Rote Fahnen oder: Wenn Kinderärzte sich Sorgen machen

Alle Welt spricht in der Notfallbehandlung und den Ambulanzen vom Triage-System: Also der Einschätzung, ob eine ambulante Vorstellung sehr dringend, weniger dringend oder „naja, das ist ja nicht wirklich ein Notfall“ ist. Manchmal wird es auch das „Ampel-System“ genannt, weil rote, gelbe und grüne Farben vergeben werden, um die Dringlichkeit einer Behandlung anzuzeigen. Dem verwandt sind die „Red Flags„, die sich in vielen Symptombeschreibungen finden, also Krankheitszeichen, die in der Aufmerksamkeit des Mediziners knallrote Fahnen schwenken: Achtung! Gefahr!

Ich versuche, meinen fMFA diese roten Fahnen zu vermitteln: Eltern rufen ja meist vorher an, weil sie einen Termin brauchen, und die fMFA sollte dann bereits am Telefon entscheiden, wie kurzfristig dieser vergeben werden muss (oder ob vielleicht eine Beratung am Telefon ausreicht – gibt´s ja auch). Jedes Krankheitsbild hat da so seine „specials“, aber ein paar „Nummer Eins“-Red-flags, also „Rote Flaggen mit Blink- und Blaulicht“ gibt es sicher noch obendrauf.

Hier ein paar Dinge, die auch den Kinderarzt schwitzen lassen. Wann machen wir uns wirklich Sorgen?

Kleine Säuglinge mit hohem Fieber — Wer Eltern am Telefon hat, sollte immer, immer und immer nach dem Alter des Kindes fragen. Handelt es sich um einen Säugling (also bis zum 1.Geburtstag, noch dringlicher wird es unter 6 Monaten), wird er immer schneller einbestellt, als ein größeres Kind. Nicht nur, weil meist die Eltern besorgter sind, sondern weil die klassischen Symptome bei vielen Krankheiten unklarer sind. Wenn kleine Babys Fieber haben (> 38,5 Grad rektal), ist meist was im Busch.

Sehr starke Schmerzen — völlig klar. Kinder mit Schmerzen sollten das nicht aushalten. Aber es gibt ja so gute Mittel wie Paracetamol und Ibuprofen (umso erschreckender, dass Kinder bei uns vorgestellt werden, die „schon die ganze Nacht Ohrenweh“ haben und immer noch nichts bekamen).
In diesem Post geht es aber um Schmerzen, die die Kinder völlig einnehmen, dass auch Analgetika nichts mehr ausrichten können. Schmerzen an Kopf, Bauch, Rücken, nach Stürzen. Kinder, die sich nicht mehr beruhigen, Säuglinge (wieder), die nichts mehr trinken wollen, große Kinder, die sich vor Schmerzen nicht mehr bewegen (auch die stillen) – zum Doktor.

Atemnot — „Herr Doktor, mein Kind bekommt gar keine Luft“, das hören wir oft und ist aus Sicht der Eltern ein weites Feld.
Achten sollte man vielmehr auf fehlende Stimme (wieder die Säuglinge, die nicht mal mehr schreien), so genannte Einziehungen (sichtbare Atmung an den Rippen oder oberhalb des Brustbeins), sehr schnelle Atmung und quietschende oder feinknisternde Geräusche.
Schließlich können Atemprobleme zu starker Blässe oder Dunkelverfärbung des Gesichtes führen (Zyanose), auch darauf sollten Eltern achten.

Eintrübung — Nichtansprechbarkeit, Lethargie, Bewußtlosigkeit, Schläfrigkeit, Synonyme gibt es viele. Dies ist ein absolutes Alarmzeichen, egal in welchem Alter.
Klar sind kranke Kinder müde, wenn sie aber nicht erweckbar sind, sich gar nicht mit Spielen oder Ablenkung aufmuntern lassen, darf das zu Denken geben.

Ausschläge — Hier sind nicht irgendwelche Pickelchen gemeint, auch nicht Ausschläge bei Windpocken, Ringelröteln oder Scharlach. Es gibt eigentlich keine dermatologischen Notfälle.
Ausschläge, vor denen wir Angst haben, sind „Petechien“ (Einblutungen in die Haut), erkennbar daran, dass Druck auf die Haut die Rötungen nicht verschwinden lassen, sie blasst nicht ab. Petechien können eine schwere Sepsis anzeigen, wie sie bei Hirnhautentzündungen vorkommen. Ein Notfall.


Diese Red Flags sind in absteigender Häufigkeit aufgeschrieben, fiebernde Säuglinge sind beinahe Tagesgeschäft, während das fiese Exanthem bei Meningokokken-Sepsis eine große Ausnahme ist, dennoch sind meine fMFA bei all diesen Kindern bemüht, am gleichen Halbtag noch einen Termin zu geben.

Für Eltern, deren Kinder o.g. Auffälligkeiten zeigen: Anrufen, Dringlichkeit mitteilen, auf einen Termin bestehen. Diese Red Flags bedeuten nicht, dass tatsächlich etwas Schlimmes vorliegt (im Gegenteil: Meist können wir eine ernsthafte Krankheit ausschließen und den Kindern gut helfen), aber eine Abklärung ist unumgänglich. Ist der Kinderarzt nicht erreichbar, fahrt in die nächstgelegene Notfallklinik oder (insbesondere bei Atemnot, Nichtansprechbarkeit oder der Hirnhautentzündung) wählt die 112.


Können wir die o.g. Symptome auch umgekehrt betrachten?

Klar! Ein Kind, dass zwar krank ist, aber …
– … klein ist, noch gut trinkt oder isst, kein Fieber hat,
– … über keine Schmerzen klagt, also auch lacht und spielt,
– … ganz ruhig atmet, z.B. auch durch die Nase oder mit Schnuller im Mund,
– … adäquat reagiert, antwortet, seinem Spielzeug nachgeht oder sich ablenken lässt vom Kranksein,
dürfte insgesamt zwar krank, aber nicht lebensbedrohlich erkrankt sein. Ein Anruf beim Kinderarzt kann jetzt die Nerven beruhigen, Tipps von der fMFA Abholen kann ja nie schaden. Im Zweifelsfall schaue ich aber gerne das Kind an.

Grüße,
kinderdok.

Nebenbei: Diese Dinge sind – logisch – international. Claire McCarthy (@drClaire) schrieb unlängst ein ähnliches Posting (englisch) aus ihrer Notfallsprechstunde, ich habe mich an ihren Artikel angelehnt.

Erstveröffentlichung hier.

(c) Bild: kinderdok, basierend auf Red flags von Rutger van Waveren/Flickr (Lizenz bei CC BY-SA 2.0)

Neulich im Notdienst

oh no

„Hallo, guten Abend, um was geht´s denn bei Ihnen?“
„Die Mira-Belle hier, die ist dran.“
„Und was hat sie?“
„Ich dachte, ich lass mal g´schwind schauen, ob sie morgen in die Kita kann.“
„Und welche Symptome hat sie?“
„Symptome, wie jetzt?“
„Husten? Schnupfen? Erbrechen? Durchfall?“
„Nö. Naja, ein bisschen müde war sie heute, wenn Sie so fragen.“
„Aha. Aber sonst… irgendwie…, also: Krank?“
„Naja. Nicht wirklich.“
„Und…, warum sind Sie jetzt genau gekommen?“
„Ihr Freund, der Pätrick, der war vor zwei Tagen so richtig krank…“
„Ja?“
„… und da wollte ich mal schauen, ob sie sich schon angesteckt hat.“

… ich weiß, klingt unglaublich. Ist aber so passiert. Nur die Namen habe ich um einen Strich und zwei Pünktchen verändert. Damit sich keiner wiedererkennt.

Achja: Es war 20:45 Uhr.

(c) Bild „oh no“ bei Flickr/Tom WoodwardCreative Commons License

Notdienstzecke 2*

Your average tickNeulich im Notdienst, so gegen 21.30 Uhr.

Vater: „Wir sind hier, weil der Hinnerk-Miro hatte eine Zecke.“
Ich: „Alles klar. Und jetzt hat er sie nicht mehr?“
Vater: „Nein, die haben wir entfernt.“
Ich: „Das ist toll von Ihnen. Und was kann ich nun für Sie tun?“
Vater: „Na, sich das mal anschauen.“
Ich: „Die Stichstelle?“
Vater: „Da, wo sie gebissen hat, ja.“
Ich: „Zecken stech … ach egal, zeigen Sie mal.“
Wir begutachten voll Hingabe eine kleine Stelle oberhalb des distalen Endes der rechten Clavikula, vulgo rechte Schulter. Also, ich sehe nichts.
Ich: „Das da?“ Ich zeige auf eine vage Rötung.
Vater: „Nee. Das ist doch ein Mückenstich. Da…“ Er zeigt auf eine diskrete Veränderung der Hauttextur und -färbung.
Ich: „Sieht gut aus. Prima. Merken und abwarten.“
Vater: „Worauf?“
Ich: „Ob´s rot wird.“
Vater: „Ist es doch schon.“
Ich: „Also, mehr rot. So richtig rot. Und größer.“ Ich mache eine gewichtige Bewegung mit Daumen und Zeigefinger beider Hände, umschließend eines virtuellen kreisförmigen Gebildes. „Das ist dann eine Wanderröte.“ Ich erläutere in einer Kurzvorlesung die Segnungen einer Borrelienfrühinfektion.
Vater: „Kommt das noch?“
Ich: „Ja. Kann aber dauern. Manchmal drei bis vier Wochen.“
Vater: „Dann hätte man heute nicht kommen müssen.“
Ich: „Nein, hätte man nicht. Auch um diese Uhrzeit nicht.“ Hinnerk-Miro hat inzwischen den Kopf auf die Hände gebettet und ist eingenickt. „Aber – ich bin ja da.“
Vater: „Und warum heißt es dann immer: Nach einem Zeckenbiß sofort den Arzt aufsuchen.“
Ich: „Heißt es das? Übrigens, Zecken stech … ach, egal.“
Vater: „Ja, ich habe den ganzen Nachmittag damit verbracht, im Internet zu suchen, was man jetzt machen kann. Die einen sagen so, die anderen sagen so. Am Ende überwog aber die Meinung, zu Sicherheit einen Arzt aufzusuchen.“
Ich: „Und wann hatten Sie die Zecke nochmal entfernt?“
Vater: „Nach dem Spielplatz, da schauen wir immer alles durch. So nach´m Mittag.“

*Stammleser erinnern sich vielleicht.

(c) Foto bei Flickr/Ragnhild Brosvik

Neulich im Notdienst

Mutter: „Ich wollte mal den Ausschlag anschauen lassen. Ist das normal?
Ich: „Ja, das ist so eine Reaktion der Wangen, gibts viel im Winter, wenn es kalt ist.“
Mutter: „Was kann ich da machen?“
Ich: „Bissel eincremen, Gesichtscreme, Fettcreme, was Sie haben.“
Mutter: „Und dann wollte ich noch fragen…?“
Ich: „Ja?“
Mutter: „Sieht das normal aus?“
Ich: „Wie jetzt, wegen des Ausschlags, wie gesagt…“
Mutter: „Nein, nein, ob mein Kind so normal aussieht?“
Ich: „Normal, ja… Ja, sicher. Wieso, was meinen Sie?“
Mutter: „Naja, sieht das behindert aus, oder?“
Ich: „Wie, behindert?“
Mutter: „So, geistig, geistig behindert?“

Der Junge war ganz normal, zwoeinhalb oder so, sprang durchs Untersuchungszimmer, motorisch sicher topfit, lachte mich an, quakte seine normale Kindersprache. Wie das so ist, im Notdienst, ich hatte die Familie noch nie zuvor gesehen, bin nicht der Hauskinderarzt, dann ist das natürlich nicht leicht zu beurteilen, wenn man ein Kind nur ein paar Minuten sieht. Nicht, dass ich der absolute Crack in Sachen Syndrome und Physiognomie bei Stoffwechselerkrankungen wäre, aber bis auf den leichten Epikanthus und der Stupsnase konnte ich an dem Kleinen nichts Besonderes erkennen. Und die hatte er bestimmt von der Mutter geeerbt.

Ich: „Wie kommen Sie denn darauf, was macht Ihnen denn so Sorgen? Hat der Kinderarzt was gesagt?“
Mutter: „Nein, ich finde ihn ja auch ganz normal. Mich haben aber jetzt schon zwei Freundinnen gefragt, ob mein Sohn denn ganz normal sei, der sehe so komisch aus. Geistig, halt.“

Freundinnen… Aha.

Work Life Balance

Der Vater stemmt die Hände in die Hüften: „Ja, gestern abend, da waren Sie nicht mehr erreichbar.“
Ich: „Es gibt doch dann den Notdienst im Krankenhaus, da können Sie jederzeit hinfahren.“
Vater: „Ja, genau, und da setze ich mich hin und warte stundenlang.“
Ich: „Tagsüber können Sie uns gut erreichen. Hatte Ihre Tochter das Fieber nicht schon übers Wochenende?“
Vater: „Mmh. Wir sind dann zu Ihrem Kollegen in die Stadt gefahren. Der war immerhin um 20 Uhr 30 noch in seiner Praxis und hat gearbeitet. Da hatten Sie“, er zeigt mit dem Zeigefinger auf mich. „schon Ihren segensreichen Feierabend.“

Das Helfersyndrom habe ich in der Klinik abgelegt. Dafür hat es ein paar Therapiestunden gebraucht, aber ich war erfolgreich. Außerdem habe ich eine Familie zuhause, die mich auch gerne mal außerhalb des Wochenendes sieht.

Nachfragen

Liebe Frau Guney,
ich kann verstehen, dass Sie mit Ihrem Anderthalbjährigen nachts um zwei in die Notambulanz am Klinikum fahren, weil er zweimal gespuckt hat. Das kann einen nachts wirklich irritieren, und Ihrem Sohn ging es bestimmt auch nicht so gut dabei.
Ich kann auch noch verstehen, dass Sie in der nächsten Nacht um die gleiche Zeit – ach, nein, ich sehe gerade, es war eine Stunde später – nochmals in die Klinik gefahren sind, weil Ihr Mehmet wieder gespuckt hat, am Tag hatte er ja auch zweimal Durchfall, wie ich sehe.
Etwas unklar ist mir dann aber die Vorstellung in der dritten Nacht um 23 Uhr. Ok, der Durchfall ist nicht besser geworden, und, wie Sie sagen, war der Kollege in der Klinik etwas „unfreundlich und ungeduldig“. Trotzdem hat er Ihnen eine Elektrolytlösung rezeptiert. Die haben Sie aber in der Nachtapotheke nicht besorgen wollen, weil die Apotheke im Nachbarort ist. Gut, manchmal muß man weitere Wege fahren, wenn man möchte, dass das Kind wieder gesund wird.

Darf ich die Frage stellen, warum Sie heute morgen um neun Uhr ohne Termin in meiner Praxis stehen, in der Hoffnung, ich könnte Ihr Kind gesund machen? Ach, er hat gar nicht mehr gespuckt? Und seit gestern nacht – ja, da waren Sie im Krankenhaus, das habe ich verstanden – auch keinen Durchfall mehr gehabt? Klingt doch gut. Aber jetzt isst er nicht mehr richtig, soso. Nur die Hälfte des Keksbreis. Aha.

Doch doch, jeder macht sich Sorgen, wenn´s Kind spuckt und Durchfall hat. Das verstehe ich. Es macht auch Sinn, einen Anderthalbjährigen mal dem Arzt vorzustellen, damit der Schlimmeres ausschließen kann. Aber muß das zweimal nachts nach Mitternacht sein? Wissen Sie, Sie haben auch immer die Möglichkeit, im Laufe des Tages bei uns einen Termin zu machen. Tags war immer alles ok? Ja. Ich verstehe. Nachts ist ein spuckendes Kind anstrengender als am Tag.

Ist das mal dringend!

fMFA: „Herr Doktor, da ist ein Kollege am Telefon. Möchte Sie dringendst sprechen.“
Ich: „Wer denn?“
fMFA: „Ein Dr. Meissner aus Obersterzen, er würde sie kennen.“
Nie gehört.
Ich: „Nie gehört. Na, geben Sie mal her.“

Ich: „Hallo, Kinderdok hier.“
Meissner: „Grüß Gott, Herr Kollege, es gibt was Dringendes.“
Ich: „Grüß Gott, ja, was denn?“
Meissner: „Mein Sohn ist ja bei Ihnen in Behandlung.“
Meissner? Meissner? Ich hacke schnell auf der Tastatur rum. Gibt´s nicht. „Achja?“, frage ich.
Meissner: „Ja. Der hat den Namen meiner Ex, Pletzikowski.“
Jetzt finde ich ihn. Acht Jahre, einmal jemals bei mir gewesen, vor vier Jahren. Damals Schnupfen.
Ich: „Und was gibt´s?“
Meissner: „Ich wollte nur sagen, der kommt jetzt vorbei. Der hat Nasenbluten. Kommt aus der Schule. Meine Frau …, also Ex…, holt ihn grade ab. Sind sicher schon zu Ihnen auf dem Weg. Muß man was machen.“
Ich: „Äh. Ok, alles klar. Dann lassen wir ihn mal kommen.“
Meissner: „Robert heißt der.“
Ich: „Prima.“
Meissner: „Ich dachte, ich ruf mal an.“
Ich: „Mmmh.“
Meissner: „Damit er auch gleich dran kommt.“
Ich: „Aha.“
Meissner: „Ist ja was Dringendes.“
Ich: „Ja?“
Meissner: „Gut.“ Pause. „Dann mache ich mal hier weiter.“ Pause. „Noch viel zu tun.“ Pause. „Auf Wiederhören, Herr Kollege.“
Ich: „Wiederhören, Herr Meissner.“

Es vergehen keine zehn Minuten, da drängt sich eine hochgewachsene Frau auf Stöckelschuhen an den anderen Wartenden an der Anmeldung vorbei und meldet ihren Sohn als „dringenden Notfall“ an. Die fMFA waren vorgewarnt und setzen Robert ins Untersuchungszimmer. Sie wissen, was bei Nasenbluten zu tun ist.
Da die anderen Patienten teilweise Termine haben, manch andere Ohren-, Hals- oder Bauchweh, und Nasenbluten sowieso seine Zeit braucht, lasse ich mir selbige.

Als ich gerade von einem Zimmer ins nächste wechsele, stürzt die Mutter aus dem Zimmer: „Herr Doktor Kinderdok, gut, dass Sie jetzt kommen!“
Ich: „Ich wollte eigentlich vorher noch…“ … zu dem anderen Patienten, wollte ich sagen, denke aber, wir wollen die Sache nicht unnötig ausreizen und folge ihr.
Mutter: „Das ist wirklich dringend, dringend, dringend. Hat denn mein Mann…, also mein Ex…, also Dr. Meissner nicht angerufen?“
Ich: „Dochdoch, hat er gemacht.“
Mutter: „Sehen Sie, sehen Sie, wie dringend das ist?“

Was soll ich sagen? Robert sitzt brav auf der Untersuchungsliege, das angebotene Papierhandtuch zum Auffangen der letalen Blutmenge ist …. unbenutzt. Die Nasengänge noch etwas vertrocknet. Er grinst mich in seiner allwissenden Weisheit eines Sohnes an.
Mutter, deutet auf ihren Sohn: „Sehen Sie, sehen Sie?“
Robert: „Ach, Mama…“

Kurz vor Schluß ein Service-Notfall

Zehn Minuten vor Ende der Sprechstunde.
Mutter am Telefon: „Ja, unser Kinderarzt ist im frei, da kommen wir jetzt zu Ihnen.“
mMFA: „Äh… , und was hat Ihr Kind?“
Mutter: „Na, Fieber, schlecht, kotzt, wir kommen jetzt.“
mMFA: „… na dann.“
Mutter legt auf, steht eine halbe Stunde später vor der Tür. Ja, Privatpatienten.

Ich: „Guten Abend, was gibts denn bei Ihnen?“
Mutter: „Die Malena hat Fieber, gucken Sie mal.“ Sie deutet auf das Häuflein Elend von sieben Jahr, dass mich von der Liege … angrinst. Die Bewegung macht klar: Ich soll jetzt retten, sie hat ihren Job getan.
Ich: „Und seit wann hat sie Fieber?“
Mutter: „Na, seitdem ich angerufen habe, so´ne Stunde. Gekotzt hat sie auch. Und Halsweh.“
Ich: „Dann schaue ich mal.“
Mutter: „Bitte!“, wieder diese Bewegung.

Eine Untersuchung später, incl. positivem Streptokokken-Nachweis im Rachen:
Ich: „Also, dann hat Malena eine Streptokokken-Angina.“
Mutter, klatscht sich auf die Schenkel: „Hab ich doch gewußt!“
Ich: „Kennen Sie das schon?“
Mutter: „Nee, aber das haben ja alle schon mal gehabt. Ich wußte, dass ich schnell kommen muß.“
Ich: „Muß man nicht, das hätte auch noch morgen gereicht. Naja, dann kann man es wenigstens jetzt schon behandeln.“
Mutter: „Ahja?“
Ich: „Ja, jetzt kriegt sie Penicillin, Saft, dann wird´s schnell besser.“
Mutter: „Soso… Aber ich muß das nicht behandeln, oder?“
Ich: „Äh… müssen Sie nicht, aber der Kinderarzt hier,“ ich zeige auf mich, „empfiehlt es Ihnen, deswegen sind Sie hier, oder?“
Mutter: „Mmmh, naja. Mir ging´s mehr darum, dass ich heute noch zum Arzt komme, morgen früh in der Praxis Ihres Kollegen ist es immer so voll.“

(c) Foto bei Airflore

U-Bahn-Medizin

„Wo issen meine Cola, menno.“ Sie kramt in ihrer überdimensionierten Umhängetasche. Ihre Freundin sitzt ihr gegenüber in der U-Bahn.
„Seit wann trinksten Du Cola?“
„Hab ich immer wieder so Magenschmerzen, da so.“ Sie hält sich die rechte Seite.
„Echt?“
„Ja, Omma sagt, Pfeffa-Tee oder Cola. Dann aber Cola.“
„Und was haste da?“
„Keine Ahnung, brutale Schmerzen. Wie’d Sau, echt. Morgens schon, auch mal wieder weg. Aber dann wieder brutal, sach ich Dir.“
„Hammer…“
„Ja, wirklich. Wie’d Sau. Muss ich mal Arzt.“
„Warste noch nicht?“
„Nee, geht ja erst zwei Wochen oder so. Brutal, sag ich Dir, das fängt immer da an, … da,“ sie krabbelt mit der Hand zwischen den Brüsten hin und her, „und dann zieht das so hoch. Ganz sauer kommt’s mir dann.“
„Sagt’n der Arzt?“
„War ich noch nicht, sag ich doch. Hab‘ ich angerufen, gestern, weisste, hab‘ ich gesagt, brauch‘ ich Termin, also heute, hab‘ ich gesagt, kann ich erst zwölf… Weisste, was die da gesagt hat?“ Sie flötet: „Zwischen acht und zehn…, sonst geht’s nicht, hat sie gesagt. Wie sie das gesagt hat. Zwischen acht und zehn! Soll ich denn das machen, he? Ist doch B’rufsschule, kann ich erst zwölf.“
„Aber echt…“
„Zwischen acht und zehn… Geh‘ ich gar nicht, nach’m Mittag treffe ich doch noch de‘ Mätze, kann ich auch nicht. Pff! Geh‘ ich abends Notfallambulanz, kannst Du glauben. Machen die siebzehn Uhr auf, geh‘ ich hin. Müssen die mich untersuchen, oder?“
„Kann sein…“
„Klar, müssen die. Ist Doktor auch nicht mehr da, um siebzehn Uhr, können die mich gar nicht wegschicken.“
„Ja, klar, bei den Bauchweh.“
„Brutal, sag‘ ich Dir, das tut weh wie’d Sau. Geh‘ ich morgen Notfallambulanz, wirste sehen. Zwischen acht und zehn, hat sie gesagt, tss! Tussi!“
Sie kramt wieder in der Umhängetasche. „Issen jetzt die Scheiß-Cola?“

Verzögerungserklärung

Als ich letztens im Notdienst den Vater fragte, warum er seine vierjährige Tochter erst jetzt um 21 Uhr in die Notfallambulanz bringt, obwohl sie nach seinen Aussagen schon seit morgens um zehn Uhr Ohrenschmerzen und Fieber habe:

„Wissense, das war ja ers’ma gar nicht so schlimm, und dann war sie auch noch im Kindergarten, und dann hatte meine Frau heute morgen auch kein Auto, und außerdem wollte sie ja noch zu ihrer Freundin spielen…,“ – die Tochter – „und später dann hatte der Kinderarzt keine Sprechstunde mehr, also um sieben abends, und außerdem wollte sie dann doch nicht schlafen, und weil doch heute aber Freitag ist, und ich am Wochenende nicht zu irgendeinem wildfremden Doktor gehen will…,“ – der ich nun aber auch bin –
„deswegen sind wir hier…“

„Ah, ok… und, haben Sie denn was gegen die Ohrenweh gegeben?“
„Nein, wieso?“

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