Flurdiagnostik

„Guck mal, Doktor Kinderdok, ich hab´gaahanz viel Punkte.“
Malte kommt mir strahlend auf dem Flur entgegen. Streckt die Arme nach vorne.
„Ich hab nämlich Hand-Muß-Pfund-Krankheit, mmmhja!“
Er präsentiert stolz die Pickelchen am Mund und den Händen. Dann setzt er sich auf den Praxisflur und zieht die Schuhe aus.
„Guck Guck Guck…!“
Ich gucke. Ja, die Füße sind auch dran.
„Aber Dir geht´s trotzdem gut, oder?“, frage ich ihn.
„Klar, Doktor Kinderdok.“
„Gibt´s was zu ergänzen?“, wende ich mich an die grinsende Mutter im Hintergrund.
„Nein,“ sagt sie, „er hat alles gesagt. Fieber hat er auch nicht, und er ist absolut top-top-fit. Bitte sagen Sie, dass er in den Kindergarten darf.“

Allerdings. Was freue ich mich wieder auf den Aufschrei in der Tageseinrichtung über soviel gesunde Maul- und Klauenseuche.

Zitat Robert-Koch-Institut: „Ob der hohen Zahl asymptomatischer Verläufe (s.o.) sind spezifische Empfehlungen hinsichtlich eines Ausschlusses von erkrankten Kindern aus Kinderbetreuungseinrichtungen oder Schulen prima facie kein angemessenes Mittel, um Ausbrüche zeitnah zu beenden. Ein Verbot für Erkrankte, die Einrichtung zu besuchen, führt zwar zu einer Reduzierung der zirkulierenden Virusmenge vor Ort, damit allein können jedoch Infektionsketten nicht wirksam unterbrochen werden, da die Viren noch für Wochen nach Symptomende ausgeschieden werden können und asymptomatische Virusträger nicht erkannt werden.“

Klare Ansage

Ich treffe die Mutter beim Edeka oder Tengelmann oder Rewe-woauchimmer. Normalerweise habe ich immer Probleme, die Gesichter auch den Namen zuzuordnen, aber da die Familie kurz vor Ostern zur U6 (mit einem Jahr) da war…

Ich: „Hallo, Frau Greipel, na, alles klar bei Ihnen?“
Mutter: „Jaja, alles ok. Gut, dass ich Sie treffe.“
Ich: „Ja?“
Mutter: „Ja. Ich wollte nicht so sang- und klanglos verschwinden. Also, die Sache ist die: Wir haben den Arzt gewechselt.“
Ich: „Oh, das tut mir aber leid. Was war denn nicht ok? Gibt´s einen Grund? Vielleicht…“
Mutter: „Ach, alles nicht so schlimm. Ich wäre ja auch nicht gewechselt.“
Ich: „Aha. Standen nicht auch noch ein paar Impfungen an?“
Mutter: „Ja, die hat der neue Kollege gemacht. Also der Grund für den Wechsel ist, naja, die Maja-Luise, die hat gesagt, sie möchte nicht mehr zu Ihnen kommen… Ich habe dann gefragt, ob wir zu einem anderen Onkel Doktor gehen sollen. Da hat sie ja gesagt.“

Na denn.
Achso… Lasst mal kurz rechnen, ja, Maja-Luise ist sechzehn Monate alt.

Fußballkompetenz in der Praxis

Wir haben in der Praxis den EM-2016-Spielkalender hängen, die Kästchen werden, naja, konsequent verspätet ausgefüllt, außerdem: Wie bei den meisten Plänen dieser Art sind die Ausfüllkästchen sowieso zu klein.

Steht ein zehnjähriger Fan (mitsamt „Mannschaft“-Trikot, Reus) vor unserem Plan und studiert ihn genau.

Fan: „Was´n Ditschl?“
Ich: „Na, Deutschland. Da war zu wenig Platz zum Ausschreiben.“
Fan: „Aha… Und No-Ir?“ Er tut sich wirklich schwer beim Entziffern, auch noch meine Arztklaue.
Ich: „Nord-Irland.“
Der Fan schüttelt missbilligend den Kopf. „Kann man ja gar nichts drauf erkennen. Und die Ergebnisse sind auch nicht alle eingetragen.“
Ich: „Ja, tut mir leid, wir kommen da nicht so dazu.“
Fan: „Und das da? Span und Fra?“
Ich: „Spanien und Frankreich.“
Fan: „Die fliegen sowieso raus. Brauchste auch nicht ausschreiben.“
Ich: „Wer wird denn Europameister?“
Fan: „Bisher dachte ich Italien. Die Alten haben wirklich beeindruckt. Krass. Aber CR7 darf man auch nicht vergessen.“
Ich: „Wirklich. Portugal muß sich aber noch anstrengen.“
Der Fan zieht die Augenbrauen hoch: „Was tippen Sie denn? Sie…“, er mustert mich, klare Taxierung meines Alters und meiner mangelnden Fußballkompetenz, „… Sie glauben doch bestimmt noch an…“, jetzt hält er die Hand über den Mund, wie man das als Profi auf dem Spielfeld eben so macht, damit kein Lippenleser die Geheimnisse erfahren kann:
„Ditschel!“

Dann bricht er in schallendes Gelächter aus.

Frischluft ist gut für die Schule

Photogenic Trees

Der Achtjährige rotzt und hustet, dass es eine Freude ist.

Vater: „Aber wenn der so krank ist, bleiben wir wohl besser zuhause?“
Ich: „In die Schule? Ja, da sollte er jetzt mal nicht hingehen. Aber an die frische Luft? Jederzeit!“
Vater: „Auch, wenn es so schweinekalt ist, wie grade?“
Tom-Eric: „Papa, warum sind so Schweine kalt?“
Vater: „… jetzt nicht, Tom-Eric.“
Ich: „Ja klar, immer rausgehen – Sauerstoff ist gut für die Genesung.“
Tom-Eric: „Papa, muß ich wirklich rausgehen?“
Vater: „Ja, hat doch der Onkel Doktor gesagt.“
Tom-Eric: „Wegen der Schule?“
Vater: „Nee, zur Schule nicht, einfach so, spazierengehen.“
Tom-Eric: „Ja, aber wegen der Schuu.hu.lee?“
Vater: „Hä? Ich verstehe Dich nicht.“
Tom-Eric: „Damit ich schlauer werde?“
Vater: „Wie?“
Tom-Eric: „Na, wegen dem schlauer Stoff…“

(c) Foto bei Flickr/Christian Reimer

Hoppeldihopp

Ich: „Und, was hat Ihr Sohn?“
Mutter: „Rückenschmerzen.“
Ich zu ihm: „Seit wann hast Du Rückenschmerzen?“
Marvyn: „Seit heute.“
Ich: „Zeig mal, wo.“
Marvyn: „Hier, ganzer Rücken.“
Ich: „Und, was hast Du gestern gemacht? Trampolin, Fussball?“
Marvyn: „Wir waren im Hoppeldihopp*, Trampolin springen.“
Ich: „Echt? Wie lange?“
Mutter: „Der ist gar nicht mehr runter. Zwei Stunden?“

Kurze Untersuchung. Alles ok.

Ich: „Alles klar. Kommt sicher vom Hoppeldihopp. Muskelkater. Überlastung.“
Mutter: „Hab ich doch gleich gesagt.“ Zu Marvyn: „Hab ich das nicht gleich gesagt?“
Marvyn: „Ja.“
Mutter: „Hab ich gleich gesagt.“
Ich: „Ist ja auch naheliegend.“
Mutter: „Ich wäre auch gar nicht gekommen. Aber der hat solange rumkommandiert, bis wir den Termin bei Ihnen gemacht haben.“
Ich: „Aha. Sie wären nicht gekommen? Interessant. Warum dann?“
Mutter: „So isser eben. Bis er das kriegt, was er will. Hat das ganze Haus zusammengebrüllt, dasser zum Doktor kommt.“

So ein Siebenjähriger kann ganz schön hartnäckig sein. Mache ich mir jetzt Gedanken über die Beziehung zwischen Mutter und Sohn, Interaktionen, Familienaufstellung, Sinn und Unsinn einer derartigen Vorstellung? Wieso setzt sich Mama zuhause nicht durch? Wie kann sie sich so instrumentalisieren lassen? Schnell zum Arzt, der wird schon was entsprechendes sagen? Konfliktvermeidung?
… oder lehne ich mich zurück, schmunzele und plane den nächsten Blogeintrag für heute abend?

*lokaler Indoor-Spielplatz

Kleines Praxis-Lexikon

Synonyme für den Arzt:
„Der Mann“
„Der Onkel Doktor“
„Der da“
„Du da“
„Der Piekser“
„Der Gemeine“ („… da kommt wieder der Gemeine/Piekser“ etc.)
„Papa“ (Kindermund)
„Cheffe“ (Elternmund)
„Onkel Doktor Roland*“

Synonyme für die fMFA:
„Die Sprechstundenhilfen“
„Die Damen“
„Ihre Helferinnen“
„Die Schwester“
„Die Girls“
„Die Mädchen“
„Die da vorne“
„Ihre Frau“ (äh, nein…?)
„Ihre Frauen“ (schon gar nicht…)

* Vorname wurde verändert

Magendarm

Ich: „Ihr Sohn hat eine ordentliche Magen-Darm-Grippe.“
Mutter: „Und was kann ich dem Hinnrick jetzt dann geben?“
Ich: „Achten Sie bitte vor allem aufs Trinken, er ist ja beinahe zwei, da kann nicht soviel passieren, aber Trinken muß man beachten.“
Mutter: „Der trinkt ja gar nichts.“
Ich: „Wenigstens etwas Tee oder Wasser.“
Mutter: „Mag er nicht. Saft trinkt er.“
Ich: „Naja, das ist jetzt weniger…“
Mutter: „Tee trinkt er nicht. Brauchen Sie ihm gar nicht mit zu kommen.“
Ich: „Gut, wenn er sonst nichts…“
Mutter: „Also Saft. Und Essen?“
Ich: „Da müssen Sie nicht soviel beachten, man empfiehlt heutzutage…“
Mutter: „Was nun?“
Ich: „… keine echte Diät mehr, er soll ruhig essen, was er will.“
Mutter: „Der isst ja eh nichts grad.“
Ich: „So ein paar Salzbrezen oder so? Trockene Nudeln?“
Mutter: „Trocken? Mag er nicht.“
Ich: „Eigentlich kann er alles essen.“
Mutter: „Isst ja nichts.“
Ich: „Wunschkost ist völlig in Ordnung. Vielleicht keine Mengen an Milch…“
Mutter: „… mag er eh nicht …“
Ich: „… und nichts wirklich Süßes…“
Mutter: „Na, was bleibt denn da übrig? Isst er ja gar nichts mehr.“
Ich: „Na, alles andere. Hauptsache, er isst überhaupt ein bisschen was.“
Mutter: „Der! I-hi-sst! Ni-hi-chts! Habchdochschongesagt, hören Sie nicht zu?“
Ich: „Jetzt haben wir ja kurz vor Mittag, was gab´s denn bisher?“
Mutter: „Na, nix! Paar Saitewürschtle heute morgen und dann nix mehr, gar nichts.“
Ich: „Na, das ist doch schon was.“
Mutter: „Dann schreibense mal sonstwas auf.“
Ich: „Sie brauchen nur aufs Essen und Trinken zu achten.“
Mutter: „Mach ich ja, mach ich ja, und Arznei?“
Ich: „Ist nicht nötig, solange er…“
Mutter: „Nix? Gar nix? Meine Nachbarin gibt immer so Zuckerkügele.“
Ich: „Ist schon ok, brauchen Sie nicht.“
Mutter: „Und wenn er weiter so´n Dünnschiss hat? Der Hinnrick muß doch was essen.“
Ich: „Wie gesagt…“
Mutter: „Oder was zum Darmaufbau, meine Hebamme hat immer gesagt, da muß man was zum Darmaufbau geben.“
Ich: „Eigentlich beruhigt sich der Darm nach so einem Infekt von alleine.“
Mutter: „Gibt´s da nicht was?“
Ich: „Es gibt so Milchsäurebakterien, die sind in Pulverform, können Sie dann später in Tee einrühren.“
Mutter: „Tee? Mag. Er. Nicht.“

Usw. usf.
Der kleine Hinnrick saß derweil sehr munter auf der Untersuchungsliege.
Sein Blick ging wie bei Wimbledon nach rechts und links, zu mir, zu ihr. Am Ende klatschte er in die Hände und krähte: „Hinnick! Kaka macht!“
Ja, das konnte man dann auch riechen.

Brüderliebe

Ich erkläre der Mutter gerade, was es mit den Dellwarzen bei ihrem Sohn auf sich hat, dass diese eigentlich harmlos, aber dennoch ansteckend sind, zum Beispiel im Schwimmbad, über Handtücher oder durchs Aufkratzen. Es wird eine gewisse Zeit ins Land gehen, bis diese Infektion (denn das sind Mollusken) wieder vom Körper abgewehrt ist. Dies kann auch einmal Monate dauern.
Ein wirkliches Hilfsmittel gibt es nicht, auch das Kürettieren oder Vereisen bringt keine hundertprozentige Sicherheit, jedoch sollte die Haut regelmäßig gepflegt werden, denn Dellwarzen lieben trockene Haut.

Ruft der Bruder aus dem Off: „Bist ein kleines Waaarzenschweeein!“
Mutter: „Simon, ärgere nicht immer Deinen kleinen Bruder!“
Simon: „Waaarzenschweeein! Warzenschwein!“
Sagt das kleine Warzenschwein: „Na warte, ich kratz die jetzt gleich auf und schmier´ Dir das auf Deinen Pimmelmann!“

Jaja. So geht die Bruderliebe. Die Mutter war doch reichlich entrüstet über soviel Jargon.

Gentleman

What is going on ?

Der Mutter fällt beim Wickeln ein Socken runter.
Der Junge hebt sie auf.
„Na, Du bist aber ein Gentleman, danke“, sagt die Mutter.

„Mama, was ist ein Dschennelmän?“
Sagt der Zwillingsbruder kaugummikauend: „Das ist, wenn Du ’ner Dame die Tür aufhältst.“
„Na toll, dann muß ich das wohl auch noch machen?“

Ich: Am Boden.

 

(c) Foto bei SAN_DRINO

Echter Fan

Nach den bedröppelten italienischen und spanischen Kindern ziehen jetzt die griechischen ein langes Gesicht. Verständlich. Die kleinen Fans hadern dazu mit der Zeitverschiebung der Spiele.
Wassilios (10) geht´s auch so:

Ich: „Na, bist Du traurig, dass Griechenland draußen ist?“
Wassilios: „Klar. Ich durfte sogar nur die erste Halbzeit gucken, dann mußte ich ins Bett.“
Ich: „Ging ja auch ganz schön lange, bis kurz vor eins. Da bin sogar ich beinahe eingeschlafen.“
Wassilios, fassungslos: „Was? Voll uncool. Wenn wir spielen?“
Ich: „Naja, weißt Du, ich bin ja kein Grieche. Ich habe mir das Spiel so aus Interesse angeguckt, zum Ende war´s dann auch spannend, mit Elfmeterschießen und so.“
Wassilios: „Ja, hat mein Vater auch gesagt.“ Jetzt schaut er wieder traurig.
Ich, müder Versuch des seelischen Aufbaus: „Und, für wen bist Du denn jetzt? Drückst Du jetzt den Deutschen die Daumen heute abend?“
Wassilios: „Nö. Ganz sicher nicht. Da schlafe ich.“

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