Lieber Kollege Hauch …

… vielen Dank für dieses Buch.

Es wäre einfach zu schreiben, Sie haben genau das Buch geschrieben, das wir Kinderärzte im stillen Kämmerlein alle einmal schreiben wollten, aber, beim Heiligen “Laurence-Moon-Bardet-Biedl”: Es ist die Wahrheit.

Sie formulieren exakt die Erfahrungen in der Kinderarztpraxis, die Fallbeispiele, die Vorgänge in den Elternhäusern, den Kindergärten, den Grundschulen, bei Therapeuten, den Zeitgeist. Sie beschreiben, wie unsere Kinder und ihre Eltern ab Geburt unter ständigem Leistungsdruck stehen, wie jeder von ihnen stets nur Erfolge und Funktionieren erwarten und wie alle nur nach den Defiziten stieren. Sie beschreiben die Veränderungen in der Arztpraxis der letzten Jahre, weg von den Kinderkrankheiten, hin zu den sozialpädiatrischen Problemen, wir lesen von den Schwierigkeiten, die gerade Jungen haben, von den Tests, den Beobachtungen, die über die Kinder hineinbrechen, über die Meilensteine der Entwicklung, die eigentlich keine sind und über die Unfähigkeit aller Beteiligten, damit umzugehen.

Die Kapitelüberschriften (eine Auswahl) illustrieren den Rundumschlag Ihres Buches: “Von Masern zu Neuen Morbidiäten/Warum es schwerer geworden ist, Eltern zu sein/Das muss Ihr Kind können – muss es wirklich?/ADHS ist Dimensions- und Definitionssache/Warum es so schwer ist, nein zu Therapien zu sagen” usw. usf. Ein wenig Redundanz muß bei einer Empörungsschrift, wie Sie sie geschrieben haben, sein, denn man kann es nicht oft wiederholen: Therapien schaden. Sie zitieren Largo, Renz-Polster, Juul und Schlack, alles ehrenwerte Brüder im Geiste, die unsere Kinder so sehen, wie sie sind, nämlich – (CAVE: Banalität!) – Kinder und keine Versuchsobjekte von Erzieherinnen, Therapeuten oder, ja Eltern.

Ich rechne Ihnen hoch an, dass die Eltern so gut wegkommen, da greife ich mir an die eigene Nase, so gut gelingt mir das in meinem Buch und Blog nicht, zu sehr musste ich da ventilieren. Die Eltern können auch gar nicht anders – der Instinkt, die Natürlichkeit und Gelassenheit im Umgang mit den Kindern muß in der heutigen Zeit auf der Strecke bleiben. Zuviel “es muß”, “es soll”, “es wird erwartet” und “wenn nicht jetzt, dann…” vernebelt ihnen den Blick auf den spontanen Entwicklungsweg jedes einzelnen Kindes.

“Kinder haben ein Recht darauf, nicht ständig ans Morgen zu denken. Kindheit ist nicht die kurze Zeitspanne, in der der Mensch optimiert werden muss um das Rattenrennen um die besten Jobs und die besten Plätze in der Gesellschaft, Kindheit ist keine Krankheit, sondern Lebenszeit. Die wichtigste!”

Ich werde einen Karton mit fünfzig Exemplaren Ihres Buches ordern, um es jedem Kindergarten der Umgebung zu schenken und jedem mit überflüssigen Anfragen nach Therapien als Antwort zu schicken.

Kindheit ist keine Krankheit: Wie wir unsere Kinder mit Tests und Therapien zu Patienten machen von Michael Hauch, Regine Hauch – FISCHER Taschenbuch ISBN-10: 359603230X

“Lasst die Kinder in Ruhe!”, Michael Hauchs Artikel in der FAZ vom Februar letzten Jahres, der zu diesem Buch führte.

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Wer trifft die Entscheidungen?

“Darf Dich die Tante mal messen und wiegen, ja?”
“Kommst Du bitte mit ins Zimmer?”
“Möchtest Du Dich hier oben hinsetzen?”
“Jetzt kommt dann gleich der Doktor, okay?”
“So, schau, da ist er, der macht auch nichts Schlimmes, oder?”
“Machst Du bitte schön den Mund auf?”
“Lässt Du Dich jetzt mal untersuchen?”
“Schau mal, wie der Onkel, möchtest Du auch mal auf einem Bein stehen?”
“Soll die Mama mitmachen?”
“Und die Bilder da, magst Du die mal anschauen?”
“Sollen wir Dich jetzt wieder anziehen?”
“Auch die Hose und die Jacke?”
“Hast Du gehört, den Schnuller lassen wir abends mal weg, ist das okay?”
“Sagst Du dem Mann mal auf Wiedersehen?”
“Bist Du jetzt mal lieb?”

“Herr Doktor, ich weiß auch nicht, aber die Kleine macht im Moment gar nicht, was ich will.”

… ich gebe zu, ein Thema, dass mich seit der Niederlassung (also dem Bemühen um das Untersuchen von Kindern) und seit dem eigenen Vatersein (also der Erziehung der eigenen Kinder) umtreibt: Müssen Eltern ihre Kinder immer um Erlaubnis fragen? Eine Frage öffnet wenigstens zwei Möglichkeiten, und ein Kind nimmt todsicher die nicht gewünschte. Außerdem zeigen wir damit unsere eigene Unsicherheit über den Ablauf des Geschehens: Dem Kind wird die Wahl überlassen, ist aber vielleicht gar nicht in der Lage, eine Wahl zu treffen.

Oben genannten Ablauf habe ich letzte Woche bei einer U7a erlebt – zusammengekürzt auf die Aussagen der Mutter, die durch die Bank aus Fragen bestanden. Kein Wunder, dass die Dreijährige immer genau das Gegenteil von dem tat, was Mama wollte. Die Untersuchung scheiterte am Ende in einem Zornanfall des Kindes.

Tollabox Unboxed #laterblog

Vielen lieben Dank an das Team von Tollabox fürs Zusenden der Box zum Thema Gesundheit. Dank einiger Umleitungen kam sie letzendlich zu Weihnachten bei mir an. Ausgepackt ist sie schon lange, hier endlich die Bilder dazu als Danke schön.

Es gibt viel zu entdecken: Eine spannende Geschichte rund um die kleine Emma, deren Papa Dr. Brinkmann (sic!) selbst erkrankt ist, so dass das Mädchen versucht, den Praxisalltag zu bestreiten. Schließlich möchte sie nicht alle Patienten ins weit entfernte Krankenhaus schicken! Hilfe bekommt sie von den Tollas, dem guten Geistern der Tollabox-Idee, die sie aber schließlich daran erinnern, dass das keine Aufgabe für ein kleines Mädchen ist. So nimmt die Geschichte, als es etwas brenzliger wird, einen guten Ausgang.
Die Geschichte ist vorlesbar aus einem beigelegten Heft, es gibt sie aber auch als Hörspiel auf CD dazu. Tolla!

Was gibts noch? Wie immer in der Tolla-Box: Ganz viel Bastelkram. Man kann Seife herstellen, ein kleines Krankenhaus basteln und anmalen und eine Handschuhbakterie nähen. Alle Utensilien dafür liegen der Box bei. Videos im Internet geben Hilfestellung, aber eigentlich sind die beigefügten Anleitungen narren- und kindersicher. Ich fand die Gesundheitsbox witzig, klar, manche Umschreibungen in der Geschichte sind etwas mit erhobenem Zeigefinger (“kindersicherer Wasserkocher”), aber das muss wohl so sein.

Wie das Tollabox-System sonst funktioniert, verrät detailliert die Internetseite – in einem Abonnement erhält man monatlich eine Box nachhause geschickt, je länger man das Abo bestellt, desto günstiger wird die Box. Die Themen variieren, leider lassen sich aber keine einzelne Boxen nachbestellen (oder?), vielleicht geht das aufgrund der Stückzahlen nicht so einfach. Das Konzept ist innovativ, kreativ und inspirierend, wären die Kinderdok Kinder noch etwas kleiner, wäre das sicher auch eine Idee für unseren Haushalt gewesen. Schaut’s Euch mal an!

(Die Arztfigur soll übrigens mir nachempfunden sein)

**** Btw: Lasen Sie soeben den 1000.Blogeintrag auf “kids and me 2.0! ****
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[Dies ist kein sponsored blog post. Ich erhielt die Gesundheitsbox als Geschenk für das Redigieren des medizinischen Inhaltes der o.g. Geschichte. Das habe ich gerne gemacht. Da ich es wichtig finde, Kindern Gesundheitsthemen spielerisch nahezubringen, passt ein Bericht prima in meinen Blog. Teil des Berichtes sind Links, die dann zwingend zur Tollabox-Seite weiterleiten.
Schade, dass ich meine, ich müsse diesen Disclaimer schreiben. Aber das mache ich mit mir selbst aus.]

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Kinderängste (PM des BVKJ)

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Ängste der Kinder respektieren und sich nicht darüber lustig machen

“Leidet ein Kind unter gewissen Ängsten, so sollten Eltern sich nicht darüber lustig machen, sondern es ernst nehmen. Auf keinen Fall sollten sie ihr Kind zwingen, sich damit zu konfrontieren. Besser ist es, das Kind langsam an etwas Angstauslösendes heranzuführen.

„Sprechen Sie mit ihm und lassen sich die Ängste beschreiben, so dass Sie verstehen können, wovor Ihr Kind sich fürchtet. Loben Sie Ihr Kind, wenn es etwas macht, wovor es vorher Angst hatte“, rät Dr. Monika Niehaus, Kinder- und Jugendärztin aus Weimar.

Bestimmte Ängste gehören zur Entwicklung eines Kindes und sind vorübergehend. Halten die Befürchtungen aber über einen längeren Zeitraum an und können Eltern ihr Kind auch nicht mit Zuwendung und Unterstützung beruhigen, sollten sie den Kinder- und Jugendarzt darüber informieren.
Zwischen acht und zwölf Monaten entwickeln Babys erstmals Trennungsangst. Auch fremde Menschen können das Baby dann erschrecken. Kleinkindern und Vorschulkindern fällt es schwer, zwischen Phantasie und Realität zu unterschieden. In dieser Zeit können Albträume ein Kind wecken. „Dann hilft es, dem Kind Sicherheit zu geben, indem Vater bzw. Mutter es umarmen und evtl. bleiben, bis es wieder einschläft. Vielleicht können Eltern zusammen mit ihrem Kind z.B. dem gefürchteten Monster die Gefährlichkeit nehmen, indem sie seine Schwächen erkunden oder das Ungeheuer in einem Bild festhalten. Die Erklärung, dass etwas nur der Phantasie entsprungen ist, nimmt vielen Kindern häufig erst im Schulalter die Angst“, berichtet Dr. Niehaus. Fernsehsendungen, Nachrichten sowie Videospiele mit bedrohlichen Bildern sollten Kinder nicht ausgesetzt sein, denn dies kann ebenso Ängste schüren.

Mit dem Eintritt in die Schule können Prüfungs- und Versagensängste die Oberhand gewinnen. Anzeichen dafür können Bauchschmerzen, Übelkeit, Durchfall am Prüfungstag, Kopfschmerzen, Schweißausbrüche, Zittern, Harndrang, Schlaf- und Konzentrationsstörungen sein. Spätestens wenn der Alltag und die Schule dadurch stark beeinträchtigt werden, sollten Eltern den Kinder- und Jugendarzt konsultieren, um mögliche Maßnahmen zu besprechen.

Quelle: Canadian Paediatric Society, Early Child Development and Care”

Dies ist eine Pressemitteilung des BVKJ.

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Dem ist wenig hinzuzufügen, außer: Bereits bis zum Schulalter wird schnell nach einer professionellen (also ärztlichen oder psychotherapeutischen) Hilfe gerufen. Das ist leider ein Problem im Heranwachsen unserer Kinder: Viele Eltern wissen nicht, wie sie im Vorschulalter mit den o.g. Ängsten umgehen sollen. Oftmals ist der Reflex des “Stell Dich nicht so an” dann ausgelöst. Das greift zu kurz.

Viele Städte und Gemeinden bieten niederschwellige Beratungsangebote – karitativ oder staatlich finanziert gibt es Stellen, in den Sozialpädagogen oder Psychologen zu Gesprächen laden, um bestimmte Situation durchzuspielen und Handlungen zu analysieren. Man muß sie nur nutzen. Jeder Kinder- und Jugendarzt hat entsprechende Adressen.

Therapiert werden müßen Kinder mit Ängsten im Vorschulalter nie. Das schließt aber Hilfe nicht aus – und die sollte über die Eltern erfolgen, die die auslösende Situation besprechen, bespielen und vielleicht auch ändern. So hilft es dem Kind mehr – sehr einfach – , einen anderen Kindergartenweg zu wählen, als immer an dem Kläffer zwei Straßen weiter vorbeigehen zu müßen, “damit es abhärtet”. Von Monstern unter dem Bett war oben schon die Rede.

Wer kennt angstbesetzte Situation und kann von einem guten Ausweg oder Ausgang berichten?

(c) Bild bei Dee McIntosh

Erziehung bei den Kesslers

Das Buch hat einen einfachen, damit anspruchsvollen Titel: “Erziehung”. Trotzdem ist das Büchlein der Familie Kessler keines der vielen vielen Erziehungsratgeber, die in jeder Buchhandlung zuhauf herumstehen und die jede für sich die Wahrheit beanspruchen. Die Kesslers haben sich zusammengetan (Eltern und ihre vier Kinder) und ein gemeinsames Buch ihres gemeinsamen Familienlebens geschrieben. Deshalb folgt im Untertitel das “Abenteuer für die ganze Familie”.

Dabei behandelt jedes Kapitel ein Thema, das in jeder Familie eine Rolle spielt: Konsequenzen, der Umgang mit Grenzen, Medien, Gerechtigkeit, Taschengeld, Streitereien, auch Aufklärung und Pubertät, schließlich der Humor und die gemeinsamen Unternehmungen. Jedes Familienmitglied hatte die Aufgabe, ein bestimmtes Kapitel zu bearbeiten, Kommentare waren erlaubt. Entstanden sind dabei verschiedene Blickwinkel auf die eigene Familie, auf die Dynamiken über die Jahre, die Veränderungen und damit ein Beispiel für ein sehr harmonisches Zusammenleben.

Viel in dieser Familie ist geprägt durch den Glaube an Gott. Das ist ok und damit auch ein Lebensentwurf, der selbstredend in die Erziehung hineinspielt. Gegenseitige Achtung und Respekt, aktives Zuhören und Humor schwingen aus jeder Seite mit. Das Christliche mag nicht jedermanns Sache sein, manche mag das sogar abschrecken. Ich fand es aber in der Summe nicht aufdringlich, lediglich der Verbot von Medien in denen Zauberer oder Hexen vorkamen (Bibi Blocksberg oder Harry Potter), halte ich in der heutigen Zeit für sehr anachronistisch. Der Einfluss der Rowling-Bücher hat bei vielen Kindern sicher nicht zur Verführung zur Magie (und damit zum zitierten “Bösen”) geführt, sondern zur Kameradschaftlichkeit, Freundschaft und Liebe zur Familie und dem Glauben in das Gute im Menschen.

Das Buch bietet keine Kochrezepte, zum Glück, denn Erziehungsbücher, die das vermitteln, sind i.d.R. die schlechtesten. Die Kesslers wollen das auch gar nicht. Sie wollen zeigen: So machen wir das, das ist unser Gesamtkonzept. Ihr könnt das auch, mit Humor und Respekt. Das ist ok und völlig ausreichend. Wer allerdings Hilfe sucht, weil es in der Erziehung mit den eigenen Kinder nicht funktioniert, dem wird das Buch nicht helfen. Ich hab´s trotzdem mit Genuß gelesen, konnte dieses und jenes für die eigene Familie bestätigen und ableiten. Danke für das Buch, Emanuel Kessler. ;-)

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alphabet oder Was macht die Schule mit unseren Kindern?!

Kennt jemand von Euch den Film “alphabet“? Er lief vor einem guten Jahr in verschiedenen (Programm-)Kinos, damals hatte ich ihn leider verpasst. An dem einen Tag konnte ich nicht, an dem anderen hatte meine Frau keine Zeit (ich gehe ungern alleine ins Kino), und schon war er aus dem Kinoprogramm verschwunden.

Wie prägt das Schulsystem unsere Kinder? Das will der Filmemacher Erwin Wagenhofer vermitteln, der uns schon so spannende Filme wie “We feed the World” bescherte. Der Trailer dieses Films lässt hoffen, dass verschiedene Lehrsysteme der Welt gezeigt werden und sich damit letztendlich unser Schulsystem in Deutschland kritisch auseinandersetzen darf. Ich dachte, ich sehe Japaner, Chinesen, afrikanische Eingeborene, US-Amerikaner und Aborigines und davon abgesetzt Waldorfschulen, die Rütli-Schule und irgendein Elitegymnasium, um Schlüsse zu ziehen, was das Lernen der Kinder wirklich ausmacht.

Weit gefehlt. Der Film zeigt uns am Anfang nur das chinesische Schulsystem – wir hatten es schon befürchtet: Drill, Prüfungen, Urkunden, Matheolympiaden. Wir sehen die Chinesen aus dem Blick des PISA-Beauftragten der Bundesrepublik, der gleich feststellt, dass China schließlich alle PISA-Rankings anführt, und dass Europa dies verpasst habe, um auf dem Weltmarkt mitzuhalten. So weit, so gut.

Dann lernen wir Herrn Professor Hüther kennen, für Bildungs- und Erziehungsforscher in Deutschland ein bekannter Mann, er durchreist die Lande und lehrt, die Kinder Kinder sein zu lassen, wegzukommen vom Drill in deutschen Landen, weg von Noten und Gehorsam, hin zur freien Entfaltung des Individuums. So weit, so gut.

Schließlich gibt es die Familie Stern. Der alte Mann hat autodidaktisch eine “Malschule” begründet, die in seinem französischen Gutshaus Kindern, auch Älteren die Möglichkeit bietet, sich malerisch zu entfalten. Ein weißes Blatt, schöne Ölfarben, ein paar alte Pinsel, jeder darf, wie er/sie will. Niemand gibt etwas vor (außer dem alten Mann, der dafür sorgt, dass die Farben sauber bleiben und das Blatt an der richtigen Stelle an die Wand gezweckt wird). Später kommt sein Sohn ins Bild, der nie zur Schule ging, nie unter Druck stand, und jetzt fließend Fremdsprachen spricht und wunderschön selbst gebaute Gitarren spielt. Schnitt auf Professor Hüther, der verkündet, dass Kinder sich stets alleine bilden, auch ohne das Zutun von außen.

Der letzte im Reigen der pädagogischen Anschauungsobjekte ist schließlich Pablo Pineda, der als erster Mann mit Down-Syndrom erfolgreich ein Universitätsstudium abschloss und der nebenbei schauspielert – auch hier gibts den passenden Hütherschen Kommentar. Pineda darf dann auch den entscheidenden Satz sprechen, dass Pädagogik etwas mit Liebe zu tun haben muß und nie mit Angst. Er fährt schlafend Zug, wir sehen ihn im Fussballstadion und wie er im Campus lauthals gähnt. Die sympathischste Figur des Films.

Ich erwartete den Schlagabtausch zwischen Hüther und dem PISA-Mann, gerne auch eine deutsche Familie, die nach China auswanderte, oder arme chinesische Kinder, die das deutsche Bildungssystem unterfordert. Der Hartz-IV-Mann, der sich per Securityarbeit und 8 Euro pro Tag über Wasser hält, trotz Einser-Notendurchschnitt in der Hauptschule – er wurde als einziges “Opfer” in Deutschland präsentiert.

Vor allem aber erwartete ich die gestörten deutschen Kinder, die auf dem chinesischen Weg sind, um nur Leistung über Leistung zu bringen. Das CEO-Seminar von McKinsey, das etwas deplatziert hineingeschnitten war, und indem die junge Absolventen zeigen konnten, wie skrupellos sie das hiesige System gemacht hat, blieb überraschend zahm (abgesehen davon, dass die zukünftigen CEOs in ihren dunkelblauen Kostümchen und Anzügen genauso uniformiert wirkten wie die chinesischen Schulkinder). Sprach deshalb der Personalchef der Telekom von der Militarisierung unserer Wirtschaftskarrieren?

Chinas Lehranstalten gegen schullose Erziehung gegen Hüthersche Horrorprognosen – zu schwach für einen Film, der aufrütteln will.
Schade. Chance verpasst.

Offizielle Seite mit Trailer usw.
alphabet auf DVD und – wer hat – via Amazon Stream

Passend dazu: Wir sind keine Sorgenkinder von Martin Spiewak

Mich mag auch nicht jeder

grouch

Mittwochnachmittag, wir vertreten ein paar Kinderarztpraxen der Umgebung. Es folgt Mutter mit Tochter, die Praxissoftware verrät, dass Melanie seit anderthalb Jahren nicht mehr da war.

Ich: “Hallo, wir kennen uns doch…”
Mutter: “Ja?”
Ich (mit dem Vorteil der EDV-Dokumentation): “Sie waren doch bis Ende 2012 bei mir in der Praxis, da war Ihre Melanie gute zwei Jahre alt, oder?”
Mutter: “Ja, kann sein.”
Ich: “… seit Geburt. Haben Sie gewechselt?”
Mutter: “Mmmh, ja.”
Ich: “Oh schade, wie bedauerlich. Mich interessiert immer, warum?”
Mutter: “Ach, die Melanie hat bei Ihnen immer so geweint.”
Ich: “Ja, das machen die Kinder beim Kinderarzt mitunter. Und, beim anderen Kollegen geht’s jetzt besser?”
Mutter: “Naja, so lala, sie mag halt keine Ärzte.”
Ich: “Ich seh grad, Sie waren zwischenrein noch bei Frau Kilian, jetzt sind Sie bei Doktor Riemlich?”
Mutter: “Das war irgendwie alles nichts. Hat sie überall geweint. Und der Herr Riemlich schreibt ja auch immer gleich die Hämmer auf. Frau Kilian war gaaar nichts, da hat sie noch mehr geheult.”
Ich: “Wie gesagt…”

Melanie sitzt auf dem kleinen Stühlchen am Kindertisch und kritzelt was aufs Blatt Papier.
Ich: “Na denn,” und bitte die Mama, Melanie auf den Schoß zu nehmen, damit ich sie untersuchen kann. Sicher ist sicher.

Die Mutter geht zögerlich auf ihre Tochter zu und hebt bereits beschwichtigend die Hände:
“So, Melchen, jetzt brauchst Du gar keine Angst zu haben, gelt?”, die Tochter schaut verschreckt auf, als nehme sie die Praxis erst jetzt wahr,
“der Onkel tut Dir gaaar nichts, nicht wahr?”, jetzt zucken schon die Mundwinkel,
“der hat auch gaar keine Spritze dabei, guckst Du?”, die Augen werden größer,
“und der tut auch gaaar nichts Böses, ja? Wir sind dann hier auch ganz schnell wieder weg, dann ist alles wieder gut, gibt dann auch ein Eis, ach, Melchen, Du musst doch gar nicht weinen, komm, ach Schatzileinchen, jetzt komm…”
Der Rest gibt im Brüllen der Tochter unter.

Ich höre noch ein “Dabei habe ich ihr zuhause erstmal gar nichts gesagt, dass wir zu Ihnen gehen, weil, dann hätte sie gleich noch mehr geweint, weil sie Sie doch so gaaar nicht mag…”,
die Untersuchung ein einziges Fiasko.

Man muß nicht alle Menschen mögen, aber was ich mag: Wenn Kindern Vertrauen und Zuversicht vermittelt wird und keine Angst und Abneigung. Projektion nannte das wohl Freud.

 

(c) Foto bei Greg Westfall

Ein Löffel für den Papa …

In der letzten ZEIT bewegte ein Artikel eines Vaters, der von der Fütterstörung seine Tochter im ersten Lebensjahr berichtete. Die Bezeichnung des Verhaltens, wie es der Vater nennt, lautete “Frühkindliche Anorexie”, die Kinderärzte sprechen eher von einer “Fütterstörung”. Das Kind habe sich schon immer schwer füttern lassen, “vergaß meine Frau mal, sie zu stillen, beschwerte [Karla] sich nicht.” Und das setzte sich mit der festeren Beikost fort. Das Kind sei permanent im Hungerstreik, es gebe nichts, was es gerne esse, es gebe keine Füttersituation, die entspannt verliefe.

Der Vater berichtete von all den Mühen und Versuchen, die Tochter zum normalen Essen zu bewegen, und erst ein mehrwöchiger Kuraufenthalt habe so etwas wie Hoffnung in der Familie gesetzt. Eine sorgenvolle, angstbesetzte Zeit, die nachvollziehbar an den Nerven der Eltern zehrt, ich bewundere den unterschwelligen Humor, den der Vater in seinen Zeilen vermittelt. Galgenhumor.

Wer den Artikel liest, mag zu dem Schluss kommen, es gebe mehr Kinder, als wir glauben, die bereits im Kleinkindalter “anorektisch” seien. Das vermittelt die Benennung des Vaters und auch der Erklärungskasten im Artikel, welcher von “mehreren Promille der Bevölkerung” spricht. Das ist sicher falsch. Die Anorexie kommt zwar bei unter 1% der Jugendlichen vor, eine Fütterstörung im Kleinkindalter sogar bei 5% der Kinder, eine Vermischung der Entitäten ist aber nicht statthaft, schon gar nicht, um den Leser eines Artikels mit einem bekannten Krankheitsbild (Magersucht) zu ködern.20140503-162844.jpg

Die Anorexia nervosa ist zwar genauso eine Essstörung wie die frühkindliche Fütterstörung, aber sie geht stets mit einer Körperschemastörung der betroffenen, ja, meist Mädchen einher, welche sich immer noch für zu dick halten, obwohl sie bereits einen Bodymassindex unter 16 kg/m2 haben, die Monatsblutung ausbleibt und sie präkollaptisch sind. Eine gewisses Motiv hinter der Magersucht der Jugendlichen kann man neben den anderen Risikofaktoren (Genetik, Familienkonstellation, frühkindliches Essverhalten) also ableiten, was einem Kleinkind eher abgeht. Das Kleinkind Karla in dem Artikel verweigert aber nicht motiviert das Essen, um dünn zu bleiben.

“Wenn da jemand gestört ist, dann nicht das Kind allein”, schreibt Karlas Vater in seinem Artikel. Und so entwickelt sich aus dem kindzentrierten “Krankhungern” und “schlechten Essen” das familienzentrierte Handeln, die “Selbstbeobachtung und -korrektur” [der Eltern], denn “wer nicht per se falsch füttert, beginnt irgendwann damit, wenn seine Bemühungen andauernd scheitern.” Wohl wahr. Füttern und Essen gelingen am besten, wenn man sie als selbstverständlich hinnimmt und nicht als aktive Mittel zum Überleben. So wie das Atmen oder Fortbewegen. Die Angst vor dem Verhungern des Schutzbefohlenen lähmt alle Intuition und schürt das Tricksen mit Essspielen, Schimpfen oder Belohnungen.

In der alltäglichen Praxis begegnet uns Kinderärzten noch immer die Diktion des “schön” und “genug” Essens oder vielmehr des Gegenteils, das Kind esse immer “zu wenig” oder “nicht richtig.” Unser aller Prägung, den Nachwuchs mit ausreichend Essen durchzubekommen, verstellt den Weg zur Eigenregulation von Hunger und Durst, auch der Lust am Essen. Der Säugling wird nach Uhr gestillt und nicht nach Bedarf, die Flasche so oft angesetzt, wie die Packungsrückseite das hergibt und nicht, wie das Baby dies einfordert.
Die Beifütterzeit bringt dann den Umbruch: Die Säuglinge beginnen jetzt, sich zunehmend autonom zu verhalten (Individuationsphase), dies führt zum Konflikt mit den aufgezwungenen Fütterbestrebungen der Eltern, schließlich verweigert das Kind aus Frust das Essen, was die Angst vor dem Verhungern des Kindes die Eltern zu noch mehr Fütteranstrengungen verleitet.

Die Eltern hören auf Oma und Opa (“der isst aber nicht schön” und “Gott, ist die dünn”), Nachbarin und sonst berufene Beifütterratgeber (“also, bei uns hat geholfen…”) und verlieren den Blick auf ein Grundprinzip: Wir entscheiden nur, was die Kinder essen und sie entscheiden, wieviel.

Eine Fütterstörung ist eine Bedürfnisstörung als Fehlregulation in der intrafamiliären Beziehung, wie das auch bei Schreibabys oder Bindungsstörungen vorkommt, damit aber kein unilateraler Vorgang, an dem irgendjemand Schuld trägt. Wer das erkennt, ist einen Schritt weiter. Eine jugendliche Anorexie hat viel davon, läuft aber viel komplexer ab, da motivgesteuerter, und ist trotzdem oftmals in einer frühkindlichen Fütterstörung begründet. Gleichsetzen sollte man sie nicht.

Noch etwas: Schwerste Fütterstörungen, wie die berichtete, sind sicher große Ausnahmen. Wir sollten uns als fütternde Leser daher davor hüten, jeden verweigerten Löffel im Lichte dieses Artikels zu sehen. Denn dann kommt zur Angst vor dem Verhungern des Kindes auch noch die Angst vor der “Anorexie” des Kleinkindes dazu.

Der besagte Artikel “Da! Iss!” auf ZEIT online.
Hilfe für betroffene Familien.

Supernanny 2.0

ach, nein, uups, ‘tschuldigung, natürlich nicht, das hier ist nicht der Aufguss der abgesetztendankten Katharina Saalfrank aka Supernanny aka “Stiller Stuhl” von RTL, oh, nein, dass hier ist was ganz Neues auf Sat.1*:

Alina Wilms beobachtet überforderte Eltern, gestresste Kinder und verschobene Familien, sie guckt, sie urteilt, sie empfiehlt. Wie man hört, mitunter mit ungewöhnlichen Methoden (indische Entspannungstechniken? Tres chic!) und dem Therapiehund Archibald. Das hat Klasse, das ist modern, das wollen wir sehen. Ich wäre froh, wenn ich in meinem Stadtkreis wenigstens überhaupt einen Kinder- und Jugendpsychologen hätte, der was taugt. Davon gibts viel zu wenige, quantitativ und qualitativ.

Heute gehts um ADHS, da steigt Sat.1 sofort mit *dem* Zugpferd des aktuellen Schubladendenkens für Kinder und Jugendliche ein. Wir dürfen gespannt sein. Ob sich dann Jannik, das erste Opfer Objekt der Sorge mit Archibald beschäftigen darf, oder aber via Yoga-Übungen zur Erleuchtung Konzentration gelangt? Solange er’s nicht “in der Gruppe” machen muß, dürfte alles gut laufen.
Was folgt in den nächsten Episoden, sind die bekannten Problembereiche Patchworkfamilie, Alleinerziehen, Teenager und Großfamilie – da finden wir uns doch alle wieder.

Frau Saalfrank ist Sozialpädagogin, entsprechend erzieherisch-dogmatisch war die Sendung vormals ausgerichtet, ganz im Stile des Triple-P-Konzeptes, oftmals aufgesetzt und für die Eltern schwer umsetzbar. Zudem wurde der Eindruck vermittelt, Kinder ließen sich wie beim Hundeflüsterer binnen weniger Tage “umdrehen”. Nun also “Mission Familie”, wo eine Psychologin auszog, die kaputten Familien zu retten. Immerhin sei Frau Wilms ausgebildet in “achtsamkeitsbasierter kognitiver Therapie”. Das zumindest lässt hoffen.

Voyeuristisch sind diese Formate allemal, “dienen” werden sie lediglich dem Trieb nach Beobachtung, Belächeln und Fremdschämen. Den gezeigten Familien helfen sie vielleicht kurzfristig, schaden können sie aber auch durch die Veröffentlichungen im Fernsehen.
Für den Zuschauer, der in ähnlichen Problemen steckt, können Einzelfalltherapien keine Modelle sein. Zu komplex sind die Zwischenmenschlichkeiten in den Familien, zu inhomogen die zugrundeliegenden Ursachen, zu individualisiert sollten die empfohlenen Therapien sein.

Wer übrigens keine Lust hat auf dieses Format und Therapien im weiteren Sinne, hier ein schöner Einwurf des Kollegen Hauch.

*übrigens: “Supernanny” wie auch “Mission Familie” werden beide von der Tresor-TV produziert.

[Edit]: Ich habe mich für meine Leser geopfert und die erste Folge heute angeschaut – hach, naja… Letztendlich ist es das gleiche wie das, was die Saalfrank vor Jahren gemacht hat, der gleiche Aufbau, das gleiche Coaching, das gleiche “so einfach ist das alles”. Pech für uns Ärzte: Da haben wir gleich mal eine geschallert bekommen, dass die Diagnose ADHS bei dem Jungen natürlich die falsche war (liess sich aber auch mit zwei oder drei K.O.-Fragen feststellen, da hat wirklich jemand geschlampt im Vorfeld). Wie auch immer, der Mittwochabend wird in Zukunft anders genossen, sicher nicht mit “Frau Doktor”.

Der isst ja gaar nichts!

Mutter: “Wir haben ja das Problem, dass unser Sohn üüüberhaupt nichts isst.”
Ich: “Ohja? Was hat er denn heute Mittag gegessen?” Der Sohn sitzt auf der Liege – so vier bis fünf Jahre alt, sieht normal genährt aus, nicht blass, nie krank – und grinst.
Mutter: “Na, heute mittag gings gut. Da gab´s ja auch Nudeln. Die ist er immer. Aber auch nicht viel!”
Ich: “Was ist denn viel?2
Mutter: “Der isst nur drei oder vier Gabeln voll.”
Ich: “Irgendwas dazu?”
Mutter: “Sauce lässt er weg. Danach hat er so einen Joghurt gegessen. Fruchtzwerg. Die mag er.”
Ich: “Ist doch schön. Also isst er ja doch was.”
Mutter: “Aber das ist doch kein Essen!”
Ich: “Nicht? Und warum gibt´s das dann?”
Mutter: “… isst er ja sonst üüberhaupt nichts sonst.”
Ich: “Frühstück?”
Mutter: “Gaaar nichts.”
Ich: “Was isst er denn?”
Mutter: “Vielleicht ein oder zwei Nutella-Brote.”
Ich: “Ist doch prima.”
Mutter: “Finden Sie? Das ist doch nicht gesund.”
Ich: “Aber zuhause haben Sie es doch trotzdem.”
Mutter: “… würde er sonst ja gaaar nichts essen. Abends ist am schlimmsten.”
Ich: “Ja, wieso?”
Mutter: “Da isst er nur die Wurst. Nur den Käse. Kein Stück Brot. Vielleicht mal ein Croissant.”
Ich: “Zum Abendbrot.”
Mutter: “Na klar! Mein Mann möchte gerne abends immer Croissants essen. Mag er nur so.”

Wir fassen zusammen: Der Junge isst üüüberhaupt nichts, außer dem angebotenen Nutellabrot, den Nudeln, dem Fruchtzwerg und dem Belag vom Abendbrot. Die Eltern scheinen mit “gesundem” Vorbild voranzugehen, das macht der Junge gerne mit. Essenserziehung ist wie das Atmen: Wir sorgen dafür, dass die Kinder an die frische Luft kommen und rauchfrei aufwachsen, aber keiner von uns würde sich Sorgen machen, dass die Kinder zuviel oder zuwenig ein- oder ausatmen. Essen muß gesund und ausgeglichen angeboten werden, die ungesunden Sachen lässt man lieber gleich im Supermarkt oder überlässt das den Besuchen bei der Oma. Die Croissants darf man mal zum Sonntagsfrühstück auf den Tisch stellen. Wenn man sie jeden Abend auf den Tisch bringt, muß man sich nicht wundern, wenn es die Kinder mitessen.

Kinder essen eigentlich nie zuviel oder zuwenig. Kinder essen vielleicht mal ungesund, aber nur dann, wenn wir es ihnen geben oder anders vorleben. Darauf kann man sich verlassen. Wer über das Essen streitet, bestraft oder belohnt, wird selbst mit Sorgen belohnt, das Kind würde sich falsch ernähren.

Alles leichter gesagt als getan?

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