Noch ´ne Petition

Ist ja grade “in”, Petitionen in den Bundestag einzubringen, dafür, dagegen, gemeinsam, alleine und so weiter.

Da wimmeln sich aktuell so befremdliche Dinge wie “Anerkennung des Osteopathen als eigenständigen Beruf” (aha…, nebenbei mit der schönen Begründung “weiter kann der staatlich anerkannte Osteopath mit der Berechtigung zum Primärkontakt zukünftig helfen, die flächendeckende medizinische Patientenversorgung zu gewährleisten und die vorhandenen Engpässe und die Wartezeitproblematik in Arztpraxen zu reduzieren” WTF?), aber auch weniger befremdlich “Einführung eines Tempolimits von 130 km/h” oder “Reduzierung des Umsatzsteuersatzes für eBooks auf 7 Prozent”.

Und demnächst (nämlich ab 23.2.) beginnt die Zeichnungsfrist für die Online-Petition zur Einsetzung eines Kinderbeauftragten in den Bundestag. Wer bereits jetzt mitmachen möchte: Auch in vielen Kinder- und Jugendarztpraxen liegen Unterschriftenlisten aus — noch bis Ende März.

 

Die offizielle Petitionstext der initiierenden Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (der auch unser Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte angehört):

Der Deutsche Bundestag möge beschließen, eine(n) Kinder- und Jugendbeauftragte(n) des Deutschen Bundestages einzusetzen.

Sie/Er soll
– unabhängig und nicht weisungsgebunden sein
– Gesetze und Entscheidungen der Exekutive daraufhin überprüfen, ob sie den Rechten unserer Kinder und Jugendlichen entsprechen
– Ansprechpartner für die Kinder und Jugendlichen, deren Eltern und für KinderrechtsvertreterInnen sein
– auf eigene Initiative hin tätig werden, wenn Kinderrechte verletzt sein könnten

Ausführliche Pressemitteilung

Was denkt die werte Leserschaft? Sinnvoll? Nützlich? Überholt? Immerhin konnte sich bisher auch nicht der Ruf nach Kinderrechten im Grundgesetz durchsetzen.
IMHO ist eine jegliche Aufwertung der Rechte Kinder, sei es durch eine Grundgesetzänderung oder zumindest einen Kinderbeauftragten ein wichtiger Schritt. Es geht ja nicht um die Entmündigung der Eltern oder die Übernahme der Obhutspflicht durch den Staat (wie das gerne bei früher Kitaisierung … schlimmes Wort … unterstellt wird), sondern um eine/n direkte/n Ansprechpartner/in für die Belange der Kinder – an die/den sich die Kinder selbst wenden können. Oder ist das wieder das überstrapazierte “Feigenblatt”, der “Papiertiger”, ohne Einfluß oder Entscheidungs-, gar Vetogewalt?

Externe Diagnose

Mutter: “Ich möchte gerne meine Tochter auf Winkelfehlsichtigkeit untersuchen lassen.”
Ich: “Aha. Wieso, wie kommen Sie darauf?”
Mutter: “Hat die Bezugserzieherin gesagt im Elterngespräch. Die Diagnose sei eindeutig.”
Ich: “Und welches Problem hat Ihre Tochter mit fünf Jahren genau, dass die Erzieherin sich so sicher ist… mit dieser höchst umstrittenen Diagnose?”
Mutter: “Sie kann noch nicht das Größer-Kleiner-Zeichen richtig. Verwechselt sie ständig.”

??

Neulich im Notdienst

Mutter: “Ich wollte mal den Ausschlag anschauen lassen. Ist das normal?
Ich: “Ja, das ist so eine Reaktion der Wangen, gibts viel im Winter, wenn es kalt ist.”
Mutter: “Was kann ich da machen?”
Ich: “Bissel eincremen, Gesichtscreme, Fettcreme, was Sie haben.”
Mutter: “Und dann wollte ich noch fragen…?”
Ich: “Ja?”
Mutter: “Sieht das normal aus?”
Ich: “Wie jetzt, wegen des Ausschlags, wie gesagt…”
Mutter: “Nein, nein, ob mein Kind so normal aussieht?”
Ich: “Normal, ja… Ja, sicher. Wieso, was meinen Sie?”
Mutter: “Naja, sieht das behindert aus, oder?”
Ich: “Wie, behindert?”
Mutter: “So, geistig, geistig behindert?”

Der Junge war ganz normal, zwoeinhalb oder so, sprang durchs Untersuchungszimmer, motorisch sicher topfit, lachte mich an, quakte seine normale Kindersprache. Wie das so ist, im Notdienst, ich hatte die Familie noch nie zuvor gesehen, bin nicht der Hauskinderarzt, dann ist das natürlich nicht leicht zu beurteilen, wenn man ein Kind nur ein paar Minuten sieht. Nicht, dass ich der absolute Crack in Sachen Syndrome und Physiognomie bei Stoffwechselerkrankungen wäre, aber bis auf den leichten Epikanthus und der Stupsnase konnte ich an dem Kleinen nichts Besonderes erkennen. Und die hatte er bestimmt von der Mutter geeerbt.

Ich: “Wie kommen Sie denn darauf, was macht Ihnen denn so Sorgen? Hat der Kinderarzt was gesagt?”
Mutter: “Nein, ich finde ihn ja auch ganz normal. Mich haben aber jetzt schon zwei Freundinnen gefragt, ob mein Sohn denn ganz normal sei, der sehe so komisch aus. Geistig, halt.”

Freundinnen… Aha.

Kinderärzte aus einer anderen Welt X

Sie ist die “Jüngste” an Dienstjahren, und die “Kürzeste”. Das ZDF hat die neueste Kinderärztin des Fernsehens mit ChrisTine Urspruch besetzt, der Pathologin Rechtsmedizinerin aus den Münsteraner Tatorten und dem Sams. So darf sie in der Serie “Dr.Klein” neben so Größen wie Miroslav Nemec (auch ein Tatortkommissar) und Simon Licht (abonnierter Bösewicht) aufspielen.

Ganz ehrlich: Ich bin über die Pilotfolge nicht hinausgekommen. Da wurden mir zuviele Klischees verwurstelt, die körperliche Größe der Frau Klein (sic!) hätte für einen hübschen Fernsehfilm gereicht, aber so mußte der Chefarzt auch noch schwul sein und Frau Kleins Gegenspieler Dr. Lang (sic! sic!) diverse Affären mit einer Krankenschwester haben und zudem noch mit Frau Klein verwandt sein. Och nööö. Anders sein ist Masche in dieser Serie und damit wieder normal. Sehr öde. Daß Frau Dr. Valerie Klein als Kinderärztin auch noch operieren kann, geschenkt. Diese Schieflage kennen wir ja schon aus amerikanischen Serien. Mehr Kritik aus berufenerem Munde.

Neben Dr. Fröhlich ist Dr. Klein einer der Tiefpunkte dieser Blogserie, sie erscheint nur der Vollständigkeit halber.

Die letzten Folgen dieser Serie:
Tara Knowles
David Norris
Sam Sweeney
Cooper Freedman
Alex Karev
Arizona Robbins
Hannes Fröhlich
Daniel Holbein
Doug Ross

Gelesen im Dezember

Lieben
von Karl-Ove Knausgard

(Deutsch von Paul Berf)
Nachdem ich in den Sommerferien den ersten Teil von Knausgards Biographie kennenlernen durfte (“Min Kamp”…), konnte ich nicht umhin. Es geht eine Faszination von diesem Werk aus. Am meisten fesselt mich der Drift von den alltäglichen Banalitäten hin zu philosophischen Betrachtungen, einfacher Sprache mit wunderschönen Worten wechselnd. Genau das, was andere so langweilig finden. Ich brauche nun wieder Zeit bis zum nächsten Band, aber er kommt sicher.
In der Geschichte hier: Seine Liebe zu seiner Frau und seinen Kindern, dazu der Kampf mit dem Alltag, der Vereinbarkeit seines Lebens als schriftstellernder einsamer Wolf mit den nervigen Kindern und der großzügigen Ehegattin. (5/5)

Ewig Dein
von Daniel Glattauer

Naja. Vor Jahren hatte ich mich anstiften lassen, “Gut gegen Nordwind” zu lesen (wer nicht?), jetzt habe ich Glattauer auf einer Lesung gesehen – das war wirklich gut -, erstmal kapiert, dass das ein Österreicher ist, also nochmal probiert. Angenehm: Es ist ein halber Krimi. Unangenehm: Die Protagonistin gehört nach jedem Kapitel geschüttelt. Außerdem kommt das Ende zu plötzlich, da hat bestimmt ein Lektor gekürzt. Und dann: Glattauer schreibe eigentlich keine Frauenbücher? Äh, doch. (3/5)

Tausend Tode schreiben
von Christiane Frohmann

Anthologien lese ich ungerne, auch mit Kurzgeschichten tue ich mich generell schwer, ich bin da eher der Romantyp, aber an 1000Tode kam man diesmal als Twitter-User und ebook-Leser nicht vorbei. Frau Frohmann fragte an und viele viele steuerten ihren Beitrag zum Thema Tod bei. Alle Vielfalt wird stilistisch und perspektivisch bearbeitet. Ich werde noch lange und immer wieder daran lesen, zum Von-vorne-nach-hinten-Durchlesen ist es wohl auch gar nicht gedacht, in Anthologien darf man ja auch stöbern. (5/5)

Missing. New York
von Don Winslow
(Deutsch von Chris Hirte)
Mit seinem Sensationsbestseller “Tage der Toten” konnte ich nicht genug anfangen, zu rasant, zu wenig Tiefgang, nee. Dieser Roman hier über den Ex-Cop Decker, der nach vermissten Kindern sucht, ist ähnlich geschrieben, klar, packt aber ungemein. Vielleicht ist es auch das Sujet, das mitreisst. Mein Interesse wurde übrigens wiedergeweckt durch das “Blaue Sofa” mit Wolfgang Herles, indem Winslow sehr anregend im Interview atwortete. Der Beginn einer neuen Romanreihe, da werde ich weiter dran lesen. Ein Punkt Abzug, weil ich nach einer Woche die Handlung vergessen hatte. Trotzdem gute Kurzweil. (4/5)

Kililana Song: Eine Kindheit in Kenia und Kililana Song 2: Liongos Lied
von Benjamin Flao

Ich lese gerne mal Graphic Novels, dieses zweibändige Werk habe ich mir in der hiesigen Bibliothek geliehen. Wer sich für Afrika interessiert, findet wunderschöne Aquarellzeichnungen, die jede für sich bereits ein Kunstwerk darstellen. Die Story entwickelt sich etwas zäh, der Knalleffekt am Ende ist dafür umso besser. Hintergrund bildet die Urbanisierung der afrikanischen Grenzregionen an der Küste Kenias, böser ausgedrückt: Die Ausbeutung historischer und ökologisch wichtiger Landstriche durch die Europäer, verflochten mit dem schnellen Geld der Immobilienhaie und des Drogenhandels, transportiert über die Geschichte eines kenianischen Jungen. (3/5)

Gescheiterteteres aus dem Skizzenblog
von Claus Ast

Claus Ast hatte seinen zweiten Band der gesammelten besten Cartoons schon lange vorgestellt, aber da dieser neue als Geschenk für die Tochter unterm Weihnachtsbaum lag und jedem, der daran blätterte, so einige Lachanfälle entlockte, gehört es hier einfach zu den Lesegenüßen des Dezembers dazu. (5/5)

Stoner
von John Williams
(Übersetzt von Bernhard Robben, gelesen von Burghart Klaußner)
Oh yeah, mein Highlight des Monats. Ich hatte schon viel von diesem Roman gehört, der unscheinbar wirkt und bereits so alt und vergessen ist. Die Amerikaner suchen immer noch nach ihrem “Großen Roman”? Das hier wäre doch einer. Die Geschichte kommt ganz ruhig daher, das Leben des Literaturprofessors William Stoner, aber es sind die – ungelogen – unvergleichlichen Metaphern und wunderschönen Umschreibungen, die das Buch so klassisch machen.
Ich hätte es selbst gelesen nach ein paar Kapiteln weggelegt, vielleicht, weil es mir dann doch zu unscheinbar erschienen wäre – aber ich durfte es als Hörbuch mit Burghart Klaußner hören. Mensch, welch ein Genuß! Ich dachte, David Nathans Stephen-King-Lesungen seien das Nonplusultra, auch Mathias Brandt im letzten Monat hat mich geschafft, aber das hier ist das Beste, was ich je vorgelesen bekommen habe! (6/5)

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[Dieser Text enthält so genannte Affiliate Links – siehe Impressum]

Adventskalender – Lösung und Verlosung

Liebe Ratefüchse und Ratefehen,

ich danke allen für das freudige Mitraten und entschuldige mich nochmals für die vertauschten Buchstaben an zwei Stellen. Ich hoffe, das hat niemanden zu sehr durcheinander gebracht.

Das Lösungswort in diesem Jahr lautete
Menschenrechtskonvention,
toll, wer soweit gekommen ist. Die einzelnen Lösungen findet Ihr am jeweiligen Tag vermerkt.
Was nun noch folgt ist die Verlosung, denn immerhin sind über sechzig richtige Kommentare genannt worden, doppelt soviel wie letztes Jahr, 2015 muss ich mir wohl eine Lostrommel zulegen.
Wer sich die Spannung erhalten will, hier gibts ein Video – erst weiter unten kommen die Gewinner in Print.

(Etwas unscharf, da “nur” mit dem iPhone gefilmt, das nächste mal wieder mit dem Pad)
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Hier die Zusammenfassung – ich habe Euch auch alle bereits per e-mail benachrichtigt.

1. Das Arztköfferchen geht an Katharina
2. Das T-Shirt mit mir drauf – siehe hier gewinnt Tina
3. Eine Kaffeetasse mit dem schönen Kinderdok-Logo von Claus Ast. bekommt Holkine
4. Das Hörbuch Klonk! von Terry Pratchett, gelesen von Boris Aljinovic gewinnt Rike
5. die Klassik-CD des “Orchesters der deutschen Kinderärzte”, Ausgabe 2013/2014 bekommt Stoni
6. schließlich eine Tüte selbstgebackener Plätzchen an Anonym (moonshadow)

Herzlichen Glückwunsch und nochmals DANKE fürs mitspielen
und … stay tuned

Amerikan Skin

Zu den wiederholten tödlichen Polizeischüssen in den USA der letzten Wochen:

41 shots, Lena gets her son ready for school
She says, “On these streets, Charles
You’ve got to understand the rules
If an officer stops you, promise me you’ll always be polite
And that you’ll never ever run away
Promise Mama you’ll keep your hands in sight”

Is it a gun, is it a knife
Is it a wallet, this is your life
It ain’t no secret
It ain’t no secret
No secret my friend
You can get killed just for living in your American skin

—————-

Und wer vor zwei Tagen die Doku bei Arte über den Waffenlobbyismus in den USA gesehen hat, versteht – naja – erkennt mehr die irrationale Angst der Amerikaner vor der Bewaffnung des anderen und das Anrecht auf Selbstverteidigung, die auch den Polizisten innewohnt. Kill Zone.

The dark side and the light (o.T.)

Ich kann nicht anders:

 

Irgendwie muß ich das loswerden (Ist das Benedict Cucumberbatch, derwoda spricht?).

Zu klein

Wir hatten viel Zeit mit der Kleinen verbracht, wir waren direkt bei ihr gewesen, als sie aus dem Bauch ihrer Mutter, viel zu früh, herauswollte. Eine Tüte Mehl, hat der Oberarzt gerne geunkt, die Schwestern und wir Jungassistenten waren hin- und hergerissen wegen des dunklen Humors oder der Abgebrühtheit, die aus dieser Betitelung sprach. Die Tüte Mehl bekam zwei Nabelkatheter, einen Peripherzugang, der zentrale sollte erst nach zwei oder drei Tagen kommen, bis der erste Stress vorüber war.

Warm hatte es die Kleine, in unseren Handschuhen stand der Schweiß, sobald wir unsere Arbeit machen mußten, das stete Klopfen der Monitore in den Ohren, der Geruch nach Gummi, Medikamenten und Ausdünstungen, auch wenn unsere Patienten noch so klein waren. Leises Flüstern von den anderen Inkubatoren, wenn glücklichere Eltern ihre schon größeren Kinder auf der Brust hielten und ihren Herzschlägen auf der Haut nachspürten und mit den grünen Linien auf dem Monitor verglichen. Immer der gleiche Blick nach oben, wenn der Alarm ging, die gleiche Hoffnung, dass es nicht das eigene Kind war, die schnelle Schritte der Schichtleitung, keine lauten Stimmen, kein Fluch, kein Weinen, kein Jauchzen. Das sparten sie sich auf, wenn gerade kein Extremfrühchen auf Station lag.

Es gab Hochs und Tiefs, doch nie soviele Aufwärtsbewegungen, dass wir den Kopf über Wasser halten konnten. Manche Schwestern behaupten, am Start sieht man die Sieger. Diese Kleine gehörte nicht dazu. Ihre Eltern klammerten sich an die wenigen guten Nachrichten (für ein paar Stunden weniger Sauerstoff, die Blutwerte waren stabil, aber nicht wirklich gut). Besuch kam sonst keiner. Wir hätten ihn sowieso nicht hineinlassen dürfen. Schweren Herzens verließen die Eltern jeden Abend die Station, am Morgen sah ich ihnen an, dass sie auch zuhause keinen erholsamen Schlaf zuhause hatten. Noch waren Scherze erlaubt, dass schlaflose Nächte für junge Eltern normal seien. Sie sollten doch erstmal warten, wenn Klein-Mia zuhause wäre. In der zweiten Woche hatten sich die Sprüche abgenutzt. Nichts hätten die Eltern mehr ersehnt, als Mia plärrend im Stubenwagen am Bett stehen zu haben.

Ab und zu wurde es hektisch. Am Anfang sowieso, aber da war es Routine, wenn erst einmal alle Technik anlag, war es ruhiger. Jeder Rückschritt in der Entwicklung brauchte schnelle Entscheidungen, oft auch schnelle Umsetzung. Die Beatmung war klar, die Katheter auch, die Standardbehandlung war automatisiert. Aber alles andere unberechenbar. Der Wunsch nach Standard lag über allem, aber Standard ist nur etwas für die Bücher. Wieviel Elektrolyte das Kind nun über die Infusion braucht, wie millimetergenau die Beatmung eingestellt ist, ob das Antibiotikum A nun durch C ersetzt werden sollte, das sind stets marginale Änderungen im Weg des Überlebens.

Die Nekrotisierende Enterokolitis, die unberechenbare und gefürchtete, die auf allen Frühchenstationen dieser Welt selten, aber immer zu oft durch die Türe kommt, hatte Klein-Mia zum Schluß mitgenommen. Immer nimmt sie über Nacht, immer in den Morgenstunden, wenn die Station am ruhigsten ist. Die Nachtschicht sitzt zum letzten Tee im Stationszimmer und wartet auf die Ablösung und die Stationsärztin checkt nochmal alle Einstellungen, alle Infusionen und träumt vom Nachhausekommen. Wir sahen die NEC nicht kommen, und Mia war noch viel zu klein.

Die Eltern hatten sie am Ende auf dem Arm. Mias Inkubator stand am Ende der Reihe, zum Fenster hin, dort konnte man sich einen halb geschlossenen Raum im Raum schaffen. Als ob die Station wusste, was passieren würde, wurde es sehr still in der letzten halben Stunde. Kaum ein Monitor, der alarmierte, nur da und dort das leise Schnaufen der Beatmungsgeräte. Wenige andere Eltern waren auf Station, alle leise, alle ahnten es. Jeder kennt irgendwann jeden der anderen, ihre Kinder, ihr Namen, ihre Gewichtsklassen. Der Monitor war schon lange aus, kein theatralisches Schalterdrücken, wie das die TV-Arzt-Serien kennen, nur das Kind alleine auf dem Arm der Mutter, als ob sie es zuhause gerade aus dem Stubenwagen geholt hätte. Kein anderes Frühchen brauchte Hilfe an diesem Morgen. Sie hatten alle Zeit der Welt.

Sabine hat später den kleinen Körper gesäubert, das übliche Stationsritual, wenn ein Kind starb. Ein vorgegebener Ablauf, mit frischem Tuch, sogar einer frischen Windel, ein letztes Streicheln. Ich habe ihr geholfen. Zwischen uns gab es eine besondere Verbindung zu der Kleinen, so schien es. Und nachdem alles bereitet war, der Inkubator abgeschaltet, nur ein kleines Mädchen in einem sauberen großen Tuch, haben Sabine und ich innegehalten, die vier Hände ein letztes Mal ganz nahe am Kind, ein kurzer wichtiger Moment. Für den Abschied unserer Station, mit einem Blick über den Glaskasten, in unsere Augen, etwas verschwommen vielleicht, ein wissendes Nicken. Der Trauer zum Trotze zuversichtlich.

Gentleman

What is going on ?

Der Mutter fällt beim Wickeln ein Socken runter.
Der Junge hebt sie auf.
“Na, Du bist aber ein Gentleman, danke”, sagt die Mutter.

“Mama, was ist ein Dschennelmän?”
Sagt der Zwillingsbruder kaugummikauend: “Das ist, wenn Du ‘ner Dame die Tür aufhältst.”
“Na toll, dann muß ich das wohl auch noch machen?”

Ich: Am Boden.

 

(c) Foto bei SAN_DRINO

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