Gelesen im April

Selbstporträt mit Flusspferd von Arno Geiger
In der Reihe der Bücher über junge männliche Protagonisten vom Übergang des Schüler- oder Studentendaseins zum Erwachsenenwerden mit allen Irrungen und Wirrungen dieser Zeit, erster echter Liebe, erstem Sex, der Auseinandersetzung mit den Autoritäten dieser Welt, den Freunden, die sich jetzt wie die Spreu vom Weizen trennen, viel Musik und viel Selbstzweifel – ist dies auch eines. Die Sprache von Arno Geiger ist viel gerühmt, die Metapher des Flusspferdes taugt für viele Interpretationen in Lesezirkeln und Deutsch-Grundkursen, eine echte nachhaltige Botschaft konnte ich dem Buch nicht entnehmen. Abgehakt unter „Arno Geiger gelesen“. (3/5)

Unsere Kinder: Was sie für die Zukunft wirklich stark macht von Reimer Gronemeyer und Michaela Fink
Die Autoren nehmen sich unglaublich viel vor: Krisen der Zukunft, Bildung, Sicherheit, Toleranz, Empathie, Information, Gesundheit und Stärke, schließlich den Sprung in die Zukunft – so die Kapiteltitel. Dabei kommen sie pro Kapitel, quatsch, pro Absatz vom Hundertsten zum Tausendsten, wilde Assoziationen von der Familie hin zur Ausbeutung der Welt, vom Handykonsum zum Schicksal von afrikanischen Kindern. Schreibt man ein Sachbuch, dann mag man vielleicht mit einem Brainstorming beginnen, einer Mind-Map, dabei kommen unglaublich schlaue Gedanken heraus, keine Frage, aber ihnen fehlt der rote Faden. Als ob die Basis-Mind-Map in Sätze verwandelt wurde. Bei jedem zweiten oder dritten Absatz fragte ich mich: Wo ist hier der Lektor, der die Kapitel straffte, strukturierte, auf den Punkt brachte?
Und zuletzt – Wer die Devise anpeilt „Was unsere Kinder für die Zukunft wirklich stark macht“, sollte sich immer wieder auf diese Frage besinnen und hinarbeiten.
Man verstehe mich nicht falsch: Das Buch ist sehr interessant und es gibt viele Ansätze zum Grübeln, ein Rundumschlag der Gesellschaftskritik.
Mir war´s am Ende zu chaotisch. (2/5)

Der Araber von morgen, Band 2: Eine Kindheit im Nahen Osten (1984 – 1985) von von Riad Sattouf
(Deutsch von Andreas Platthaus)
Der Zweite Teil der Autobiographie von Riad Sattouf ist kompakter als der erste Teil, geschuldet sicher dem besseren Erinnern der Zeit, als der kleine Riad nun in die Schule kommt. Noch mehr spielt Sattouf mit den Farben, dem blaßen Rosa in der Geschichte, dem feurigen Rot bei Gefahr, dem Blaßblau in den Szenen in Frankreich. Wie schon beim ersten Teil fasziniert die naive Sicht des Jungen auf die Gegebenheiten im patriachalischen Islam, das Nichtverstehen des Judenhasses und der Diktatur, die Schilderungen des seltsamen Essens und der Lebenskultur. Man fürchtet die „Lebensphilospophie“ zu spüren, die Menschen zu Islamisten machen. Sattouf hat später sein Vaterland verlassen, und ist in seinem Mutterland zu einem berühmten Zeichner gereift (der auch in „Charlie Hebdo“ veröffentlichte). — Ganz gespannt auf den nächsten Teil. (5/5)

Sophia, der Tod und ich von Thees Uhlmann
Sänger schreiben Bücher. Na dann. Und dann lesen sie auch noch das eigene Buch als Hörbuch ein. Ohje. Ob das wird?
Und ob. Selten habe ich ein Hörbuch so gerne konsumiert, wartete jeden Morgen im Auto gespannt auf die Fortsetzung. Der Gedanke, der Tod steht vor der Tür, wie knapse ich ihm ein paar Zeit ab – genial umgesetzt, sehr lustig formuliert, sehr herzerwärmend. Ich habe teils laut losgelacht, am Ende geheult. Und das Thees Uhlmann das Buch selbst liest, versüßt den Genuß – seine norddeutsche Schnodderschnauze passt hervorragend. Da wird sogar der Tod sympathisch. (5/5)

Fieber am Morgen von Péter Gárdos (Hörbuch gelesen von Axel Wostry, übersetzt von Timea Tankó)
Im Literarischen Quartett kam das Buch so leidlich gut weg, ich habe es mir ausgesucht, weil ich mal wieder einen historischen Stoff lesen wollte. Péter Gárdos Vater schreibt im Nachkriegsexil in Schweden hunderte von Briefen an ungarische Frauen, und verliebt sich in eine. Eine romantische Geschichte mit viel Hoffnung nach dem großen Leid. Der Zauber entsteht tatsächlich aus der Authentizität. Die Schrecken des Dritten Reiches ertönen in wenigen Sätzen, „über die sie nie sprachen“ – und sind dafür umso eindringlicher.
Vielleicht hätte ich den Atem für die Lektüre nicht gehabt, als Hörbuch war es ein interssantes Erlebnis. (4/5)

… und geguckt:
Bosch – Staffel 2
Better Call Saul – 2
Fargo – Season 2

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Welttag des Buches

blogger2015v-w-177x300Ein schöner Tag, ein Lesetag, ein Wochenendtag, was will man mehr. Nehmt Euch ein Buch, nehmt Euch selbst oder ein Kind und lest für Euch selbst oder lest vor, genießt das Teilen der Phantasie.

Um diesen schönen Tag ausreichend zu würdigen: Heute gibts im Rahmen der Aktion „Blogger schenken Lesefreude“ (wie auch schon 2014 und 2015) ein paar Bücher zu gewinnen.

Letztes Jahr hatte ich nach dem ersten Satz eines naheliegenden Buchs gefragt und Eurem Buch für die einsame Insel, das war spannend und produzierte diverse Lesetipps.

Heute gibts ein kleines Quiz: Es folgen die ersten Handlungssätze der vier Bücher, die ich verlose – wer mitmachen möchte, muß diese Sätze den verschiedenen Büchern zuordnen (Bei vielen Büchern gibt es Vorsätze, Vorwörter, Widmungen, Pseudokapitel. Ich habe den ersten echten Satz gewählt.)

Hier die Sätze:

1) „Was ist das?“ fragte Niketas, nachdem er das Pergament in den Händen herumgedreht und einige Zeilen zu lesen versucht hatte.
2) „Heute ist es so weit!“, sagte sich Cate Perry begeistert, während sie sich dranmachte, ihre Lieblingsziege zu melken.
3) Aliide Truu starrte die Fliege an, und die Fliege starrte zurück.
4) Alexandria! Endlich! Alexandria, ein Tropfen hellen Taus, Speichel weißer Wolken.

Nicht wirklich schwer, wie mir grade auffällt…:-)

Und hier die Bücher:

A) Miramar von Nagib Machfus (der Nobelpreisträger schreibt die Geschichte einer kleinen Pension – übrigens eine Spende von Frau Kinderdok)
B) Fegefeuer von Sofi Oksanen (eine kleine Saga aus Estland – packend und politisch)
C) Baudolino von Umberto Eco (Historien-Roman des großen Italieners)
D) Verschlungene Pfade von Anne McCullagh Rennie (für die verliebten Träumer – übrigens eine Spende der Schwiegermutter)

– Du musst ansonsten nur Deine E-mail-Adresse und Nickname im entsprechenden Feld und den Buchwunsch (gerne auch “egal”, gewinnen kann jeder aber nur eins…) in der Kommentarzeile hinterlassen. Die E-mail-Adresse ist nur für mich sichtbar und wird – wie auch die postalische Adresse bei Gewinn – später wieder gelöscht. Bitte keine Namensangaben, Adressen oder e-mail-Adressen direkt im Kommentarfeld (= für alle sichtbar) posten. Was Nettes schreiben ist aber immer drin.
– Wer keinen Buchwunsch postet, kriegt irgendein Buch der Liste.
– Es werden nur die Einsendungen berücksichtigt, die unter diesem heutigen Posting stehen, also da unten (⬇️). Das könnt Ihr aber bis zum 27.4.2016/23:59:59 Uhr machen (ich hab den Einsendeschluss etwas verlängert, für alle, die am Wochenende Besseres vorhaben, als Blogs zu lesen).
– Ein paar Tage nach dem 27.4. (sobald ich dazu komme) verlose ich die Bücher mittels random.org.
– Ich benachrichtige Euch per e-mail, eine Erwähnung mit Nickname gibts hier auf dem Blog natürlich auch. And the winner is…
– Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Viel Spaß, und… schau ruhig in der offiziellen Homepage vorbei, da gibt’s noch mehr zu entdecken.

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Gelesen im März

Auslöschung von Jeff VanderMeer (Übersetzt von Michael Kellner)
Ein seltsames Buch. Ich war am Anfang verwundert, ob ich die Schilderungen langweilig fand oder faszinierend, immer die Frage „Wo soll das hingehen?“. „Auslöschung“ ist Teil einer „kultigen“ Trilogie im Science Fiction Stil, ein wenig Area 51, ein wenig Akte X, ein wenig „Lost“. Das alles aus der Erzählperspektive einer Wissenschaftlerin, die, wie alle Protagonisten, keinen Namen hat. Am Ende überwiegt das Gefühl, hier wird ein Haken ausgeworfen, um den Leser zu ködern, wie es nun weitergeht. Noch ist meine Neugier nicht allzu groß. (3/5)

Heimkehr von Toni Morrison (Übersetzt von Thomas Piltz)
Die Literaturnobelpreisträgerin schreibt ein kurzes Buch über …ja, Schwarze in den USA kurz nach dem (Korea?-)Krieg, über eine Familientragödie (-geschichte?), eine Liebesgeschichte, im Englischen sicherlich in eigenwilligem Stile geschrieben, in der Übersetzung etwas gestelzt. Ich habe meine Probleme mit Morrisons Büchern, dieses habe ich nur durchgelesen, weil die Seitenzahl überschaubar war. Sonst hielt sie mich nicht so lange im Buch fest. Sicher Weltliteratur, aber nichts für mich. (2/5)

Immun: Über das Impfen – von Zweifel, Angst und Verantwortung von Eula Biss (Übersetzt von Kirsten Riesselmann)
Eula Biss schreibt als Mutter ein Buchessay über das Impfen. Ihr Verdienst ist, dass sie niemanden in die Ecke stellt und mit dem Finger zeigt. Sie wertet ihre eigene Impfeinstellung nicht höher als die anderer, sondern schildert teils emotional, teils sachlich, teils philosophisch den Weg ihrer Entscheidungsfindung. Dabei zitiert sie eine Vielzahl an Quellen aus der Medizin, der Philosophie und der einschlägigen „Berater“ in den USA. Ihre Hauptentscheidungshilfe ist aber ihr eigener Vater, ein Arzt. So wird ihre Einstellung – wie bei allen Eltern – geprägt von der eigenen Sozialisation. Etwas irritiert hat mich das wiederholte Bemühen des Vampirs als Metapher für das Impfen – für mich nicht mal bildlich nachvollziehbar. Ein Lektor mit mehr Aufmerksamkeit hätte dem Buch dazu noch gutgetan – zuviel Redundanz. Trotzdem: (5/5)

Das Wettangeln von Siegfried Lenz
„Siegfried Lenz´ letzte, noch nie veröffentlichte Erzählung“, herausgegeben als Bilderbuch mit Zeichnungen von Nikolaus Heidelbach. Eine hübsche Geschichte, deren Bedeutung im Nachwort von Günter Berg ein wenig gewinnt, beim spontanen Lesen aber seltsam beliebig daherkommt. Naja. (2/5)

Dead Heart von Christian De Metter
Sehr spannende Graphic Novel nach einem Roman von Douglas Kennedy über einen abgebrannten Typen, der sich nach einer Affäre mit einer Anhalterin in einem abgelegenen Dorf voller Inzest und dikatorischen Strukturen wiederfindet. Gruselig, toll gezeichnet. (4/5)

Revival 3: Ein ferner Ort von Tim Seeley und Mike Norton
Ok, der dritte Teil der Reihe „Revival“ – genauso öde wie die anderen. Ihr hattet Eure Chance. (1/5)

Trabanten von Frank Schmolke
Das wiederum war ein Hochgenuß: Ein Comic aus deutscher Feder, spielt in München der 80er Jahre, schwarzweiß, düster, wie ein Film gezeichnet mit Großaufnahmen und Details, zerbrochene Zeichnungen wie der Hauptdarsteller. Franz kommt aus dem Knast und bekommt keinen Fuß auf den Boden. Kurze Lichtblicke werden von Schatten ausgeknipst. Keine Hoffnung. (5/5)

Wenn das Land still ist von Carsten Kluth (Hörbuch gelesen von Heikko Deutschmann)
Ein Zufallsfund auf Spotify, ich wußte nichts von dem Buch, von dem Autor, dem Inhalt. Eine Ehegeschichte vor politischem Hintergrund, ein Politikeraufstieg und -fall und was die Familie dabei ausrichten kann. Ein interessanter Einblick in den Lobbyismus der Wirtschaft, besonders reizvoll, da aus der Wirtschaft der Umwelttechnologie. Der Kanzler taucht auf – ja, der – , außerdem noch ein wenig Xenophobie in Deutschland und Kriminelle. Ich habe es gerne gehört, auch dank Heikko Deutschmann, vielleicht zum Lesen nicht ganz so gut. (4/5)

Der Schneesturm von Vladimir Sorokin (Übersetzt von Andreas Tretner, Hörbuch gelesen von Stefan Kaminski)
Und noch ein Zufallsfund, mein Buch des Monats. Sorokin sei DER zeitgenössische Schriftsteller Russlands, seine Geschichten sind fantasievoll, surreal und trotzdem im traditionellen Erzählstil pointiert gesetzt. Liebevolle Charaktere im Sinne Tolstois oder Tschechovs, denen unvorhersehbare Dinge geschehen. Selten war ich so froh, rein gar nichts über ein Buch gewußt zu haben – das sind die größten Entdeckungen. (5/5)

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Gelesen im Februar

Eisiger Dienstag von Nicci French (Übersetzt von Birgit Moosmüller)
Ich hatte vor zwei Jahren den ersten Krimi rund um Frieda Klein, der Psychotherapeuten aus London, gelesen, und er hatte mich absolut geflasht. Trotzdem hat es bis zum 2.Versuch gedauert. Diesmal kam ich etwas schwerer rein, aber wieder, nach der ersten Hälfte, war ich drin: Wieder ein vielschichtiger Fall, wieder hübsche Nebencharaktere und eine starke Hauptfigur. Etwas anstrengend: Das Aufarbeiten des ersten Buches, dessen Clou noch nicht gelöst war, und die Position der Laien-Polizistin Frieda im Apparat von Scotland Yard. Das genau das aber ein Grundkonflikt der Bücher ist, dürfte jedem Leser klar sein – umso mehr wünschte ich mir eine klare Lösung. Trotzdem: Spannend, lesenswert, mit viel London-Flair. Den nächsten lese ich nicht erst in zwei Jahren. (3/5)

Ungläubiges Staunen: Über das Christentum von Navid Kermani
Inspiriert von Denis Schecks Empfehlung in „Druckfrisch“ habe ich spontan beim letzten Buchhandlungsbesuch nach diesem Buch gegriffen, ohne genau zu wissen, was mich erwartet: Ein hochgebildeter Muslim (Friedenspreisträger 2015) vermittelt seine Liebe zum Christentum anhand klassischer Kunstdarstellung: Caravaggio, Botticelli, Leonardo da Vinci und viele mehr, Bilder, Skulpturen, ein Kreuz, eine Kirche, ein Video — was sagen sie aus über unser Christentum und die Facetten von Liebe, Schönheit, Tod, Licht und Lust? Nebenbei vermitteln die 40 Bildbeschreibungen einen Abriß der christlichen Geschichte, Jesu` Leben und berühmter Heiliger. Durchdrungen ist das Buch von der Verständigung zwischen Christen und Muslime, wie der Heilige Franz von Assisi eine Freundschaft mit dem Sultan al-Malik al-Kamil teilte (ihr ist eine der längsten Passagen gewidmet).
Dass ein Muslim mir einmal das Christentum so nahe bringt, wie vielleicht zuletzt zu meiner Konfirmationszeit, das hat mich an diesem Buch fasziniert. Sehr empfehlenswert. (5/5)

Die Engel von Sidi Moumen von Mahi Binebine (Übersetzt von Regula Renschler)
Ein kurzer Roman über eine Gruppe Jugendlicher im Armenviertel Casablancas, die quasi „über Nacht“ zu Selbstmordattentäter werden. Hitzig geschrieben, in kleinen Episoden aus deren Alltag, Anekdoten, die wie selbstverständlich das Leben im Slum schildern, Fussball, Mädchen, Freundschaft. Ohne böses Ahnen oder manifestem religiösen Hintergrund werden sie dem Extremismus einverleibt, ohne je extremistisch zu sein. Das Bereuen und die Trauer kommt erst nach dem Tod, wenn der Engel seine Lebensgeschichte erzählt. Ganz erklären kann das Buch nicht, vielleicht ist das aber auch die Botschaft: Ganz erklären lässt sich Extremismus nie. Schon gar nicht verstehen. (5/5)

The Stand – Das letzte Gefecht von Stephen King (Übersetzt von Harro Christensen, Joachim Körber und Wolfgang Neuhaus, Hörbuch gelesen von David Nathan)
Schon lange höre ich an diesem Buch, wen wunderts, geht es doch vierundfünfzig Stunden, das sind für mich ca. hundert Fahrten zur Praxis und zurück. „Das letzte Gefecht“ habe ich mit sechzehn das erste Mal verschlungen, seither mein Lieblingsbuch von Stephen King, zehn Jahre später, im Studentenalter, noch einmal. Nun als Hörbuch, wie immer unvergleichlich gelesen von David Nathan, diesmal in der ungekürzten Fassung, genoß ich es, als habe ich es noch nie gelesen. Fantastisch. Wer einen langen Atem hat und Stephen King als Literat kennenlernen will, dem sei dieses Buch empfohlen. Die stark überzeichneten christlichen Motive sind Teil des Ganzen, für ein Seminar der Darstellung und Entwicklung von Romanfiguren ist „The Stand“ ein Lehrbuch. (5/5)

Wo sind die großen Tage geblieben? von Jim und Alex Tefengki
Eine graphic novel über drei Freunde, deren bester Freund Selbstmord begangen hat. Jeder bekommt ein Geschenk, das deren Leben verändern wird. Wunderschön coloriert, eine spannende, nachdenkliche Geschichte aus Paris. Keine Offenbarung, aber für zwischenrein gut lesbar. (4/5)

Ein Sommer am See von Mariko und Jilian Tamaki
DER gehypte Comic des letzten Jahres über zwei Freundinnen in ihrem Sommerurlaub. Eine Variante des Thema des Growing Up, Coming-of-Age, des Erwachsenenwerdens, wie man es auch nennen mag. Subtil gezeichnet, mit einem tollen Gefühl für Geschwindigkeit und Pausen. Ich vermute, dass ich nicht ganz der Zielgruppe entspreche, ich habe es mal auf den Buchstapel meiner Tochter gelegt. (4/5)

Das Gedächtnis des Meeres von Mathieu Reynès und Valérie Vernay (Übersetzt von Eckart Schott)
Und noch ein Comic. Noch ein Mädchen, noch ein „Großwerden“. Diesmal als Hintergrund die französische Atlantikküste, rauh, gefährlich, das Meer als Ungeheuer. Mir haben die Zeichnungen nicht so zugesagt, die Story war nett, die Auflösung sehr wort-, weil erklärungsreich, das kommt bei einer graphic novel eher unglücklich. (2/5)

Gesehen:
Stephen King’s The Stand – Das letzte Gefecht [2 DVDs] von Mick Garris
Dass von „The Stand“ eine Verfilmung existierte, wußte ich. Nachdem ich das Hörbuch zuende gelesen hatte, war ich neugierig, wie man knapp 1200 Seiten in eine „Miniserie“ von 4 x 90 Minuten quetscht. Ja. Ok. Das kann man so machen. Die Serie versprüht einen lustigen 90er Charme, im Fernsehformat gedreht, mit bekannten amerikanischen Schauspielern (Gary Sinise oder Molly Ringwald), der eigentliche Plot ist faszinierend schlüssig umgesetzt (von King persönlich), die Zwischentöne, der Spannungsaufbau und manch schöner Charakter wurden geopfert. Der Film taugt wohl eher als cineastisches Filmdokument, denn als Blockbuster. Gibt es, außer Kubricks „Shining“ überhaupt eine gute Stephen-King-Verfilmung? Edit: Beste King-Verfilmung ist sicher Kubricks „Shining“, „Misery“ und „Green Mile“ gleich dahinter. Aber die Adaptation für den TV-Markt konnten kaum überzeugen. (3/5)

 


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Gelesen im Januar

Etwas verspätet – dennoch. Meine Lektüren im letzten Monat, diesmal etwas comiclastig:

Der begrabene Riese von Kazuo Ishiguro (übersetzt von Barbara Schaden)
Mein Buch des Januars, vielleicht des Jahres bereits. Ein Märchen aus der Zeit von König Artus, viel Traumphantasien, nebulösen Ideen, Rittern, Edelleuten und dem ganz normalen Volk. Vor allem aber eine Hommage an das Zusammenleben von Mann und Frau, damit der Familie, der Liebe, den Kindern. Ein Buch, das ein zweites Lesen zwingt, um es zu interpretieren, ein Buch für Lesezirkel, fürs Unterhalten darüber. Sensationell. Wenn man sich drauf einlässt. (5/5)

Florian Berg ist sterblich von Janko Marklein
Ja. Ganz nett. Der Typ ist ein Widerling, ich hätte ihm alles Blöde dieser Welt gewünscht, der Stil des Buches flockig, locker, das Setting: Studenten. Kann man lesen, ich wollte, ich hätt´s gelassen. (2/5)

Harold von einzlkind
Da schleicht ein wenig „Harold und Maude“ durch die Seiten, bei dem Titel natürlich beabsichtigt, der titelgebende Harold ist genauso einer. Der wiederum trifft auf einen inselbegabten Jungen, beide reisen sie quer durch England auf der Suche nach dem Vater desselben. Da gabs ein paar Plotholes, das nicht überraschende Ende, dass der letzte in der Liste der Namen der Vater sei … oder auch nicht? Unglaubwürdige Geschichten mit allerdings zwei sympathischen Hauptfiguren (die man aber auch irgendwo schon mal gelesen hat). (3/5)

Revival von Tim Seeley und Mike Norton
Soll so was wie „Walking Dead“ sein, nur dass hier die Toten wirklich wieder leben. Bisschen langweilig, zuviele Perspektivensprünge, die irritieren und ärgern, dazu etwas zu konventionell, also langweilig gemalt. Splatter alleine reicht nicht. (1/5)

Kinder der Hoffnung von Marc Levy und Alain Grand
Tolles graphic novel über die Resistance, nach einer wahren Geschichte, den Aufzeichnungen von Marc Levys Verwandten und seinen Mitrebellen in Frankreich. Erschreckend schöne Bilder, viel schlimmer die Visualisierung der Verschleppung der gefassten Resistancekämpfer ins KZ. Sehr beeindruckend. (5/5)

Weißer Schatten von Antoine Ozanam und Antoine Carrion
So, wie „Revival“ das zweite „Walking Dead“ sei, ist dies hier die Version für Arme von „Games of Thrones“. Die Bilder sind ganz schön gruselig und mystisch, die Story aber etwas zu dünn und durchsichtig. (1/5)

Irmina von Barbara Yelin
Und noch ein tolles graphic novel, wieder angesiedelt in der Zeit des Dritten Reiches. Irmina ist ein Mädchen, das kurz vor der Machtergreifung ein Auslandsjahr in London verbringt, sich dort in einen Schwarzen verliebt, zurückkehrt ins Hitlerdeutschland und am Ende einen SS-Offizier heiratet. Und dabei letztendlich ihr eigenes Leben verrät und verkauft an das angepasste Leben in Deutschland. Sehr traurig und ergreifend, immer wartend auf das große happy end, das zwar kommt, aber dann doch auch nicht. Schöne Bilder von London und – ja – auch Deutschland der damaligen Zeit. Viel Luft zum Nachdenken über die Zeit und, wie so oft bei diesen Büchern, darüber, wie man sich selbst verhalten hätte. Oder? (5/5)

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Gelesen im Dezember

Der Dezember war geprägt von Arbeitsanflutung in der Praxis, Vorbereitungen für Weihnachten, Deadlines für den Adventskalender im Blog – da blieb nur wenig Zeit für die schönen Lesestunden. Ein paar brachten:

Erschlagt die Armen! von Shumona Sinha (Übersetzt von Lena Müller)
War wohl ein Skandalbuch in Frankreich, da die Autorin als Dolmetscherin in Flüchtlings- und Behördeneinrichtungen gearbeitet hat und ihre Erfahrungen und Gefühle in diesem Roman verdichtete – nicht unbedingt immer politisch korrekt. Anstoß erregte vor allem, dass sie – selbst ehemaliger Flüchtling – niedere Beweggründe und Täuschungsmanöver der Geflüchtete ansprach. Interessant geschrieben, teils etwas gedankenflüchtig, nicht immer am Thema bleibend, aber vor allem in seiner Skandalträchtigkeit überschätzt. Für das ernste Thema beinahe zu blumig-poetisch, bei mir kam am Ende nur ein „So what?“ heraus. Sicher ein Buch, dass jeder anders aufnimmt. (3/5)

Bilder deiner großen Liebe: Ein unvollendeter Roman von Wolfgang Herrndorf
Der letzte Roman des m.E. großen Schriftstellers, wie bekannt unvollendet, dennoch weitergesponnen durch Herrndorfs nahen Freunde Kathrin Passig und Marcus Gärtner. Isa ist die dritte Hauptperson in Herrndorfs „Tschick“ und ihre Geschichte wird hier erzählt. Der Stil entspricht dem des Nachbarromans, daher flüssig und hintergründig lesbar. Dennoch bleibt der Roman eben unvollendet und am Ende fragt man sich – genau… Mein Lieblingsroman von Wolfgang Herrndorf bleibt „Sand“, extrem komplex und unterhaltsam, viel zu unbekannt. Dieser letzte Roman hier trotzdem: (4/5)

Huck Finn von Olivia Vieweg
Ich wollte nach „Antoinette“ unbedingt noch eine graphic novel von Olivia Vieweg lesen, also „Huck Finn“ – ich war ehrlicherweise etwas enttäuscht. Klar, die Geschichte war spannend und auch für Jugendliche sicher mitreißend, kein Wunder, Huckleberry Finn und so. Aber dann driftete die Geschichte zum Ende in eine Peng- und Knallgeschichte ab, etwas verstörend. Das ist zwar konsequent zur Originalvorlage von Mark Twain, aber für ein Buch der heutigen Zeit wohl eher unglaublich. Zum Schluß gibts eine schöne Kurve zum Guten, na denn. (2/5)

Wie ein leeres Blatt von Pénélope Bagieu und Boulet (Übersetzt von Ulrich Pröfrock)
Eine junge Frau erwacht auf einer Parkbank und erinnert sich an nichts. Einfache Idee, schon oft durchdacht, hier in Comicform. Toll gezeichnet, schöne Storyline und schnelle Identifikation mit der Hauptperson. Dazu viel Humor und nette Nebencharaktere. Rundum super. Dass die Geschichte am Ende so ganz anders ausgeht als gedacht, macht das Ganze nur noch besser- (5/5)

Fargo – Season 1
Oh yeah. Meine Serie des Jahres. Ich bin sowieso ein Fan aller Dinge, die die Brüder Coen so anfassen, hier waren sie Koproduzenten des eigenen Originalstoffes. Der Film war schon sensationell, die Serie ist in ihrem Genre mindestens ebenbürtig: Die schwangere Polizistin liebenswert, der Bösewicht zum Gruseln, dennoch faszinierend, alleine der „böse“ Gute fand ich mit Bilbo Freeman etwas seltsam besetzt. Ok, aber auch interessant. Gewinner auf jeden Fall: Billy Bob Thornton. „Breaking Bad“? „Game of Thrones“? Ach was – Fargo! Einself! (5/5)

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… morgen geht die Praxis wieder los, dann gibt es hier auch wieder Geschichten daraus. Versprochen.

Lieblingsbücher 2015

Jaja, die Rückblicke zwischen den Jahren…
Seit einiger Zeit schreibe ich hier am Anfang des Monats, welche Bücher, Comics, Filme und Serien ich im Monat davor konsumiert habe, völlig off topic, denn dies ist schließlich ein Kinderarztblog, aber als Rückblick für mich zum Nachlesen ganz lustig. Nun heute also der Rückblick der Monatsrückblicke – meine Lieblingslektüren 2015, beschränkt auf zehn Bücher (ohne Ranking):

Das Glück der anderen von Stewart O´Nan (Übersetzt von Thomas Gunkel)
Altes Land von Dörte Hansen
Im Frühling sterben von Ralf Rothmann
Die Straße von Cormac MacCarthy (Deutsch von Nikolaus Stingl)
Kindheit ist keine Krankheit von Michael Hauch
Die letzte Drachentöterin von Jasper Fforde (übersetzt von Isabel Bogdan)
Nazis, Nadeln und Intrigen: Erinnerungen eines Skeptikers von Edzard Ernst
Kindeswohl von Ian McEwan (übersetzt von Werner Schmitz)
Schwimmen in der Nacht von Jessica Keener (übersetzt von Maria Hummitzsch)
ok, und natürlich: Avenue of Mysteries von John Irving

Mir fällt auf, dass es kein DAS Buch 2015 für mich gab. Das Jahr scheint für mich eher eine Durststrecke in Sachen guter Lektüre gewesen zu sein. Vielleicht war es aber auch nicht mein Jahr fürs Lesen, vielleicht waren die vibes andere, ich habe z.B. viele Serien geschaut („The Wire“, „Fargo“ z.B.), viel DIE ZEIT gelesen, da blieb nicht viel übrig für das tägliche Romane lesen. Das mag sich 2016 ändern.
Den „John Irving“ habe ich daher oben hineingeschummelt, ich habe ihn noch gar nicht durch, aber das ist ein tolles Buch des Jahreswechsels.

Achja, und noch eines, bei dem ich gerade in den letzten Kapiteln liege:
Der begrabene Riese von Kazuo Ishiguro (übersetzt von Barbara Schaden)
Sehr empfehlenswert – dazu demnächst mehr beim „Gelesen im Januar“. So, jetzt sind es doch elf geworden.

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Gelesen im November

Gehen, ging, gegangen von Jenny Erpenbeck
Mmmmh, ja. Ok. Kann man lesen. Richard, der ausgebrannte Professor, sucht Kontakt mit den Flüchtlingen in Berlin. Passt zur Zeit, erweitert in jedem Fall den Horizont, was das Thema angeht und ein jeder, der´s gelesen hat, kann sich nun rühmen, mehr dazu zu wissen. Literarisch bestimmt toll geschrieben, meins ist es nicht. Auf der Shortlist für den Buchpreis 2015. Empfehlenswert zu Weihnachten? Für die Germanistik-Interessierten. (2/5)

Sehr gerne, Mama, du Arschbombe von Patricia Cammarata
Darüber habe ich bereits geschrieben – ist was für eine gute Freundin zum Weihnachtsfest. (4/5)

Blankets von Craig Thompson
Brilliante graphic novel über das religiös verbrämte Heranwachsen eines Jugendlichen, seiner ersten Liebe und ersten „Erfahrungen“, autobiographisch kritisch, daher knisternd gut. Trotz knapp 600 Seiten an einem Tag durchgelesen. (5/5)

Antoinette kehrt zurück von Olivia Vieweg
Antoinette kehrt in ihr Deutschland der Kindheit zurück, um mit der Vergangenheit endgültig aufzuräumen. Gelingt ihr das? Der Leser bleibt zweifelnd zurück. Eine kurze Graphic novella, schön naiv gezeichnet und dabei umso eindringlicher. Macht Lust auf Mehr von Frau Vieweg. (5/5)

Avenue of Mysteries von John Irving
Muß ich hier listen, denn ich lese gerade dran, und die „Avenue“ ist jetzt schon MEIN Buch des Novembers und Dezembers. Ich bin Irving-Fan und hier hat der Meister nach ein paar Schwächen der letzten Romane wieder mal einen Klassiker seiner Schreibe vorgelegt: Ein Krüppel, ein Waisenkind, sexuelle Verwicklungen, Übernatürliches und ein Schriftsteller. Irvings Variationen des ewig gleichen Themas – egal, das funktioniert auch beim vierten ähnlichen Roman. Nobelpreis bitte. (7/5)

S. – Das Schiff des Theseus von J.J. Abrams und Doug Dorst
(Übersetzt von Tobias Schnettler)
Ein Film als Buch, „Lost“ in Print, keine Ahnung. In jedem Fall die Gegendarstellung zu allen ebooks dieser Welt. Vielleicht die Zukunft der Buchkunst. Ein Roman in einem Roman, eine Story hinter der Geschichte, Zettelchen, Fotos und Karten als Hinweise, etwas anstrengend im Lesefluß, die Auflösung wohl eher dröge, aber das Leseerlebnis sucht seinesgleichen. Ein Weihnachtsgeschenk für alle Bibliophilen. (4/5)

Gesehen:
Halt and catch fire, Fernsehserie von AMC (Christopher Cantwell und Christopher C. Rogers), bei Amazon Prime
Zufällig gefunden unter den Stream-Serien bei Amazon, die Geschichte eines Visionärs, einer verrückten Softwareentwicklerin und einem Hardware-Nerd in den frühen Achtziger Jahren, die Entwicklung der ersten tragbaren PCs, die Verwirrung in einem „mittelständischen“ Unternehmens der USA zwischen den Mächten der Branche. Dabei eine Charakterstudie der drei (oder fünf) Protagonisten, ganz langsam in der Entwicklung bis zum schrillen Finale. Beste Szene: Die Offenbarung des Apple MacIntosh. (5/5)
Die zweite Staffel fällt etwas ab.

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Wenn da nicht der Titel wäre

@dasnuf a.k.a. Patricia Cammarata schickte mir ein Rezensionsexemplar ihres Buches „Sehr gerne, Mama, Du Arschbombe“, das mal gleich zum Anfang – ganz in ihrem Sinne, ein solches als solches zu kennzeichnen.

Da ich Doktor bin, habe ich mir zunächst die Geschichte beim Kinderarzt rausgepickt, die mit der U8, viel Fremdschämen für die Kollegin dabei, viel „geht ja gar nicht“. Hoffentlich mache ich das aus der Sicht der Eltern ein wenig feinfühliger. Auch wenn ich Patricia Cammaratas Sarkasmus und dramatische Übertreibung abziehe, bleibt genug übrig, um sich zu schütteln. Respekt für „Kind 3“.

 Dann habe ich von vorne gelesen, wie sich das gehört. Muß man aber bei dem Buch gar nicht, schließlich gibt es keinen Plot, keinen Zusammenhang, die Kapiteleinteilungen dienen nur der groben Orientierung, mehr brauchts nicht, den dies ist das Best-of ihres Blogs „das nuf advanced„. Das spricht die Nicht-so-Blogaffinen an, das macht Sinn, schließlich sollte jederfrau/mann an Frau Cammaratas trockenem Humor, den überraschenden Wendungen und entwaffnenden Einsichten der Geschichten teilhaben. Das Nuf ist ein Urgestein des (weiblichen) Bloggens, Frau Nessy hat das schön dargestellt, hier also das Buch zum Blog, das Blogbuch, das Print zum Screen. Ein wilde Sammlungen an den Alltäglichkeiten, die wir Eltern so kennen, das Anziehen, das Zubettbringen, das Essen, der Kindergarten, die Pekipgruppe, huch, die Erziehung. Lesen kann das jede/r, der/die Kinder großzieht oder sich gerne über Kinder und ihre Eltern echauffiert. Der Wiedererkennungsfaktor ist hoch.

Über Frau Cammaratas Stil schreibe ich nur soviel: Göttlich. Weil lustig. Und pointenreich. Also Blog anlesen, oder via Kindle Leseprobe oder schlicht mir vertrauen und kaufen. Achja: Der Beetlebum hat illustriert, was die Sache noch cooler macht.

Jetzt kommt das mit dem Titel (was da oben im Titel steht). Wenn ich das „das nuf“ nicht via Blog gekannt hätte und nur ein einsamer Familienvater auf der Suche nach etwas Zerstreuung in einem Buchladen wäre – dieses Buch hätte ich mir nicht gekauft. Warum stets Fäkaliensprache? Warum „Arschbombe“, „Kinderkacke„, „Fuck“ oder „Elternschiss„? Wieso meinen Verlage, dass sich Bücher so besser verkaufen? Weil Eltern sich gerne mit Ausscheidungen und Gossensprache beschäftigen, oder Kinder sich gerne wider besseren Wissens in der Wortwahl vergreifen? Oh, wie lustig. Sex and Puke sells. Na, danke auch.

Patricia Cammarata, „Sehr gerne, Mama, Du Arschbombe – Tiefenentspannt durch die Kinderjahre“, Bastei Lübbe, 8,99 €

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Gelesen im Oktober

Natchez Burning von Greg Iles
(Übersetzt von Ulrike Seeberger)
Wenn ich bei einem 1000-Seiten-Roman nach 600 Seiten auf die Idee komme, dass dies wohl ein Buch einer Reihe ist (nämlich schon der vierte Band?) und ich dann beim Recherchieren erfahre, dass es sich bei dem Buch zudem um „den Auftakt einer Trilogie handelt“, ich also damit rechnen muß, dass am Ende der laaangen 1000 Seiten keine komplette Auflösung auf mich wartet, und dann der Roman im ganzen zwar spannende Momente hat, aber zuviele „lose ends“, zuviele Wiederholungen, zuviele überflüssigen Erklärungen und eine Unmengen an Personen: Dann höre ich auf. Schade eigentlich um das Thema (Aufklärung von Morden an Schwarzen in den Sechzigern, Verstrickung in den JFK- und RFK-Mord). Die Hälfte der Seiten hätte auch gereicht, außerdem ertrage ich nicht die Perspektivenwechsel bei jedem Kapitel (vor allem, wenn eine davon in der 1.Person geschrieben ist). Abgebrochen. (2/5)

Wenn der Wind singt – Pinball 1973 von Haruki Murakami
(Übersetzt von Ursula Gräfe)
Als Murakami-Fan mehrmals hier offenbart, habe ich diesen Monat auch seine ersten beiden Romane gelesen, die nun laut Werbung „sensationell spektakulär“ ins Deutsche übersetzt wurden (ganz ehrlich: Olle Schinken werden immer dann auf den Markt geworfen, wenn der Meister eine Schaffenspause hat, aber egal). Für Murakami-Novizen sind diese beiden Kurzromane in einem Buch nichts: Sie wirken noch sehr experimentell (bösen Zungen sagen, Murakami habe dieses Experimentieren nie ganz verlassen), manche Abschnitten verleiten zum Seufzen wegen des Unzusammenhangs mit der fehlenden Handlung. Die klassischen Murakami-Figuren treten bereits jetzt auf, das traumhafte Geschichtenerzählen, das poetische im Alltag. Keine leichte Lektüre, für Fans aber eine Selbstverständlichkeit. (4/5)

Leben von David Wagner
Ich dachte eine Zeit lang, David Wagner sei Amerikaner. Wie lustig. Unwichtig. Das Buch war vor ein paar Jahren recht gehyped durch die Feuilletons gegeistert, erst jetzt habe ich es auf dem Flohmarkt erstanden. Tolle kurze Schreibe, ganz in meinem medizinischen Sujet angesiedelt, das kommt mir ja entgegen. Dass David Wagner sein eigenes Erleben erschreibt, macht das Buch automatisch sympathisch, für Betroffene (Transplantierte) kann es bei der eigenen Aufarbeitung hilfreich sein. Manchmal dachte ich, es ist ein Transkript des Wagnerschen Tagebuchs, und vielleicht ist es das ja auch – Tagebucheinträge von fünf Zeilen oder Abschriften von Todesanzeigen können auch die Seiten füllen. (4/5)
P.S. Herr Wagner: Im Krankenhaus wird man nicht von der Radiologin geröntgt, sondern von der Medizintechnischen Radiologieassistentin.

Auerhaus von Bov Bjerg
Auch dieses Buch geistert durch die Feuilletons, wird als Geheimtipp gehandelt, vor allem im Hamburger Raum. Ich fand die Geschichte um sechs Jugendliche, die in ein Haus ziehen, um den Kumpel vor der Suizidalität zu bewahren, ganz nett, die story plätscherte schön durch bis zum Ende, ein wenig Rebellion hier, ein wenig Spießertum da – aber alles irgendwie schon einmal gelesen, vielleicht bei Herrndorf, vielleicht bei jedem anderen Jugendroman. Das vorhersehbare Ende verdampft dabei leider zur Unwichtigkeit. (3/5)

Das Glück der anderen von Stewart O´Nan
(Übersetzt von Thomas Gunkel).
Gibt es bessere Leseerlebnisse als Bücher, von denen Du noch nie gehört hast, wo Du keine Meinungen oder Rezensionen kennst, Bücher, die Du zufällig in der Bücherei oder der Buchhandlung mitnimmst, weil Dich der Klappentext interessiert oder die Bildsprache der ersten Worte? Dieses ist so eines. Du liest in die ersten Sätze hinein, blätterst weiter, hängst an einem Absatz und mußt es sofort zu Ende lesen. Stewart O´Nan wird vom Verlag gerne mit Stephen King in Verbindung gebracht, Du hast keine Ahnung, warum. Die Sprache ist eine andere, die Themen sind anders, Du liest einen kurzen, überwältigenden, sprachlich raffinierten Roman, der Dich nachdenklich hinterlässt. Lass Dich nicht von der zweiten Person Singular irritieren, Du gewöhnst Dich dran und verstehst. Unbedingt wieder entdecken (der Roman ist von 1999). (5/5)

Faust von Flix
Flix hat sich früher ™ gerne an Klassikern versucht, hier der „Faust“, es gibt auch eine verflixte Adaption von „Don Quijote“, beide sind verschlungen zeitadaptiert aufgefrischt gezeichnet, den „Don“ fand ich besser, aber der „Faust“ hat auch was. Die großen Stars: Gott und Teufel.  Was ein bisschen nervt bei diesen recalm-gestylten Ausgaben des Carlsenverlages ist die Mini-Type, die man kaum lesen kann. Liegt bestimmt an meiner Alterssichtigkeit. (4/5)

Der Papyrus des Cäsar von Jean-Yves Ferri und Didier Conrad
(Übersetzt von Klaus Jöken)
Jeder neue Asterix wird an Uderzo und Goscinni gemessen, lassen wir das. Jeder neue Asterix ist für den dauerhaften Fan-Leser, der „sie alle kennt“ ein Rückbesinnen auf die Kindheit, Jugend, das ganze Leben. Ich bin damit groß geworden, Du vielleicht auch, also werden sie alle weiter verschlungen, nochmal und nochmal, denn jede Lektüre findet neue Namen, neue versteckte Zeichnungen und Anspielungen. Die Story ist gut, die Nebenhandlungen lustig, der Anspruch hoch. (4/5)
Zitat Sohn: „Na, gehts mal wieder ums Verkloppen der Römer?“ Ja! Unbedingt!

Das Attentat von Dauvillier und Chapron, nach Yasmina Khadra
(übersetzt von Ulrich Pröfrock)
Diese graphic novel verführt den Leser nach Israel, mittenrein in den palästinensisch-israelischen Konflikt. Der Protagonist lebt als muslimischer Arzt in einem israelischen Krankenhaus, seine Frau entlarvt sich als Selbstmordattentäterin, die Geschichte enthüllt die Hintergründe, die der Arzt nicht kannte. Ganz stark die Szenen „zwischen allen Stühlen“, der Kontakt mit dem israelischen Geheimdienst und dem palästinensischen Untergrund. Die Rettung kann nur die Familie sein. (4/5)

Finderlohn von Stephen King
(Hörbuch von David Nathan, übersetzt von Bernhard Kleinschmidt)
Stephen King setzt seine Geschichte um den alten Polizisten Hodges fort, aber dieser erscheint erst im zweiten Drittel des Buches. Vordergründig geht es um die gestohlenen Notizbücher der Schriftstellerikone John Rothstein, der vor dreißig Jahren in seinem Haus ermordet wurde. Ein Jugendlicher findet die Bücher und viel Geld und gerät in den Konflikt, seine Familie zu retten oder die gestohlene Ware zurückzugeben. Der Mörder, nach dreißig Jahren aus dem Gefängnis entlassen, sucht ebenfalls nach den Manuskripten. Spannend sind alle Bücher Kings, das ist banal, man darf Fan sein, darf ihn auch testen, sollte sich bei seinen Büchern aber nicht von den Schockeffekten abschrecken lassen. Vielleicht wäre hier weniger davon besser gewesen, aber wenn Du Stephen King heißt, musst Du konsequent bleiben. Nebenbei ist „Finderlohn“ eine Variation über die Liebe zu Büchern, über den Wunsch, Geschichten weiterzuerzählen, auch eine Variation über Kings eigenes Werk „Misery“. David Nathan als Vorleser: Unübertroffen. (5/5)

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