Gelesen im April

Selbstporträt mit Flusspferd von Arno Geiger
In der Reihe der Bücher über junge männliche Protagonisten vom Übergang des Schüler- oder Studentendaseins zum Erwachsenenwerden mit allen Irrungen und Wirrungen dieser Zeit, erster echter Liebe, erstem Sex, der Auseinandersetzung mit den Autoritäten dieser Welt, den Freunden, die sich jetzt wie die Spreu vom Weizen trennen, viel Musik und viel Selbstzweifel – ist dies auch eines. Die Sprache von Arno Geiger ist viel gerühmt, die Metapher des Flusspferdes taugt für viele Interpretationen in Lesezirkeln und Deutsch-Grundkursen, eine echte nachhaltige Botschaft konnte ich dem Buch nicht entnehmen. Abgehakt unter „Arno Geiger gelesen“. (3/5)

Unsere Kinder: Was sie für die Zukunft wirklich stark macht von Reimer Gronemeyer und Michaela Fink
Die Autoren nehmen sich unglaublich viel vor: Krisen der Zukunft, Bildung, Sicherheit, Toleranz, Empathie, Information, Gesundheit und Stärke, schließlich den Sprung in die Zukunft – so die Kapiteltitel. Dabei kommen sie pro Kapitel, quatsch, pro Absatz vom Hundertsten zum Tausendsten, wilde Assoziationen von der Familie hin zur Ausbeutung der Welt, vom Handykonsum zum Schicksal von afrikanischen Kindern. Schreibt man ein Sachbuch, dann mag man vielleicht mit einem Brainstorming beginnen, einer Mind-Map, dabei kommen unglaublich schlaue Gedanken heraus, keine Frage, aber ihnen fehlt der rote Faden. Als ob die Basis-Mind-Map in Sätze verwandelt wurde. Bei jedem zweiten oder dritten Absatz fragte ich mich: Wo ist hier der Lektor, der die Kapitel straffte, strukturierte, auf den Punkt brachte?
Und zuletzt – Wer die Devise anpeilt „Was unsere Kinder für die Zukunft wirklich stark macht“, sollte sich immer wieder auf diese Frage besinnen und hinarbeiten.
Man verstehe mich nicht falsch: Das Buch ist sehr interessant und es gibt viele Ansätze zum Grübeln, ein Rundumschlag der Gesellschaftskritik.
Mir war´s am Ende zu chaotisch. (2/5)

Der Araber von morgen, Band 2: Eine Kindheit im Nahen Osten (1984 – 1985) von von Riad Sattouf
(Deutsch von Andreas Platthaus)
Der Zweite Teil der Autobiographie von Riad Sattouf ist kompakter als der erste Teil, geschuldet sicher dem besseren Erinnern der Zeit, als der kleine Riad nun in die Schule kommt. Noch mehr spielt Sattouf mit den Farben, dem blaßen Rosa in der Geschichte, dem feurigen Rot bei Gefahr, dem Blaßblau in den Szenen in Frankreich. Wie schon beim ersten Teil fasziniert die naive Sicht des Jungen auf die Gegebenheiten im patriachalischen Islam, das Nichtverstehen des Judenhasses und der Diktatur, die Schilderungen des seltsamen Essens und der Lebenskultur. Man fürchtet die „Lebensphilospophie“ zu spüren, die Menschen zu Islamisten machen. Sattouf hat später sein Vaterland verlassen, und ist in seinem Mutterland zu einem berühmten Zeichner gereift (der auch in „Charlie Hebdo“ veröffentlichte). — Ganz gespannt auf den nächsten Teil. (5/5)

Sophia, der Tod und ich von Thees Uhlmann
Sänger schreiben Bücher. Na dann. Und dann lesen sie auch noch das eigene Buch als Hörbuch ein. Ohje. Ob das wird?
Und ob. Selten habe ich ein Hörbuch so gerne konsumiert, wartete jeden Morgen im Auto gespannt auf die Fortsetzung. Der Gedanke, der Tod steht vor der Tür, wie knapse ich ihm ein paar Zeit ab – genial umgesetzt, sehr lustig formuliert, sehr herzerwärmend. Ich habe teils laut losgelacht, am Ende geheult. Und das Thees Uhlmann das Buch selbst liest, versüßt den Genuß – seine norddeutsche Schnodderschnauze passt hervorragend. Da wird sogar der Tod sympathisch. (5/5)

Fieber am Morgen von Péter Gárdos (Hörbuch gelesen von Axel Wostry, übersetzt von Timea Tankó)
Im Literarischen Quartett kam das Buch so leidlich gut weg, ich habe es mir ausgesucht, weil ich mal wieder einen historischen Stoff lesen wollte. Péter Gárdos Vater schreibt im Nachkriegsexil in Schweden hunderte von Briefen an ungarische Frauen, und verliebt sich in eine. Eine romantische Geschichte mit viel Hoffnung nach dem großen Leid. Der Zauber entsteht tatsächlich aus der Authentizität. Die Schrecken des Dritten Reiches ertönen in wenigen Sätzen, „über die sie nie sprachen“ – und sind dafür umso eindringlicher.
Vielleicht hätte ich den Atem für die Lektüre nicht gehabt, als Hörbuch war es ein interssantes Erlebnis. (4/5)

… und geguckt:
Bosch – Staffel 2
Better Call Saul – 2
Fargo – Season 2

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Schlaulicht – neuer Podcast

Sendung mit der Maus, Löwenzahn… Wissenssendungen sind bei Kindern echt beliebt, aber immer mit der Glotze verbunden. Vielleicht kann der neue Podcast „Schlaulicht“ hier Abhilfe schaffen – die drei Gründungsväter André, Olli und Jörg wollen in einer halben bis dreiviertel Stunde interessante Themen für Kinder („sieben bis neunundneunzig“) aufarbeiten und an die Hörer ranquatschen. Das kann man dann abends im Bett hören oder auf der nächsten Autofahrt oder oder oder. v-mkdeaf

Die „Nullnummer“ zur Einführung und das No. 1 „Sprachen“ klingen schon einmal sehr vielversprechend, ich fand´s sehr nett. Vielleicht kriegt Ihr die technischen Probleme noch in den Griff – bei Podcasts mit mehreren Beteiligten finde  ich es immer nervig, wenn die Lautstärken der Teilnehmer unterschiedlich sind. Ich habe den Cast im Auto gehört und war ständig am Regler. Aber der Inhalt: Schön, sehr schön. Mehr davon. Als Doc freue ich mich natürlich auch über gesundheitliche Themen: Impfungen, Antibiotika, Fieber und Grippe, unendliche Weiten…

Hört einmal rein. Schlaulicht!

Schlaulicht – Homepage
Schlaulicht – Twitter
Schlaulicht – Facebook

Gibt’s da nicht auch was von der Homöopathie? Netzwerk geht online.

Mutter: „Und kann man da auch was Homöopathisches geben?“
Ich: „Ganz ehrlich? Das ist nicht meine Medizin. Ich glaube nicht dran.“
Mutter: „Aha. Und wie wirkt das überhaupt?“
Ich: „Die Homöopathen sagen, wenn etwas krank macht, dann kann es in hoher Verdünnung gesund machen.“
Mutter: „Also mit den Globuli?“
Ich: „Ja, man nimmt einen Ausgangsstoff und verdünnt diesen. Gängig ist zum Beispiel einen Tropfen auf eine Badewanne. Oder auch einen Tropfen pro Nordsee oder gleich das Volumen des Universums. Laut den Homöopathen wird dadurch der Wirkstoff verstärkt.“
Mutter: „Wieso verstärkt?“
Ich: „Weil eine Form von Energie auf die Moleküle der Verdünnung übergehen, ein Gedächtnis bleibe erhalten. Sagen die Homöopathen.“
Mutter: „Und was nimmt man da für Wirkstoffe?“
Ich: „Bestimmte Heilpflanzen…“
Mutter: „…ah, natürlich also…“
Ich: „Aber auch Giftstoffe oder auch Sachen wie… Gebärmutterzellen oder Hundemilch. Steht so im Internet. Das kann man kaufen.“
Mutter: „Aber die werden ja verdünnt.“
Ich: „Bis unter die Nachweisgrenze. Chemikalisch.“
Mutter: „Sind in den Verdünnungsmitteln…“
Ich: „Das sind meist alkoholische Lösungen.“
Mutter: „…ja, sind da nicht auch andere verunreinigende Sachen drin?“
Ich: „Ja, aber die spielen wohl keine Rolle, laut den Homöopathen werden diese Stoffe bei der Verdünnung nicht verstärkt, sondern nur die, die verstärkt werden sollen.“
Mutter: „Aha. Das finde ich etwas unverständlich. Und warum wirken dann bei vielen die Globuli, wenn da eigentlich gar nichts drin ist?“
Ich: „Naja, laut den Homöopathen ist da schon etwas drin. Ich denke, dass da vor allem der Placeboeffekt wirkt.“
Mutter: „Ich bekomme etwas von einem Mediziner und erwarte eine Besserung, weil ich ja ein Medikament nehme.“
Ich: „Ja, abgesehen davon, dass Sie kein Medikament einnehmen, sondern nur Zucker, und der Mediziner in den meisten Fällen ein Heilpraktiker ist.“
Mutter: „Oder ein Apotheker. Oder meine Nachbarin. Die hat mir auch schon Sachen empfohlen.“
Ich: „Und, hat’s gewirkt?“
Mutter: „Beim letzten Sturz habe ich Manuel Arnica gegeben. Aber ob das jetzt gewirkt hat oder das Kühlpäckchen oder das Schokoeis, was ich ihm spendiert habe… keine Ahnung. Nach dem Eis war jedenfalls alles gut. Bei den Globuli alleine hat er noch ganz schön geweint*.“

Zugegeben: Der Dialog setzt sich aus mehreren Gesprächen zusammen, die ich in letzter Zeit mit Eltern (ja, auch Vätern) geführt habe. Homöopathie ausprobieren, das machen sicher viele. Auch wir haben der Ersten Glaubuli zum Zahnen gegeben, weil das alle in der Krabbelgruppe so machten, und man möchte ja nichts unversucht lassen. Aber dennoch hinterfragen immer mehr Leute die Homöopathie sehr kritisch. Und kommen davon wieder ab. Ein Zeitenwandel ist zu spüren.
Vielleicht kapieren es jetzt auch noch die Krankenkassen, dass sie diese Glaubensmedizin nicht weiter finanzieren sollten.

Gestern ist das (Informations-)Netzwerk Homöopathie online gegangen, und das gleich mit zwei Seiten:
Die offizielle Homepage des Netzwerks – mit Vorstellung und FAQ rund um die Verdünnungsmedizin, außerdem Schilderung von Positiv- und Negativbeispielen der Behandlung mit Globuli.
Homöopedia – Ein Lexikon der Homöopathie, sukzessive werden hier Informationsartikel zu Einsatzgebieten der Homöopathie, einzelnen Wirkstoffen, aber auch physikalisches Grundwissen und Studien zur Homöopathie präsentiert.

*Erstverschlimmerung…

Gelesen im März

Auslöschung von Jeff VanderMeer (Übersetzt von Michael Kellner)
Ein seltsames Buch. Ich war am Anfang verwundert, ob ich die Schilderungen langweilig fand oder faszinierend, immer die Frage „Wo soll das hingehen?“. „Auslöschung“ ist Teil einer „kultigen“ Trilogie im Science Fiction Stil, ein wenig Area 51, ein wenig Akte X, ein wenig „Lost“. Das alles aus der Erzählperspektive einer Wissenschaftlerin, die, wie alle Protagonisten, keinen Namen hat. Am Ende überwiegt das Gefühl, hier wird ein Haken ausgeworfen, um den Leser zu ködern, wie es nun weitergeht. Noch ist meine Neugier nicht allzu groß. (3/5)

Heimkehr von Toni Morrison (Übersetzt von Thomas Piltz)
Die Literaturnobelpreisträgerin schreibt ein kurzes Buch über …ja, Schwarze in den USA kurz nach dem (Korea?-)Krieg, über eine Familientragödie (-geschichte?), eine Liebesgeschichte, im Englischen sicherlich in eigenwilligem Stile geschrieben, in der Übersetzung etwas gestelzt. Ich habe meine Probleme mit Morrisons Büchern, dieses habe ich nur durchgelesen, weil die Seitenzahl überschaubar war. Sonst hielt sie mich nicht so lange im Buch fest. Sicher Weltliteratur, aber nichts für mich. (2/5)

Immun: Über das Impfen – von Zweifel, Angst und Verantwortung von Eula Biss (Übersetzt von Kirsten Riesselmann)
Eula Biss schreibt als Mutter ein Buchessay über das Impfen. Ihr Verdienst ist, dass sie niemanden in die Ecke stellt und mit dem Finger zeigt. Sie wertet ihre eigene Impfeinstellung nicht höher als die anderer, sondern schildert teils emotional, teils sachlich, teils philosophisch den Weg ihrer Entscheidungsfindung. Dabei zitiert sie eine Vielzahl an Quellen aus der Medizin, der Philosophie und der einschlägigen „Berater“ in den USA. Ihre Hauptentscheidungshilfe ist aber ihr eigener Vater, ein Arzt. So wird ihre Einstellung – wie bei allen Eltern – geprägt von der eigenen Sozialisation. Etwas irritiert hat mich das wiederholte Bemühen des Vampirs als Metapher für das Impfen – für mich nicht mal bildlich nachvollziehbar. Ein Lektor mit mehr Aufmerksamkeit hätte dem Buch dazu noch gutgetan – zuviel Redundanz. Trotzdem: (5/5)

Das Wettangeln von Siegfried Lenz
„Siegfried Lenz´ letzte, noch nie veröffentlichte Erzählung“, herausgegeben als Bilderbuch mit Zeichnungen von Nikolaus Heidelbach. Eine hübsche Geschichte, deren Bedeutung im Nachwort von Günter Berg ein wenig gewinnt, beim spontanen Lesen aber seltsam beliebig daherkommt. Naja. (2/5)

Dead Heart von Christian De Metter
Sehr spannende Graphic Novel nach einem Roman von Douglas Kennedy über einen abgebrannten Typen, der sich nach einer Affäre mit einer Anhalterin in einem abgelegenen Dorf voller Inzest und dikatorischen Strukturen wiederfindet. Gruselig, toll gezeichnet. (4/5)

Revival 3: Ein ferner Ort von Tim Seeley und Mike Norton
Ok, der dritte Teil der Reihe „Revival“ – genauso öde wie die anderen. Ihr hattet Eure Chance. (1/5)

Trabanten von Frank Schmolke
Das wiederum war ein Hochgenuß: Ein Comic aus deutscher Feder, spielt in München der 80er Jahre, schwarzweiß, düster, wie ein Film gezeichnet mit Großaufnahmen und Details, zerbrochene Zeichnungen wie der Hauptdarsteller. Franz kommt aus dem Knast und bekommt keinen Fuß auf den Boden. Kurze Lichtblicke werden von Schatten ausgeknipst. Keine Hoffnung. (5/5)

Wenn das Land still ist von Carsten Kluth (Hörbuch gelesen von Heikko Deutschmann)
Ein Zufallsfund auf Spotify, ich wußte nichts von dem Buch, von dem Autor, dem Inhalt. Eine Ehegeschichte vor politischem Hintergrund, ein Politikeraufstieg und -fall und was die Familie dabei ausrichten kann. Ein interessanter Einblick in den Lobbyismus der Wirtschaft, besonders reizvoll, da aus der Wirtschaft der Umwelttechnologie. Der Kanzler taucht auf – ja, der – , außerdem noch ein wenig Xenophobie in Deutschland und Kriminelle. Ich habe es gerne gehört, auch dank Heikko Deutschmann, vielleicht zum Lesen nicht ganz so gut. (4/5)

Der Schneesturm von Vladimir Sorokin (Übersetzt von Andreas Tretner, Hörbuch gelesen von Stefan Kaminski)
Und noch ein Zufallsfund, mein Buch des Monats. Sorokin sei DER zeitgenössische Schriftsteller Russlands, seine Geschichten sind fantasievoll, surreal und trotzdem im traditionellen Erzählstil pointiert gesetzt. Liebevolle Charaktere im Sinne Tolstois oder Tschechovs, denen unvorhersehbare Dinge geschehen. Selten war ich so froh, rein gar nichts über ein Buch gewußt zu haben – das sind die größten Entdeckungen. (5/5)

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Fundstücke

*** Über Spiegel online kam ein schöner Artikel zu Kopfschmerzen im Kindesalter eingeflattert, den ich hier gerne weiterschicken möchte – an alle Lesereltern mit leidenden Kindern. Bitte: Kopfschmerzen bei Kindern – Aufhänger ist ein neues Video des Deutschen Kinderschmerzzentrums:

*** Sind „Trommelfellröhrchen“ ein Problem beim Schwimmen und Tauchen? Neuere Erkenntnisse sagen nein – erfahrene HNO-Ärzte sagen das schon lange. Es braucht schon einiges an Wasserdruck, um durch die Röhrchen Wasser eindringen zu lassen. http://www.evidentlycochrane.net/children-with-grommets-worth-the-bother/

*** Ein etwas älterer Artikel über die Globulisierung des Kreißsaales, also dem Einfluß der Hebammen auf die jungen Eltern, bereits peripartal auf Glaubuli zu setzen, statt sich auf ihre ureigensten Fähigkeiten zu verlassen.

*** Rafik Schami und die Flüchtlinge – ein Interview.

*** Achtung, nichts für Prokrastinierer: Jeder Musikstil in einer Soundwolke – von akustisch bis elektrisch, von traditionell zu hochaktuell – alle mit Second-Cloud und Musikbeispielen und auf der letzten Wiese verlinkt zu Spotify.

*** Harald Martenstein mal ganz anders – vom Leben mit dunklen Momenten.

*** Und für alle Star-Wars-Fans. Vergleiche:

 

„Tablets isolieren Kinder“

Child with Apple iPad

„Sprachentwicklung fördern: Häufig vorlesen und High-Tech-Spielzeug reduzieren

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Vorlesen fördert die Sprachentwicklung, während High-Tech-Spielzeug sie möglicherweise verlangsamen kann. Denn einer Studie der Northern Arizona Universität zufolge nimmt technisches Spielzeug zwar die Aufmerksamkeit eines Kindes gefangen, kann aber nicht die Qualität einer Wechselwirkung zwischen Eltern und Kind herstellen. Die verbale Entwicklung eines Kindes hängt vom Austausch mit Erwachsenen und Gleichaltrigen ab.

„‘Interaktives Vorlesen‘, d.h. auf Äußerungen des Kindes zu reagieren, Fragen zu stellen, Erklärungen anzubieten, Beispiele zu geben, über das Gehörte bzw. die Bilder zu sprechen, stimuliert schon sehr früh die sprachliche und geistige Entwicklung des Kindes“, erklärt Dr. Ulrich Fegeler, Kinder- und Jugendarzt sowie Mitglied des Expertengremiums des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) bei http://www.kinderaerzte-im-netz.de. Schon Einjährige reagieren während des Lesens mehr mit sprachähnlichen Lauten, und Mütter geben ihren Kindern dabei auch häufiger Rückmeldungen als bei anderen Spielen.

Tablets dagegen isolieren Kinder, so dass sie nicht lernen können, ihre Emotionen zu regulieren und mit anderen Kindern zu spielen. Alles, was das Kind perfektioniert, ist der Umgang mit einem Tablet sowie die Bedienung eines Touchscreens. Inhalte werden dadurch kaum vermittelt. „Durch Vorlesen können Eltern neben der Sprachkompetenz auch Einfühlungsvermögen, Fantasie, abstraktes Denken und Gedächtnis anregen“, so Dr. Fegeler. Haben Eltern keine Freude am Vorlesen, so können sie bei anderen Tätigkeiten, wie z.B. Puzzle-Spielen, die Sprachentwicklung ihrer Kinder unterstützen.“

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Dies ist eine Pressemeldung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V.

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Frage an die erlauchte Leserschaft:
– Ab wann habt Ihr den Kindern Handys und Tablets in die Hand gedrückt?
– Besser Vorlesen als Kassetten CDs Spotify hören?
– Welche Regeln gab/gibt es, um den Konsum der neuen Medien zu steuern oder einzuschränken?
– Sind das alles nur übertriebene Ängste von alten Kinderärzten, wie man vor Jahrzehnten ebenso vor Fernsehen und den ersten Fernsprechern warnte? Erwartet Ihr von „uns“, dass wir Eltern z.B. bei den Vorsorgeuntersuchungen beraten im Umgang mit Tablets oder Handys?

(c) Bild bei Flickr/Intel Free Press

Säuglinge haben keinen Schnupfen

… ok, diese Aussage dürfte etwas übertrieben sein, weil hie und da – vor allem bei älteren Geschwistern in der Familie, oder wenn Mama selbst dick erkältet ist – kann sich auch mal ein Säugling einen Schnupfen einfangen, aber zumindest für Neugeborene (noch eine Einschränkung) gilt: Säuglinge haben keinen Schnupfen.

Trotzdem machen die ständig Krach. Wer das erste Mal als frische Elter einem Neugeborenen beim Atmen zugehört hat, kann es mit der Angst bekommen: Da knarzt und knorzelt es, da hechelt und seufzt es, da wird geschluckauft und gespuckelt, gehüstelt und geräuspert, dass es eine Freude ist. Das Problem ist Anatomie. Die Nasengänge sind recht eng, der Kehlkopfdeckel noch locker und „weich“, außerdem muß Kleinbobele erst einmal lernen, Luft zu atmen, vorher gab´s ja nur Fruchtwasser.

Neugeborene können gut atmen und dabei trinken, uns fällt das schwer, weil sich unser Kehldeckel fest verschließen muß, sonst würden wir uns beim Trinken ständig verschlucken, also Flüssigkeit in die Luftröhre aspirieren. Dass dies trotzdem mal beim Baby passieren kann, muß Eltern nicht beunruhigen: Getrunkene Milch kann am Kehlkopf reizen, das Baby muß husten, um die Fremdflüssigkeit wieder nach oben Richtung Speiseröhre zu befördern. Manchmal bleibt – nach dem Aufstoßen, oder auch Stunden nach dem Trinken – Milch im Nasen-Rachen-Raum zurück, was verspätet zu Hustenreiz führt. Da kommt mitunter auch Milch aus der Nase.

Niesen und Husten sind Schutzreflexe des Körpers. Es juckt ein Staubkorn oder das Rasierwasser des Vaters, da ist ein Kältereiz der Luft draußen oder ein Reiz der trockenen Heizungsluft drinnen – die Schleimhäute der Luftwege müssen ständig reagieren, ihre Durchblutung schwankt, die Sekretion wechselt, Fremdstoffe wie Stäube oder Düfte sollen vom Körper hinausbefördert werden, das Baby niest. Geht´s eine Etage tiefer, wird gehustet. Nochmal: Das ist noch lange kein Schnupfen. Auch ein „Rasseln“ ist vielfach nur Schleim oder der Kehlkopfdeckel, der beim Atmen vibriert.

Dennoch gibt es Dinge zu beachten: Hat ein Neugeborenes Probleme beim Trinken, ist die Koordination des Atmens und Trinkens gestört, sollte man der betreuenden Hebamme oder dem Kinderarzt Bescheid geben. Mitunter helfen Kochsalznasentropfen, um die Nasenschleimhäute etwas anzufeuchten oder vertrockneten Schleim (= Popel) zu entfernen. Muttermilch soll auch immer helfen, klar, ist auch Flüssigkeit. Manch sämig-dicke Muttermilch kann aber auch die kleinen Nasengänge verstopfen.

Säuglinge haben keinen Schnupfen.
Das ist übertrieben, aber in der Mehrzahl der Fälle sind verstopfte Nasen durch die Umwelt bedingt. Kränkelt das Kind wirklich, kommt in aller Regel ein schlechter Appetit oder Fieber hinzu. Ändert sich der Husten, ist das Baby sehr blaß oder bekommt ein bläulich-violettes Gesicht – Bitte umgehend einen Arzt aufsuchen. Das gilt natürlich auch bei jedem Verdachtsmoment, oder wenn man sich unsicher ist. Da muß niemand den Kinderarzt schonen :-)  – auch in der Praxis beruhige ich lieber die Eltern, das alles ganz normal ist, als dass ich mich sorge, dass Eltern zu lange gewartet haben. Spätestens beim zweiten Kind kennen die Eltern dann den „Säuglingsschnupfen“.

Gelesen im Februar

Eisiger Dienstag von Nicci French (Übersetzt von Birgit Moosmüller)
Ich hatte vor zwei Jahren den ersten Krimi rund um Frieda Klein, der Psychotherapeuten aus London, gelesen, und er hatte mich absolut geflasht. Trotzdem hat es bis zum 2.Versuch gedauert. Diesmal kam ich etwas schwerer rein, aber wieder, nach der ersten Hälfte, war ich drin: Wieder ein vielschichtiger Fall, wieder hübsche Nebencharaktere und eine starke Hauptfigur. Etwas anstrengend: Das Aufarbeiten des ersten Buches, dessen Clou noch nicht gelöst war, und die Position der Laien-Polizistin Frieda im Apparat von Scotland Yard. Das genau das aber ein Grundkonflikt der Bücher ist, dürfte jedem Leser klar sein – umso mehr wünschte ich mir eine klare Lösung. Trotzdem: Spannend, lesenswert, mit viel London-Flair. Den nächsten lese ich nicht erst in zwei Jahren. (3/5)

Ungläubiges Staunen: Über das Christentum von Navid Kermani
Inspiriert von Denis Schecks Empfehlung in „Druckfrisch“ habe ich spontan beim letzten Buchhandlungsbesuch nach diesem Buch gegriffen, ohne genau zu wissen, was mich erwartet: Ein hochgebildeter Muslim (Friedenspreisträger 2015) vermittelt seine Liebe zum Christentum anhand klassischer Kunstdarstellung: Caravaggio, Botticelli, Leonardo da Vinci und viele mehr, Bilder, Skulpturen, ein Kreuz, eine Kirche, ein Video — was sagen sie aus über unser Christentum und die Facetten von Liebe, Schönheit, Tod, Licht und Lust? Nebenbei vermitteln die 40 Bildbeschreibungen einen Abriß der christlichen Geschichte, Jesu` Leben und berühmter Heiliger. Durchdrungen ist das Buch von der Verständigung zwischen Christen und Muslime, wie der Heilige Franz von Assisi eine Freundschaft mit dem Sultan al-Malik al-Kamil teilte (ihr ist eine der längsten Passagen gewidmet).
Dass ein Muslim mir einmal das Christentum so nahe bringt, wie vielleicht zuletzt zu meiner Konfirmationszeit, das hat mich an diesem Buch fasziniert. Sehr empfehlenswert. (5/5)

Die Engel von Sidi Moumen von Mahi Binebine (Übersetzt von Regula Renschler)
Ein kurzer Roman über eine Gruppe Jugendlicher im Armenviertel Casablancas, die quasi „über Nacht“ zu Selbstmordattentäter werden. Hitzig geschrieben, in kleinen Episoden aus deren Alltag, Anekdoten, die wie selbstverständlich das Leben im Slum schildern, Fussball, Mädchen, Freundschaft. Ohne böses Ahnen oder manifestem religiösen Hintergrund werden sie dem Extremismus einverleibt, ohne je extremistisch zu sein. Das Bereuen und die Trauer kommt erst nach dem Tod, wenn der Engel seine Lebensgeschichte erzählt. Ganz erklären kann das Buch nicht, vielleicht ist das aber auch die Botschaft: Ganz erklären lässt sich Extremismus nie. Schon gar nicht verstehen. (5/5)

The Stand – Das letzte Gefecht von Stephen King (Übersetzt von Harro Christensen, Joachim Körber und Wolfgang Neuhaus, Hörbuch gelesen von David Nathan)
Schon lange höre ich an diesem Buch, wen wunderts, geht es doch vierundfünfzig Stunden, das sind für mich ca. hundert Fahrten zur Praxis und zurück. „Das letzte Gefecht“ habe ich mit sechzehn das erste Mal verschlungen, seither mein Lieblingsbuch von Stephen King, zehn Jahre später, im Studentenalter, noch einmal. Nun als Hörbuch, wie immer unvergleichlich gelesen von David Nathan, diesmal in der ungekürzten Fassung, genoß ich es, als habe ich es noch nie gelesen. Fantastisch. Wer einen langen Atem hat und Stephen King als Literat kennenlernen will, dem sei dieses Buch empfohlen. Die stark überzeichneten christlichen Motive sind Teil des Ganzen, für ein Seminar der Darstellung und Entwicklung von Romanfiguren ist „The Stand“ ein Lehrbuch. (5/5)

Wo sind die großen Tage geblieben? von Jim und Alex Tefengki
Eine graphic novel über drei Freunde, deren bester Freund Selbstmord begangen hat. Jeder bekommt ein Geschenk, das deren Leben verändern wird. Wunderschön coloriert, eine spannende, nachdenkliche Geschichte aus Paris. Keine Offenbarung, aber für zwischenrein gut lesbar. (4/5)

Ein Sommer am See von Mariko und Jilian Tamaki
DER gehypte Comic des letzten Jahres über zwei Freundinnen in ihrem Sommerurlaub. Eine Variante des Thema des Growing Up, Coming-of-Age, des Erwachsenenwerdens, wie man es auch nennen mag. Subtil gezeichnet, mit einem tollen Gefühl für Geschwindigkeit und Pausen. Ich vermute, dass ich nicht ganz der Zielgruppe entspreche, ich habe es mal auf den Buchstapel meiner Tochter gelegt. (4/5)

Das Gedächtnis des Meeres von Mathieu Reynès und Valérie Vernay (Übersetzt von Eckart Schott)
Und noch ein Comic. Noch ein Mädchen, noch ein „Großwerden“. Diesmal als Hintergrund die französische Atlantikküste, rauh, gefährlich, das Meer als Ungeheuer. Mir haben die Zeichnungen nicht so zugesagt, die Story war nett, die Auflösung sehr wort-, weil erklärungsreich, das kommt bei einer graphic novel eher unglücklich. (2/5)

Gesehen:
Stephen King’s The Stand – Das letzte Gefecht [2 DVDs] von Mick Garris
Dass von „The Stand“ eine Verfilmung existierte, wußte ich. Nachdem ich das Hörbuch zuende gelesen hatte, war ich neugierig, wie man knapp 1200 Seiten in eine „Miniserie“ von 4 x 90 Minuten quetscht. Ja. Ok. Das kann man so machen. Die Serie versprüht einen lustigen 90er Charme, im Fernsehformat gedreht, mit bekannten amerikanischen Schauspielern (Gary Sinise oder Molly Ringwald), der eigentliche Plot ist faszinierend schlüssig umgesetzt (von King persönlich), die Zwischentöne, der Spannungsaufbau und manch schöner Charakter wurden geopfert. Der Film taugt wohl eher als cineastisches Filmdokument, denn als Blockbuster. Gibt es, außer Kubricks „Shining“ überhaupt eine gute Stephen-King-Verfilmung? Edit: Beste King-Verfilmung ist sicher Kubricks „Shining“, „Misery“ und „Green Mile“ gleich dahinter. Aber die Adaptation für den TV-Markt konnten kaum überzeugen. (3/5)

 


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Der Nabel und seine Schnur

Six Weeks Four Days
Die Nabelschnur

… ist die direkte Verbindung von Gebärmutter und Fötus.
… führt in aller Regel drei Gefäße: Zwei Arterien mit sauerstoffarmen Blut und eine Vene, die das frische Blut zum Embryo führt. (Anders als im Körperkreislauf, dort ist sauerstoffreiches Blut in den Arterien. Die Bezeichnung folgt vom Fetus aus.)
… wird bei Geburt durchschnitten, das tut dem Säugling nicht weh, weil sie keine Schmerzfasern führt. Man setzt dabei zwei Nabelklemmen, die die Blutversorgung kappen, dazwischen wird der Schnitt gesetzt. Die Nabel „am Kind“ wird noch 48 Stunden belassen.
… kann in der Neonatologie als Zugangsweg zum Neugeborenen genutzt werden, man legt einen so genannten Nabelkatheter, um Infusionen und Medikamente zu geben.
… muß nach Lösen der Nabelklemme nicht besonders geschützt werden. Auch die Windel darf darüber angezogen werden.
… sieht nach dem Abnabeln erst einmal weiß und glibbrig aus, nach zwei bis drei Tagen trocken und dunkel, sie fällt dann ab. Übrig bleibt ein Wulst aus Haut, in der Mitte Rest der „Whartonschen Sulze“ – etwas feucht, etwas glibbrig. Das ist normal.

Der Nabel

… ist der Rest der Nabelschnur, diese verbindet die Mutter mit dem Kind. Während der Schwangerschaft.
… heißt auf lateinisch umbilicus.
… wird von den Hebammen gepflegt, d.h. desinfiziert. Puder hat hier nichts zu suchen. Altes Hausmittel: Kochsalz, krümelweise.
… trocknet vollends bis zur 4.Woche. Bleibt etwas übrig, nennt man das ein Nabelgranulom. Das kann der Kinderarzt veröden, z.B. mit Silbernitrat, er kann es aber auch lassen, es wird trotzdem durchtrocknen.
… endet nach dem Abheilen, wie eben beschrieben, blind, d.h. es besteht keine Verbindung mehr nach innen. Bleibt hier ein Gang bestehen, so nennt man das eine Urachusfistel. Das ist unangenehm. Verdacht darauf haben die Kinderärzte, wenn der Nabel jenseits der Neugeborenenzeit suppt oder blutet.
… kann einen „Bruch“ haben, eine Hernie. Sie entsteht aus einer Bindegewebslücke und beinhaltet Darmschlingen, manchmal groß, oft klein. Tut nicht weh, „klemmt“ nie ein. Wird ungefähr im 2. Lebensjahr operiert (wenn bis dahin nicht sowieso verschwunden – ca. 90%).
… ist auf Abbildungen von Adam und Eva fehl am platz.
… ist für viele Kinder die Mitte des Menschen. Bauchweh, die dort gezeigt werden, sind interessanterweise nicht organischen Ursprungs.

Das musste mal erwähnt werden.

(c) Foto bei Flickr/Zhu

Freiburger Erklärung zur Homöopathie

Homöopathie ist weder Naturheilkunde noch Medizin

Trotz der Förderung durch die Politik und des Schweigens derer, die es besser wissen müssten, ist und bleibt die Homöopathie ein Verfahren, das im klaren Widerspruch zu gesicherten wissenschaftlichen Grundlagen steht. Die Mitglieder und Förderer des „Informationsnetzwerks Homöopathie“ sehen in der Homöopathie eine sich hartnäckig haltende Glaubenslehre, die weder als Naturheilkunde noch als Medizin anzusehen ist. Im Netzwerk haben sich Ärzte, Apotheker, Tierärzte, Biologen, Naturwissenschaftler und andere engagierte Kritiker der Homöopathie zusammengefunden, die das Ziel vereint, diese oft verschleierte Tatsache deutlicher ins Bewusstsein der Gesellschaft zu rücken.

Kein Sonderstatus für Homöopathie

In den über 200 Jahren ihrer Existenz hat es die Homöopathie nicht geschafft, ihre spezifische Wirksamkeit nach objektiven Kriterien zu belegen. Sie überlebt vielmehr nur, weil ihr im deutschen Gesundheitssystem ein Sonderstatus zukommt, der ihr nach Ansicht der Experten des Netzwerks nicht zusteht. Während Medikamente ihre Wirksamkeit nach objektiven Kriterien nachweisen müssen, ist die Homöopathie davon befreit. Gegen ein solches Zweiklassensystem in der Medizin wehren wir uns.
Die Homöopathie hat es auch nicht geschafft, einen plausiblen Wirkmechanismus darzulegen. Stattdessen erwecken ihre Vertreter den Eindruck, es gäbe noch Unsicherheiten, die zu klären wären. Dem widersprechen wir vehement. Die Homöopathie ist keine unkonventionelle Methode, die weiterer wissenschaftlicher Prüfung bedarf. Ihr Fundament besteht aus längst widerlegten Thesen wie der „Ähnlichkeitsregel“, der „Lebenskraft“ oder des „Potenzierens durch Verdünnen“.

Selbsttäuschung von Patient und Therapeut

Wir möchten therapeutische Wirkungen, die im Rahmen einer homöopathischen Behandlung zustande kommen können, nicht in Abrede stellen. Diese haben allerdings nichts mit dem spezifisch verabreichten Homöopathikum zu tun. Vielmehr beruht die vermutete und vermeintlich erfahrene Wirksamkeit homöopathischer Präparate auf Suggestion und Autosuggestion der Patienten und Therapeuten. Die Mechanismen solcher (Selbst-)Täuschungen sind vielfältig, aber bestens bekannt und erforscht. Durch Kontexteffekte hervorgerufene Verbesserungen des Befindens können und dürfen nicht kausal dem Homöopathikum zugeschrieben werden. Wir gehen davon aus, dass viele homöopathisch arbeitende Mediziner und Heilpraktiker sich der Existenz und Vielfalt solcher Mechanismen nicht bewusst sind und in bester Absicht handeln. Das ändert jedoch nichts daran, dass die Schlüsse, die sie ziehen, falsch sind und daher schädlich sein können.

Medizin und Wissenschaft

Keineswegs behaupten wir, dass die von uns vertretene wissenschaftliche Methode derzeit alles erforschen und erklären kann. Sie versetzt uns aber in die Lage zu erklären, dass die Homöopathie sich selbst nicht erklären kann. Und sie ist der beste Weg, den wir zur Verfügung haben, wirksame Behandlungen von unwirksamen zu unterscheiden. Ein in der Bevölkerung fest verankerter Glaube an Heilsversprechen, welcher von interessierter Seite, Politik und Journalismus weiter genährt wird, kann niemals Richtschnur für das Handeln in der Medizin sein.

Ziel dieser Erklärung

Ziele unserer Kritik sind nicht der heilsuchende Patient und der einzelne homöopathisch arbeitende Therapeut, sondern die aufgebaute Lehre und die Institutionen des Gesundheitswesens, welche die Widersinnigkeit der Homöopathie längst erkennen könnten, aber dennoch nicht einschreiten. Wir fordern die Akteure des wissenschaftlich begründeten Gesundheitswesens auf, sich endlich von der Homöopathie und anderen pseudomedizinischen Verfahren abzuwenden und zurückzukehren zu dem, was selbstverständlich sein sollte: Wissenschaftlich validierte, faire und allgemein nachvollziehbare Regeln für eine hochwertige Medizin, ausgerichtet am Wohlergehen der Patienten.
                                                                               

 Freiburg im Februar 2016


Verfasser
:
Dr.-Ing. Norbert Aust, Initiator Informationsnetzwerk Homöopathie
Dr. med. Natalie Grams, Leiterin Informationsnetzwerk Homöopathie
Amardeo Sarma, GWUP Vorsitzender und Fellow von CSI (Committee for Skeptical Inquiry)
Unterzeichner:
Edzard Ernst, Emeritus Professor, Universität Exeter, UK
Prof. Dr. Rudolf Happle, Verfasser der Marburger Erklärung zur Homöopathie
Prof. Dr. Wolfgang Hell, Vorsitzender des Wissenschaftsrates der GWUP
Prof. Norbert Schmacke, Institut für Public Health und Pflegeforschung, Universität Bremen
Dr. rer. nat. Christian Weymayr, freier Medizinjournalist

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