Kurze Beruhigungen für junge Eltern

Erstlingseltern, also solche, die noch keinen Stall voll Kinder daheim haben, sorgen sich ab der ersten Minute um ihr Kind, das liegt in der Natur der Sache. Hier ein paar kurze Hinweise, was alles bei einem Frischling normal ist (aber gerne gefragt wird):

– Der Flaum auf den Schulter fällt noch aus (übrigens auch die restlichen Haare).
– Pickelchen, Rötungen und spröde Haut gehen von alleine weg.
– Neugeborene atmen sehr laut.
– Die Ohren entfalten sich noch, auch der restliche Schädel.
– Wenn ein Kind noch viel schläft: Keine Sorge, das ändert sich.
– Der Stuhlgang wird grüner, gelber, flüssiger. Er klebt dann nicht mehr so sehr. Ekelig bleibt es.
– Die Augen sind bald nicht mehr verklebt. Wasser und ein weicher Waschlappen reicht meist aus.
– Der Nabel tut nicht weh. Puder ist verboten. Desinfektion ist ok. Macht die Hebamme.
– Der Po ist oft rot. Cremen ist in Ordnung. Urin macht nichts, Stuhlgang schon.
– Das Zeug in den Falten nennt man Käseschmiere. Gut für die Haut, muß man nicht saubermachen.
– Den roten Fleck über der Nase nennt man Engelskuss, den roten Fleck im Nacken Storchenbiss.
– Lange Fingernägel sind häufig, vor allem, wenn das Kind etwas verspätet zur Welt kam. Ja, man darf sie – vorsichtig! – kürzen.
– Kleine weisse Punkte auf der Nase nennt man Milien. Sie trocknen ein.
– Milien im Mund nennt man Epstein Perlen. Auch sie trocknen ein.
– Tief schlafende Babys sind tief schlafende Babys. Ein Atemstillstand sieht anders aus. (Danke an ´ne mama)
– Pickelchen im Gesicht nennt man Babyakne,verschwindet nach einiger Zeit von ganz alleine und muss nicht behandelt werden. (Danke an @cHHrissi)
– Das rote Pulver in der Windel ist Ziegelmehl…, weil es eben so aussieht. Das ist kein Blut, sondern das sind Urinkristalle. Harmlos. (Danke an Danielle)

To be completed. Anyone? Weitere Tipps für die Neugeborenenzeit, die über das „Sichtbare“ nach Geburt hinausgehen außerdem weiter unten in den Kommentaren.

Online Petition zum Erhalt der Kinderkrankenpflege

Wie bereits berichtet, ist eine Umstukturierung der Ausbildung im Gesundheitswesen geplant, eine Vereinheitlichung i.S. einer Generalausbildung und späterer Spezialisierung. Insbesondere Altenpflege und die Kinderkrankenpflege werden dabei geopfert.

Wen dies genauso vor den Kopf stößt, wie uns Kinderärzte, darf ich bitten, an der Petition zum „Erhalt des eigenständigen Berufsbildes der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege“ zu unterschreiben – hier der entsprechende Link. Stichtag ist bereits der 15. Januar, das Quorum liegt bei 50.000 Unterschriften – noch sind wir weit entfernt.

Die Kinderkrankenschwester wird abgeschafft

Text der Petition
Der Deutsche Bundestag möge beschließen, dass im neuen Pflegeberufegesetz das eigenständige Berufsbild der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege erhalten bleibt. Wenn die generalistische Pflegegrundausbildung stattfinden soll, dann muss im Gesetz eine ausreichende Spezialsierung bzw. Schwerpunktsetzung für die Gesundheits- und Kinderkrankenpflege festgelegt werden, die der aktuellen Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für Berufe in der Krankenpflege (2003) entspricht.
Begründung
Im bisherigen Entwurf mit der generalistischen Pflegeausbildung wird nicht der Bedarf für die kompetente pflegerische Versorgung von Frühgeborenen bis Jugendlichen und ihren Familien für Deutschland gesichert. Der allgemeinen Pflegegrundausbildung müsste sich eine spezialisierte Weiterbildung anschließen, deren Kosten bisher nicht geklärt und voraussichtlich auch nicht gesichert ist. In Folge dessen würde z.B. für deutsche Kinderkliniken nicht mehr ausreichend qualifiziertes Personal zur Verfügung stehen. Eine Auszubildende in der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege muss genügend Gelegenheit haben, neben dem entsprechenden spezifischen Unterrichtsangebot ihre pflegerische Handlungskompetenz bei Kindern unterschiedlicher Altersstufen zu entwickeln. Der Gesetzgeber hat die Pflicht, Kinder als die Zukunft unserer Gesellschaft zu schützen. Der bisherige Beruf der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege leistet dazu einen wertvollen Beitrag, der auch für zukünftige Generationen erhalten bleiben sollte.
Der erhöhte Personalbedarf für die pflegerische Versorgung alter Menschen in unserer Gesellschaft ist gewiss auch mit Erhalt der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege zu sichern.

Die Kinderkrankenschwester wird abgeschafft

  • Schon mal mit einer Krankenschwester versucht, einem Säugling Blut abzunehmen?
  • Schon mal mit einem Pfleger versucht, bei einem Vierjährigen eine Lumbalpunktion durchzuführen?
  • Schon mal einen Kreißsaaleinsatz mit einer Krankenschwester gemeistert?
  • Schon mal mit einer Krankenpflegerin einen Diabetesplan für eine Achtjährige erarbeitet?
  • Schon mal einen Krankenpfleger gebeten, eine Braunüle bei einem Krabbelkind zu fixieren?
  • Schon mal versucht, ein verunsichertes Kleinkind zu beruhigen, ohne Hilfe einer erfahrenen Fachkraft?

Nein? Ich auch nicht. Und man bewahre uns davor. Es geht nicht um die Fähigkeiten eines/r examinierten Krankenpfleger/in, es geht um die demnächst fehlenden Fähigkeiten der ausgebildeten KinderkrankenpflegerInnen.

Hier:

„Berlin (ots) – Die Bundesregierung plant, die Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege in einer generalistischen Ausbildung zusammenzulegen.

Eine Generalisierung der Pflege zu einer Einheitspflege ignoriert die besondere und verletzliche Situation des kranken Kindes. Schwer kranke oder chronisch kranke Kinder werden die Verlierer einer Reform sein, die in erster Linie den Personalmangel in der Altenpflege bewältigen soll. Dagegen protestieren Eltern, Pflegende und Ärzte.

Gemeinsam mit Verbänden und Organisationen der Eltern-Selbsthilfe und der Kinder- und Jugendmedizin hat die Gesellschaft der Kinderkrankenhäuser und Kinderabteilungen (GKinD) einen Aufruf verfasst, der die Interessen des kranken Kindes ins Zentrum rückt (Text s. Anlage). Alle befürchten einen deutlichen Qualitätsverlust, sollten die Reformpläne tatsächlich umgesetzt werden.

„Wie sollen die Kinderkrankenhäuser und Kinderabteilungen zukünftig noch ihre qualitativ hochwertige pflegerische Versorgung der ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen sicherstellen, wenn man sie der Möglichkeit beraubt, dafür qualifizierte Kinderkrankenpflegerinnen und Kinderkrankenpfleger auszubilden?“ Diese Frage stellt sich der GKinD-Vorsitzende, Andreas Wachtel, angesichts der Pläne der Bundesregierung.

Ob ein kaum 500 g leichtes Frühgeborenes, ein schwer kranker Säugling, ein Kleinkind oder ein/e pubertierende/r Jugendliche/r mit Gesundheitsproblemen – ohne die über mehrere Jahre fachspezifisch geschulten Kinderkrankenpflegerinnen und -pfleger verlieren sie alle immens wichtige Partner für ihre Genesung und Betreuung.

Die Unterzeichner des Aufrufs zum Erhalt der Kinderkrankenpflege in Deutschland werden sich weiterhin bei Politikern auf Landes- und auf Bundesebene intensiv dafür einsetzen, bei den Gesetzes- und Reformplänen im Gesundheitsbereich die spezifischen Bedürfnisse von Kindern im Krankenhaus entsprechend zu berücksichtigen. Die Pläne zur Pflegeausbildungs-Reform sind stillschweigend über etwas Grundlegendes hinweggegangen: Das Recht auf fachgerechte und qualitativ hochwertige Betreuung im Krankheitsfall gilt insbesondere auch für Kinder.“

Dies ist eine Pressemitteilung der Gesellschaft der Kinderkrankenhäuser und Kinderabteilungen in Deutschland e.V. (GKinD)

Aufruf zum Erhalt der Kinderkrankenpflege in Deutschland
Pressemitteilung des BVKJ
Gemeinsame Erklärung der Fachverbände

Zu klein

Wir hatten viel Zeit mit der Kleinen verbracht, wir waren direkt bei ihr gewesen, als sie aus dem Bauch ihrer Mutter, viel zu früh, herauswollte. Eine Tüte Mehl, hat der Oberarzt gerne geunkt, die Schwestern und wir Jungassistenten waren hin- und hergerissen wegen des dunklen Humors oder der Abgebrühtheit, die aus dieser Betitelung sprach. Die Tüte Mehl bekam zwei Nabelkatheter, einen Peripherzugang, der zentrale sollte erst nach zwei oder drei Tagen kommen, bis der erste Stress vorüber war.

Warm hatte es die Kleine, in unseren Handschuhen stand der Schweiß, sobald wir unsere Arbeit machen mußten, das stete Klopfen der Monitore in den Ohren, der Geruch nach Gummi, Medikamenten und Ausdünstungen, auch wenn unsere Patienten noch so klein waren. Leises Flüstern von den anderen Inkubatoren, wenn glücklichere Eltern ihre schon größeren Kinder auf der Brust hielten und ihren Herzschlägen auf der Haut nachspürten und mit den grünen Linien auf dem Monitor verglichen. Immer der gleiche Blick nach oben, wenn der Alarm ging, die gleiche Hoffnung, dass es nicht das eigene Kind war, die schnelle Schritte der Schichtleitung, keine lauten Stimmen, kein Fluch, kein Weinen, kein Jauchzen. Das sparten sie sich auf, wenn gerade kein Extremfrühchen auf Station lag.

Es gab Hochs und Tiefs, doch nie soviele Aufwärtsbewegungen, dass wir den Kopf über Wasser halten konnten. Manche Schwestern behaupten, am Start sieht man die Sieger. Diese Kleine gehörte nicht dazu. Ihre Eltern klammerten sich an die wenigen guten Nachrichten (für ein paar Stunden weniger Sauerstoff, die Blutwerte waren stabil, aber nicht wirklich gut). Besuch kam sonst keiner. Wir hätten ihn sowieso nicht hineinlassen dürfen. Schweren Herzens verließen die Eltern jeden Abend die Station, am Morgen sah ich ihnen an, dass sie auch zuhause keinen erholsamen Schlaf zuhause hatten. Noch waren Scherze erlaubt, dass schlaflose Nächte für junge Eltern normal seien. Sie sollten doch erstmal warten, wenn Klein-Mia zuhause wäre. In der zweiten Woche hatten sich die Sprüche abgenutzt. Nichts hätten die Eltern mehr ersehnt, als Mia plärrend im Stubenwagen am Bett stehen zu haben.

Ab und zu wurde es hektisch. Am Anfang sowieso, aber da war es Routine, wenn erst einmal alle Technik anlag, war es ruhiger. Jeder Rückschritt in der Entwicklung brauchte schnelle Entscheidungen, oft auch schnelle Umsetzung. Die Beatmung war klar, die Katheter auch, die Standardbehandlung war automatisiert. Aber alles andere unberechenbar. Der Wunsch nach Standard lag über allem, aber Standard ist nur etwas für die Bücher. Wieviel Elektrolyte das Kind nun über die Infusion braucht, wie millimetergenau die Beatmung eingestellt ist, ob das Antibiotikum A nun durch C ersetzt werden sollte, das sind stets marginale Änderungen im Weg des Überlebens.

Die Nekrotisierende Enterokolitis, die unberechenbare und gefürchtete, die auf allen Frühchenstationen dieser Welt selten, aber immer zu oft durch die Türe kommt, hatte Klein-Mia zum Schluß mitgenommen. Immer nimmt sie über Nacht, immer in den Morgenstunden, wenn die Station am ruhigsten ist. Die Nachtschicht sitzt zum letzten Tee im Stationszimmer und wartet auf die Ablösung und die Stationsärztin checkt nochmal alle Einstellungen, alle Infusionen und träumt vom Nachhausekommen. Wir sahen die NEC nicht kommen, und Mia war noch viel zu klein.

Die Eltern hatten sie am Ende auf dem Arm. Mias Inkubator stand am Ende der Reihe, zum Fenster hin, dort konnte man sich einen halb geschlossenen Raum im Raum schaffen. Als ob die Station wusste, was passieren würde, wurde es sehr still in der letzten halben Stunde. Kaum ein Monitor, der alarmierte, nur da und dort das leise Schnaufen der Beatmungsgeräte. Wenige andere Eltern waren auf Station, alle leise, alle ahnten es. Jeder kennt irgendwann jeden der anderen, ihre Kinder, ihr Namen, ihre Gewichtsklassen. Der Monitor war schon lange aus, kein theatralisches Schalterdrücken, wie das die TV-Arzt-Serien kennen, nur das Kind alleine auf dem Arm der Mutter, als ob sie es zuhause gerade aus dem Stubenwagen geholt hätte. Kein anderes Frühchen brauchte Hilfe an diesem Morgen. Sie hatten alle Zeit der Welt.

Sabine hat später den kleinen Körper gesäubert, das übliche Stationsritual, wenn ein Kind starb. Ein vorgegebener Ablauf, mit frischem Tuch, sogar einer frischen Windel, ein letztes Streicheln. Ich habe ihr geholfen. Zwischen uns gab es eine besondere Verbindung zu der Kleinen, so schien es. Und nachdem alles bereitet war, der Inkubator abgeschaltet, nur ein kleines Mädchen in einem sauberen großen Tuch, haben Sabine und ich innegehalten, die vier Hände ein letztes Mal ganz nahe am Kind, ein kurzer wichtiger Moment. Für den Abschied unserer Station, mit einem Blick über den Glaskasten, in unsere Augen, etwas verschwommen vielleicht, ein wissendes Nicken. Der Trauer zum Trotze zuversichtlich.

Dieser Text erschien in der 2. Version der Anthologie „1000 Tode Schreiben“ des Frohmann Verlages

Wenn Säuglinge nichts hören

„Ja, nein, diese Ohruntersuchung möchte ich nicht.“ Die Mama schüttelt bestimmt mit dem Kopf.

Ich mache mal wieder meine Vorsorgechecks in der Frauenklinik des Nachbarortes, konsiliarisch, nennt sich U2 – die erste Vorsorge nach der Entbindung, noch in der Klinik. Gerade war Tayo dran, ein schmächtiger Junge mit wahnsinnig vielen Haaren auf dem Kopf, darüber hatte ich grade mit der dabeistehenden Mama ein paar Witze gerissen. („Schade, dass die alle noch ausfallen“ – „Herr Doktor machen Sie mir keine Angst.“ – „Nein, nein, das merken Sie gar nicht, da wachsen gleich wieder welche nach. Aber das ist kein Garant für volles Haar bis ins Seniorenalter.“ usw.)

Die Kinderkrankenschwester hatte mir schon vorher zugeraunt, die Mutter lehne die TEOAE ab, ein Hörscreening in den ersten Lebenstagen, dass sehr segensreich angeborene Hörstörungen erkennt. Frühes Erkennen bedeutet frühe Therapie. Früher eine Serviceleistung der Krankenhäuser (oft mit Sponsoring proudly by the Lions Club), inzwischen Kassenleistung und gesetzlich vorgeschriebenes Screeningverfahren wie das Stoffwechselscreening und der Hüftschall mit einem Monat. Außer, die Eltern lehnen das ab.

„Man weiß ja nichts von den Langzeitnebenwirkungen“, setzt die Mutter fort.
„Doch, … es gibt keine“, sage ich etwas flapsig.
Sie schaut mich an mit einem Blick, der besagt, was soll ich als Mediziner auch schon anderes sagen? „Könnte ja selbst zu Hörstörungen führen.“
„Sagt wer?“, frage ich.
„Die Elke… also, meine Hebamme in der Schwangerschaftsvorsorge.“
Jetzt ist es an mir, die Augenbrauen hochzuziehen.
„Naja, ich fürchte, da ist die Hebamme nicht gut informiert.“
Der Buzzer dröhnt in meinem Kopf. Fehler meinerseits, ganz klar. Kritisiere nie eine Duz-Freundin.

„Ach, naja“, wieder der mitleidige Blick für den Arzt, „nur weil es keine Studien gibt … Immerhin wird da ein Schall aufs Ohr gegeben.“
„Ja, aber ein sehr geringer. Da kommt im Moment, wenn wir reden, mehr und lauterer Schall an das Ohr Ihres Babys.“
Sie senkt die Stimme: „Aber dann muß ich es ja nicht noch provozieren.“
„Was provozieren?“, frage ich.
„Die Schwerhörigkeit.“
„Ich denke, von einem Schall unter 35 Dezibel wird man nicht taub.“
Sie wiegt den Kopf hin und her: „Das kann man nicht wissen.“

„Ein frühes Erkennen kann aber sehr gut für Ihr Kind sein, man kann dann früh behandeln und eventuell früh Hörgeräte anpassen“, sage ich etwas lahm.
„Naja, wissen Sie, eine Mutter merkt das auch so, ob ein Kind nicht wirklich hört, früher ging es ja auch ohne.“
„Stimmt, da haben Sie Recht, früher wurden die Kinder aber oft erst im zweiten Lebensjahr auffällig, wenn die Sprache sich nicht richtig entwickelte.“
„Reicht doch.“
Reicht nicht.

Schließlich ihr letzter Versuch einer Argumentation: „Außerdem…, wie oft kommt denn sowas schon vor? Da verdient sich doch bestimmt wieder jemand eine goldene Nase beim Quasi-Erkennen einer seltenen Krankheit.“
„Wow“, sage ich, „gegen das Argument habe ich natürlich kaum etwas vorzubringen. Immerhin sorgen diese Menschen dafür, dass pro Jahr in diesem Krankenhaus drei oder vier Kinder herausgefischt werden, die man dann frühzeitig versorgen kann.“ Wir haben hier ungefähr neunhundert bis tausend Entbindungen.
„Herausgefischt …, wie Sie das schon sagen“, sie rümpft die Nase, „als ob das Trophäen wären.“

Da hat es mir die Sprache verschlagen (kommt selten vor), auch zum empfohlenen Stoffwechselscreening mußte sie später dezent von der Krankenschwester und dem Gynäkologen „überredet“ werden. Da könne es zu einem frühen Trauma des Kindes kommen, sagte sie.

Die Vorsorgeuntersuchungen – U2

In der Regel sind die Kinder noch in der Klinik, oder kurz vor dem Nachhausegehen. Papa hat noch schnell das Kinderzimmer fertiggestrichen und den letzten IKEA-Drehschlüssel zum Einsatz gebracht, jetzt fährt er in die Klinik, um Frau und Kind abzuholen. Manche Säuglinge verbringen die Zeit der U2 bereits zu Hause, durften sie doch hausgeboren oder ambulant entbunden werden – sie werden die U2 bei Kinderarzt in der Praxis holen. Die anderen in der Klinik.

Die U2 ist der erste echte Kontakt mit den Fachärzten für Kinderheilkunde und Jugendmedizin. Sie sollte idealerweise durch uns erfolgen, in den meisten Entbindungskliniken ist das auch so geregelt – sei es durch ein Konsil durch einen niedergelassenen Kollegen, sei es durch die angrenzende Kinderklinik. Aber: wie alle Vorsorgeuntersuchungen, darf auch die U2 theoretisch von jedem Arzt durchgeführt werden, auch vom Urologen der Nachbarstation.

Wir checken nochmals die Normalitäten des Babys: Zwei Augen, zwei Ohren, so werden sie geboren, zehn Finger, zehn Zehen, so lernen sie gehen. So banal das erscheinen mag: Bei der U2 werden manches Mal Dinge erkannt, die vorher keinem aufgefallen sind. Dies gilt nichtzuletzt für Spaltbildungen des Gaumens, Herzgeräuschen oder diskrete Hinweise auf Syndromen, allen voran der Trisomie 21, dem Down-Syndrom. Aber in der Regel haben wir es mit gesunden fitten Säuglingen zu tun. Ich unterhalte mich über die Rückenlage zur Prävention des Plötzlichen Kindstodes, über die „tummy-time“, der Bauchlage zum Trainieren der Bauchlage im wachen Zustand, der Rauchkarenz der Eltern, der richtigen Verwendung von Trage- und Schiebesystemen und dem Umgang mit der *bösen* Außenwelt („gehen Sie spazieren spazieren spazieren“), dass der Nabel seine Zeit braucht, die Hebamme zur Beratung hinzugezogen werden darf und soll, über Hautpflege und Handling (= wie´s Baby hochgenommen wird), und nicht zuletzt übers Stillen – nach Bedarf, mit Zeit und Muße, mindestens sechs Monate.

Säuglinge haben in diesem Alter normalerweise noch ein Gewichtsdefizit, sie nehmen vom Geburtsgewicht bis zu 10 % ab, das ist der noch nicht optimalen Trinkmenge geschuldet und dem fehlenden Milcheinschuss bei der Mama. Bis zum zehnten Tag hat sich das eingeregelt.
Der Nabel bekommt ebenso lange Zeit, bei der U2 ist die lästige Nabelklemme entfernt, das Stück Resthaut darf vor sich hin trocken, bis es abfällt. Da wir präventiv arbeiten, gibt es zum Schluss den Hinweis auf die nächste Vorsorge, der U3 in einem Monat, die wird dann erstmals in der Kinder- und Jugendarztpraxis stattfinden.

Wer noch „miekert“, d.h. nicht richtig trinkt oder viel schläft, oder „einfach nicht gut aussieht“ (OT Kinderkrankenschwester), darf noch ein oder zwei Tage länger bleiben, wenn die Kindsmutter nach Kaiserschnitt entbunden hat, deckt sich das mit deren Aufenthalt. Ansonsten geht es nach Hause, nach Hause, nach Hause! Papa hat hoffentlich das Kinderzimmer gelüftet, und Oma, Opa, Tanten, Onkel und Nachbarn stehen zu Hause schon Sparlier, um den neuen Bürger zu begrüssen. Willkommen, Jayden-Maikel! Hallo daheim, Jessica-Madlyn! Wir freuen uns! 😉

Where the heart is

In der Klinik werden sie oft die „Herzle“ genannt, je nach Landstrich auch „Herzsche“ oder „Herzilein“, eher ein blöder überlieferter Begriff alter Kinderkrankenschwestern, die gerne auch „Mongis“, „Spibis“ oder „Wölfchen“ gesagt haben. Herzchen hält sich aber am längsten, ist nicht ganz so diskriminierend wie die Bezeichnungen für unsere Trisomien oder die Kinder mit Spaltbildungen. Und eigentlich soll es auch nur ausdrücken, wie sehr uns die Kinder mit Herzerkrankungen am Herzen liegen.

Das Herz ist der Sitz der Seele. Jeder, der was anderes behauptet, hat keine Ahnung oder ist zu metaphysisch veranlagt. Es gibt für Eltern und für uns Ärzte kaum Krankheitsbilder, die mehr „ans Herz“ gehen, als wenn Kinder genau daran erkrankt sind. Dies erschrickt uns am meisten, uns Ärzte, weil das Herz der Motor von allem ist, die Eltern, weil es das Organ ist, das man am besten im Laienstand kennt: Es schlägt.
Bei den Vorsorgeuntersuchungen darfst Du alles außer Acht lassen, nur nicht die Auskultation des Herzens. Das Stethoskop ist das Zeichen des Mediziners als Zugang zur Gesundheit. Wenn das Abhören „alles ok“ erbringt, bedeutet das vielen Eltern das Wichtigste in der ganzen Untersuchung.
Hörst Du als Kinderarzt aber ein Geräusch am Herz, wohlwissend, dass das ganz viel oder auch rein gar nichts bedeuten kann, bricht für viele Eltern die heile Welt zusammen. Und Du musst im ersten Moment ein simples Foramen ovale genauso ernst erklären wie eine Fallotsche Tetralogie oder ein Single-Ventricle-Syndrome.

Meist kommen sie mit Herzproblemen auf die Welt. Die erworbenen Herzerkrankungen sind dank guter Impfprogramme und Antibiotika-Regime sehr selten. Herzgeräusche, die später gehört werden, jenseits der Neugeborenenperiode, sind meist eher harmlos, kleine Löchlein, die kurz vor dem Verschluss nochmal ordentlich Krach machen, oder harmlose Sehnenfäden, die durch das Wachstum des gesamten Körpers plötzlich Laut geben. Was man aber gleich am Anfang hört – das lässt alle sorgen. Das Geburtsglück ist verpufft, die Farbe des Kinderzimmers spielt plötzlich keine Rolle mehr, und ob Papa es nicht geschafft hat, die Wickelkommode aus Schweden lotgerecht aufzustellen oder nicht – wen juckts?

Du Kindercheck-Beauftragter hast bei der U2 ein Geräusch gehört. Die Eltern sind schon verwundert, dass Du die Membran des Hörrohrs mehrmals gedreht hast, mehrere Punkte am Brustkorb abgehört hast, auch den Rücken, dazu noch versuchst, die Pulse zu tasten, vielleicht sogar einen Blutdruck einforderst bei den Krankenschwestern (bitte Arme und Beine!).
Dann wendest Du Dich an die Eltern und erklärst. Sie hören Dich kaum, hören nur „Herz“ und haben … Angst. Denn die Tochter des Bruders des Nachbarn… und hatte nicht auch Deine Cousine…? Wir versuchen dann, immer schnell eine Diagnose herbeizuführen, versuchen, möglichst schnell den Kinderkardiologen der Kinderklinik zu informieren. Ok, das ist eine Fahrt von vierzig Kilometer, aber Hey, dann wissen Sie Bescheid, ok? Die Eltern nicken.

Gehst ans Telefon, schließt die Tür hinter Dir, siehst die beiden hinter dem Glasfenster stehen, wie er sich mehr an sie klammert, als sie an ihn, und vor ihnen… liegt der kleine Martin auf dem Wickeltisch, nach der Untersuchung schon wieder verpackt und rosig und grinsend. Und … eigentlich sieht man ihm doch gar nichts an, oder, Herr Dokter?

Der Kardiologe zeigt sich dankenswerterweise kooperativ und Du schickst die Eltern, die eigentlich heute nachmittag stolz mit dem Neugeborenen zur Omma fahren wollten – Kaffeetrinken und Frankfurter Kranz, zur Feier des Tages – weiter in die Kreisstadt, da müssen Sie sicher nicht lange warten, der Kollege weiß ja Bescheid, dass Sie kommen. Alles klar, Herr Dokter. Und Du verabschiedest sie in der gleichen Ungewissheit, in der sie sind, denn auch nach Jahren gelingt es Dir nicht, die harmlosen Geräusche von den problematischen zu unterscheiden. Das sieht nur das Echo.
Paar Tage später fragst Du nach, und der Kardiologe war so freundlich, den Krankenschwester auf der Entbindungsstation mitzuteilen: Alles ist ok. Nur ein einfacher Ventrikelseptumdefekt, der sich sicher in den ersten Jahren schließen wird. Erleichterung.

Aber das ist nicht immer so. Manchmal ist mehr, manchmal geht es schnell. Zumindest bei Layla war es anders. Aber davon ein anderes Mal.

1. Platz in Kategorie Baby und Kinder bei den Hitmeister Superblogs 2012
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