Bettelverbot für Kinder – Kinderschutz auf der Straße

“Der Berliner Senat plant, das Betteln in Begleitung von Kindern und durch Kinder zu verbieten. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) begrüßt diesen Vorstoß.

BVKJ-Präsident Dr. Wolfram Hartmann: “Das Bettelverbot, das es in München und Bremen schon seit langem gibt, ist ein wichtiger Schritt zum Schutz der Kinder vor Missbrauch. Eltern, die ihre Kinder zum Betteln auf die Straße und in U-Bahnen schicken, verletzen ihre Fürsorge- und Erziehungspflicht und sie gefährden die Gesundheit ihrer Kinder. Kinder stundenlang am Straßenrand in Höhe der Auspuffgase sitzen zu lassen, sie zu zwingen, in U-Bahnen für erwachsene Musikanten Geld einzusammeln oder gar an Ampeln Autoscheiben zu wischen und dafür Münzen zu erbitten, das ist Kindesmissbrauch. Hier ist es höchste Zeit, dass der Staat endlich einschreitet und dafür sorgt, dass Kinderrechte durchgesetzt werden.”
Kindern eine Perspektive geben
Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte unterstützt daher den Plan des Berliner Senats, das Betteln durch Kinder wirksam zu unterbinden, mahnt aber gleichzeitig auch nachhaltige Hilfen an.
Dr. Wolfram Hartmann: “Kinder, die von ihren skrupellosen Verwandten zum Betteln geschickt werden, sind Opfer. Wir haben als Gesellschaft die Pflicht, diese Opfer aus den Fängen der Bettelmafia zu befreien und ihnen eine Perspektive zu geben. Ein Bettelverbot wird dies zwar nicht leisten, aber es ist ein Signal an die Familien der Kinder. Daneben muss die Politik aber auch nachhaltige Lösungen finden, um den Kindern zu helfen. Die Kinder müssen die Möglichkeit bekommen, zur Schule zu gehen, die Eltern müssen sozialpädagogisch begleitet werden und dort, wo die Familien die Bedingungen des Bleiberechts erfüllen, müssen sie Hilfe bei der Integration bekommen.”

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Eine Pressemeldung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V.

Ist es nicht überraschend, dass es hierzu überhaupt eine Initiative bedarf? Ich stolpere über solche Artikel und wundere mich, dass das Betteln mit Kindern überhaupt erlaubt ist. Aber vielleicht habe ich mich in meinem Wohlfahrtsstaat schon so sehr etabliert und verträumt, dass ich mir das nicht vorstellen konnte.

Hübsch machen

Neulich durfte ich nach der Mittagspause eine Mutter auf dem Parkplatz vor der Praxis beobachten, wie sie ihr Kind “kinderarzttauglich” machte. Ich komme oft zu Fuß, deshalb habe ich die Parkplätze auf dem Weg im Blickfeld, dann und wann sehe ich bereits, wen ich nachher in der Praxis treffe.

Das Kind wurde gestylt. Die Mutter hatte einen Kleiderroller dabei, hobelte damit die Jacke des Mädchens ab, dann war die Haarbürste dran, Haare nach links, Haare nach rechts, Seitenscheitel ziehen, weiterkämmen. Schließlich wie bei UnserOmma mit etwas Spucke auf dem Finger die Augenbrauen geglättet, die restlichen Fuseln vom Kragen gepickt und den Schokoladenfleck von der Wange gewischt. Blitzeblankepropper.

Ich finde das sehr rührig, und beim Weiterlaufen dachte ich mir, wie andere wohl ihre Kinder vor dem Kinderarztbesuch vorbereiten. UnserOmma hat gesagt, man solle immer eine frische Unterbuxe anhaben, “man kann ja ma´ plötzlich ins Krankenhaus kommen”, keine Ahnung, ob das Gegenteil in dieser Generation usus war, um das so hervorzuheben, oder ob sie uns wirklich ins Gewissen geredet hat.
Frisch gebadet oder geduscht, bevor man zum Arzt geht, das kenne ich so noch selbst, aber ist das auch heute noch so? Wenn ich hier manche Kinder mit, naja, sagen wir mal “heavy used” Hosen und T-Shirts sehe, mit Bremsspuren an passenden und unpassenden Stellen, Socken mit Löchern und Füßen mit Trauerrand, dann bezweifle ich das mitunter. Und es sind nicht immer “die” sozialen Schichten, die so auftreten, bei den anderen heißt das es dann nur “kommen grade vom Sandkasten” oder “der zieht morgens gerne die gleichen Klamotten wie vom Tag vorher an” oder “na, Bernhard, hast Du Dich wieder alleine angezogen?”, wenn die Unterhose komplett fehlt.
Von verkrümeltem Mund oder klebrigen Fingern möchte ich gar nicht erst anfangen, das gab´s schon mal an anderer Stelle.

Sind doch Kinder…, oder?
Ja sicher.
Als Kinderarzt darf ich mich über diese Dinge nicht aufregen. Kinder sind eben pappig, schnuddelig, haben verfilzte Haare und schwarze Fingernägel, Krümel zwischen den Zähnen und Dreck in den Ohren (gegen letzteres habe ich wirklich nichts, wer die Ohren zu sehr q-tippt, schafft sich nur Cerumenpfröpfe und verdreckt die Ohren noch mehr).
Also gut. Bin ich großzügig. Genauso, wie ich Geschreie und Holzklötzchengewerfe im Wartezimmer tolerieren sollte. Oder, dass Rob-Calvin alle Mundspatel einzeln abschleckt und fein säuberlich (No!) auf dem Boden verteilt. Lässt sich doch alles aufräumen. Und die anderen drumherum tolerieren das zudem, sind auch alles Kinder und ihre Eltern.

Neinnein, ich bin schlicht ein bescheidener Arzt, der sich freut, Körper zu untersuchen, die einem Mindestmaß an Sauberkeit genügen. Dies schließt übrigens vor allem die Abwesenheit von Essensresten (Brezelstücke, Milchreste, rote Farbe von Lollies oder Himbeereis) und zumindest einen neutralen Körpergeruch ein. Womit ich übrigens am wenigsten Probleme habe – JA! Sprechen wir drüber! – … volle Windeln. Das ist das Schicksal des Kinderarztes. Der Kleinsten´ Murphy´s Law impliziert nämlich grundsätzlich lebhafte Darm- und Blasentätigkeiten. Ausnahmen: Volle Windeln mit … entsprechenden Resten, die beweisen, dass der letzte Wechsel ein paar Stunden zurückliegt.

Achja: Neben hübsch gemachten Kindern sind mir außerdem solche am liebsten, die überhaupt wissen, dass sie zum Kinderdok gehen, untersucht werden, vielleicht auch eine Spritze bekommen. *Die* Vorbereitung ist die entscheidende.
Da hält das Vertrauen zwischen Kind, Eltern und Arzt am Ende viel länger, als eine Spuckefaden zieht.

Urin Ruin*

Sehr regelmäßig gibt´s den Urin zu untersuchen in den Kinder- und Jugendarztpraxen: Bei jeglichen Bauchschmerzen, bei Säuglingen unter einem Jahr, wenn sie Fieber haben, bei den klassischen Harnwegsinfekt-Symptomen (Schmerzen beim Wasserlassen, Häufige Miktion, Fieber), vor allem natürlich bei Mädchen. Gerade, wenn diese anfangen, alleine auf Toilette zu gehen, treten die ersten Blasenentzündungen auf. Meist liegt es doch an der Hygiene.

Den Urin zu gewinnen, ist aus naheliegenden Gründen bei Kindern nicht so einfach: Säuglinge gehen noch nicht aufs Klo, oft kommen andere … mmh … Ingredienzen mit dazu, größere Kinder schaffen es nicht, rechtzeitig auf Toilette zu gehen, ein schöner “Mittelstrahlurin” (also ohne Verunreinigungen aus Scheide oder Penis und ohne “alten” Urin aus der Blase) gelingt erst im späterem Schulalter.
Was also tun?

Der ideale Urin wäre der direkt aus der Harnblase – also machen wir bei allen Kindern eine suprapubische Blasenpunktion… Spässle. Aber das ist der Goldstandard, und bleibt normalerweise Säuglingen in der Kinderklinik vorbehalten. Die nächstsaubere Alternative ist ein Katheterurin, der ebenfalls Urin direkt in der Harnblase gewinnt – auch sehr aufwändig, für die Kinder traumatisierend – und nichts für die Praxis. Den letzten Katheter haben wir bei uns vor sicher fünf Jahren geschoben – und das wegen eines akuten Harnverhaltes. Die Amerikaner sagen: “… ist zuvor eine Urinprobe (Katheterurin oder suprapubische Blasenpunktion) zu gewinnen…” (Diagnosis and management of an initial UTI in febrile infants and young children, Finelli et al, Pediatrics 128;e749-770)

Bleiben die praktikablen Methoden:
– Wenn das Kind alleine aufs Klo geht, sollte das Genitale vorher gesäubert werden (Wasser und Waschlappen reichen) und direkt in einen sauberen Becher (sauberes Schraubglas zuhause) gepinkelt werden. Da kann man versuchen, einen Mittelstrahlurin abzupassen.
– Wenn das Kind aufs Töpfchen geht, auch gut, das sollte natürlich pikobello sauber sein, sonst haben wir schon die ersten Kontaminationen.
Urinbeutel: Kleben wir bei Säuglingen und Kleinkindern, die noch nicht aufs Klo gehen. Auch hier muß das Genitale vorher gesäubert werden, vor allem auch von Salbenresten (sonst kleben die Beutel nicht). Nichts mit Mittelstrahlurin. Merke: Wer einen Beutel kleben will, sollte stets einen Becher zur Hand haben, oft pieseln die Kleinen genau in diesem Moment. Da muß man eben schnell sein.
– Säubern mit Desinfektionsmittel oder Beta-Lösungen halte ich für übertrieben und reizen das Genitale viel zu sehr.

Ist der Urin mal gewonnen, sollte er zügig untersucht werden. Da gehen die Meinungen auseinander, wann ein Urin noch “frisch” ist. Wir setzen eine Stunde an, dann muß die Probe in der Praxis sein. Ansonsten bilden sich Sedimente, die das Ergebnis verfälschen. Im Winter kann es zudem vorkommen, dass der Urin in der Außenluft gefriert – kann man dann auch vergessen.

Der Urin wird “gestixt” mit einem Reagenzstreifen, der recht genau ist, aber nie genau genug. Zu jeder Urinuntersuchung sollte daher immer eine mikroskopische Untersuchung dazugehören. Der Stix liefert nur Hinweise, keine Beweise. Sind beide Untersuchungen ok, kann man das Thema Blase vorerst ad acta legen. Eine Kontrolluntersuchung macht dann erst später Sinn, wenn das Kind weiter Beschwerden hat. Weitere Hinweise liefert eine Kultur, die über Nacht angelegt wird. Sie wird immer gemacht, wenn sich die Diagnose Harnwegsinfekt einstellt und/oder das Kind mit Antibiotika behandelt wird.

Gerne berichten Eltern, sie hätten zuhause den Urin in der Windel “gestixt”, manche Kollegen sind schon beobachtet worden, Urin aus der Windel zu gewinnen … (keine Ahnung wie) – das geht sicher gar nicht und lässt sich so auch nicht verwerten. Vergesst es. Bereits mit dem Beutelurin steigt die Chance auf eine Kontamination von 10% beim Katheter zu 63% beim Urinbeutel (Fahad et al. Journal of Pediatrics, Vol. 137 Nr.2). Nochmals die Amerikaner: “Wird der Urin mittels eines … Beutels gewonnen, ist nur der negative Befund verlässlich.” (Finelli et al., ebenda)
Dann lieber warten und warten und warten…

*hier gehts nicht um Ruin, aber der Buchstabendreher bot sich gerade an ;-)

… für BB, (c) Foto bei Britt-knee (nanny snowflake) via flickr

Mich mag auch nicht jeder

grouch

Mittwochnachmittag, wir vertreten ein paar Kinderarztpraxen der Umgebung. Es folgt Mutter mit Tochter, die Praxissoftware verrät, dass Melanie seit anderthalb Jahren nicht mehr da war.

Ich: “Hallo, wir kennen uns doch…”
Mutter: “Ja?”
Ich (mit dem Vorteil der EDV-Dokumentation): “Sie waren doch bis Ende 2012 bei mir in der Praxis, da war Ihre Melanie gute zwei Jahre alt, oder?”
Mutter: “Ja, kann sein.”
Ich: “… seit Geburt. Haben Sie gewechselt?”
Mutter: “Mmmh, ja.”
Ich: “Oh schade, wie bedauerlich. Mich interessiert immer, warum?”
Mutter: “Ach, die Melanie hat bei Ihnen immer so geweint.”
Ich: “Ja, das machen die Kinder beim Kinderarzt mitunter. Und, beim anderen Kollegen geht’s jetzt besser?”
Mutter: “Naja, so lala, sie mag halt keine Ärzte.”
Ich: “Ich seh grad, Sie waren zwischenrein noch bei Frau Kilian, jetzt sind Sie bei Doktor Riemlich?”
Mutter: “Das war irgendwie alles nichts. Hat sie überall geweint. Und der Herr Riemlich schreibt ja auch immer gleich die Hämmer auf. Frau Kilian war gaaar nichts, da hat sie noch mehr geheult.”
Ich: “Wie gesagt…”

Melanie sitzt auf dem kleinen Stühlchen am Kindertisch und kritzelt was aufs Blatt Papier.
Ich: “Na denn,” und bitte die Mama, Melanie auf den Schoß zu nehmen, damit ich sie untersuchen kann. Sicher ist sicher.

Die Mutter geht zögerlich auf ihre Tochter zu und hebt bereits beschwichtigend die Hände:
“So, Melchen, jetzt brauchst Du gar keine Angst zu haben, gelt?”, die Tochter schaut verschreckt auf, als nehme sie die Praxis erst jetzt wahr,
“der Onkel tut Dir gaaar nichts, nicht wahr?”, jetzt zucken schon die Mundwinkel,
“der hat auch gaar keine Spritze dabei, guckst Du?”, die Augen werden größer,
“und der tut auch gaaar nichts Böses, ja? Wir sind dann hier auch ganz schnell wieder weg, dann ist alles wieder gut, gibt dann auch ein Eis, ach, Melchen, Du musst doch gar nicht weinen, komm, ach Schatzileinchen, jetzt komm…”
Der Rest gibt im Brüllen der Tochter unter.

Ich höre noch ein “Dabei habe ich ihr zuhause erstmal gar nichts gesagt, dass wir zu Ihnen gehen, weil, dann hätte sie gleich noch mehr geweint, weil sie Sie doch so gaaar nicht mag…”,
die Untersuchung ein einziges Fiasko.

Man muß nicht alle Menschen mögen, aber was ich mag: Wenn Kindern Vertrauen und Zuversicht vermittelt wird und keine Angst und Abneigung. Projektion nannte das wohl Freud.

 

(c) Foto bei Greg Westfall

Ringelreihen

Ringelröteln hier, Ringelröteln da.

Es gibt wieder mal eine Welle von Parvovirus-Infektionen, auch Ringelröteln genannt, fifth disease der Kinderkrankheiten und wirklich harmlos. Was sollen wir noch machen, außer das allen Eltern zu sagen, die mit den typischen Pickelchen und Wangenrötungen kommen? Wir telefonieren schon mit den Kindergärten und geben die Info in das städtische Netzwerk: Ringelröteln sind nicht schlimm.

Und trotzdem, mindestens zwei oder dreimal pro Woche:

Panischer Anruf einer Mutter bzw. Dringende Vorstellung ohne Termin bzw. 22 Uhr Vorstellung im Notdienst:
“Mein Kind hat diesen Ausschlag, und im Kindergarten gehen die Ringelröteln rum – da muß man sofort was tun!”

Nein. Muß man nicht. Kann man auch nicht. Passiert auch nichts.

Nochmal von vorne und zum Mitschreiben und Weitersagen:
Ringelröteln werden durch einen Virus ausgelöst, haben eine Inkubationszeit von einer Woche (bis vierzehn Tage) und sind ansteckend, bevor der Ausschlag kommt. Bedeutet: Du weißt nicht, dass Du RiRö hast, bevor die Rötungen zu sehen sind, und wenn der Ausschlag da ist, bist Du nicht mehr ansteckend. Bedeutet wiederum für die Epidemiologie in Kindergärten: Pech gehabt, weil nicht vorhersehbar.

Typisch sind girlandenförmige Rötungen an Armen (auch Beinen) und ein kräftigere Rötung der Wangen. Husten, Schnupfen, Fieber, alles möglich. Der Ausschlag beweist die Erkrankung, kommt aber nur in einem Viertel der Fälle vor. Meist merkste nämlich von den RiRö gar nichts. Ringelröteln dürfte inzwischen (durch Impfung der anderen) die häufigste, aber auch harmloseste, gleichzeitig überschätzteste Kinderkrankheit aller sein. Panik ist aber nicht angeraten.

Gerne wird das Risiko für Schwangere (eher für das Ungeborene) genannt. Ja, das gibt es, und das darf man nicht unterschätzen – dennoch haben die meisten Frauen die Ringelröteln unwissentlich bereits durchgemacht und sind daher nicht anfällig. Und da man vorher nicht weiß, dass jemand ansteckend ist, kann man nun entweder den Kindergarten meiden oder gleich Ede.ka/al.di/Krabbelgruppe/Spielplatz usw. dazu.

Mit den Röteln hat’s übrigens nichts zu tun. Vielleicht kommt die Panik auch aus dieser doofen Namensgebung? In Ungarn heißen die Ringelröteln “Schmetterlingspocken” und in Japan “Apfelkrankheit” (da sind wohl alle Äpfel rot). Damit hätten wir in den Kindergärten wohl weniger Probleme.

Kindertag!

Hey! Allen meine Patienten und allen Kindern überhaupt wünsche ich einen schönen lustigen Kindertag, haut Euch nicht so den Bauch mit Süßigkeiten voll, sonst seid’s Ihr morgen wieder bei mir in der Praxis!

Ach, Quatsch, macht ruhig, Euer Kinderdok will schließlich auch von etwas leben :-)

Geschenke – Umfrage

Liebe Leserinnen und Leser,
es ist in Kinderarztpraxen und beim Zahnarzt usus, den Kindern nach der Behandlung was zu schenken. Ich habe da mal was vorbereitet und bitte um Mitarbeit.

Und da das immer seeehr umstritten ist:

Kommentare oder andere Antworten, die Ihr hier vermisst, bitte ich, gerne zu posten. Danke fürs Ankreuzen, Euer kinderdok.

Maja und ihre Schwestern

Maja ist die Älteste der vier Mädchen. Ihre Eltern sind taubstummgehörlos. Aber das weiß Maja nicht, zumindest nicht am Anfang, als die anderen Schwestern noch nicht geboren sind. Da ist sie nur die Tochter von zwei Eltern. Zum ersten Mal bewusst wurde ihr die Tatsache, dass Mama und Papa nicht hören können, als Svenja geboren wird. Da ist Maja vier Jahre alt. Die zwei Kleinen kamen dann noch ein Jahr später auf die Welt. Wieder Mädchen, diesmal Zwillinge. Mittlerweile sind sie fünf. Als Maja acht wurde, kam noch Niklas. Er ist jetzt der Kleinste.

Maja hat früh gelernt, mit Gebärden zu sprechen, nicht den professionellen, den die Sozialarbeiterin versuchte, ihr beizubringen, später, als sie in die Schule kam. Maja und ihre Familie haben ihre eigenen Gebärden, denn das entwickelt sie so. Schließlich hat die Mama auch nie das Gebärden gelernt. Und Vater kann immerhin laute Töne hören und spricht auch – wenn auch so laut, wie er hört. Maja konnte schon mit einem Jahr Gebärden für Essen und Trinken und Spielen. Und für ihre Spielzeugplüschgiraffe. Die nannte sie immer Mojo, wobei die Sozialarbeiterin nicht genau wusste, ob sie sie nur so nannte, weil sie ihren eigenen Namen nicht richtig sprechen konnte. Und auf den Tisch oder den Boden schlagen, das konnte sie auch von Anfang an. Nur dann hat Mama zu ihr hingeschaut.

Maja muss viel selber machen. Sie bedient das Telefon, wenn Oma nicht da ist. Oder das Faxgerät. Vom Amt kam mal jemand, um den Eltern einen Computer einzurichten, mit E-Mail und so, aber der Telefonanschluss mit Internet war zu teuer. Das Spezialtelefon mit Lichtalarm und Kurztext kostete bereits genug. Majas Traum ist, dass Mama und Papa einmal hören können und vielleicht sprechen. Am liebsten mag sie es, wenn Oma ihr vorliest. Nur, um ihre Stimme zu hören. Mama versucht das zwar auch, aber aus ihrem Mund kommen Laute, die so ganz anders klingen. Maja versteht sie trotzdem. Stimmlagen, Zorn und Müdigkeit, all das kann Mamas Stimme trotzdem transportieren.

Maja kümmert sich um ihre Schwestern. Nicolas ist noch klein, das macht die Mama. Aber die Svenja und die Zwillinge gehen noch zum Kindergarten, das macht Maja, bevor sie selbst zur Schule geht. Sie beantwortet artig jeden Morgen die Fragen der Erzieherinnen im Hort, ob es der Mama gut gehe und wie dem Vater. Maja nickt immer und wackelt mit dem Schulranzen, während sich ihre Schwestern die Hortschuhe anziehen. Alles bestens. Wenn es Nicolas gut geht. Und Vater arbeitet.

Maja freute sich früher sehr auf die Wochenenden. Dann kam immer Oma zu Besuch. Und Papa war da. Jedenfalls am Samstag. Am Sonntag musste er immer schon mittags wieder weg. Wegen Schicht, hat Oma gesagt. Inzwischen sind die Wochenenden nicht mehr so toll, seitdem Maja in der Fünften ist. Oma kommt nicht mehr so oft, schließlich ist Maja ja nun älter. Nicolas heult den ganzen Tag. Papa fährt immer noch am Sonntag Mittag auf Schicht, aber am Samstag sitzt er meist auf dem Dachboden in der Büroecke und hat den Computer an. Da spielt er dann mit anderen. Von Morgens bis abends. Inzwischen reicht das Geld wohl für das Internet. Da liest Papa dann immer die Sachen auf dem Bildschirm und lässt seinen roten Ritter durch irgendwelche Landschaften laufen.

Maja wäre auch gerne ein Ritter. Groß und stark. Im Moment macht sie der Samstag klein und kraftlos. Nicolas heult, sie bringt ihn zur Mama, die Zwillinge und Svenja machen Blödsinn hinter ihrem Rücken und Maja wird dann bestraft. Neulich kam Mama vom Dachboden herunter, das Baby auf dem Arm. Ihre Augen sahen traurig aus. Vorher hatten sich Mama und Papa laut angebrüllt. Maja kennt dieses Brüllen, sie kennt es seit Geburt. Zwischendrin, als sie im Kindergarten war, fand sie das Brüllen manchmal ganz lustig, wenn beide Eltern nach Worten suchten, die sie nicht aussprechen konnten. Inzwischen kann Maja das nicht mehr hören. Aber sie kann nicht vermitteln, kann nicht übersetzen, das hat sie nur einmal versucht. Niemals wieder.

Maja hat sich versteckt. Draußen im Wäldchen. Nach der Schule hat sie die Schwestern im Hort abgeholt, Svenja den Schlüssel in die Hand gedrückt und ihr erklärt, wie man die Tür aufmacht. Das wenigstens wird sie doch wohl hinbekommen. Dann ist Maja zum Wäldchen gelaufen, so schnell sie nur konnte, aus Angst, es könne plötzlich nicht mehr da sein. Sie hat sich ihren Platz gesucht, ganz am Rand, hinter dem dichten Brombeergebüsch, wo ihre Höhle ist. Da hat sie in einer Tupperdose zwei Bücher vergraben und eine Taschenlampe. Man kann nie wissen. Im Sommer ist es hier schön trocken. Jetzt im Kalten nur klamm und die Sträucher noch dorniger als sonst. Trotzdem reicht ihr das, was sie hier hat: Der Blick auf die zwei Häuser am Rande der Siedlung. In einem wohnen die Reicherts mit dem Jungen aus der Klasse unter ihr und dem kleinen Mädchen mit den blonden Zöpfen. Manchmal, wenn Maja Glück hat, sind die Eltern auch mit im Garten. So wie heute. Dann singen die vier ganz viel, oder lachen. Oder schreien und verstecken sich.

Aber das meiste sieht Maja, wenn das kleine Mädchen ruft, sei es, weil sie sich wehgetan hat, oder weil sie ihrer Mutter etwas im Garten zeigen will. Oder einfach nur so. Sie ruft nur ein oder zweimal. Sie hat eine klare schöne Stimme, gar nicht laut, wie bei Majas Schwestern. Und dann kommt ihre Mutter.

Klarstellung

Ich: “Und? Kannst Du schon Fahrradfahren?”
Manuel: “Klar.”
Ich: “So richtig? Oder mit einem Laufrad?”
Manuel: “Nee, richtig, mit´m Fahrrad!”
Ich: “Mit Stützrädern?”
Manuel: “Nee, mit´m Fahrrad!”
Ich: “Also mit zwei Rädern?”
Manuel: “Nee, einem Fahrrad!”
Ich: “Mit so zwei kleinen Rädern hinten?”
Manuel: “Ja! Fahrrad!”

Alles klar. Ich hätte auch kurz die Mama fragen können.
Übrigens kein Bruder von dem hier.

Zum Abend

“Tschüss, Chef.”
“Wiedersehen, Doktor.”
“Ich geh dann mal.”
Eine der Arzthelferinnen nach der anderen und das Küken verabschieden sich, kieken kurz um die Zimmertüre, jedesmal für einen kurzen Moment klickt mein Hirn aus, weil mir jemand in Zivil gegenübersteht, aber Quatsch, na klar, ohne weisse Hose und Häubchen sieht jede anders aus.
“Ja, Wiedersehen, bis morgen.”

Ich verlasse stets als Letzter das sinkendeSchiff, so gehört sich das. Ich kenne Kollegen, die ihre MFA so getrimmt haben, dass diese morgens die ersten und abends die letzten sind, dann können die Kollegen den Schauspielplatz betreten, wie der Regisseur bei einem gut besuchten Theaterstück. Ich habe das nie hingekriegt.
Klar, gibt es Tage, wo ich schnell zu einem Termin oder Fortbildung muss, aber die Regel sieht anders aus: Ich sitze an meinem Schreibtisch, der Flur draussen ist dunkel, die eine Strassenlaterne funzelt auf meinen Schreibtisch, ich schalte die Festbeleuchtung zur Begutachtung der Kinder (eine Praxis hat einer Lux-Verordung zu folgen, ohja!!) herunter und belasse es bei der Schreibtischlampe. Dazu schimmert noch der PC-Schirm. Ich widme mich der liegengebliebenen Post, den obligatorische Kuranträgen und den drei Zetteln zwecks Rückruf dieser Mutter oder jenes Vaters.

Ich kann auch ein bisschen für mich sein. Das ist ok. Es drängt mich zwar nach Hause – Abendbrot, Fru und Kinners sehen, Abschalten – aber die Arbeit, die hier noch liegt, liegt schließlich morgen auch noch da. Also besser jetzt erledigen. Morgen kommt neue hinzu.

Und während ich die Lücken der Anträge fülle, meine Sprechstundenliste im PC abarbeite (alles eingetragen? nichts übersehen, weder eine wichtige Diagnose, noch eine wichtige EBM-Ziffer?) und die Telefonanrufe erledigt habe, geistern immer noch die einen oder anderen Kinderpatienten vor meinem Zentralkortex vorbei. Giuseppe mit dem Cochlea-Implantat, frisch in diesem Jahr eingesetzt, und er ach-so-glücklich damit mit seinen dreieinhalb Jahren, die endlich die Welt hören können. Maria-Theresa, mit ihrem Protheus-Syndrom, das linke Bein doppelt so dick wie das rechte, mit bereits zehn OPs in ihren sechs Lebensjahren, doch immer grinsend, jetzt noch schöner mit den ersten Zahnlücken. Und Patrick, der mit der PEG-Sonde seit seinem ersten Geburtstag, weil er trotz seiner Operation an der Speiseröhrenenge immer noch kein festes Essen auf normalem Wege zu sich nimmt. Er trägt sie nun schon zwei Jahre, sie ist Teil seines Körpers, und so stolz wie er darauf ist, so stolz ist er auch immer, ohne Furcht bei seinem Kinderarzt zu erscheinen. Mutig sein, das kann er.

Die Vorsorge U8 heute bei Roman, dem wir vor vier Jahren nach seiner Geburt mit 700 Gramm (“sieben Tafeln Schokolade!” hat die Mama immer gesagt) kaum ein Überleben zugetraut hätten – Hirnblutung, Augenhintergrundsveränderung, seinen ersten Monat an der Beatmungsmaschine – und trotzdem grinst er heute durch seine dicken Brillengläser auf mich zu – die Beine staksen durch den Flur, ok, und er wird auch nachher nicht auf einem Bein hüpfen wie die anderen, aber **so what?**
Dafür plappert er mir die Ohren zu, mit seiner piekfeinen zehnmalklugen Stimme, er räubert durch das Untersuchungszimmer, tatscht alles an, was nur entfernt nach Technik aussieht – Stethoskop, Otoskop, Waage, PC, Sonogerät, Wecker, Telefon – und will bei allem ganz genau wissen, “was das denn ist, Dokkor!” Er sagt immer Dokkor – so lange er schon sprechen kann.

Und das Fussvolk. Die vielen vielen geschafften Eltern dazwischen nach der Grippewelle, die tapferen Rekonvaleszenten, die ihre Kinder nochmal vorstellen, ob sie denn “jetzt wirklich wieder fit sind”, und, kann ich es ihnen verübeln? Da waren noch die tapferen Frischeltern mit Vanessa zur ersten Impfung (die Mamas weinen immer mehr als ihre Töchter!), die Mutter, die beruhigt ihren zehn Monate alten Robin präsentiert – endlich ohne Neurodermitis-Spuren, nach erfolgreicher Cortisontherapie und nun Dauerpflege seit einem Monat – und “er hat endlich mal wieder durchgeschlafen”. Und noch diese. Und noch welche. Und die auch. Und jene auch.

Ich lasse sie jetzt aber hier, schließe die Tür, schalte das Licht aus, winke dem blauen dimensionslosen Bär von Pharmafirma Nullachtdreizehn, der mich morgens begrüßt und heute abend verabschiedet. Tschüss, Bär. Morgen wieder. Heute Ende. Nacht.

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