Zweitmeinungen und Kollegialität

Ich möchte mich hier ausdrücklich bei allen Kolleginnen und Kollegen entschuldigen, denen ich in meiner Laufbahn bisher Inkompetenz angedichtet habe, sei es dem Unfallchirurgen, der beim Platzwundenähen vergessen hat, den Tetanusschutz des Patienten aufzufrischen, sei es dem Assistenten in der Kinderklinik, der das Extremfrühgeborene am Freitag abend nach Hause entlässt, sei es dem niedergelassenen Hausarzt, der dem Dreijährigen Cef.uro.xim-Tabletten verordnete. Nur so als Beispiele.

Es gibt immer Gründe dafür, wie man handelt. Sei es Stress am Arbeitsplatz, Stress durch den Vorgesetzten, Stress durch den Patienten oder Stress durch (in unserem Fall sehr oft) Angehörige. Jeder kann seine Kompetenzen überschreiten, ein gutes Fehlermanagement gehört zum Arztberuf dazu wie Rezepteschreiben. Nur lernen muß man aus ihnen.

Ich schicke genug Patienten auf die Reise, am Wochenende, im Notdienst, in Vertretung, deren weiteren Krankheitsverlauf ich nicht mehr im Auge haben kann, da sie in der Regel woanders betreut werden. Fehler mache ich genauso. Wie schön, wenn dann eine freundliche und kompetent sachliche Rückmeldung käme, was nicht so optimal lief.

Deshalb schicke ich auch Patienten, die beim Facharzt versorgt werden (bei uns vor allem Pulmologen, Hautärzte, Chirurgen) zurück, wenn die verordnete Therapie nicht richtig fruchtet („der hat mir dies und das aufgeschrieben, aber. Das. Bringt. Ja. Gar. Nichts.). Wie soll der Kollege korrigierend eingreifen, wenn er den Erfolg (oder Misserfolg) seiner Bemühungen nicht wiedersehen darf? Ein zweite Meinung mag für den Patienten zwar eine zweite Chance sein, für den Erstbehandler ist sie es nicht. Im besten Fall bekommst Du eine ähnliche Diagnose, eine andere Therapie bekommst Du immer, denn die „Zweite Meinung“ hat den Vorteil des Nachbehandelns.

Ich werde mitunter auch um eine Zweitmeinung gebeten. Das begeistert mich nicht, weil ich zwar das Recht des Patienten dazu sehe, mich aber stets als Kontrollinstanz überhöht fühle. Ich greife nur selten in das vorgeschlagene Regime des Kollegen ein, sondern plädiere, wenn ich die Sachlage anders einschätze, das Gespräch mit dem Vorbehandler zu suchen.

Je weiter die Diagnostik- und Therapiekette dann gediehen ist, und es gibt Patienten, die Arzt nach Arzt und Heilpraktiker nach Heilpraktiker „durcharbeiten“, desto höher die Wahrscheinlichkeit, das allumfassende Heilmittel zu finden. Auf nichts anderem bauen ja viele Alternativverfahren auf. Die Zeit heilt vieles. Und der Homöopath darf ausprobieren, das ist Teil des Konzeptes. Aber ich schweife ab.

Fehler sind ok, Fehler sollten nicht wiederholt werden. Aus Fehlern kann jeder lernen. Also gestehen wir sie jedem zu. Was aber gar nicht geht: Über den Kollegen oder die Kollegin schlecht reden. „Das hätte Doktor Soundso aber anders behandeln müssen“ oder „sehen müssen“, „Was, das hat sie nicht erkannt?“ oder „Ich schreibe Ihnen mal was auf, was wirklich hilft.“ Ein absolutes NoGo. Wir sollten als Ärzte soviel Ehrgefühl und Kollegialität unserem Stand entgegenbringen, dass wir rhetorisch nicht entgleisen, sondern besonnen und nüchtern formulieren. Die Patienten werden es uns und dem Ärztestand danken.

Entschuldigung Kolleginnen und Kollegen für die bösen Gedanken, die ich Euch manchmal hinterher sende. Die Patienten haben davon nichts gehört.

Euer kinderdok

(c) bei flickr/sergio santos (unter CC Lizenz), Credit: http://nursingschoolsnearme.com

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PsychCast mit Alexander und Jan


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Die beiden Kollegen vom PsychCast, dem einzig wahren Podcast zur Psychiatrie und Psychosomatik in Deutschland, hatten mich zu ihrer Jubiläumsausgabe No. 50 für ein Interview eingeladen.

Das läuft ja sehr professionell ab: Mit Übungssession eine Woche vorher, mit Abgleich des technischen Equipments, auf ihrer Seite viel High Tech, sicherer Bandbreite, 1A-Mikrofonen, bei mir ein ordentlicher Laptop mit einfachem Mikrofon (immerhin mit Popschutz). Alles wird sicher gut. Dann am Aufnahmetag kriselt es nach wenigen Minuten – die Internetbandbreite auf meiner Seite geht in die Knie… Was soll's, das gute alte Festnetztelefon tut es auch. 😀

Hier nun also der Podcast mit Alexander Kugelstadt und Jan Dreher – wir sprachen über ADHS, der unübersehbaren Schnittstelle der Psychos und des Kinder- und Jugendarzt, Geschwisterrivalität, passenden und unpassenden Schulformen, aufgeregte Eltern und "Wie sage ich es dem Kind". Die Stunde war einszweidrei vorbei, ich glaube, wir hätten noch lange weiterplaudern können.

Viel Spaß beim Zuhören, schaut mal bei den PsychCastern vorbei, Kommentare wie immer gewünscht.

Einmal tief durchatmen

Ich wollte noch von dem Vertretungskind erzählen, dass still japsend (Giemen und Brummen, die Insider wissen) auf meinem Untersuchungstisch lag, neunmonatig, ein wenig subfebril seit ein paar Tagen, trinke gut, esse Breichen und erbreche nicht. Die Nächte seien erträglich, aber der Husten, Herr Doktor, der Husten, hört und hört nicht auf.

Wenn ich die Kinder nicht kenne, kenne ich auch die Therapie nicht, jede/r Kollege/in hat da ein anderes Regime. Das Bobele hier kommt von jot-we-de, die Vertretung der Vertretung der Vertretung, also nun die Frage: „Was kriegt er denn an Medikamenten?“

„Da haben wir das.“ Die Mutter präsentiert mir ein Röhrchen Bryonia C5. Ich muss erst einmal mit Lesebrille lesen, so klein war das geschrieben.

„Ok, noch etwas?“ – „Ja, da ist dann noch dies.“ Noch ein Röhrchen, hier die Beschriftung „Bei zusätzlichem Erbrechen.“ Sanguinaria canadensis – diesmal in C200. „Die sollen wir aber nur geben, wenn´s gaanz schlimm ist. Und nur ein Kügelchen.“

Ich staune. „Haben Sie das denn gegeben?“, frage ich. Nein, haben sie nicht, so schlimm war es dann nicht. Aber besser wurde es genauso wenig, deshalb sind sie dann hier zu mir. „Haben Sie das direkt vom Kollegen bekommen?“ – „Ja, die hat er aus seinem Schrank mitgegeben. Aber von der Apotheke haben wir noch das hier gekriegt.“ Die Mutter reicht mir noch eine Schachtel …na klar, ohja, das beliebte viel umworbene Komplexpräparat der Firma He.el.

„Und das ist, was Sie Ihrem Sohn jetzt geben sollen?“, frage ich. Ist denn nichts wirklich Wirksames dabei?
„Achso,“ sagt die Mutter. „Doch, das hier noch.“ Sie holt aus dem Medikamentenbeutel ein Dosieraerosol hervor nebst einer Inhalationshilfe. „Das benutzen wir auch noch ein paar mal täglich, wenn´s gar nicht wird.“
„Da bin ich aber froh,“ rutscht es mir heraus.

Der kleine Held konnte schließlich besser durchatmen, nachdem wir ihn in der Praxis mit Salbutamol inhalieren liessen. Wir besprachen, die Inhalationen zu intensivieren, sich wieder zu melden, wenn Fieber auftritt und ihn in ein paar Tagen nochmals abzuhören.
„Dann sind Sie wohl nicht so begeistert von den Globuli, was?“, fragt mich die Mutter beim Verabschieden. Ob das so offensichtlich war? „Und was halten Sie davon? Das hat uns unser Hausarzt noch zu alledem dazu gegeben. Das löse den Schleim am besten, sagt er.“ Sie greift noch einmal in den Beutel und zieht eine Schachtel Ambro.x.ol hervor.

Himmel hilf. Das gute alte überflüssige Ambro.x.ol dürfte bei einem Kind mit Bronchitis eher zu einer Verschlimmerung des Befundes führen, schließlich kämpft der Organismus da schon genug mit Schleim in den engen Luftwegen. Ganz abgesehen davon finde ich jedoch das Riesenarsenal an Mittelchen höchst problematisch. Geht es nicht auch einfacher? Dass ich von der Nichtwirksamkeit von Glaubuli überzeugt bin, dürfte inzwischen bekannt sein, geschenkt.

Kollegenbashing ist verpönt. Das tut man nicht, ich auch nicht (außer hier). Ich habe daher auch lediglich bemerkt, dass ich das inhalieren für die sinnvollste Variante all dieser Medikamentenoptionen halte.

Fragen an Kinderärzte aus dieser Welt III

Zum Dritten – Kollegin Cornelia Strecker hat auf meinen Aufruf reagiert und die zwanzig Fragen an „die echten Kinderärzte dieser Welt“ beantwortet. Vielen Dank dafür.cropped-logo_klein-jpg

Frau Strecker arbeitet mit ihrer Kollegin in einer Gemeinschaftspraxis im thüringschen Apolda – ein Foto habe ich von ihr leider nicht gefunden 😉

 

20 Fragen an die Kinderärztin:

1) Warum Kinderarzt und nicht Urologe?

Das war nie die Frage. Schon alleine, weil man da operieren muss.

2) Ihr Prüfungsthema in der Facharztprüfung?

Kindesmisshandlung, Morbus Crohn, Fieberkrampf, OTC-Mangel beim Neugeborenen (bzw. eher die gesamten Differentialdiagnosen bei einem Kind, das am 2. LT „verfällt“), Neugeborenenkrämpfe, Obstipation

3) Was, wenn nicht Kinderarzt?

Keine Ahnung. Fürs Studium habe ich zwischen Medizin und Biologie geschwankt. Aber auch eine Hebammenausbildung (allerdings ohne allzu viel darüber zu wissen, wie ich später merkte) war in den Überlegungen. Im Studium kam Innere und Neurologie noch in Betracht. Aber nach der ersten Famulatur auf der Neuropädiatrie war die Wahl gefallen. Ich kann mir nichts vorstellen, bei dem ich so zufrieden wäre.

4) Wie lange werden Sie diese Woche in der Praxis arbeiten?

Mit Nachbereitung ca. 35 h.

5) Einzelkämpfer oder Teamplayer?

Teamplayer!

6) Gibt es etwas, was Sie an der heutigen Medizin ärgert?

Vieles an Bürokratie.

7) Was möchten Sie jungen Eltern auf den Weg geben?

Mehr auf das eigene Gefühl und das Kind vertrauen, nicht dauernd zu vergleichen und dabei die schöne Zeit zu verpassen. Sie sollten nicht Zahlen hinterherjagen, sondern das Kind im Blick haben, z.B. „wir behandeln kein Thermometer, sondern ein Kind“.

8) Gibt es ein Buch oder eine Website, das/die Sie Eltern ans Herz legen?

Mein Kind will nicht essen von Gonzales, Schlafen statt Schreien von Pantley

9) Beruf ist Berufung oder Pflicht?

Berufung

10) Welches Kind werden Sie aus Ihrer Arbeit niemals vergessen?

Am meisten in Erinnerung geblieben sind mir die Kinder von der Psychosomatik (mit inhaltlich nahtlosem Übergang zur KJP, aber zugehörig zur Pädiatrie). Die Hintergrundgeschichten der Familien, die Arbeit mit den Eltern und das Leid der Kinder mit diesen hat mich oft sehr betroffen gemacht. Vermutlich könnte ich diese Arbeit auch nicht auf Dauer schaffen. Da habe ich viele Kinder abends in Gedanken mit nach Hause genommen und morgens wieder mit zur Arbeit gebracht. Insbesondere ein 12jähriges Mädchen ist mir in Erinnerung, die ich erstmalig im Dienst mit 1,8 Promille von der Polizei gebracht bekam und später in der Psychosomatik erleben durfte. Sie wirkte bereits jugendlich vom Äußeren, verhielt sich oft sehr schwierig, aber wünschte sich täglich und durchgehend über die ganzen Monate des Aufenthaltes eine Pflegefamilie mit einer Pflegemutter. Sie wollte in keine Mädchen-WG, in kein Jugendwohnen oder Heim, sie wollte unbedingt eine Mutter. Die eigene Mutter war zwar körperlich anwesend, aber nicht emotional und aus diesem Mädchen schrie alles nach einer Mama.

11) Die ewige Frage: Behandeln Sie die Kinder in der Praxis genauso wie Ihre eigenen Kinder?

Ich versuche es, aber habe damit nicht immer Erfolg. Meine beiden Kinder halten viel „wait and see“ aus, die Eltern meiner Patienten (noch?) nicht so viel.

12) Kaffee oder Tee?

Hauptsächlich Tee, aber immer gerne zwischendurch auch mal Espresso.

13) Fahrrad, Laufen oder Auto?

Am liebsten Fahrrad, aber leider auch viel Auto wegen des Arbeitsweges, Laufen auch gerne.

14) Rock´n´Roll oder Klassik? Beatles oder Stones?

Hauptsächlich elektronische Musik.

15) Computer oder Karteikarte?

PC ausschließlich

16) Globuli oder Abwarten?

Abwarten, aber manchmal helfen die Globuli beim Abwarten.

17) Impfen oder Abhärten?

Impfen

18) Ihre aktuelle Verfassung?

Gut, wenn nur die langweilige Fortbildung am Wochenende nicht wäre. (Stichwort 04356)

19) Ihr Motto für den Praxisalltag?

Hm, fällt mir keins ein.

20) Wichtige unbeantwortete Frage?

Auch da fällt mir nichts ein.


ok, über die Globuli müssen wir noch reden … Danke für die Antworten!

Kinderarztpraxen aus aller Welt – No. 3

Oh, das gab’s schon lange nicht mehr, aber nun bekam ich diesen wunderbaren Spruch zugesendet mit den entsprechenden Fotos, beides möchte ich hier nicht vorenthalten.


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Zu finden ist das Ganze in der Praxis der Kinderarztkollegin Dr. Pfister in Tübingen. Toll.

(c) CC-BY Karl Urban

Fragen an Kinderärzte aus dieser Welt II

chef-ganz-neuHier kommt No.2 der Fragen an die Kinderärzte aus dieser Welt.

Wir machen weiter mit dem Kollegen Dr. Matthias Krueger aus Klingenberg, der auf seiner Homepage preisgibt, dass er neben dem Kinderarztsein ein Faible hat fürs Singen und die Schauspielerei. Klingenberg liegt unweit des hessischen Odenwaldes, aber eindeutig noch in Bayern. Direkt am Main.

Außerdem hat er eine wunderschöne Praxis in einem wunderschönen Haus.p1030877-jpg

20 Fragen an den Kinderarzt

kinderdok: Warum Kinderarzt und nicht Urologe?
Matthias Krueger: Seit Kindheit wußte ich, dass ich was mit Kinder machen würde; erst dachte ich Psychologie, dann brachte mich mein Tutor in der Schule auf Medizin (weil ich sehr naturwissenschaftlich angehaucht bin – ich habe es nie bereut.

Ihr Prüfungsthema in der Facharztprüfung?
Röteln-Embroypathie und etliche weitere Sachen (an die ich mich aber nicht mehr erinnere (bei ersterem habe ich mich gründlich blamiert, weshalb es mir noch so bewusst ist); ach ja, und ein Thema war ein Granuloma anulare: wenn ich nicht als Praxisassistent in einer pädiatrischen Praxis gewesen wäre, hätte ich damit nichts
anfangen können….

Was, wenn nicht Kinderarzt?
????

Wie lange werden Sie diese Woche in der Praxis arbeiten?
Da ich Himmelfahrt 24 h Dienst habe -> sehr lang

Einzelkämpfer oder Teamplayer?
Einzelunterhalter

Gibt es etwas, was Sie an der heutigen Medizin ärgert?
Mehr Zeit für Verwaltungskram als für die Kinder….

Was möchten Sie jungen Eltern auf den Weg geben?
Sie sollten sich auf ihre Intuition verlassen und nicht zu sehr durch Internet, Großeltern, Zeitschriften oder sonstige Einflüsterer verunsichern lassen.

Gibt es ein Buch oder eine Website, das/die Sie Eltern ans Herz legen?
Largos „Babyjahre“ und „Kinderjahre“

Beruf ist Berufung oder Pflicht?
Ersteres

Welches Kind werden Sie aus Ihrer Arbeit niemals vergessen?
Meine (z.T. mittlerweile verstorbenen) Palliativpatienten

Die ewige Frage: Behandeln Sie die Kinder in der Praxis genauso wie Ihre eigenen Kinder?
Jo. (ich hatte noch kein eigenes, als ich mich niederließ; meine Richtschnur war aber immer: wie würde ich beim eigenen vorgehen? Daran habe ich nichts geändert, auch als die eigenen kamen)

Kaffee oder Tee?
Kaffee, Espresso, Cappuccino

Fahrrad, Laufen oder Auto?
Auto, gern auch Fahrrad (bin aber mit angehenden 60 Jahren mittlerweile etwas faul geworden)

Rock´n´Roll oder Klassik? Beatles oder Stones?
Jazz, anspruchsvolle Popmusik, Klassik, Sinti-Swing

Computer oder Karteikarte?
PC

Globuli oder Abwarten?
Abwarten

Impfen oder Abhärten?
Impfen

Ihre aktuelle Verfassung?
Müde (ich schlafe in der letzten Zeit nicht sehr gut durch)

Ihr Motto für den Praxisalltag?
Habe ich eines? Nee, eher nicht.

Wichtige unbeantwortete Frage?
Wüßte ich keine


Danke, Herr Krueger. Auf ein Wiederlesen in Pädinform.

Fragen an Kinderärzte aus dieser Welt

Eine neue Rubrik: Ich habe ein paar Fragen an kinderärztliche Kolleginnen und Kollegen in Deutschland gestellt, viele waren so freundlich zu antworten, hier in loser Reihenfolge die Antworten. Nach den Kinderärzten aus einer anderen Welt, jetzt also Kinderärzte aus dieser Welt.
—–
steffen_neuDen Anfang macht Herr Dr. Steffen Lüder aus der Hauptstadt. Kollege Lüder praktiziert in eigener Praxis in Berlin-Hohenschönhausen seit über sechs Jahren, unter Kollegen ist er bekannt als „Berliner Schnauze“ und Organisator eines Workshops für Einsteiger in die kinderärztliche Praxis.
Seine Praxis auf Homepage

 

20 Fragen an den Kinderarztdrlueder_logo

kinderdok: Warum Kinderarzt und nicht Urologe?
Steffen Lüder: Weil ich mehr kann……

Ihr Prüfungsthema in der Facharztprüfung?
Tuberkulöse Meningitis, linksseitige Erdnussaspiration, TGA (= Transposition der großen Arterien), Kopfschmerz-DD

Was, wenn nicht Kinderarzt?
Bin auch Diplombiologie und Läufer bis zu 24 Std.

Wie lange werden Sie diese Woche in der Praxis arbeiten?
Nicht länger als sonst, 26 Std. Öffnungszeit sind wahrschlich genug

Einzelkämpfer oder Teamplayer?
I am the one and only one, the schnellste Nadel Lichtenbergs

Gibt es etwas, was Sie an der heutigen Medizin ärgert?
Die Frage ist unfair, ich will heute noch ins Bett.

Was möchten Sie jungen Eltern auf den Weg geben?
Erst Hirn einschalten, dann in die Kiste.

Gibt es ein Buch oder eine Website, das/die Sie Eltern ans Herz legen?
Kindheit ist keine Krankheit.

Beruf ist Berufung oder Pflicht?
Weder noch, macht Spaß, bringt Kohle und zeitigen Feierabend

Welches Kind werden Sie aus Ihrer Arbeit niemals vergessen?
Marvin, Hämatokrit von 11 % (siehe unten)
Justin, Meningeom
na, da gibt es einige

Die ewige Frage: Behandeln Sie die Kinder in der Praxis genauso wie Ihre eigenen Kinder?
Nein, schlechter! Tims Trommelfell platzte letzten Montag, na und?

Kaffee oder Tee?
Kaffee, Bier, Whisky

Fahrrad, Laufen oder Auto?
Laufen

Computer oder Karteikarte?
Computer, meine Schrift kann keiner Lesen

Globuli oder Abwarten?
Hääääh

Impfen oder Abhärten?
IMPFEN!

Ihre aktuelle Verfassung?
Super, werde in 9 Tagen 50.

Ihr Motto für den Praxisalltag?
Hab keins.

Dr. Lüder hat noch eine Geschichte an den Fragebogen angehängt – betreffend o.g. „Marvin“:

„Marvin – wahre Begebenheit.

Ein Freitag im Februar. Die Praxis ist voll, die Infektsaison tobt.
Wieder über 50 bis zum Mittag. Darunter auch Marvin, 3 1/2 Jahre alt.
Montag war er schon mit einem geplatzen Trommelfell in der Praxis gewesen.
Er war gut drauf, hatte kein Fieber und benötigte keine Antibiose.
Nach 5 Tagen lief das Ohr noch ein wenig. Da Marvin ordentlich blass war, gönnte ich ihm und mir eine Blutuntersuchung. Nicht, dass ich doch eine schwere bakterielle Infektion übersehen hätte.

16 Uhr. Meine Familie hatte ich vom Flughafen abgeholt, ich war schon eine Woche zuvor aus Thailand zurückgekommen. Nun badete ich mit meiner Tochter, als mir meine Frau das Telefon zur Badewanne brachte.
Das Labor war dran und gab die Werte durch.
Hb 1,6 mmol/l (normal 6-9), Hämatokrit 10,4 % !!!, Leuko 4,9 normal, Thr 342 normal, Reti 50 rel. erhöht, Ferritin 1,3 sehr sehr niedrig, CrP normal.
Upps, war das mit dem Leben vereinbar?
Hab ich das Blut irgendwie falsch abgenommen?
Nein. Die anderen Werte waren ja in Ordnung.
Was nun.
Raus aus der Wanne, Töchterchen geschnappt, rein ins Auto, ab in die Praxis. Computer hochfahren, Telefonnummer raussuchen. Anruf. Keiner da.
Mist, also Vorbeifahren. Keiner zuhause. Aber es war schöne Sonne. Also mal auf den zwei Spielplätzen schauen. Kein Marvin. Einmal zu Real – kein Marvin. Zurück zur Wohnung. Ich klingelte beim Nachbarn, stellt mich als Marvins Kinderarzt vor und bat Frau Nachbarin UNBEDINGT Bescheid zu geben, dass Marvin sich im Krankenhaus vorstellen sollte.
Dort rief ich an und kündigte den Jungen an. Entschuldigte mich sogleich, dass er ohne Einweisungsschein käme.
Auf dem Rückweg im Auto klingelte es, die Mutter hatte die Nachricht bekommen.

Marvin kam auf die ITS, erhielt zwei Blutkonserven und viel Diagnostik. Wodurch so eine starke Anämie auftrat, konnte nicht geklärt werden.

Als ich zurückkam, war das Badewasser kalt, aber mir war warm.

St. Lüder“

Kinderärzte aus einer anderen Welt XI

Man kann ja Til-Schweiger-Filme mögen, muß man nicht, jedenfalls sind sie erfolgreich. Vor allem liegt das daran, dass Schweiger eine gute „Buddy-Connection“ unter den Schauspielern genießt. In „Honig im Kopf“ besetzt er kongenial die Hauptfigur mit dem gealterten Didi Hallervorden. Aber auch eine andere wichtige Rolle, die des Kinderarztes Dr. Ehlers, wird von einem tollen deutschen Schauspieler übernommen.prueckner_lanz2013

Tilo Prückner fristet ein Schauspielerdasein in Nebenrollen, selten, dass er mal in der ersten Reihe des Castings steht, obwohl er dort hingehört. Seine zig Einsätze im Fernsehen sprechen für ihn. Tilo Prückner ist nebenbei selbst der Sohn eines Kinderarztes.

In „Honig im Kopf“ hat Dr. Ehlers die Aufgabe, Tilda Rosenbach (Emma Schweiger) die Krankheit ihre Opas, Alzheimer, zu erklären. Die Buch-im-Regal-Metapher ist eine sehr gute Erklärung für das Vergessen der Alzheimer- bzw. Demenzerkrankten. Wieviel Zeit er dem Mädchen dabei gönnt, irritiert manche Kommentatoren bei Youtube, trotzdem spürt der Kinderarzt der Rolle, dass es genau jetzt diese Zeit braucht. Ich mochte den Film von den ganzen Schweiger-Filmen ganz gerne, und genau diese Szene hat mich sehr berührt.

Zum Nachsehen:

Die letzten Folgen dieser Serie:
Dr. Valerie Klein
Tara Knowles
David Norris
Sam Sweeney
Cooper Freedman
Alex Karev
Arizona Robbins
Hannes Fröhlich
Daniel Holbein
Doug Ross

Der Kollege und der Arbeitsschutz

Lieber Kollege der Allgemeinmedizin,
ich führe gerne, wie viele meiner kinderärztlichen Kollegen, die Arbeitsschutzuntersuchungen für die Jugendlichen durch, bevor diese mit ihren Ausbildungen beginnen. Das ist gesetzlich vorgeschrieben und wird fürstlich (ca. zwanzig Euro) entlohnt. Oft sind auch Untersuchungen junger Frauen dabei, die in einer Arztpraxis als Medizinische Fachangestellte lernen möchten.

Berücksichtigen muß ich dabei die Infektionsgefahr im gesundheitlichen Bereich, nehme eventuell Blut ab, um durchgemachte Erkrankungen zu checken (z.B. Zytomegalie oder Parvovirus), die sich Angestellte in Arztpraxen gerne mal „holen“ und überprüfe immer den Impfstatus der angehenden Auszubildenden. Klassisch empfohlene Impfungen (neben der üblichen STIKO-Empfehlung) sind dabei Hepatitis A und B, letztere in der Regel Teil des Impfschemas beim ehemaligen Säugling (jetzt angehender Azubi), erstere nur Empfehlung bei Reisen oder eben bei Kontakt mit Patienten.

Jetzt geht´s also um Melanie, bei der ich die Jugendarbeitsschutzuntersuchung gemacht habe. Ihre Blutwerte ergaben einen guten Schutz gegen alle möglichen Erkrankungen und ihr Impfschutz ist komplett (kein Wunder, ich kenne Melanie seit der Geburt). Was fehlt, ist die Hepatitis-A-Impfung, ein Titer ist auch nicht zufällig vorhanden.

Achja, da fällt mir nochwas ein, aber das wissen Sie bestimmt: Die Hepatitis-A-Impfung Ihrer Mitarbeiter, also auch Ihrer zukünftigen Auszubildenden, ist Sache des Arbeitgebers. Nicht Sache der Jugendlichen, nicht Sache des betreuenden Arztes und schon gar nicht Sache der Krankenkasse. Ihre Auszubildende, Ihre Verantwortung, Ihre Impfung, Ihre Spritze, Ihr Geld! Hepatitis A muß man übrigens zweimal impfen, um einen guten Schutz zu erreichen – das kostet Sie einen guten Hunderter aus der Portokasse, das sollte Ihnen der Schutz Ihrer Auszubildenden wert sein.

Nun zu Ihrem Anliegen: Nein, tut mir leid, ich kann das nicht auf Krankenkassenkarte abrechnen und damit die Gesetzliche Krankenkasse belasten, denn das schließt die KBV grundsätzlich aus. Sie meinen, ich könne ja so tun, als ob Melanie einen Urlaub in Südostasien plane? Naja. Ganz abgesehen davon, dass das gar nicht wahr ist, wäre es eine Reiseimpfung, die dann die Patientin selbst tragen muß. Die Krankenkasse würde das dann ja vielleicht aus Kulanzgründen ersetzen? Mag sein. Trotzdem Betrug.
Hübsch auch Ihr Vorschlag, wir könnten doch einfach Tw.in.rix impfen, also die Kombi aus Hepatitis A und Hepatitis B. Das wird ja in manchen Bundesländern (so auch unserem) von den Krankenkassen bezahlt…
Sie hatten aber schon gesehen, dass Melanie bereits gegen Hepatitis B geimpft ist? Ja? Macht nichts? Viel hilft viel? Naja, nochmal: Ich bin ja ein fleißiger Impfer, aber etwas zu impfen, was bereits geimpft wurde und einen Antikörpertiter von fetten 1000 IE/L produziert hat … Och nö.

Ich fürchte, das müssen Sie wohl selbst berappen.
Das finden Sie jetzt unkollegial? So sehr, dass Sie den Hörer auflegen?
Hallo? Halloo?

Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (siehe Punkt 5.)

„Impfungen nach den Vorschriften des Arbeitsschutzes fallen in die Zuständigkeit des Arbeitgebers.“ (Statement beispielhaft der Barmer GEK)

Lieber Kollege Hauch …

… vielen Dank für dieses Buch.

Es wäre einfach zu schreiben, Sie haben genau das Buch geschrieben, das wir Kinderärzte im stillen Kämmerlein alle einmal schreiben wollten, aber, beim Heiligen „Laurence-Moon-Bardet-Biedl“: Es ist die Wahrheit.

Sie formulieren exakt die Erfahrungen in der Kinderarztpraxis, die Fallbeispiele, die Vorgänge in den Elternhäusern, den Kindergärten, den Grundschulen, bei Therapeuten, den Zeitgeist. Sie beschreiben, wie unsere Kinder und ihre Eltern ab Geburt unter ständigem Leistungsdruck stehen, wie jeder von ihnen stets nur Erfolge und Funktionieren erwarten und wie alle nur nach den Defiziten stieren. Sie beschreiben die Veränderungen in der Arztpraxis der letzten Jahre, weg von den Kinderkrankheiten, hin zu den sozialpädiatrischen Problemen, wir lesen von den Schwierigkeiten, die gerade Jungen haben, von den Tests, den Beobachtungen, die über die Kinder hineinbrechen, über die Meilensteine der Entwicklung, die eigentlich keine sind und über die Unfähigkeit aller Beteiligten, damit umzugehen.

Die Kapitelüberschriften (eine Auswahl) illustrieren den Rundumschlag Ihres Buches: „Von Masern zu Neuen Morbidiäten/Warum es schwerer geworden ist, Eltern zu sein/Das muss Ihr Kind können – muss es wirklich?/ADHS ist Dimensions- und Definitionssache/Warum es so schwer ist, nein zu Therapien zu sagen“ usw. usf. Ein wenig Redundanz muß bei einer Empörungsschrift, wie Sie sie geschrieben haben, sein, denn man kann es nicht oft wiederholen: Therapien schaden. Sie zitieren Largo, Renz-Polster, Juul und Schlack, alles ehrenwerte Brüder im Geiste, die unsere Kinder so sehen, wie sie sind, nämlich – (CAVE: Banalität!) – Kinder und keine Versuchsobjekte von Erzieherinnen, Therapeuten oder, ja Eltern.

Ich rechne Ihnen hoch an, dass die Eltern so gut wegkommen, da greife ich mir an die eigene Nase, so gut gelingt mir das in meinem Buch und Blog nicht, zu sehr musste ich da ventilieren. Die Eltern können auch gar nicht anders – der Instinkt, die Natürlichkeit und Gelassenheit im Umgang mit den Kindern muß in der heutigen Zeit auf der Strecke bleiben. Zuviel „es muß“, „es soll“, „es wird erwartet“ und „wenn nicht jetzt, dann…“ vernebelt ihnen den Blick auf den spontanen Entwicklungsweg jedes einzelnen Kindes.

„Kinder haben ein Recht darauf, nicht ständig ans Morgen zu denken. Kindheit ist nicht die kurze Zeitspanne, in der der Mensch optimiert werden muss um das Rattenrennen um die besten Jobs und die besten Plätze in der Gesellschaft, Kindheit ist keine Krankheit, sondern Lebenszeit. Die wichtigste!“

Ich werde einen Karton mit fünfzig Exemplaren Ihres Buches ordern, um es jedem Kindergarten der Umgebung zu schenken und jedem mit überflüssigen Anfragen nach Therapien als Antwort zu schicken.

Kindheit ist keine Krankheit: Wie wir unsere Kinder mit Tests und Therapien zu Patienten machen von Michael Hauch, Regine Hauch – FISCHER Taschenbuch ISBN-10: 359603230X

„Lasst die Kinder in Ruhe!“, Michael Hauchs Artikel in der FAZ vom Februar letzten Jahres, der zu diesem Buch führte.

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