Perspektive

Morice-Kevyn brüllt durchgehend, vom Parkplatz vor der Praxis, beim Hereinkommen, im Wartezimmer, im Untersuchungszimmer, bis zum Verlassen der Praxis und weiter auf dem Parkplatz.

Mutter: “Der weint nur bei Ihnen so.”
Ich: “Und bei Ihnen.”

Drama – Quicky

Das Kind muß sofort untersucht werden, sagte die Mutter am Telefon, die fMFA nahm die Sorgen ernst, sie erhielt binnen einer Stunde einen Akuttermin. Kam durch die Tür, direkt ins Zimmer und setzte den Fünfjährigen auf die Untersuchungsliege.
Ich: “Hat er denn Fieber?”
Mutter: “Ohja, und wie, das ist richtig hochgeschossen vorhin. Heute morgen war noch nichts, und plötzlich…”
Ich: “Wieviel denn?”
Mutter: “Beinahe achtundreißig!”
Ich: “Wirklich…”
Mutter: “Ja, Siebenunddreißigfünf!”

Magendarm

Ich: “Ihr Sohn hat eine ordentliche Magen-Darm-Grippe.”
Mutter: “Und was kann ich dem Hinnrick jetzt dann geben?”
Ich: “Achten Sie bitte vor allem aufs Trinken, er ist ja beinahe zwei, da kann nicht soviel passieren, aber Trinken muß man beachten.”
Mutter: “Der trinkt ja gar nichts.”
Ich: “Wenigstens etwas Tee oder Wasser.”
Mutter: “Mag er nicht. Saft trinkt er.”
Ich: “Naja, das ist jetzt weniger…”
Mutter: “Tee trinkt er nicht. Brauchen Sie ihm gar nicht mit zu kommen.”
Ich: “Gut, wenn er sonst nichts…”
Mutter: “Also Saft. Und Essen?”
Ich: “Da müssen Sie nicht soviel beachten, man empfiehlt heutzutage…”
Mutter: “Was nun?”
Ich: “… keine echte Diät mehr, er soll ruhig essen, was er will.”
Mutter: “Der isst ja eh nichts grad.”
Ich: “So ein paar Salzbrezen oder so? Trockene Nudeln?”
Mutter: “Trocken? Mag er nicht.”
Ich: “Eigentlich kann er alles essen.”
Mutter: “Isst ja nichts.”
Ich: “Wunschkost ist völlig in Ordnung. Vielleicht keine Mengen an Milch…”
Mutter: “… mag er eh nicht …”
Ich: “… und nichts wirklich Süßes…”
Mutter: “Na, was bleibt denn da übrig? Isst er ja gar nichts mehr.”
Ich: “Na, alles andere. Hauptsache, er isst überhaupt ein bisschen was.”
Mutter: “Der! I-hi-sst! Ni-hi-chts! Habchdochschongesagt, hören Sie nicht zu?”
Ich: “Jetzt haben wir ja kurz vor Mittag, was gab´s denn bisher?”
Mutter: “Na, nix! Paar Saitewürschtle heute morgen und dann nix mehr, gar nichts.”
Ich: “Na, das ist doch schon was.”
Mutter: “Dann schreibense mal sonstwas auf.”
Ich: “Sie brauchen nur aufs Essen und Trinken zu achten.”
Mutter: “Mach ich ja, mach ich ja, und Arznei?”
Ich: “Ist nicht nötig, solange er…”
Mutter: “Nix? Gar nix? Meine Nachbarin gibt immer so Zuckerkügele.”
Ich: “Ist schon ok, brauchen Sie nicht.”
Mutter: “Und wenn er weiter so´n Dünnschiss hat? Der Hinnrick muß doch was essen.”
Ich: “Wie gesagt…”
Mutter: “Oder was zum Darmaufbau, meine Hebamme hat immer gesagt, da muß man was zum Darmaufbau geben.”
Ich: “Eigentlich beruhigt sich der Darm nach so einem Infekt von alleine.”
Mutter: “Gibt´s da nicht was?”
Ich: “Es gibt so Milchsäurebakterien, die sind in Pulverform, können Sie dann später in Tee einrühren.”
Mutter: “Tee? Mag. Er. Nicht.”

Usw. usf.
Der kleine Hinnrick saß derweil sehr munter auf der Untersuchungsliege.
Sein Blick ging wie bei Wimbledon nach rechts und links, zu mir, zu ihr. Am Ende klatschte er in die Hände und krähte: “Hinnick! Kaka macht!”
Ja, das konnte man dann auch riechen.

Kurze Anleitung

Der kleine Vertretungspatient hat eine dicke Bronchitis.
Ich: “Das ist ein Aero.chamber, ein praktisches Hilfsmittel für Kleinkinder, um Medikamente direkt zu inhalieren, ohne dabei großartig auf Ein- und Ausatmen zu achten. Sehen Sie, hier ist eine Maske, da atmet das Kind hinein und -aus, und hier hinten, das ist das Reservoir, aus dem das Kind das Medikament atmet. Weiter hinten gibt es eine Öffnung, hier, ja, genau, da kann man eine solche Kartusche aufstecken, man drückt hier einmal, das Medikament wird dann hier hereingegeben und befindet sich in dieser Röhre. Das Kind atmet und inhaliert dabei das Mittel. Und das wiederum wirkt auf die Bronchien, erweitert sie dadurch, und die Bronchitis wird besser. Früher hat man das mit Inhalationsgeräten gemacht, da mussten die Kinder Kochsalzlösung mit dem Medikament inhalieren, dauerte sehr lang und war viel weniger effektiv, da sich die größte Menge des Medikamentes in die Außenluft verlor. Die meisten Kinder behielten die Maske ja gar nicht lange genug über Mund und Nase. Ach wissen Sie, ich zeige Ihnen das nochmal. Also: Hier hinten stecken Sie das Medikament auf, dann wird hier einmal gedrückt, so, sehen Sie, das Medikamentenpulver verteilt sich hier in dem Spacer. Sie können dann die Kartusche wieder abnehmen, durch die statische Aufladung der Röhre verbleibt das Medikament drin, und Ihr Sohn muß dann fünf, sechsmal an der Maske atmen. Später geht das auch alleine mit dem Mundstück ohne Maske, wenn Sie wollen, das geht natürlich auch. Ich schreibe Ihnen das auf ein Rezept, man bekommt das Gerät in der Apotheke, genauso wie das Medikament, Sie inhalieren bitte mit Ihrem Sohn dreimal am Tag, für eine Woche, in Ordnung?”
Mutter: “Ja, wunderbar. Wir kennen das schon.”

Gedichtet

Ich beim Impfen des Säuglings: “So, das war der erste Streich…”
und nach der zweiten: “Und der zweite folgt sogleich.”
Mutter: “Na, Sie können aber gut reimen.”
Ich: “Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Dr. Kinderdok heiß!”
Mutter: “Toll!”

Kurze Mitteilung

“Nein, Frau Meier, ich kann ihn leider nicht einfach so Rect.o.delt Zäpfchen aufschreiben, auch wenn Sie privat versichert sind. Dieses Medikament ist rezeptpflichtig. Das wissen Sie, gut, und deshalb wollen Sie auch ein Rezept, klar. Ihr Kind hat keinen Pseudo-Krupp, keine akute Bronchitis, kein Asthma, keine Allergieveranlagung, die das Rezeptieren eines Cortison-Präparates rechtfertigen würde. Ich kann verstehen, dass Sie für alle Eventualitäten bereit sein und dieses Medikament gerne in der Hausapotheke vorrätig haben wollen. Trotzdem kann man nicht jedes Medikament zur Verfügung haben, das auf dem Markt ist. Sie würden für sich ja auch kein Nitrospray in den Schrank legen, nur weil Sie eventuell in zwanzig Jahren einen Herzinfarkt bekommen könnten. Das sei ein Unterschied? Schließlich, sei Pseudo-Krupp bei Kindern deutlich häufiger als ein Herzinfarkt bei Erwachsenen? Ja, das ist richtig. Aber er ist auch deutlich harmloser. Sie müssten bei einem Pseudo-Krupp Anfall dann in die Kinderklinik fahren, da Sie ja nun kein Zäpfchen zu Hause haben? Ja, auch das ist richtig. Warum dann alle Eltern, deren Kinder bereits einen Pseudo-Krupp Anfall hatten, diese Zäpfchen zu Hause haben? Nun, weil ihre Kinder mal einen Pseudo-Krupp Anfall hatten. Sie wollen die Praxis wechseln, weil diese Banalität für Sie ein Bruch des Vertrauensverhältnisses darstellt? Das ist schade, aber jeder muß wissen, welche Prioritäten zu setzen sind. Schade auch, daß ich Ihnen keine frohen friedvollen Weihnachtstage mehr wünschen kann, weil Sie sich nun wortlos umdrehen und das Zimmer verlassen. Trotzdem: Frohes Fest.”

Wir schalten kurz um zur Werbung…

Mutter: “Hallo, ich brauche eine Bescheinigung für meine beiden Söhne, dass sie gesund sind. Ist für einen Werbespot, für den sie gecastet wurden. Das geht doch sicher so, oder? Sie kennen uns ja.”
fMFA: “Haben Sie da einen Vordruck oder irgendetwas?”
Mutter: “Nein, das soll einfach nur auf einem Briefbogen in einem Zweizeiler vermerkt werden.”
fMFA: “Können Sie denn am Freitag um 14 Uhr, der Doktor schaut beide kurz an, ob sie auch wirklich gesund sind…?”
Mutter: “… nein, nein, ich brauche nur die Bescheinigung.”
fMFA: “Aber dazu sollten sie schon untersucht werden. Im übrigen ist das eine Privatleistung, die die Krankenkassen nicht übernehmen.”
Mutter: “Aha. Na dann. Wann Freitag?”
fMFA: “14 Uhr?”
Mutter: “Alles klar.”

Es kam der Freitag. Es kam 14 Uhr. Keiner erschien.
Anruf Mutter 14.30 Uhr: “Hallo, ja, ich wollte nur kurz den Termin für heute absagen.”
fMFA: “Alles klar, der war aber vor einer halben Stunde.”
Mutter: “Achja? Naja. Wir kommen jedenfalls nicht. Unsere Bescheinigung haben wir schon.”

Danke, Herr oder Frau Kollege…

Saftladen

Vater: “Und dann, übrigens: Sie isst ja gar nichts.” Nachdem ich mir die nicht vorhandene Bindehautentzündung und den nicht vorhandenen Ausschlag angeschaut habe.
Ich: “Und was isst sie?”
Vater: “Na, nichts.”
Ich: “Gar nichts?”
Vater: “Gar nichts. … also fast.”
Ich: “Und was?”
Vater: “Mal ´n Keks.”
Ich: “Aber trinken tut sie?”
Vater: “Ja und wie.”
Ich: “Und was? Zum Beispiel heute morgen?”
Vater: “Milch. Mit Kaba.”
Ich: “Und mittags?”
Vater: “Auch wieder Milch. Ohne Kaba.”
Ich – ahnend: “Aus der Flasche?”
Vater: “Ja.”
Ich – ängstlich: “Wieviele Flaschen?”
Vater: “Keine Ahnung. So zwei Liter werden´s schon sein.”
Ich: “Wie alt ist Ihre Tochter?”
Vater: “Drei Jahre?”
Ich: “Wieviel Taschengeld bekommt sie?”
Vater: “Äh… noch keins?”
Ich: “Und wie oft geht sie einkaufen?”
Vater: “Gar nicht?”
Ich: “Sehen Sie? Das ist der Schlüssel zum Glück. Wenn Ihre Tochter noch nicht losgeht und sich selbst die Milch in Flaschen mit Kaba kauft, dann werden Sie das wohl selbst machen.”
Vater: “…”
Ich: “Genau. Kaufen Sie keinen Kaba mehr und lassen Sie sie nicht mehr soviel Milch trinken. Dann wird sie auch essen.”
Vater: “Und was soll ich ihr dann in die Flaschen tun? Saft?”

In Variationen führe ich dieses Gespräch sicher ein oder zweimal die Woche. Ich unterstelle den Eltern gar kein Unwissen. Es ist die Angst vor dem Verhungern, dass sie zu solchen Schritten treibt, gepaart mit der Konfliktscheue, den Kindern die Flasche zu verweigern. Aber so einfach ist es nun einmal: Wer einkauft, bestimmt, was zuhause auf den Tisch kommt. Und nur das nehmen die Kids zu sich. Lässt sich beliebig austauschen (Fruch.tzwer.ge, Fan.ta, Zuckermuesli, GuteNacht-Breie usw.).

Smoke gets in your eyes.

Nach erfolgter U3 (Vorsorge mit einem Monat) ratsche ich gerne mit den Eltern. Diese Vorsorgeuntersuchung ist schließlich oft das erste Zusammentreffen mit dem neuen Kinderarzt, da darf ich mir ein bisschen mehr Zeit lassen. Also wird noch dieses und jenes besprochen, die Impftermine angerissen, mitfühlend gelacht und gelächelt, wenn die Eltern von den unruhigen Nächten berichten und diverse urban legends aus der Welt geschaffen, die auf die junge Familie einstürzen.

 

Vater: “Was können wir denn noch Gutes tun?” Er ist der lässige Typ und fragt das nebenbei, als wolle er sagen, man muß ja nicht jeden Mist machen.
Ich: “Was meinen Sie jetzt genau?”
Vater: “Naja, da gibts doch so Babyturnen, Massage, Yoga, Schwimmen, Tragetücher oder nicht, Krabbelgruppen, PEKIP…”
Ich: “Ohja, alles gaanz wichtig. Wissen Sie, wie sie ihrer Tochter am nachhaltigsten helfen?”
Vater: “Ja? Wie?”
Ich: “Geben Sie beide das Rauchen auf.” Ich roch es bereits, als ich durch die Tür kam.
Vater: “Sie haben leicht reden. Außerdem rauchen wir nie in der Nähe der Kleinen.” Sagt´s und gibt seiner Tochter einen Kuß auf die Stirn.
Ich: “Klar. Ich sehe abends ja auch all die armen Väter und Mütter auf den Balkonen stehen, wenn ich bei uns durch die Nachbarschaft laufe.”
Und sehe genug Eltern, die beim Spazierengehen mit Kippe in der Hand den Kinderwagen schieben, oder schnell die Zigarette am Klettergerüst ausdrücken, bevor sie Klein-Philipp von ebensolchem heben.
Ich: “Rechnen Sie doch mal… eine Schachtel am Tag?” – “Ja…” – “Alle beide?” – “Meine Frau nur die Hälfte, sie stillt ja noch…” – “Also 1,5 Schachteln am Tag, die kostet aktuell wieviel?” – “Fünfzwanzig.”
Ich zähle an meinen Finger: Ene Mene, Eins, Zwei, Drei, Rechenlösung, komm´ herbei.
“Das macht knapp 34000 Euro, bis Ihre Tochter achtzehn wird. Natürlich nicht berücksichtigt, dass die Zigarettenpreise weiter steigen und Sie tendenziell eher stärkere Kippen brauchen, um der Sucht nachzukommen, und die sind wieder teurer.”
Vater: “Stimmt. Habe ich mir auch schon mal ausgerechnet. Ein schönes Auto ist das.”
Ich: “Aber für Ihre Tochter zur Volljährigkeit!”
Vater: “Solange kann ich sowieso nicht sparen. Da kaufe ich mir vorher lieber selbst ein neues Auto.” Die Mutter im Hintergrund verdreht die Augen.
Ich: “Nicht, wenn Sie so weiterrauchen. Geben Sie´s auf, für Ihre Tochter! Wenn schon nicht für sich selbst oder den Geldbeutel.”
Vater: “Sie haben ja leicht reden.”
Ich: “Stimmt. Habe ich. Ich hab´s nämlich auch mal aufgegeben, während des Studiums.”
Vater: “Als Arzt ist es ja auch leichter.”
Ich: “Ja, wieso? Weil wir die ganzen üblen Sachen sehen, die das Rauchen so anrichtet?”
Vater: “Naaa. Weil Sie doch an ganz andere Sachen rankommen, als an die paar Fluppen.”

?

Die Dinge besprechen

K.O.-Gespräche bei der U3:
– Vitamin D, macht das nicht den Schädel weich?
– Sie impfen schon ab dem nächsten Monat, und dann gleich alles auf einmal?
– Wir waren schon mal beim Osteopath, denn die Geburt war so traumatisch, sagt die Hebamme.
– Wie stehen Sie denn zur Homöopathie?
– Bekommen wir dann auch einen Ultraschallpaß?

Ich find’s gut, dass wir das gleich am Anfang abarbeiten. Dann ist genug Zeit für alle Beteiligten, sich aneinander zu gewöhnen. Oder sich woanders zu finden.

Vorherige ältere Einträge

1. Platz in Kategorie Baby und Kinder bei den Hitmeister Superblogs 2012
%d Bloggern gefällt das: