Einsicht

Vater: “Die hustet schon seit Wooochen, wie ein Raucherhusten.”
Ich: “Vielleicht ist es einer? Wer raucht denn zuhause?”
Vater: “Na, meine Frau und ich.”
Ich: “Passiv rauchende Kinder haben oft viel länger Husten als andere.”
Vater: “Echt? Sie meinen, dann sollten wir doch häufiger auf dem Balkon rauchen?”

Nanu Nano

Ich bin erstmals nach Jahren der Niederlassung mit einem Verschwörungstheoretiker zum Thema Impfen konfrontiert worden. Wenn man durchs Netz streift, bekommt man zuweilen den Eindruck, 9/10 aller Seiten, die sich mit dem Impfen beschäftigen, sind impfkritische Seiten, und die Hälfte von diesen bauen auf hysterischen Thesen der Weltverschwörung auf (Ausrottung der Menschheit, Abzocke der Pharmaindustrie zum Aufbau einer globalen Herrschaft etc.).

Das wiederum impliziert unwissenden und verunsicherten Eltern, 9/10 der Eltern würden nicht impfen oder jedenfalls “nur das Nötigste” (was bei den sehr kritischen allenfalls Tetanus bedeutet – vermutlich das geringste Risiko einer Infektion, wenn auch unausrottbar, weil nicht von Mensch zu Mensch übertragbar… ich drifte ab). Das ist mitnichten so. Viele Studien und (hier: nicht repräsentative) Umfragen hergeben, dass die Zahlen sich genau anders verhalten: Die meisten Eltern lassen ganz normal impfen.

Vater: “Das Impfen, das lassen wir aber, nicht wahr?”
Ich: “Oh, was macht Ihnen Sorgen, kann ich die irgendwie zerstreuen?”
Vater: “Sie ganz sicher nicht. Da habe ich mich schon genug belesen.”
Ich: “Was macht Sie denn konkret so kritisch?”
Vater: “Wir lassen unserem Sohn nicht mit Nanopartikeln zur Überwachung vollpumpen… Können Sie nachlesen.”
Ich: “Aha …. und was genau ist mein Part bei der Sache?”
Vater: “Das brauche ich Ihnen wohl nicht zu erklären.”
Ich: “Doch, das würde mich jetzt schon interessieren.”
Vater: “Ich sage nur: Pharmaindustrie, Lobbyismus, Politiker, Geld, Überwachung … NSA?”

Er wirkte richtig gelangweilt bei der Aufzählung, so wie wenn man einem Kind zum hundertsten Mal sagen muß, dass es um 20 Uhr ins Bett geht, und dem geduldigen Wiederholen irgendwann die Resignation im Erklären folgt.

Lange habe ich nicht diskutiert. Das mache ich auch bei meinen Kindern nicht. Ich blieb höflich freundlich, habe mich mit einem Handschlag verabschiedet und dem Säugling – wie ich das immer tue – viel Gesundheit gewünscht. Der Mutter gab ich den freundlichen Hinweis, sich eine andere Arztpraxis zu suchen, während der Vater weiter im Hintergrund seine Theorien ins Publikum lamentierte. Er redete noch weiter, als ich schon längst den Raum verlassen hatte. Ab einem bestimmten Punkt hatte alle Empathie ein Ende.

Ich habe da noch eine Frage…

Ein Säugling zum Impfen, kurze Untersuchung, Aufklärung, Impfung. Für das Termin-Management in der Praxis mit einem Fünf-Minuten-“Slot” im Kalender vermerkt. Es kommt, wie es kommen muß.

Vater: “Ich habe da noch ein paar Fragen.”
Ich: “Ohja? Ist ja eigentlich nur ein Impftermin. Aber passen Sie auf: Ich untersuche Ihre Tochter sowieso kurz, dann können Sie nebenher fragen.” Ich bin nämlich multi-tasking-fähig.
Vater: “Schatz, was wollten wir nochmal wissen?”
Mutter: “Äh, ich weiß grad nicht.”
Vater: “Das mit den Pickelchen?”
Mutter: “Die sind ja schon wieder weg.”
Vater: “Oder die Bauchweh?”
Mutter: “Naja, die sind jetzt nicht sooo schlimm.”
Vater: “Aber wegen des Breichen-Fütterns…”
Mutter: “Gehe ich zu einem Kurs.”
Ich bin inzwischen fertig mit der Untersuchung und gebe “Grün” für die Impfung an die fMFA. Das schafft stets etwas Luft. “Sie können auch gerne bei der nächsten Vorsorge… da ist immer mehr Zeit als heute, wissen Sie?”
Vater: “Ich wollte doch noch was wissen wegen des Kindersitzes…”
Mutter: “Ja? Was denn?”
Vater: “Weiß auch grad nicht. Der passt noch.”
Mutter: “Na dann.”
Vater: “… die Sonne draußen … Licht … Wärme … Sonnencreme?”
Mutter: “Nicht so schlimm, eincremen ok, Sonnenhut.”
Vater: “Achja?”
Mutter: “Ja.”
Vater: “Na dann…”
Beim anschließenden Impfvorgang mit Pieksen, Trösten, Beschnullern und Besingen fielen keine weitere Fragen mehr an.
Ich: “Dann soweit alles geklärt?”
Vater: “… eigentlich schon.”
Mutter: “Ja, Herr Doktor.”
Ich: “Dann sehen wir uns bei der U5, die ist schon in einem Monat. Da können Sie all Ihre Fragen loswerden. Da habe ich auch mehr Zeit für Sie.”
Ich lächle, zwinkere beiden zu, streichle dem geplagten Kind kurz über die Löckchen und verschwinde.

Man kann´s ja mal versuchen

Ich: “Tut mir leid, ich kann Ihnen keine Arbeitgeberbescheinigung schreiben. Sie haben leider keine Versichertenkarte dabei. Auch das Rezept gibt es erstmal nur privat.”
Mutter: “Ausnahme mal?”
Ich: “Nee, geht wirklich nicht. Auch letztes Mal schon nicht, Sie erinnern sich? Ich kann Ihnen das ohne Karte nicht rausschreiben.”
Mutter: “Ok…”

Sekunden später an der Anmeldung:
Mutter zur fMFA: “Ich brauch´ dann noch eine Krankmeldung für die Arbeit.”
Ich beim Vorbeigehen: “Äh, hallo? So geht es leider nicht. Ich hatte Ihnen doch grad gesagt, ich kann Ihnen das nicht rausschreiben.”
Mutter: “Achso? Aber ich dachte, die Arzthelferin kann das…”

Kleines Praxis-Lexikon

Synonyme für den Arzt:
“Der Mann”
“Der Onkel Doktor”
“Der da”
“Du da”
“Der Piekser”
“Der Gemeine” (“… da kommt wieder der Gemeine/Piekser” etc.)
“Papa” (Kindermund)
“Cheffe” (Elternmund)
“Onkel Doktor Roland*”

Synonyme für die fMFA:
“Die Sprechstundenhilfen”
“Die Damen”
“Ihre Helferinnen”
“Die Schwester”
“Die Girls”
“Die Mädchen”
“Die da vorne”
“Ihre Frau” (äh, nein…?)
“Ihre Frauen” (schon gar nicht…)

* Vorname wurde verändert

Danke für den Hinweis

Lieber Herr Rebmann*,

ich habe schon einiges gehört, warum Eltern mit ihren Kindern den Kinderarzt gewechselt haben, und manches ist auch nachvollziehbar (wenn auch nicht immer für die Kinder), dass ich z.B. mit Glaubuli nichts am Hut habe, oder dass ich meine Überzeugung als Impfbefürworter aktiv vertrete, auch dass ein Anderthalbjähriger bei mir immer so weint, sobald ich durch die Tür komme (da kann man noch viele Kinderärzte wechseln), aber Ihre Begründung hat mich vollends überzeugt – wir werden daran arbeiten:

“Ich suche mir einen anderen Arzt, was Sie hier bei den Vorsorgeuntersuchungen verlangen, ist nicht altersentsprechend.”

Danke für den Beitrag zum Qualitätsmanagement in meiner Praxis.
Ihr kinderdok.

 

*Name wie üblich geändert.

Perspektive

Morice-Kevyn brüllt durchgehend, vom Parkplatz vor der Praxis, beim Hereinkommen, im Wartezimmer, im Untersuchungszimmer, bis zum Verlassen der Praxis und weiter auf dem Parkplatz.

Mutter: “Der weint nur bei Ihnen so.”
Ich: “Und bei Ihnen.”

Drama – Quicky

Das Kind muß sofort untersucht werden, sagte die Mutter am Telefon, die fMFA nahm die Sorgen ernst, sie erhielt binnen einer Stunde einen Akuttermin. Kam durch die Tür, direkt ins Zimmer und setzte den Fünfjährigen auf die Untersuchungsliege.
Ich: “Hat er denn Fieber?”
Mutter: “Ohja, und wie, das ist richtig hochgeschossen vorhin. Heute morgen war noch nichts, und plötzlich…”
Ich: “Wieviel denn?”
Mutter: “Beinahe achtundreißig!”
Ich: “Wirklich…”
Mutter: “Ja, Siebenunddreißigfünf!”

Magendarm

Ich: “Ihr Sohn hat eine ordentliche Magen-Darm-Grippe.”
Mutter: “Und was kann ich dem Hinnrick jetzt dann geben?”
Ich: “Achten Sie bitte vor allem aufs Trinken, er ist ja beinahe zwei, da kann nicht soviel passieren, aber Trinken muß man beachten.”
Mutter: “Der trinkt ja gar nichts.”
Ich: “Wenigstens etwas Tee oder Wasser.”
Mutter: “Mag er nicht. Saft trinkt er.”
Ich: “Naja, das ist jetzt weniger…”
Mutter: “Tee trinkt er nicht. Brauchen Sie ihm gar nicht mit zu kommen.”
Ich: “Gut, wenn er sonst nichts…”
Mutter: “Also Saft. Und Essen?”
Ich: “Da müssen Sie nicht soviel beachten, man empfiehlt heutzutage…”
Mutter: “Was nun?”
Ich: “… keine echte Diät mehr, er soll ruhig essen, was er will.”
Mutter: “Der isst ja eh nichts grad.”
Ich: “So ein paar Salzbrezen oder so? Trockene Nudeln?”
Mutter: “Trocken? Mag er nicht.”
Ich: “Eigentlich kann er alles essen.”
Mutter: “Isst ja nichts.”
Ich: “Wunschkost ist völlig in Ordnung. Vielleicht keine Mengen an Milch…”
Mutter: “… mag er eh nicht …”
Ich: “… und nichts wirklich Süßes…”
Mutter: “Na, was bleibt denn da übrig? Isst er ja gar nichts mehr.”
Ich: “Na, alles andere. Hauptsache, er isst überhaupt ein bisschen was.”
Mutter: “Der! I-hi-sst! Ni-hi-chts! Habchdochschongesagt, hören Sie nicht zu?”
Ich: “Jetzt haben wir ja kurz vor Mittag, was gab´s denn bisher?”
Mutter: “Na, nix! Paar Saitewürschtle heute morgen und dann nix mehr, gar nichts.”
Ich: “Na, das ist doch schon was.”
Mutter: “Dann schreibense mal sonstwas auf.”
Ich: “Sie brauchen nur aufs Essen und Trinken zu achten.”
Mutter: “Mach ich ja, mach ich ja, und Arznei?”
Ich: “Ist nicht nötig, solange er…”
Mutter: “Nix? Gar nix? Meine Nachbarin gibt immer so Zuckerkügele.”
Ich: “Ist schon ok, brauchen Sie nicht.”
Mutter: “Und wenn er weiter so´n Dünnschiss hat? Der Hinnrick muß doch was essen.”
Ich: “Wie gesagt…”
Mutter: “Oder was zum Darmaufbau, meine Hebamme hat immer gesagt, da muß man was zum Darmaufbau geben.”
Ich: “Eigentlich beruhigt sich der Darm nach so einem Infekt von alleine.”
Mutter: “Gibt´s da nicht was?”
Ich: “Es gibt so Milchsäurebakterien, die sind in Pulverform, können Sie dann später in Tee einrühren.”
Mutter: “Tee? Mag. Er. Nicht.”

Usw. usf.
Der kleine Hinnrick saß derweil sehr munter auf der Untersuchungsliege.
Sein Blick ging wie bei Wimbledon nach rechts und links, zu mir, zu ihr. Am Ende klatschte er in die Hände und krähte: “Hinnick! Kaka macht!”
Ja, das konnte man dann auch riechen.

Kurze Anleitung

Der kleine Vertretungspatient hat eine dicke Bronchitis.
Ich: “Das ist ein Aero.chamber, ein praktisches Hilfsmittel für Kleinkinder, um Medikamente direkt zu inhalieren, ohne dabei großartig auf Ein- und Ausatmen zu achten. Sehen Sie, hier ist eine Maske, da atmet das Kind hinein und -aus, und hier hinten, das ist das Reservoir, aus dem das Kind das Medikament atmet. Weiter hinten gibt es eine Öffnung, hier, ja, genau, da kann man eine solche Kartusche aufstecken, man drückt hier einmal, das Medikament wird dann hier hereingegeben und befindet sich in dieser Röhre. Das Kind atmet und inhaliert dabei das Mittel. Und das wiederum wirkt auf die Bronchien, erweitert sie dadurch, und die Bronchitis wird besser. Früher hat man das mit Inhalationsgeräten gemacht, da mussten die Kinder Kochsalzlösung mit dem Medikament inhalieren, dauerte sehr lang und war viel weniger effektiv, da sich die größte Menge des Medikamentes in die Außenluft verlor. Die meisten Kinder behielten die Maske ja gar nicht lange genug über Mund und Nase. Ach wissen Sie, ich zeige Ihnen das nochmal. Also: Hier hinten stecken Sie das Medikament auf, dann wird hier einmal gedrückt, so, sehen Sie, das Medikamentenpulver verteilt sich hier in dem Spacer. Sie können dann die Kartusche wieder abnehmen, durch die statische Aufladung der Röhre verbleibt das Medikament drin, und Ihr Sohn muß dann fünf, sechsmal an der Maske atmen. Später geht das auch alleine mit dem Mundstück ohne Maske, wenn Sie wollen, das geht natürlich auch. Ich schreibe Ihnen das auf ein Rezept, man bekommt das Gerät in der Apotheke, genauso wie das Medikament, Sie inhalieren bitte mit Ihrem Sohn dreimal am Tag, für eine Woche, in Ordnung?”
Mutter: “Ja, wunderbar. Wir kennen das schon.”

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