und alles sei nicht so schlimm und er könne gleich noch spielen. Stattdessen zieht sie ihn in einen anderen Raum, der ist langweilig, und fängt an, sein Bob-Baumeister-T-Shirt auszuziehen. Dabei ist es gar nicht warm hier. Und ins Bett geht er hier auch noch nicht. Die Schuhe und die Hose auch. Die Frau von der Anmeldung kommt wieder herein und sagt, er soll sich auf das schwarze Ding an der Wand stellen. Das mag Paul nicht. Es wackelt bestimmt. Und dahinter steht noch etwas großes Langes, das will die Frau ihm auf den Kopf schieben. Nein. Das muss nicht sein. Außerdem macht das die Frau. Dabei soll das Mama machen. Sagt er auch.

Sie hören ihn nicht. Die Frau stellt ihn auf das Ding. Es wackelt. Hat er gewusst. Das Gefühl im Bauch wird grummelig, er merkt, wie er weinen muss, weil er das nicht will und weil Mama ihm dann bestimmt hilft. Die kommt auch, nimmt ihn auf den Arm, spricht irgendwas mit ihm, was er gar nicht wirklich hört. Dann stellt sie ihn wieder auf das Ding. Das wackelt. Paul ist jetzt sauer und schreit laut, weil, dann geht alles meist besser. Mama nimmt ihn wieder auf den Arm, also besser. Er schluchzt und wird leiser. Dann stellt ihn die Mama wieder auf das Ding. Kann er nicht bei ihr auf dem Arm bleiben? Dann wackelt es eben bei Mama und nicht bei ihm.

Später sind sie alleine im Zimmer und Mama spielt Puzzle und Steckspiele und zeigt ihm ein Buch. Dass er gerne wieder angezogen werden will, hat sie nicht interessiert. Paul ist irritiert. Und warum müssen sie jetzt hier rumsitzen und Puzzle spielen? Die gab es auch vorne in dem anderen Zimmer.

Ein Mann kommt durch die Tür. Wer ist das jetzt? Paul versteckt sich hinter Mamas Bein. Der Mann spricht mit seiner Mutter, Mama sagt, Paul soll „dem Mann“ Hallo sagen. Der spricht auch mit Paul, sagt Hallo und winkt ihm zu, die Hand, die er ausstreckt, will Paul nicht haben. Paul schaut lieber woanders hin. Vielleicht geht Mann ja wieder. Verkaufen tut der jedenfalls nichts.

Der Mann bleibt. Er spricht weiter mit Mama, schaut in das Gelbe Buch, das sie mitgebracht haben, fragt Mama viel, und Paul spielt in der Zeit mit den Puzzles. Hat er zwar schon zweimal fertig gemacht, aber dann eben nochmal. Der Mann steht auf. Mama nimmt Paul und setzt ihn auf die Liege am Fenster. Das Puzzle hält er gut fest. Vielleicht kann er dann weitermachen. Der Mann (wer ist das??) holt einen gelben Schlauch mit einem Plastikding aus der Schublade und drückt ihn auf Pauls Brust. Das kitzelt. Ach nein, der Mann kitzelt ihn dabei am Bauch. Das ist nett. Mama sagt, das sei ok so, er brauche keine Angst zu haben. Vielleicht doch, oder warum sagt sie das sonst? Paul hat keine Angst. Er möchte nur in das Zimmer mit dem Spielzeug.

Am Ende zieht Mama ihn wieder an. Paul musste Bilder erkennen und was sagen. Paul war sehr leise, so dass der Mann auch geflüstert hat. Da hat Paul ihn gar nicht mehr verstanden und hat die Wörter lauter gesprochen. Da hat der Mann gelacht. Fussball haben sie auch gespielt. Und die Puzzle musste Paul – nochmal! – zeigen. Hat der Mann das nicht gleich gesehen? Doof.

Sie sagen alle Tschüss zueinander, jetzt möchte Paul gerne noch zeigen, dass er auf einem Bein stehen kann, vorhin wollte er nicht. Jetzt schon. Aber der Mann hat ihm schon zum Abschied gewunken. Ach, vorher gab´s noch einen Luftballon. Paul mag den Geschmack nicht. Gummi. Mama und er gehen an der Anmeldung vorbei, er schaut nochmal in das Spielzimmer rein. Die anderen Kinder sind schon weg. Da wäre jetzt ganz viel Platz. Aber Mama sagt, sie haben keine Zeit. „Vielleicht beim nächsten Mal,“ sagt Mama. Das sagt sie immer.

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