Grippe flaut ab, die Masern nicht

Dank der Sonnenstrahlen der letzten Tage und den Faschingsferien in manchen Bundesländern flaut die Grippewelle in vielen Regionen ab – da freut sich das Praxispersonal. Der Chef ist nicht mehr so genervt, die Eltern entspannt und gesünder, die Rotze fließt nicht mehr und das Immunsystem kann sich wieder den Klassikern (Scharlach, Warzen, Durchfall) widmen.

Leider gilt das nicht für die Masern. Das letzte Update aus Berlin zählt mittlerweile über 700 Erkrankte, ein Drittel musste stationär behandelt werden. Leider sind wohl auch 70 Säuglinge erkrankt, was bekanntlich das Risiko für die Ausbildung einer Spätfolge der Masern, SSPE, erhöht.

Berlin, vor allem deren Gesundheitssenator Czaja, überlegt weitere Maßnahmen zur Eindämmung der Masernwelle und Vermeidung einer zukünftigen Problematik: Verpflichtende Impfungen vor Kindergarteneintritt, Impfungen für Personal in Kitas (echt spannend, wie kann ein involvierter Arbeitsmediziner einer ungeimpften Erzieherin eine Unbedenklichkeit attestieren?), aber auch eine Impfung von Eltern, wenn diese sowieso beim Kinderarzt sind (in anderen Bundesländer ist dies problemlos möglich und wird auch von den KVen bezahlt, in Berlin wohl nicht).

In anderen Bundesländern meldet das RKI weitere Masernfälle, allerdings dürften sich diese momentan noch im “normalen” Rahmen bewegen, einzelne Morbilli werden immer mal gemeldet. In Stuttgart und Karlsruhe kam es jetzt zu Impfaktionen in Asylbewerberheimen, da dort der Impfschutz aufgrund der Krisenlage in den Heimatländern unzureichend durchgesetzt wurde.

Empfehlung zur Impfung gegen Masern in Kürze:
– Alle Kinder ab 12. Lebensmonat sollten die erste Masernimpfung (in Kombination mit Mumps, Röteln und Windpocken) erhalten, mit 15. Lebensmonat die zweite.
– Kinder, die bereits mit einem Jahr oder früher in eine Kita kommen, sollten auch früher geimpft werden, die Impfung ist bereits ab vollendetem 9.Lebensmonat möglich. Auch in Masernregionen kann die Impfung früher erfolgen, auch wenn kein Kita-Besuch ansteht.
– Erwachsene, die nach 1970 geboren sind und keine oder nur eine Masernimpfung hatten, sollten sich einmalig impfen lassen.

Kinderdoks Wunsch:
– Die “üblichen” Impfungen gegen Kinderkrankheiten sollten Voraussetzung sein für Kontaktpersonen von Kindern (ErzieherInnen, LehrerInnen, Tagesmütter usw.)
– Mehr Bewußtsein der Tageseinrichtungen um den Impfstatus der betreuten Kinder – welche Kita-Leitung kann schon bei einem Masernfall in ihrem Haus sofort die entsprechenden Eltern informieren??

Kleines Praxis-Lexikon

Synonyme für den Arzt:
“Der Mann”
“Der Onkel Doktor”
“Der da”
“Du da”
“Der Piekser”
“Der Gemeine” (“… da kommt wieder der Gemeine/Piekser” etc.)
“Papa” (Kindermund)
“Cheffe” (Elternmund)
“Onkel Doktor Roland*”

Synonyme für die fMFA:
“Die Sprechstundenhilfen”
“Die Damen”
“Ihre Helferinnen”
“Die Schwester”
“Die Girls”
“Die Mädchen”
“Die da vorne”
“Ihre Frau” (äh, nein…?)
“Ihre Frauen” (schon gar nicht…)

* Vorname wurde verändert

Danke für den Hinweis

Lieber Herr Rebmann*,

ich habe schon einiges gehört, warum Eltern mit ihren Kindern den Kinderarzt gewechselt haben, und manches ist auch nachvollziehbar (wenn auch nicht immer für die Kinder), dass ich z.B. mit Glaubuli nichts am Hut habe, oder dass ich meine Überzeugung als Impfbefürworter aktiv vertrete, auch dass ein Anderthalbjähriger bei mir immer so weint, sobald ich durch die Tür komme (da kann man noch viele Kinderärzte wechseln), aber Ihre Begründung hat mich vollends überzeugt – wir werden daran arbeiten:

“Ich suche mir einen anderen Arzt, was Sie hier bei den Vorsorgeuntersuchungen verlangen, ist nicht altersentsprechend.”

Danke für den Beitrag zum Qualitätsmanagement in meiner Praxis.
Ihr kinderdok.

 

*Name wie üblich geändert.

Gelesen im Februar

Kindeswohl
von Ian McEwan (übersetzt von Werner Schmitz)
Einer meiner großen Favoriten: Ian McEwan. Nicht alle Bücher haben Nobelpreisreife, aber McEwans Sprache ist so dicht, metaphorisch und lyrisch, dass ich stets in Schwärmen kommen. Dabei bedient er in verschiedenen Sujets (Kriegsromanen, Zukunftsvisionen, Familiendramen, Beziehungsgeflechte, Thriller) das gleiche Thema: Eine vermeintliche bürgerliche Idylle wird durch ein oder zwei Wendungen aus der Bahn geworfen. Hier ist es die Familienrichterin Fiona, die eigentlich ihre eigene zerrüttete Ehe aufarbeitet, sich aber aus Berufsgründen mit ganz anderen Beziehungen auseinandersetzen muß. Ein Plot hinter dem Plot, ein starker jugendlicher Gegenpart zu der älteren Protagonistin und nebenbei die Arbeit einer Familienrichterin in England – sicher penibel recherchiert vom großen McEwan. (5/5)

Das große Hobbit-Buch: Der komplette Text mit Kommentaren und Bildern
von J.R.R. Tolkien, herausgegeben von Douglas Anderson
Doch doch, ich bin ein großer Herr-der-Ringe-Fan, habe quasi über Tolkien promoviert und freue mich auch über die Jacksonschen Filme. Aus dem Anlass der Hobbit-Reihe im Kino habe ich mir daher den Roman neu gekauft. Diese wunderschöne Ausgabe des deutschen Tolkien-Verlages Klett-Cotta versammelt ganz viele Materialien zu dem unterschätzten Vorläufer des Herrn der Ringe – Illustrationen aus den internationalen Ausgaben und zig Fußnoten, die die Komplexität des Werkes unterstreichen. Das macht die eigentliche Lektüre etwas schwierig, aber – man kennt´s ja schon. (4/5)

Ich bleibe hier
von Catherine Ryan Hyde (übersetzt von Marion Plath)
Das habe ich mir über KindleUnlimited als Leih-Ebook auf meinen Kindle gezogen, einfach , weil es auf der Bestsellerliste dort ganz oben stand. Es hat sich gelohnt. Kein tiefgreifend schöngeistiges Werk, aber eine herzerwärmende Geschichte über ein kleines Mädchen, dass durch seine Nachbarn im Mietshaus in Obhut genommen wird, weil ihre eigene Mutter zugekifft in der Wohnung vegetiert. Geschrieben ist das Buch in zwei Perspektiven: Aus Sicht des Mädchens und aus Sicht des Nachbarn Billy, dem schwulen Broadway-Tänzer, der seit Jahren wegen Agarophobie nicht mehr aus dem Haus gegangen ist. Das gibt der Sache zusätzlichen Reiz. Ein Frauen-Buch? Ja. (4/5)

What if?
von Randall Munroe (deutsch von Ralf Pannowitsch)
Oh, ein Sachbuch. Ja, die lese ich wenige, vor allem, wenn sie sich nicht gerade mit Kinderheilkunde beschäftigen. Aber dieses hat mich sehr interessiert, da vom XKCD-Macher Randall Munroe geschrieben. Allgemein bekannt: Munroe versucht, interessante “Was wäre, wenn”-Fragen wissenschaftlich aufzuarbeiten. Aufgelockert und erstaunlich gut ergänzt wird das ganze durch seine berühmten Strichmännchen. Ich habe nicht alles am Ende kapiert, konnte nicht allem Science-Geschwurbel folgen, aber lustig ist´s allemal, vor allem – ganz “Mythbuster” – , wenn die Fragen in Exzess weitergesponnen werden. Gegönnt sei dem Buch sein Platz auf den Bestsellerlisten. (5/5)

War and Dreams
von Maryse und Jean F Charles (übersetzt von Resel Rebiersch)
Eine Graphic Novel über den Zweiten Weltkrieg, in Rückblenden erzählt am Strand der Normandie, an dem sich die Schicksale von vier Soldaten kreuzen, entflechten und wiederfinden. Sehr schön konventionell gezeichnet, ich fand die Geschichte etwas verworren, aber als kurze Nachmittagslektüre ganz ok. (3/5)

Zahra’s Paradise
von Amir und Khalil (übersetzt von Reinhard Pietsch)
Meine zweite Graphic Novel in diesem Monat, die eindeutig bessere. “Zahras Paradise” schildert eine Zeit im Iran kurz nach der Grünen Revolution von 2009, als zig Menschen verschwanden, unter anderem Mehdi. Dessen Bruder (ein Blogger) und seine Mutter gehen auf Suche. Ihr Verzweifeln an den Hürden der Bürokratie, der Korruption der Diktatur und dem bigotten Verhalten der Geistlichen erschüttert den Leser. Eine ganz andere Welt, eine Historie, die Europa kaum tangiert, die doch der Menschenverachtung in Pinochets Chile oder Francos Spanien ähnelt, sich naturgemäß aber vielmehr hinter der Religion versteckt. Der Comic ist beworben als “Comic für Teens”, dürfte aber starker Tobak sein. (5/5)

[Dieser Text enthält so genannte Affiliate Links – siehe Impressum]

Wir unterbrechen für eine kurze Zwischenmusik

Muß manchmal sein:

Wer will, kann auch gleich zu 4:56 springen.

Empfehlungen für Säuglinge in Maserngebieten

N.G. hat mir eine Anfrage per Mail geschrieben, die ich gerne in der aktuellen Debatte aufgreifen möchte. Da sie ihre Fragen von Kinderärzten in der Umgebung nicht beantwortet sieht, da diese “in Bezug auf Impfen und Co recht .. esoterische … Meinungen vertreten”, versuche ich mich einmal.

Ich darf keine gezielten Anfragen beantworten, insbesondere keine personenbezogenen Hilfestellungen geben, also bitte nicht jetzt anfangen, Mails zu schreiben. In diesem Fall ist es aber allgemein genug:

N.G. schreibt: Aktuelle Fragen von meinen Bekannten (die auch alle Babys und Kleinkinder haben) und mir:

+ Wenn man in einem Gebiet wohnt, wo eine aktuelle Masernepidemie
grassiert – soll man dann sein Baby vorzeitig (ab 9 Monaten) impfen?

Die Masernimpfung wird üblicherweise im 11. oder 12. Lebensmonat durchgeführt (z.B. bei der U6). In allen Fachinformationen der zur Verfügung stehenden Impfstoffe (Masern-Mumps-Röteln oder Masern-Mumps-Röteln-Windpocken) gibt es aber den Passus, dass bei Besuch einer Gemeinschaftseinrichtung vor dem 1.Geburtstag bzw. “wenn eine epidemiologische Situation” diese erfordert, auch früher geimpft werden kann, allerdings nicht vor dem 9. Lebensmonat. Es könnten also ab heute Säuglinge geimpft werden, die vor dem 26. Mai 2014 geboren wurden.

Das ist natürlich eine individuelle Entscheidung. Ist ein älteres Kind in der Familie, besteht dadurch mehr Kontakt zu Kita oder Kindergarten, ist eine frühere Impfung sicher zu erwägen. Erst recht, wenn das zu impfende Kind selbst in die Krippe soll.

Das RKI schreibt: “Nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) kann die MMR-Impfung auch schon vor dem 12. Lebensmonat, jedoch nicht vor dem 9. Lebensmonat erfolgen (vor dem 9. Lebensmonat ist die Wirksamkeit durch das Vorhandensein mütterlicher Antikörper und durch die Unreife des kindlichen Immunsystems häufig stark vermindert). Eine Impfung ab einem Alter von 9 Monaten kann unter Berücksichtigung der gegebenen epidemiologischen Situation insbesondere in folgenden Situationen erfolgen:
bevorstehende Aufnahme in eine Gemeinschaftseinrichtung
nach möglichem Kontakt zu Masernkranken
Sofern vor dem Alter von 11 Monaten geimpft wird, muss die 2. Impfung bereits zu Beginn des 2. Lebensjahrs erfolgen, da persistierende maternale Antikörper im 1. Lebensjahr die Impfviren neutralisieren können.
Für eine MMR-Impfung von Säuglingen unter 9 Monaten fehlen umfassende Daten zur Sicherheit und Wirksamkeit, so dass diese Säuglinge z.B. in einem Ausbruchsgeschehen in erster Linie durch Impfungen der Kontaktpersonen in der Umgebung zu schützen sind. Individuelle Risiko-Nutzen-Abwägungen können eine Impfung mit 6 bis 8 Monaten ausnahmsweise begründen. Vor dem Alter von 9 Monaten geimpfte Säuglinge sollen zum Aufbau einer langfristigen Immunität 2 weitere Dosen MMR-Impfstoff im 2. Lebensjahr erhalten. Nach Kontakt zu Masernkranken können unter 9 Monate alte Säuglinge nach individueller Risiko-Nutzen-Abwägung alternativ Immunglobuline zum Schutz vor einer Erkrankung erhalten. Nach einer Immunglobulin-Gabe ist die MMR-Impfung für 5 bis 6 Monate nicht sicher wirksam. Dies sollte bei der Indikation zur Immunglobulin-Gabe berücksichtigt werden.”

+ Soll man während einer Masernepidemie “öffentliche Orte” mit
ungeimpften Babys vermeiden? Was tun, wenn das kaum machbar ist
(Einkaufen, Öffentl. Verkehrsmittel, etc)?

Ich halte das für überzogen und realitätsfern. Man kann sich nicht überall gegen alles schützen. Fernhalten würde ich mich allerdings aus Kindergärten und Schulen, wo es Masernfälle gab.
Ob ein Maserninfizierter im Ed.e.ka rumrennt oder die U-Bahn benutzt – auszuschließen ist das nicht. Ist er erkrankt, sind die Eltern hoffentlich vernünftig genug und lassen ihn daheim.
[Edit] Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte hat dazu eine etwas strengere Auffassung und empfiehlt mit der PM vom 27.2., “Familien mit Säuglingen, Menschenansammlungen zu vermeiden”.

+ Soll man während einer Masernepidemie Kontakte zu anderen
Babys/Kleinkindern vermeiden (Krabbelgruppen, Babyschwimmen, etc.)?

Das gleiche wie oben. “Babys” sind per definitionem Kinder unter einem Jahr, die in der Regel ja eh noch nicht gegen Masern geimpft sind. In einer Krabbelgruppe mit “Babys” ist die Chance einer Maserinfektion eher gering. Da diese Gruppen aber überschaubar sind und man sich ja kennt, darf die Frage schon gestellt werden, ob es ungeimpfte Geschwisterkinder gibt.
Gibt es masernerkrankte Geschwisterkinder, ist das inkubierte Geschwisterbaby sowieso zu Hause zu lassen, es wird die Masern zu 99,9% ebenfalls bekommen (und auch weitergeben).

Nochmal, liebe Eltern: Kommunziert! Fragt in Euren Gruppen, Kitas und Kindergärten nach der “Impflage”, diskutiert und erhöht den Druck auf die Anbieter und Kita/Kiga-Träger, nur geimpfte Kinder aufzunehmen.

+ Welche Vorsichtsmaßnahmen können Eltern mit ungeimpften Babys während einer Masernepidemie treffen? Verwandtschaft nochmal extra auf Masern ansprechen und ggf. nachimpfen?

Ja! Die einzige Schutzchance für Säuglinge sind die anderen, die sich hoffentlich impfen lassen, also Oppa, Omma, Tagesmutter, jeder Kontakt.
Alle Erwachsenen, die nach 1970 geboren sind und keine oder nur eine Masernimpfung hatten, sollten sich einmalig gegen Masern impfen lassen. So empfiehlt es die STIKO.

Masern-Infoblatt aus Neukölln von 2015
Masern-Infoblatt aus Berlin von 2012, ausführlicher und radikaler im Verbot des Schulbesuches für Ungeimpfte

Masern: Todesfall in Berlin

Nun ist es dann passiert: Ein Kleinkind ist während der aktuellen Masernepidemie in Berlin verstorben, wie dpa berichtet und auch vom Berliner Gesundheitssenator bereits bestätigt. Genauere Informationen, wo sich das Kind infiziert hat, sind noch nicht bekannt, es war aber wohl ungeimpft.

Bei derzeit gemeldeten 574 Masernerkrankten in der Hauptstadt wird damit die aus der Literatur bekannte Letalitätsrate von 1:1000 leider unterschritten. In manchen Facebook-Foren geisterte bereits die Nachricht und wurde, wie üblich, von Impfkritischen als unwahr und Propaganda der Pharmaindustrie abgebügelt. Wieder wird aus dieser Richtung behauptet werden, “das Kind ist ja nicht an Masern gestorben”, sondern an etwas anderem. Vielleicht hatte das Kind auch eine chronische Erkrankung, die man bis dato nicht erkannt hatte, und die sich durch die Maserninfektion verschlechterte und schließlich zum Tod führte?

Aber wie der österreichische “Arzt” und Impfgegner Loibner so schön behauptet: Kinder sterben ja nicht an den Krankheiten, sondern an der schlechten Ernährung oder den Hygieneumständen. Wer stellt sich eigentlich vor die Eltern und sagt ihnen, dass ihr Kind nicht an Masernviren gestorben sei, sondern an mangelnder Hygiene oder gar (auch schon von Viren-Leugnern gehört) deswegen, weil “der Körper nach der Krankheit verlangt habe”? Da möchte man zynisch werden: Der Entwicklungsschub, den sich manche Eltern von Kinderkrankheiten erhoffen, wird bei diesem Kind wohl ausbleiben. Entschuldigung.

Keine Mutter oder Vater sollte erleben, wie das eigene Kind stirbt. Die Begleitumstände sind in der Trauer egal. Wir sollten uns hüten, Schuldzuweisungen zu verbreiten oder trotzig auf die Impfgegner zu zeigen. Viel Kraft den kinderärztlichen Kollegen, die in dieser Situation den Eltern beistehen.

Wer suchet

Was Google so bei mir so sucht (bzw. die Leute dahinter):

# wann darf kind nach fieber wieder in die schule?
– Da gibt es stets die Empfehlung “Ein Tag fieberfrei”, ich bevorzuge “24 Stunden fieberfrei”, weil viele unter “einem Tag” etwas anderes verstehen. Besser jedoch: Das Kind darf wieder, wenn es ihm besser geht. Und kein Fieber hat. 24 Stunden.

# kind trinkt nichts und isst seit 3 jahren nur einen bestimmten joghurt sonst nichts
– die übliche Übertreibung. Wenn das so wäre, wäre das Kind schon… Amen. Faustformel: Das Kind trinkt genug, wenn es Pipi macht und normalen Stuhlgang absetzt. Und gegessen wird, was auf den Tisch kommt, und nicht das, was das Kind will.

# was versteht man unter stuhltraining
– Strenggenommen, das Kind regelmäßig aufs Klo zu setzen. Vernünftigerweise aber, die Zeichen zu erkennen, und dann das Kind aufs Klo zu schicken. Außerdem Routinen einzuführen: Nach dem Aufstehen, vor dem Schlafengehen usw. Ist Stuhltraining sinnvoll: Zum Sauberwerden nicht, um Verstopfung zu verhindern, vielleicht.

# fieberkrampf stures fiebersenken
– wird schon lange nicht mehr empfohlen. Fieberkrämpfe entstehen beim Auffiebern, nicht beim hohen Fieber. Wer viel senkt, riskiert mehr Auffiebern und mehr Medikamentennebenwirkungen.

# mütter erwarten von söhnen im kindesalter, dass sie ihre vorhaut ganz über die eichel zurueckschieben und sie auch so lassen
– mir ist klar, das solche Anfragen tatsächlich von unwissenden Jungs geschrieben werden, also hier, ganz deutlich, liebe Jungs:
Finger weg von der Vorhaut bis zum Schulalter. Da zieht niemand rum, weder Vater, Mutter, noch Arzt. Wenn, dann Du selbst, dann weißt Du auch, wenns weh tut. Im Schulalter kannst Du vorsichtig versuchen, die Vorhaut zurück zu ziehen, die Eichel muß aber erst mit 11 oder 12 Jahren frei liegen. Wenn was unklar ist, Dein Kinderarzt wird Dir gerne die Dinge erklären. Für alle Eltern: Diese Broschüre.

# unterschied arzt oder dokter
– Arzt ist man, wenn das Studium beendet ist (ca. 6 Jahre), alleine arbeiten oder niederlassen darf man sich nur als Facharzt (weitere 4-6 Jahre). Doktor ist ein Titel, den man durch eine Doktorarbeit bekommt (Dr. med.), man braucht ihn nicht für die ärztliche Arbeit. Letztere sind keine besseren Ärzte.

# otovowen ins ohr getropft
– dürfte so harmlos sein wie wirkungsfrei
# otovowen kind schreit bei gabe
– dann lasst es doch (siehe wirkungsfrei…)

und noch ein paar lustige Dinge, unkommentiert:
# baby schüttelt sich bei beikosteinführung
# läuse im kopf
# windpocken lustige bilder
# dürfen männliche praktikanten kinder wickeln?
# flaster na wunderbar
# ich habe mein kind impfen lassen kriege ich geld dafür
# ergo bei beidhändigkeit sinnvoll?
# bescheinigung kinderarzt blauen augen
# welche globuli bei selbstentwertung welche?

Emil dricker kaffe*

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Wir waren in diesem netten Café, ganz in Weiß und Blau, ganz skandinavisch, ganz angenehm. Nur im Vorbeigehen entdeckt, aber der Kaffeedurst lässt einen so manches erschnuppern. Und damit es nicht die zigste Café latte macchiato mit Shot oder ohne beim Sternendollar wird – hier hinein.

“Ohje, Papa, das ist was für Dich”, ruft die Große, als sie als Vorhut die Treppen wieder runtergesprungen kommt.
“Achja?”, sage ich und ahne Schlimmes. Soviel Ironie ist sonst selten.

Drinnen wiederholt sich das Weiß und Blau und vermischt sich mit dem Pastell der Schlabberlätzchen, Fleecemützchen und Tragetüchern, der … geschätzt … zehn Müttern mit Kleinkindanhang. Ich scanne kurz das Terrain. Hinten links ein eingebretterter Krabbelbereich, ein greinendes verrotztes Etwas streckt bereits die Arme aus, rechts daneben der ältere Bereich mit Sitzmöbelchen und politisch korrekter Lektüre von Lindgren, Carle und Nordqvist. Ein Holzschaukelmotorrad rundet die Einrichtung dieses Bereiches ab – Marke “schaukel nicht so hoch, da sind in der Praxis schon einige abgestürzt”.

Davor die erwähnten weißen Möbel – alles ikealike, schwedisch hübsch, im Kreuzmuster, rustikal, aber luftig, wie die Verandaumzäunungen in Sma- oder Södermanland. Wir ergattern einen Tisch weiter links, zum Fenster hin, jetzt sind wir die einzige komplette Familie. Da soll noch jemand sagen, die deutsche Familienkultur ändere sich. Von wegen: Hier sehe ich da zwei Muttis mit stillbereiten, nein, falsch, bereits angelegten Säuglingen, dort vier Frauen mit größeren Kindern auf dem Schoß. Jedes der acht Händchen im Puderzucker oder der Sahne der bestellten Waffeln eingetunkt. Und schließlich eine Oma mit Tochter und Enkelin, rechts außen, die Kleine als einzige hier im Laufalter…, Verzeihung, korrekter: Trotzalter. Nicht zu überhören.

Meine Frau ist entzückt, die Kinder lassen sich anstecken, ein Oh für die geblümten Tässchen, ein Ah für die Spinatwaffeln, ein Wow für die moderaten Preise und ein Hui meinerseits für die angepriesenen Kühlpacks und “Arnica-Globuli”. Im kleinen Regal werden brave Holle-Breichen und organische Tees präsentiert, der Blick durchs Fenster lässt den sonnigen Hinterhof (auch in weiß und blau und, ok, grün) erahnen – aber leider ist gerade Februar.

Ich genieße meinen Kaffee (doch, es gibt hier tatsächlich “nur” Kaffee), und auch die Mandelkuchentorte ist eine Wucht. Die Lautstärke schwillt weiter an, den Kinderchen wird langweilig, da ihre Mütter ihre Tees und Proseccos getrunken haben und die Sahnewaffeln zerfasert auf den Tischen verteilt sind. Wir befinden uns auf einem Spielplatz mit Kaffeeautomatenanschluss. Das ist korrekt, das geht in Ordnung. Die Zielgruppe ist klar definiert. Wenn ich den Globulihinweis nicht gleich am Anfang in der Speisekarte entdeckt hätte, wäre ich sicher unvoreingenommener gewesen. So aber wartete ich ständig auf das Unvermeidliche: Der Ruf nach denselben.

Er blieb aus.

Lönneberga – Mainz. Warum nicht…

[Dies ist kein sponsored post. Dank der erwähnten Zuckerkügelchen passt es aber in die topics dieses Blogs. Meine Rechnung habe ich selbst bezahlt.]
* Michel trinkt Kaffee (freie Übersetzung)

Noch ´ne Petition

Ist ja grade “in”, Petitionen in den Bundestag einzubringen, dafür, dagegen, gemeinsam, alleine und so weiter.

Da wimmeln sich aktuell so befremdliche Dinge wie “Anerkennung des Osteopathen als eigenständigen Beruf” (aha…, nebenbei mit der schönen Begründung “weiter kann der staatlich anerkannte Osteopath mit der Berechtigung zum Primärkontakt zukünftig helfen, die flächendeckende medizinische Patientenversorgung zu gewährleisten und die vorhandenen Engpässe und die Wartezeitproblematik in Arztpraxen zu reduzieren” WTF?), aber auch weniger befremdlich “Einführung eines Tempolimits von 130 km/h” oder “Reduzierung des Umsatzsteuersatzes für eBooks auf 7 Prozent”.

Und demnächst (nämlich ab 23.2.) beginnt die Zeichnungsfrist für die Online-Petition zur Einsetzung eines Kinderbeauftragten in den Bundestag. Wer bereits jetzt mitmachen möchte: Auch in vielen Kinder- und Jugendarztpraxen liegen Unterschriftenlisten aus — noch bis Ende März.

 

Die offizielle Petitionstext der initiierenden Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (der auch unser Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte angehört):

Der Deutsche Bundestag möge beschließen, eine(n) Kinder- und Jugendbeauftragte(n) des Deutschen Bundestages einzusetzen.

Sie/Er soll
– unabhängig und nicht weisungsgebunden sein
– Gesetze und Entscheidungen der Exekutive daraufhin überprüfen, ob sie den Rechten unserer Kinder und Jugendlichen entsprechen
– Ansprechpartner für die Kinder und Jugendlichen, deren Eltern und für KinderrechtsvertreterInnen sein
– auf eigene Initiative hin tätig werden, wenn Kinderrechte verletzt sein könnten

Ausführliche Pressemitteilung

Was denkt die werte Leserschaft? Sinnvoll? Nützlich? Überholt? Immerhin konnte sich bisher auch nicht der Ruf nach Kinderrechten im Grundgesetz durchsetzen.
IMHO ist eine jegliche Aufwertung der Rechte Kinder, sei es durch eine Grundgesetzänderung oder zumindest einen Kinderbeauftragten ein wichtiger Schritt. Es geht ja nicht um die Entmündigung der Eltern oder die Übernahme der Obhutspflicht durch den Staat (wie das gerne bei früher Kitaisierung … schlimmes Wort … unterstellt wird), sondern um eine/n direkte/n Ansprechpartner/in für die Belange der Kinder – an die/den sich die Kinder selbst wenden können. Oder ist das wieder das überstrapazierte “Feigenblatt”, der “Papiertiger”, ohne Einfluß oder Entscheidungs-, gar Vetogewalt?

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