Spielen um halb zwei

Final night

Mutter: „Herr Dokter, ich habe ein Problem mit meinem Sohn, der hat eine Schlafstörung.“
Der junge Mann ist dreieinhalb Jahre alt.
Mutter: „Wissen Sie, der geht nach dem Fernsehen um 21 Uhr ins Bett. Da trinkt er noch seine Flasche, dann steht er um elfe wieder auf und kommt zu mir rüber und weckt mich, dass er jetzt spielen will.“
Ich: „Und dann?“
Mutter: „Dann will er puzzeln, oder er macht den Fernseher an oder die Rolladen hoch. Ich weiß gar nicht, was ich machen soll.“
Ich: „Was machen Sie denn, damit er das lässt?“
Mutter: „Ich spiele dann kurz mit ihm, er will das ja so. Aber Fernsehen oder Rolladen, da schimpf ich dann schon. Letztens lag ich im Bett und da hat er an meinen Augenwimpern gezupft, dann hat er gesagt, Mama, Du hast die Augen auf, los, spiel mit mir. So was…“
Ich: „Was kann ich da tun?“
Mutter: „Der hat doch was. Solche Schlafstörungen sind doch nicht normal.“
Ich: „Ich bin ja kein Pädagoge, sondern auch nur Vater, aber ist das vielleicht eine Frage der Erziehung?“
Mutter: „Meinen Sie? Achso…“

(c) Bild bei Flickr/Matt (CC Lizenz)

Advertisements

Paul möchte ins Spielzimmer

Paul ist ganz irritiert.

Eigentlich dachte er, dass er mit Mama nur auf den Spielplatz geht oder in den Laden mit den vielen bunten Sachen im Regal und den Leckerlis am Ausgang. Da darf er immer in dem Auto sitzen, mit Lenkrad!, und Mama fährt ihn durch die hohen Gänge, in denen es mal kalt ist und mal warm, mal richtig gut und mal doof. Lustig, wenn die anderen Leute beseite springen, wenn er kräht.

Da fahren sie immer hin, wenn sie fahren, wenn Mama ihn auf dem Rücksitz festmacht in dem engen Sitz, bei dem man nur den Vordersitz sieht und schräg das Ohr von Mama. Sonst nichts. Vor dem Fenster hängt Winnie Puh, dabei schaut Paul viel lieber nach den anderen Autos.

Sie sind nicht zum Spielplatz gefahren, und auch nicht in den Laden, und auch nicht zur Oma Gerda mit den Katzen, sondern halten vor dem Haus mit den bunten Klappfenster und den Kinderwagen vor der Tür. Das ist auch nicht der Kindergarten, wo seine grosse Schwester hingeht. Das ist was anderes.

Mama hat was von Ausziehen und Messen gesagt, von Unter und Suchen und Spielen und anderen Sachen, die er nicht verstanden hat. An der grossen Theke sitzen zwei Frauen, die mit Mama reden, Mama holt ihre Tasche mit dem Geld raus und gibt der einen Frau ein Plastik und dann sollen sie gleich. Dabei sieht Paul in dem Zimmer direkt neben der grossen Theke ganz viel Spielzeug auf dem Boden liegen, Bücher und zwei andere Kinder, die da spielen. Da darf er nicht rein. Er soll „gleich mitkommen“.

Paul zieht Mama zu dem Zimmer mit dem Spielzeug. Da möchte er gerne rein. Mama sagt ihm, es sei keine Zeit und alles sei nicht so schlimm und er könne gleich noch spielen. Stattdessen zieht sie ihn in einen anderen Raum, der ist langweilig, und fängt an, sein Bob-Baumeister-T-Shirt auszuziehen. Dabei ist es gar nicht warm hier. Und ins Bett geht er hier auch noch nicht. Die Schuhe und die Hose auch. Die Frau von der Anmeldung kommt wieder herein und sagt, er soll sich auf das schwarze Ding an der Wand stellen. Das mag Paul nicht. Es wackelt bestimmt. Und dahinter steht noch etwas großes Langes, das will die Frau ihm auf den Kopf schieben. Nein. Das muss nicht sein. Außerdem macht das die Frau. Dabei soll das Mama machen. Sagt er auch.

Sie hören ihn nicht. Die Frau stellt ihn auf das Ding. Es wackelt. Hat er gewusst. Das Gefühl im Bauch wird grummelig, er merkt, wie er weinen muss, weil er das nicht will und weil Mama ihm dann bestimmt hilft. Die kommt auch, nimmt ihn auf den Arm, spricht irgendwas mit ihm, was er gar nicht wirklich hört. Dann stellt sie ihn wieder auf das Ding. Das wackelt. Paul ist jetzt sauer und schreit laut, weil, dann geht alles meist besser. Mama nimmt ihn wieder auf den Arm, also besser. Er schluchzt und wird leiser. Dann stellt ihn die Mama wieder auf das Ding. Kann er nicht bei ihr auf dem Arm bleiben? Dann wackelt es eben bei Mama und nicht bei ihm.

Später sind sie alleine im Zimmer und Mama spielt Puzzle und Steckspiele und zeigt ihm ein Buch. Dass er gerne wieder angezogen werden will, hat sie nicht interessiert. Paul ist irritiert. Und warum müssen sie jetzt hier rumsitzen und Puzzle spielen? Die gab es auch vorne in dem anderen Zimmer.

Ein Mann kommt durch die Tür. Wer ist das jetzt? Paul versteckt sich hinter Mamas Bein. Der Mann spricht mit seiner Mutter, Mama sagt, Paul soll „dem Mann“ Hallo sagen. Der spricht auch mit Paul, sagt Hallo und winkt ihm zu, die Hand, die er ausstreckt, will Paul nicht haben. Paul schaut lieber woanders hin. Vielleicht geht Mann ja wieder. Verkaufen tut der jedenfalls nichts.

Der Mann bleibt. Er spricht weiter mit Mama, schaut in das Gelbe Buch, das sie mitgebracht haben, fragt Mama viel, und Paul spielt in der Zeit mit den Puzzles. Hat er zwar schon zweimal fertig gemacht, aber dann eben nochmal. Der Mann steht auf. Mama nimmt Paul und setzt ihn auf die Liege am Fenster. Das Puzzle hält er gut fest. Vielleicht kann er dann weitermachen. Der Mann (wer ist das??) holt einen gelben Schlauch mit einem Plastikding aus der Schublade und drückt ihn auf Pauls Brust. Das kitzelt. Ach nein, der Mann kitzelt ihn dabei am Bauch. Das ist nett. Mama sagt, das sei ok so, er brauche keine Angst zu haben. Vielleicht doch, oder warum sagt sie das sonst? Paul hat keine Angst. Er möchte nur in das Zimmer mit dem Spielzeug.

Am Ende zieht Mama ihn wieder an. Paul musste Bilder erkennen und was sagen. Paul war sehr leise, so dass der Mann auch geflüstert hat. Da hat Paul ihn gar nicht mehr verstanden und hat die Wörter lauter gesprochen. Da hat der Mann gelacht. Fussball haben sie auch gespielt. Und die Puzzle musste Paul – nochmal! – zeigen. Hat der Mann das nicht gleich gesehen? Doof.

Sie sagen alle Tschüss zueinander, jetzt möchte Paul gerne noch zeigen, dass er auf einem Bein stehen kann, vorhin wollte er nicht. Jetzt schon. Aber der Mann hat ihm schon zum Abschied gewunken. Ach, vorher gab´s noch einen Luftballon. Paul mag den Geschmack nicht. Gummi. Mama und er gehen an der Anmeldung vorbei, er schaut nochmal in das Spielzimmer rein. Die anderen Kinder sind schon weg. Da wäre jetzt ganz viel Platz. Aber Mama sagt, sie haben keine Zeit. „Vielleicht beim nächsten Mal,“ sagt Mama. Das sagt sie immer.

Gemein

Ich hacke das hier kurz ins iPhone, weil mein PC… und das iPad… und, ach, egal. Das soll auch nur ein kurzes Statement sein, weil –

Ich: „Hui, Ihre Tochter hat aber ganz schön heftig ängstlich auf das Impfen reagiert, dabei ist sie doch schon acht. Da sollte sie das doch kennen, oder?“
Mutter: „Ja, nicht wahr? Und dabei habe ich ihr nicht mal was davor gesagt, dass sie eine Spritze kriegt.“

Merkste was?

Hot topic! Neulich in der Notfallambulanz

Sonne

 

Ganz blass und kaltschweissig sitzt Ayaz auf der Untersuchungsliege im Notfallzimmer. Gerade ist es etwas ruhiger, die obligatorischen fünf Zecken habe ich schon entfernt, ein paar Kinder mussten angesehen werden, weil der Kinderarzt nicht mehr zuhause war (und der – natürlich – keine Vertretung habe) und auch die üblichen „Bauchweh seit zwei Wochen“ habe ich heute bereits gesehen.

Ayaz geht es wirklich nicht gut. Seine Mutter sitzt neben ihm und drückt ihm ein nasses Geschirrhandtuch auf die Stirn. Sie ist viel kleiner als er, der Pubertätswachstumsschub hat ihn schon in die Höhe gezogen. Eigentlich ist er Fussballer, Handballer, Basketballer, man sieht es ihm an, heute abend ist er nur ein armer Kerl mit Sonnenstich.

Ich: „Wie lange warst Du denn im Schwimmbad?“
Ayaz: „So vier oder fünf Stunden?“
Ich: „Aber nicht die ganze Zeit im Wasser, oder?“
Ayaz: „Nee, wir haben auch Pizza gegessen dazwischen. Gekickt. Tischtennis. Sowas.“
Ich: „Und nun?“
Ayaz: „Mir war schlecht. Ich bin nachhause. Hab dann gekotzt. Zweimal.“
Ayaz´ „Anne“: „War ganz übel, ganz blass. Viel Spucken.“ Sie schiebt ihm das Handtuch in den Nacken. Er schiebt sie weg.
Ich: „Genug getrunken hast Du schon?“
Ayaz: „Safe. Ja, klar.“
Ich: „Mütze? Irgendwas auf dem Kopf?“
Ayaz schnalzt. Zu uncool.
Ich: „Du musst Dich immer wieder abkühlen, weißt Du, oder? Schatten gehen. Viel trinken.“
Ayaz: „Weiß ich. Meine Posse wars.“
Ich: „Wie jetzt, wieso?“
Ayaz: „Ahja, Alda, die Honks haben mich krass da liegen gelassen. In der knallen Sonne. Kacke, Alda. Bin eingeschlafen. Voll jenseits.“
Er schüttelt den Kopf über soviel Vertrauensverlust.
Ich: „Na dann, ein oder zwei Tage Pause vom Schwimmbad. Bleibst ein bissel drin. Schön abkühlen, ausreichend trinken, lieber was Warmes…“
Ayaz: „Kein Freibad?“
Ich: „Ja.“ Ich nicke bestätigend.
Ayaz: „Alda…!“
Jetzt schüttelt er den Kopf über soviel Kontaktsperre, soviel fehlende Integration in seine Posse für zwei Tage.
Ich: „Am besten auch kein Handy. Kein Whatsapp. Den Kopf schonen.“
Ayaz: „ALDA…!“

Seine Anne nimmt ihn in den Arm und tupft ihm nochmal mit dem Geschirrhandtuch über die Stirn. Sie nickt wissend.

(c) Foto bei Flickr/Afra Shmidt (Unter CC-Lizenz CC-BY ND 2.0)

Ich erzähle Euch mal von Bellchen

Impfwoche

Bellchen haben die Eltern sie immer genannt, das weiß ich noch. Obwohl sie Sibylle hieß, aber das war wohl eine Abwandlung des Namens. Sie kamen jeden Tag, klar. Der Vater war LKW-Fahrer, tageweise konnte er in den beinahe fünf Wochen nicht kommen, die Bellchen auf unserer Station lag. Dafür saß die Mutter oft schon morgens an ihrem Bett, wenn ich nach dem Nachtdienst nochmal über die Station ging, um in jeden Inkubator und jedes Kleinkindbett zu schauen.

Bellchen lag weiter hinten, mit einem anderen Kind in einem Zimmer, nicht vorne in dem großen Intensivzimmer, das war schließlich den Frühgeborenen vorbehalten. Das Problem hatte sie nicht. Bellchen war ganz normal zur Welt gekommen, just in time, bereits ein paar Wochen zuhause gewesen.

Im zweiten Lebensmonat begann es. Zuerst wollte sie nicht mehr die Flasche trinken, war unruhig, dann wieder müde, Alle dachten zunächst, sie habe sich erkältet mitten im Januar. Aber dann kamen die Atemaussetzer. Die Kleine lag im Bett, rotzte, weinte, versuchte zu husten und konnte es nicht. Das Gesicht sei dann ganz rot gewesen, sagten die Eltern, der Mund offen, sie habe erschreckt geschaut, verängstigt, der Speichel lief ihr aus dem Mund, und wenn sie dann doch husten konnte, war es beinahe eine Erleichterung, sagten die Eltern. Vorausgegangen war ein Besuch bei den glücklichen Großeltern, das erste Enkelkind mal anschauen. Leider hatte die Oma zu dem Zeitpunkt diesen ewig langen Reizhusten. Zuviel Zigarrenrauch vom Opa, dachten sie.

Auf Station war es eine Qual. Wir wechselten zwischen Abwarten, Sedierung und Beatmung. In der ganzen Zeit mussten wir Bellchen drei- oder viermal intubieren mit allen Schwierigkeiten des Entwöhnens. Sauerstoffbedarf war ihr zweiter Vorname. Nach der Hälfte der Zeit dachten wir, jetzt hat sie es überstanden, was folgte, war die längste Beatmungszeit von zehn Tagen. Aber am schlimmsten für die Eltern waren die Zeiten, in denen sie nicht ruhiggestellt war, denn da atmete Bellchen unberechenbar entspannt, dann wieder angestrengt, bis die Atemfrequenz eine lange Pause zeigte und die betreuende Schwester zum Bettchen rannte, um der Kleinen in ihrem stillen Hustenreiz beizustehen. Manchmal alle fünf Minuten.

Bellchen überlebte. Alle waren glücklich, als wir sie schließlich entließen. Als die Eltern ein Jahr später mit ihr zu Besuch kamen – das taten viele Eltern – strahlte sie aus ihren Knopfaugen unter dunkler Lockenpracht. Ihr ganzes erstes Lebensjahr nach Entlassung hatte Bellchen monatlich eine schwere Erkältung mit Bronchitis, am Tag des Besuches war sie gerade genesen. Wir freuten uns alle sehr.

Ich war mal auf einer „Fortbildung“ eines ausgewiesenen Impfgegner-Kinderarzt, der stolz berichtete, wie sein damals zweieinhalbjähriger Sohn bei jedem Hustenanfall tapfer blitzeblau wurde – aber „die Krankheit hat ihn damals weit in seiner Entwicklung vorangebracht“.

Keuchhusten ist keine Fördermaßnahme, Keuchhusten ist ein Scheiß.

Besser Patschhand als Handyklatsch

Next Generation

Das Kind ist krank, ich frage die üblichen Einstiegs-Anamnesefragen, währenddessen klingelt das Handy der Mutter. Die Aufmerksamkeit reißt ab, sie kramt in der Wickeltasche nach dem melodiösen Objekt.

„Alles klar soweit?“, frage ich, nachdem sie mühsam Hinwisch-Herwisch das Gerät zum Stillhalten motiviert hat.
„Jaja“, sagt sie, „alles klar.“ Ohne den Blick vom Display zu nehmen.
Ich seufze und widme mich der anderthalbjährigen Marie-Endivie, die schon irritiert nach ihrer Mutter sehnt. Diese verstaut wenigstens das Handy zurück in der Wickeltasche.
Es pingt.
Ich schaue kurz über meinen nicht vorhandenen Brillenrand. Mutter lächelt und nickt, als wolle sie Geduld zeigen.
Ich untersuche weiter. Marie-Endivie ist tapfer, sie streckt die Patschhand nach der Mama aus, bekommt sogar den Zeigefinger zu greifen. Ich darf weitermachen. Abhören, Bauch, Ohren, Hals.

Der Kontakt zur Patschhand reißt ab.
Die Mutter kramt wieder in der Tasche und wischt. Und wischt. Und wischt.
Ich lege das Stethoskop zur Seite und beuge mich demonstrativ zu Marie-Endivie, so dass wir beide die gleiche Kopfhöhe und Blickrichtung auf die Mama haben. Gemeinsamkeit macht stark.

„Würden Sie das jetzt bitte wegräumen, bis Sie die Praxis verlassen haben?“, sage ich zur Mutter im Namen des Kindes.
Sie wischt noch zwei-, dreimal, dann – wie ertappt, oh Wunder – klickt sie theatralisch auf den On/Off-Knopf und versenkt das Objekt wieder in der Tasche. Sie hebt die Brauen und geht in Angriff über.
„Aber Sie waren doch mit Marie beschäftigt, sie war mit ihnen beschäftigt. Warum darf ich mich dann nicht beschäftigen?“

(c) Foto bei Flickr/Solaika (CC License CC BY-ND 2.0)

 

Heimat

Über Heimat wird gerade viel geschrieben und geredet. Dies nicht erst seit der Sache mit den Flüchtenden, eigentlich in Deutschland schon lange, seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Und trotzdem hat „Heimat“ im Moment einen echten Hype, ist ein hot topic. Sogar in der hiesigen Kreissparkasse gibt es eine Ausstellung dazu, es werden die Flüchtenden der letzten Kriege, der Völkerwanderungen aus dem Osten Europas, die Ströme der „Gastarbeiter“ in den Sechzigern denen von heute gegenüber- eher nebeneinandergestellt. Und das tut gut, denn es klärt die Prespektive.This little piggy went to market...

Fragt man die Leute, was Heimat ist – denn das wird in diesem Zusammenhang immer getan – kommen die üblichen verdächtigen Antworten von Natur, Familie, Gerüchen, Essen, Grundwerten, Haus und Hof. Für mich selbst definiere ich Heimat als die Stelle, wo meine Familie lebt, also ich, meine Frau und meine Kinder. Meine Ursprungsfamilie ist des öfteren umgezogen, deshalb habe ich keine wirklich Bindung zu bestimmten Orten, in denen wir damals gewohnt haben, auch wenn die Stadt meiner Einschulung vielleicht einen Hauch von nostalgischer Heimat hat. Aber jeder darf das für sich definieren.

Die Familie, von der eigentlich die Rede sein soll, hat schon viele Orte besucht, jetzt sind sie in unserer Stadt, vor einem dreiviertel Jahr ist sie über die Balkanroute gekommen. Ich habe ihre Kinder untersucht im Rahmen des hiesigen „Flüchtlings-Untersuchungs-Kinder-Konzeptes“. Don´t ask. So selbstgestrickt wie vielerorten.Ein freundlicher Dolmetscher ist mit dabei, ich kenne ihn wie die geflüchteten Familien, die bei uns in der Stadt leben und die sich in meine Praxis verirrt haben. Manchmal scheitert die Übersetzung, an den zu vielen Dialekten dieser Welt, manchmal an Unaussprechlichem oder Nichtübersetzbarem.

Die beiden Kinder sind krank, sehr krank. Kaum eine deutsche Familie würde sich auf so weite Wege machen mit so kranken Kindern. Vielleicht dass wir einen Spezialisten in Hamburg aufsuchten, mit dem Zug fahren, freundlich die Kosten abgenickt von unserer Krankenkasse. Aber sie, sie sind seit über vier Jahren unterwegs, mal ins Nachbarland, dann über die Meerenge auf einen anderen Kontinent, dann dank vieler medizinischer Verheißungen, schlitzohriger Schleusern und viel Geld an Grenzzäunen entlang nach Deutschland, dem europäischen Land, dem Land der Hoffnung für ihre Kinder.

Nach der mühsamen Erstanamnese und Untersuchung der Kinder, nach dem Aufdröseln der Reiserouten, der Behandlungsversuche hier und dort, mit Operationen und Therapiekonzepten, so vielfältig wie die Sprachen und die Länder, gelangen die Eltern und ich zusammen mit dem Dolmetscher zu persönlicheren Sachen. Wie es Vater und Mutter geht, dem Paar, wie den Großeltern, da“heim“ gelassen, wie das Haus aussah, ihr Garten, als die Kinder noch klein war, gerade geboren, ohne Sorge auf die Zukunft und Veränderungen an Gesundheit, dem Land und ihrem Leben.

Also habe ich genauso die Frage gestellt, was denn nun für sie eine Heimat sei. Ich hatte alles vermutet, ähnliche Antworten wie, wo „das Kinderbett steht“ oder „unsere eigenen Eltern leben“ oder die Brüder und Schwestern der Eltern jetzt noch sind. Was der Vater schließlich sagte, natürlich mühsam zusammengesetzt durch die Künste des Übersetzers? „Wissen Sie, Herr Doktor, Heimat ist für uns nicht so etwas wie ein Haus oder ein leckeres Essen, nicht so etwas wie der Ort von Zufriedenheit, Glück und Frieden.“

Und mit einem Blick, der genau dies aussprach, bevor der Dolmetscher die richtigen Worte fand: „Heimat ist für uns der Ort, an dem unseren Kindern geholfen wird.“

(c) Bild bei Flickr/Sarah Horrigan, under Creative Commons

Der Sehnsuchtsort – aus dem ZEIT-Magazin

Wie sich mal ein Kind selbst heilte.

Es brüllt schon seit einiger Zeit im Hintergrund der Praxis, hebt sich ab von den ansonsten bekannten Geräuschen: Lachende Kinder, rufende Mütter, Türengehen, Telefonklingeln, klappernde Impftabletts, termingebende Arzthelferinnen. Er ist sehr laut, der kleine Kerl, von der Tür zur Anmeldung, kurz leiser werdend auf dem Weg ins Wartezimmer, dann wieder lauter, bis die fMFA ihn zügig ins Untersuchungszimmer setzen. „Plötzliches Bauchweh“ steht auf dem EDV-Planer.

Als ich ins Zimmer komme, bietet sich mir ein trostloses Bild: Ein knapp Dreijähriger auf dem Arm seines riesigen Papas, der, sicher zwei Meter groß, die kleine Mutter umringt die beiden. Der Junge klemmt sich beide Hände wimmernd in den Schritt, hochroter Kopf, sehr traurig, sehr traurig, die Wangen von Tränen glänzend.

Der Vater erzählt mir etwas von ganz plötzlichen Unterleibsschmerzen, seitdem sie vom Spazierengehen nach Hause gekommen sind, völlig unklar, warum, der Kleine jammerte und halte sich den Bauch. Die ganze Zeit, ohne Pause. Große Sorgen um Blinddarmentzündungen und sonstige Üblichkeiten. Der Stuhlgang, ja, der sei normal, auch regelmäßig, und nein, aufs Klo gehe er noch nicht alleine. Erbrechen, nein, und auch kein Fieber. Der Junge schluchzt und holt erneut Luft, um sein Leid in den Hemdkragen des Vaters zu weinen.

„Dann schaue ich mal“, sage ich und zeige auf die Liege. Der Vater legt den Jungen ganz vorsichtig ab, der sich brettsteif macht, aus Sorge, eine Veränderung der Lage – gestreckte Beine, die Hände dazwischen geklemmt – könne alles nur noch schlimmer machen. Aber er lässt es über sich ergehen. Seine Augen mustern mich argwöhnisch, was ich jetzt wohl tue, dann hoffnungsvoll, er kennt mich als seinen Doktor. Ich setze mich neben ihn und murmele irgendwelche aufmunternden und gleichzeitig beruhigende Formeln. Dabei beuge ich ganz leicht seine Beine – Bauchuntersuchungen mit verkrampft gestreckten Beinen sind praktisch unmöglich – und schiebe dabei etwas seine glühenden Hände beiseite.

Er trägt noch eine Windel, darüber eine dunkelblaue Jogginghose mit „Cars“-Motiv. Murmelnd hebe ich sein Sweatshirt hoch, lege die Hand auf seinen Bauch, der ist angespannt, „akut“, massiere tastend über den Colonrahmen Richtung Blasengegend, sein Blick wird ruhiger, ein schniefender Seufzer schaut mir beim Untersuchen zu. Gerade will ich die Windel aufmachen, um mir das Genitale, die Leisten anzuschauen, als ich spüre, wie das Plastikgewebe dicker, fülliger und langsam wärmer wird. Ich warte, ich schaue in sein Gesicht, seine Augen werden groß, seine Gesichtszüge glatter, das Rotgeweinte wechselnd zusehends in ein normales Rosa.

Der junge Mann beginnt zu lächeln. Die Windel füllt sich bis zur Oberkante, sie kann die Mengen an Urin nicht halten, die Papierunterlage bekommt eine ordentliche Menge ab. „Alles wieder gut?“, frage ich. Er nickt. „Wie jetzt?“, fragt der Vater, während die Mutter ihrem Sohn mit dem Ärmel das Gesicht abwischt. „Alles gut“, sage ich und zeige auf den glücklichen Jungen. „Ein Wunder“, bemerkt der Vater. Ich nicke.

The sun ain’t gonna shine anymore

Langsam hat es ein Ende mit den Nachrufen. 

Anno wasweißich habe ich den Film „Truly madly deeply“ in einem kleinen Kino in London gesehen, ich kurz vor meiner ersten Auslandsfamulatur in England, frisch verliebt und empfänglich für jede Art von Schnulzen im Kino. Traf ich auf den coolsten aller britischen Schauspieler. Alan Rickman. Ob Severus Snape oder Sheriff von Nottingham, gerne auch als Midlife Crisis Man in „Love actually“, diese Rolle mochte ich immer am liebsten: Alan Rickman als verstorbene Liebe des Lebens für Juliet Stevenson. Nun ist er irgendwo in dieser anderen Welt.

The sun ain’t gonna shine anymore:


Und wer den Film komplett sehen will:

Life on mars?

Das muß ich heute noch hinterherschieben:

Schon immer mein Lieblingssong.

… und dann natürlich

Vorherige ältere Einträge

%d Bloggern gefällt das: