Lesepotpourri Dezember/Januar

Und wieder ist einige Zeit ins Land gegangen seit des letzten Leserückblicks, aber die Tradition setze ich trotzdem fort, auch wenn keine Zeit für einzelne Rezensionen übrig bleibt. Wer Fragen hat, darf fragen.

Hier also der Lesestoff der letzten zwei Monate:

Ich war viel im Netz unterwegs, habe viele Blogs gelesen und recherchiert, außerdem habe ich mir zu Weihnachten ein Abo der ZEIT als Digitaldownload gegönnt. Das Leben besteht tatsächlich aus Lesen, oder? Ich kann gar nicht verstehen, wie es anderen ganz anders geht.

Absolute Lesehighlights aus dem obigen Potpourri:

Die Raumpatrouillevon Matthias Brandt – der Hype über dieses kleine Buch überrascht ein wenig, leider fragte ich mich ständig beim Lesen, ob dieser Erfolg auch gekommen wäre, wenn Matthias Brandt nicht Schauspieler und nicht berühmter Sohn wäre. Dennoch schöne Schreibe- und damit Lesekunst.

Außerdem, als Fan, die Biographie von Bruce Springsteen, klar, mit viel Neugier gelesen und klar überrascht, wie interessant der Mann auch neben seinen Songs schreiben kann. Viele Gedanken neben profanem Fanwissen, viel Poesie neben bescheidenem gerechtfertigtem Pathos.

Geheimtipp: Butcher’s Crossing von John Williams. Der Schriftsteller wird gerade auf der ganzen Welt wiederentdeckt, er hat nur drei Romane geschrieben, auf meinem Schreibtisch liegt schon sein berühmtestes Werk Augustus. „Butcher´s Crossing“ ist ein Roman wie ein Donnerschlag, so episch-wuchtig wie Jack London, so prosaisch wie Cormac McCarthy, so unterhaltsam wie ein Western von Quentin Tarantino. Lesen!

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Ich bin raus… (bei Facebook)

Thumb down

Unlängst bekam ich per Twitter die freundliche Mitteilung, dass mein kinderdok-Account bei Facebook nicht mehr erreichbar sei. Das ist tatsächlich so – ich komme nicht mehr rein, und meine Follower finden meine Timeline nicht mehr. Warum?

Facebooks Statuten sehen vor, dass hinter jedem Account eine reale Person steht. Dies lässt sich die Firma durch die Übersendung eines Ausweisdokumentes bestätigen. Das finde ich prinzipiell richtig. Auch bei Twitter gibt schon genug Fake-Accounts, dass Du gar nicht mehr weißt, ob das der Real McCoy ist oder nur die B-Ware. Blöd ist, wenn Du Dich, wie ich, für die Anonymität entschieden hast, im Blog, bei Twitter, Instagram und eben bei Facebook. Das wird aber bei letzteren nicht akzeptiert.

Ich bin also raus. Bin ich darüber betrübt? Nicht wirklich. Ich habe Facebook vor allem als Kontaktmöglichkeit für die Leser des Blogs genutzt, die die Nachricht über ein neues Blogpost gerne dort erhalten wollten und nicht über den Newsfeed per e-mail oder via Twitter. Dass ich dann ab und zu in der Facebook-Timeline lustige Katzenvideos geteilt habe, ja, ein nettes Nebenprodukt.

Etwas schade ist, dass ich nun nicht mehr den zahlreichen Gruppen folgen kann. „Dinge, die Heilpraktiker sagen“, „Dinge, die Impfgegner sagen“, diverse Pro-Impfgruppen oder dem „Netzwerk Homöopathie“. Muß ich eben andere Wege finden. Da aber alle beispielsweise Twitter-Accounts pflegen, werde ich wohl nicht so viel verpassen. Denn andererseits, ganz ehrlich: Wenn irgendwann die FB-Seite nur noch voll war von reproduzierten grausigen Schwurbelergüssen aus diversen Elternforen, ach nö, da lese ich lieber gezielter über meine Feedly-, Pocket- und/oder Flipboard-App.

Wer also bisher über Facebook auf meine Blogposts aufmerksam wurde oder jemanden kennt, der das so macht: Bitte weitergeben – nutzt die e-mail Funktion rechts oben oder den Twitter-Zugang. Oder schaut einfach immer mal rein.

Facebook? Good bye. Ich hätte mich gerne freundlich verabschiedet, aber nicht mal das lassen sie mir ;-(

(c) Foto bei Flickr/Vu Tran (CC Lizenz BY-NC 2.0)

Zwischen den Jahren

Die Tage zwischen den Jahren und kurz nach dem Neujahrsfest. Das Wetter wirkt unentschieden, kein Schnee zu Weihnachten, dann die ersten Flocken, die Straßen sind seltsam leer, weil alle im Urlaub sind, die Praxis hat trotzdem genug zu tun, auch wenn spürbar weniger ist als sonst.

Ich habe meine Praxis nun schon ein paar Jahre, die Familie wechseln in langsamen Wellen durch, viele Eltern bemerken, dass sie nicht mehr so oft kommen müssen, wie noch in Zeiten des Kleinkindalters. Ich bilde mir ein, dies liege an meinen Empfehlungen medizinischer Art, weiß ich doch, dass das nur altersabhängig ist. Schulkinder, insbesondere pubertierende, sind weniger krank und brauchen ihren Arzt weniger. Die Impfungen sind alle durch, seltene Auffrischungen alle fünf oder zehn Jahre.

Das Jahr bringt die Neue Kinderrichtlinie, ich hatte schon berichtet, das ändert etwas die Struktur der Abläufe bei Vorsorgeuntersuchungen, bringt neue technisches Equipment mit sich wie neue Hörtests, den Brücknertest und die ominöse Stuhlfarbenkarte (wenn Sie demnächst Ihr Kinderarzt nach der Farbe des Säuglingsstuhls fragt und Ihnen dann noch einen Farbverlauf vor Augen hält, bitte nicht wundern, er findet es genauso eklig), ein neues Einarbeiten in ein Neues Vorsorgeheft, teils Entschlackung, teils Verbesserung, teils mehr Bürokratie, wen wunderts.

Dann kommen neue Familien, keine Frage, der Zufluß ist so gut, wie nie. Deutschlands Geburten boomen, zwei Gemeinden der Umgebung haben das Bauland für das Rathaussäckel für sich entdeckt, neue Kinder, neue Erkrankungswellen. Meine Begleitungen sind wie früher, vielleicht etwas etablierter, vielleicht etwas weniger flexibel, ich werde nicht jünger. Die neue Richtlinie ist nur ein kurzes Ändern der eingefahrenen Pfade, wie ein Fahrrad auf dem holprigen Feldweg rutschen die Reifen schnell wieder in die Gerade hinein.

Was nehme ich mir vor für 2017? Den Eltern wieder mehr Gelassenheit zu vermitteln, mehr Vertrauen in die moderne Medizin, weg von Schwurbelei und Impfgegnertum. Noch mehr Reden, Beraten, Eltern Schulen, auf die Symptome – die echten, wie die eingebildeten – zu achten und eigenverantwortlich zu handeln im Gewissen auf den eigenen Instinkt, wann nun eine professionelle Beurteilung notwendig ist. Und Mut zu haben, keine Medikamente zu geben, auch keine Pseudomedikamente, sondern auf den normalen Verlauf einer Erkrankung zu setzen, ohne Angst zu haben, es ende immer lebensgefährlich. Aber wenn die Angst zu groß wird, den Eltern den Mut vermittelt zu haben, anzurufen und einen Termin zu vereinbaren, ohne falsche Angst, belächelt zu werden. Diese Politik fahren wir Ärzte und die fMFA nicht.

Im Notdienst möchte ich etwas entspannter agieren, mehr Großzügigkeit walten lassen, mehr Gelassenheit. Notfall definiert sich aus der Sicht der Eltern, nicht des Arztes. Was nicht bedeutet, dass ich nachts um eins mit einer Komplettuntersuchung des Kindes die Warze an der Fußsohle diagnostizieren muß. Und es bedeutet nicht, dass ich nicht darauf hinweisen darf, dass das bis zum nächsten Tag gereicht hätte. Aber der Ton macht die Musik, also wird mein Ton bescheidener.

Das Blog? Zwei oder drei Beiträge für die Woche wären schön, die Vorsorgereihe braucht noch weiter Futter, dafür sieht es bei den „Kinderärzten aus einer anderen Welt“ gerade sehr mau aus, TV und Kino setzt andere Prioriäten. Geschrieben wird viel, nicht nur fürs Blog, doch dank der kathartischen Wirkung sehe ich viele Begegnungen in der Praxis nicht mehr so anstrengend wie früher und damit bleiben sie nicht mehr bis abends zum Bloggen in den Hirnwindungen hängen. Ich ventiliere sie schneller. Aber keine Sorge: Die eine oder andere Story gibt es immer.

Nun denn, das Innehalten nach den Feiertagen ins Neue Jahr endet hier, ein letzter Blick auf den noch nicht abgeschmückten Baum im Wohnzimmer, möge das Jahr beginnen. Morgen schließe ich die Praxis auf, stelle mich fünf Minuten an die Anmeldung, wir tauschen uns zu Weihnachtsgeschenken und der ewigen Müdigkeit am Silvestertag aus, lachen das erste Lachen im neuen Jahr, bis der erste Patient die Praxis betritt und jeder seinen Aufgaben nachgeht.

„Hallo Herr Doktor, wir kommen heute zur letzten Sechsfachimpfung…, und was ich noch fragen wollte, wenn ich schon mal da bin…“

(#laterblog, vom Neujahrsnachmittag)

 

 

Zehn Fragen zu Büchern

Library 5090

Irgendwie bin ich über Twitter an das Blog „Sätze und Schätze“ geraten und dort hat Birgit zehn spannende Fragen für Leser gestellt und ganz viele Antworten erhalten. Also dachte ich: „Kann ich auch,“ und versuche mich mal in der Beantwortung. Schließlich lese ich gerne und viel und immer und mein Blog heisst schließlich Kids and me.

1) Das erste Buch, das du bewusst gelesen hast?
Gleich am Anfang eine so schwere Frage. Spontan fallen mir „Federico Octopod“, „Bärli hupft weiter“ und die Fibel aus der Grundschulzeit ein. Schau ich mir die ersten zwei aber an (die habe ich noch zuhause), erscheint mir das aber als sehr anspruchsvolle Literatur. Vielleicht doch irgendein Pixi-Buch? 

2) Das Buch, das Deine Jugend begleitete?
Ganz vorne: „Die unendliche Geschichte“, irgendwie geht es da auch ums Größerwerden, später alles von Hermann Hesse, da geht es ums Reiferwerden und die Jugend. Dann noch „Der Herr der Ringe“, für den Hobbit in mir. 

3) Das Buch, das Dich zur Leserin/zum Leser machte?
Alles von Erich Kästner. Lieblingsbuch: „Das fliegende Klassenzimmer“. War auch meine Lektüre im Vorlesewettbewerb der Schule. Ich bin aber nicht über die Klassenhürde hinausgekommen. Achja – und Enid Blytons „Geheimnis um…“ und „Fünf Freunde“. 

4) Das Buch, das Du am häufigsten gelesen hast?
„Der Herr der Ringe“ (4x in deutsch, einmal auf englisch), alle „Harry Potter“ (ebenfalls englisch und deutsch, diverse Male), und die „Otherland“-Tetralogie von Tad Williams (zählt auch das Wiederlesen als Hörbuch?) 

5) Das Buch, das Dir am wichtigsten ist?
Noch ein Seufzer. „Immer das aktuellste, das ich lese?“, wäre die ideale Antwort. „Mein eigenes?“ wäre wohl vermessen. Also dann wohl doch, ganz klassisch, ganz kitschig „Der kleine Prinz“. Immer zitierbar, immer noch so viel Weisheit in einem so kleinen Buch.

6) Das Buch, vor dem Du einen riesigen Respekt bzw. Bammel hast?
„Moby Dick“ von Melville. Schon dreimal gescheitert. 

7) Das Buch, das Deiner Meinung nach am meisten überschätzt wird?
„Moby Dick“… nein. Sehr enttäuscht bin ich regelmäßig von den Gewinnern des Deutschen Buchpreises. Da würde ich mir mehr Publikumsnähe wünschen.

8) Das Buch, das Du unbedingt noch lesen willst – wenn da einmal Zeit wäre?
Ohje, so viele. Mein SUB reicht bis unter die Decke. Ok: Die Bibel.

9) Das Buch, das Dir am meisten Angst macht?
Im Lektüre-Sinne? Oder im Supense-Sinne? Am gruseligsten fand ich „Shining“ von Stephen King. Das hat mich wirklich verfolgt. Ein angenehmer Grusel. Ihr kennt das. 

10) Das Buch, das Du gern selbst geschrieben hättest?
Ach, da gäbe es auch so viele. Um hier noch einem Sachbuch und meiner Profession die Hand zu reichen: „Kindheit ist keine Krankheit“ von Michael Hauch. Und der coolste Arztroman ever: „House of God“ von Samuel Shem.

(Wenn ich so meine Antworten lese, könnte man meinen, ich lese nur seichteres. Ich kann auch Thomas Mann, Günther Grass und Ian McEwan! Mir fehlt auch die Frage nach dem Lieblingsschriftsteller – „Von wem hast Du alles gelesen?“ John Irving.)

(c) Bild Libray 5090 bei Flickr/Amanda Graham unter Creative Commons License

Geschenke!

Ein Stein
Ein Bügelperlen-Herz
Ein Bild mit „Mann“
Ein Bild mit „Mama, Katze und dem Papa“
Eine Blume (leicht angewelkt)
Ein Papierschiff (mit einigen Fingerabdrücken), zerknüllt und wieder glatt gedrückt
Eine Urkunde („Bester Doktor“ inkl. Glitzer)
Noch ein Bügelperlen-Herz (andere Farben)
Ein Bild mit… tja nun…, ein Bild eben.
So ein geflochtenes Papierviereck
Eine Schachtel Pralinen (Lindt. Auch wenn´s blind macht)
Ein Schokoladen-Herz

…Geschenke der letzten vierzehn Tage.

Das größte Geschenk – wenn Mariebelle Dich trotz der Impfung, zerdrückter Tränen und einem Riesenschluchzer beim Hinausgehen auf dem Flur drückt.

Ups, Geburtstag verpasst.

Nämlich den vom Blog. Entschuldige, liebes Blog, aber manchmal weiß Papa einfach nicht, wo ihm der Kopf steht. Nächstes Jahr wieder pünktlich.

Also: Happy Birthday. Jetzt bist Du schon zehn!

.
tenth birthday cake

(c) Bild bei Flickr/normanack

Abrechnung done

Ärzte (sicher auch andere offiziell Selbständige) machen am Ende des Quartals die Abrechnung über die behandelten Patienten – gesetzlich Versicherte und Privatpatienten.

Im Idealfall sieht das so aus:
– PC hochfahren
– Praxis-EDV starten
– Menüpunkt „Abrechnung“ suchen
– „Start“ klicken
– Ca. 5 Minuten warten
– Verschlüsselungsmodul der KV starten
– File hochladen
Dauer: Sagen wir 15 Minuten.

And now – back to reality:
– PC hochfahren
– Praxis-EDV starten
– Menüpunkt „Abrechnung“ suchen
– „Start“ klicken
– Ca. 5 Minuten warten
– Verschlüsselungsmodul der KV starten
– Fehlermeldung „Kryptomodul veraltet“ entsetzt anstarren
– Update Praxis-EDV downloaden (ca. 1,5 Stunden), wahlweise Update-CD einlegen, in 50% der Fälle frustriert feststellen, dass diese nicht bootet, also doch Download
– Installation des Updates auf dem Server und den Clients (ca. 1 Stunde, 3/4 Stunde davon wegen des Windows-XP-Clients, von dem ich mich nicht trennen kann)
– Praxis-EDV neustarten
– Menüpunkt „Abrechnung“ suchen
– „Start“ klicken
– Ca. 5 Minuten warten
– Verschlüsselungsmodul der KV starten
– Fehlermeldung „Kryptomodul findet schwere Fehler“ entsetzt anstarren
– Ca. 60 Patienten händisch korrigieren (z.B. „Bronchitis“-ICD in „Bronchitis beim Kind“-ICD umwandeln oder Zahlendreher im Gültigszeitraum der GKV-Karte aufspüren – hat leider die Kontrollroutine vor der Abrechnung nicht gefunden…)(Ca. 1/2 Stunde)
– Praxis-EDV neustarten
– Menüpunkt „Abrechnung“ suchen
– „Start“ klicken
– Ca. 5 Minuten warten
– Verschlüsselungsmodul der KV starten
– Fehlermeldung „Kryptomodul findet leichte Fehler“ ungläubig anstarren und … ignorieren
– File hochladen
– Die Fehlermeldung „Ihre Sitzung ist abgelaufen“ mit einem frischen Kaffee entgegnen
– Neustart KV-Homepage
– File hochladen
Dauer: Ca. 3 Stunden.

(auch schon vorgekommen: Letzten Schritt vergessen und 1 Monat später den erhobenen Zeigefinger der KV per Post zur Kenntnis nehmen).

Gelesen im Juni

6 Uhr 41 von Jean-Philippe Blondel
(Übersetzt von Anne Braun)
Ein Roman über die Begegnung zweier ehemals Liierten in einem Personenzug, sie setzen nebeneinander, der eine wagt nicht, den anderen erkannt zu haben und umgekehrt, es gibt Rückblenden beider Leben und am Ende gehen sie doch haarscharf aneinander vorbei. Stylistisch hübsch geschrieben, auch die Idee ist nett – aber ganz ehrlich: Am Ende blieb nur heiße Luft. (2/5)

Der Ruf des Kuckucks von Robert Galbraith (d.i. J.K.Rowling)
(Übersetzt von Wulf Bergner, Christoph Göhler und Kristof Kurz)
Ich kann die Kritiker verstehen. Wir alle wollen ein Buch im Harry-Potter-Style lesen, eine Pageturner, mit viel Fantasie und literarischer Magie. Der „Kuckuck“ ist der Pseudonymroman von JK Rowling und eine nette Fingerübung der Erfolgsautorin. Ein solider „Whodunit“-Krimi in klassisch englischer Manier mit einem interessanten Charakterkopf als Detektiv und seiner neuen Assistentin. Viele Dinge wirkten vorhersehbar, vor allem die Beziehung der zwei Protagonisten, die Auflösung des Falles war irgendwann klar, entsprechend lasch war der Spannungsbogen gehalten. (3/5)

Unheilpraktiker: Wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielenvon Anousch Müller
Hierüber habe ich schon geschrieben. (5/5)

Der goldene Handschuh von Heinz Strunck
(Hörbuch, gelesen von ihm selbst)
Eklig, richtig eklig das Buch. Ich bin ja als Arzt hartgesotten und mache auch vor Splatterfilmen nicht halt, ertrage vielleicht auch die Fantasien von Massenmördern, aber dieses Buch ist … eklig. Wahrscheinlich zieht das Buch seine Faszination jedoch aus der Wirklichkeit, aus der Zeitlosigkeit, daraus, dass die ganze Geschichte des Frauenmörders aus Hamburg auch in der heutigen Zeit stattfinden könnte. Brilliant die Balance zwischen Abschreckung und Sympathie für den gefallenen Mann, wunderbar gelesen vom Autor selbst – wieder ein Hamburger, der sein Buch selbst liest. Das kann schief gehen, weil unfreiwillig komisch, hier aber macht es einen guten Teil der Spannung aus. Trotzdem eklig. (4/5)

Der Pfau von Isabel Bogdan
(Hörbuch gelesen von Christoph Maria Herbst)
Frau Bogdan schrub ein Buch – viel besser als JK Rowling in ihrem Metier umschreibt sie die Klischees eines Herrenhauses in den Schottischen Highlands, dem schrulligen Hausherrn, seiner resoluten Frau, dem kompetenten Gärtnerfaktotum, der hilfsbedürftigen Haushaltshilfe. Dazu die versnobbten Banker aus London, die ein Teambuildingwochenende im Herrenhaus abhalten, geführt von der gestrengen Frau Chefin. Dass am Ende alle ein bißchen anders wurden, weil alles ein bißchen anders lief als gedacht, das macht den Gag des Buches aus. Schöne Urlaubslektüre in Schottland. Den Vorleser CM Herbst muß man nicht erwähnen, er bringt diesem Hörbuch den fünften Stern. (5/5)
Ach, und dann ist da noch der Pfau. Der arme Pfau.

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Lampenfieber

Frankfurt am Main: Bühne

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, das im hohen Alter (… no comment) abzulegen, aber leider geht es mir heute immer noch wie zu Schulzeiten: Jeden Morgen habe ich Bauchgrimmen, bevor ich zur Arbeit gehe. Ob das der normale Schulbesuch war, von Klassenarbeiten ganz zu schweigen, im Studium vor Seminaren oder Prüfungen (weniger in den Vorlesungen) oder jetzt – morgens schlägt mein Magen Kapriolen. Er sagt Hallo, er drückt, er meldet sich wie ein Stein im Schuh, ignorierbar, aber nervig.

Das fängt an, wenn ich mich ins Auto setze oder aufs Fahrrad, nimmt zu, wenn ich zu den letzten Kreuzungen, der letzten Ampel komme, das Auto parke, dann ist der Gipfel erreicht. Keine Sorge, erbrochen habe ich mich noch nie.
Die Krönung war früherTM die Sieben-Nächte-Schicht auf der Neugeborenen-Intensiv. Das gab es das Bauchgrummeln vor der Schicht – logisch, aber dann noch einmal in der letzten Stunde von fünf bis sechs in der früh, kurz vor der Ablösung. Die Stunde der Bewährung – wenn jetzt ein Kreißsaaleinsatz anstand (und das kam oft genug vor), konntest Du sicher sein, dass irgendwas schief läuft. Du bist müde, die Kreißsaalschwester ebenso, der Oberarzt hatte kein erweitertes Interesse, um diese Uhrzeit anzurücken. Trotzdem ging es meist glimpflich aus.

Mit dem ersten Patienten am Morgen ist es dann vorbei. Vermutlich erreicht mein Adrenalinspiegel dann das nötige Maß, um meine Magensäure wieder runter zu regulieren (Physiologie war schon immer meine Stärke). Ich denke an etwas anderes, bin eingebunden in den Tagesablauf. So hat das früher mit Klassenarbeiten genauso funktioniert. Ein echtes Blackout kenne ich nicht. Es nervt.

Habe ich Angst vor der Arbeit? Respekt vor dem, was da auf mich zukommt? Hallo, das kenne ich aber schon seit Jahren, große Überraschungen gibt es nicht. Oder sind es die Hormone, die meinen Verstand und Körper auf die nötige Betriebstemperatur bringen? Immerhin sorgt das Bauchgrummeln für einen gewissen „Hallo-wach“-Zustand, völlig verpennt zur Arbeit zu erscheinen ist sicher nicht sinnvoll. Zeitdruck verschlimmert den Zustand übrigens: Verschlafen ist der Horror, außerdem, wenn der normale Tagesablauf am Morgen gestört ist (Kinder krank, fMFA krankgemeldet, Auto kaputt), dann kommt zum Grimmen noch das Flirren und das Heppeln dazu (kann sich jeder mit Sinn füllen, was das denn nun bedeutet).

Alles probiert: Gut frühstücken, nichts frühstücken, Kaffee, Schwarzen Tee, warme Milch, Holunderschnaps, das Bauchgrummeln kam, blieb und ging, wie jeden Tag aufs Neue. Nach all den Jahren habe ich mich nun damit arrangiert und akzeptiert als mein Vegetativum, meinen persönlichen Zwang, meine unangenehme Routine. Da würde mir bestimmt etwas fehlen. Ob ich das mal erlebe?

(c) Bild bei Flickr/Kevin Hackert

Besinnung im alltäglichen Grippewust

Jedes Kind ist speziell, jeder Virus auch, jede Mutter, jeder Vater, jede Familie. Jeder Fieberverlauf nimmt seinen eigenen Gang, jeder Rotz, jeder Husten, jedes Zipperlein. Jede Minute, die Eltern am Bett ihres Kindes verbringen, spät in der Nacht, mit der kühlen Hand auf der heißen Stirn oder massierend über den wehen Bauch. Jede Ohrenweh sind eigen, jedes Halskratzen, jeder müde, flaue und schmerzende Kopf. Jede Stich der Impfung, jede Blutabnahme, jede Sorge, weil vierzig Grad Fieber, jedes Schreien in der Nacht, jede Blähung, jede Kolik, jedes rote Auge. Jeder Schreck am Morgen, wenn die Nase blutet oder das Kind weinend auf der Toilette verbringt, weil der Magen das Frühstück nicht mehr hält.
Jedes Mal scheint der Verlauf gleich, doch jedes Mal ist er neu.
Die Flut der Kinder, die in die Praxis kommen, jede mit dem gleichen oder ähnlichen Wehwehchen, jeder Anruf scheint genauso, jede Frage der fMFA, jede Terminvereinbarung, jede Vertröstung, dass die Praxis erst zum späten Nachmittag einen Termin hat, jedes Bedauern, dass sie womöglich gar keinen Termin mehr anbieten kann.
Bei jedem Türeöffnen, dem hundertsten Mal an diesem Tag, bei jedem Erfragen des Verlaufes, der Symptome und des Befindens bedeutet es, da zu sein, frisch zu sein, interessiert zu sein, wachsam zu sein, zuzuhören, neu zu hören, neu zu tasten, neu zu sehen, abzuwägen, neu zu ordnen und neu und individuell und speziell zu entscheiden, zu beraten und zu verordnen.
Besinne Dich, Doc, auf das tägliche Neuerleben in jeder Familie, bei jedem Kind, bei jedem Patient. Die Menge verklärt den Blick auf das Einzelne. Das Alltägliche Deiner Praxis ist nicht das Alltägliche Deiner Patienten. Dein eigenes Kranksein magst Du vielleicht selbst einordnen in der profanen Grippewelle, wenn Du Dich selbst bei Dir Doktor nennst, aber als Patient bist Du spätestens dann so alltäglich wichtig wie jeder andere auch. Erwartest Du das von Deinem Gegenüber, dann erwarte das auch von Dir. Jeden Tag.

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