Lesepotpourri August und September

Die beliebte Rubrik „Was liest der Kinderdok“ wird erfolgreich fortgesetzt, wie immer zusammenfassend und fett verspätet, aber dennoch bunt und informativ. Hier die Stars der letzten Monate:


All the Birds in the Sky von Charlie Jane Anders
Klar erinnert das etwas an Harry Potter, wenn wieder einmal ein Zaubermensch (diesmal eine Hexe) als Protagonistin auftritt. Aber Patricia ist ganz anders als der vielfach geleckte und trotzdem tolle Harry. Sie spricht mit Tieren, wird durch viele Umwege ihre Bestimmung auf dieser Welt finden und trifft vor allem auf Laurence, den durchgeknallten Hochintellektuellen. Da fällt mir auf: Der erinnert übrigens ein wenig an Eoin Colfers Artemis Fowl.
Also: Hermione Granger trifft auf Artemis Fowl. Nein. Das verkürzt diesen coolen Jugend-Urban-Fairy-Tale-Roman auf ein zu schwaches Level. Hier gibts bestimmt bald eine Fortsetzung. (5/5)


The Sense of an Ending von Julian Barnes
Als ich diesen Roman im „Waterstones“ in Edinburgh gekauft habe, raunte mir die nette Verkäuferin zu, dies sei „one of her favourite, I love it“ zu. Vielleicht macht sie das immer und das gehört zur Bestätigungstaktik grosser Buchhandlungen – aber dennoch: Auch für mich ist dieses Buch „one favourite“ mit sofortiger Wirkung. Wer einen 150-Seiten-Roman lesen will, der poetisch ist, bildet, nachdenklich macht, und trotzdem nicht abgehoben, sondern auf dieser Welt bleibt, lese „Vom Ende einer Geschichte“ (dessen deutscher Titel dem „sense“ des Romanes in keiner Weise gerecht wird).
Tony und Adrian sind gute Freunde in der Schule, verlieren sich aus den Augen und treffen sich wieder, unglücklich und vom Leben verwirrt. Wie ein einzelne Begegnung, ein einzelnes Wort, eine unbedachte Äußerung das Leben in diese oder jene Richtung lenken kann, lehrt dieses Buch. Manche lügen sich durch ihre ganze Geschichte und manche vor allem sich selbst. (5/5)


Geister von Nathan Hill (Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence und Katrin Behringer)
Wie ich auf diesen Roman kam, weiß ich gar nicht mehr, er umspülte mich in irgendwelche Cookie-Online-Amazon-Empfehlungen, ich las mich fest in der Kindle-Leseprobe und kam nicht mehr los. Der glücklose Literaturprofessor Samuel findet seine Mutter wieder, die ihn und seinen Vater vor Jahren unter dubiosen Vorzeichen verließ. Sie gerät in die Schlagzeilen, weil sie einen Senatorenkandidaten mit Steinen bewirft und Samuel soll „das Aufdeckungsbuch“ über die vermeintliche „Terroristin“, seine Mutter schreiben. Dass es anders kommt, dürfte klar sein. ein Buch, dass viel über die amerikanische Gesellschaft verrät, über Verstrickung der Politik und des Journalismus, knackig geschrieben und sehr unterhaltsam, vielleicht im Stil von Jonathan Franzen oder Jeffrey Eugenides. (4/5)


Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr (Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence)
Pulitzerpreis von 2015 sollte ein Qualitätsmerkmal dieses Romanes sein. Er erzählt die Geschichte eines blinden Mädchens, dass unter den näher rückenden Deutschen im Zweiten Weltkrieg aus Paris flüchtet und mit ihrem Vater durch Frankreich irrt. Parallel lernen wir Werner kennen, einen deutschen verwaisten Jungen, der dank seiner Intelligenz in Nazideutschland auf eine Eliteschule gehen darf und schließlich auch in den Wirren des Krieges nach Frankreich versetzt wird. Hier kreuzen sich die Wege der Kinder.
Eine schöne Sprache, ein virtuos komponiertes Buch aus Rückblenden und zwei Erzählsträngen, sehr einfühlsam die Schilderungen aus dem Off der „Sichtweise“ des blinden Mädchens. Aber seltsam: Mich hat das Buch nicht eingesogen, ich konnte mich nicht festlesen. Vielleicht die falsche Zeit. Das Buch bekommt einen zweiten Versuch, bis dahin: (3/5)


Die Terranauten von T.C. Boyle (Übersetzt von Dirk von Gunsteren)
T.C. Boyle schreibt mal wieder über sein Lieblingssujet: Eine Gruppe von Menschen, unterschiedlicher wie nur möglich, gebettet in einen Plot rund um die Umwelt, und wie wir sie schützen können. Anders als in seinen letzten Büchern ist es diesmal aber die menschliche Natur, die Probleme im Zusammenleben macht. Wen wundert es: Boyle schildert das „Second Earth“ Experiment, in dem eine Gruppe von Wissenschaftlern unter einen riesigen Kuppel, abgeschnitten von anderen, autark überleben sollen, z.B. als Vorbereitungen für eine mögliche Marsmission.
Nach den letzten Durchhängern fand ich Boyles Buch diesmal richtig gut, eine perfekte Urlaubslektüre (bei mir auch) – spannend, unaufdringlich vorhersehbar, mit ein paar netten Twists und einen Background, der nachdenken lässt. (5/5)


Was vom Tage übrig blieb von Kazuo Ishiguro (Übersetzt von Hermann Stiehl)
Als habe ich es gewusst: Nach dem „Begrabenen Riesen“ im letzten Jahr las ich in diesem Sommer endlich einen anderen Roman von Ishiguro, seinen bekanntesten, über den Butler in England, der auf eine Reise geht und die Konventionen übertritt und die Liebe entdeckt. Oder auch nicht. Herrlich zurückgenommen, distingiert, wie sich das für einen Butler gehört, ist dieser Roman auch geschrieben. Kein dickes Werk, aber voll der poetischen Sprache des neuen britischen Nobelpreisträgers für Literatur mit japanischen Wurzeln. (5/5)


Die Stadt, in der es mich nicht gibt von Kei Sanbe
Mit Comics ist das bei mir so eine Sache: Klar, die Story muss stimmen, wie in jedem Buch, aber bei Comics ist das Auge doch viel mehr gefordert, der Erzählrhythmus wird weniger durch die Worte der Sprechblasen geprägt, sondern durch die Aufteilung der Panels und – logisch – den Zeichenstil selbst.
„Die Stadt, in der…“ fällt unter die Mangas, gelesen von vorne nach hinten, von rechts nach links, das ist lustig und hipp, und ich habe auch Mangas gelesen, die mich dabei nicht gestört haben. Hier schon. Vielleicht, weil die Geschichte über Zeitensprünge sowieso schon die Zeitachse auf den Kopf stellt. Außerdem habe ich nun für mich beschlossen, dass der Manga-Tokyo-Pop-Stil nichts für mich sind. Auch wenn mich z.B. die Reihe Barfuß durch Hiroshima von Keji Nakazawa absolut umgehauen hat.
Der vorliegende Manga hat das nicht – Kultcomic hin oder her – schade. (2/5)

[Dieser Text enthält so genannte Affiliate Links – siehe Impressum]

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Überfüttern von Säuglingen führt zu Fettleibigkeit bei Erwachsenen

baby fat

Ein neues Buch weist unmissverständlich daraufhin, dass das Überfüttern von Säuglingen während der ersten Monaten nach Geburt bereits den Stoffwechsel so negativ verändern kann, dass dies in späteren (erwachsenen) Jahren kaum noch zu korrigieren ist.

Mulchand Patel, Biochemie-Prof an der Universität von Buffalo and Jens Høiriis Nielsen von der Universität Kopenhagen versammeln ihrem Buch die aktuellsten Erkenntnisse zum so genannten Priming, dem Einfluss der Ernährung der Mutter während der Schwangerschaft und der Ernährung des Säuglings auf das genetische Potential des Stoffwechsels, der Entwicklung von Übergewicht, des Metabolischen Syndroms und Diabetes beim Erwachsenen. Dabei sind sie recht klar in ihren Erkenntnissen aus Untersuchungen an Tieren: Die übermäßige Aufnahme kohlenhydratreicher Formula-Milch durch das so genannte „Overfeeding“ reprogrammiert den Stoffwechsel des Menschen, dies sei auch durch einen Korrektur in späteren Jahren nicht wieder aufzuholen.
Sie gehen sogar noch weiter und postulieren, dass die DNA dermaßen ummoduliert werde, dass dies nicht nur den Metabolismus des Einzelnen, sondern auch späterer Generationen negativ beeinflusse.

Wir Kinderärzte kennen das aus der Praxis: Das „feeding on demand“, das für gestillte Kinder sehr wohl empfohlen wird, kann bei flaschengefütterten Säuglingen zu einem Überangebot an Formelmilch führen. Es wird von vorne herein mehr Milch zubereitet als später benötigt. Der letzte Tropfen Milch muß dann aber auch noch rein, die empfohlene Milchmenge wird dabei oft überschritten oder die Pulverdosierung nicht eingehalten. Da wird aus einem gestrichenen Löffel schnell der gehäufte. Auch die frühzeitige Einführung von fester Beikost, vor allem in Form von Getreide und Früchten, begünstigt den unphysiologischen Gewichtsverlauf. Tradierte Ernährungsgewohnheiten wie das Einmischen von Frucht- oder Karottensaft in die Milch oder „Biscotti“ zum Andicken (damit´s Bobele satt werde) sind schwer zu verändern.

Weiter zurück in die Fetalzeit, so Mulchand Patel, führt auch die übermäßige Kohlenhydrataufnahme, Übergewicht und Diabetes der Schwangeren zu einem Priming bereits der fetalen DNA, später Fettleibigkeit zu entwickeln. Übergewichtige Schwangere haben ein höheres Risiko, später übergewichtige Kinder großzuziehen.

Dank dieser Erkenntnisse der letzten Jahre haben sich auch die Ernährungsempfehlungen für die jungen Familien deutlich geändert. Programme wie „9+12“ der „Plattform Ernährung und Bewegung“ versucht in Deutschland, bereits während der neun Monate der Schwangerschaft, dann in den ersten zwölf Monaten der Säuglingszeit eine gesunde Ernährung und bewegungsorientierte Umgebung der Familie zu initiieren. Dabei sind Gynäkologen, Hebammen und Kinderärzte gemeinsam gefordert, die empfohlenen Richtlinien umzusetzen:

– Vermeidung von Übergewicht und diabetischen Stoffwechsellagen in der Schwangerschaft
– Förderung von Bewegung in der Schwangerschaft
– Gesund ausgeglichenes, selbst gekochtes Essen
– Fördern des ausschließlich Stillens während der ersten sechs Säuglingsmonate, danach Weiterstillen mit kontrolliert gesunder Mischkost (wieder: möglichst selbst gekocht)
– Vermeiden von Medienkonsum und Bewegungsmangel durch aktives Ansprechen während der Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt

Unsere Kinder werden es uns danken: Primäre Prävention ist am erfolgsversprechendsten; Ist das Kind oder der Jugendliche bereits dick, greifen Bewegungs- und Ernährungsprogramme oder gar Abnehmkuren nur noch unzureichend. Leider Alltag in den Kinder- und Jugendarztpraxen.

Fetal and Early Postnatal Programming and its Influence on Adult Health
Do bigger bottles lead to bigger babies?
9+12 – Projekt der Plattform Ernährung und Bewegung
Projektmaterialien

Ursprünglich hier

(c) Foto bei Flickr/hto2008 (unter CC-Lizenz)

Wenn der Kopf brummt

Überraschung! 171/366

Dass Kinder auf den Kopf fallen, ist der häufigste Unfallvorgang im Kindesalter. Abgelöst wird das im Schulalter durch Sportunfälle: Stürze beim Fussball, Rangeleien auf dem Schulhof, beim Skifahren.

Ich habe in der Praxis den Eindruck, diese Prellungen des Kopfes werden zu sehr auf die leichte Schulter genommen. Als ich vor über zwanzig Jahren in einem, sagen wir, prekären Vorort einer englischen Großstadt meine Arztpraktikum absolvierte, waren wir Assistenten in der Notfallambulanz angehalten, jeden Sturz sehr ernst zu nehmen und die Eltern auch bei Entlassung genau zu briefen. Und Stürze gab es dort viele.

In meiner Ausbildung in Deutschland waren alle viel entspannter. „Das passiert eben“, „die Schädel halten das aus“ waren häufige Sprüche. Naja. Auch in den Sportvereinen meiner Kinder sehen das die Betreuer eher gelassen.

Daher freue ich mich, dass das Thema „Gehirnerschütterung“ durch neue Initiativen wieder mehr in den Focus gerückt wird:

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„Eine Gehirnerschütterung ist eine leichte Verletzung des Gehirns, die durch einen Schlag oder Stoß auf den Kopf entsteht. Kopfschmerzen, Übelkeit, aber auch emotionale Probleme können die Folge sein.

„Die Anzeichen für eine Gehirnerschütterung reichen von Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel, Gleichgewichts- und Sehstörungen, Licht- und Lärmempfindlichkeit über Schlafstörungen, Schwierigkeiten beim Denken, emotionale Probleme bis hin zu Bewusstlosigkeit.

Weinen ohne Grund kann auch ein Zeichen sein. Bei Krämpfen, Schwäche in den Gliedmaßen, verwaschener Sprache und Verwirrtheit sollte umgehend eine Ambulanz gerufen werden“, rät Dr. Hermann Josef Kahl, Kinder- und Jugendarzt sowie Bundespressesprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Die Symptome können auch zeitverzögert auftreten.

Das Gehirn ist im Schädel von einer schützenden Flüssigkeit, dem sogenannten Liquor, umgeben. Schlägt der Kopf mit großer Geschwindigkeit auf einen harten Gegenstand oder wird der Kopf durch einen Stoß heftig bewegt, kann das Hirn trotzdem an den Schädelknochen prallen. Es gehen neuronale Verbindungen im Gehirn verloren. Diese können sich nur mit ausreichend Erholungszeit – etwa sechs bis zehn Tage je nach Schwere der Gehirnerschütterung – wieder regenerieren. Wiederholte Erschütterungen führen aber zu Entzündungsreaktionen, und es sterben Gehirnzellen ab. „Nach etwa zwei bis vier Tagen Ruhepause können Schüler evtl. wieder in die Schule gehen – vorausgesetzt, sie können sich eine Dreiviertel bis zwei Stunden ohne Verstärkung von Kopfschmerzen und anderen Beschwerden geistig beschäftigen, wie z.B. lesen. In die Schule sollten sie aber nur dann, wenn sie die Anstrengungen schrittweise anpassen und Ruhezeiten in der Schule einhalten können. Dafür kann eine schriftliche Empfehlung des Arztes hilfreich sein“, so Dr. Kahl.

Folgende Maßnahmen können den Schulalltag erleichtern: Regelmäßige Pausen, geringe Gewichtsbelastung z.B. durch den Schulranzen, Wahl eines Sitzplatzes fern vom Fenster (lichtarm), evtl. Aufsetzen einer Sonnenbrille, zunächst Sportverzicht, Nutzen von Rolltreppen und Fahrstuhl, Vermeidung unnötiger Geräuschbelastung oder evtl. Tragen eines Hörschutzes, minimaler Gebrauch von Computer, Handys und sonstigen Bildschirmen sowie Einschränkung des Lesens.

Die Initiative „Schütz Deinen Kopf!“ der ZNS-Hannelore-Kohl-Stiftung empfiehlt ein 5-Stufen-Programm:

  • Stufe 1: keine geistige Aktivität,
  • Stufe 2: 5- bis 15-minütige geistige Aktivitäten,
  • Stufe 3: Erhöhung der geistigen Tätigkeiten mit 20- bis 30-Mintuten-Intervallen,
  • Stufe 4: schrittweiser Schulbeginn mit 1 bis 2 Stunden Konzentrationszeit,
  • Stufe 5: Wiederaufnahme der vollen geistigen Arbeit und Beginn des Zurück-zum-Sport-Protokolls.

Quellen: Unfallchirurg, GET – Gehirn Erschüttert? TestApp, 5-Stufen-Programm der Initiative „Schütz Deinen Kopf!“ der ZNS-Hannelore-Kohl-Stiftung, HealthDay
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Dies ist eine Pressemeldung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V.

(C) Foto bei Flickr/Dennis Skley (unter CC Lizenz CC BYND 2.0)

Prüfen – Rufen – Drücken

Zur Woche der Wiederbelebung –

angucken, checken, anwenden!

Website zur Aktion

Kurzanleitung zum Ausdrucken

Gesundheit für Kinder – Buchtipp [Werbung]

Das Buch habe ich schon häufiger hier erwähnt, vielleicht findet auch jemand noch die Erstempfehlung (ich habe es nicht geschafft), meine erste Wahl, wenn Eltern nach einem guten Buch über Kinderkrankheiten fragen:

Gesundheit für Kinder von Herbert Renz-Polster, Nicole Menche und Arne Schäffler

Es erschien wenige Monate nach meiner Niederlassung und hat mich gleich fasziniert, heuer erlebt das Buch seine neunte („überarbeitete“) Auflage und bleibt eine Empfehlung. Die Inhalte sprechen für sich: Prävention, Symptome und ihre Ursachen, Kinder mit Handicaps, Darstellung der Einzelerkrankungen und schließlich Erste Hilfe, schnell findbar am Ende des Buches und sauber rot abgesetzt.

Was gefällt?

Selten finden sich die wichtigen Dinge rund um die Kindergesundheit so gut zusammengefasst, sinnig gegliedert und gewertet. Tabellen zum schnellen Überblick, Cartoons und schöne Kinderbilder ergänzen die Auswahl, das Layout mit viel Farbe und dem „Kreidestil“ sind stimmig. Wer es braucht: Es finden sich genug Hinweise zu alternativen Heilverfahren.

Die Positionen zu denselben sind freundlich, es gibt Empfehlungen, aber es gibt auch gute Grenzsetzungen.

Was gefällt nicht so?

Der Ratgeber ist nun dick genug (528 Seiten). Mehr Inhalt in den nächsten Auflagen würde das Werk überfrachten und die Grenze zum Lehrbuch überschreiten. Bereits jetzt sind manche Texte zu lang.

Klar sehe ich die Empfehlungen zur Homöopathie sehr kritisch, aber die Be-wertung in den einführenden Texten wirkt zwar leicht distanziert, in den speziellen Krankheitskapiteln stehen dann jedoch Glaubuli und andere pseudomedizinische Heilverfahren oft gleichberechtigt zur echten Medizin.

Impfungen werden klar befürwortet, individuelle Impfentscheidungen für mein Empfinden kritisch gesehen, jedoch bestimmte Impfungen als eingeschränkt (Mumps, Hepatitis B, HPV, Rota) bzw. als verzichtbar (Windpocken) eingestuft. Hier hätte ich mir mehr Vertrauen in die STIKO-Empfehlung gewünscht, ich habe den Eindruck, die Autoren wollen es (wie bei den Alternativverfahren) allen Recht machen, deshalb wird alles erwähnt. Aber vielleicht muss ein Buch so sein.

Auch wenn der Absatz des Nichtgefallens größer ausfällt, bleibt das Buch eine Empfehlung, für mich gibt es keine gute andere, vor allem abseits der GU-Ratgeber-Flut.

Gesundheit für Kinder: Kinderkrankheiten verhüten, erkennen, behandeln von Herbert Renz-Polster, Nicole Menche und Arne Schäffler (alles Drs.)
€ 29,95 [D] inkl. MwSt.
€ 30,80 [A] | CHF 39,90*
(* empf. VK-Preis)
Gebundenes Buch, Pappband
ISBN: 978-3-466-30904-7

Link zu Random House mit mehr Infos, Videos und Leseprobe

Iss bei Hunger und nicht, wenn Du traurig bist

„Eine norwegische Studie weist darauf hin, dass Kinder, deren Eltern sie häufig mit Essen trösteten, auch später zu „emotionalem Essen“ neigen.

„Mit emotionalem Essen stillen Menschen nicht ihren Hunger, sondern sie bekämpfen schlechte Gefühle. Kinder entwickeln Bewältigungsstrategien, um Unangenehmes zu vermeiden. Erhalten sie oft etwas Süßes gegen ihren Schmerz oder andere unschöne Erfahrungen, eignen sie sich diese Methode gerne an“, erläutert Dr. Monika Niehaus, Kinder- und Jugendärztin sowie Mitglied des Expertengremiums des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ).

Der Untersuchung um Dr. Professor Silje Steinsbekk von der Universität in Trondheim zufolge zeigten Kinder, deren Eltern ihnen im Alter von vier Jahren Naschereien zur Beruhigung angeboten hatten, im Alter von 6, 8 und 10 Jahren vermehrt Anzeichen von emotionalem Essen. Nahrungsmittel, die Kinder gegen Furcht, körperliche oder seelische Verletzungen und Ähnliches verzehren, sind i.d.R. auch besonders kalorienreich, wie z.B. Süßigkeiten. Kohlenhydratreiche Speisen regen die Ausschüttung des Neurotransmitters Serotonin an und Zucker die von Dopamin, die beide das Wohlbefinden steigern können. Serotonin gilt deshalb auch als „Glückshormon“.

Die norwegischen Experten konnten zudem beobachten, dass Kinder, die sich schneller aufregten und/oder sich gut durch „Leckereien“ beruhigen ließen, auch tendenziell mehr von den Eltern damit besänftigt wurden. Was zum Teil erklärt, warum Kinder, die leicht aus der Fassung geraten, eher emotionale Esser sind. „Umarmen Sie Ihr Kind und sprechen Sie liebevoll mit ihm, wenn es traurig ist oder ihm etwa weh tut. Vielleicht kann auch die Aussicht auf eine Geschichte helfen, die Sie ihm vorlesen. Finden Sie heraus, was Ihrem Kind helfen kann – aber ohne Kalorien“, rät Dr. Niehaus und schließt sich damit Steinsbekks Vorschlägen an.


Quelle: ScienceDaily, HealthDay, Child Development

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Dies ist eine Pressemeldung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V.

Tolles Heft [Werbung, eigentlich*]

Früher hieß das „Schwungübungen“ oder „Schreib doch mal schön!“, heute sollen viele Grundschüler Ergotherapie bekommen, damit ihre Schrift hübscher wird, lesbarer, angenehmer zu Korrigieren für die armen Lehrer. Du könntest jetzt philosophieren, was da verpasst wurde oder wer da nicht genug gefördert hat, Kindergarten oder Eltern, aber meist ist es einfach so: Manche haben eine Grottenschrift.

Miriam Stiehler möchte das nicht so stehen lassen. Für sie ist ist Schrift eine Kulturtechnik, ein Ausdruck der Ästhetik. Und sie wünscht sich, eine bessere Handschrift bereits anzubahnen, als sie später zu therapieren. In ihrer eigenen Praxis und auf ihrem Blog http://www.praxis-foerderdiagnostik.de beschäftigt sie sich schon lange mit dem Thema. Und jetzt ist es da:

Ein Heft zum Üben. „Mit spitzem Stift zu schöner Schrift“

Mir gefällt es: Einer Einführung mit theoretischen Hintergrund und ein paar „handfesten“ Bildern zur optimalen Stifthaltung folgen Tipps zu Material, also den Stiften, der richtigen Körperhaltung und dem besten Schreibtisch. Wer mehr lesen will, findet noch Wort zur Lernerziehung und ein Plädoyer für die schöne Schrift. Dabei hebt Miriam nie den Zeigefinger, sondern weckt Begeisterung.

Und dann kommen die Übungen: Einfache, schwere, Bilder, Muster, Inka-Tempel, Monster, Tiere, Blumen, Zahlen, Feuerwerke und Marsmännchen. Immer mit Vorübungen, Strichelhilfe und viel Platz zum Nachmalen. Da bekommst Du Lust, selbst zu kritzeln, Pardon, zu zeichnen.

Ich bestelle sicher ein paar Exemplare für die Praxis – Eltern brauchen Hilfsmittel, mit „Machen Sie doch mal Schwungübungen mit Patrick“ oder „Kaufen Sie sich ein paar Vorschulblöcke“ ist ihnen zu wenig geholfen. Ohje, die Ergotherapeuten werden arbeitslos.

52 Seiten – 6,90€ – Jede Seite ist ihr Geld wert. Bestellen?

Weiteres:
Praxis Förderdiagnostik
Familienergo vom Kollegen Dernick
Da müssese mal zur Ergo

*[ist es eigentlich Werbung, wenn ich Dinge empfehle, die ich echt gut finde? Außer einem Rezensionsexemplar bekomme ich übrigens keine Prozente von Miriam. Also: Eigentlich Werbung, aber eigentlich eine Empfehlung]

PsychCast mit Alexander und Jan


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Die beiden Kollegen vom PsychCast, dem einzig wahren Podcast zur Psychiatrie und Psychosomatik in Deutschland, hatten mich zu ihrer Jubiläumsausgabe No. 50 für ein Interview eingeladen.

Das läuft ja sehr professionell ab: Mit Übungssession eine Woche vorher, mit Abgleich des technischen Equipments, auf ihrer Seite viel High Tech, sicherer Bandbreite, 1A-Mikrofonen, bei mir ein ordentlicher Laptop mit einfachem Mikrofon (immerhin mit Popschutz). Alles wird sicher gut. Dann am Aufnahmetag kriselt es nach wenigen Minuten – die Internetbandbreite auf meiner Seite geht in die Knie… Was soll's, das gute alte Festnetztelefon tut es auch. 😀

Hier nun also der Podcast mit Alexander Kugelstadt und Jan Dreher – wir sprachen über ADHS, der unübersehbaren Schnittstelle der Psychos und des Kinder- und Jugendarzt, Geschwisterrivalität, passenden und unpassenden Schulformen, aufgeregte Eltern und "Wie sage ich es dem Kind". Die Stunde war einszweidrei vorbei, ich glaube, wir hätten noch lange weiterplaudern können.

Viel Spaß beim Zuhören, schaut mal bei den PsychCastern vorbei, Kommentare wie immer gewünscht.

Alles dran? Über Hodenfehlanlagen

Nuts

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Vater:“Ist denn das da unten auch alles dran?“
Ich mache gerade die U3 bei seinem Sohn, und während die Mutter beschäftigt ist, andauernd ihrem Sohn den Schnuller in den Mund zu stecken, den dieser aber sofort wieder hinausbefördert, sieht Vater sehr genau hin, was ich mache.
Ich: „Ja, sieht alles normal aus.“
Penis, Skrotum, Hoden. Vorhaut an der richtigen Stelle, natürlich noch eng. Keine Verlegung der Glans oder des Orificiums, alles prima.
Vater: „Die Kronjuwelen auch?“
Ich: „Ja, auch die.“

Interessant, dass die meisten Leute sich gar nicht so sehr dafür interessieren. Interessant auch, dass viele Eltern, gerade auch die Väter, wenig wissen, wie es „da unten“ bei den Jungs so aussieht. Frauen gehen mit den Genitalien ihrer Töchter wesentlich entspannter um, aber auch da gibt es mal Fragen nach dieser oder jener Rötung oder anatomischen Veränderung. Doktor Sommer lässt grüßen.

Die Untersuchung der Hoden

Die Hoden, also die Kronjuwelen, die Kugeln, die Nüsse, die Erbanlagen des Jungen, sollten typischerweise bei Geburt im Skrotum, also dem Hodensack, tastbar sein. Dies dürfte bei über 95% aller reifgeborenen Junges der Fall sein.

Ist dies bei Geburt noch nicht so, vielleicht auch nicht bei U2 oder U3, beginnt die Suche. Der Kinderarzt betastet den Leistenkanal, streicht ihn nach unten aus – manche Hoden hängen an einem sehr kurzen Samenstrang -, manches Skrotum hat einen so starken Cremasterreflex (die Muskulatur um den Hodensack), dass dabei die Hoden sehr weit Richtung Leiste rutschen. Gelingt dieses Manöver des Abstreichens, alles prima.

Wir wiederholen diese Prozedur bei allen „kleinen“ Vorsorgen, also bis zur U7, danach ist es sehr unwahrscheinlich, dass ein zuvor tastbarer Hoden plötzlich nicht mehr zu finden ist. Dennoch schaut man ebenso bei den „grossen“ Vorsorgen, also mit drei, vier und fünf Jahren, routinemäßig nach den Nüsschen. Das ist ein Blick, schließlich geht es auch um die Entwicklung des Genitales, der Vorhaut und der Beurteilung eines möglichen Leistenbruches oder ähnlichem.

Bei Schulkindern und Jugendlichen geht das dann nur noch mit dem OK des Patienten – meist haben die Jungs nichts dagegen, wenn Experte Doktor mal schaut, ob alles so ist, wie es sein soll – wer sagt es ihnen auch sonst?

Welche Veränderungen der Hodenlage kann es geben?

Wie bereits erwähnt: Die Hoden sind in aller Regel bei Geburt deszendiert, also „abgestiegen“, dies erfolgt während der letzten Wochen der Embryonalzeit, und darf noch bis zu einem halben Jahr andauern. Ab dann wird es interessanter.

Mögliche Hodenlagen können sein:
Gleithoden: Der oder die Hoden sind zwar findbar, lassen sich ausstreichen, wie oben beschrieben, rutschen aber sofort wieder nach oben in die Leistenregion. Meist liegt ein zu kurzer Samenstrang vor.
Pendelhoden: Die Hoden liegen überwiegend unten im Skrotum. Nur bei sehr starkem Cremasterzug rutschen die Hoden nach oben, bei Entspannung sind sie wieder unten. Eine Normvariante.
Leistenhoden: Jetzt sind sie die ganze Zeit in der Leiste zu finden. Natürlich auch einseitig. Ein Ausstreichen ist nicht möglich.
– Der oder die Hoden sind gar nicht tastbar, der so genannte Kryptorchismus. Hier liegen die Hoden meist im Bereich des Bauchraums, aber auch im Bereich des Oberschenkels (Via valsa der Deszendierung) oder sind gar nicht angelegt, bei letzterem spricht von Anorchie.

Bis auf die Pendelhoden sollten alle anderen Varianten behandelt werden, da sonst der zukünftigen Familie Unfruchtbarkeit droht (der Hoden muss außerhalb des Bauchraums liegen, sonst ist es den Spermien zu warm, sie werden nicht ausreichend gebildet bzw. sind nicht bewegungsfähig genug), zum anderen bedeutet ein ektoper (fehlgelegener) Hoden ein erhöhtes Risiko (5-10%) für eine Tumorentstehung.

Wann wird behandelt?

Ab 6 Monaten. Zunächst mit Hormonspritzen oder -nasensprays, später dann, wenn nötig, mit einer Operation. Dabei wird der (wenn vorhanden) Hoden im Hodensack festgenäht (Orchidopexie), die Hormonbehandlung hat eventuell zu einer Mobilisierung des Samenstrangs beigetragen. Oder der Hoden wird (wenn bisher nicht erfolgt) im Abdomen gesucht und meist dann entfernt, da eine Mobilisierung unterhalb der Leiste in aller Regel nicht gelingt.
Der Abschluss der Behandlung sollte mit dem ersten Geburtstag gelungen sein. Wir haben also ein Zeitfenster von einem halben Jahr. Dank der Vorsorgen U5 und U6 werden die meisten Jungen mit Hodenfehlanlagen frühzeitig erkannt.

Vater: „Wenn ich die Windel aufmache, dann sind manchmal die … äh, Hoden weg.“
Ich: „Ja, das ist der Kältereiz. Da gehen die auf die Flucht. Das kommt wohl aus der Urzeit, wenn die Männer vor der Gefahr wegrannten, dann zog der Körper die Hoden näher an den Körpermittelpunkt. Damit sie nicht im Weg waren beim Laufen.“
Vater: „Ah ja… Ja, das kenne ich.“

S2k-Leitlinie Hodenhochstand – Maldeszensus testis

(C) Foto Nuts bei Flickr/Thomas Hawk (unter CC Lizenz BY NC 2.0)

Wenn den Kindern auf der Reise übel ist

„Die Ferienzeit naht – und damit erinnert sich vielleicht die eine oder andere Familie auch an unschöne Erlebnisse mit Erbrochenem auf dem Rücksitz oder im Fußraum, improvisierte Reinigungsaktionen und unnötigen Stress bei der letztjährigen Fahrt in den Urlaub.Warum trifft es immer die Kleinen bei der Reiseübelkeit? Und was kann man dagegen unternehmen?
Viele Eltern schwören auf Übelkeit reduzierende Medikamente. Vom unkritischen Einsatz vieler dieser Stoffe raten Kinder- und Jugendärzte aber dringend ab. 

Michael Achenbach, Landes-Pressesprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) in Westfalen-Lippe: „Gerade bei Kleinkindern kann es in seltenen Fällen zu gegenteiligen Wirkungen kommen. Die Medikamente lösen den Brechreiz erst aus. Auch hat es bei diesen Präparaten schon Überdosierungen mit tödlichem Verlauf gegeben. Eltern sollten also immer über alternative Möglichkeiten zur Vermeidung und Reduktion von Reiseübelkeit Bescheid wissen.“

Reiseübelkeit entsteht, wenn die Signale des Gleichgewichtsorgans nicht mit den restlichen Sinneseindrücken übereinstimmen. Babys stört das noch nicht so sehr, da in diesem Alter die optischen Eindrücke noch nicht mit Bewegungserfahrungen gekoppelt sind. Ab dem Alter von zwei Jahren kann die Übelkeit Kinder dann aber umso heftiger erwischen. „Der Körper denkt, er steht still, das Gleichgewichtsorgan meldet hingegen Bewegung. Auf diesen Widerspruch reagiert der Körper mit Übelkeit – bei dem einen Menschen stärker, beim anderen schwächer“, erläutert Achenbach. „Wichtig ist jetzt, die unterschiedlichen Eindrücke besser abzugleichen, zum Beispiel indem das Kind auf der Mitte der Rückbank sitzt, damit es nach vorne sehen kann. Am besten ist es, den Blick auf einen festen Punkt in der Ferne zu richten.“

Aber auch eine sanfte, vorausschauende Fahrweise kann helfen, Übelkeit zu vermeiden.

Außerdem helfen eine leichte Mahlzeit vor Fahrtbeginn, Ablenkung, regelmäßige Pausen an der Frischluft und das Vermeiden widersprüchlicher Sinnesreize. Achenbach: „Wer sich spuckende Kinder auf der Rückbank ersparen will, sollte Tablet, Smartphone, Bücher usw. bis zur Ankunft am Ferienort wegpacken! Beschäftigen Sie statt dessen die Ohren, z.B. mit Geschichten, Hörbüchern usw.“

Auf keinen Fall darf das Kind bei laufender Fahrt abgeschnallt werden, wenn es über Übelkeit klagt. Sicherheit geht immer vor. „Fenster auf, den nächsten Parkplatz ansteuern und – für den schlimmsten Fall – eine Brechtüte parat haben!“ empfiehlt Achenbach. Rezeptfreie Medikamente gegen Reiseübelkeit sollten nur im Ausnahmefall und dann nur in kleinstmöglicher Dosis gegeben werden.

Achenbach: „Ob mit oder hoffentlich ohne Reiseübelkeit: ich wünsche allen Familien einen erholsamen Sommerurlaub.“

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Dies ist eine Pressemeldung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V.

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Ich verlinke immer gerne auf die Seite Kinderaerzte-im-Netz.de, weil das Redaktionsteam gute Recherche betreibt, stets aktuelle Artikel aus internationalen Veröffentlichungen postet und trotzdem auch an eigene Pressemitteilungen wie die oben denkt. Leider gibt es dort keine Kommentarfunktion – es soll wohl bewußt kein übliches Elternforum sein.

Welche Tipps habt Ihr, dass Euren Kindern auf Reisen nicht so kotzerig wird?

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