osteopathologisch

“Herr Doktor, wir würden gerne mal zum Osteopathen, weil, die Maya kam ja mit die Saugglocke, und da hat mein Kieferorthopäde gesagt, da kann man mal zum Osteopathen gehen. Die Krankenkasse zahlt das auch, wenn Sie es verordnen.”
“Aber Ihre Tochter ist doch kerngesund?”
“Nur zur Vorsicht.”
“Vor was?”
“Dass sie sich normal entwickelt.”
“Tut sie ja, das haben wir bei der U3 und U4 schon prima gesehen. Mehr muss sie gar nicht können, als sie jetzt kann.”
“… und die anderen machen es ja auch.”

Immer rauslassen, den Frust

Liebe Frau Heb,
es ist völlig in Ordnung, dass Sie Ihren Frust bei meinen Arzthelferinnen und mir abladen: Das mit der Verordnungsfähigkeit von Arzneimitteln ist tatsächlich ein starkes Stück und für den Laien kaum durchschaubar. Dennoch bin der falsche Adressat.
Dass Ihre Hausärztin für Sie ein Läusemittel rezeptiert hat und dann ihre Söhne zu mir schickt, damit ich die weiteren Mittel zur Parasitenbekämpfung rausschreibe, ist völlig ok. Schließlich könnte es da Unterschiede geben. Leider hat sie Ihr Rezept “auf Rosa” verordnet, was sie leider nicht darf, da hat der Apotheker schon Recht, denn rezeptfreie Medikamente müssen privat verordnet oder gleich selbst gekauft werden.
Jetzt kommt gleich der nächste Schreck: Diese Regelung gilt ab 12 Jahren, also bekommt der große Junge ebenfalls ein Rezept “auf Grün”. Der jüngere, der ist schließlich erst zehneinhalb, kann das Medikament normal verordnet bekommen.
Nein, es geht nicht, dass ich für den drei Flaschen aufschreibe. Und ja, ich muß beide vorher gesehen haben, denn die Verordnung eines Medikamentes setzt wiederum eine eingehende Inspektion des Patient und Diagnose voraus. Sie wollen nicht extra kommen? Kann ich verstehen. Sie sehen die Viecher ja auch so, nicht wahr? Deshalb sind die Läusemittelchen frei verkäuflich. Aber dann müssen Sie sie ja doch selbst bezahlen? Stimmt.
Wie gesagt: Falscher Adressat. Wie wär´s mit dem Gemeinsamen Bundesausschuss, der beschließt nämlich so einen Schrott, dass 12jährige hier wie Erwachsene behandelt werden (übrigens auch bei Antiallergika, Heuschnupfenmittel und so. Das geht erstmal ins Geld…). Außerdem wäre es eine nette Anregung, dass Krankenkassen selbst gekaufte Medikamente auf dem kleinen Dienstweg erstatten, oder? Die geben ja sonst auch genug Geld aus, um ihre Kunden zufrieden zu stellen (siehe Glaubuli).
Dennoch: Meine Schultern sind breit. Erleichtern Sie sich ruhig um Ihren Frust. Dafür sind wir ja da.
Ihr kinderdok.

Beulchen

Es rummst im Wartezimmer. “Wieder einer”, bemerkt die fMFA trocken, “das ist das schöne Wetter.”
Nach einer kurzen Abcheck-Sekunde, vermutlich, ob Mama hinschaut, startet die Sirene auch schon, Marke “ich kann lauter als alle anderen”.
Wir warten.

Die Sirene klingt auf und ab, wie das Sirenen eben so tun, die Stimme der Mutter nimmt eher linear an Lautstärke zu. Schließlich erreicht die Sirene einen neuen Spitzenwert – untrügliches Zeichen, dass sich die Betreuungsperson vom Ort des Geschehens wegbewegt.
Die fMFA öffnet den Kühlschrank und legt sich das Coolpack zurecht.

Die Mutter kommt um die Ecke. “Da kommt niemand mal, oder?”, fragt sie.
“Können wir denn helfen?”, fragt die fMFA und hält ihr das Coolpack entgegen.
“Das ist doch eine Kinderarztpraxis, oder?”
Die fMFA nickt.
Die Mutter ergreift das Coolpack, betastet es prüfend, hebt die Augenbrauen.
“Aber die Arnica-Globuli, die können Sie dann mal noch bringen.”
Und verschwindet Richtung Drama.

Minuten später sehe ich den verweinten Manuel Friedreich (nein, das ist nicht der Nachname) im Untersuchungszimmer. Eigentlich ging´s um eine FSME-Impfung, die er – völlig adrenalingetränkt – ohne Zucken wegsteckt. Das Beulchen auf der Stirn musste ich suchen. Rot war der Kopf sowieso.

Ich habe da noch eine Frage…

Ein Säugling zum Impfen, kurze Untersuchung, Aufklärung, Impfung. Für das Termin-Management in der Praxis mit einem Fünf-Minuten-“Slot” im Kalender vermerkt. Es kommt, wie es kommen muß.

Vater: “Ich habe da noch ein paar Fragen.”
Ich: “Ohja? Ist ja eigentlich nur ein Impftermin. Aber passen Sie auf: Ich untersuche Ihre Tochter sowieso kurz, dann können Sie nebenher fragen.” Ich bin nämlich multi-tasking-fähig.
Vater: “Schatz, was wollten wir nochmal wissen?”
Mutter: “Äh, ich weiß grad nicht.”
Vater: “Das mit den Pickelchen?”
Mutter: “Die sind ja schon wieder weg.”
Vater: “Oder die Bauchweh?”
Mutter: “Naja, die sind jetzt nicht sooo schlimm.”
Vater: “Aber wegen des Breichen-Fütterns…”
Mutter: “Gehe ich zu einem Kurs.”
Ich bin inzwischen fertig mit der Untersuchung und gebe “Grün” für die Impfung an die fMFA. Das schafft stets etwas Luft. “Sie können auch gerne bei der nächsten Vorsorge… da ist immer mehr Zeit als heute, wissen Sie?”
Vater: “Ich wollte doch noch was wissen wegen des Kindersitzes…”
Mutter: “Ja? Was denn?”
Vater: “Weiß auch grad nicht. Der passt noch.”
Mutter: “Na dann.”
Vater: “… die Sonne draußen … Licht … Wärme … Sonnencreme?”
Mutter: “Nicht so schlimm, eincremen ok, Sonnenhut.”
Vater: “Achja?”
Mutter: “Ja.”
Vater: “Na dann…”
Beim anschließenden Impfvorgang mit Pieksen, Trösten, Beschnullern und Besingen fielen keine weitere Fragen mehr an.
Ich: “Dann soweit alles geklärt?”
Vater: “… eigentlich schon.”
Mutter: “Ja, Herr Doktor.”
Ich: “Dann sehen wir uns bei der U5, die ist schon in einem Monat. Da können Sie all Ihre Fragen loswerden. Da habe ich auch mehr Zeit für Sie.”
Ich lächle, zwinkere beiden zu, streichle dem geplagten Kind kurz über die Löckchen und verschwinde.

Umfrage! Impfen! (was sonst?)

Liebe Leser, ich habe das schon immer mal machen wollen, völlig bewußt dessen, dass die Blogbesucher hier vermutlich Impfbefürworter sind. Ich habe die Umfrage nach “Nicht-impfen” aufgebaut, da sicher jedem bewußt ist, welche Impfung nicht durchgeführt wurde. Hätte ich die Umfrage gebastelt nach “folgende Impfungen habe ich durchführen lassen” – müsstet Ihr das Impfbuch rauskramen, zuviel Umstände. Vielleicht ein anderes Mal.

Es sind mehrere Antworten möglich. In den Kommentaren darf gerne erläutert werden, warum Ihr diese oder jene Impfung nicht durchgeführt habt, oder falls Ihr andere Impfungen statt der genannten weggelassen habt. Mit der Windpocken-, Hepatitis B-, Rota-, Masern- und Pneumokokken- habe ich die Impfungen aufgezählt, die in der Regel kritisch gesehen werden.

Edit: Falls Eure Kinder schon älter sind, und manche Impfungen früher noch keine Empfehlung waren (zB Rota), Punkt 1 ankreuzen.

Man kann´s ja mal versuchen

Ich: “Tut mir leid, ich kann Ihnen keine Arbeitgeberbescheinigung schreiben. Sie haben leider keine Versichertenkarte dabei. Auch das Rezept gibt es erstmal nur privat.”
Mutter: “Ausnahme mal?”
Ich: “Nee, geht wirklich nicht. Auch letztes Mal schon nicht, Sie erinnern sich? Ich kann Ihnen das ohne Karte nicht rausschreiben.”
Mutter: “Ok…”

Sekunden später an der Anmeldung:
Mutter zur fMFA: “Ich brauch´ dann noch eine Krankmeldung für die Arbeit.”
Ich beim Vorbeigehen: “Äh, hallo? So geht es leider nicht. Ich hatte Ihnen doch grad gesagt, ich kann Ihnen das nicht rausschreiben.”
Mutter: “Achso? Aber ich dachte, die Arzthelferin kann das…”

Danke für den Hinweis

Lieber Herr Rebmann*,

ich habe schon einiges gehört, warum Eltern mit ihren Kindern den Kinderarzt gewechselt haben, und manches ist auch nachvollziehbar (wenn auch nicht immer für die Kinder), dass ich z.B. mit Glaubuli nichts am Hut habe, oder dass ich meine Überzeugung als Impfbefürworter aktiv vertrete, auch dass ein Anderthalbjähriger bei mir immer so weint, sobald ich durch die Tür komme (da kann man noch viele Kinderärzte wechseln), aber Ihre Begründung hat mich vollends überzeugt – wir werden daran arbeiten:

“Ich suche mir einen anderen Arzt, was Sie hier bei den Vorsorgeuntersuchungen verlangen, ist nicht altersentsprechend.”

Danke für den Beitrag zum Qualitätsmanagement in meiner Praxis.
Ihr kinderdok.

 

*Name wie üblich geändert.

Bingo!

Hier nun auch, inspiriert durch Pharmama und Sheng Fui:

Bingo

Neulich im Notdienst

Mutter: “Ich wollte mal den Ausschlag anschauen lassen. Ist das normal?
Ich: “Ja, das ist so eine Reaktion der Wangen, gibts viel im Winter, wenn es kalt ist.”
Mutter: “Was kann ich da machen?”
Ich: “Bissel eincremen, Gesichtscreme, Fettcreme, was Sie haben.”
Mutter: “Und dann wollte ich noch fragen…?”
Ich: “Ja?”
Mutter: “Sieht das normal aus?”
Ich: “Wie jetzt, wegen des Ausschlags, wie gesagt…”
Mutter: “Nein, nein, ob mein Kind so normal aussieht?”
Ich: “Normal, ja… Ja, sicher. Wieso, was meinen Sie?”
Mutter: “Naja, sieht das behindert aus, oder?”
Ich: “Wie, behindert?”
Mutter: “So, geistig, geistig behindert?”

Der Junge war ganz normal, zwoeinhalb oder so, sprang durchs Untersuchungszimmer, motorisch sicher topfit, lachte mich an, quakte seine normale Kindersprache. Wie das so ist, im Notdienst, ich hatte die Familie noch nie zuvor gesehen, bin nicht der Hauskinderarzt, dann ist das natürlich nicht leicht zu beurteilen, wenn man ein Kind nur ein paar Minuten sieht. Nicht, dass ich der absolute Crack in Sachen Syndrome und Physiognomie bei Stoffwechselerkrankungen wäre, aber bis auf den leichten Epikanthus und der Stupsnase konnte ich an dem Kleinen nichts Besonderes erkennen. Und die hatte er bestimmt von der Mutter geeerbt.

Ich: “Wie kommen Sie denn darauf, was macht Ihnen denn so Sorgen? Hat der Kinderarzt was gesagt?”
Mutter: “Nein, ich finde ihn ja auch ganz normal. Mich haben aber jetzt schon zwei Freundinnen gefragt, ob mein Sohn denn ganz normal sei, der sehe so komisch aus. Geistig, halt.”

Freundinnen… Aha.

Kinderängste (PM des BVKJ)

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Ängste der Kinder respektieren und sich nicht darüber lustig machen

“Leidet ein Kind unter gewissen Ängsten, so sollten Eltern sich nicht darüber lustig machen, sondern es ernst nehmen. Auf keinen Fall sollten sie ihr Kind zwingen, sich damit zu konfrontieren. Besser ist es, das Kind langsam an etwas Angstauslösendes heranzuführen.

„Sprechen Sie mit ihm und lassen sich die Ängste beschreiben, so dass Sie verstehen können, wovor Ihr Kind sich fürchtet. Loben Sie Ihr Kind, wenn es etwas macht, wovor es vorher Angst hatte“, rät Dr. Monika Niehaus, Kinder- und Jugendärztin aus Weimar.

Bestimmte Ängste gehören zur Entwicklung eines Kindes und sind vorübergehend. Halten die Befürchtungen aber über einen längeren Zeitraum an und können Eltern ihr Kind auch nicht mit Zuwendung und Unterstützung beruhigen, sollten sie den Kinder- und Jugendarzt darüber informieren.
Zwischen acht und zwölf Monaten entwickeln Babys erstmals Trennungsangst. Auch fremde Menschen können das Baby dann erschrecken. Kleinkindern und Vorschulkindern fällt es schwer, zwischen Phantasie und Realität zu unterschieden. In dieser Zeit können Albträume ein Kind wecken. „Dann hilft es, dem Kind Sicherheit zu geben, indem Vater bzw. Mutter es umarmen und evtl. bleiben, bis es wieder einschläft. Vielleicht können Eltern zusammen mit ihrem Kind z.B. dem gefürchteten Monster die Gefährlichkeit nehmen, indem sie seine Schwächen erkunden oder das Ungeheuer in einem Bild festhalten. Die Erklärung, dass etwas nur der Phantasie entsprungen ist, nimmt vielen Kindern häufig erst im Schulalter die Angst“, berichtet Dr. Niehaus. Fernsehsendungen, Nachrichten sowie Videospiele mit bedrohlichen Bildern sollten Kinder nicht ausgesetzt sein, denn dies kann ebenso Ängste schüren.

Mit dem Eintritt in die Schule können Prüfungs- und Versagensängste die Oberhand gewinnen. Anzeichen dafür können Bauchschmerzen, Übelkeit, Durchfall am Prüfungstag, Kopfschmerzen, Schweißausbrüche, Zittern, Harndrang, Schlaf- und Konzentrationsstörungen sein. Spätestens wenn der Alltag und die Schule dadurch stark beeinträchtigt werden, sollten Eltern den Kinder- und Jugendarzt konsultieren, um mögliche Maßnahmen zu besprechen.

Quelle: Canadian Paediatric Society, Early Child Development and Care”

Dies ist eine Pressemitteilung des BVKJ.

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Dem ist wenig hinzuzufügen, außer: Bereits bis zum Schulalter wird schnell nach einer professionellen (also ärztlichen oder psychotherapeutischen) Hilfe gerufen. Das ist leider ein Problem im Heranwachsen unserer Kinder: Viele Eltern wissen nicht, wie sie im Vorschulalter mit den o.g. Ängsten umgehen sollen. Oftmals ist der Reflex des “Stell Dich nicht so an” dann ausgelöst. Das greift zu kurz.

Viele Städte und Gemeinden bieten niederschwellige Beratungsangebote – karitativ oder staatlich finanziert gibt es Stellen, in den Sozialpädagogen oder Psychologen zu Gesprächen laden, um bestimmte Situation durchzuspielen und Handlungen zu analysieren. Man muß sie nur nutzen. Jeder Kinder- und Jugendarzt hat entsprechende Adressen.

Therapiert werden müßen Kinder mit Ängsten im Vorschulalter nie. Das schließt aber Hilfe nicht aus – und die sollte über die Eltern erfolgen, die die auslösende Situation besprechen, bespielen und vielleicht auch ändern. So hilft es dem Kind mehr – sehr einfach – , einen anderen Kindergartenweg zu wählen, als immer an dem Kläffer zwei Straßen weiter vorbeigehen zu müßen, “damit es abhärtet”. Von Monstern unter dem Bett war oben schon die Rede.

Wer kennt angstbesetzte Situation und kann von einem guten Ausweg oder Ausgang berichten?

(c) Bild bei Dee McIntosh

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