Lieber Manuel

…, wir versuchen, Jugendlichen den Weg zum Arzt so leicht wie möglich zu machen, deshalb dürft Ihr auch alleine in die Praxis kommen, ohne dass die Eltern Euch das Händchen halten. Schließlich könnt Ihr selbst erzählen, was Euch fehlt, und wir trauen Euch zu, ein Rezept zur Apotheke oder den Eltern zu tragen, um es einzulösen.

Deine Geschichte mit dem Erbrechen am Vorabend, und dass Dir heute morgen noch übel ist, kann ich hören und glauben, auch Dein nasales Sprechen ist wirklich sehr überzeugend. Ist Deine Nase wirklich so dicht? Schreibe ich Dir ein Nasenspray auf, das wird Dir helfen. Ein bisschen leichte Kost wird sicher die Übelkeit vertreiben.

Aber: Wir nennen uns zwar Jugendärzte, weil die Jugendmedizin Teil unserer Ausbildung war, trotzdem sind wir nicht Eure Kumpel, sondern Ärzte. Wenn Du am Ende mit dem Auge zwinkerst, als Du nach einem Attest für die Schule fragst, dann ist das echt durchschaubar. Deswegen sind wir Ärzte, weil wir das merken. Zwei Sekunden vorher habe ich Dir das Kranksein abgenommen. Die Entschuldigung für die Schule kann übrigens Deine Mutter schreiben. Ach, die ist gar nicht zuhause. Naja, das reicht sicher auch noch nach den Ferien.

Ob Du heute abend ins Fussballtraining kannst, weil Du morgen diese wichtige Spiel hast?

Äh, nein. (*augenzwinker*)

Dein kinderdok

Man kann´s ja mal versuchen

Ich: “Tut mir leid, ich kann Ihnen keine Arbeitgeberbescheinigung schreiben. Sie haben leider keine Versichertenkarte dabei. Auch das Rezept gibt es erstmal nur privat.”
Mutter: “Ausnahme mal?”
Ich: “Nee, geht wirklich nicht. Auch letztes Mal schon nicht, Sie erinnern sich? Ich kann Ihnen das ohne Karte nicht rausschreiben.”
Mutter: “Ok…”

Sekunden später an der Anmeldung:
Mutter zur fMFA: “Ich brauch´ dann noch eine Krankmeldung für die Arbeit.”
Ich beim Vorbeigehen: “Äh, hallo? So geht es leider nicht. Ich hatte Ihnen doch grad gesagt, ich kann Ihnen das nicht rausschreiben.”
Mutter: “Achso? Aber ich dachte, die Arzthelferin kann das…”

Kleines Praxis-Lexikon

Synonyme für den Arzt:
“Der Mann”
“Der Onkel Doktor”
“Der da”
“Du da”
“Der Piekser”
“Der Gemeine” (“… da kommt wieder der Gemeine/Piekser” etc.)
“Papa” (Kindermund)
“Cheffe” (Elternmund)
“Onkel Doktor Roland*”

Synonyme für die fMFA:
“Die Sprechstundenhilfen”
“Die Damen”
“Ihre Helferinnen”
“Die Schwester”
“Die Girls”
“Die Mädchen”
“Die da vorne”
“Ihre Frau” (äh, nein…?)
“Ihre Frauen” (schon gar nicht…)

* Vorname wurde verändert

Danke für den Hinweis

Lieber Herr Rebmann*,

ich habe schon einiges gehört, warum Eltern mit ihren Kindern den Kinderarzt gewechselt haben, und manches ist auch nachvollziehbar (wenn auch nicht immer für die Kinder), dass ich z.B. mit Glaubuli nichts am Hut habe, oder dass ich meine Überzeugung als Impfbefürworter aktiv vertrete, auch dass ein Anderthalbjähriger bei mir immer so weint, sobald ich durch die Tür komme (da kann man noch viele Kinderärzte wechseln), aber Ihre Begründung hat mich vollends überzeugt – wir werden daran arbeiten:

“Ich suche mir einen anderen Arzt, was Sie hier bei den Vorsorgeuntersuchungen verlangen, ist nicht altersentsprechend.”

Danke für den Beitrag zum Qualitätsmanagement in meiner Praxis.
Ihr kinderdok.

 

*Name wie üblich geändert.

Ist das normal? Heute was zur Haut…

Pickelchen sind Teil der täglichen Praxisroutine. Hippelchen hier, Hippelchen da, Ausschlag dort. Haut verunsichert, Haut ist die Unverletzlichkeit des Körpers, Rötungen sind Signale für Krankheit. Das lässt die Eltern vorstellig werden: “Ist das normal, Herr Doktor?”

Meist schon.
Kinder haben nun einmal eine empfindlichere Haut als Erwachsene. Unsere ist wettergegerbt, über Jahre geschmiert und geschmirgelt. Außer den Pubertätspickel stören uns wenig Hautirritationen, so wir keine Neurodermitiker sind oder melanomfixiert.

Bereits der Säugling hat eine Rötung da und dort, die Backen sind immer feurig und die Wangen im Winter sowieso. Und trotzdem sind das alles Vorstellungsgründe. Sogar extra Termine wird für den einzelnen roten Fleck auf der Nase gemacht. Es könnte sich schließlich um das erste Anzeichen von Neurodermitis halten.
Ist es aber meist nicht. Die Haut reagiert nun einmal gerne. Auf Kälte, auf Wärme, auf die Bartstoppeln vom Vater oder den schicken Strickschal der Omma. Beim Beifüttern färbt sich das Gesicht orange und dank der Mandarinen auch mal rot (gerne auch das Gesäß).

Erste Anzeichen für die viel gefürchtete Neurodermitis ist hingegen die trockene Haut, und die wird oft als normal abgetan. Und leider abgewartet. Dabei ist gerade hier die Pflege das Entscheidende: Säuglingshaut darf geölt werden, das Badewasser sollte milde Zusätze beinhalten. Zeigt die Haut Zeichen von Trockenheit, gerade im Winter, fangt an zu cremen! Wartet nicht auf den Hinweis des Arztes, das zu tun.
Noch immer geistert das unsägliche Gerücht, man solle Babys Haut nicht cremen, “damit sie sich nicht daran gewöhnt”. Also wartet man und wartet, aber dann ist der Vorstellungsgrund eben nicht die trockene Haut, sondern die rissige, suppende, verkratzte, rote Haut.

Welche Salbe nimmt man? Egal eigentlich. Inhaltsstoffe sind zweitrangig, wichtiger ist die Frequenz des Salbens, täglich mindestens, wenn es die Haut braucht. Man suche sich eine so genannte Basissalbe, ohne extravagante Inhalte, auch die aus den Drogerien, und gebe ihr mindestens drei Wochen Zeit zu wirken. Gecremt oder gesalbt wird übrigens immer das gesamte Integument (geiles Wort, hier könnt Ihr noch was lernen!), denn die Haut ist *ein komplettes* Organ und besteht nicht aus der “Haut im Gesicht” oder der “Haut in den Ellenbeugen”.

Merke:
– Hautrötungen sind in jedem Alter etwas Normales.
– Trockene Haut wird gepflegt. Oft.
– Rötungen, die ohne Zutun binnen 48 Stunden verschwinden, sind sicher harmlos.
– Rötungen in Verbindung mit Fieber oder Erkältungen kommen sehr häufig vor und sind in den allermeisten Fällen viral bedingt. Ob sie Teil einer klassischen Kinderkrankheit sind, oder nicht, sieht der Kinderarzt. Auch hier gilt: Behandeln ist nicht. Das Exanthem wird mit der Infektion verschwinden.
– Ausnahme bei den Kinderkrankheiten: Scharlach. Sollte antibiotisch behandelt werden.
– Sieht die Haut “verletzt” aus (wie geschürft, gekratzt), ist die oberste Hautbarriere nicht mehr intakt, es braucht Pflege, auch Therapie. Welche, muß individuell entschieden werden. Gerne vorstellen, oder: Erst salben, ausreichend viel und regelmäßig, dann kommen. Siehe oben.

siehe auch: ➡️Leberflecke, die. ➡️Milchschorf, der. ➡️Warzen, die. ➡️immer noch Warzen, die. ➡️Nesselsucht, die.

Bingo!

Hier nun auch, inspiriert durch Pharmama und Sheng Fui:

Bingo

Drama – Quicky

Das Kind muß sofort untersucht werden, sagte die Mutter am Telefon, die fMFA nahm die Sorgen ernst, sie erhielt binnen einer Stunde einen Akuttermin. Kam durch die Tür, direkt ins Zimmer und setzte den Fünfjährigen auf die Untersuchungsliege.
Ich: “Hat er denn Fieber?”
Mutter: “Ohja, und wie, das ist richtig hochgeschossen vorhin. Heute morgen war noch nichts, und plötzlich…”
Ich: “Wieviel denn?”
Mutter: “Beinahe achtundreißig!”
Ich: “Wirklich…”
Mutter: “Ja, Siebenunddreißigfünf!”

Magendarm

Ich: “Ihr Sohn hat eine ordentliche Magen-Darm-Grippe.”
Mutter: “Und was kann ich dem Hinnrick jetzt dann geben?”
Ich: “Achten Sie bitte vor allem aufs Trinken, er ist ja beinahe zwei, da kann nicht soviel passieren, aber Trinken muß man beachten.”
Mutter: “Der trinkt ja gar nichts.”
Ich: “Wenigstens etwas Tee oder Wasser.”
Mutter: “Mag er nicht. Saft trinkt er.”
Ich: “Naja, das ist jetzt weniger…”
Mutter: “Tee trinkt er nicht. Brauchen Sie ihm gar nicht mit zu kommen.”
Ich: “Gut, wenn er sonst nichts…”
Mutter: “Also Saft. Und Essen?”
Ich: “Da müssen Sie nicht soviel beachten, man empfiehlt heutzutage…”
Mutter: “Was nun?”
Ich: “… keine echte Diät mehr, er soll ruhig essen, was er will.”
Mutter: “Der isst ja eh nichts grad.”
Ich: “So ein paar Salzbrezen oder so? Trockene Nudeln?”
Mutter: “Trocken? Mag er nicht.”
Ich: “Eigentlich kann er alles essen.”
Mutter: “Isst ja nichts.”
Ich: “Wunschkost ist völlig in Ordnung. Vielleicht keine Mengen an Milch…”
Mutter: “… mag er eh nicht …”
Ich: “… und nichts wirklich Süßes…”
Mutter: “Na, was bleibt denn da übrig? Isst er ja gar nichts mehr.”
Ich: “Na, alles andere. Hauptsache, er isst überhaupt ein bisschen was.”
Mutter: “Der! I-hi-sst! Ni-hi-chts! Habchdochschongesagt, hören Sie nicht zu?”
Ich: “Jetzt haben wir ja kurz vor Mittag, was gab´s denn bisher?”
Mutter: “Na, nix! Paar Saitewürschtle heute morgen und dann nix mehr, gar nichts.”
Ich: “Na, das ist doch schon was.”
Mutter: “Dann schreibense mal sonstwas auf.”
Ich: “Sie brauchen nur aufs Essen und Trinken zu achten.”
Mutter: “Mach ich ja, mach ich ja, und Arznei?”
Ich: “Ist nicht nötig, solange er…”
Mutter: “Nix? Gar nix? Meine Nachbarin gibt immer so Zuckerkügele.”
Ich: “Ist schon ok, brauchen Sie nicht.”
Mutter: “Und wenn er weiter so´n Dünnschiss hat? Der Hinnrick muß doch was essen.”
Ich: “Wie gesagt…”
Mutter: “Oder was zum Darmaufbau, meine Hebamme hat immer gesagt, da muß man was zum Darmaufbau geben.”
Ich: “Eigentlich beruhigt sich der Darm nach so einem Infekt von alleine.”
Mutter: “Gibt´s da nicht was?”
Ich: “Es gibt so Milchsäurebakterien, die sind in Pulverform, können Sie dann später in Tee einrühren.”
Mutter: “Tee? Mag. Er. Nicht.”

Usw. usf.
Der kleine Hinnrick saß derweil sehr munter auf der Untersuchungsliege.
Sein Blick ging wie bei Wimbledon nach rechts und links, zu mir, zu ihr. Am Ende klatschte er in die Hände und krähte: “Hinnick! Kaka macht!”
Ja, das konnte man dann auch riechen.

Kurze Anleitung

Der kleine Vertretungspatient hat eine dicke Bronchitis.
Ich: “Das ist ein Aero.chamber, ein praktisches Hilfsmittel für Kleinkinder, um Medikamente direkt zu inhalieren, ohne dabei großartig auf Ein- und Ausatmen zu achten. Sehen Sie, hier ist eine Maske, da atmet das Kind hinein und -aus, und hier hinten, das ist das Reservoir, aus dem das Kind das Medikament atmet. Weiter hinten gibt es eine Öffnung, hier, ja, genau, da kann man eine solche Kartusche aufstecken, man drückt hier einmal, das Medikament wird dann hier hereingegeben und befindet sich in dieser Röhre. Das Kind atmet und inhaliert dabei das Mittel. Und das wiederum wirkt auf die Bronchien, erweitert sie dadurch, und die Bronchitis wird besser. Früher hat man das mit Inhalationsgeräten gemacht, da mussten die Kinder Kochsalzlösung mit dem Medikament inhalieren, dauerte sehr lang und war viel weniger effektiv, da sich die größte Menge des Medikamentes in die Außenluft verlor. Die meisten Kinder behielten die Maske ja gar nicht lange genug über Mund und Nase. Ach wissen Sie, ich zeige Ihnen das nochmal. Also: Hier hinten stecken Sie das Medikament auf, dann wird hier einmal gedrückt, so, sehen Sie, das Medikamentenpulver verteilt sich hier in dem Spacer. Sie können dann die Kartusche wieder abnehmen, durch die statische Aufladung der Röhre verbleibt das Medikament drin, und Ihr Sohn muß dann fünf, sechsmal an der Maske atmen. Später geht das auch alleine mit dem Mundstück ohne Maske, wenn Sie wollen, das geht natürlich auch. Ich schreibe Ihnen das auf ein Rezept, man bekommt das Gerät in der Apotheke, genauso wie das Medikament, Sie inhalieren bitte mit Ihrem Sohn dreimal am Tag, für eine Woche, in Ordnung?”
Mutter: “Ja, wunderbar. Wir kennen das schon.”

Gedichtet

Ich beim Impfen des Säuglings: “So, das war der erste Streich…”
und nach der zweiten: “Und der zweite folgt sogleich.”
Mutter: “Na, Sie können aber gut reimen.”
Ich: “Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Dr. Kinderdok heiß!”
Mutter: “Toll!”

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