Etwas zu Allein-, Haus- und Klinikgeburten

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Entbindung am Feldweg

Letztens las ich in einem Vorsorgeheft bei der U1 den interessanten Eintrag „Externe Entbindung“, auf Nachfragen bei den Eltern bei U3 die stolze Aussage des Vaters: „Ich habe das Kind auf dem Rücksitz des Wagens entbunden.“
Tolle Sache, oder? Es ist das erste Kind, und die Eltern dachten, wie das ja auch meist ist, beim ersten Kind hätten sie ausreichend Zeit, um mit den ersten Wehen die Entbindungsklinik zu erreichen. Leider war das nicht so.

Trotz einer Fahrt von wenigen Minuten (die Klinik war nur fünfzehn Kilometer entfernt), musste das Paar an einem Feldweg neben der Bundesstraße anhalten, das Neugeborene wollte kommen. Als der Rettungswagen vorbildlich nach zehn Minuten eintraf, war das Kind schon geschlüpft.
Ich habe den Eltern versichert, dass ich, trotz beruflicher Erfahrung, glücklich bin, dass unsere Kinder diesen Akutweg nicht genommen haben. Während der Vater erzählte, schwang Stolz mit, in beiden Blicken der Eltern, aber auch Erleichterung, dass nichts Schlimmes passiert ist.

Hausgeburten?

Ich habe Respekt vor Eltern und Hebammen, die den Weg einer Hausgeburt wählen. Für meine Frau kam das nicht infrage, für mich sowieso nicht, dazu habe ich genug erlebt, was auch unter optimalen Bedingungen in der Klinik schief gehen kann und wie Hausgeburten enden können.
Sehr bedenklich finde ich dabei, dass Hausgeburten als „natürlich“, als „unbelastet“ und „frei“ interpretiert werden, ohne sie im gleichen Atemzug „riskant“ zu nennen. Es mag sein, dass bei Mehrfachgebärenden eine Entbindung zuhause zügig und unproblematisch vonstatten geht. Es mag auch sein, dass Mütter sich in der heimischen Umgebung wohler fühlen – geschenkt, das ist klar, wer ist schon gerne im Krankenhaus? – , und die Betreuung einer erfahrenen Hebamme bei der Hausgeburt ist immer vorausgesetzt. Dennoch kann ich in der heutigen Zeit in der Abwägung aller Umstände kein Übergewicht für eine Hausgeburt sehen.

Es gibt genug Kompromißlösungen: Ambulante Geburten (bei denen die Mutter nach wenigen Stunden wieder nachhause geht), Entbindungen in modernen Mutter-Kind-Zentren (mit Couch, warmen Farben, Wassergeburten usw.), Geburtshäuser mit kinderärztlicher Betreuung oder einer Gynäkologie über die Straße. Warum also die Entbindung im Wohnzimmer?

Genug radikale Meinungen zu dem Thema gibt es ja, ausreichend Vorurteile werden bedient: Die Unpersönlichkeit des Krankenhauses, das „Hinarbeiten“ auf den Kaiserschnitt, vielleicht auch die Angst um Infektionen. Erschreckend, dass die Angst vor „Kind vertauscht“, „Mißbrauch der DNA“ oder „emotionalem Mißbrauch“ ebenso dazu gehören. Sie vernebeln besorgten jungen Eltern den Blick auf die Risiken einer Hausgeburt: Plötzliche Überforderung der entbindenden Hebamme; Herauszögern einer Entscheidung, die Hausgeburt bei Problemen abzubrechen; Depression des Neugeborenen ohne ausreichende pädiatrische Versorgung.

Informationen von Experten

Selbstverständlich muß jedes Paar die Entscheidung, wo das Kind zur Welt kommt, selbst treffen (ja, das ist eine Entscheidung beider, und Väter sollten sich nicht aus der Verantwortung stehlen). Glücklicherweise gibt es inzwischen genug Möglichkeiten, die näheren Entbindungskliniken in „Geburtsabenden“ oder „Tagen der offenen Tür“ genauer in Augenschein zu nehmen. Viel wichtiger halte ich aber das Sammeln von Informationen durch Experten: Durch erfahrene Hebammen, die schon einmal eine riskante Hausgeburt betreut haben, wo nicht alles so glatt lief, von Kinderärzten, die zu Hausgeburten gerufen wurden oder schildern können, was dem Neugeborenen passieren kann und auch die Sicht der Entbindungskliniken, die ja versuchen, die Vorurteile und Sorgen der Eltern abzubauen.
Geburt ist ein natürlicher Vorgang. Dennoch gibt es nicht umsonst in der heutigen Zeit ein medizinisches Netz, um dem Neugeborenen einen sicheren Start zu ermöglichen. Anekdoten in diese oder jene Richtung helfen jungen Eltern nicht.

Das Paar vom Anfang hatte sich klar für eine Geburt in der Klinik entschieden. Auf meine saloppe Bemerkung, beim nächsten Kind stünde dann ja einer Hausgeburt nichts im Wege, der Vater habe doch ausreichend geübt, kam jedoch von beiden die überzeugte Aussage „den Stress einer unsicheren Geburt geben wir uns nicht noch einmal.“

Aus Spiegel online zum Thema Hausgeburt vs. Klinkgeburt

Studie aus dem British Medical Journal, vielfach zitiert, die keinen Nachteil einer Hausgeburt ausmacht – sieht aber den Benefit vor allem bei Mehrfachgebärenden.

(c) Bild bei Flickr/cindy lee photography (CC Lizenz)

Versprechen an alle Eltern in der Erkältungszeit

Shaking hands

Liebe leidgeprüfte Eltern,

auch wenn Euer Kind das vierte Mal in zwei Wochen Fieber hat oder Ohrenweh oder einen bösen Husten, der Euch nicht schlafen lässt, auch wenn Ihr denkt, Ihr seid die einzigen, die so oft in der Praxis vorbeischauen, auch wenn der Große den Mittleren und dann die Kleine ansteckt und Ihr dazwischen im Kreuzfeuer der Viren bestehen müsst, auch wenn die Erzieherinnen oder die Omma oder die Nachbarn meinen, Ihr solltet mal abklären lassen, warum´s Bobele immer und ständig krank ist:

Seid sicher:
Ihr seid nicht alleine.
Der Großseufzer der Grippewelle hallt durch alle Allgemein-, Internisten- und Kinder- und Jugendarztpraxen der Republik, von den Notfallambulanzen ganz zu schweigen. Aber es gibt ein Licht am Ende des Tunnels. Der Frühling.
Lasst Euch bitte nicht kirre machen von Eurem eigenen schlechten Gewissen, wieder mal die Telefonnummer unserer Praxis zu wählen, um einen Termin zu vereinbaren.

Seid sicher:
Andere rufen noch viel häufiger an.
Wegen Banalitäten. Zum dritten Mal wegen der vierten Warze am zweiten Zeh, die nach fünf Monaten noch immer nicht weg ist. Wegen des Hauch eines Ausschlags im unteren Quadranten der linken Gesäßbacke. Oder weil die Bauchweh des verstopftem Stammhalters wieder da sind. Nur weil das empfohlene Medikament nicht gegeben wurde.

Seid sicher:
Niemand wird hier die Augen verdrehen, auch nicht in Gedanken. Wir sind Kinderärzte, wir sind fMFA, wir nehmen Eure Sorgen ernst, egal wie oft Ihr kommt, egal, mit wievielen Kindern, egal, wie krank oder weniger krank. Unser Job ist, Euch (hoffentlich) zu beruhigen und die Wogen der Sorge auf ein erträgliches Maß zu reduzieren.

Seid sicher:
Es kommen wieder ruhigere Zeiten des Sommers, des Spielplatzes, des Freibads, der Schulzeit und der Jugend, in denen Marie-Jolyne und Connor-Justin nicht mehr zum Arzt müssen, weil sie alle Infekte endlich gehabt haben. Ich erinnere Euch dann daran, wie ich dieses Posting geschrieben habe.

Seid sicher:
„Herr Doktor, wir haben uns ja schon lange nicht mehr gesehen.“
Der Tag kommt.

(c) Bild bei Flickr/Chris-Håvard Berge (CC Lizenz)

Schlafe stille…

n-tv und dpa berichten über ihre Online-Medien, dass „immer mehr Eltern“ ihren Kindern Schlafmittel geben würden. Valide Zahlen gibt es hierzu nicht, aber die Berichte zitieren die bayrische Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) und den BVKJ in einer entsprechenden Stellungnahme. Dass dieser „Trend“ bedenklich sei, geschenkt. Wer würde dies schon gutheißen? Entsprechende Medikamente sind nicht ungefährlich, können zu Atemdepression und/oder -stillständen führen, ganz abgesehen von dem ethisch-sozialen Aspekt.

Sein Kind ruhig zu stellen, um „bloß mal wieder“ selbst schlafen zu können? Alle heben in Entrüstung die Hände, um sie kopfschüttelnd vors Gesicht zu schlagen. Eltern werden jetzt schnell verdammt, so etwas überhaupt in Erwägung zu ziehen. Aber der Leidensdruck ist oftmals sehr hoch. Durchwachte Nächte voll Ängste, was dem Kind fehle, fehlender Schlaf der – in der Regel – Mutter, Psychologie der Unzulänglichkeit und Ohnmacht der Handlungsversuche.

Aber natürlich ist es mit der zitierten Empfehlung des BVKJ-Sprechers Hermann-Josef Kahl, „wir empfehlen in der Regel den gnadenlosen Einsatz der Verwandtschaft“ statt Pharmaka nicht sehr weit her – wenn es so einfach wäre, das weinende Kind einfach der Oma oder wenigstens dem Vater in die Hand zu drücken, und alle seien dann zufrieden, na prima. Aber das greift doch sehr kurz.

Mehr Sinn macht da ein aufklärendes Gespräch über die Physiologie nebst Anamnese des Schlafrhythmus des Säuglings oder Kleinkindes und der ganzen Familie. Wann sind Ruhephasen, wann Aktivphasen, wie erkenne ich sie? Muß ich immer springen, wenn das Kind sich bewegt, sollte ich es vielleicht doch immer tun, denn Kind zeigen ihre Bedürfnisse im Weinen? Ganze Bücher werden darüber geschrieben, ganze Ambulanzen beschäftigen sich mit den „Schreikindern“ in entsprechenden „Schlaf-“ oder „Schreisprechstunden“.

Klar kennen wir Ärzte Substanzen, die beruhigen, naturheilkundliche, frei verkäufliche, bis hin zu rezeptpflichtigen, eine Wiedergabe würde den zitierten Trend unterstützen, also lasse ich das. Riskanter ist sowieso der Austausch darüber in Elternforen zu konkreten Medikamenten oder – natürlich immer dabei – passenden Glaubuli. Letzteres pharmakologisch weniger bedenklich, in der Interaktion aber ebenbürtig.

Die Dunkelziffer der „Behandelten“ dürfte nicht einschätzbar sein, wie üblich bei tabuisierten Themen. Anekdoten vom Oberarzt, der seine eigenen Kinder auf der Nordseeautofahrt ruhigstellt, oder der Vater, die stolz verkündet, er habe Mittel XYZ nachts um Drei verabreicht, weil „unerwünschte Nebenwirkungen auch mal erwünscht“ sein können, gibt es zu erzählen. Aber gibt es wirklich einen „Trend“ oder nur einen Sturm im Wasserglas? Eins ist sicher: Zur Sensibilisierung für das Thema ist eine Meldung dieser Art legitim. Oder ist die entsprechende Pressemitteilung des bayrischen Gesundheitsministeriums nur Aufhänger für das „neu aufgelegte Faltblatt ‚Hilfe für Eltern mit Schreibabys'“des Ministeriums?

Mein Kind schläft nicht – Infobroschüre der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin

Zwischen den Jahren

Die Tage zwischen den Jahren und kurz nach dem Neujahrsfest. Das Wetter wirkt unentschieden, kein Schnee zu Weihnachten, dann die ersten Flocken, die Straßen sind seltsam leer, weil alle im Urlaub sind, die Praxis hat trotzdem genug zu tun, auch wenn spürbar weniger ist als sonst.

Ich habe meine Praxis nun schon ein paar Jahre, die Familie wechseln in langsamen Wellen durch, viele Eltern bemerken, dass sie nicht mehr so oft kommen müssen, wie noch in Zeiten des Kleinkindalters. Ich bilde mir ein, dies liege an meinen Empfehlungen medizinischer Art, weiß ich doch, dass das nur altersabhängig ist. Schulkinder, insbesondere pubertierende, sind weniger krank und brauchen ihren Arzt weniger. Die Impfungen sind alle durch, seltene Auffrischungen alle fünf oder zehn Jahre.

Das Jahr bringt die Neue Kinderrichtlinie, ich hatte schon berichtet, das ändert etwas die Struktur der Abläufe bei Vorsorgeuntersuchungen, bringt neue technisches Equipment mit sich wie neue Hörtests, den Brücknertest und die ominöse Stuhlfarbenkarte (wenn Sie demnächst Ihr Kinderarzt nach der Farbe des Säuglingsstuhls fragt und Ihnen dann noch einen Farbverlauf vor Augen hält, bitte nicht wundern, er findet es genauso eklig), ein neues Einarbeiten in ein Neues Vorsorgeheft, teils Entschlackung, teils Verbesserung, teils mehr Bürokratie, wen wunderts.

Dann kommen neue Familien, keine Frage, der Zufluß ist so gut, wie nie. Deutschlands Geburten boomen, zwei Gemeinden der Umgebung haben das Bauland für das Rathaussäckel für sich entdeckt, neue Kinder, neue Erkrankungswellen. Meine Begleitungen sind wie früher, vielleicht etwas etablierter, vielleicht etwas weniger flexibel, ich werde nicht jünger. Die neue Richtlinie ist nur ein kurzes Ändern der eingefahrenen Pfade, wie ein Fahrrad auf dem holprigen Feldweg rutschen die Reifen schnell wieder in die Gerade hinein.

Was nehme ich mir vor für 2017? Den Eltern wieder mehr Gelassenheit zu vermitteln, mehr Vertrauen in die moderne Medizin, weg von Schwurbelei und Impfgegnertum. Noch mehr Reden, Beraten, Eltern Schulen, auf die Symptome – die echten, wie die eingebildeten – zu achten und eigenverantwortlich zu handeln im Gewissen auf den eigenen Instinkt, wann nun eine professionelle Beurteilung notwendig ist. Und Mut zu haben, keine Medikamente zu geben, auch keine Pseudomedikamente, sondern auf den normalen Verlauf einer Erkrankung zu setzen, ohne Angst zu haben, es ende immer lebensgefährlich. Aber wenn die Angst zu groß wird, den Eltern den Mut vermittelt zu haben, anzurufen und einen Termin zu vereinbaren, ohne falsche Angst, belächelt zu werden. Diese Politik fahren wir Ärzte und die fMFA nicht.

Im Notdienst möchte ich etwas entspannter agieren, mehr Großzügigkeit walten lassen, mehr Gelassenheit. Notfall definiert sich aus der Sicht der Eltern, nicht des Arztes. Was nicht bedeutet, dass ich nachts um eins mit einer Komplettuntersuchung des Kindes die Warze an der Fußsohle diagnostizieren muß. Und es bedeutet nicht, dass ich nicht darauf hinweisen darf, dass das bis zum nächsten Tag gereicht hätte. Aber der Ton macht die Musik, also wird mein Ton bescheidener.

Das Blog? Zwei oder drei Beiträge für die Woche wären schön, die Vorsorgereihe braucht noch weiter Futter, dafür sieht es bei den „Kinderärzten aus einer anderen Welt“ gerade sehr mau aus, TV und Kino setzt andere Prioriäten. Geschrieben wird viel, nicht nur fürs Blog, doch dank der kathartischen Wirkung sehe ich viele Begegnungen in der Praxis nicht mehr so anstrengend wie früher und damit bleiben sie nicht mehr bis abends zum Bloggen in den Hirnwindungen hängen. Ich ventiliere sie schneller. Aber keine Sorge: Die eine oder andere Story gibt es immer.

Nun denn, das Innehalten nach den Feiertagen ins Neue Jahr endet hier, ein letzter Blick auf den noch nicht abgeschmückten Baum im Wohnzimmer, möge das Jahr beginnen. Morgen schließe ich die Praxis auf, stelle mich fünf Minuten an die Anmeldung, wir tauschen uns zu Weihnachtsgeschenken und der ewigen Müdigkeit am Silvestertag aus, lachen das erste Lachen im neuen Jahr, bis der erste Patient die Praxis betritt und jeder seinen Aufgaben nachgeht.

„Hallo Herr Doktor, wir kommen heute zur letzten Sechsfachimpfung…, und was ich noch fragen wollte, wenn ich schon mal da bin…“

(#laterblog, vom Neujahrsnachmittag)

 

 

Multitasking

Doch, ich kann es schon verstehen, dass man zwei Kinder hat. Also, dass man das erste Kind mitbringt in die Kinderarztpraxis, wenn das zweite seine Vorsorgeuntersuchung hat,  vor allem, wenn das erste Kind noch kein Kindergartenkind ist oder so alt, dass es bei der Omma bleiben kann für zwei Stunden. Das verstehe ich sehr gut. Wie soll man´s dann auch anders machen?

Was ich aber nicht verstehe, ist, dass das erste Kind, während ich das zweite Kind untersuche, die ganze Zeit unbeachtet durch die Mutter (aber sehr wohl registriert durch mich), sämtliche zur Verfügung stehende Schranktüren im Behandlungsraum (als da wären … Moment … sechs) und Schubladen (… äh, drei) mehrmals öffnen darf, um den dort befindlichen Inhalt genauestens zu untersuchen. Verbandsmaterial, Handtücher und Windeln sind sehr interessante Dinge während einer langweiligen Untersuchung des Geschwisterkindes. Spannend auch das Otoskop und die Ewingrassel, ganz zu schweigen von den Pflastern, Mundspateln und Ohrtrichtern – die nebenbei später eventuell bei anderen Kindern Verwendung finden sollen.

Ich verstehe, dass man in gewissen Situationen nicht multitaskingfähig ist. Und ich verstehe auch, dass Kind Nummer Eins einen gottgebenen Instinkt dafür hat, wann Mama abgelenkt ist – in diesem Fall durch die Untersuchung (durch mich) ihres Kindes Nummer Zwo.

Was ich nicht verstehe, dass ich das – im Gegensatz zur Mutter – sehr wohl wahrnehme und auch reagiere. Zunächst gegenüber Kind Nummer Eins, dann bei der dritten Bemerkung auch gegenüber der Mama. Nicht verstehen kann ich dann die rotzfreche naive Bemerkung der Mutter, sie dachte, sie sei in einer Kinderarztpraxis. Nun gut.

Meine Konzentration bei der Beurteilung von Kind Zwei ist ausreichend geschult. Sogar so sehr, dass ich (während ich Kind Zwei impfe:  Eine Hand hält den Oberschenkel, die andere impft) schnell genug bin, um die Kanüle zu ziehen, außer Reichweite von Kind Zwei zu legen, um im gleichen Moment die Hand von Kind Eins zu erwischen, die bereits neugierig auf dem Impftablett rumgrapscht. („Aber, Leon-Malte-Moritz, dass darfst Du doch nicht, da kannst Du doch Aua-Aua bekommen.“ OT Mutter.)

Ich verstehe mich schließlich sehr gut, wenn ich nach diesem Moment kurz mal austickte.

—-
Dies ist ein Nostalgie-Posting – veröffentlicht erstmals vor fünf Jahren – für Euch, liebe Leser, recycelt und aufpoliert. Enjoy.

Kinderärzte aus einer anderen Welt XI

Man kann ja Til-Schweiger-Filme mögen, muß man nicht, jedenfalls sind sie erfolgreich. Vor allem liegt das daran, dass Schweiger eine gute „Buddy-Connection“ unter den Schauspielern genießt. In „Honig im Kopf“ besetzt er kongenial die Hauptfigur mit dem gealterten Didi Hallervorden. Aber auch eine andere wichtige Rolle, die des Kinderarztes Dr. Ehlers, wird von einem tollen deutschen Schauspieler übernommen.prueckner_lanz2013

Tilo Prückner fristet ein Schauspielerdasein in Nebenrollen, selten, dass er mal in der ersten Reihe des Castings steht, obwohl er dort hingehört. Seine zig Einsätze im Fernsehen sprechen für ihn. Tilo Prückner ist nebenbei selbst der Sohn eines Kinderarztes.

In „Honig im Kopf“ hat Dr. Ehlers die Aufgabe, Tilda Rosenbach (Emma Schweiger) die Krankheit ihre Opas, Alzheimer, zu erklären. Die Buch-im-Regal-Metapher ist eine sehr gute Erklärung für das Vergessen der Alzheimer- bzw. Demenzerkrankten. Wieviel Zeit er dem Mädchen dabei gönnt, irritiert manche Kommentatoren bei Youtube, trotzdem spürt der Kinderarzt der Rolle, dass es genau jetzt diese Zeit braucht. Ich mochte den Film von den ganzen Schweiger-Filmen ganz gerne, und genau diese Szene hat mich sehr berührt.

Zum Nachsehen:

Die letzten Folgen dieser Serie:
Dr. Valerie Klein
Tara Knowles
David Norris
Sam Sweeney
Cooper Freedman
Alex Karev
Arizona Robbins
Hannes Fröhlich
Daniel Holbein
Doug Ross

Jahresrückblickfragebogen

Sparkler / Wunderkerze III

Nachdem ich letztes Jahr meinen Jahresrückblicktext runtergeschrieben habe, ohne große Korrekturen, ganz aus dem Bauch heraus, nun heute mal etwas Strukturiertes. Der Fragebogen geistert durch diverse Blogs, hier bei Kiki habe ich ihn grad mal wieder entdeckt.

Zugenommen oder abgenommen? Leider zugenommen. Die Vorgaben 2014 nicht umgesetzt, zu wenig Sport getrieben, dafür zuviel und zu gut gegessen. Außerdem bringen die Mitteljahre weniger Grundumsatz mit sich, das ist bekannt.

Haare länger oder kürzer? Kürzer. Zwischenrein sogar mal hyperkurz, dass mich der Sohn als „Räuber“ titulierte, inzwischen wieder Volahiku.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger? Auch hier zeigt sich die mitteljährige Presbyopie, d.h. demnächst kann ich ganz ohne Sehhilfe überleben. Zumindest auf die Ferne. Beim Buchlesen bin ich dafür schon bei zehn Zentimeter angekommen. In der Summe bin ich also kurzsichtiger, auch was die Praxis anging. *Das* habe ich alles nicht kommen sehen.

Mehr bewegt oder weniger? Im Urlaub deutlich mehr (fette Fahrradtour mit der Familie die Elbe ab Dessau abwärts bis zur Kugelbake), während der regenfreien Zeit sogar die fünfzehn Kilometer zur Praxis mit dem Fahrrad gefahren (ok, zweimal wöchentlich…)  – ansonsten weniger. Das Joggen habe ich mangels Motivation beinahe komplett eingestellt, weder Runtastic, noch Musik, noch Hörbücher, noch Podcasts haben mich dazu verleiten können. Neuer An*lauf* 2016.

Zu wenig bewegt aus der Wohlfühlzone – die Flüchtlingsmenschen sind in unserer Gegend kaum angekommen, ein oder zwei Familien in der Praxis, die aber schon bei Verwandten versorgt waren, sonst blieb es noch entspannt. Beeindruckt bin ich von Eltern, die in der mittelgroßen Unterkunft im Ort helfen. Aktuell bewegen wir uns zu wenig. An die Nase fassen.

Der hirnrissigste Plan? Ein zweites Buch zu schreiben.

Die gefährlichste Unternehmung? Ich bin kein Achterbahntyp. Um den Kids eine Freude zu machen, bin ich zweimal in diesem Jahr in so ein Ding gestiegen, bei dem man am Anfang nur wenig nass wird, dann ungefähr zwei Kilometer senkrecht nach oben gezogen wird, um am Ende im freien Fall in ein Wasserbecken zu stürzen. Ziel ist, zu kreischen, völlig durchgenäßt rauszukommen und den Moment ersehnen, wann das vorbei ist. Adrenalinkick war am größten, als es dann tatsächlich vorbei war. Brauche ich nicht.

Die teuerste Anschaffung? Dekadent teurer Urlaub über Pfingsten. Too expensive to be proud of. No comment.

Das leckerste Essen? Hyperhamburger bei Hans im Glück. Und gerade unser Weihnachtsmenü: Orangenschwein mit Klößen und Rotkohl. Yummi.

Das beeindruckendste Buch? Der neue John Irving [Amazon-Werbelink](den ich immer noch nicht durchhabe, mein Inneres möchte nicht, dass er endet), ansonsten gibt es hier noch ein paar.

Der ergreifendste Film? Naja, ergreifend: Der neue Star Wars, auf den habe ich lange genug gewartet. Und welcher Moment der ergreifendste daraus war, wissen die Insider. Toll fand ich auch die Serie Fargo [Amazon-Werbelink], die so gut ist wie der Originalfilm. Ganz Spitze auch: Interstellar  [Amazon Werbelink].

Die beste CD?  Dieses Jahr habe ich mir wissentlich tatsächlich keine CD gekauft. Seit Frühjahr bin ich Spotify-User, teile mir den Account (und die Gebühr) mit der großen Tochter. Entdecke dabei viele alte Sachen, die ich lange nicht mehr gehört hatte, freue mich über die gesamte Beatlesausgabe, die man dort seit jüngst hören kann. Alte Sachen, die ich gerade höre? The Wall, Scorpions, Karl Jenkins The Armed Man. Neue Entdeckung dank meiner Tochter: 21 Pilots.

Das schönste Konzert? Ich hatte auf Bruce Springsteen gehofft, so wurde es doch dieses hier:

Das beste Lied? Bis heute hätte ich keines benennen können, dann stolperte ich bei Buddenbohm über dieses hier – wenn auch älter:

Die meiste Zeit verbracht mit…? … Arbeiten in der Praxis, trivial.

Die schönste Zeit verbracht mit…? … meiner Familie im Urlaub.

Vorherrschendes Gefühl 2015? Pfff.

2015 zum ersten Mal getan? Auf einem Longboard gestanden. 2015 zum letzten Mal getan? Auf einem Longboard gestanden.

2015 nach langer Zeit wieder getan? Mit dem Flugzeug in den Urlaub. Die letzten Jahre beschränkten wir uns auf Europa, Auto, Wandern oder Radfahren. Achja, mal wieder eine Gitarre in die Hand genommen.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen? Die sechs Wochen, in der sich die beste Ehefrau von allen nur auf Krücken bewegen durfte. Der Zustand „Personalwechsel“ in der Praxis. Zahnschmerzen zwei Tage vor Heiligabend.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte? Impfen.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe? Der Urlaub für die Kinder dieses Jahr (siehe oben, teuerste Anschaffung)

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?  Äh, ja, hüstel… dies hier: [Amazon Werbelink]. Und klar: Geduld, Zeit und Liebe.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat? „Du bist mein Arzt.“
Die anderen Dinge sind privat 😉

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe? Das liegt nicht in meiner Perspektive.

2015 war in einem Wort…? Vergisses.

Addendum: Was ich noch loswerden wollte? Dass ich hoffe, das Jahr 2016 wird nicht erneut als Krisen-Jahr bezeichnet. Dass wieder mehr Mut und Vertrauen einkehrt in das politische Denken und das Kollektivgewissen. Dass das ewige Jammern über die Zustände in unserem Land endet und diese im größeren Verhältnis gesehen werden. Dass die vorherrschende Einstellung der Menschen hier das der Völkerverständigung und des Willkommens bleibt und nicht dass der Xenophobie. Und: Vergeßt mir die Kinder nicht.

Liebe Blogleser: Ich danke Euch für Eure Treue 2015 und hoffe, dass Ihr Euch auch in Zukunft durch meine Blogbeiträge unterhalten fühlt. Bleibt gesund und drückt Eure Familie ganz fest zum Jahreswechsel.

… stay tuned.

(c) Foto bei Flickr/Christian Schnettelker

Da müssese mal zur Ergo

Ein sehr beliebter Kritikpunkt bei Schuluntersuchungen im Kindergarten ist die „Richtige Stifthaltung“. Die RSH ist ein Mysterium an sich und verlangt viel Aufmerksamkeit, aber auch Disziplin vom Prüfling. Schließlich geht es gar nicht darum, ein hübsches Bild zu malen, sondern es *richtig* zu tun. Also: Der Stift wird brav in der rechten Hand gehalten, streng im Dreifingergriff, Handgelenk und Ellenbogen haben auf dem Tisch aufzuliegen. Die Stiftführung erfolgt nun aus dem Handgelenk heraus. So. Richtig. Alles andere falsch.

Zeigen Sie das mal einem Viereinhalbjährigen, ja, dem mit der männlichen Bezeichnung, denn die Mädchen können die RSH schon in utero. Der lacht sie aus. Oder rammt Ihnen den dicken Bleistift mitsamt dem Faustschluß in die Magengrube, wenn Sie ihm zum zehnten Mal die RSH erklären wollen.

Kinder wollen malen. Aber so, wie sie Lust haben, und das, wozu sie Lust haben. Also nicht das Haus-Baum-Mensch-Spielchen, das die Schuluntersuchungen so drauf haben, oder auch der dämliche Kinderdok bei der U9, sondern Autos, Pferde, Prinzessinnen, Batman oder Sponge-Bob. Alles schon bei den Vorsorgeuntersuchungen gesehen. Es kommt schließlich auf den Spaß an der Freud´ an und nicht auf die RSH, die in irgendwelchen Büchern als die einzig Heilbringende beschrieben wurde. Schauen Sie mal Erwachsenen auf die Pfoten: Haben da wirklich alle den Stift zwischen den richtigen Fingern?

Also bitte: Gemalt wird, wie es Spaß macht, und wenn´s im Faustgriff ist. Ab einem Jahr vor der Schule darf man den RSH anleiten, aber nicht einpauken, denn gar nicht malen ist gar keine Übung, und Sie glauben gar nicht, wie schnell auch der Fünfjährige nicht mehr malt, wenn er das nur noch im RSH darf. Anleiten bedeutet pädagogisch arbeiten, nicht therapeutisch, denn merke: Schreibenlernen, bitt´schön, darf man immer noch in der Schule lernen. Und nicht in der Ergotherapie.

Und übrigens: Linkshändigkeit – auch so´n Ding – ist eine Variante der Dominanten Hirnhemisphären und keine Krankheit. Moment… ja, seit Jahrzehnten schon.

War wohl nichts, liebe Perinatalzentren

Auf www.perinatalzentren.org wurden Krankenhäuser zusammengefasst, die für die Versorgung von Frühgeborenen mit sehr niedrigem Geburtsgewicht zugelassen sind. Dies soll als Orientierung für junge Eltern dienen, die ihren Säugling sicher versorgt sehen wollen, wenn eine Frühgeburt „ansteht“.
Diese Aussenwirkung ist Teil der Bestrebungen der Zentralisierung von Spezialkinderkliniken, um Erfahrung zu bündeln und so die Versorgung weiter zu optimieren. Vielen kleineren Geburtskliniken mit anhängender Kinderkliniken ist so in den letzten Jahren der Titel Perinatalzentrum verweigert worden.

Negative Auswirkung dieser Zentralisierung sind weitere Wege, die junge Eltern eventuell zurücklegen müssen – sei es für die Entbindung an sich, die ja auch einmal sehr schnell ablaufen kann, sei es für die weitere Betreuung des Säuglings auf der Frühgeborenenstation. Ein stationärer Aufenthalt von zwei bis drei Monate ist da mal keine Seltenheit, da kommen unter Umständen einige Pendelkilometer zusammen.

Besonders dramatisch zeigt sich diese Situation auf der aktuelle Homepage: Mir jedenfalls ist es nicht gelungen, ein Perinatalzentrum in der Umgebungssuche meines Wohnortes zu finden. Nicht einmal mit der Suchfunktion bundesweit. „Ihre Suche ergab keine Ergebnisse bundesweit um den Standort.“ Auch eine elegante Kartenfunktion mit Zoom gibts nicht. Oder ob das an meinem iOS liegt? … warte, nein, tröööt, auf dem PC läufts auch nicht.

War wohl nichts, liebe Perinatalzentren.

Glückwunsch, Fräulein Krise, …

… denn Sie haben es tatsächlich in die ehrenwerten Hallen des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte geschafft. Meines Wissens übrigens als erste Person inkognito. Sie dürfen sogar den Hauptvortrag am morgigen Samstag anläßlich des 20. Kongresses für Jugendmedizin in Weimar halten, vor uns Kollegen Ärztinnen und Ärzten und – ganz neu in Weimar – den dazugebetenen Medizinischen Fachangestellten (siehe Programm Seite 15).

Ihr Vortrag lautet „Mit dem Rücken zur Tafel„, und auch wenn das etwas endzeitlich klingt, erhoffen wir uns genau so die Lehrer unsrer Kinder: Von Angesicht zu Angesicht, die Arbeit stets im Blick. Ich freue mich sehr, dass Sie, Fräulein Krise, den Kolleginnen und Kollegen die Zusammenarbeit mit den Jugendlichen näherbringen wollen, der gesamte Kongress steht immerhin unter dem Titel „Schule macht krank?!?“ (die Überzahl an Fragezeichen ist wohl der Diskussion geschuldet, zuviel der Ausrufezeichen wäre zu ergebnisgeschlossen).
In Ihrem Seminar am Nachmittag (ebenda, Seite 24) geht es später um die Sprache an sich: „Was laberst Du? – Kommunikation mit Jugendlichen“. Es gilt, „Kontakt aufzunehmen, Konflikte zu lösen und Stress zu bewältigen“. Da findet sich die Schnittstelle unserer Berufsgruppen.
„Was kann ich für meine eigene psychische Stabilität tun?“, fragt es weiter. Auch das dürfte eine Gemeinsamkeit sein. Da hoffe ich, dass Sie nicht zu sehr aufs Blogschreiben eingehen, sonst bekomme ich Konkurrenz.

Ich mag Ihr Blog sehr, Fräulein Krise, das hatte ich an anderer Stelle bereits erwähnt, schade nur, dass Sie das Bloggen weitestgehend eingestellt haben (nu sind Sie ja auch in Rente), aber die Bücher und der Krimi waren auch ganz nett. Danke nochmals, dass Sie damals mein Blog zumindest dem Berliner Publikum per Radiotipp bekannt gemacht haben.

Für den jetzigen Auftritt wünsche ich viel Erfolg, lassen Sie sich nicht von den Kollegen von der Bühne drängen, immerhin durften Sie dieselbe trotz Anonymität bereits betreten, auch wenn „Schlappohr“ im Gästebuch vermutet, Sie würden das eventuell in der Papiertüte tun. Meine Wenigkeit hat es ja leider dank der Anonymität nicht einmal geschafft, in das offizielle Blatt des Berufsverbandes aufgenommen zu werden.

Viel Erfolg auch weiterhin, Fräulein Blogkollegin, und – schreiben’s mal wieder was, ja?
Ihr kinderdok.

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