Der Zollstock und Helene Fischer

Aramäer, Türken, Griechen, Kroaten, Serben, Kanadier, US-Amerikaner, Franzosen, Deutsche, Italiener, Spanier, Polen, Tschechen, Norweger, Schweden, Syrer, Briten, Tunesier, Iraner, Iraker, Portugiesen, Kenianer, Kurden, Ghanaer, Japaner, Chinesen, Australier, alle in meiner Praxis.

Alle haben Kinder, die krank sind. Warum sollte mich interessieren, welche Sprache sie sprechen oder ob und an welchen Gott sie glauben? Oder wie sie versichert sind? Oder ob sie politisch verfolgt, nach einem besseren Leben und bessere Versorgung suchen oder schlicht hier arbeiten? Nennt mich sozialromantisch, cheesy, idealistisch oder naiv oder dumm, aber Arzt sein verlangt das. Humanität sowieso.

Aus einem fantastischen Artikel des SPIEGEL (Nr. 18/2016 vom 30.4.2016):
„- Es migrieren wesentlich mehr Europäer innerhalb Europas als Afrikaner nach Europa.
– Es migrieren ungleich mehr Menschen innerhalb des Nahen Ostens als von Nahost nach Europa.
– Die größte transkontinentale Bewegung findet nach wie vor zwischen Süd- und Nordamerika statt. […]
– Der Anteil Europas am gesamten Wanderungsvolumen ist gesunken.
– Was sich im langen Rückblick verändert hat, ist die generelle Hauptrichtung der Migration: Von Nord-Süd zu Süd-Nord und nun immer mehr zu Süd-Süd. In früheren Jahrhunderten waren es die Europäer, die auswanderten und andere Weltgegenden kolonisierten – was auch nur eine Form der Migration ist.
Die globale Migration in den vergangen fünf Jahren [war] rückläufig. Die Zahl der wandernden Migranten zwischen 2010 und 2015 (36,5 Millionen) ist um mehr als 8 Millionen kleiner als in der vorherigen Fünfjahresperiode (45 Millionen).“

Sehr anschaulich wird der Artikel mit dem Zollstockvergleich: „Bitte nehmen Sie einen Zollstock zur Hand. Klappen Sie diesen auf die volle Zwei-Meter-Länge aus. […]“ In den letzten fünf Jahren migrierten weltweit „36,5 Millionen oder 0,5 Prozent der Weltbevölkerung – das ist auf Ihrem Zollstock etwa ein Zentimeter. Alle anderen, also 99,5 Prozent der Weltbevölkerung, sind Nichtmigranten; sie lebten 2015 im gleichen Land wie 2010. Das sind die anderen 199 Zentimeter des Zollstocks.“ Und weiter: In dieser Zahl steckt „… jeder, der jemals aus seinem Geburtsland weggezogen ist und noch am Leben ist […]. Der Mann vom nächsten Kebab-Laden, seit 20 Jahren in Deutschland, steckt da drin. Der indische Professor für Astrophysik, in den Achtzigerjahren nach Göttingen berufen, steckt da drin. Die schwedische Designerin, seit Mitte der Neunziger in Berlin, steckt da drin. Pep Guardiola steckte da drin. Helene Fischer. Die Klitschkos. Charlotte Roche. Der Autor dieser Zeilen, in der Schweiz geboren, steckt ebenfalls drin.“ (= Guido Mingels)

Zum Spaß habe ich mein Statistikprogramm angeworfen: Da das Programm keine Nationalitäten kennt, ist der Asylstatus das einzige, das bei mir einen Migranten ausmacht. Unter den ca. 6000 Patienten des letzten Jahres waren immerhin 10 Kinder aus Familien, die in Deutschland Asyl beantragt haben. Das sind heroische 2 Promille. Natürlich hinkt diese Zahl: Manche Patienten kommen häufiger als einmal pro Jahr.
Und natürlich gibt es Praxen in Großstädten, die mehr Patienten im Asylsuche-Status behandeln. Aber auch „bei uns“ gibt es ein Erstaufnahmelager in der näheren Umgebung und im Ort bereits mehrere, auch Familienunterkünfte für Asylsuchende.

Meine fMFA sprachen letztens von „den vielen Asylanten“, die wir in Deutschland und damit auch in unseren Praxen versorgen müssen. Wir haben die Statistik wie oben bemüht, und waren alle überrascht. Und von meinen fMFA blieb am Ende auch nur eine übrig, die – sagen wir grob – zu den 197 oberen Zentimeter des Zollstocks zählt, die also keinen Migrationshintergrund hat.

Global Migration? Actually, The World Is Staying Home, der Artikel aus dem SPIEGEL ist hier auf englisch zu finden, die deutsche Übersetzung muß gekauft werden.

Fragen an Kinderärzte aus dieser Welt II

chef-ganz-neuHier kommt No.2 der Fragen an die Kinderärzte aus dieser Welt.

Wir machen weiter mit dem Kollegen Dr. Matthias Krueger aus Klingenberg, der auf seiner Homepage preisgibt, dass er neben dem Kinderarztsein ein Faible hat fürs Singen und die Schauspielerei. Klingenberg liegt unweit des hessischen Odenwaldes, aber eindeutig noch in Bayern. Direkt am Main.

Außerdem hat er eine wunderschöne Praxis in einem wunderschönen Haus.p1030877-jpg

20 Fragen an den Kinderarzt

kinderdok: Warum Kinderarzt und nicht Urologe?
Matthias Krueger: Seit Kindheit wußte ich, dass ich was mit Kinder machen würde; erst dachte ich Psychologie, dann brachte mich mein Tutor in der Schule auf Medizin (weil ich sehr naturwissenschaftlich angehaucht bin – ich habe es nie bereut.

Ihr Prüfungsthema in der Facharztprüfung?
Röteln-Embroypathie und etliche weitere Sachen (an die ich mich aber nicht mehr erinnere (bei ersterem habe ich mich gründlich blamiert, weshalb es mir noch so bewusst ist); ach ja, und ein Thema war ein Granuloma anulare: wenn ich nicht als Praxisassistent in einer pädiatrischen Praxis gewesen wäre, hätte ich damit nichts
anfangen können….

Was, wenn nicht Kinderarzt?
????

Wie lange werden Sie diese Woche in der Praxis arbeiten?
Da ich Himmelfahrt 24 h Dienst habe -> sehr lang

Einzelkämpfer oder Teamplayer?
Einzelunterhalter

Gibt es etwas, was Sie an der heutigen Medizin ärgert?
Mehr Zeit für Verwaltungskram als für die Kinder….

Was möchten Sie jungen Eltern auf den Weg geben?
Sie sollten sich auf ihre Intuition verlassen und nicht zu sehr durch Internet, Großeltern, Zeitschriften oder sonstige Einflüsterer verunsichern lassen.

Gibt es ein Buch oder eine Website, das/die Sie Eltern ans Herz legen?
Largos „Babyjahre“ und „Kinderjahre“

Beruf ist Berufung oder Pflicht?
Ersteres

Welches Kind werden Sie aus Ihrer Arbeit niemals vergessen?
Meine (z.T. mittlerweile verstorbenen) Palliativpatienten

Die ewige Frage: Behandeln Sie die Kinder in der Praxis genauso wie Ihre eigenen Kinder?
Jo. (ich hatte noch kein eigenes, als ich mich niederließ; meine Richtschnur war aber immer: wie würde ich beim eigenen vorgehen? Daran habe ich nichts geändert, auch als die eigenen kamen)

Kaffee oder Tee?
Kaffee, Espresso, Cappuccino

Fahrrad, Laufen oder Auto?
Auto, gern auch Fahrrad (bin aber mit angehenden 60 Jahren mittlerweile etwas faul geworden)

Rock´n´Roll oder Klassik? Beatles oder Stones?
Jazz, anspruchsvolle Popmusik, Klassik, Sinti-Swing

Computer oder Karteikarte?
PC

Globuli oder Abwarten?
Abwarten

Impfen oder Abhärten?
Impfen

Ihre aktuelle Verfassung?
Müde (ich schlafe in der letzten Zeit nicht sehr gut durch)

Ihr Motto für den Praxisalltag?
Habe ich eines? Nee, eher nicht.

Wichtige unbeantwortete Frage?
Wüßte ich keine


Danke, Herr Krueger. Auf ein Wiederlesen in Pädinform.

Lampenfieber

Frankfurt am Main: Bühne

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, das im hohen Alter (… no comment) abzulegen, aber leider geht es mir heute immer noch wie zu Schulzeiten: Jeden Morgen habe ich Bauchgrimmen, bevor ich zur Arbeit gehe. Ob das der normale Schulbesuch war, von Klassenarbeiten ganz zu schweigen, im Studium vor Seminaren oder Prüfungen (weniger in den Vorlesungen) oder jetzt – morgens schlägt mein Magen Kapriolen. Er sagt Hallo, er drückt, er meldet sich wie ein Stein im Schuh, ignorierbar, aber nervig.

Das fängt an, wenn ich mich ins Auto setze oder aufs Fahrrad, nimmt zu, wenn ich zu den letzten Kreuzungen, der letzten Ampel komme, das Auto parke, dann ist der Gipfel erreicht. Keine Sorge, erbrochen habe ich mich noch nie.
Die Krönung war früherTM die Sieben-Nächte-Schicht auf der Neugeborenen-Intensiv. Das gab es das Bauchgrummeln vor der Schicht – logisch, aber dann noch einmal in der letzten Stunde von fünf bis sechs in der früh, kurz vor der Ablösung. Die Stunde der Bewährung – wenn jetzt ein Kreißsaaleinsatz anstand (und das kam oft genug vor), konntest Du sicher sein, dass irgendwas schief läuft. Du bist müde, die Kreißsaalschwester ebenso, der Oberarzt hatte kein erweitertes Interesse, um diese Uhrzeit anzurücken. Trotzdem ging es meist glimpflich aus.

Mit dem ersten Patienten am Morgen ist es dann vorbei. Vermutlich erreicht mein Adrenalinspiegel dann das nötige Maß, um meine Magensäure wieder runter zu regulieren (Physiologie war schon immer meine Stärke). Ich denke an etwas anderes, bin eingebunden in den Tagesablauf. So hat das früher mit Klassenarbeiten genauso funktioniert. Ein echtes Blackout kenne ich nicht. Es nervt.

Habe ich Angst vor der Arbeit? Respekt vor dem, was da auf mich zukommt? Hallo, das kenne ich aber schon seit Jahren, große Überraschungen gibt es nicht. Oder sind es die Hormone, die meinen Verstand und Körper auf die nötige Betriebstemperatur bringen? Immerhin sorgt das Bauchgrummeln für einen gewissen „Hallo-wach“-Zustand, völlig verpennt zur Arbeit zu erscheinen ist sicher nicht sinnvoll. Zeitdruck verschlimmert den Zustand übrigens: Verschlafen ist der Horror, außerdem, wenn der normale Tagesablauf am Morgen gestört ist (Kinder krank, fMFA krankgemeldet, Auto kaputt), dann kommt zum Grimmen noch das Flirren und das Heppeln dazu (kann sich jeder mit Sinn füllen, was das denn nun bedeutet).

Alles probiert: Gut frühstücken, nichts frühstücken, Kaffee, Schwarzen Tee, warme Milch, Holunderschnaps, das Bauchgrummeln kam, blieb und ging, wie jeden Tag aufs Neue. Nach all den Jahren habe ich mich nun damit arrangiert und akzeptiert als mein Vegetativum, meinen persönlichen Zwang, meine unangenehme Routine. Da würde mir bestimmt etwas fehlen. Ob ich das mal erlebe?

(c) Bild bei Flickr/Kevin Hackert

Fragen an Kinderärzte aus dieser Welt

Eine neue Rubrik: Ich habe ein paar Fragen an kinderärztliche Kolleginnen und Kollegen in Deutschland gestellt, viele waren so freundlich zu antworten, hier in loser Reihenfolge die Antworten. Nach den Kinderärzten aus einer anderen Welt, jetzt also Kinderärzte aus dieser Welt.
—–
steffen_neuDen Anfang macht Herr Dr. Steffen Lüder aus der Hauptstadt. Kollege Lüder praktiziert in eigener Praxis in Berlin-Hohenschönhausen seit über sechs Jahren, unter Kollegen ist er bekannt als „Berliner Schnauze“ und Organisator eines Workshops für Einsteiger in die kinderärztliche Praxis.
Seine Praxis auf Homepage

 

20 Fragen an den Kinderarztdrlueder_logo

kinderdok: Warum Kinderarzt und nicht Urologe?
Steffen Lüder: Weil ich mehr kann……

Ihr Prüfungsthema in der Facharztprüfung?
Tuberkulöse Meningitis, linksseitige Erdnussaspiration, TGA (= Transposition der großen Arterien), Kopfschmerz-DD

Was, wenn nicht Kinderarzt?
Bin auch Diplombiologie und Läufer bis zu 24 Std.

Wie lange werden Sie diese Woche in der Praxis arbeiten?
Nicht länger als sonst, 26 Std. Öffnungszeit sind wahrschlich genug

Einzelkämpfer oder Teamplayer?
I am the one and only one, the schnellste Nadel Lichtenbergs

Gibt es etwas, was Sie an der heutigen Medizin ärgert?
Die Frage ist unfair, ich will heute noch ins Bett.

Was möchten Sie jungen Eltern auf den Weg geben?
Erst Hirn einschalten, dann in die Kiste.

Gibt es ein Buch oder eine Website, das/die Sie Eltern ans Herz legen?
Kindheit ist keine Krankheit.

Beruf ist Berufung oder Pflicht?
Weder noch, macht Spaß, bringt Kohle und zeitigen Feierabend

Welches Kind werden Sie aus Ihrer Arbeit niemals vergessen?
Marvin, Hämatokrit von 11 % (siehe unten)
Justin, Meningeom
na, da gibt es einige

Die ewige Frage: Behandeln Sie die Kinder in der Praxis genauso wie Ihre eigenen Kinder?
Nein, schlechter! Tims Trommelfell platzte letzten Montag, na und?

Kaffee oder Tee?
Kaffee, Bier, Whisky

Fahrrad, Laufen oder Auto?
Laufen

Computer oder Karteikarte?
Computer, meine Schrift kann keiner Lesen

Globuli oder Abwarten?
Hääääh

Impfen oder Abhärten?
IMPFEN!

Ihre aktuelle Verfassung?
Super, werde in 9 Tagen 50.

Ihr Motto für den Praxisalltag?
Hab keins.

Dr. Lüder hat noch eine Geschichte an den Fragebogen angehängt – betreffend o.g. „Marvin“:

„Marvin – wahre Begebenheit.

Ein Freitag im Februar. Die Praxis ist voll, die Infektsaison tobt.
Wieder über 50 bis zum Mittag. Darunter auch Marvin, 3 1/2 Jahre alt.
Montag war er schon mit einem geplatzen Trommelfell in der Praxis gewesen.
Er war gut drauf, hatte kein Fieber und benötigte keine Antibiose.
Nach 5 Tagen lief das Ohr noch ein wenig. Da Marvin ordentlich blass war, gönnte ich ihm und mir eine Blutuntersuchung. Nicht, dass ich doch eine schwere bakterielle Infektion übersehen hätte.

16 Uhr. Meine Familie hatte ich vom Flughafen abgeholt, ich war schon eine Woche zuvor aus Thailand zurückgekommen. Nun badete ich mit meiner Tochter, als mir meine Frau das Telefon zur Badewanne brachte.
Das Labor war dran und gab die Werte durch.
Hb 1,6 mmol/l (normal 6-9), Hämatokrit 10,4 % !!!, Leuko 4,9 normal, Thr 342 normal, Reti 50 rel. erhöht, Ferritin 1,3 sehr sehr niedrig, CrP normal.
Upps, war das mit dem Leben vereinbar?
Hab ich das Blut irgendwie falsch abgenommen?
Nein. Die anderen Werte waren ja in Ordnung.
Was nun.
Raus aus der Wanne, Töchterchen geschnappt, rein ins Auto, ab in die Praxis. Computer hochfahren, Telefonnummer raussuchen. Anruf. Keiner da.
Mist, also Vorbeifahren. Keiner zuhause. Aber es war schöne Sonne. Also mal auf den zwei Spielplätzen schauen. Kein Marvin. Einmal zu Real – kein Marvin. Zurück zur Wohnung. Ich klingelte beim Nachbarn, stellt mich als Marvins Kinderarzt vor und bat Frau Nachbarin UNBEDINGT Bescheid zu geben, dass Marvin sich im Krankenhaus vorstellen sollte.
Dort rief ich an und kündigte den Jungen an. Entschuldigte mich sogleich, dass er ohne Einweisungsschein käme.
Auf dem Rückweg im Auto klingelte es, die Mutter hatte die Nachricht bekommen.

Marvin kam auf die ITS, erhielt zwei Blutkonserven und viel Diagnostik. Wodurch so eine starke Anämie auftrat, konnte nicht geklärt werden.

Als ich zurückkam, war das Badewasser kalt, aber mir war warm.

St. Lüder“

Multitasking

Doch, ich kann es schon verstehen, dass man zwei Kinder hat. Also, dass man das erste Kind mitbringt in die Kinderarztpraxis, wenn das zweite seine Vorsorgeuntersuchung hat,  vor allem, wenn das erste Kind noch kein Kindergartenkind ist oder so alt, dass es bei der Omma bleiben kann für zwei Stunden. Das verstehe ich sehr gut. Wie soll man´s dann auch anders machen?

Was ich aber nicht verstehe, ist, dass das erste Kind, während ich das zweite Kind untersuche, die ganze Zeit unbeachtet durch die Mutter (aber sehr wohl registriert durch mich), sämtliche zur Verfügung stehende Schranktüren im Behandlungsraum (als da wären … Moment … sechs) und Schubladen (… äh, drei) mehrmals öffnen darf, um den dort befindlichen Inhalt genauestens zu untersuchen. Verbandsmaterial, Handtücher und Windeln sind sehr interessante Dinge während einer langweiligen Untersuchung des Geschwisterkindes. Spannend auch das Otoskop und die Ewingrassel, ganz zu schweigen von den Pflastern, Mundspateln und Ohrtrichtern – die nebenbei später eventuell bei anderen Kindern Verwendung finden sollen.

Ich verstehe, dass man in gewissen Situationen nicht multitaskingfähig ist. Und ich verstehe auch, dass Kind Nummer Eins einen gottgebenen Instinkt dafür hat, wann Mama abgelenkt ist – in diesem Fall durch die Untersuchung (durch mich) ihres Kindes Nummer Zwo.

Was ich nicht verstehe, dass ich das – im Gegensatz zur Mutter – sehr wohl wahrnehme und auch reagiere. Zunächst gegenüber Kind Nummer Eins, dann bei der dritten Bemerkung auch gegenüber der Mama. Nicht verstehen kann ich dann die rotzfreche naive Bemerkung der Mutter, sie dachte, sie sei in einer Kinderarztpraxis. Nun gut.

Meine Konzentration bei der Beurteilung von Kind Zwei ist ausreichend geschult. Sogar so sehr, dass ich (während ich Kind Zwei impfe:  Eine Hand hält den Oberschenkel, die andere impft) schnell genug bin, um die Kanüle zu ziehen, außer Reichweite von Kind Zwei zu legen, um im gleichen Moment die Hand von Kind Eins zu erwischen, die bereits neugierig auf dem Impftablett rumgrapscht. („Aber, Leon-Malte-Moritz, dass darfst Du doch nicht, da kannst Du doch Aua-Aua bekommen.“ OT Mutter.)

Ich verstehe mich schließlich sehr gut, wenn ich nach diesem Moment kurz mal austickte.

—-
Dies ist ein Nostalgie-Posting – veröffentlicht erstmals vor fünf Jahren – für Euch, liebe Leser, recycelt und aufpoliert. Enjoy.

Sanfte Medizin

Vater: „Der hustet jetzt seit zwei Wochen.“
Ich: „Kenn ich. Mache ich auch grad durch.“
Vater: „Und, was machen Sie da?“
Ich: „Kamillentee, Lutschbonbons, viel an die frische Luft und früh ins Bett gehen.“
Vater: „Und damit wollen Sie meinen Sohn jetzt abspeisen?“
Ich: „Sie haben gefragt.“

Sonst wird immer gefragt: „Und, würden Sie Ihren Kinder diese Medikamente auch geben, wenn das jetzt Ihr Kind wäre?“
Ja, Mensch, Ja!

Vom Wechseln des Arztes

fMFA: „Boss? Die Familie Bielck* möchte gerne zu uns wechseln, wegen Umzug und so. Aber ich seh grad, sie waren vorher bei Dr. Schwurbel* und die Kinder sind bisher nur Tetanus geimpft.“ [5 Jahre, 3,5 Jahre und 17 Monate alt]
Ich: „Was haben Sie mit der Mutter besprochen?“
fMFA: „Dass sie gerne wechseln darf, wenn sie die STIKO-empfohlenen Impfungen durchführen lassen möchte. Will sie aber nicht.“ [Wir tun niemandem einen Gefallen, wenn wir das nicht vorher klarstellen. Eltern sind sonst unnötig enttäuscht.]
Ich: „Warum bleibt sie dann nicht beim Kollegen Schwurbel? So weit weg wohnt der nun auch nicht.“
fMFA: „Sie meinte, der hätte wohl letztens eine Bronchitis übersehen.“
Naja. „Übersehen“ wird ja gerne und schnell interpretiert. Wer weiß, wie zügig sich aus einer banalen Erkältung eine Bronchitis entstehen kann, dürfte großzügiger im Urteil sein. Und Kollege Schwurbel ist trotz seiner impfkritischen Einstellung ein erfahrener Arzt.

Die Mutter saß jedenfalls mit der Tochter im Sprechzimmer, es gab Ohrenschmerzen.
Also: Vorstellung bei Mutter und Kind, Untersuchung, Besprechung:
Ich: „Das Ohr ist ganz schön rot, da drückts ziemlich von innen ans Trommelfell. Tut bestimmt weh.“
Mutter: „Ja, Mira-Lou weint schon die ganze Nacht.“
Ich: „War’s denn nach einem Zäpfchen oder Saft etwas besser?“
Mutter: „Ach nein, gegeben habe ich nichts.“
Ich: „Alles klar. Dürfen Sie aber jederzeit. Sie muß das nicht aushalten.“
Mutter: „Ich dachte, es sei nicht so schlimm.“
Ich (nachdem ich bei der fMFA eine Dosis Ibu organisiert habe): „Jedenfalls schreibe ich Ihnen ein Antibiotikum auf, im linken Ohr staut sich schon der Eiter, das wird vielleicht noch aufgehen.“
Mutter: „Okay. Gibts da auch was…“, [von Ratio.pharm?] „… Natürliches?“
Ich: „Nichts, was ich Ihnen empfehlen würde.“
Mutter: „Ohrentropfen?“
Ich: „Nein.“
Mutter: „Warmes Öl?“
Ich: „Äh, nein.“
Mutter: „Aber Globuli?“
Ich: „Mmh, nein.“
Mutter: „Und wie kann ich Ohrenentzündungen verhindern?“
Ich: „Zum Beispiel mit Impfungen. Häufige Erreger sind Pneumokokken, und die kann man impfen.“ Konnte ich mir nicht verkneifen.

Die Mutter hat das Rezept mit dem Antibiotikum zwar mitgenommen, nach diesen Gesprächen weißt Du aber manchmal nicht, ob die Kinder die nötigen Medikamente bekommen. Die Gesprächsebene hat nicht gepasst, die Erwartungen und Angebote waren nicht deckungsgleich, keine guten Voraussetzungen für Therapiecompliance. Dem Kind hilft es nicht, denn zwei Erwachsene haben ihre Positionen ausgetauscht. Die Mutter wollte keinen Paternalismus in der Behandlung ihrer Tochter, der Arzt verhielt sich unprofessionell. Eine Lösung ist schwierig zu finden. Schade. Das Thema Wechsel war zumindest auch kein Thema mehr.

*Namen wurden geringfügig geändert.

Besinnung im alltäglichen Grippewust

Jedes Kind ist speziell, jeder Virus auch, jede Mutter, jeder Vater, jede Familie. Jeder Fieberverlauf nimmt seinen eigenen Gang, jeder Rotz, jeder Husten, jedes Zipperlein. Jede Minute, die Eltern am Bett ihres Kindes verbringen, spät in der Nacht, mit der kühlen Hand auf der heißen Stirn oder massierend über den wehen Bauch. Jede Ohrenweh sind eigen, jedes Halskratzen, jeder müde, flaue und schmerzende Kopf. Jede Stich der Impfung, jede Blutabnahme, jede Sorge, weil vierzig Grad Fieber, jedes Schreien in der Nacht, jede Blähung, jede Kolik, jedes rote Auge. Jeder Schreck am Morgen, wenn die Nase blutet oder das Kind weinend auf der Toilette verbringt, weil der Magen das Frühstück nicht mehr hält.
Jedes Mal scheint der Verlauf gleich, doch jedes Mal ist er neu.
Die Flut der Kinder, die in die Praxis kommen, jede mit dem gleichen oder ähnlichen Wehwehchen, jeder Anruf scheint genauso, jede Frage der fMFA, jede Terminvereinbarung, jede Vertröstung, dass die Praxis erst zum späten Nachmittag einen Termin hat, jedes Bedauern, dass sie womöglich gar keinen Termin mehr anbieten kann.
Bei jedem Türeöffnen, dem hundertsten Mal an diesem Tag, bei jedem Erfragen des Verlaufes, der Symptome und des Befindens bedeutet es, da zu sein, frisch zu sein, interessiert zu sein, wachsam zu sein, zuzuhören, neu zu hören, neu zu tasten, neu zu sehen, abzuwägen, neu zu ordnen und neu und individuell und speziell zu entscheiden, zu beraten und zu verordnen.
Besinne Dich, Doc, auf das tägliche Neuerleben in jeder Familie, bei jedem Kind, bei jedem Patient. Die Menge verklärt den Blick auf das Einzelne. Das Alltägliche Deiner Praxis ist nicht das Alltägliche Deiner Patienten. Dein eigenes Kranksein magst Du vielleicht selbst einordnen in der profanen Grippewelle, wenn Du Dich selbst bei Dir Doktor nennst, aber als Patient bist Du spätestens dann so alltäglich wichtig wie jeder andere auch. Erwartest Du das von Deinem Gegenüber, dann erwarte das auch von Dir. Jeden Tag.

Ei

Mutter: „Ich möchte keine Flouretten geben, die Hebamme hat gesagt, die Nachbarin warnt im Internet steht, das sei schädlich.“
Ich: „Warum?“
Mutter: „Schließlich ist Fluor ein Nervengift.“
Ich: „Ja, das mag sein, aber Sie geben doch gar kein Fluor.“
Mutter: „… genau, weil die Hebamme …“
Ich: „Sie geben Fluorid.“
Mutter: „Ist das ein Unterschied?“
Ich: „Ja, ungefähr so wie zwischen Schwimmbad und Frühstücksei.“
Mutter: „?“
Ich: „Im Schwimmbad wird das Wasser gechlort, das Gas kann in hohen Mengen schon gefährlich sein. Auf das Frühstücksei machen Sie Chlorid.“
Mutter: „Ich esse mein Frühstücksei mit Salz.“
Ich: „Richtig. Und Speisesalz ist Natriumchlorid. Das ist ein Salz genauso wie Fluorid.“
Mutter: „Achso. Aber ich nehme immer das Himalaya-Salz. Ohne Jod. Und ohne Fluor.“

Ok, ich habe den Dialog etwas komponiert aus zwei Gesprächen mit verschiedenen Eltern. Meist einigen wir uns in solchen Fällen auf
– Fluor mit Vitamin D als Tabletten ab der zweiten Woche, ab dem ersten Zahn putzen der Zähne mit Wasser, sobald das Kind die Zahnpasta ausspucken kann, darf mit fluoridhaltiger Zahnpasta geputzt werden (kinderärztliche Empfehlung) oder
– Vitamin D als Tabletten für zwei Jahre, Fluor in Zahnpasta ab dem ersten Zahn (zahnärztliche Empfehlung) oder Fluoretten.

Wer allerdings weiß, wie effektiv man Kleinkindern die Zähne putzen kann, dürfte die erste Variante die sicherere Fluoridierung der Zähne bringen. Aber die Mär des Nervengiftes geistert weiter durchs Netz.

(Chemiker dürfen in den Kommentaren gerne die genaueren Zusammenhänge darlegen, wir Mediziner belegen da ja nur einen Grundkurs im Vorstudium.)

Empfehlungen der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin

Verhungern – nostalgisches Update

Der Vorteil des längerjährigen Bloggens ist, dass es einen Fundus an Texten gibt, die irgendwo im WordPress-Speicher ihr vergangenes Dasein fristen. Das tut mir leid. Deshalb habe ich hier einen Text von vor fünf Jahren gezogen, ein bisschen aufgehübscht und neu präsentiert. Viel Spaß:

 

Pretzel

In der Praxis ein beliebtes Thema: Essen im Behandlungszimmer. Nicht, dass ich mich jedesmal darüber auslasse – aber bei dieser Mutter musste ich das loswerden.
Ich: “Und warum essen die zwei jetzt Reiskekse?”
Mutter: “Wollten sie halt.” Klassische Antwort.
Ich: “Finde ich in der Arztpraxis wirklich unhygienisch.”
Mutter: “Achja? Naja.”
Ich: “Ja. Nein, aber ernsthaft: Warum müssen sie jetzt in diesen fünf Minuten essen, während sie hier im Zimmer warten?”
Mutter: “Dann sind sie wenigstens ruhig und toben nicht rum.”
Ich: “Ist das nicht eine etwas problematische Taktik? Hier gibts doch genug Spielzeug.”
Mutter: “Außerdem hatten sie Hunger.”
Ich (sarkastisch, ich konnts mir nicht verkneifen): “Denken Sie wirklich, die wären jetzt verhungert?”
Mutter: “Nicht wirklich.”
Ich: “Sind Sie denn schon länger unterwegs?”
Mutter: “Nein, wir kommen direkt von zu hause.”
Ich: “Und dann haben Sie noch was vor?”
Mutter: “Nö. Die Kinder sind ja krank. Wir fahren dann wieder heim.”
Sie hat inzwischen die Reiskekse wieder eingesammelt – bis auf die zahllosen Klebekrümel auf dem Wickeltisch und dem Boden – und packt sie in die bereitstehende Vespertasche. Ich kann nicht anders und schaue rein: die Rolle Reiskekse, dazu eine Tupper mit Apfelschnitzen, zwei Sic-Flaschen mit Captain Sharkey und Lillifee, in der Tiefe blinzelt noch eine Banane und eine undefinierbare rote tüte Mini-Salz-Brezeln. Und die unvermeidliche angebissene Laugenbrezel. Standard.

Lustigerweise bietet unser Berufsverband bereits seit längerem Plakate für Praxisregeln an, sind gerade frisch aktualisiert worden und von Janosch neu illustriert. Ich finde sie sehr gelungen – take a look:
Praxisregeln 1 – alt
Praxisregeln 2 – alt
Praxisregeln neu – fürs Wartezimmer
Praxisregeln neu – fürs Sprechzimmer
Aber klar gibt es Eltern, die der Meinung sind „das ist doch schließlich ein Kinderspielplatz eine Kinderarztpraxis, also sollen die sich mal nicht so anstellen.“

(c) Bild bei Flickr/p…

Vorherige ältere Einträge

1. Platz in Kategorie Baby und Kinder bei den Hitmeister Superblogs 2012
%d Bloggern gefällt das: