Lesepotpourri August und September

Die beliebte Rubrik „Was liest der Kinderdok“ wird erfolgreich fortgesetzt, wie immer zusammenfassend und fett verspätet, aber dennoch bunt und informativ. Hier die Stars der letzten Monate:


All the Birds in the Sky von Charlie Jane Anders
Klar erinnert das etwas an Harry Potter, wenn wieder einmal ein Zaubermensch (diesmal eine Hexe) als Protagonistin auftritt. Aber Patricia ist ganz anders als der vielfach geleckte und trotzdem tolle Harry. Sie spricht mit Tieren, wird durch viele Umwege ihre Bestimmung auf dieser Welt finden und trifft vor allem auf Laurence, den durchgeknallten Hochintellektuellen. Da fällt mir auf: Der erinnert übrigens ein wenig an Eoin Colfers Artemis Fowl.
Also: Hermione Granger trifft auf Artemis Fowl. Nein. Das verkürzt diesen coolen Jugend-Urban-Fairy-Tale-Roman auf ein zu schwaches Level. Hier gibts bestimmt bald eine Fortsetzung. (5/5)


The Sense of an Ending von Julian Barnes
Als ich diesen Roman im „Waterstones“ in Edinburgh gekauft habe, raunte mir die nette Verkäuferin zu, dies sei „one of her favourite, I love it“ zu. Vielleicht macht sie das immer und das gehört zur Bestätigungstaktik grosser Buchhandlungen – aber dennoch: Auch für mich ist dieses Buch „one favourite“ mit sofortiger Wirkung. Wer einen 150-Seiten-Roman lesen will, der poetisch ist, bildet, nachdenklich macht, und trotzdem nicht abgehoben, sondern auf dieser Welt bleibt, lese „Vom Ende einer Geschichte“ (dessen deutscher Titel dem „sense“ des Romanes in keiner Weise gerecht wird).
Tony und Adrian sind gute Freunde in der Schule, verlieren sich aus den Augen und treffen sich wieder, unglücklich und vom Leben verwirrt. Wie ein einzelne Begegnung, ein einzelnes Wort, eine unbedachte Äußerung das Leben in diese oder jene Richtung lenken kann, lehrt dieses Buch. Manche lügen sich durch ihre ganze Geschichte und manche vor allem sich selbst. (5/5)


Geister von Nathan Hill (Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence und Katrin Behringer)
Wie ich auf diesen Roman kam, weiß ich gar nicht mehr, er umspülte mich in irgendwelche Cookie-Online-Amazon-Empfehlungen, ich las mich fest in der Kindle-Leseprobe und kam nicht mehr los. Der glücklose Literaturprofessor Samuel findet seine Mutter wieder, die ihn und seinen Vater vor Jahren unter dubiosen Vorzeichen verließ. Sie gerät in die Schlagzeilen, weil sie einen Senatorenkandidaten mit Steinen bewirft und Samuel soll „das Aufdeckungsbuch“ über die vermeintliche „Terroristin“, seine Mutter schreiben. Dass es anders kommt, dürfte klar sein. ein Buch, dass viel über die amerikanische Gesellschaft verrät, über Verstrickung der Politik und des Journalismus, knackig geschrieben und sehr unterhaltsam, vielleicht im Stil von Jonathan Franzen oder Jeffrey Eugenides. (4/5)


Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr (Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence)
Pulitzerpreis von 2015 sollte ein Qualitätsmerkmal dieses Romanes sein. Er erzählt die Geschichte eines blinden Mädchens, dass unter den näher rückenden Deutschen im Zweiten Weltkrieg aus Paris flüchtet und mit ihrem Vater durch Frankreich irrt. Parallel lernen wir Werner kennen, einen deutschen verwaisten Jungen, der dank seiner Intelligenz in Nazideutschland auf eine Eliteschule gehen darf und schließlich auch in den Wirren des Krieges nach Frankreich versetzt wird. Hier kreuzen sich die Wege der Kinder.
Eine schöne Sprache, ein virtuos komponiertes Buch aus Rückblenden und zwei Erzählsträngen, sehr einfühlsam die Schilderungen aus dem Off der „Sichtweise“ des blinden Mädchens. Aber seltsam: Mich hat das Buch nicht eingesogen, ich konnte mich nicht festlesen. Vielleicht die falsche Zeit. Das Buch bekommt einen zweiten Versuch, bis dahin: (3/5)


Die Terranauten von T.C. Boyle (Übersetzt von Dirk von Gunsteren)
T.C. Boyle schreibt mal wieder über sein Lieblingssujet: Eine Gruppe von Menschen, unterschiedlicher wie nur möglich, gebettet in einen Plot rund um die Umwelt, und wie wir sie schützen können. Anders als in seinen letzten Büchern ist es diesmal aber die menschliche Natur, die Probleme im Zusammenleben macht. Wen wundert es: Boyle schildert das „Second Earth“ Experiment, in dem eine Gruppe von Wissenschaftlern unter einen riesigen Kuppel, abgeschnitten von anderen, autark überleben sollen, z.B. als Vorbereitungen für eine mögliche Marsmission.
Nach den letzten Durchhängern fand ich Boyles Buch diesmal richtig gut, eine perfekte Urlaubslektüre (bei mir auch) – spannend, unaufdringlich vorhersehbar, mit ein paar netten Twists und einen Background, der nachdenken lässt. (5/5)


Was vom Tage übrig blieb von Kazuo Ishiguro (Übersetzt von Hermann Stiehl)
Als habe ich es gewusst: Nach dem „Begrabenen Riesen“ im letzten Jahr las ich in diesem Sommer endlich einen anderen Roman von Ishiguro, seinen bekanntesten, über den Butler in England, der auf eine Reise geht und die Konventionen übertritt und die Liebe entdeckt. Oder auch nicht. Herrlich zurückgenommen, distingiert, wie sich das für einen Butler gehört, ist dieser Roman auch geschrieben. Kein dickes Werk, aber voll der poetischen Sprache des neuen britischen Nobelpreisträgers für Literatur mit japanischen Wurzeln. (5/5)


Die Stadt, in der es mich nicht gibt von Kei Sanbe
Mit Comics ist das bei mir so eine Sache: Klar, die Story muss stimmen, wie in jedem Buch, aber bei Comics ist das Auge doch viel mehr gefordert, der Erzählrhythmus wird weniger durch die Worte der Sprechblasen geprägt, sondern durch die Aufteilung der Panels und – logisch – den Zeichenstil selbst.
„Die Stadt, in der…“ fällt unter die Mangas, gelesen von vorne nach hinten, von rechts nach links, das ist lustig und hipp, und ich habe auch Mangas gelesen, die mich dabei nicht gestört haben. Hier schon. Vielleicht, weil die Geschichte über Zeitensprünge sowieso schon die Zeitachse auf den Kopf stellt. Außerdem habe ich nun für mich beschlossen, dass der Manga-Tokyo-Pop-Stil nichts für mich sind. Auch wenn mich z.B. die Reihe Barfuß durch Hiroshima von Keji Nakazawa absolut umgehauen hat.
Der vorliegende Manga hat das nicht – Kultcomic hin oder her – schade. (2/5)

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Die Katze geht zum Arzt, nicht zum Heilpraktikant

Unsere Katze hat immer wieder diese kleinen schwarzen Punkte unter dem Kinn, sieht aus wie Mohnkrümel oder schwarze Schuppen. Es scheint, zu jucken, denn gerne schabt sie mit dem Kinn auf der Couch herum. Nach einiger Zeit wird es besonders wüst: Die Haare gehen an der Stelle aus, vor zwei Monaten war ein Mundwinkel richtig wund geworden.

Der Tierarzt nennt das salopp „Katzenakne“, keine Ahnung, ob das stimmt, bei meinen Kindern google ich nicht irgendwelche Krankheiten, sondern verlasse mich auf den Experten. Als der Tierarzt mitbekam, dass ich was mit Medizin mache, murmelte er etwas von Autoimmunerkrankung, „nicht so schlimm“, und dass Cortison ja immer helfe, oder nicht?

Das war dann auch so: Die ein- bis zweimonatliche Spritze tat Wunder, die Hautveränderungen gingen zurück, die Katze war wieder glücklich. Der Behandlungsversuch zuvor mit antibiotischer Salbe scheiterte am Gefauche der Dame und dem Unvermögen des therapierenden Herrchens. Antibiotische Salbe bei Autoimmunerkrankung? Ok, wohl für die Superinfektion.

Im Wartezimmer kam ich ins Gespräch, eine Dame erzählte mir, sie gehe immer zuerst zu dem Tierheilpraktiker im Nachbarort. Eine schöne Praxis gebe es da, in schönen Farben und schönen Gerüchen, man merke, die Tiere fühlten sich gleich viel wohler. Da werden die Tiere auf dem Schoß der „Eltern“ untersucht, sagte sie, nicht, wie hier, auf einem kalten nackten Tisch. Sie zeigte auf ihren bereits grauhaarigen Yorkshire-Terrier, der müde hechelnd unter ihrem Stuhl saß. Es war ein heißer Tag. Der Tierheilpraktiker könne sicher auch was für unsere Katze tun, meinte sie. Und wo man das Geld nun ausgebe, sei doch egal, meinte sie.

Fand ich nicht. Wer ein Haustier hat, weiß, wie teuer ärztliche Behandlungen sein können. Es gibt zwar Tierkrankenversicherungen, aber, Hand aufs Herz, wer schließt die schon ab, wenn man nicht gerade einen Araberhengst im Schuppen stehen hat? So bleibt einem die Überraschung, wenn die Arzthelferin nach der EC-Karte fragt.

Und jetzt soll ich das Geld für Heilpraktikanten ausgeben? Da ist die Erstverschlechterung meiner Begeisterung inklusive. Katzen sind doch Einflüsterungen von außen sowieso nicht zugänglich. Denkt wirklich jemand, dass eine Katze auf Placebos reinfällt? Ein Hund vielleicht, ok, der freut sich über alles, was Frauchen oder Herrchen ihm Gutes tut, da ist die Placebo-by-proxy-Wirkung schon in der Tierart implementiert. Aber Katzen? Da die immer das Gegenteil von dem machen, was wir wollen, müsste ich ja am Ende statt „Similia similibus curentur“ „Contrarium contrario curentur“ anwenden (und man lege mich bitte nicht auf die richtige Deklination fest).

Vielleicht hilft ja Chiropraxie oder Osteopathie bei der Katzenakne? Der Gemütliche Riese aus Norddeutschland (RIP) hätte vielleicht auch das bei unserer Tigerin eingerenkt. Jedenfalls erschlüge sicher sein Charisma unsere Überzeugung. Im Fernsehen war es auf jeden Fall gut anzusehen. Spaß beiseite. Aber es denkt wohl niemand, das Schröpfen bei den Fellungeheuern irgendwas bewirkt, oder? Wie soll der Heilpraktikant denn da auch ein ordentliches Vakuum aufbauen?

Dann vielleicht die Akupunktur. Unsere Katze ist immer hellauf begeistert, wenn sie die Cortisonspritze oder ihre Impfungen bekommt. Ihr Instinkt meldet das schon fünf Minuten vorher an. Wenn dann die Tierärztin mit dem Besteck klappert, wird aus dem wilden Tiger endgültig die Feldmaus, die wir immer schon in ihr vermutet haben. Also dann Akupunkturnadeln? Und wer will die wiederfinden nach getaner Arbeit? Obwohl, man könnte die Nadel mit Fähnchen …

Ich gehe also weiterhin zu Dr. Engel (doch, so ungefähr heißt der tatsächlich) mit seiner Grummelstimme und dem sterilen Metallbeckenuntersuchungstisch mit Abflusseinrichtung. Der hat das – denke ich mal – auch richtig studiert. Der Tierheilpraktiker aus dem Nachbarort hat vielleicht schnell 2.000 Euro in die Hand genommen, ist von Haus aus Bankkaufmann und „mit Tieren groß geworden“. Wenigstens folgen beide ihrer Berufung. Aber ich muss nicht allem hinterher rennen.

Kurzer Faktencheck

(Der Faktencheck wurde der Infoplattform www.tierheilpraktiker.net entnommen. Ergänzen sollte ich, dass der Hinweis auf Praktika, d.h. die Arbeit direkt am Tier nicht bei allen Ausbildungsanbietern zu finden ist.)

Interessant in diesem Zusammenhang fand ich auch die beiden Artikel „Aber bei Kindern und Tieren hilfts doch auch“ und „So wirken Placebos bei Tieren“.

(c) Bild bei Werner Mandl/Flickr unter CC-Lizenz

Dieses Posting erschien ursprünglich bei DocCheck Blogs.

Lesepotpourri April/Mai/Juni/Juli

Außerdem für mich entdeckt: Podcasts.
Hört mal rein –
Der PsychCast
Lage der Nation
Durch die Gegend

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Herzlichen Glückwunsch, liebes Blog

Auch wenn Du weiterhin in meiner Sprache ein Kind bleiben wirst, das Kind, das Blog, so hast Du doch inzwischen das stramme Alter von elf Jahren erreicht.

Herzlichen Glückwunsch!

Du beschäftigst hier tagtäglich im Schnitt vier- bis fünftausend Gästeklicks, das sind auch mal 120.000 im Monat, und einen einsamen Kinderdok. Ganz schön was zu tun.

Ich danke Dir und Deinen Lesern für die Treue und die Gelegenheit, den Beruf des Kinder- und Jugendarztes auf andere Weise und aus anderer Sicht zu vermitteln. Und Danke für die vielen liebenswerten Kontakte über die Blogkommentare und via Twitter. Danke. Ihr seid toll.

(c) Foto bei Flickr/Stuart Beattie (CC Lizenz BC NY 2.0)

Senfgläser voll Wein

Ich war Zivi und mein Arbeitskollege hatte mich in seine WG eingeladen, irgendein Geburtstag, hatte er gesagt. Es war die übliche Studenten-Zivi-Coolness-Fete, wir tranken unser Bier aus Flaschen und den Wein aus Senfgläsern. Salzstangen und Chips, nix mit Guacamole oder Tomate-Mozzarella. Eine Freundin hatte ich keine.

Groß war die WG nicht, dafür die Musik schön laut, irgendwo in einem Zehn-Parteien-Haus, vierter Stock, zweite Tür. Schuhe haben wir damals schon ausgezogen. Die Hälfte der Party fand im Wohnzimmer mit Balkon statt, die andere in der Küche mit Sitzecke. Die anderen WG-Zimmer waren anderen Dingen vorbehalten.

Der einzige, der sich den Abend gar nicht bewegte, war Peter. Er war der Älteste auf der Party, vielleicht fand er sich etwas fehl am Platze, vielleicht genoss er auch das junge Publikum, vielleicht wollte er nur seinem Sohn nahe sein. Oder er recherchierte für sein neues Buch. Ich hatte gerade sein „Windrad“ gelesen und den „Felix Guttmann“, und klar, den „Hölderlin“. Ich war mitten in meiner „Seine Bücher“-Zeit und hatte da noch nicht kapiert, dass er auch den „Hirbel“ und „Ben liebt Anna“ geschrieben hatte, die ich früher schon in der Schulzeit mochte.

Wir haben geredet, nicht über seine Bücher, ich wollte nicht so anmaßend sein, nein, mehr über Frankfurt, die Startbahn West und die Friedensbewegung. Ich weiß nicht mehr, ob er Bier trank, ich sehe ihn eher mit einem Senfglas voll Wein, jedenfalls haben wir viele Salzstangen und einige Bockwürste mit Kartoffelsalat verdrückt.

Später habe ich andere Sachen gelesen, bin nur kurz zum „Schubert“ zu ihm zurückgekehrt, aber vergessen werde ich nie seine Ruhe unter plappernden aufbrechenden unsicheren Jungspunden. So eine Weisheit.

Heute ist Peter Härtling gestorben.

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Über das Geschichtenerzählen in (Mediziner)Blogs

Diesmal bewege ich mich weg von der eigentlichen Pädiatrie oder meinen Patienten und schreibe über das Bloggen selbst. Im Rahmen der Medmen-Veranstaltung habe ich einen Vortrag als Speaker zum Thema „Storytelling“ gehalten, wir dürfen aber auch „Geschichtenerzählen“ dazu sagen.

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Auf diesen Seiten gebe ich gerne Geschichten zum Besten, die mir oder anderen Kollegen in ihrem Praxisalltag so passieren. Jede/r, die/der hier mitliest, darf aber versichert sein: Diese Geschichten sind nie exakt so passiert. Sie sind verfremdet, pointiert, dramatisiert, teils zusammengesetzt aus verschiedenen Episoden, aber dennoch in ihrem eigentlichen Wahrheitsgehalt authentisch. Letzteres sei ebenfalls versichert. Trotzdem sollen die Geschichten auch Botschaften vermitteln und nicht zum reinen Vergnügen verkommen. Diesen Anspruch hat das Storytelling.

Geschichten erzählen die Menschen schon lange. Ob Märchen, Fabeln, Parabeln oder journalistische Artikel: Geschichten fesseln die Leser viel schneller ans Thema, als es das trockene Sujet kann. Schon das „Rotkäppchen“ vermittelte in einer vermeindlichen Kindergeschichte unterschwellige Botschaften (Die Symbolik des „Frauwerdens“ und die Versuchungen durch das Leben und die  Männer beschäftigte schon viele Analytiker). Eine gute Reportage in „Spiegel“ oder „Stern“ beginnt mit dem Einzelschicksal, um dann den Blick weiter zu öffnen auf das große Ganze. Das erhöht die Identifikation mit den Betroffenen, das Einfühlen des Lesers, und macht die Sache schlicht anschaulicher.
Das kannst Du beim Bloggen genauso nutzen, um eine Botschaft zu vermitteln.

Formen des Storytellings sind
– Einstiege und Aufhänger, wie oben beschrieben, Gatekeeper (z.B. Don Massimo)
– Anekdoten, die das eigentlich Thema genauer illustrieren sollen (z.B. Ich beim Zahnarzt)
– Beispiele (abschreckende, vorbildliche, diametrale), um das Thema eventuell zu diskutieren (z.B. was Eltern so Sorgen macht)

Noch was anderes: Jeder Blogger frage sich, wer die Zielgruppe ist, für die er schreibt. 

Schreibst Du nur für Dich, ist das Bloggen reiner Selbstzweck, um Deine Schreibskills zu verfeinern, oder um den Kopf zu lüften, zum Loslassen des Arbeits- und Lebensalltags? Ist das dann aber noch Storytelling?
Oder schreibst Du (als Mediziner oder andere/r Fachmann/frau) für den interessierten Laien? In meinem Fall für Eltern oder den Zufallsleser, der sich für den Beruf und die Hintergründe interessiert? Dient das Bloggen dann womöglich nur dem Voyeurismus und der Neugier?
Und schließlich könntest Du für andere Fachleute schreiben – für Ärzte, medizinische Berufe, Wissenschaftler, hier dienen die Geschichten als Illustrationen und Beispiele, viel besser, als das in einem trockenen Sachbuch möglich wäre.

Was brauchst Du für ein gutes Storytelling?
– Eine gute Geschichte, wie banal. Sie muss interessant sein, außergewöhnlich, aber vielleicht auch beispielhaft für das Thema, über das Du schreiben möchtest. Aber Du bist (als Mediziner oder sonst in Deinem Beruf) Experte und hast sicher schon Einiges erlebt.
– Sie muss also passen, sie sollte pointiert geschrieben sein, aber gleichzeitig auch verfremdet, denn Du möchtest keine Rückschlüsse der Mitwirkenden. Du hast die Verantwortung, diese zu schützen.
Lust zum Schreiben – ohne das geht es nicht. Schreiben ist zwar Arbeit, aber ohne Spaß bleibt auch Dein Ergebnis seltsam saftlos.
Talent zum Schreiben? Eigentlich nicht. Die meisten Skills bestehen doch nur zu 10% aus Talent, der Rest ist Routine, Übung, Training, wie Du es auch nennen magst.
– Ein gutes Setting, also die klassische Geschichte („Es war einmal“), eine Anekdote („Neulich habe ich was erlebt“), einen Dialog („Sagt der Vater…“), aber auch ein guter Tweet kann eine Geschichte erzählen.
– Wenn Du fertig bist mit Deiner Geschichte: Ist die Botschaft für Deine Zielgruppe angekommen? Ist das eigentliche Thema klargeworden?
– Dann lass den Blogpost liegen, lass ihn „abhängen“ und lies ihn erst in ein paar Stunden, einen Tag oder eine Woche später noch einmal.
– Editiere und streiche beherzt.
– Veröffentliche mit Mut.
– Kommentiere die Kommentare.
Dann erzählst auch Du Deine Geschichte.

Zum Schluss ein Appell – wenn Du als Mediziner bloggst:
– Das wichtigste sei die Wissensvermittlung, das Thema habe oberste Priorität
– Die Story nur der Story wegen bedient nur den Voyeurismus des Lesers
– Bleib sachlich in Deinen Themen und Deiner Wortwahl – Sensationen, Panikmache und Fakenews schreiben andere schon genug. Als Mediziner sollten wir da Contenance behalten.

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Mein Keynote-Vortrag:

Hot topic! Neulich in der Notfallambulanz

Sonne

 

Ganz blass und kaltschweissig sitzt Ayaz auf der Untersuchungsliege im Notfallzimmer. Gerade ist es etwas ruhiger, die obligatorischen fünf Zecken habe ich schon entfernt, ein paar Kinder mussten angesehen werden, weil der Kinderarzt nicht mehr zuhause war (und der – natürlich – keine Vertretung habe) und auch die üblichen „Bauchweh seit zwei Wochen“ habe ich heute bereits gesehen.

Ayaz geht es wirklich nicht gut. Seine Mutter sitzt neben ihm und drückt ihm ein nasses Geschirrhandtuch auf die Stirn. Sie ist viel kleiner als er, der Pubertätswachstumsschub hat ihn schon in die Höhe gezogen. Eigentlich ist er Fussballer, Handballer, Basketballer, man sieht es ihm an, heute abend ist er nur ein armer Kerl mit Sonnenstich.

Ich: „Wie lange warst Du denn im Schwimmbad?“
Ayaz: „So vier oder fünf Stunden?“
Ich: „Aber nicht die ganze Zeit im Wasser, oder?“
Ayaz: „Nee, wir haben auch Pizza gegessen dazwischen. Gekickt. Tischtennis. Sowas.“
Ich: „Und nun?“
Ayaz: „Mir war schlecht. Ich bin nachhause. Hab dann gekotzt. Zweimal.“
Ayaz´ „Anne“: „War ganz übel, ganz blass. Viel Spucken.“ Sie schiebt ihm das Handtuch in den Nacken. Er schiebt sie weg.
Ich: „Genug getrunken hast Du schon?“
Ayaz: „Safe. Ja, klar.“
Ich: „Mütze? Irgendwas auf dem Kopf?“
Ayaz schnalzt. Zu uncool.
Ich: „Du musst Dich immer wieder abkühlen, weißt Du, oder? Schatten gehen. Viel trinken.“
Ayaz: „Weiß ich. Meine Posse wars.“
Ich: „Wie jetzt, wieso?“
Ayaz: „Ahja, Alda, die Honks haben mich krass da liegen gelassen. In der knallen Sonne. Kacke, Alda. Bin eingeschlafen. Voll jenseits.“
Er schüttelt den Kopf über soviel Vertrauensverlust.
Ich: „Na dann, ein oder zwei Tage Pause vom Schwimmbad. Bleibst ein bissel drin. Schön abkühlen, ausreichend trinken, lieber was Warmes…“
Ayaz: „Kein Freibad?“
Ich: „Ja.“ Ich nicke bestätigend.
Ayaz: „Alda…!“
Jetzt schüttelt er den Kopf über soviel Kontaktsperre, soviel fehlende Integration in seine Posse für zwei Tage.
Ich: „Am besten auch kein Handy. Kein Whatsapp. Den Kopf schonen.“
Ayaz: „ALDA…!“

Seine Anne nimmt ihn in den Arm und tupft ihm nochmal mit dem Geschirrhandtuch über die Stirn. Sie nickt wissend.

(c) Foto bei Flickr/Afra Shmidt (Unter CC-Lizenz CC-BY ND 2.0)

Kinderdok erzählt im „Der Tagesspiegel“

Karl Grünberg hat mich für die Sonntagsausgabe des Berliner „Der Tagesspiegel“ interviewt. Dafür besuchte er mich zu noch kühleren Außentemperaturen in meiner Praxis. Bei Kaffee und Spezialitäten der Region plauderten wir sicher dreieinhalb Stunden über das Blog, die Arbeit in der Praxis, die Eltern und die Kinder.

Für mich ein sehr spannendes Erlebnis. Herr Grünberg war extrem professionell vorbereitet, strukturiert, fragte auf den Punkt und trotzdem blieb es ein Gespräch, weniger ein Frage-und-Antwort-Spiel. Das Ganze am Ende auf das vorliegende Interview einzudampfen war sicher keine leichte Aufgabe.

Erschienen ist der Beitrag am gestrigen Sonntag. Abonnenten des Tagesspiegels konnten direkt lesen, alle anderen dürfen dieses online nachhole.
Leider sind die Push-Tweets etwas reißerisch ausgefallen, aber das muss wohl so sein, um den Artikel zu bewerben.

Viel Spaß beim Lesen.

Kinderdoc? Kinderdok!

Lesepotpourri Februar/März

Highlights der zwei Monate: Belletristisch sicher das sehr verstörende Die Vegetarierin von Han Kang (übersetzt von Dr. Ki-Hiang Lee), ich bin mir nicht sicher, ob ich hier eine Parabel lese oder schlicht die Studie einer psychisch kranken Frau. Das Nachdenken über das Buch hat mich noch einige Tage beschäftigt.

Noch mehr beeindruckt hat mich aber das Buch, das Essay, der Aufruf, die Schrift Gegen den Hass von Carolin Emcke, der Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2016. Anhand der Übergriffe auf Flüchtlingsheime, der Polizeiwillkür gegen Schwarze in den USA und generell der Antipathie gegen das „Andere“ entwirft sie eine „Theorie des Hasses“, der entsteht aus der sinnlosen Suche nach dem „Reinen“ und dem ein jeder entgegenstehen sollte durch alltägliches Erkennen und Widersprechen. Sehr differenziert und nachvollziehbar propagiert Frau Emcke den Charme der Vielfalt, welche erst das demokratische Zusammenleben ermöglicht. Ausgrenzung sei zutiefst undemokratisch und menschenverachtend. Schon lange konnte ich nicht mehr über ein Buch sagen: Das hat mich verändert.

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„Ganz normal“ und bitte keine Entschuldigung.

Heute hat sich (mal wieder) thumbs upeine Mutter entschuldigt, dass sie ihr Kind bereits zum zweiten oder dritten Mal seit Februar in der Praxis vorstellt. Jedesmal mit Erkältung, nichts Schlimmes, Husten, Schnupfen, die übliche Rotzgeschichte.

Liebe Eltern!
Was erlebt Ihr eigentlich in anderen Arztpraxen? Schimpft da jemand? Oder geht das Gerücht herum, wir Kinderärzte hätten kein Verständnis dafür, dass besorgte Eltern ihre kranken Kinder vorbeibringen? Steht Ihr unter Druck von außen, von Elternforen oder Elterngruppen, die Euch sagen, Ihr seid übervorsichtig, ängstlich, Helikopter?

Bitte zieht Euch diesen Schuh nicht an.
Kinderärzte haben überhaupt kein Problem damit, den Eltern die beruhigende Mitteilung zu machen, dass keine schlimme Erkrankung vorliegt, keine schwere Lungen- oder Ohrenentzündung, sondern alles „ganz normal“ abläuft.
Beruhigung ist unser zweiter Vorname.

Mir ist es lieber, ich sehe die Kinder einmal zu viel als zu wenig. Auch von verspäteten Diagnosen können wir ja ein Lied singen. Dennoch: Diese Aussage soll wiederum niemanden in Panik versetzen. Das wichtigste Kriterium einer Vorstellung beim Doc ist: „Die Eltern möchten das gerne abklären lassen.“
Wenn´s dann einmal zuviel war – egal.

Und bitte am Ende: Niemals dafür entschuldigen. Ich schimpfe nicht.

Grüße, kinderdok

(c) Bild bei Flickr/amanda tipton (License CC BY-NC-ND 2.0)

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