Just for the record (offtopic)

Buchtipp „Der Mensch“


Holt Euch dieses Buch, verschenkt es, liebt es, blättert es. Eigentlich konzipiert für Kinder ist das Buch „Der Mensch oder Das Wunder unseres Körpers und seiner Billionen Bewohner“ auch ein Augenschmaus für den interessierten Erwachsenen. Nebenbei wird auch noch was erklärt.

Jan Paul Schutten (Text) und Floor Rieder (Illustrationen) haben bereits ein ähnliches Buch zur Evolution vorgelegt, nun also das Buch zum Menschen (Übersetzung Verena Kiefer). Warum, warum, warum wird gefragt, und dabei bewegen wir uns durch den menschlichen Körper – die Zellen, das Gehirn, der HNO-Bereich, die Lunge, Bauch, Haut und Haar und schließlich Vermischtes in Bewegung und in Fortpflanzung. Dabei werden so spannende Fragen gestellt, warum „du dir im Staubsauger begegnest“, warum „du einfacher gestrickt bist als eine Reispflanze“ oder warum „tot sein nicht so schlimm ist“. Man sieht: Ungewöhnlich. Oder wie wäre es mit „Warum ein Hochdruckgebiet über Skandinavien einen Krieg auslösen kann“? Was das mit dem menschlichen Körper zu tun hat? Spoiler: Es geht um Hormone.

Schöne Bilder gibt es zu sehen, sympathisch einfach, dennoch eingängig und haftend. Kleine Scherze sind eingearbeitet, keine Hemmungen gibt es zu überwinden, wir lesen ein Buch aus den Niederlanden. Das alles in warmen Rot, Grün und Golden. Der Schnitt ist rot gefasst, ein edles Buch. Und wieder möchte der Leser das Buch nicht als e-book verschlissen sehen. Da kann es nicht wirken.

Jan-Paul Schutten, Floor Rieder – Der Mensch oder Das Wunder unseres Körpers und seiner Billionen Bewohner“, bei Gerstenberg, 2016, übersetzt von Verena Kiefer, fest gebunden, 160 Seiten, mit viel Liebe gemacht.

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Über Zahnärzte

"Dad, You Are So Weird"

An meinen ersten Zahnarztbesuch kann ich mich gar nicht erinnern. Vielleicht habe ich das auch komplett verdrängt, vielleicht war ich schlicht zu jung, so dass die Erinnerung in der Kindheit verhaftet blieb, ich weiß es nicht. Ich fürchte jedoch, dass meine Eltern mit mir das erste Mal bei einem Zahnarzt waren, als ich das erste Mal so richtig Zahnschmerzen hatte. Ich hatte nämlich richtig schlechte Zähne.

An den Zahnarzt, an den ich mich dann erinnern kann, möchte ich mich nicht gerne erinnern. Er war nicht nett, hatte kalte Hände (keine Handschuhe), schlechten Mundgeruch und keine Geschenke für kleine Kinder. Aber er hat viel gebohrt. Ohne Betäubung. Das war zu der Zeit wohl noch uncool oder zu teuer oder nicht in oder einfach nur gemein. Jedenfalls hat er meinen Umgang mit Zahnärzten offiziell verbockt.

Die nächsten waren nicht besser. Unsere Familie ist ein paar Mal während meiner Schulzeit umgezogen, und ich kann nicht behaupten, dass die anderen Zahnärzte dem ersten irgendwie in Doofheit und mangelndem Einfühlungsvermögen für Kinder nachstanden. Ich kann mich an nackte Wartezimmer mit harten Stühlen erinnern, an laute Bohrer, dem Satz „das geht so schnell, das merkst Du gar nicht“ (äh, doch!) und dass ich wiederholt hingehen musste, weil – so die offizielle Begründung meiner Mutter – die Zahnschmerzen noch schlimmer wurden, weil der Zahnarzt „Luft unter der Füllung eingeschlossen“ habe.

Nachdem ich auf eigenen Füßen stand, dachte ich, ich finde bessere Zahnärzte. Ich fragte meine Freunde, Kommilitonen an der Uni, ob es in der Stadt einen guten Zahnarzt gebe, denn schließlich hatte ich nun keine Mutti mehr, die mich einmal pro Jahr für ein Bonusheft zum Klempner schleifte. Naja. Die Empfehlungen waren auch eher mäßig. Aber ich gestehe: Dank meiner Kindeserfahrung zögerte ich die nun selbstbestimmten Besuche beim Zahnarzt sehr lange heraus. Meist gabs dann was zu tun.

Erst mit Ende Zwanzig, ich war schon auf dem Weg zum eigenen Facharzt, erbarmte sich einer und gab mir vor der Behandlung eine Spritze! Es war ein Segen. Seither verlange ich immer danach, ich kann nicht verstehen, dass das keiner früher gemacht hat. Inspektion einmal, zweimal jährlich ok, Zahnreinigung, alles machbar – aber sobald der Bohrer ausgepackt wird, gibt es bei mir eine Spritze vorneweg. Sabbern und lustige Sprache im Anschluss inbegriffen, was soll´s.

Bitte erspart Euren Kindern diese Erfahrung.

– Denkt ab dem ersten Geburtstag an den ersten Zahnarztbesuch (die Zahnärzte empfehlen „ab dem ersten Zahn“).
– Lasst die Kinder an Euren Besuchen teilhaben, führt sie spielerisch an die Zahnarztpraxis heran. Erzählt keine Horrorstories, aber verheimlicht auch nicht, dass es beim Zahnarzt mal wehtun kann.
– Ihr braucht keinen so genannten Kinderzahnarzt – es tut auch jemand nettes, der gut mit Kindern kann. „Kinderzahnheilkunde“ ist kein Teil der Weiterbildungsordnung der Zahnärzte, aber Zahnärzte können sich über Curricula oder Zusatzqualifikationen spezialisieren. Geschützt ist der Begriff nicht. Verbände der Kinderzahnärzte achten jedoch auf die Sicherung der Qualität.
– Testet den Zahnarzt – die Chemie zwischen Arzt und Kind muss stimmen. Ideal ist der Zahnarzt für die ganze Familie, das stärkt das Vertrauen des Kindes. Viele echte Kinderzahnarztpraxen sprießen aus dem Boden – die behandeln dann aber keine Erwachsene. Dafür sind die Räume schön bunt, die Stühle kindgerecht und die ZMFAs (hoffentlich) kindgeschult.
– Geht regelmäßig. Am Anfang zum Gucken, zum Instrumente-, Licht- und Gerüchekennenlernen und dann zur steten Kontrolle. Der erste Zahnbesuch mit dem ersten Loch ist nicht gut.

Inzwischen habe ich eine Zahnärztin, der ich blind vertraue. Meine Kinder auch. Jetzt gehe ich zweimal im Jahr ohne Angst. Das Bohren ist auch seltener geworden. Und wenn, dann immer nur mit Betäubung.

(c) Bild bei Flickr/Patrick (Creative Commons License)

Rote Fahnen oder: Wenn Kinderärzte sich Sorgen machen

Alle Welt spricht in der Notfallbehandlung und den Ambulanzen vom Triage-System: Also der Einschätzung, ob eine ambulante Vorstellung sehr dringend, weniger dringend oder „naja, das ist ja nicht wirklich ein Notfall“ ist. Manchmal wird es auch das „Ampel-System“ genannt, weil rote, gelbe und grüne Farben vergeben werden, um die Dringlichkeit einer Behandlung anzuzeigen. Dem verwandt sind die „Red Flags„, die sich in vielen Symptombeschreibungen finden, also Krankheitszeichen, die in der Aufmerksamkeit des Mediziners knallrote Fahnen schwenken: Achtung! Gefahr!

Ich versuche, meinen fMFA diese roten Fahnen zu vermitteln: Eltern rufen ja meist vorher an, weil sie einen Termin brauchen, und die fMFA sollte dann bereits am Telefon entscheiden, wie kurzfristig dieser vergeben werden muss (oder ob vielleicht eine Beratung am Telefon ausreicht – gibt´s ja auch). Jedes Krankheitsbild hat da so seine „specials“, aber ein paar „Nummer Eins“-Red-flags, also „Rote Flaggen mit Blink- und Blaulicht“ gibt es sicher noch obendrauf.

Hier ein paar Dinge, die auch den Kinderarzt schwitzen lassen. Wann machen wir uns wirklich Sorgen?

Kleine Säuglinge mit hohem Fieber — Wer Eltern am Telefon hat, sollte immer, immer und immer nach dem Alter des Kindes fragen. Handelt es sich um einen Säugling (also bis zum 1.Geburtstag, noch dringlicher wird es unter 6 Monaten), wird er immer schneller einbestellt, als ein größeres Kind. Nicht nur, weil meist die Eltern besorgter sind, sondern weil die klassischen Symptome bei vielen Krankheiten unklarer sind. Wenn kleine Babys Fieber haben (> 38,5 Grad rektal), ist meist was im Busch.

Sehr starke Schmerzen — völlig klar. Kinder mit Schmerzen sollten das nicht aushalten. Aber es gibt ja so gute Mittel wie Paracetamol und Ibuprofen (umso erschreckender, dass Kinder bei uns vorgestellt werden, die „schon die ganze Nacht Ohrenweh“ haben und immer noch nichts bekamen).
In diesem Post geht es aber um Schmerzen, die die Kinder völlig einnehmen, dass auch Analgetika nichts mehr ausrichten können. Schmerzen an Kopf, Bauch, Rücken, nach Stürzen. Kinder, die sich nicht mehr beruhigen, Säuglinge (wieder), die nichts mehr trinken wollen, große Kinder, die sich vor Schmerzen nicht mehr bewegen (auch die stillen) – zum Doktor.

Atemnot — „Herr Doktor, mein Kind bekommt gar keine Luft“, das hören wir oft und ist aus Sicht der Eltern ein weites Feld.
Achten sollte man vielmehr auf fehlende Stimme (wieder die Säuglinge, die nicht mal mehr schreien), so genannte Einziehungen (sichtbare Atmung an den Rippen oder oberhalb des Brustbeins), sehr schnelle Atmung und quietschende oder feinknisternde Geräusche.
Schließlich können Atemprobleme zu starker Blässe oder Dunkelverfärbung des Gesichtes führen (Zyanose), auch darauf sollten Eltern achten.

Eintrübung — Nichtansprechbarkeit, Lethargie, Bewußtlosigkeit, Schläfrigkeit, Synonyme gibt es viele. Dies ist ein absolutes Alarmzeichen, egal in welchem Alter.
Klar sind kranke Kinder müde, wenn sie aber nicht erweckbar sind, sich gar nicht mit Spielen oder Ablenkung aufmuntern lassen, darf das zu Denken geben.

Ausschläge — Hier sind nicht irgendwelche Pickelchen gemeint, auch nicht Ausschläge bei Windpocken, Ringelröteln oder Scharlach. Es gibt eigentlich keine dermatologischen Notfälle.
Ausschläge, vor denen wir Angst haben, sind „Petechien“ (Einblutungen in die Haut), erkennbar daran, dass Druck auf die Haut die Rötungen nicht verschwinden lassen, sie blasst nicht ab. Petechien können eine schwere Sepsis anzeigen, wie sie bei Hirnhautentzündungen vorkommen. Ein Notfall.


Diese Red Flags sind in absteigender Häufigkeit aufgeschrieben, fiebernde Säuglinge sind beinahe Tagesgeschäft, während das fiese Exanthem bei Meningokokken-Sepsis eine große Ausnahme ist, dennoch sind meine fMFA bei all diesen Kindern bemüht, am gleichen Halbtag noch einen Termin zu geben.

Für Eltern, deren Kinder o.g. Auffälligkeiten zeigen: Anrufen, Dringlichkeit mitteilen, auf einen Termin bestehen. Diese Red Flags bedeuten nicht, dass tatsächlich etwas Schlimmes vorliegt (im Gegenteil: Meist können wir eine ernsthafte Krankheit ausschließen und den Kindern gut helfen), aber eine Abklärung ist unumgänglich. Ist der Kinderarzt nicht erreichbar, fahrt in die nächstgelegene Notfallklinik oder (insbesondere bei Atemnot, Nichtansprechbarkeit oder der Hirnhautentzündung) wählt die 112.


Können wir die o.g. Symptome auch umgekehrt betrachten?

Klar! Ein Kind, dass zwar krank ist, aber …
– … klein ist, noch gut trinkt oder isst, kein Fieber hat,
– … über keine Schmerzen klagt, also auch lacht und spielt,
– … ganz ruhig atmet, z.B. auch durch die Nase oder mit Schnuller im Mund,
– … adäquat reagiert, antwortet, seinem Spielzeug nachgeht oder sich ablenken lässt vom Kranksein,
dürfte insgesamt zwar krank, aber nicht lebensbedrohlich erkrankt sein. Ein Anruf beim Kinderarzt kann jetzt die Nerven beruhigen, Tipps von der fMFA Abholen kann ja nie schaden. Im Zweifelsfall schaue ich aber gerne das Kind an.

Grüße,
kinderdok.

Nebenbei: Diese Dinge sind – logisch – international. Claire McCarthy (@drClaire) schrieb unlängst ein ähnliches Posting (englisch) aus ihrer Notfallsprechstunde, ich habe mich an ihren Artikel angelehnt.

Erstveröffentlichung hier.

(c) Bild: kinderdok, basierend auf Red flags von Rutger van Waveren/Flickr (Lizenz bei CC BY-SA 2.0)

Shitstorm gegen globuligläubige Krankenkasse

Auslöser war eine Studie – in Auftrag gegeben durch die Techniker Krankenkasse – , inwieweit eine homöopathische Behandlung den Krankenkassen höhere Kosten verursacht oder nicht. Die Antwort ist: Ja. Mehr Kosten. Siehe Studie.

Ein schlichtes Nachfragen per Twitter durch Dr. C. Lübbers, was denn nun die TKK mit dieser Studie anfängt, …

… führte im Nachgang zu dem verhängnisvollen Tweet eines TKK-Mitarbeiters nachts um 1 Uhr – hier im Wortlaut:

Nachts noch wenig beachtet, brach dann am heutigen Tag ein Shitstorm über die Kasse hinein, mit verzweifelten Kontratweets der TKK, in denen sie sich noch mehr ins Abseits argumentierte:

Der Rest ist Legende – hier Stern Online zum Shitstorm

Hier der gesammelte Tweet-Thread.

Im Laufe des Tages ruderte die TKK zurück und bedauerte, dass die Wogen so hochgeschwappt seien. Eins zeigt die Twitterhaltung jedoch deutlich:
– Krankenkasse übernehmen Kosten für Behandlungen, die ohne Wirksamkeitsnachweis arbeiten.
– Sie profilieren sich damit auf dem Markt gegenüber anderen Krankenkassen, es geht um Kundenacquise.
– Für viele Patienten bedeutet das eine Adelung der Glaubuli: „Meine Krankenkasse übernimmt das, dann wird es wohl auch wirken.“

Wer etwas anderes von der Krankenkasse erwartet – evidence based medicine – , sollte sich aktiv mit seinem Kundenberater auseinandersetzen.

Wenn mal wieder die Nase juckt…


… ist Heuschnupfenzeit.

Und wenn ich aus dem Fenster schaue, dann wird es nicht mehr lange dauern, bis die ersten Kinder in der Praxis aufschlagen, um sich ihre bitter nötigen Medikamente zur Linderung der Beschwerden abzuholen. Wir sprechen von Heuschnupfen, professioneller von „Pollinosis“, also der allergischen Reaktion auf Pflanzenpollen, insbesondere Gräser- und Baumpollen.

Betroffene Patienten haben ab Beginn des Frühlings jährlich wiederkehrende Beschwerden, dabei reagieren Nasen- und Augenschleimhäute allergisch auf die feinen Pollen in der Luft. Zu allem Übel kann es ganzjährig zu so genannten Kreuzallergien kommen, d.h. Pollenallergiker reagieren oft auch auf Nahrungsmittel.

Was tun?

Den Auslöser definieren:
– Also z.B. einen Allergiekalender führen, indem der Patient oder die Eltern die Beschwerdetage eintragen, diesen abgleichen mit Pollenflugkalendern im Internet oder oldfashioned zum Arzt mitbringen.
– Einen Allergietest druchführen lassen: z.B. einen Prick-Hauttest oder (bei kleineren Kindern) einen RAST-Test.

Das Allergen meiden: Leichter gesagt als getan, fliegen doch die Pflanzenpollen mitunter kilometerweit. Dennoch kann man bestimmte Dinge tun, um die Pollenbelastung zu minimieren:
– Urlaub in pollenarmen Regionen: Meeresklima oder Hochgebirgsklima, auch Städteurlaub kann Linderung versprechen.
– Am Abend die Fenster geschlossen lassen und nicht die ganze Zeit lüften.
– Kleider, die am Tage getragen wurden, außerhalb des Schlafzimmers lassen, oder gleich in die Wäsche geben.
– Haare täglich abends ausspülen.
– Die Pollenbelastung ist auf dem Land eher morgens am höchsten, in der Stadt abends. Entsprechend sollte man das Lüftungsverhalten in der Wohnung anpassen.

Medikamente geben:
– Lokaltherapeutika wie Nasen- und Augentropfen
– Antiallergika in Form von Säften, Tropfen oder Tabletten.
– Letztere nimmt man vor allem dann ein, wenn die Allergie bereits Symptome zeigt. Nasen und Augentropfen kann man und sollte man besser prophylaktisch einsetzen, zum Beispiel am Morgen, bevor man überhaupt das Haus verlässt.

Allergieimpfung:
Ein umgangssprachlicher Ausdruck, der die so genannte Hyposensibilisierung beschreibt. Ähnlich einer Impfung werden die auslösenden Substanzen (Pollen) in hoher Verdünnung über Spritzen oder Tabletten über einen längeren Zeitraum hin verabreicht, so dass sich der Körper an die Allergene gewöhnen kann. In der tatsächlichen Pollensaison ist dann die Reaktion deutlich geringer oder bleibt komplett aus. Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen ist eine Hyposensibilisierung sehr erfolgsversprechend, diese kann, rechtzeitig begonnen, den so genannten Allergiemarsch in die Bronchien (Asthma) verhindern. (Dabei ist der „Allergiemarsch“ kein „Weiterwandern“, sondern eine Verschlimmerung der Allergie.)

Rund um Allergien kreisen viele Gerüchte und Anekdoten. So können viele Allergien über die Jahre spontan besser, aber auch schlechter werden, viele Allergiker berichten von Spontanheilungen in der Pubertät oder sonst im Laufe ihres Lebens. Gerade bei Pollenallergikern ist das Ausmaß Allergie vom Klima abhängig. Jedes Jahr kann man spätestens im Mai beurteilen, ob ein starkes Allergiejahr ist.

Daher zur Ergänzung: Spontane Besserungen und Jahresschwankungen machen Pollenallergien zu dankbaren Aufgaben für die Alternativmedizin und Heilpraktiker: Zuckerkügelchen lassen die Beschwerden verschwinden oder sie verstärken sich (Erstverschlimmerung!), am Ende des Sommers sei alles wieder gut. Und wenn’s nicht geholfen hat, nimmt der HP ein anderes Mittelchen in anderer Verdünnung, über die Jahre werde es dann schon besser. Bei Kindern und Jugendlichen keine gute Idee: Jedes Jahr, indem die Pollinose nicht „gescheit“ behandelt wird, lässt die Chance auf ein allergisches Asthma steigen, ganz zu schweigen von den alljährlichen Akutbeschwerden, die die Kinder in der Konzentration und im Sport in Schule und Verein und der Freizeit leiden lassen.

Susannchen braucht keine Globuli

Übersicht Heuschnupfenallergie BVKJ und des Deutschen Allergie- und Asthmabundes

Volkskrankheit Allergien (Posting von 2015)

(c) Bild Susannchen beim Informationsnetzwerk Homöopathie

Offener Brief der AAP an Donald Trump

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Die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten wirft auch Schatten auf das Gesundheitssystem in den USA. Nicht nur, dass die Trumpsche Regierung das ambitionierte „Obamacare“ zumindest in Teilen wieder abschaffen will, besorgte Stimmen erinnern an Donald Trumps Einstellung zu Impfungen. So – as usual – twitterte er, Kinder bekämen zuviele Impfungen auf einmal über zu kurze Zeit und äußerte wiederholt den Verdacht auf Verbindungen zwischen Impfungen und Autismus. Autismus sei „epidemisch“, so Trump.

Im Januar kam es zu einem Treffen des da noch nicht vereidigten President-elect und dem Impfgegner Robert Kennedy jr., was das Gerücht nährte, dieser werde eine Kommission anführen, die den derzeitigen US-Impfplan infrage stelle. Der neue US-Gesundheitsminister Tom Price wiederum war bis 2016 Mitglied einer ultrakonservativen Impfgegnervereinigung von Ärzten (ganz zu schweigen von dessen  Einstellung gegen Abtreibung).

Die American Academy of Pediatrics AAP sah sich daher gezwungen, einen offenen Brief an dem amerikanischen Presidenten zu veröffentlichen, unterschrieben von zahlreichen Organisationen.

Hier die deutsche Übersetzung:


7. Februar 2017

President Donald J. Trump
The White House
1600 Pennsylvania Avenue NW
Washington, DC 20500

Sehr geehrter Mr President,

Im Auftrag von Organisationen, die Familien, Medizinanbieter, Forscher, Patienten und Verbraucher vertreten, schreiben wir [Ihnen], um unsere unmissverständliche Unterstützung für die Sicherheit von Impfstoffen auszudrücken. Impfstoffe schützen die Gesundheit von Kindern und Erwachsenen und retten Leben. Sie verhindern lebensbedrohliche Krankheiten, einschließlich Formen von Krebs. Impfstoffe sind seit Jahrzehnten Teil des [Lebens] in unserer Gesellschaft und gehören zu den bedeutendsten medizinischen Innovationen unserer Zeit.

Aufgrund der Einführung von Massenimpfungen wurden 1977 die Pocken in der Welt als ausgerottet erklärt. Polio, eine Krankheit, von der – vor Verfügbarkeit des Impfstoffes – regelmäßig 13000 bis 20.000 Amerikaner pro Jahr betroffen waren, wurde 1991 offiziell aus der westlichen Hemisphäre eliminiert. Weltweit verhindern Impfstoffe den Tod von etwa 2,5 Millionen Kindern pro Jahr (1). Und die Daten zeigen, dass gerade bei Kindern, die in den Vereinigten Staaten im Jahr 2009 geboren wurden, routinemäßige Impfungen ca. 42.000 frühe Todesfälle und 20 Millionen Krankheitsfälle verhindern werden, bei einem Einsparpotential von mehr als 82 Milliarden Dollar an gesellschaftlichen [Folge]Kosten (2).

Obwohl Impfstoffe die sicherste und kostengünstigste Art sind, Krankheiten, Behinderungen und Todesfälle zu verhindern, erlebt dieses Land immer noch Ausbrüche von impfpräventablen Krankheiten, wie der Masernausbruch in Disneyland im Jahr 2014 zeigte. Im Jahr 2012 wurden 48.277 Fälle von Pertussis (Keuchhusten) an das Zentrum für Krankheitskontrolle und Prävention (CDC) gemeldet, darunter 20 pertussisbedingte Todesfälle (3). Dies war die [höchste Rate an] Pertussisfällen seit 1955. Darüber hinaus werden jedes Jahr mehr als 200.000 Einzelpersonen ins Krankenhaus eingeliefert, und es finden sich 3.000-49.000 Todesfälle, aufgrund Grippe/Influenza bezogenen Komplikationen (4).

Behauptungen, dass Impfungen unsicher seien, wenn sie nach Expertenempfehlungen veabreicht werden, wurden durch eine solide Menge an medizinischer Literatur widerlegt, einschließlich einer gründlichen Überprüfung durch die Nationale Akademie für Medizin (früher Institut für Medizin). Angehängt an diesen Brief findet sich eine unerschöpfliche Liste von Studien, die die Sicherheit von Impfungen demonstrieren. Das Verzögern von Impfungen stürzt die Bürger unserer Nation nur in ein Krankheitsrisiko, insbesondere die Kinder. Als Nation sollten wir unsere Bemühungen verdoppeln, um notwendige Investitionen in die Patienten-und Familienerziehung der Bedeutung von Impfstoffen zu tätigen, damit die Rate der Impfungen unter allen Populationen erhöht wird.

Einfach ausgedrückt: Impfstoffe sind sicher. Impfstoffe sind wirksam. Impfstoffe retten Leben. Unsere Organisationen begrüßen die Möglichkeit eines Treffens mit Ihnen, um mit Ihnen die soliden [Fakten], umfangreichen wissenschaftlichen Beweise der Impfstoffsicherheit und Wirksamkeit zu teilen.

Mit freundlichen Grüßen,

[die] Nationale Organisationen


Es folgen acht (8!) Seiten von medizinischen Organisationen des gesamten Landes, insgesamt 350 verschiedene Abteilungen, die diesen offenen Brief unterstützen. Eine beeindruckende Übersicht, die man im Original gesehen haben muss.

Aber damit nicht genug: Auf den weiteren 17 Seiten findet sich eine schöne Zusammenfassung der AAP hinsichtlich Impfungen und unterstellten neurologischen Auffälligkeiten, Stoffwechselerkrankungen, Fieberkrämpfen und immer wieder Autismus, Autismus, Autismus. Keinerlei Verbindungsnachweis in den Studien.

Übersichten zu Quecksilber/Thiomersal in Impfstoffen und eine Reportage zum Fall „Wakefield“ runden das Bild ab.

Soviel politisches Statement wünscht man sich auch in Deutschland zu Impfungen durch unsere verschiedenen Standesorganisationen aus Medizin, Wohlfahrt und Kinderschutz. Über eine Antwort des POTUS ist übrigens bisher nichts bekannt geworden.

Offener Brief der AAP im englischen Original

„Der läuft so komisch“

A walk in the park...with style

Da war wieder jemand schneller – siehe die anhängende Pressemitteilung des BVKJ. Scheinbar geht es nicht nur mir so, dass Eltern um den zweiten Geburtstags die Frage nach den Laufwegen ihres Kindes stellen. Dabei ist das alles normal.

In aller Regel beginnen die Kinder mit O-Beinen zu laufen, die dann während des Lauflernalters zu recht auffälligen X-Beinen mutieren. Das richtige „Geradelaufen“ sieht man erst im Schulalter. In all diesen Phasen haben „Lauflernschuhe“, medizinische Einlagen oder Krankengymnastik nichts zu suchen. Den wohlmeinenden Hinweisen von Schuhverkäufern oder Kinderturnbetreuern dürfen Eltern mit Blick auf die regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen antworten: „Das checkt der Kinder- und Jugendarzt regelmäßig.“ „Verpassen“ wird man sowieso nichts. Das Einzige, was nicht verpasst werden sollte, ist die vorgeschriebene Hüftuntersuchung per Ultraschall im Rahmen der frühen U3-Untersuchung. Hier kann eine angeborene Fehlstellung der Hüfte ausgeschlossen werden.


 

Die Pressemitteilung des BVKJ:

„Einwärtsgehen“ bei Kindern selten bedenklich

Schon als Säugling können die Füße einwärtsgedreht sein, aber auch, wenn Kinder zu laufen beginnen, drehen viele beim Gehen ihre Füße nach innen, sie gehen einwärts. Das kann unter Umständen bis in das Grundschulalter andauern.

Kleine Kinder zeigen häufig einen Einwärtsgang, der bei manchen Kinder bis zum Grundschulalter anhält. In den allermeisten Fällen korrigiert sich diese Gangart von selbst und erfordert keine Behandlung. Bemerken Eltern aber, dass ihr Kind Schwierigkeiten beim Gehen hat, häufig stolpert oder hinfällt, sollten sie ihr Kind beim Kinder- und Jugendarzt vorstellen, aber auf keinen Fall ohne ärztlich Anweisung ihren Kindern Korrekturschuhe oder Ähnliches zumuten. „Wenn sich der Einwärtsgang verschlimmert oder das Kind sogar hinkt oder Schmerzen angibt, sollten Eltern unverzüglich den Kinder- und Jugendarzt aufsuchen“, rät Dr. Ulrich Fegeler, Kinder- und Jugendarzt sowie Mitglied des Expertengremiums des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Ob sich die Gangart verändert, können Eltern, wenn sie unsicher sind, mit Hilfe von kurzen Videoaufnahmen im Abstand von einem Jahr erkennen. Dabei sollten sie ihr Kind beim Gehen von vorne und von hinten aufnehmen.

Die Einwärtsdrehung der Füße kann auf unterschiedlichen Ursachen beruhen. Säuglinge können eine Einwärtsdrehung des Vorfußes zeigen, die sich in der Regel schnell korrigiert. Beginnen Kinder zu laufen und die Füße einwärts zu drehen, kann gerade im frühen Kleinkindalter eine knöcherne Einwärtsdrehung des Schienbeines (Tibia) der Grund sein. Auch das „korrigieren“ die Zeit und das Wachstum. Am häufigsten und durchaus bis zum 9. Lebensjahr reichend besteht die Ursache in einer Innenrotation des Oberschenkelknochens (Femur) in den Hüftgelenken. Mit zunehmendem Wachstum richtet sich das Becken auf und durch die damit verbundenen statischen Veränderungen ändert sich auch die Rotation des Femurs im Hüftgelenk. „Betroffene Kinder bevorzugen u.a. auch den Zwischenfersensitz („Najadensitz“), d.h., das Gesäß befindet sich beim Sitzen zwischen beiden nach außen gewinkelten Beinen. Nur in ganz seltenen Ausnahmefällen sind operative Korrekturen notwendig“, erklärt Dr. Fegeler.

Ob eine Fehlbildung der Hüftgelenke vorliegt, kann der Kinder- und Jugendarzt durch eine Ultraschalluntersuchung der Hüfte beim Baby feststellen, die er routinemäßig bereits im Rahmen der U3 zwischen der 4. und 5. Lebenswoche durchführt. Auch, wenn der Innenrotationsgang noch jenseits des 9. Geburtstages auffällt, ist ein Besuch beim Kinder- und Jugendarzt angeraten. Bei besonderen Auffälligkeiten ist die Überweisung zum Kinderorthopäden notwendig.

Quellen: AAP, MMW Fortschr Med, J Peds


Dies ist eine Pressemitteilung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte BVKJ.

(c) Foto bei Flickr/Jeff Power (Lizenz Creative Commons)

Chantalismus

Teil der Vorurteile: Seltsame Vornamen sind den sozialen Notschichten zueigen. Die Kevins, Justins und Marvins, die Chantals, Bonnys und Tschakkelines dieser Gesellschaft werden es später schwer haben, der Name sei Programm. So geht die Meinung. Bei den Promis sieht es da bekanntermaßen anders aus – da werden nicht Neoanglismen bemüht oder die Vokale mit „y“ vertauscht, hier findet sich die Nomifizierung von Substantiven, Blumen oder ganzen Ländern.

Warum allerdings die zukünftigen Starköche den Namen ihrer Restaurants bereits bei Geburt mitbekommen haben, ist mir schleierhaft:

jamie

… eigentlich bin ich Jamie-Fan.

Lesepotpourri Dezember/Januar

Und wieder ist einige Zeit ins Land gegangen seit des letzten Leserückblicks, aber die Tradition setze ich trotzdem fort, auch wenn keine Zeit für einzelne Rezensionen übrig bleibt. Wer Fragen hat, darf fragen.

Hier also der Lesestoff der letzten zwei Monate:

Ich war viel im Netz unterwegs, habe viele Blogs gelesen und recherchiert, außerdem habe ich mir zu Weihnachten ein Abo der ZEIT als Digitaldownload gegönnt. Das Leben besteht tatsächlich aus Lesen, oder? Ich kann gar nicht verstehen, wie es anderen ganz anders geht.

Absolute Lesehighlights aus dem obigen Potpourri:

Die Raumpatrouillevon Matthias Brandt – der Hype über dieses kleine Buch überrascht ein wenig, leider fragte ich mich ständig beim Lesen, ob dieser Erfolg auch gekommen wäre, wenn Matthias Brandt nicht Schauspieler und nicht berühmter Sohn wäre. Dennoch schöne Schreibe- und damit Lesekunst.

Außerdem, als Fan, die Biographie von Bruce Springsteen, klar, mit viel Neugier gelesen und klar überrascht, wie interessant der Mann auch neben seinen Songs schreiben kann. Viele Gedanken neben profanem Fanwissen, viel Poesie neben bescheidenem gerechtfertigtem Pathos.

Geheimtipp: Butcher’s Crossing von John Williams. Der Schriftsteller wird gerade auf der ganzen Welt wiederentdeckt, er hat nur drei Romane geschrieben, auf meinem Schreibtisch liegt schon sein berühmtestes Werk Augustus. „Butcher´s Crossing“ ist ein Roman wie ein Donnerschlag, so episch-wuchtig wie Jack London, so prosaisch wie Cormac McCarthy, so unterhaltsam wie ein Western von Quentin Tarantino. Lesen!

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