Senfgläser voll Wein

Ich war Zivi und mein Arbeitskollege hatte mich in seine WG eingeladen, irgendein Geburtstag, hatte er gesagt. Es war die übliche Studenten-Zivi-Coolness-Fete, wir tranken unser Bier aus Flaschen und den Wein aus Senfgläsern. Salzstangen und Chips, nix mit Guacamole oder Tomate-Mozzarella. Eine Freundin hatte ich keine.

Groß war die WG nicht, dafür die Musik schön laut, irgendwo in einem Zehn-Parteien-Haus, vierter Stock, zweite Tür. Schuhe haben wir damals schon ausgezogen. Die Hälfte der Party fand im Wohnzimmer mit Balkon statt, die andere in der Küche mit Sitzecke. Die anderen WG-Zimmer waren anderen Dingen vorbehalten.

Der einzige, der sich den Abend gar nicht bewegte, war Peter. Er war der Älteste auf der Party, vielleicht fand er sich etwas fehl am Platze, vielleicht genoss er auch das junge Publikum, vielleicht wollte er nur seinem Sohn nahe sein. Oder er recherchierte für sein neues Buch. Ich hatte gerade sein „Windrad“ gelesen und den „Felix Guttmann“, und klar, den „Hölderlin“. Ich war mitten in meiner „Seine Bücher“-Zeit und hatte da noch nicht kapiert, dass er auch den „Hirbel“ und „Ben liebt Anna“ geschrieben hatte, die ich früher schon in der Schulzeit mochte.

Wir haben geredet, nicht über seine Bücher, ich wollte nicht so anmaßend sein, nein, mehr über Frankfurt, die Startbahn West und die Friedensbewegung. Ich weiß nicht mehr, ob er Bier trank, ich sehe ihn eher mit einem Senfglas voll Wein, jedenfalls haben wir viele Salzstangen und einige Bockwürste mit Kartoffelsalat verdrückt.

Später habe ich andere Sachen gelesen, bin nur kurz zum „Schubert“ zu ihm zurückgekehrt, aber vergessen werde ich nie seine Ruhe unter plappernden aufbrechenden unsicheren Jungspunden. So eine Weisheit.

Heute ist Peter Härtling gestorben.

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Buchtipp „Der Mensch“


Holt Euch dieses Buch, verschenkt es, liebt es, blättert es. Eigentlich konzipiert für Kinder ist das Buch „Der Mensch oder Das Wunder unseres Körpers und seiner Billionen Bewohner“ auch ein Augenschmaus für den interessierten Erwachsenen. Nebenbei wird auch noch was erklärt.

Jan Paul Schutten (Text) und Floor Rieder (Illustrationen) haben bereits ein ähnliches Buch zur Evolution vorgelegt, nun also das Buch zum Menschen (Übersetzung Verena Kiefer). Warum, warum, warum wird gefragt, und dabei bewegen wir uns durch den menschlichen Körper – die Zellen, das Gehirn, der HNO-Bereich, die Lunge, Bauch, Haut und Haar und schließlich Vermischtes in Bewegung und in Fortpflanzung. Dabei werden so spannende Fragen gestellt, warum „du dir im Staubsauger begegnest“, warum „du einfacher gestrickt bist als eine Reispflanze“ oder warum „tot sein nicht so schlimm ist“. Man sieht: Ungewöhnlich. Oder wie wäre es mit „Warum ein Hochdruckgebiet über Skandinavien einen Krieg auslösen kann“? Was das mit dem menschlichen Körper zu tun hat? Spoiler: Es geht um Hormone.

Schöne Bilder gibt es zu sehen, sympathisch einfach, dennoch eingängig und haftend. Kleine Scherze sind eingearbeitet, keine Hemmungen gibt es zu überwinden, wir lesen ein Buch aus den Niederlanden. Das alles in warmen Rot, Grün und Golden. Der Schnitt ist rot gefasst, ein edles Buch. Und wieder möchte der Leser das Buch nicht als e-book verschlissen sehen. Da kann es nicht wirken.

Jan-Paul Schutten, Floor Rieder – Der Mensch oder Das Wunder unseres Körpers und seiner Billionen Bewohner“, bei Gerstenberg, 2016, übersetzt von Verena Kiefer, fest gebunden, 160 Seiten, mit viel Liebe gemacht.

Link zu Gerstenberg

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Lesepotpourri Februar/März

Highlights der zwei Monate: Belletristisch sicher das sehr verstörende Die Vegetarierin von Han Kang (übersetzt von Dr. Ki-Hiang Lee), ich bin mir nicht sicher, ob ich hier eine Parabel lese oder schlicht die Studie einer psychisch kranken Frau. Das Nachdenken über das Buch hat mich noch einige Tage beschäftigt.

Noch mehr beeindruckt hat mich aber das Buch, das Essay, der Aufruf, die Schrift Gegen den Hass von Carolin Emcke, der Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2016. Anhand der Übergriffe auf Flüchtlingsheime, der Polizeiwillkür gegen Schwarze in den USA und generell der Antipathie gegen das „Andere“ entwirft sie eine „Theorie des Hasses“, der entsteht aus der sinnlosen Suche nach dem „Reinen“ und dem ein jeder entgegenstehen sollte durch alltägliches Erkennen und Widersprechen. Sehr differenziert und nachvollziehbar propagiert Frau Emcke den Charme der Vielfalt, welche erst das demokratische Zusammenleben ermöglicht. Ausgrenzung sei zutiefst undemokratisch und menschenverachtend. Schon lange konnte ich nicht mehr über ein Buch sagen: Das hat mich verändert.

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Lesepotpourri Dezember/Januar

Und wieder ist einige Zeit ins Land gegangen seit des letzten Leserückblicks, aber die Tradition setze ich trotzdem fort, auch wenn keine Zeit für einzelne Rezensionen übrig bleibt. Wer Fragen hat, darf fragen.

Hier also der Lesestoff der letzten zwei Monate:

Ich war viel im Netz unterwegs, habe viele Blogs gelesen und recherchiert, außerdem habe ich mir zu Weihnachten ein Abo der ZEIT als Digitaldownload gegönnt. Das Leben besteht tatsächlich aus Lesen, oder? Ich kann gar nicht verstehen, wie es anderen ganz anders geht.

Absolute Lesehighlights aus dem obigen Potpourri:

Die Raumpatrouillevon Matthias Brandt – der Hype über dieses kleine Buch überrascht ein wenig, leider fragte ich mich ständig beim Lesen, ob dieser Erfolg auch gekommen wäre, wenn Matthias Brandt nicht Schauspieler und nicht berühmter Sohn wäre. Dennoch schöne Schreibe- und damit Lesekunst.

Außerdem, als Fan, die Biographie von Bruce Springsteen, klar, mit viel Neugier gelesen und klar überrascht, wie interessant der Mann auch neben seinen Songs schreiben kann. Viele Gedanken neben profanem Fanwissen, viel Poesie neben bescheidenem gerechtfertigtem Pathos.

Geheimtipp: Butcher’s Crossing von John Williams. Der Schriftsteller wird gerade auf der ganzen Welt wiederentdeckt, er hat nur drei Romane geschrieben, auf meinem Schreibtisch liegt schon sein berühmtestes Werk Augustus. „Butcher´s Crossing“ ist ein Roman wie ein Donnerschlag, so episch-wuchtig wie Jack London, so prosaisch wie Cormac McCarthy, so unterhaltsam wie ein Western von Quentin Tarantino. Lesen!

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Für alle, die den Adventskalender vermissten (Christmas Give-Aways)


Noch etwas zu Weihnachten –

Manche haben vielleicht den diesjährigen Adventskalender vermisst. Es tut mir leid, aber die Arbeit in der Praxis hat mir zu wenig Muße gelassen, einen auf die Beine zu stellen. Wir werden sehen, was nächstes Jahr ist. Manchmal muss man auch mit Traditionen brechen. 😉

Da Weihnachten aber gerne geschenkt wird, gibt´s als Jahresausgangsschmankerl noch eine kleine Verlosung:

Zu gewinnen gibt es die DVD „Wallace & Gromit´s Welt der Erfindungen“, das schöne Buch des zeichnenden Kinderarztkollegen Hendrik Casemann „Wind in den Windeln“ und ein (signiertes) Exemplar vom Buch mit dem tollsten Titel der Saison: „Babyrotz und Elternschiss“.

Ich verlose die Gewinne unter allen, die bei diesem Post kommentieren – der Rechtsweg ist ausgeschlossen, blablub, und der Kommentarschluss der 26.12. um 23:59 Uhr. Viel Spaß und viel Glück!

(Man verzeihe mir die Anglizismen der Überschrift – „Weihnachts Mitgebsel“, naja.)

(c) Grafik bei Canva/kinderdok –
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Zehn Fragen zu Büchern

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Irgendwie bin ich über Twitter an das Blog „Sätze und Schätze“ geraten und dort hat Birgit zehn spannende Fragen für Leser gestellt und ganz viele Antworten erhalten. Also dachte ich: „Kann ich auch,“ und versuche mich mal in der Beantwortung. Schließlich lese ich gerne und viel und immer und mein Blog heisst schließlich Kids and me.

1) Das erste Buch, das du bewusst gelesen hast?
Gleich am Anfang eine so schwere Frage. Spontan fallen mir „Federico Octopod“, „Bärli hupft weiter“ und die Fibel aus der Grundschulzeit ein. Schau ich mir die ersten zwei aber an (die habe ich noch zuhause), erscheint mir das aber als sehr anspruchsvolle Literatur. Vielleicht doch irgendein Pixi-Buch? 

2) Das Buch, das Deine Jugend begleitete?
Ganz vorne: „Die unendliche Geschichte“, irgendwie geht es da auch ums Größerwerden, später alles von Hermann Hesse, da geht es ums Reiferwerden und die Jugend. Dann noch „Der Herr der Ringe“, für den Hobbit in mir. 

3) Das Buch, das Dich zur Leserin/zum Leser machte?
Alles von Erich Kästner. Lieblingsbuch: „Das fliegende Klassenzimmer“. War auch meine Lektüre im Vorlesewettbewerb der Schule. Ich bin aber nicht über die Klassenhürde hinausgekommen. Achja – und Enid Blytons „Geheimnis um…“ und „Fünf Freunde“. 

4) Das Buch, das Du am häufigsten gelesen hast?
„Der Herr der Ringe“ (4x in deutsch, einmal auf englisch), alle „Harry Potter“ (ebenfalls englisch und deutsch, diverse Male), und die „Otherland“-Tetralogie von Tad Williams (zählt auch das Wiederlesen als Hörbuch?) 

5) Das Buch, das Dir am wichtigsten ist?
Noch ein Seufzer. „Immer das aktuellste, das ich lese?“, wäre die ideale Antwort. „Mein eigenes?“ wäre wohl vermessen. Also dann wohl doch, ganz klassisch, ganz kitschig „Der kleine Prinz“. Immer zitierbar, immer noch so viel Weisheit in einem so kleinen Buch.

6) Das Buch, vor dem Du einen riesigen Respekt bzw. Bammel hast?
„Moby Dick“ von Melville. Schon dreimal gescheitert. 

7) Das Buch, das Deiner Meinung nach am meisten überschätzt wird?
„Moby Dick“… nein. Sehr enttäuscht bin ich regelmäßig von den Gewinnern des Deutschen Buchpreises. Da würde ich mir mehr Publikumsnähe wünschen.

8) Das Buch, das Du unbedingt noch lesen willst – wenn da einmal Zeit wäre?
Ohje, so viele. Mein SUB reicht bis unter die Decke. Ok: Die Bibel.

9) Das Buch, das Dir am meisten Angst macht?
Im Lektüre-Sinne? Oder im Supense-Sinne? Am gruseligsten fand ich „Shining“ von Stephen King. Das hat mich wirklich verfolgt. Ein angenehmer Grusel. Ihr kennt das. 

10) Das Buch, das Du gern selbst geschrieben hättest?
Ach, da gäbe es auch so viele. Um hier noch einem Sachbuch und meiner Profession die Hand zu reichen: „Kindheit ist keine Krankheit“ von Michael Hauch. Und der coolste Arztroman ever: „House of God“ von Samuel Shem.

(Wenn ich so meine Antworten lese, könnte man meinen, ich lese nur seichteres. Ich kann auch Thomas Mann, Günther Grass und Ian McEwan! Mir fehlt auch die Frage nach dem Lieblingsschriftsteller – „Von wem hast Du alles gelesen?“ John Irving.)

(c) Bild Libray 5090 bei Flickr/Amanda Graham unter Creative Commons License

Lesepotpourri

Das letzte Lese-Posting ist tatsächlich schon fünf Monate her – trotz Sommerferienlektüre, Buchmesse und zwei bis drei Bücherflohmärkten bin ich nicht zu meiner Bücherrevue gekommen. Sträfliches Versäumnis.
Hier nun also im Schnelldurchlauf, meine Lektüre Juli bis November:

Bestimmt habe ich ein oder zwei Bücher im Rückblick vergessen – ein paar Graphic Novels zum Beispiel, aber vielleicht waren die auch nicht so gut, dass ich sie mir gemerkt habe. Die Bewertungen der letzten Monate entfallen.

Nur soviel:
Bestes Leseerlebnis – Andreas Pflüger – Endgültig
Bestes Non-Belletristikwerk – James Rhodes – Der Klang der Wut

Beides absolute Leseempfehlungen!

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Gelesen im Juni

6 Uhr 41 von Jean-Philippe Blondel
(Übersetzt von Anne Braun)
Ein Roman über die Begegnung zweier ehemals Liierten in einem Personenzug, sie setzen nebeneinander, der eine wagt nicht, den anderen erkannt zu haben und umgekehrt, es gibt Rückblenden beider Leben und am Ende gehen sie doch haarscharf aneinander vorbei. Stylistisch hübsch geschrieben, auch die Idee ist nett – aber ganz ehrlich: Am Ende blieb nur heiße Luft. (2/5)

Der Ruf des Kuckucks von Robert Galbraith (d.i. J.K.Rowling)
(Übersetzt von Wulf Bergner, Christoph Göhler und Kristof Kurz)
Ich kann die Kritiker verstehen. Wir alle wollen ein Buch im Harry-Potter-Style lesen, eine Pageturner, mit viel Fantasie und literarischer Magie. Der „Kuckuck“ ist der Pseudonymroman von JK Rowling und eine nette Fingerübung der Erfolgsautorin. Ein solider „Whodunit“-Krimi in klassisch englischer Manier mit einem interessanten Charakterkopf als Detektiv und seiner neuen Assistentin. Viele Dinge wirkten vorhersehbar, vor allem die Beziehung der zwei Protagonisten, die Auflösung des Falles war irgendwann klar, entsprechend lasch war der Spannungsbogen gehalten. (3/5)

Unheilpraktiker: Wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielenvon Anousch Müller
Hierüber habe ich schon geschrieben. (5/5)

Der goldene Handschuh von Heinz Strunck
(Hörbuch, gelesen von ihm selbst)
Eklig, richtig eklig das Buch. Ich bin ja als Arzt hartgesotten und mache auch vor Splatterfilmen nicht halt, ertrage vielleicht auch die Fantasien von Massenmördern, aber dieses Buch ist … eklig. Wahrscheinlich zieht das Buch seine Faszination jedoch aus der Wirklichkeit, aus der Zeitlosigkeit, daraus, dass die ganze Geschichte des Frauenmörders aus Hamburg auch in der heutigen Zeit stattfinden könnte. Brilliant die Balance zwischen Abschreckung und Sympathie für den gefallenen Mann, wunderbar gelesen vom Autor selbst – wieder ein Hamburger, der sein Buch selbst liest. Das kann schief gehen, weil unfreiwillig komisch, hier aber macht es einen guten Teil der Spannung aus. Trotzdem eklig. (4/5)

Der Pfau von Isabel Bogdan
(Hörbuch gelesen von Christoph Maria Herbst)
Frau Bogdan schrub ein Buch – viel besser als JK Rowling in ihrem Metier umschreibt sie die Klischees eines Herrenhauses in den Schottischen Highlands, dem schrulligen Hausherrn, seiner resoluten Frau, dem kompetenten Gärtnerfaktotum, der hilfsbedürftigen Haushaltshilfe. Dazu die versnobbten Banker aus London, die ein Teambuildingwochenende im Herrenhaus abhalten, geführt von der gestrengen Frau Chefin. Dass am Ende alle ein bißchen anders wurden, weil alles ein bißchen anders lief als gedacht, das macht den Gag des Buches aus. Schöne Urlaubslektüre in Schottland. Den Vorleser CM Herbst muß man nicht erwähnen, er bringt diesem Hörbuch den fünften Stern. (5/5)
Ach, und dann ist da noch der Pfau. Der arme Pfau.

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Zauberei

Jeder Notdienst, der mir einen „Chassaignac“ präsentiert, also die Subluxatio dolorosa, das Herausrutschen des Radiusköpfchens aus seinem Halteband am Ellenbogen – ein Trauma, das zu einer sehr schmerzhaften Schonhaltung des enstprechenden Armes führt -, lässt mich zum Zauberer werden: Durch ein kurzes Repositionsmanöver ist das Kind plötzlich beschwerdefrei und glücklich. Eine klassische Art von gelernter und erklärbarer Medizin: Etwas ist kaputt und wird repariert. So einfach funktioniert Medizin nicht immer, aber die versteckte, weil übersehbare Aktion der Reposition wirkt wie Zauber, als ob der Arzt heilende Hände hätte.

Warum haben Heilpraktiker ein so großen Zulauf? Warum finden Patienten bei den etablierten Ärzten keine ausreichende Hilfe und Unterstützung? Warum wenden sich viele seltsamen Heilversprechen zu und glauben an geisterhaft kryptische Therapien? Warum spaltet die Zuwendung zu Alternativverfahren die Kommentare in Internetforen, warum nehmen die Diskussionen darüber immer religiös-fanatische Züge an, die keine friedliche Koexistenz der Systeme gewährleistet?

Anousch Müller hat ein Buch geschrieben, das es bisher in dieser Weise noch nicht auf dem deutschen Sachbuchmarkt gab, aber das schon lange geschrieben gehörte. Wohl strukturiert und m.E. sehr unaufgeregt sammelt sie die verschiedenen Facetten des Heilpraktikertums ein. Ausgangspunkt war das eigene Erleben an einer Heilpraktikerschule. Beim genaueren objektiven Beschäftigen mit den Quellen der einzelnen Verfahren stieß die Autorin auf seltsam rückwärtsgewandte Pseudomedizin, die sich nicht weiterentwickelt, sondern mit abenteuerlichsten Nischentherapien stets Heilung versprechen.

Die einzelnen Verfahren werden dargestellt, ihr Ursprung, ihre „Erklärungsmodelle“. Jedes Verfahren beansprucht für sich eine rationale Ebene, damit die denkende Vernunft den Einstieg findet, um letztendlich aber stets auf einer unerklärlichen Ebene zu landen, die „geisterhaft“ oder „noch nicht erklärbar“ erscheint, seien es die Meridiane der Akupunktur oder das Wassergedächtnis der Homöopathie. Dabei findet Anousch Müller auch Gutes an Verfahren, so den Entspannungstechniken, an Massagen, an Qigong. Die Osteopathie kommt dabei im meinen Augen zu gut weg, sie wird in einem Nebensatz gestreift. Alleine der Anspruch der Heilsversprechen dieser „wohltuenden Berührungstherapie“ entlarvt die Osteopathie als Schwurbelverfahren (Punkt 8 der Checkliste der Indizien für Quacksalberei).

Wir erfahren viel über das Weltbild der Heilpraktiker, über den Ursprung des Heilpraktikergesetzes im Dritten Reich, den seltsamen Umgang mit der Wissenschaft, das Problem der confirmation bias, der Cochrane Collaboration und die üblichen Phrasen „Wer heilt, hat recht“, „die Pharmaindustrie will nur Geld machen“ oder „die Wissenschaft sperrt sich gegen alternative Medizin“. Sicher ist Frau Müller in ihrem Buch dabei nicht objektiv und unterliegt selbst dem „Bestätigungsfehler“, wie sie unumwunden zugibt, aber den Anspruch einer cochranesken Korrektheit muß sie auch gar nicht erfüllen. Wer den Titel in der Buchhandlung sieht, weiß, worauf er sich einlässt.

Auch Ärzte beschäftigen sich mit Alternativverfahren, die Zusatzweiterbildung „Naturheilverfahren“, die jeder Mediziner ablegen kann, dürfte in ihrer Schwurbelvielfalt den Heilpraktikern in nichts nachstehen: Auch hier wird neuraltherapiert, geschröpft, akupunktiert und globulisiert. Für viele Ärzte ist dies im übrigen ein gutes Zusatzeinkommen, denn Abrechnen via Gesetzlicher Krankenversicherungskarte geht nicht. Hier folgen viele Kollegen dem Trend: „Natürliches“ wird verlangt, da bietet man gerne Entsprechendes an. Der Patient darf aber nicht denken, dass das die Verfahren wirksamer macht, vielleicht ist der Placeboeffekt nur ein größerer, da aus ärztlicher Hand. Und wenn dann die Krankenkasse freundlicherweise die Kosten übernimmt (weil die sich auf dem Markt behaupten muß), wird das Verfahren zudem geadelt.

Dieser Aspekt kam mir etwas zu kurz: Das Wirtschaftsunternehmen „Heilversprechungspraktik“. Die Stundenlöhne, die der Heilpraktiker kassiert (ohne Personal, ohne großartigen Verschleiss von Verbrauchsmaterialien), die Kostenübernahme durch viele viele Gesetzliche Krankenkassen. Wer unwissenschaftlichen Methoden folgen möchte, darf diese gerne selbst bezahlen.

Bleibt die Frage, warum Heilpraktikanten einen solchen Zulauf haben? Wir vermuten die üblichen Verdächtigen: Die böse Schulmedizin, die nur schaden will, ganz wie zu Hahnemanns Zeiten, dagegen die Gesprächs- und Berührungsbereitschaft der Heilpraktiker. Aber vielleicht ist ein Grund der Luxus unserer modernen Medizin, der sichere Schoß, in dem wir uns eingenistet haben, die dank der vielfältigen Informationsquellen so erklärlich geworden ist, dass ihr ein wenig der Zauber fehlt. Viele Menschen wollen irrational behandelt werden, sie pfeifen auf wissenschaftliche Erklärungen, sie wollen Mystik atmen und Alternatives, sie wollen „anders“ behandelt werden, weil alles schon zu etabliert ist. Leider wird diesem „Anders“-Wunsch alles subsummiert: Also wird sich auch noch anders ernährt und gegen Impfungen gewettert. Ihnen ist vielleicht auch nicht zu helfen. Schade nur um die Hoffnungsvollen mit chronischen Krankheiten, die auf die Versprechen der Heilpraktiker mit ihren (un)durchsichtigen Therapien hereinfallen. Vielleicht kann hier das vorliegende Buch neue kritische Denkansätze bieten, die nicht sofort in Glaubensdiskussionen untergehen.

Anousch Müller: „Unheilpraktiker“, Wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielen, Riemann Verlag.


[Dieser Text enthält so genannte Affiliate Links – siehe Impressum. Das Buch wurde uns als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Vielen Dank.]

Artgerechte Haltung

Eine Buchrezension von Frau kinderdok –
Es ist Zeit für eine jungengerechte Erziehung

Was für ein provozierender Titel und damit Grund genug, das Buch von Birgit Gegier Steiner in die Hand zu nehmen! In kurzen, übersichtlichen Kapiteln wird eindrucksvoll beschrieben, was kleine Jungenseelen brauchen und dass diese doch anders ticken als weibliche. Mit klarer und prägnanter Sprache teilt uns die Autorin mit, wo in unserem Gesellschaftssystem die Fallstricke für Jungs zu finden sind, wie man diese erkennt und umgehen kann.
Ihre authentisch geschilderten Erlebnisse sind von mir nachvollziehbar, so manches davon habe ich auch schon so oder so ähnlich erlebt. Ich fühle mich durch ihr Buch gestärkt, meinen Sohn, Sohn sein zu lassen und ihm die Freiheiten einzuräumen, die er braucht, egal, wie viel Wind mir seitens anderer Mütter oder der Lehrerinnen entgegenschlägt! Mir schenkt es Kraft und Zuversicht.

Ein Buch, welches ohne erhobenen Zeigefinger auskommt. Die Erkenntnis darf in einem selbst heranreifen. Ein wunderbares Werk für alle Mütter, die Söhne haben!

Artgerechte Haltung: Es ist Zeit für eine jungengerechte Erziehung von Birgit Gegier Steiner, 256 Seiten, broschiert, bei Gütersloher Verlagshaus

[Dieser Text enthält so genannte Affiliate Links – siehe Impressum Das Buch wurde uns als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Vielen Dank.]

Aufgerufen seien hiermit alle Leser, die Söhne ihr eigen nennen: Erzählt die netteste, erkenntnisreichste, coolste Anekdoten vom Leben mit einem Sohn – was hat Euch ein Problem bereitet, was fandet Ihr leicht, was war der „Junge-Aha“-Effekt?

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