Tolles Heft [Werbung, eigentlich*]

Früher hieß das „Schwungübungen“ oder „Schreib doch mal schön!“, heute sollen viele Grundschüler Ergotherapie bekommen, damit ihre Schrift hübscher wird, lesbarer, angenehmer zu Korrigieren für die armen Lehrer. Du könntest jetzt philosophieren, was da verpasst wurde oder wer da nicht genug gefördert hat, Kindergarten oder Eltern, aber meist ist es einfach so: Manche haben eine Grottenschrift.

Miriam Stiehler möchte das nicht so stehen lassen. Für sie ist ist Schrift eine Kulturtechnik, ein Ausdruck der Ästhetik. Und sie wünscht sich, eine bessere Handschrift bereits anzubahnen, als sie später zu therapieren. In ihrer eigenen Praxis und auf ihrem Blog http://www.praxis-foerderdiagnostik.de beschäftigt sie sich schon lange mit dem Thema. Und jetzt ist es da:

Ein Heft zum Üben. „Mit spitzem Stift zu schöner Schrift“

Mir gefällt es: Einer Einführung mit theoretischen Hintergrund und ein paar „handfesten“ Bildern zur optimalen Stifthaltung folgen Tipps zu Material, also den Stiften, der richtigen Körperhaltung und dem besten Schreibtisch. Wer mehr lesen will, findet noch Wort zur Lernerziehung und ein Plädoyer für die schöne Schrift. Dabei hebt Miriam nie den Zeigefinger, sondern weckt Begeisterung.

Und dann kommen die Übungen: Einfache, schwere, Bilder, Muster, Inka-Tempel, Monster, Tiere, Blumen, Zahlen, Feuerwerke und Marsmännchen. Immer mit Vorübungen, Strichelhilfe und viel Platz zum Nachmalen. Da bekommst Du Lust, selbst zu kritzeln, Pardon, zu zeichnen.

Ich bestelle sicher ein paar Exemplare für die Praxis – Eltern brauchen Hilfsmittel, mit „Machen Sie doch mal Schwungübungen mit Patrick“ oder „Kaufen Sie sich ein paar Vorschulblöcke“ ist ihnen zu wenig geholfen. Ohje, die Ergotherapeuten werden arbeitslos.

52 Seiten – 6,90€ – Jede Seite ist ihr Geld wert. Bestellen?

Weiteres:
Praxis Förderdiagnostik
Familienergo vom Kollegen Dernick
Da müssese mal zur Ergo

*[ist es eigentlich Werbung, wenn ich Dinge empfehle, die ich echt gut finde? Außer einem Rezensionsexemplar bekomme ich übrigens keine Prozente von Miriam. Also: Eigentlich Werbung, aber eigentlich eine Empfehlung]

PsychCast mit Alexander und Jan


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Die beiden Kollegen vom PsychCast, dem einzig wahren Podcast zur Psychiatrie und Psychosomatik in Deutschland, hatten mich zu ihrer Jubiläumsausgabe No. 50 für ein Interview eingeladen.

Das läuft ja sehr professionell ab: Mit Übungssession eine Woche vorher, mit Abgleich des technischen Equipments, auf ihrer Seite viel High Tech, sicherer Bandbreite, 1A-Mikrofonen, bei mir ein ordentlicher Laptop mit einfachem Mikrofon (immerhin mit Popschutz). Alles wird sicher gut. Dann am Aufnahmetag kriselt es nach wenigen Minuten – die Internetbandbreite auf meiner Seite geht in die Knie… Was soll's, das gute alte Festnetztelefon tut es auch. 😀

Hier nun also der Podcast mit Alexander Kugelstadt und Jan Dreher – wir sprachen über ADHS, der unübersehbaren Schnittstelle der Psychos und des Kinder- und Jugendarzt, Geschwisterrivalität, passenden und unpassenden Schulformen, aufgeregte Eltern und "Wie sage ich es dem Kind". Die Stunde war einszweidrei vorbei, ich glaube, wir hätten noch lange weiterplaudern können.

Viel Spaß beim Zuhören, schaut mal bei den PsychCastern vorbei, Kommentare wie immer gewünscht.

Alles dran? Über Hodenfehlanlagen

Nuts

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Vater:“Ist denn das da unten auch alles dran?“
Ich mache gerade die U3 bei seinem Sohn, und während die Mutter beschäftigt ist, andauernd ihrem Sohn den Schnuller in den Mund zu stecken, den dieser aber sofort wieder hinausbefördert, sieht Vater sehr genau hin, was ich mache.
Ich: „Ja, sieht alles normal aus.“
Penis, Skrotum, Hoden. Vorhaut an der richtigen Stelle, natürlich noch eng. Keine Verlegung der Glans oder des Orificiums, alles prima.
Vater: „Die Kronjuwelen auch?“
Ich: „Ja, auch die.“

Interessant, dass die meisten Leute sich gar nicht so sehr dafür interessieren. Interessant auch, dass viele Eltern, gerade auch die Väter, wenig wissen, wie es „da unten“ bei den Jungs so aussieht. Frauen gehen mit den Genitalien ihrer Töchter wesentlich entspannter um, aber auch da gibt es mal Fragen nach dieser oder jener Rötung oder anatomischen Veränderung. Doktor Sommer lässt grüßen.

Die Untersuchung der Hoden

Die Hoden, also die Kronjuwelen, die Kugeln, die Nüsse, die Erbanlagen des Jungen, sollten typischerweise bei Geburt im Skrotum, also dem Hodensack, tastbar sein. Dies dürfte bei über 95% aller reifgeborenen Junges der Fall sein.

Ist dies bei Geburt noch nicht so, vielleicht auch nicht bei U2 oder U3, beginnt die Suche. Der Kinderarzt betastet den Leistenkanal, streicht ihn nach unten aus – manche Hoden hängen an einem sehr kurzen Samenstrang -, manches Skrotum hat einen so starken Cremasterreflex (die Muskulatur um den Hodensack), dass dabei die Hoden sehr weit Richtung Leiste rutschen. Gelingt dieses Manöver des Abstreichens, alles prima.

Wir wiederholen diese Prozedur bei allen „kleinen“ Vorsorgen, also bis zur U7, danach ist es sehr unwahrscheinlich, dass ein zuvor tastbarer Hoden plötzlich nicht mehr zu finden ist. Dennoch schaut man ebenso bei den „grossen“ Vorsorgen, also mit drei, vier und fünf Jahren, routinemäßig nach den Nüsschen. Das ist ein Blick, schließlich geht es auch um die Entwicklung des Genitales, der Vorhaut und der Beurteilung eines möglichen Leistenbruches oder ähnlichem.

Bei Schulkindern und Jugendlichen geht das dann nur noch mit dem OK des Patienten – meist haben die Jungs nichts dagegen, wenn Experte Doktor mal schaut, ob alles so ist, wie es sein soll – wer sagt es ihnen auch sonst?

Welche Veränderungen der Hodenlage kann es geben?

Wie bereits erwähnt: Die Hoden sind in aller Regel bei Geburt deszendiert, also „abgestiegen“, dies erfolgt während der letzten Wochen der Embryonalzeit, und darf noch bis zu einem halben Jahr andauern. Ab dann wird es interessanter.

Mögliche Hodenlagen können sein:
Gleithoden: Der oder die Hoden sind zwar findbar, lassen sich ausstreichen, wie oben beschrieben, rutschen aber sofort wieder nach oben in die Leistenregion. Meist liegt ein zu kurzer Samenstrang vor.
Pendelhoden: Die Hoden liegen überwiegend unten im Skrotum. Nur bei sehr starkem Cremasterzug rutschen die Hoden nach oben, bei Entspannung sind sie wieder unten. Eine Normvariante.
Leistenhoden: Jetzt sind sie die ganze Zeit in der Leiste zu finden. Natürlich auch einseitig. Ein Ausstreichen ist nicht möglich.
– Der oder die Hoden sind gar nicht tastbar, der so genannte Kryptorchismus. Hier liegen die Hoden meist im Bereich des Bauchraums, aber auch im Bereich des Oberschenkels (Via valsa der Deszendierung) oder sind gar nicht angelegt, bei letzterem spricht von Anorchie.

Bis auf die Pendelhoden sollten alle anderen Varianten behandelt werden, da sonst der zukünftigen Familie Unfruchtbarkeit droht (der Hoden muss außerhalb des Bauchraums liegen, sonst ist es den Spermien zu warm, sie werden nicht ausreichend gebildet bzw. sind nicht bewegungsfähig genug), zum anderen bedeutet ein ektoper (fehlgelegener) Hoden ein erhöhtes Risiko (5-10%) für eine Tumorentstehung.

Wann wird behandelt?

Ab 6 Monaten. Zunächst mit Hormonspritzen oder -nasensprays, später dann, wenn nötig, mit einer Operation. Dabei wird der (wenn vorhanden) Hoden im Hodensack festgenäht (Orchidopexie), die Hormonbehandlung hat eventuell zu einer Mobilisierung des Samenstrangs beigetragen. Oder der Hoden wird (wenn bisher nicht erfolgt) im Abdomen gesucht und meist dann entfernt, da eine Mobilisierung unterhalb der Leiste in aller Regel nicht gelingt.
Der Abschluss der Behandlung sollte mit dem ersten Geburtstag gelungen sein. Wir haben also ein Zeitfenster von einem halben Jahr. Dank der Vorsorgen U5 und U6 werden die meisten Jungen mit Hodenfehlanlagen frühzeitig erkannt.

Vater: „Wenn ich die Windel aufmache, dann sind manchmal die … äh, Hoden weg.“
Ich: „Ja, das ist der Kältereiz. Da gehen die auf die Flucht. Das kommt wohl aus der Urzeit, wenn die Männer vor der Gefahr wegrannten, dann zog der Körper die Hoden näher an den Körpermittelpunkt. Damit sie nicht im Weg waren beim Laufen.“
Vater: „Ah ja… Ja, das kenne ich.“

S2k-Leitlinie Hodenhochstand – Maldeszensus testis

(C) Foto Nuts bei Flickr/Thomas Hawk (unter CC Lizenz BY NC 2.0)

Wenn den Kindern auf der Reise übel ist

„Die Ferienzeit naht – und damit erinnert sich vielleicht die eine oder andere Familie auch an unschöne Erlebnisse mit Erbrochenem auf dem Rücksitz oder im Fußraum, improvisierte Reinigungsaktionen und unnötigen Stress bei der letztjährigen Fahrt in den Urlaub.Warum trifft es immer die Kleinen bei der Reiseübelkeit? Und was kann man dagegen unternehmen?
Viele Eltern schwören auf Übelkeit reduzierende Medikamente. Vom unkritischen Einsatz vieler dieser Stoffe raten Kinder- und Jugendärzte aber dringend ab. 

Michael Achenbach, Landes-Pressesprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) in Westfalen-Lippe: „Gerade bei Kleinkindern kann es in seltenen Fällen zu gegenteiligen Wirkungen kommen. Die Medikamente lösen den Brechreiz erst aus. Auch hat es bei diesen Präparaten schon Überdosierungen mit tödlichem Verlauf gegeben. Eltern sollten also immer über alternative Möglichkeiten zur Vermeidung und Reduktion von Reiseübelkeit Bescheid wissen.“

Reiseübelkeit entsteht, wenn die Signale des Gleichgewichtsorgans nicht mit den restlichen Sinneseindrücken übereinstimmen. Babys stört das noch nicht so sehr, da in diesem Alter die optischen Eindrücke noch nicht mit Bewegungserfahrungen gekoppelt sind. Ab dem Alter von zwei Jahren kann die Übelkeit Kinder dann aber umso heftiger erwischen. „Der Körper denkt, er steht still, das Gleichgewichtsorgan meldet hingegen Bewegung. Auf diesen Widerspruch reagiert der Körper mit Übelkeit – bei dem einen Menschen stärker, beim anderen schwächer“, erläutert Achenbach. „Wichtig ist jetzt, die unterschiedlichen Eindrücke besser abzugleichen, zum Beispiel indem das Kind auf der Mitte der Rückbank sitzt, damit es nach vorne sehen kann. Am besten ist es, den Blick auf einen festen Punkt in der Ferne zu richten.“

Aber auch eine sanfte, vorausschauende Fahrweise kann helfen, Übelkeit zu vermeiden.

Außerdem helfen eine leichte Mahlzeit vor Fahrtbeginn, Ablenkung, regelmäßige Pausen an der Frischluft und das Vermeiden widersprüchlicher Sinnesreize. Achenbach: „Wer sich spuckende Kinder auf der Rückbank ersparen will, sollte Tablet, Smartphone, Bücher usw. bis zur Ankunft am Ferienort wegpacken! Beschäftigen Sie statt dessen die Ohren, z.B. mit Geschichten, Hörbüchern usw.“

Auf keinen Fall darf das Kind bei laufender Fahrt abgeschnallt werden, wenn es über Übelkeit klagt. Sicherheit geht immer vor. „Fenster auf, den nächsten Parkplatz ansteuern und – für den schlimmsten Fall – eine Brechtüte parat haben!“ empfiehlt Achenbach. Rezeptfreie Medikamente gegen Reiseübelkeit sollten nur im Ausnahmefall und dann nur in kleinstmöglicher Dosis gegeben werden.

Achenbach: „Ob mit oder hoffentlich ohne Reiseübelkeit: ich wünsche allen Familien einen erholsamen Sommerurlaub.“

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Dies ist eine Pressemeldung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V.

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Ich verlinke immer gerne auf die Seite Kinderaerzte-im-Netz.de, weil das Redaktionsteam gute Recherche betreibt, stets aktuelle Artikel aus internationalen Veröffentlichungen postet und trotzdem auch an eigene Pressemitteilungen wie die oben denkt. Leider gibt es dort keine Kommentarfunktion – es soll wohl bewußt kein übliches Elternforum sein.

Welche Tipps habt Ihr, dass Euren Kindern auf Reisen nicht so kotzerig wird?

Kinderärzten machen Hausbesuche. Aber nicht immer.


Passend zu dem gerade stattfindenden Kinder- und Jugendärztetag in Berlin gab es diese Woche in „Report Mainz“ einen interessanten Beitrag zum Thema Hausbesuch, für uns alle passend wurden die Kinderärzte herausgegriffen: Gute Zielgruppe (Eltern), Leidensdruck (Arme Kinder), unterrepräsentierte Fachärztegruppe in den Standesvertretungen.

Kurz zusammengefasst: Die Patienten haben das Recht auf einen Hausbesuch, letztendlich ohne zu beurteilen, ob dieser überhaupt notwendig ist. Außerdem: Kinderärzte verdienen mehr als genug Geld, also können sie auch die Zeit im Auto verbringen. Als Zeugen der Klageseite präsentieren sich zwei Kinderkrankenschwestern, die natürlich beurteilen können, wie dringend ein Hausbesuch sei, und wie sehr ein Kind darunter leide, in die Praxis zu kommen. Als ob das nicht jede Mutter könnte.

Mein letzter Hausbesuch liegt schon ein wenig zurück. Steven ist ein Kind mit PEG-Sonde und einem Tracheostoma, er wird in einem Heim versorgt, es sind regelmäßig Verbandswechsel unter ärztlicher Aufsicht zu leisten. Wann bin ich noch zu jemandem Hause gefahren? Bei Luise, deren Windpocken so stark waren, dass sie sich nicht von der Couch wegbewegen könnte. Ach ja, dann bei dem Kind nach Plötzlichen Kindstod, eine eher unglücklicher Hausbesuch. Dann noch der Fieberkrampf, das war hier gleich um die Ecke, und im letzten Winter Familie Holzmann, bei der alle drei Kinder an Grippe mit hohem Fieber litten, zudem die Mutter selbst erkrankt war.

Warum machen Ärzte, vor allem Kinder- und Jugendärzte selten Hausbesuche?
– Das technische Equipment aus Hausbesuchen ist unzureichend: Keine Möglichkeit, einen Ultraschall zu machen, Urin unter dem Mikroskop anzusehen oder Blut abzunehmen. Keine fMFA an meiner Seite 🙂
– Licht und Umgebung der Heimstatt sind unzureichend. Den schlafenden Dreijährigen, der im abgedunkelten Zimmer sein Fieber ausschläft, kann ich zwischen Bettlaken und Zudecke untersuchen, optimal ist das nicht. Beurteilung eines Hautausschlags unter „Wohnungslichtverhältnissen“? Forget it.
– Die Präsenzpflicht leidet: Jeder niedergelassene Arzt muss zu den Sprechstunden in seiner Praxis sein. Was, wenn dort ein Notfall eintrifft?
– Wer versorgt die Patienten in der Praxis, während ich auf Hausbesuch bin? Bei 80-110 Patienten im Winter bleibt nur noch „Kurzmedizin“. Ein Hausbesuch kostet mich mindestens 30 Minuten, realistischer dürfte eine Stunde sein, einschließlich An- und Abfahrt.
– Wann ist eine medizinische Notwendigkeit gegeben? Wenn die Eltern das sagen? Vermutlich, denn anders kann es von der fMFA am Telefon nicht beurteilt werden. Aus der Erfahrung, welche „Notfälle“ täglich in die Notfallambulanzen marschieren, sehen wir die Qualität dieser Selbsteinschätzungen. Nicht alle Eltern sind in medizinischen Berufen tätig.
– Vorsorgeuntersuchungen oder Impfungen (vielleicht abgesehen von der U2 während des Wochenbettes) sind nicht medizinisch indiziert als Hausbesuch durchzuführen. Achja: Eine Impfung im Kinderzimmer dürfte übrigens psychologisch „ungeschickt“ sein.

titel-scoyo-lieblinge-blogger-juni-2017Dennoch können Hausbesuche aus sozialpädiatrischen Aspekten sinnvoll sein: Nicht selten triffst Du als Arzt auf überheizte verrauchte Wohnungen, überfüllte Medikamentenschränke oder versiffte Waschbecken in Küche oder Bad suboptimale hygienische Verhältnisse. Viel Input für die weitere familienmedizinische Beurteilung.

Natürlich ist das eine sehr arztzentrierte Perspektive. Ich kann Eltern gut verstehen, deren Kinder sehr krank sind, nicht transportfähig, den Aufwand der Anfahrt scheuen, die Wartezeit in der Praxis usw., und die sich daher einen Hausbesuch wünschen. Wir versuchen das auch einzurichten: Am Abend, in der Mittagspause. In aller Regel halten die fMFA mit mir Rücksprache, ich telefoniere dann mit den Eltern, um die wirkliche Indikation für einen Hausbesuch einzuschätzen.

Schade aber um den „Report“-Beitrag: „Warum Kinderärzte nicht mehr zu ihren kleinen Patienten kommen?“ Das wird leider nicht beantwortet. Das Resumé, der Patient habe ein Recht auf Hausbesuche und basta, greift zu kurz.
Welche Erfahrungen habt Ihr mit einem hausbesuchenden (Kinder-)Arzt gemacht? Oder auch mit der Ablehnung eines Besuches?

Pressemitteilung des BVKJ zu diesem Thema

(c) Bild bei Flickr/Canada Science and Technology Museum (CC Lizenz BY NC ND 2.0)

MedMen2017

Das Portal DocCheck hatte zu den MedMen2017 geladen und einige sind gekommen: Irgendwie die Industrie, irgendwie Journalisten, irgendwie sonstwie Interessierte und irgendwie dann auch „wir“, die Blogger. Das ganze diente wohl der Zusammenarbeit, dem Kennenlernen und Austauschen der medialen Player rund um den Medizinerzirkus. Gebe ich das so richtig wieder? 

Location? Einmal richtig hipp im Speicher/Industrie-Stil am Ufer des Rheins, das Googlen der Zimmerpreise in diesem Hotel spare ich mir hätte ich besser unterlassen sollen. Und wenn dann noch zwischen C-, B- und A-Klasse-Zimmern unterschieden wird. Wie auch immer, das Flair hat gestimmt, die Klimaanlage funktionierte, was wollen wir mehr?

Das Programm war üppig: Nach einer Keynote über die Plattform „I Had Cancer“ (internationales Flair, aber auch hochinteressant) und einem Roundtable zum Thema Hater in der Medizin (den wir halbverhungerten Blogger lieber dem Thai-Essen in unserem „Zimmer“ opferten), verteilten sich die Besucher auf die verschiedenen „Tracks“ auf verschiedene Hotelgemächer des „Speicher 7“. Unsere Runde war eben den Bloggern gewidmet, so konnte der geneigte Beobachter dem Medizynicus, den Jungs vom PsychCast, Karin von „Kind und Kittel“ (mit funkelnagelneuem Blog) und meinereiner lauschen. Ein toller Austausch, in dem wir sich unsere Vorträge wie von Zauberhand ergänzten.

Am Abend dann ein Get together zur Verleihung des Health Share Awards und ein Ausklingen bei angesagter DJ-Mucke und kleinen Häppchen. Da gab es noch mehr Blogger kennenzulernen – PTAchen und HNOler!

Es hat großen Spaß gemacht, Danke an die Organisation rund um DocCheck, insbesondere Isabell und Mira, aber vor allem den Bloggerkollegen: Ihr wart alle fantastisch, das große Medizinerbloggertreffen irgendwo in einer großen Stadt wird kommen. Ganz sicher. Bis dahin lese ich mal wieder ein paar Blogs und lausche den Podcasts.

(c) der Bilder bei mir. Die Füße bleiben Eure.

Deine Mutter als Hebamme


Neulich bei der U2.

Ich: „haben Sie denn eine Hebamme für die Nachsorge?“
Vater: „Nöö, brauchen wir nicht. Meine Mutter ist im Haus.“
Ich: „Und die ist Hebamme?“
Vater: „Nein, aber die hatte auch drei Kinder.“
Ich: „Ok. Ich bin auch schon zehn Autos gefahren und würde trotzdem keines reparieren.“
Vater: „Ja, aber eins fahren.“
Mist, er hat die Lücken in meinem Vergleich durchschaut.
Ich: „Ich würde es Ihnen trotzdem raten, ist immerhin das erste Kind bei Ihnen.“
Mutter: „Siehst Du Schatz, habe ich doch gleich gesagt. Hebamme ist besser.“
Ich: „Das zahlt auch die Krankenkasse.“
Vater: „Wirklich? Na dann auf jeden Fall. Wenn’s nichts kostet.“
Mutter: „Und nach einem Monat dürfen wir dann mal spazieren gehen, oder?“
Ich: „Ach was. Gleich vom ersten Tag an. Immer raus an die frische Luft mit den Kleinen.“
Mutter: „Seine Mutter sagt, die ersten vierzig Tage nicht.“
Ich lächele mein bestes „Siehste“-Lächeln zum Vater und träume einen kurzen Tagtraum meines ersten Autos.

Nur nochmal zur Info: Jede Familie hat das Recht auf Nachsorge durch eine Hebamme nach der Entbindung. Kostenlos. Auch wenn es momentan überall schwieriger wird, diese Hebammen zu bekommen, leider gibt es nun einmal eine echte Hebammenknappheit, bringt das nur Vorteile: Beruhigung in den ersten Tagen, Beobachtung des Säuglings, Hilfe beim Stillen oder Füttern, der Pflege und während der Hormonkrisen. Und die Hebammen beraten zu allen wichtigen Fragen, seien sie auch sonst so klein und vermeintlich unwichtig. Frischluft zum Beispiel.

(c) Bild bei Flickr / Amarpreet Kaur (Lizenz BY NC ND 2.0)

Durchmarsch


 

Bei Durchfallerkrankungen dürfen Säuglinge und Kleinkinder unter zwei Jahren auf keinen Fall sog. Motilitätshemmer erhalten, auch wenn sie auf Reisen sind.

„Motilitätshemmer lähmen die bei Durchfallerkrankungen häufig erhöhte Darmmotorik und senken dadurch die Stuhlhäufigkeit bei Erwachsenen, was insbesondere auf Reisen hilfreich sein kann. Doch bei kleinen Kindern wird dadurch die Fähigkeit des Darms, sich selbst zu reinigen, unterbunden. So können z.B. bakterielle Keime unter Umständen länger im Körper bleiben, sich vermehren und schlimmstenfalls in die Blutbahn übertreten. Darüber hinaus binden solche Motilitätshemmer nicht nur an die Opioid-Rezeptoren der Darmschleimhaut, sondern auch an die des Hirnes, wenn die sog. Blut-Hirn-Schranke noch offen ist. Dies ist bei Säuglingen und Kleinkindern bis zum Alter von zwei Jahren der Fall. Sie können hier schwere und gefährliche Atemdepressionen verursachen. Auch Heranwachsenden bis zu zwölf Jahren dürfen Eltern solche Mittel nur auf Anordnung eines Arztes verabreichen“, warnt Dr. Ulrich Fegeler, Kinder- und Jugendarzt sowie Mitglied des Expertengremiums des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Am besten sollten Eltern sich rechtzeitig vor einer Reise von ihrem Kinder- und Jugendarzt eine Reiseapotheke empfehlen lassen und mit ihm besprechen, was im Falle eines Durchfalls zu tun ist. Vielleicht rät er – abhängig vom Alter des Kindes – zu einer Elektrolytmischung, die selbst nach seinen Angaben zusammengemischt werden kann oder in der Apotheke als Fertigpräparat zu besorgen ist.

Bei Fieber, Blut oder Schleim im Stuhl, häufigem Erbrechen, starken Schmerzen, Kreislaufproblemen oder bei starkem Durchfall, der länger anhält, müssen Eltern in jedem Fall einen Arzt aufsuchen. Bei Babys gilt dies bei mehr als vier wässrigen Stühlen innerhalb von 24 Stunden, bei Kleinkindern bei mehr als sechs wässrigen Stühlen innerhalb dieser Zeit und bei Schulkindern bei mehr als acht bis zehn wässrigen Stühlen innerhalb von 24 Stunden. “Je kleiner die Kinder sind, desto eher droht ein gefährlicher Flüssigkeits- und Elektrolytverlust. Neben Wasser verliert der Körper wichtige Mineralstoffe. Ein trockener Mund, weiße Haut ohne Spannung und Schläfrigkeit sind Alarmzeichen einer Austrocknung“, warnt Dr. Fegeler.


Dies ist eine Pressemeldung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V.

—> Da das in der PM nicht so deutlich drin steht, wir sprechen hier von so Mitteln wie Loperamid, besser bekannt auch als I.mo.di.um – ein Medikament, das wirklich kaum jemand braucht, außer vielleicht der Typ, der letztens mit dem Fesselballon wohin fliegen wollte:

 

Eltern sind uneins – BGH entscheidet pro Impfungen

(Ein Blogpost ohne das Bild einer überdimensionierte Impfspritze)

Vor einem knappen Jahr musste ich hier bloggen, dass bei getrennt lebenden Eltern die Einverständnis beider Eltern vonnöten sei, um ein Kind impfen zu lassen. Dies hatte auch Auswirkungen auf die Praxis in der Praxis: Wir Ärzte können nicht stillschweigend davon ausgehen, dass das nicht anwesende Elternteil mit der Impfentscheidung einverstanden ist.

Nun gab es ein neues Urteil in ähnlicher Sache – aber von höchster Instanz, dem Bundesgerichtshof (Beschluss vom 3. Mai 2017 – XII ZB 157/16 ). Hier wurde einem Vater die (Pro-)Impfentscheidung zugesprochen, die Klage der Mutter gegen die Impfungen abgewiesen. Bereits ein Oberlandesgericht hatte für die Impfungen entschieden, die Beschwerde der Mutter hatte keinen Erfolg.

Zunächst wurde die Schwere der Impfentscheidung herausgestellt und aus den Entscheidungen des alltäglichen Lebens herausgelöst (welche stets das Elternteil fällen darf, bei dem das Kind lebt): „Sowohl das durch eine Impfung vermeidbare und mit möglichen Komplikationen verbundene Infektionsrisiko als auch das Risiko einer Impfschädigung belegen die erhebliche Bedeutung.“ — und daher soll die Entscheidung im Streitfall nicht bei einem Elternteil belassen werden, sondern kann vor einem Familiengericht entschieden werden. Dieses wiederum kann „auf Antrag eines Elternteils die Entscheidung einem Elternteil übertragen. Die Entscheidungskompetenz ist dem Elternteil zu übertragen, dessen Lösungsvorschlag dem Wohl des Kindes besser gerecht wird.“ Und hier entschied das Gericht für den Vater.

… und weiter: „Die von der Mutter erhobenen Vorbehalte, die aus ihrer Befürchtung einer „unheilvollen Lobbyarbeit von Pharmaindustrie und der Ärzteschaft“ resultieren, musste das Oberlandesgericht dagegen nicht zum Anlass für die Einholung eines gesonderten Sachverständigengutachtens über allgemeine Impfrisiken nehmen.“ Anders: Die Sinnhaftigheit von Impfungen hat das BGH in seiner Urteilsbegründung als gegeben und medizinischen Standard angesehen, hierüber musste gar nicht diskutiert werden.

Ein guter Schritt für den Impfgedanken.

Pressemitteilung des BGH und der Originaltext der Urteilsbegründung (Sehr lesenswert im Detail!)

Alleine Pipi gehen

Potty time
Letzte Woche war irgendwie „Mein Kind ist noch nicht trocken“-Woche. Liegt vielleicht am kommenden Sommer oder vielleicht sind grade die Windelpreise angestiegen, was weiß denn ich?
Jedenfalls hier eine kurze Runde von Fragen in der Praxis:

– „Herr Doktor, die Lisa-Belle ist noch nicht trocken, das ist doch nicht normal, oder?“ (Alter des Kindes? 16 Monate)
– „Herr Doktor, der Henry-James will schon auf dem Klo sitzen, ja, auf dem Rich-ti-gen Klo! Soll ich ihn lassen?“ (Alter des Kindes? 14 Monate)
– „Herr Doktor, der Carlheinrich (ja, doch…) macht seinen Stinker in die Ecke, aber nur mit Unterhose, ohne Windel. Pissen“ (ja…) „nur im Stehen. Nur.“ (Alter des Kindes? 4 Jahre)
– „Herr Doktor, ich habe gehört, die Fertigwindeln sind gar nicht so gut, da soll eine amerikanische Untersuchung krebserregende Stoffe gefunden haben.“
– „Herr Doktor, die Stoffwindeln haben wir wieder umgetauscht,“ (jawoll!) „da ist Mary-Rosie immer wieder rausgerutscht. Den Klett kriegt sie nicht auf.“ (Alter des Kindes? 18 Monate)
– „Herr Doktor, wie soll ich den denn trocken kriegen, wenn die Erzieherinnen nicht mitziehen?“ (Alter des Kindes? 21 Monate)
– „Herr Doktor, ich möchte den Willi nicht psychisch belasten, aber die Erzieherinnen sagen, wir probieren es jetzt mal ohne.“ (Alter des Kindes? 58 Monate)

Ein paar Aussagen sind überspitzt formuliert und ergaben sich im Gespräch, ein oder zwei habe ich auch aus anderen Zeiten entlehnt, aber eins zeigen sie alle:

Kinder werden nicht trocken, wenn Eltern das steuern wollen oder es erwarten. Kinder werden trocken, wenn sie selbst soweit sind.
Und da ist es egal, ob sie vierzehn Monate alt sind (sehr unwahrscheinlich) oder acht Jahre. Das Durchschnittsalter liegt zwischen Zwoeinhalb und Vier. Und hier sprechen wir nur über das Tagesgeschäft. Nachts kann es ganz anders aussehen.

Also, wie vorgehen?

– Auf Signale des Kindes achten: Unruhe, „Trippeln“, „Pippi“-Rufe – dann aber auch bittschön mit dem Kind aufs Klo gehen und nicht auf die Windel verweisen.
– Aufs Klo gehen macht erst Sinn, wenn das Kind sitzen kann laufen kann. Banal, aber wichtig.
– Auf dem Örtchen sitze man bitte bequem – mit Fussbänkchen oder niedrigem Klositz, gerne auch auf dem Töpfchen (ist für die Physiologie des „Machens“ sowieso die bessere Position).
Vorbild sein: Eltern „machen“ bitte nicht hinter verschlossenen Türen. Kinder dürfen da gerne zuschauen. Wie soll ein Kind sonst verstehen, dass „es“ auch anders geht als nur mit Windel?
Routine und Rituale etablieren: Immer mal morgens, immer mal abends, immer mal vor dem Spazierengehen oder danach einen Klogang planen. Ohne Druck, ohne „Dauersitzung“, ohne Tadel oder übertriebenen Lob.
Keine Fragen fragen: „Musst Du mal Pipi?“ – könnt Ihr später machen, beim Trockenwerden kollidiert die Frage eventuell mit dem Trotzalter, und Ihr bekommt immer ein „Nein!“ zu hören. Außerdem braucht es länger, rechtzeitig den Harn- oder Stuhldrang zu spüren, als bewußt die Schließmuskel zu öffnen.
– Moderne Windeln sind superdupersaugfähig. Kinder spüren meist gar nicht, dass sie „was drin“ haben. Wenn es also die Jahreszeit erlaubt (Sommer, wenig Klamotten) und nicht gerade eine Familienfeier ansteht, ruhig mal die Windel weglassen. Bei zuviel Stress, Frust oder Ekel auf allen Seiten – irgendwann mal wieder probieren. Der Sommer ist sowieso perfekt: In der freien Natur pinkeln ist Event.
– Gute Zeitpunkte fürs Geschäft: Direkt morgens oder nach den Mahlzeiten.
– Und nochmal: Das Alter spielt keine Rolle.

So, das ist der Beginn.
Demnächst hier:
– Wie geht das mit nachts?
– Wenn Kinder „wieder“ einnässen.

(c) Foto bei Flickr/Leonid Mamchenkov (Unter CC-BY-2.0-Lizenz)

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