Klare Ansage

Ich treffe die Mutter beim Edeka oder Tengelmann oder Rewe-woauchimmer. Normalerweise habe ich immer Probleme, die Gesichter auch den Namen zuzuordnen, aber da die Familie kurz vor Ostern zur U6 (mit einem Jahr) da war…

Ich: „Hallo, Frau Greipel, na, alles klar bei Ihnen?“
Mutter: „Jaja, alles ok. Gut, dass ich Sie treffe.“
Ich: „Ja?“
Mutter: „Ja. Ich wollte nicht so sang- und klanglos verschwinden. Also, die Sache ist die: Wir haben den Arzt gewechselt.“
Ich: „Oh, das tut mir aber leid. Was war denn nicht ok? Gibt´s einen Grund? Vielleicht…“
Mutter: „Ach, alles nicht so schlimm. Ich wäre ja auch nicht gewechselt.“
Ich: „Aha. Standen nicht auch noch ein paar Impfungen an?“
Mutter: „Ja, die hat der neue Kollege gemacht. Also der Grund für den Wechsel ist, naja, die Maja-Luise, die hat gesagt, sie möchte nicht mehr zu Ihnen kommen… Ich habe dann gefragt, ob wir zu einem anderen Onkel Doktor gehen sollen. Da hat sie ja gesagt.“

Na denn.
Achso… Lasst mal kurz rechnen, ja, Maja-Luise ist sechzehn Monate alt.

Erfahrung des Alters

Die Oma stellt das Enkelkind vor, einen Säugling, er hat einen roten … mmh … Po.

Oma: „Guckense, der Popo ist schon die ganze Woche ganz rot.“
Ich: „Hat da schon jemand was drauf gemacht?“
Oma: „Meine Tochter, ja, irgendso´ne Salbe aus´m Bioladen.“
Ich: „Aber viel ist da ja nicht drauf.“
Oma: „Macht sie immer nur so ein bisschen, ist ja sauteuer, die Salbe.“
Ich: „Das macht aber dann nicht wirklich Sinn. Imgrunde ist die Salbe egal, aber richtig schön dick draufschmieren sollte man das dann schon.“
Da haut die Oma mit der flachen Hand auf den Wickeltisch, das Klein-Fritjof fünf Zentimeter abhebt.
Oma: „Hab ich´s nicht gesagt? Ich hab´s doch gesagt. Ich. Hab´s. Meiner. Tochter. gesagt.“
Ich: „Was?“
Oma: „Dass man Salbe richtig schön dick draufschmieren muß, sonst bringts nichts.“
Ich: „Ja, das ist richtig.“
Oma, kopfschüttelnd beim Einpacken von Klein-Fritjof: „Mannomannomann, dass die junge Leute nicht auf uns hören. Da lesen sie lieber jeden blöden Scheiß aus dem Internet und glauben dann das. So ein Dreck!“

Mäanderne Anamnese abends um 21 Uhr

Neulich im Notdienst.

Mutter: „Ich wollte das Gesicht mal zeigen, diese Pickel.“
Ich: „Hat sie die noch woanders?“
Mutter: „Nein.“
Ich: „Sonst ist sie nicht krank?“
Mutter: „Nein.“
Ich: „Medikamente? Allergien?“
Mutter: „Nein.“
Ich schau mir die Kleine an. Sie hat eine beginnende Impetigo, eine superinfiziert trockene Haut im Gesicht.
Daher, wie immer bei „Haut“: Mal komplett ausziehen.
Ich: „Oh, aber hier an den Handgelenken ist es auch ganz schön entzündet.“
Mutter: „Achja…“
Ich: „Und der Rest der Haut?“
Mutter: „… ist okay.“
Sie zieht währenddessen den Body über Bobeles Kopf.
Ich: „Aber der ganze Körper ist ja gerötet.“
Mutter: „Ja, das ist oft so.“
Ich: „Sagten Sie nicht, die Haut ist sonst in Ordnung?“
Mutter: „Ja, ein bisschen trocken.“
… ist reichlich untertrieben.
Ich: „Aber sonst ist sie gesund?“
Mutter: „Ja, schon.“
Ich: „Schaue ich mir mal noch Rachen und Ohren an.“ Dann: „Oh, das Ohr hier ist aber auch entzündet.“
Mutter: „Ja, das hat die Kinderärztin auch gesagt.“
Ich: „Ach, sie waren heute schon bei der Kollegin?“
Mutter: „Nee, gestern.“
Ich: „Und was sagt die zu der Haut?“
Mutter: „Nichts. Sie meinte, das könne vom Antibiotika kommen.“
Ich: „Welches Antibiotikum?“
Mutter: „… das sie seit gestern kriegt.“
Ich: „Aber gestern war die Haut ja noch in Ordnung, sagen Sie, das konnte die Kollegin ja noch gar nichts zu sagen.“
Mutter: „Doch, das hat die Kinderärztin ja heute gesagt.“
Ich: „Dann waren Sie heute nochmal bei der Ärztin?“
Mutter: „Ja, vor zwei Stunden. Ist aber nicht besser geworden mit der Salbe.“
Ich: „Welche Salbe? Ich dachte, sie kriegt keine Medikamente?“
Mutter: „So eine grün-weiße Verpackung.“
Ich: „Aha. Noch was, was ich wissen muß?“
Mutter: „Nein.
Ich: „Wahrscheinlich hat sich die trockene Haut entzündet mit Bakterien. Da ich nicht weiß, welche Salbe Sie benutzen, schreibe ich Ihnen mal was dafür auf, ja? Das Antibiotikum wird wahrscheinlich auch noch dabei helfen, neben den Ohren.“
Mutter: „Kriegt sie aber nicht mehr.“
Ich: „Was, das Antibiotikum?“
Mutter: „Habe ich weggelassen, weil sie vom Husten immer so gebrochen hat.“
Ich: „Husten tut sie auch?“
Mutter: „Ja, ganz schlimm.“
Ich: „Sagten Sie nicht, sonst ist sie gesund? Gibts denn noch was, was ich wissen muß? Sonst Medikamente? Andere Krankheitszeichen? Irgendwo angesteckt vielleicht?“
Mutter: „Nein, wirklich nicht.“
Also dann noch abgehört, zum Glück „alles frei“, die Kleine (10 Monate oder so) war während der ganzen Aktion am Grinsen und Brabbeln.
Es geht dem Ende der Vorstellung zu. Ich fasse zusammen, händige das Rezept aus.
Mutter: „Und Thymian?“
Ich: „Welches Thymian?“
Mutter: „… das sie als Tropfen kriegt. Wegen dem Husten.“
Ich: „Oh, noch ein Medikament.“
Mutter: „Und das W.ick Vap.o.rub. Auf die Brust. Wegen dem Husten.“
Ich: „Ja, … nun.“
Mutter: „Spielt das eine Rolle, dass ihr großer Bruder letzte Woche Schaalach hatte?“

(Denken Sie sich hier bitte einen großen Seufzer.)
Der nächste Patient und sein Vater, der mir um 21:30 Uhr erzählte, dass sein acht Monate alter Sohn seit „Wochen“ nichts mehr esse, waren dagegen eine Erholung.

Einsicht

Vater: „Die hustet schon seit Wooochen, wie ein Raucherhusten.“
Ich: „Vielleicht ist es einer? Wer raucht denn zuhause?“
Vater: „Na, meine Frau und ich.“
Ich: „Passiv rauchende Kinder haben oft viel länger Husten als andere.“
Vater: „Echt? Sie meinen, dann sollten wir doch häufiger auf dem Balkon rauchen?“

Nanu Nano

Ich bin erstmals nach Jahren der Niederlassung mit einem Verschwörungstheoretiker zum Thema Impfen konfrontiert worden. Wenn man durchs Netz streift, bekommt man zuweilen den Eindruck, 9/10 aller Seiten, die sich mit dem Impfen beschäftigen, sind impfkritische Seiten, und die Hälfte von diesen bauen auf hysterischen Thesen der Weltverschwörung auf (Ausrottung der Menschheit, Abzocke der Pharmaindustrie zum Aufbau einer globalen Herrschaft etc.).

Das wiederum impliziert unwissenden und verunsicherten Eltern, 9/10 der Eltern würden nicht impfen oder jedenfalls „nur das Nötigste“ (was bei den sehr kritischen allenfalls Tetanus bedeutet – vermutlich das geringste Risiko einer Infektion, wenn auch unausrottbar, weil nicht von Mensch zu Mensch übertragbar… ich drifte ab). Das ist mitnichten so. Viele Studien und (hier: nicht repräsentative) Umfragen hergeben, dass die Zahlen sich genau anders verhalten: Die meisten Eltern lassen ganz normal impfen.

Vater: „Das Impfen, das lassen wir aber, nicht wahr?“
Ich: „Oh, was macht Ihnen Sorgen, kann ich die irgendwie zerstreuen?“
Vater: „Sie ganz sicher nicht. Da habe ich mich schon genug belesen.“
Ich: „Was macht Sie denn konkret so kritisch?“
Vater: „Wir lassen unserem Sohn nicht mit Nanopartikeln zur Überwachung vollpumpen… Können Sie nachlesen.“
Ich: „Aha …. und was genau ist mein Part bei der Sache?“
Vater: „Das brauche ich Ihnen wohl nicht zu erklären.“
Ich: „Doch, das würde mich jetzt schon interessieren.“
Vater: „Ich sage nur: Pharmaindustrie, Lobbyismus, Politiker, Geld, Überwachung … NSA?“

Er wirkte richtig gelangweilt bei der Aufzählung, so wie wenn man einem Kind zum hundertsten Mal sagen muß, dass es um 20 Uhr ins Bett geht, und dem geduldigen Wiederholen irgendwann die Resignation im Erklären folgt.

Lange habe ich nicht diskutiert. Das mache ich auch bei meinen Kindern nicht. Ich blieb höflich freundlich, habe mich mit einem Handschlag verabschiedet und dem Säugling – wie ich das immer tue – viel Gesundheit gewünscht. Der Mutter gab ich den freundlichen Hinweis, sich eine andere Arztpraxis zu suchen, während der Vater weiter im Hintergrund seine Theorien ins Publikum lamentierte. Er redete noch weiter, als ich schon längst den Raum verlassen hatte. Ab einem bestimmten Punkt hatte alle Empathie ein Ende.

Ich habe da noch eine Frage…

Ein Säugling zum Impfen, kurze Untersuchung, Aufklärung, Impfung. Für das Termin-Management in der Praxis mit einem Fünf-Minuten-„Slot“ im Kalender vermerkt. Es kommt, wie es kommen muß.

Vater: „Ich habe da noch ein paar Fragen.“
Ich: „Ohja? Ist ja eigentlich nur ein Impftermin. Aber passen Sie auf: Ich untersuche Ihre Tochter sowieso kurz, dann können Sie nebenher fragen.“ Ich bin nämlich multi-tasking-fähig.
Vater: „Schatz, was wollten wir nochmal wissen?“
Mutter: „Äh, ich weiß grad nicht.“
Vater: „Das mit den Pickelchen?“
Mutter: „Die sind ja schon wieder weg.“
Vater: „Oder die Bauchweh?“
Mutter: „Naja, die sind jetzt nicht sooo schlimm.“
Vater: „Aber wegen des Breichen-Fütterns…“
Mutter: „Gehe ich zu einem Kurs.“
Ich bin inzwischen fertig mit der Untersuchung und gebe „Grün“ für die Impfung an die fMFA. Das schafft stets etwas Luft. „Sie können auch gerne bei der nächsten Vorsorge… da ist immer mehr Zeit als heute, wissen Sie?“
Vater: „Ich wollte doch noch was wissen wegen des Kindersitzes…“
Mutter: „Ja? Was denn?“
Vater: „Weiß auch grad nicht. Der passt noch.“
Mutter: „Na dann.“
Vater: „… die Sonne draußen … Licht … Wärme … Sonnencreme?“
Mutter: „Nicht so schlimm, eincremen ok, Sonnenhut.“
Vater: „Achja?“
Mutter: „Ja.“
Vater: „Na dann…“
Beim anschließenden Impfvorgang mit Pieksen, Trösten, Beschnullern und Besingen fielen keine weitere Fragen mehr an.
Ich: „Dann soweit alles geklärt?“
Vater: „… eigentlich schon.“
Mutter: „Ja, Herr Doktor.“
Ich: „Dann sehen wir uns bei der U5, die ist schon in einem Monat. Da können Sie all Ihre Fragen loswerden. Da habe ich auch mehr Zeit für Sie.“
Ich lächle, zwinkere beiden zu, streichle dem geplagten Kind kurz über die Löckchen und verschwinde.

Man kann´s ja mal versuchen

Ich: „Tut mir leid, ich kann Ihnen keine Arbeitgeberbescheinigung schreiben. Sie haben leider keine Versichertenkarte dabei. Auch das Rezept gibt es erstmal nur privat.“
Mutter: „Ausnahme mal?“
Ich: „Nee, geht wirklich nicht. Auch letztes Mal schon nicht, Sie erinnern sich? Ich kann Ihnen das ohne Karte nicht rausschreiben.“
Mutter: „Ok…“

Sekunden später an der Anmeldung:
Mutter zur fMFA: „Ich brauch´ dann noch eine Krankmeldung für die Arbeit.“
Ich beim Vorbeigehen: „Äh, hallo? So geht es leider nicht. Ich hatte Ihnen doch grad gesagt, ich kann Ihnen das nicht rausschreiben.“
Mutter: „Achso? Aber ich dachte, die Arzthelferin kann das…“

Kleines Praxis-Lexikon

Synonyme für den Arzt:
„Der Mann“
„Der Onkel Doktor“
„Der da“
„Du da“
„Der Piekser“
„Der Gemeine“ („… da kommt wieder der Gemeine/Piekser“ etc.)
„Papa“ (Kindermund)
„Cheffe“ (Elternmund)
„Onkel Doktor Roland*“

Synonyme für die fMFA:
„Die Sprechstundenhilfen“
„Die Damen“
„Ihre Helferinnen“
„Die Schwester“
„Die Girls“
„Die Mädchen“
„Die da vorne“
„Ihre Frau“ (äh, nein…?)
„Ihre Frauen“ (schon gar nicht…)

* Vorname wurde verändert

Danke für den Hinweis

Lieber Herr Rebmann*,

ich habe schon einiges gehört, warum Eltern mit ihren Kindern den Kinderarzt gewechselt haben, und manches ist auch nachvollziehbar (wenn auch nicht immer für die Kinder), dass ich z.B. mit Glaubuli nichts am Hut habe, oder dass ich meine Überzeugung als Impfbefürworter aktiv vertrete, auch dass ein Anderthalbjähriger bei mir immer so weint, sobald ich durch die Tür komme (da kann man noch viele Kinderärzte wechseln), aber Ihre Begründung hat mich vollends überzeugt – wir werden daran arbeiten:

„Ich suche mir einen anderen Arzt, was Sie hier bei den Vorsorgeuntersuchungen verlangen, ist nicht altersentsprechend.“

Danke für den Beitrag zum Qualitätsmanagement in meiner Praxis.
Ihr kinderdok.

 

*Name wie üblich geändert.

Perspektive

Morice-Kevyn brüllt durchgehend, vom Parkplatz vor der Praxis, beim Hereinkommen, im Wartezimmer, im Untersuchungszimmer, bis zum Verlassen der Praxis und weiter auf dem Parkplatz.

Mutter: „Der weint nur bei Ihnen so.“
Ich: „Und bei Ihnen.“

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