Behindern Schnuller den freien Spracherwerb?

window to the soul

Aus der Praxis haben wir Kinderärzte uns das schon immer gedacht: Schnuller behindern möglicherweise das Sprechenlernen.

Eine Beobachtungsstudie aus Kanada lässt die Wissenschaftler philosophieren: Für den guten Spracherwerb eines Kleinkindes braucht es nicht nur ein gutes Gehör, sondern wohl das freie Spiel der Zunge, um Laute besser differenzieren zu können. In der Studie wurden sechs Monate alten Säuglingen Zahnungshilfen wie Beißringe gegeben und beobachtet, wie die Kinder Laute unterschieden konnten – behinderten diese Zahnungshilfen die Zungenbewegungen, konnten die Laute nicht mehr unterschieden werden.

Dr Alison Bruderer, eine der Studienleitungen, formuliert es vorsichtig, wie sich das für einen Grundlagenforscher gehört: Es bedeute nicht, das Eltern nun ihren Kindern Zahnungshilfen oder Schnuller vorenthalten sollten, aber es werfe doch die Frage auf, wieviel Zeit das freie Zungenspiel bei in der Sprachentwicklung befindlichen Kleinkindern benötige, um eine normale Sprachaufnahme zu ermöglichen, so der Artikel.

In der Praxis des Kinderarztes sehen wir das praktischer: Viele Kinder, die mit zwei Jahren noch wenig aktive Sprache produzieren, „hängen“ noch an Saugern, Flaschen oder Schnullern. Manche brabbeln daran vorbei, bei manchen stöpselt der Schnuller die Sprache regelrecht zu. Die vorliegende Studie könnte eine grundlegende Erklärung dafür bieten.

Wem die Gründe „Offener Biß“, „Kariesrisiko“, „Zunahme von oberen Luftwegsinfekten und Ohrenentzündungen“ nicht ausreicht, denn auch das macht das Schnullern: Für eine gute Sprachentwicklung sollten die Sauger weg.

Empfehlungen aus der Praxis:
– Ein Schnuller im Säuglingsalter ist unproblematisch – Forscher zum Plötzlichen Kindstod empfehlen sogar den Schnuller als Schutzfaktor, wenn das Kind daran gewöhnt ist.
– Ab erstem Geburtstag sollte der Schnuller tagsüber weggepackt werden, jetzt beginnt die wichtigste Zeit des aktiven Spracherwerbs
– Schnullerketten als Unterstützung des Wiederfindens gar nicht erst anfangen
– Bis zum zweiten Geburtstag den Schnuller auch nachts komplett weg lassen

Keine Frage: Es ist schwer, einen Schnuller abzugewöhnen. Aber wie vieles in der Kindererziehung – den Schritt müssen die Eltern tun.

(Danke an @dieterjosef für den Link)

(c) Foto bei Flickr/chris

Mäanderne Anamnese abends um 21 Uhr

Neulich im Notdienst.

Mutter: „Ich wollte das Gesicht mal zeigen, diese Pickel.“
Ich: „Hat sie die noch woanders?“
Mutter: „Nein.“
Ich: „Sonst ist sie nicht krank?“
Mutter: „Nein.“
Ich: „Medikamente? Allergien?“
Mutter: „Nein.“
Ich schau mir die Kleine an. Sie hat eine beginnende Impetigo, eine superinfiziert trockene Haut im Gesicht.
Daher, wie immer bei „Haut“: Mal komplett ausziehen.
Ich: „Oh, aber hier an den Handgelenken ist es auch ganz schön entzündet.“
Mutter: „Achja…“
Ich: „Und der Rest der Haut?“
Mutter: „… ist okay.“
Sie zieht währenddessen den Body über Bobeles Kopf.
Ich: „Aber der ganze Körper ist ja gerötet.“
Mutter: „Ja, das ist oft so.“
Ich: „Sagten Sie nicht, die Haut ist sonst in Ordnung?“
Mutter: „Ja, ein bisschen trocken.“
… ist reichlich untertrieben.
Ich: „Aber sonst ist sie gesund?“
Mutter: „Ja, schon.“
Ich: „Schaue ich mir mal noch Rachen und Ohren an.“ Dann: „Oh, das Ohr hier ist aber auch entzündet.“
Mutter: „Ja, das hat die Kinderärztin auch gesagt.“
Ich: „Ach, sie waren heute schon bei der Kollegin?“
Mutter: „Nee, gestern.“
Ich: „Und was sagt die zu der Haut?“
Mutter: „Nichts. Sie meinte, das könne vom Antibiotika kommen.“
Ich: „Welches Antibiotikum?“
Mutter: „… das sie seit gestern kriegt.“
Ich: „Aber gestern war die Haut ja noch in Ordnung, sagen Sie, das konnte die Kollegin ja noch gar nichts zu sagen.“
Mutter: „Doch, das hat die Kinderärztin ja heute gesagt.“
Ich: „Dann waren Sie heute nochmal bei der Ärztin?“
Mutter: „Ja, vor zwei Stunden. Ist aber nicht besser geworden mit der Salbe.“
Ich: „Welche Salbe? Ich dachte, sie kriegt keine Medikamente?“
Mutter: „So eine grün-weiße Verpackung.“
Ich: „Aha. Noch was, was ich wissen muß?“
Mutter: „Nein.
Ich: „Wahrscheinlich hat sich die trockene Haut entzündet mit Bakterien. Da ich nicht weiß, welche Salbe Sie benutzen, schreibe ich Ihnen mal was dafür auf, ja? Das Antibiotikum wird wahrscheinlich auch noch dabei helfen, neben den Ohren.“
Mutter: „Kriegt sie aber nicht mehr.“
Ich: „Was, das Antibiotikum?“
Mutter: „Habe ich weggelassen, weil sie vom Husten immer so gebrochen hat.“
Ich: „Husten tut sie auch?“
Mutter: „Ja, ganz schlimm.“
Ich: „Sagten Sie nicht, sonst ist sie gesund? Gibts denn noch was, was ich wissen muß? Sonst Medikamente? Andere Krankheitszeichen? Irgendwo angesteckt vielleicht?“
Mutter: „Nein, wirklich nicht.“
Also dann noch abgehört, zum Glück „alles frei“, die Kleine (10 Monate oder so) war während der ganzen Aktion am Grinsen und Brabbeln.
Es geht dem Ende der Vorstellung zu. Ich fasse zusammen, händige das Rezept aus.
Mutter: „Und Thymian?“
Ich: „Welches Thymian?“
Mutter: „… das sie als Tropfen kriegt. Wegen dem Husten.“
Ich: „Oh, noch ein Medikament.“
Mutter: „Und das W.ick Vap.o.rub. Auf die Brust. Wegen dem Husten.“
Ich: „Ja, … nun.“
Mutter: „Spielt das eine Rolle, dass ihr großer Bruder letzte Woche Schaalach hatte?“

(Denken Sie sich hier bitte einen großen Seufzer.)
Der nächste Patient und sein Vater, der mir um 21:30 Uhr erzählte, dass sein acht Monate alter Sohn seit „Wochen“ nichts mehr esse, waren dagegen eine Erholung.

Armes Kind

Die U7 ist nicht immer einfach: Best of Zorn, Reste vom Fremdeln und viiiel Ego, das sich Bahn brechen will. Bedeutet für die fMFA und mich viel Motivation, Intuition und … tiefes Durchatmen. Aber wenn’s mal gut läuft, dann macht die Vorsorge auch unendlich Spaß, weil die Kinder noch unverstellt und sie selbst sind. Immerhin sind alle Impfungen bereits vor einem halben Jahr abgearbeitet.

Ryan-Luc war bereits beim Wiegen und Messen skeptisch, probierte zu toben, fing sich wieder, sprach mit der fMFA, wehrte wieder ab, erwartete mich mit einem Blick aus wissenden Augen. Ich sprach mit den Eltern, ließ ihn gewähren, wir thematisierten das Vorbereiten auf den Arztbesuch, Erfahrungen beim Doktor (das leidige Impfen, das doch alle meist schon wieder vergessen haben).

Die Untersuchung ist ein ständiges Hin und Her zwischen körperlichem Checkup, Zulassen und Abwehren, sinnvollem Hinhören und -sehen und ständigen Spielelementen. Ryan-Luc macht sich super, zeigt am Ende alles, was er kann und schenkt mir sogar ein paar seiner besten Wortsatzbruchstücke. Stimmung: Völlig in Ordnung.
Eine der besseren U7.

Sagt der Vater kurz bevor ich durch die Tür gehe: „Na, siehste, Ryan-Luc, alles ok, und jetzt gibt’s noch ’ne Spritze, ja?“

Wer trifft die Entscheidungen?

„Darf Dich die Tante mal messen und wiegen, ja?“
„Kommst Du bitte mit ins Zimmer?“
„Möchtest Du Dich hier oben hinsetzen?“
„Jetzt kommt dann gleich der Doktor, okay?“
„So, schau, da ist er, der macht auch nichts Schlimmes, oder?“
„Machst Du bitte schön den Mund auf?“
„Lässt Du Dich jetzt mal untersuchen?“
„Schau mal, wie der Onkel, möchtest Du auch mal auf einem Bein stehen?“
„Soll die Mama mitmachen?“
„Und die Bilder da, magst Du die mal anschauen?“
„Sollen wir Dich jetzt wieder anziehen?“
„Auch die Hose und die Jacke?“
„Hast Du gehört, den Schnuller lassen wir abends mal weg, ist das okay?“
„Sagst Du dem Mann mal auf Wiedersehen?“
„Bist Du jetzt mal lieb?“

„Herr Doktor, ich weiß auch nicht, aber die Kleine macht im Moment gar nicht, was ich will.“

… ich gebe zu, ein Thema, dass mich seit der Niederlassung (also dem Bemühen um das Untersuchen von Kindern) und seit dem eigenen Vatersein (also der Erziehung der eigenen Kinder) umtreibt: Müssen Eltern ihre Kinder immer um Erlaubnis fragen? Eine Frage öffnet wenigstens zwei Möglichkeiten, und ein Kind nimmt todsicher die nicht gewünschte. Außerdem zeigen wir damit unsere eigene Unsicherheit über den Ablauf des Geschehens: Dem Kind wird die Wahl überlassen, ist aber vielleicht gar nicht in der Lage, eine Wahl zu treffen.

Oben genannten Ablauf habe ich letzte Woche bei einer U7a erlebt – zusammengekürzt auf die Aussagen der Mutter, die durch die Bank aus Fragen bestanden. Kein Wunder, dass die Dreijährige immer genau das Gegenteil von dem tat, was Mama wollte. Die Untersuchung scheiterte am Ende in einem Zornanfall des Kindes.

Einsicht

Vater: „Die hustet schon seit Wooochen, wie ein Raucherhusten.“
Ich: „Vielleicht ist es einer? Wer raucht denn zuhause?“
Vater: „Na, meine Frau und ich.“
Ich: „Passiv rauchende Kinder haben oft viel länger Husten als andere.“
Vater: „Echt? Sie meinen, dann sollten wir doch häufiger auf dem Balkon rauchen?“

Doping II

Kleiner Nachsatz zum letzten Posting.

Die Amerikaner sind ja nicht ganz so gestresst, wie wir, was Medikamente angeht. Es gibt das Zeugs schön teuer over-the-counter im Supermarkt im Regal, da braucht es keine Apotheke. Also fand ich mal dieses hier.

Diphenhydramin ist zwar nicht das gleiche wie Dimetiden (Fen.is.til as mentioned in „Doping„), aber wird ebenso gerne bei Allergien eingesetzt. Und wie man hier sieht, hat man das Potential der erwünschten Nebenwirkungen sofort erkannt – und beide Medikamente knapp 5 ft voneinander platziert. Das kapiert jeder beim Einkauf.

Erhältlich ist natürlich auch so mancher Hustensaft auf Opioidbasis, die dröhnen dann auch ordentlich, wenn man das braucht.

   

Doping

Erzählt mir doch letztens eine Mutter, eine Mitmutter aus dem Kindergarten habe ihr letztens unter vorgehaltener Hand gestanden, sie gebe ab und zu ihren Kindern einen Schluck Paracetamol vor dem Kindergarten, wenn diese zu, was war das Wort?, „anhänglich“ seien.

WTF? Ähnliches hat mir vor Jahren ein Oberarzt gestanden: Bei Überseeflügen bekamen seine (damals) Vorschulkinder eine Dosis Fen.is.til, bekanntermassen mit der dabei gewünschten Nebenwirkung der Müdigkeit. Das mag bei Juckreiz am Abend bei Neurodermitis oder einer allergischen Reaktion ja noch angehen, damit das Kind schlafen kann… aber als Beruhigungsmittel auf dem Flug?

Gerne gibt man fiebernden Kinder ein wenig Ibu, damit die Erzieherin oder der Grundschullehrer nichts von der Krankheit mitbekommt. Geht auch gut mit Hustenstillern bei Dauergehuste. Lästig, so was.

Bequemlichkeit steckt dahinter. Bequemlichkeit, nicht einen anderen Urlaub zu buchen, sondern den, den die Eltern sich wünschen. Und Bequemlichkeit, sich am morgen den „Anhänglichkeiten“ des Kindes zu stellen, also seinen Verlustängsten, seinem kindlichen Bauchgefühl, dass es alleine ohne Mama in den Kindergarten abgeschoben wird. Da müßte man sich ja ausgiebigst mit dem Kinde auseinandersetzen.

„Ich pumpe mein Kind nicht mit allem voll…“, ein klassischer Spruch aus der Formelsammlung der Akademiker-Eltern, so ähnlich wie „Ich geh ja nicht mit allem zum Arzt“. Und trotzdem habe ich gerade ein paar anekdotische Mütter- und Vätergesichter vor Augen, die sich im zweiten, dritten oder vieren Einsatz genau so verhalten: Häufiger zum Arzt zu gehen als nötig und lieber einmal häufiger ein Antibiotikum einzufordern. Die Zeiten, in denen wir Kinderärzte diskutieren mussten, indizierte Medikamente doch bitt’schön zu geben, sind vorbei, das hatte ich früher schon mal geschrieben. Heute musst Du eher aufs Zuwarten drängen.

Oder Eltern, wie denen weiter oben, etwas erzählen von früher Medikamentenabhängigkeit und geprimten Suchtverhalten (siehe übrigens auch „Globuli, die“, für alles und immer einzunehmen). Schon mal selbst davon mitbekommen, wie die im Anfang benannte Mutter? Ansprechen, Kritisieren, die soziale Ächtung reflektieren! Irritierte Gesichter allenthalben.

osteopathologisch

„Herr Doktor, wir würden gerne mal zum Osteopathen, weil, die Maya kam ja mit die Saugglocke, und da hat mein Kieferorthopäde gesagt, da kann man mal zum Osteopathen gehen. Die Krankenkasse zahlt das auch, wenn Sie es verordnen.“
„Aber Ihre Tochter ist doch kerngesund?“
„Nur zur Vorsicht.“
„Vor was?“
„Dass sie sich normal entwickelt.“
„Tut sie ja, das haben wir bei der U3 und U4 schon prima gesehen. Mehr muss sie gar nicht können, als sie jetzt kann.“
„… und die anderen machen es ja auch.“

Man kann´s ja mal versuchen

Ich: „Tut mir leid, ich kann Ihnen keine Arbeitgeberbescheinigung schreiben. Sie haben leider keine Versichertenkarte dabei. Auch das Rezept gibt es erstmal nur privat.“
Mutter: „Ausnahme mal?“
Ich: „Nee, geht wirklich nicht. Auch letztes Mal schon nicht, Sie erinnern sich? Ich kann Ihnen das ohne Karte nicht rausschreiben.“
Mutter: „Ok…“

Sekunden später an der Anmeldung:
Mutter zur fMFA: „Ich brauch´ dann noch eine Krankmeldung für die Arbeit.“
Ich beim Vorbeigehen: „Äh, hallo? So geht es leider nicht. Ich hatte Ihnen doch grad gesagt, ich kann Ihnen das nicht rausschreiben.“
Mutter: „Achso? Aber ich dachte, die Arzthelferin kann das…“

Perspektive

Morice-Kevyn brüllt durchgehend, vom Parkplatz vor der Praxis, beim Hereinkommen, im Wartezimmer, im Untersuchungszimmer, bis zum Verlassen der Praxis und weiter auf dem Parkplatz.

Mutter: „Der weint nur bei Ihnen so.“
Ich: „Und bei Ihnen.“

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