osteopathologisch

“Herr Doktor, wir würden gerne mal zum Osteopathen, weil, die Maya kam ja mit die Saugglocke, und da hat mein Kieferorthopäde gesagt, da kann man mal zum Osteopathen gehen. Die Krankenkasse zahlt das auch, wenn Sie es verordnen.”
“Aber Ihre Tochter ist doch kerngesund?”
“Nur zur Vorsicht.”
“Vor was?”
“Dass sie sich normal entwickelt.”
“Tut sie ja, das haben wir bei der U3 und U4 schon prima gesehen. Mehr muss sie gar nicht können, als sie jetzt kann.”
“… und die anderen machen es ja auch.”

Danke für den Hinweis

Lieber Herr Rebmann*,

ich habe schon einiges gehört, warum Eltern mit ihren Kindern den Kinderarzt gewechselt haben, und manches ist auch nachvollziehbar (wenn auch nicht immer für die Kinder), dass ich z.B. mit Glaubuli nichts am Hut habe, oder dass ich meine Überzeugung als Impfbefürworter aktiv vertrete, auch dass ein Anderthalbjähriger bei mir immer so weint, sobald ich durch die Tür komme (da kann man noch viele Kinderärzte wechseln), aber Ihre Begründung hat mich vollends überzeugt – wir werden daran arbeiten:

“Ich suche mir einen anderen Arzt, was Sie hier bei den Vorsorgeuntersuchungen verlangen, ist nicht altersentsprechend.”

Danke für den Beitrag zum Qualitätsmanagement in meiner Praxis.
Ihr kinderdok.

 

*Name wie üblich geändert.

Externe Diagnose

Mutter: “Ich möchte gerne meine Tochter auf Winkelfehlsichtigkeit untersuchen lassen.”
Ich: “Aha. Wieso, wie kommen Sie darauf?”
Mutter: “Hat die Bezugserzieherin gesagt im Elterngespräch. Die Diagnose sei eindeutig.”
Ich: “Und welches Problem hat Ihre Tochter mit fünf Jahren genau, dass die Erzieherin sich so sicher ist… mit dieser höchst umstrittenen Diagnose?”
Mutter: “Sie kann noch nicht das Größer-Kleiner-Zeichen richtig. Verwechselt sie ständig.”

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Kinderängste (PM des BVKJ)

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Ängste der Kinder respektieren und sich nicht darüber lustig machen

“Leidet ein Kind unter gewissen Ängsten, so sollten Eltern sich nicht darüber lustig machen, sondern es ernst nehmen. Auf keinen Fall sollten sie ihr Kind zwingen, sich damit zu konfrontieren. Besser ist es, das Kind langsam an etwas Angstauslösendes heranzuführen.

„Sprechen Sie mit ihm und lassen sich die Ängste beschreiben, so dass Sie verstehen können, wovor Ihr Kind sich fürchtet. Loben Sie Ihr Kind, wenn es etwas macht, wovor es vorher Angst hatte“, rät Dr. Monika Niehaus, Kinder- und Jugendärztin aus Weimar.

Bestimmte Ängste gehören zur Entwicklung eines Kindes und sind vorübergehend. Halten die Befürchtungen aber über einen längeren Zeitraum an und können Eltern ihr Kind auch nicht mit Zuwendung und Unterstützung beruhigen, sollten sie den Kinder- und Jugendarzt darüber informieren.
Zwischen acht und zwölf Monaten entwickeln Babys erstmals Trennungsangst. Auch fremde Menschen können das Baby dann erschrecken. Kleinkindern und Vorschulkindern fällt es schwer, zwischen Phantasie und Realität zu unterschieden. In dieser Zeit können Albträume ein Kind wecken. „Dann hilft es, dem Kind Sicherheit zu geben, indem Vater bzw. Mutter es umarmen und evtl. bleiben, bis es wieder einschläft. Vielleicht können Eltern zusammen mit ihrem Kind z.B. dem gefürchteten Monster die Gefährlichkeit nehmen, indem sie seine Schwächen erkunden oder das Ungeheuer in einem Bild festhalten. Die Erklärung, dass etwas nur der Phantasie entsprungen ist, nimmt vielen Kindern häufig erst im Schulalter die Angst“, berichtet Dr. Niehaus. Fernsehsendungen, Nachrichten sowie Videospiele mit bedrohlichen Bildern sollten Kinder nicht ausgesetzt sein, denn dies kann ebenso Ängste schüren.

Mit dem Eintritt in die Schule können Prüfungs- und Versagensängste die Oberhand gewinnen. Anzeichen dafür können Bauchschmerzen, Übelkeit, Durchfall am Prüfungstag, Kopfschmerzen, Schweißausbrüche, Zittern, Harndrang, Schlaf- und Konzentrationsstörungen sein. Spätestens wenn der Alltag und die Schule dadurch stark beeinträchtigt werden, sollten Eltern den Kinder- und Jugendarzt konsultieren, um mögliche Maßnahmen zu besprechen.

Quelle: Canadian Paediatric Society, Early Child Development and Care”

Dies ist eine Pressemitteilung des BVKJ.

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Dem ist wenig hinzuzufügen, außer: Bereits bis zum Schulalter wird schnell nach einer professionellen (also ärztlichen oder psychotherapeutischen) Hilfe gerufen. Das ist leider ein Problem im Heranwachsen unserer Kinder: Viele Eltern wissen nicht, wie sie im Vorschulalter mit den o.g. Ängsten umgehen sollen. Oftmals ist der Reflex des “Stell Dich nicht so an” dann ausgelöst. Das greift zu kurz.

Viele Städte und Gemeinden bieten niederschwellige Beratungsangebote – karitativ oder staatlich finanziert gibt es Stellen, in den Sozialpädagogen oder Psychologen zu Gesprächen laden, um bestimmte Situation durchzuspielen und Handlungen zu analysieren. Man muß sie nur nutzen. Jeder Kinder- und Jugendarzt hat entsprechende Adressen.

Therapiert werden müßen Kinder mit Ängsten im Vorschulalter nie. Das schließt aber Hilfe nicht aus – und die sollte über die Eltern erfolgen, die die auslösende Situation besprechen, bespielen und vielleicht auch ändern. So hilft es dem Kind mehr – sehr einfach – , einen anderen Kindergartenweg zu wählen, als immer an dem Kläffer zwei Straßen weiter vorbeigehen zu müßen, “damit es abhärtet”. Von Monstern unter dem Bett war oben schon die Rede.

Wer kennt angstbesetzte Situation und kann von einem guten Ausweg oder Ausgang berichten?

(c) Bild bei Dee McIntosh

Saftladen

Vater: “Und dann, übrigens: Sie isst ja gar nichts.” Nachdem ich mir die nicht vorhandene Bindehautentzündung und den nicht vorhandenen Ausschlag angeschaut habe.
Ich: “Und was isst sie?”
Vater: “Na, nichts.”
Ich: “Gar nichts?”
Vater: “Gar nichts. … also fast.”
Ich: “Und was?”
Vater: “Mal ´n Keks.”
Ich: “Aber trinken tut sie?”
Vater: “Ja und wie.”
Ich: “Und was? Zum Beispiel heute morgen?”
Vater: “Milch. Mit Kaba.”
Ich: “Und mittags?”
Vater: “Auch wieder Milch. Ohne Kaba.”
Ich – ahnend: “Aus der Flasche?”
Vater: “Ja.”
Ich – ängstlich: “Wieviele Flaschen?”
Vater: “Keine Ahnung. So zwei Liter werden´s schon sein.”
Ich: “Wie alt ist Ihre Tochter?”
Vater: “Drei Jahre?”
Ich: “Wieviel Taschengeld bekommt sie?”
Vater: “Äh… noch keins?”
Ich: “Und wie oft geht sie einkaufen?”
Vater: “Gar nicht?”
Ich: “Sehen Sie? Das ist der Schlüssel zum Glück. Wenn Ihre Tochter noch nicht losgeht und sich selbst die Milch in Flaschen mit Kaba kauft, dann werden Sie das wohl selbst machen.”
Vater: “…”
Ich: “Genau. Kaufen Sie keinen Kaba mehr und lassen Sie sie nicht mehr soviel Milch trinken. Dann wird sie auch essen.”
Vater: “Und was soll ich ihr dann in die Flaschen tun? Saft?”

In Variationen führe ich dieses Gespräch sicher ein oder zweimal die Woche. Ich unterstelle den Eltern gar kein Unwissen. Es ist die Angst vor dem Verhungern, dass sie zu solchen Schritten treibt, gepaart mit der Konfliktscheue, den Kindern die Flasche zu verweigern. Aber so einfach ist es nun einmal: Wer einkauft, bestimmt, was zuhause auf den Tisch kommt. Und nur das nehmen die Kids zu sich. Lässt sich beliebig austauschen (Fruch.tzwer.ge, Fan.ta, Zuckermuesli, GuteNacht-Breie usw.).

Zeig mir mal, was ist denn das? II

Um Euch nicht weiter auf die Folter zu spannen, hier das Originalblatt des Sprachfragebogens. Klar war die Version vor zwei Wochen ein Fake, aus der Erinnerung ausgefüllt mit den lustigsten oder häufigsten Benennungen, die mir die Kinder hier geliefert haben.
Ich fands allerdings schön, wie das hier manche Leser interpretiert haben: “Ich nehme einfach mal an, das ist um die Kinder zum Sprechen zu animieren? Du sagst das Falsche, und sie fühlen sich genötigt, dich zu verbessern.” (sakasiru) – “Also meine Vermutung wäre, dass die falschen Begriffe oben drüber der mögliche Hinweis sein soll, falls das Kind nicht von allein auf die Bezeichnung kommt. So nach dem Motto “Das ist so etwas ähnliches wie eine Birne” für “Apfel” und “Nachts scheint der Mond und tagsüber?” die “Sonne”…” (Susann)

Vielen Dank fürs Mitraten, aus dem Urlaub heraus (mit seltenst Internet) schön zu verfolgen. Abschließend bleibt die erschreckende Erkenntnis, das manche Kollegen wohl die Sprache bei U7a nicht überprüfen und (zumindest hier) dennoch die Gelassenheit zur Sprachentwicklung überwiegt. So sei es recht.

Ansonsten ist die Praxis wieder am Brummen, bald gibts dadurch so hoffentlich wieder neue Stories.

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Zeig mir mal, was ist denn das?

Zur Orientierung der Sprachentwicklung (z.B. mit drei (U7plus) oder vier Jahren (U8)) benutzen viele Kinderarztpraxen einen Bilderbogen, der die wichtigsten Konsonanten der deutschen Sprache erfragt, um mögliche Sprachbildungsstörungen zu erkennen. Er wurde eine zeitlang über eine Pharmafirma vertrieben und eignet sich für einen kurzen Überblick. Wen´s interessiert, ich habe ihn hier eingescannt:

Grimm1

.
Eine kleine Bitte habe ich aber: Nicht anfangen und die Wörter zuhause üben. Das soll schließlich eine Überraschung sein für die Kinder. Nicht, dass demnächst alle Eltern kommen und sagen: “Oh super, das haben wir schon beim Kinderdoc gesehen!” …

Prost und Schwangerschaft?

Dass man in der Schwangerschwaft nicht rauche und keine Medikamente zu sich nehme, hat sich wohl mittlerweile herumgesprochen. Was leider noch nicht in allen Köpfen angekommen ist: Auch Alkohol birgt ein hohes Risiko für kindliche Mißbildungen, vor allem aber für diffuse Entwicklungsstörungen in der Kindheit mit sich. Dabei kann eine einzelne “Dosis” Alkohol bereits auslösendes Moment sein.Vintage Ad: Should You Drink if You're Pregnant?

Interessant in den Studien: Rauchen vor allem Mütter aus sozial schlechter gestellten Schichten, bedeutet der ProSecco auch bei den besser gebildeten Frauen ein Kavaliersdelikt. 2007 haben laut KIGGS Studie immerhin 17% der Frauen gelegentlich Alkohol in der Schwangerschaft getrunken (bei 50% in einer Befragung von 2002).

Ein toller Artikel dazu fand sich unlängst in der Zeit: Vollrausch im Mutterleib, eine Anspielung auf die Dosis Alkohol, die der Embryo abbekommt, wenn es für die Mama nur ein Viertele ist.

(c) Foto bei vintage ads

Bloß nichts verpassen

Ich soll bei dem Neunjährigen (3.Klasse) einen Sprachtest machen.

Ich: “Um was gehts denn genau?”
Mutter: “Ja, die Sprache ist manchmal nicht so. Also deutlich und so. Buchstaben.”
Ich: “Ok. Na denn. Dann schaue ich mal, wie schlimm das ist.”

Ich checke mit dem Jungen die ganze Palette meines Sprachtestprogramms durch (Einzelbuchstaben, Pluralbildung, Möhring, ZLT – die kleine Screeningeinheit des Kinderarztes) – wir sind so zwanzig, fünfundzwanzig Minuten beschäftigt. Alles ok. Glasklare Sprache, liest schon recht flüssig. Bingo.

Ich: “Sie haben es ja grade gehört, alles ist in Ordnung, prima. Ich kann nichts Schlimmes finden.”
Mutter: “Ja, gut.” Sie strahlt.
Sohn: “Alles prima, sag ich doch.”
Ich: “Wer kam denn auf die Idee mit dem Sprachtest? Gab´s denn Probleme in der Schule?”
Sohn: “Alles prima in der Schule.”
Mutter: “Ja, Schule ist alles bestens. Aber im Kindergarten, da gab´s immer noch Probleme mit dem /S/ und dem /SCH/. Konnte er da noch nicht.”
Ich: “Aber jetzt hört man davon ja nichts mehr.”
Mutter: “Ja, jetzt ist alles gut.”
Ich: “Und warum haben wir dann heute den Test gemacht?”
Mutter: “Haben die im Kindergarten vor der Schule so gesagt. Daß man das während der Schulzeit weiter verfolgen muß.”
Ich: “…” *

*siehe 20.6.

Weihnachtsbuchtipp No. 2

Dieses Jahr empfehle ich nur Ratgeber. Komisch. Egal.

Sehr ans Herz lege ich allen Eltern die Bücher von Herbert Renz-Polster, Kollegen und Schreiber, allen voran das “Gesundheit für Kinder”, ich hatte es unlängst schon erwähnt. In seinen letzten Büchern widmet er sich dem Evolutionären der Kindesentwicklung und -bedürfnissen, auch das neueste “Wie Kinder heute wachsen” ist von diesen Ideen durchflochten. Dabei variiert er sein Lieblingsthema um viele Nuancen, nicht wie manche Winterhoffs, die ihre eine Idee in mehreren Büchern lediglich wiederholen.

Wie Kinder heute wachsen” setzt zudem seinen Schwerpunkt in der Natur. Das erste Kapitel beschäftigt sich mit dem wichtigen Aspekt des Lernens durch Beziehungen und den verschiedenen Lerntypen, das zweite reflektiert die Natur als Entfaltungsraum und ideale Lernumgebung, da “ohne Grenzen” und mit Vielschichtigkeit. Natur ist alles, was keine Grenzen setzt, wo es alle Möglichkeiten gibt. Zitat: “Kinder brauchen keinen Spielplatz. Den brauchen nur wir Erwachsenen. Kinder würden überall spielen, das lassen wir nur nicht zu.”
Die nächsten Kapitel widmen sich dem Gesundheitsaspekt der Natur, wie naheliegend für uns Kinderärzte, und dem bösen Gegenpart, nämlich Computer und Internet, dem Renz-Polster aber erstaunlich viel Positives abgewinnen kann, um es aber schlußendlich doch zum Kontrapunkt zur Natur zu stellen. Es folgen die “Gefahren” der Natur (es gibt wenige)und die Wege dorthin (Kitas und Natur, Tiere, Neue Schulen). Im letzten Kapitel schließt er den grossen Bogen zu uns Eltern und der Natur, dass wir diese mit unseren Kindern gemeinsam erleben, denn – wie am Anfang erwähnt – lernen wir vor allem durch Beziehungen.

Das Buch ist gemeinsam geschrieben mit Gerald Hüther, dem (selbsternannten?) Doyen der deutschen Hirnforschung, dieser darf am Ende eines jeden Kapitels noch ein paar akademische Weisheiten zum besten geben. Ich weiß nicht, ob es dieser gebraucht hätte, teils fand ich sie etwas zusammenhanglos zu den Renz-Polster´schen Texten davor. Nach dem fünften Kapitel habe ich sie übersprungen, ups.

Renz-Polster assoziiert viel und kommt teils vom Höcksken aufs Stöcksken, aber das kennt man aus den Büchern zuvor. Das Buch lässt einen dennoch begeistern für die Welt da draussen, die doch eigentlich unsere Welt in uns ist, am Ende habe ich erstmal die maulenden Kinder geschnappt und wir sind durch die matschigen Felder marschiert, auf der Suche nach dem ausgehenden Herbst.

Achja: IMHO nicht ebook-tauglich – zu schöne Bilder und Vignetten, zu viel schöne Einschübe und farbige Absetzungen. Es sei “auf Buch” gegönnt.

So ähnlich:
Weihnachtsbuchtipp No.1
Menschen(s)kinder
kinder verstehen – eine buchkritik

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1. Platz in Kategorie Baby und Kinder bei den Hitmeister Superblogs 2012
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