Lesepotpourri August und September

Die beliebte Rubrik „Was liest der Kinderdok“ wird erfolgreich fortgesetzt, wie immer zusammenfassend und fett verspätet, aber dennoch bunt und informativ. Hier die Stars der letzten Monate:


All the Birds in the Sky von Charlie Jane Anders
Klar erinnert das etwas an Harry Potter, wenn wieder einmal ein Zaubermensch (diesmal eine Hexe) als Protagonistin auftritt. Aber Patricia ist ganz anders als der vielfach geleckte und trotzdem tolle Harry. Sie spricht mit Tieren, wird durch viele Umwege ihre Bestimmung auf dieser Welt finden und trifft vor allem auf Laurence, den durchgeknallten Hochintellektuellen. Da fällt mir auf: Der erinnert übrigens ein wenig an Eoin Colfers Artemis Fowl.
Also: Hermione Granger trifft auf Artemis Fowl. Nein. Das verkürzt diesen coolen Jugend-Urban-Fairy-Tale-Roman auf ein zu schwaches Level. Hier gibts bestimmt bald eine Fortsetzung. (5/5)


The Sense of an Ending von Julian Barnes
Als ich diesen Roman im „Waterstones“ in Edinburgh gekauft habe, raunte mir die nette Verkäuferin zu, dies sei „one of her favourite, I love it“ zu. Vielleicht macht sie das immer und das gehört zur Bestätigungstaktik grosser Buchhandlungen – aber dennoch: Auch für mich ist dieses Buch „one favourite“ mit sofortiger Wirkung. Wer einen 150-Seiten-Roman lesen will, der poetisch ist, bildet, nachdenklich macht, und trotzdem nicht abgehoben, sondern auf dieser Welt bleibt, lese „Vom Ende einer Geschichte“ (dessen deutscher Titel dem „sense“ des Romanes in keiner Weise gerecht wird).
Tony und Adrian sind gute Freunde in der Schule, verlieren sich aus den Augen und treffen sich wieder, unglücklich und vom Leben verwirrt. Wie ein einzelne Begegnung, ein einzelnes Wort, eine unbedachte Äußerung das Leben in diese oder jene Richtung lenken kann, lehrt dieses Buch. Manche lügen sich durch ihre ganze Geschichte und manche vor allem sich selbst. (5/5)


Geister von Nathan Hill (Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence und Katrin Behringer)
Wie ich auf diesen Roman kam, weiß ich gar nicht mehr, er umspülte mich in irgendwelche Cookie-Online-Amazon-Empfehlungen, ich las mich fest in der Kindle-Leseprobe und kam nicht mehr los. Der glücklose Literaturprofessor Samuel findet seine Mutter wieder, die ihn und seinen Vater vor Jahren unter dubiosen Vorzeichen verließ. Sie gerät in die Schlagzeilen, weil sie einen Senatorenkandidaten mit Steinen bewirft und Samuel soll „das Aufdeckungsbuch“ über die vermeintliche „Terroristin“, seine Mutter schreiben. Dass es anders kommt, dürfte klar sein. ein Buch, dass viel über die amerikanische Gesellschaft verrät, über Verstrickung der Politik und des Journalismus, knackig geschrieben und sehr unterhaltsam, vielleicht im Stil von Jonathan Franzen oder Jeffrey Eugenides. (4/5)


Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr (Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence)
Pulitzerpreis von 2015 sollte ein Qualitätsmerkmal dieses Romanes sein. Er erzählt die Geschichte eines blinden Mädchens, dass unter den näher rückenden Deutschen im Zweiten Weltkrieg aus Paris flüchtet und mit ihrem Vater durch Frankreich irrt. Parallel lernen wir Werner kennen, einen deutschen verwaisten Jungen, der dank seiner Intelligenz in Nazideutschland auf eine Eliteschule gehen darf und schließlich auch in den Wirren des Krieges nach Frankreich versetzt wird. Hier kreuzen sich die Wege der Kinder.
Eine schöne Sprache, ein virtuos komponiertes Buch aus Rückblenden und zwei Erzählsträngen, sehr einfühlsam die Schilderungen aus dem Off der „Sichtweise“ des blinden Mädchens. Aber seltsam: Mich hat das Buch nicht eingesogen, ich konnte mich nicht festlesen. Vielleicht die falsche Zeit. Das Buch bekommt einen zweiten Versuch, bis dahin: (3/5)


Die Terranauten von T.C. Boyle (Übersetzt von Dirk von Gunsteren)
T.C. Boyle schreibt mal wieder über sein Lieblingssujet: Eine Gruppe von Menschen, unterschiedlicher wie nur möglich, gebettet in einen Plot rund um die Umwelt, und wie wir sie schützen können. Anders als in seinen letzten Büchern ist es diesmal aber die menschliche Natur, die Probleme im Zusammenleben macht. Wen wundert es: Boyle schildert das „Second Earth“ Experiment, in dem eine Gruppe von Wissenschaftlern unter einen riesigen Kuppel, abgeschnitten von anderen, autark überleben sollen, z.B. als Vorbereitungen für eine mögliche Marsmission.
Nach den letzten Durchhängern fand ich Boyles Buch diesmal richtig gut, eine perfekte Urlaubslektüre (bei mir auch) – spannend, unaufdringlich vorhersehbar, mit ein paar netten Twists und einen Background, der nachdenken lässt. (5/5)


Was vom Tage übrig blieb von Kazuo Ishiguro (Übersetzt von Hermann Stiehl)
Als habe ich es gewusst: Nach dem „Begrabenen Riesen“ im letzten Jahr las ich in diesem Sommer endlich einen anderen Roman von Ishiguro, seinen bekanntesten, über den Butler in England, der auf eine Reise geht und die Konventionen übertritt und die Liebe entdeckt. Oder auch nicht. Herrlich zurückgenommen, distingiert, wie sich das für einen Butler gehört, ist dieser Roman auch geschrieben. Kein dickes Werk, aber voll der poetischen Sprache des neuen britischen Nobelpreisträgers für Literatur mit japanischen Wurzeln. (5/5)


Die Stadt, in der es mich nicht gibt von Kei Sanbe
Mit Comics ist das bei mir so eine Sache: Klar, die Story muss stimmen, wie in jedem Buch, aber bei Comics ist das Auge doch viel mehr gefordert, der Erzählrhythmus wird weniger durch die Worte der Sprechblasen geprägt, sondern durch die Aufteilung der Panels und – logisch – den Zeichenstil selbst.
„Die Stadt, in der…“ fällt unter die Mangas, gelesen von vorne nach hinten, von rechts nach links, das ist lustig und hipp, und ich habe auch Mangas gelesen, die mich dabei nicht gestört haben. Hier schon. Vielleicht, weil die Geschichte über Zeitensprünge sowieso schon die Zeitachse auf den Kopf stellt. Außerdem habe ich nun für mich beschlossen, dass der Manga-Tokyo-Pop-Stil nichts für mich sind. Auch wenn mich z.B. die Reihe Barfuß durch Hiroshima von Keji Nakazawa absolut umgehauen hat.
Der vorliegende Manga hat das nicht – Kultcomic hin oder her – schade. (2/5)

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Überfüttern von Säuglingen führt zu Fettleibigkeit bei Erwachsenen

baby fat

Ein neues Buch weist unmissverständlich daraufhin, dass das Überfüttern von Säuglingen während der ersten Monaten nach Geburt bereits den Stoffwechsel so negativ verändern kann, dass dies in späteren (erwachsenen) Jahren kaum noch zu korrigieren ist.

Mulchand Patel, Biochemie-Prof an der Universität von Buffalo and Jens Høiriis Nielsen von der Universität Kopenhagen versammeln ihrem Buch die aktuellsten Erkenntnisse zum so genannten Priming, dem Einfluss der Ernährung der Mutter während der Schwangerschaft und der Ernährung des Säuglings auf das genetische Potential des Stoffwechsels, der Entwicklung von Übergewicht, des Metabolischen Syndroms und Diabetes beim Erwachsenen. Dabei sind sie recht klar in ihren Erkenntnissen aus Untersuchungen an Tieren: Die übermäßige Aufnahme kohlenhydratreicher Formula-Milch durch das so genannte „Overfeeding“ reprogrammiert den Stoffwechsel des Menschen, dies sei auch durch einen Korrektur in späteren Jahren nicht wieder aufzuholen.
Sie gehen sogar noch weiter und postulieren, dass die DNA dermaßen ummoduliert werde, dass dies nicht nur den Metabolismus des Einzelnen, sondern auch späterer Generationen negativ beeinflusse.

Wir Kinderärzte kennen das aus der Praxis: Das „feeding on demand“, das für gestillte Kinder sehr wohl empfohlen wird, kann bei flaschengefütterten Säuglingen zu einem Überangebot an Formelmilch führen. Es wird von vorne herein mehr Milch zubereitet als später benötigt. Der letzte Tropfen Milch muß dann aber auch noch rein, die empfohlene Milchmenge wird dabei oft überschritten oder die Pulverdosierung nicht eingehalten. Da wird aus einem gestrichenen Löffel schnell der gehäufte. Auch die frühzeitige Einführung von fester Beikost, vor allem in Form von Getreide und Früchten, begünstigt den unphysiologischen Gewichtsverlauf. Tradierte Ernährungsgewohnheiten wie das Einmischen von Frucht- oder Karottensaft in die Milch oder „Biscotti“ zum Andicken (damit´s Bobele satt werde) sind schwer zu verändern.

Weiter zurück in die Fetalzeit, so Mulchand Patel, führt auch die übermäßige Kohlenhydrataufnahme, Übergewicht und Diabetes der Schwangeren zu einem Priming bereits der fetalen DNA, später Fettleibigkeit zu entwickeln. Übergewichtige Schwangere haben ein höheres Risiko, später übergewichtige Kinder großzuziehen.

Dank dieser Erkenntnisse der letzten Jahre haben sich auch die Ernährungsempfehlungen für die jungen Familien deutlich geändert. Programme wie „9+12“ der „Plattform Ernährung und Bewegung“ versucht in Deutschland, bereits während der neun Monate der Schwangerschaft, dann in den ersten zwölf Monaten der Säuglingszeit eine gesunde Ernährung und bewegungsorientierte Umgebung der Familie zu initiieren. Dabei sind Gynäkologen, Hebammen und Kinderärzte gemeinsam gefordert, die empfohlenen Richtlinien umzusetzen:

– Vermeidung von Übergewicht und diabetischen Stoffwechsellagen in der Schwangerschaft
– Förderung von Bewegung in der Schwangerschaft
– Gesund ausgeglichenes, selbst gekochtes Essen
– Fördern des ausschließlich Stillens während der ersten sechs Säuglingsmonate, danach Weiterstillen mit kontrolliert gesunder Mischkost (wieder: möglichst selbst gekocht)
– Vermeiden von Medienkonsum und Bewegungsmangel durch aktives Ansprechen während der Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt

Unsere Kinder werden es uns danken: Primäre Prävention ist am erfolgsversprechendsten; Ist das Kind oder der Jugendliche bereits dick, greifen Bewegungs- und Ernährungsprogramme oder gar Abnehmkuren nur noch unzureichend. Leider Alltag in den Kinder- und Jugendarztpraxen.

Fetal and Early Postnatal Programming and its Influence on Adult Health
Do bigger bottles lead to bigger babies?
9+12 – Projekt der Plattform Ernährung und Bewegung
Projektmaterialien

Ursprünglich hier

(c) Foto bei Flickr/hto2008 (unter CC-Lizenz)

Spielen um halb zwei

Final night

Mutter: „Herr Dokter, ich habe ein Problem mit meinem Sohn, der hat eine Schlafstörung.“
Der junge Mann ist dreieinhalb Jahre alt.
Mutter: „Wissen Sie, der geht nach dem Fernsehen um 21 Uhr ins Bett. Da trinkt er noch seine Flasche, dann steht er um elfe wieder auf und kommt zu mir rüber und weckt mich, dass er jetzt spielen will.“
Ich: „Und dann?“
Mutter: „Dann will er puzzeln, oder er macht den Fernseher an oder die Rolladen hoch. Ich weiß gar nicht, was ich machen soll.“
Ich: „Was machen Sie denn, damit er das lässt?“
Mutter: „Ich spiele dann kurz mit ihm, er will das ja so. Aber Fernsehen oder Rolladen, da schimpf ich dann schon. Letztens lag ich im Bett und da hat er an meinen Augenwimpern gezupft, dann hat er gesagt, Mama, Du hast die Augen auf, los, spiel mit mir. So was…“
Ich: „Was kann ich da tun?“
Mutter: „Der hat doch was. Solche Schlafstörungen sind doch nicht normal.“
Ich: „Ich bin ja kein Pädagoge, sondern auch nur Vater, aber ist das vielleicht eine Frage der Erziehung?“
Mutter: „Meinen Sie? Achso…“

(c) Bild bei Flickr/Matt (CC Lizenz)

Zweitmeinungen und Kollegialität

Ich möchte mich hier ausdrücklich bei allen Kolleginnen und Kollegen entschuldigen, denen ich in meiner Laufbahn bisher Inkompetenz angedichtet habe, sei es dem Unfallchirurgen, der beim Platzwundenähen vergessen hat, den Tetanusschutz des Patienten aufzufrischen, sei es dem Assistenten in der Kinderklinik, der das Extremfrühgeborene am Freitag abend nach Hause entlässt, sei es dem niedergelassenen Hausarzt, der dem Dreijährigen Cef.uro.xim-Tabletten verordnete. Nur so als Beispiele.

Es gibt immer Gründe dafür, wie man handelt. Sei es Stress am Arbeitsplatz, Stress durch den Vorgesetzten, Stress durch den Patienten oder Stress durch (in unserem Fall sehr oft) Angehörige. Jeder kann seine Kompetenzen überschreiten, ein gutes Fehlermanagement gehört zum Arztberuf dazu wie Rezepteschreiben. Nur lernen muß man aus ihnen.

Ich schicke genug Patienten auf die Reise, am Wochenende, im Notdienst, in Vertretung, deren weiteren Krankheitsverlauf ich nicht mehr im Auge haben kann, da sie in der Regel woanders betreut werden. Fehler mache ich genauso. Wie schön, wenn dann eine freundliche und kompetent sachliche Rückmeldung käme, was nicht so optimal lief.

Deshalb schicke ich auch Patienten, die beim Facharzt versorgt werden (bei uns vor allem Pulmologen, Hautärzte, Chirurgen) zurück, wenn die verordnete Therapie nicht richtig fruchtet („der hat mir dies und das aufgeschrieben, aber. Das. Bringt. Ja. Gar. Nichts.). Wie soll der Kollege korrigierend eingreifen, wenn er den Erfolg (oder Misserfolg) seiner Bemühungen nicht wiedersehen darf? Ein zweite Meinung mag für den Patienten zwar eine zweite Chance sein, für den Erstbehandler ist sie es nicht. Im besten Fall bekommst Du eine ähnliche Diagnose, eine andere Therapie bekommst Du immer, denn die „Zweite Meinung“ hat den Vorteil des Nachbehandelns.

Ich werde mitunter auch um eine Zweitmeinung gebeten. Das begeistert mich nicht, weil ich zwar das Recht des Patienten dazu sehe, mich aber stets als Kontrollinstanz überhöht fühle. Ich greife nur selten in das vorgeschlagene Regime des Kollegen ein, sondern plädiere, wenn ich die Sachlage anders einschätze, das Gespräch mit dem Vorbehandler zu suchen.

Je weiter die Diagnostik- und Therapiekette dann gediehen ist, und es gibt Patienten, die Arzt nach Arzt und Heilpraktiker nach Heilpraktiker „durcharbeiten“, desto höher die Wahrscheinlichkeit, das allumfassende Heilmittel zu finden. Auf nichts anderem bauen ja viele Alternativverfahren auf. Die Zeit heilt vieles. Und der Homöopath darf ausprobieren, das ist Teil des Konzeptes. Aber ich schweife ab.

Fehler sind ok, Fehler sollten nicht wiederholt werden. Aus Fehlern kann jeder lernen. Also gestehen wir sie jedem zu. Was aber gar nicht geht: Über den Kollegen oder die Kollegin schlecht reden. „Das hätte Doktor Soundso aber anders behandeln müssen“ oder „sehen müssen“, „Was, das hat sie nicht erkannt?“ oder „Ich schreibe Ihnen mal was auf, was wirklich hilft.“ Ein absolutes NoGo. Wir sollten als Ärzte soviel Ehrgefühl und Kollegialität unserem Stand entgegenbringen, dass wir rhetorisch nicht entgleisen, sondern besonnen und nüchtern formulieren. Die Patienten werden es uns und dem Ärztestand danken.

Entschuldigung Kolleginnen und Kollegen für die bösen Gedanken, die ich Euch manchmal hinterher sende. Die Patienten haben davon nichts gehört.

Euer kinderdok

(c) bei flickr/sergio santos (unter CC Lizenz), Credit: http://nursingschoolsnearme.com

Wenn der Kopf brummt

Überraschung! 171/366

Dass Kinder auf den Kopf fallen, ist der häufigste Unfallvorgang im Kindesalter. Abgelöst wird das im Schulalter durch Sportunfälle: Stürze beim Fussball, Rangeleien auf dem Schulhof, beim Skifahren.

Ich habe in der Praxis den Eindruck, diese Prellungen des Kopfes werden zu sehr auf die leichte Schulter genommen. Als ich vor über zwanzig Jahren in einem, sagen wir, prekären Vorort einer englischen Großstadt meine Arztpraktikum absolvierte, waren wir Assistenten in der Notfallambulanz angehalten, jeden Sturz sehr ernst zu nehmen und die Eltern auch bei Entlassung genau zu briefen. Und Stürze gab es dort viele.

In meiner Ausbildung in Deutschland waren alle viel entspannter. „Das passiert eben“, „die Schädel halten das aus“ waren häufige Sprüche. Naja. Auch in den Sportvereinen meiner Kinder sehen das die Betreuer eher gelassen.

Daher freue ich mich, dass das Thema „Gehirnerschütterung“ durch neue Initiativen wieder mehr in den Focus gerückt wird:

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„Eine Gehirnerschütterung ist eine leichte Verletzung des Gehirns, die durch einen Schlag oder Stoß auf den Kopf entsteht. Kopfschmerzen, Übelkeit, aber auch emotionale Probleme können die Folge sein.

„Die Anzeichen für eine Gehirnerschütterung reichen von Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel, Gleichgewichts- und Sehstörungen, Licht- und Lärmempfindlichkeit über Schlafstörungen, Schwierigkeiten beim Denken, emotionale Probleme bis hin zu Bewusstlosigkeit.

Weinen ohne Grund kann auch ein Zeichen sein. Bei Krämpfen, Schwäche in den Gliedmaßen, verwaschener Sprache und Verwirrtheit sollte umgehend eine Ambulanz gerufen werden“, rät Dr. Hermann Josef Kahl, Kinder- und Jugendarzt sowie Bundespressesprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Die Symptome können auch zeitverzögert auftreten.

Das Gehirn ist im Schädel von einer schützenden Flüssigkeit, dem sogenannten Liquor, umgeben. Schlägt der Kopf mit großer Geschwindigkeit auf einen harten Gegenstand oder wird der Kopf durch einen Stoß heftig bewegt, kann das Hirn trotzdem an den Schädelknochen prallen. Es gehen neuronale Verbindungen im Gehirn verloren. Diese können sich nur mit ausreichend Erholungszeit – etwa sechs bis zehn Tage je nach Schwere der Gehirnerschütterung – wieder regenerieren. Wiederholte Erschütterungen führen aber zu Entzündungsreaktionen, und es sterben Gehirnzellen ab. „Nach etwa zwei bis vier Tagen Ruhepause können Schüler evtl. wieder in die Schule gehen – vorausgesetzt, sie können sich eine Dreiviertel bis zwei Stunden ohne Verstärkung von Kopfschmerzen und anderen Beschwerden geistig beschäftigen, wie z.B. lesen. In die Schule sollten sie aber nur dann, wenn sie die Anstrengungen schrittweise anpassen und Ruhezeiten in der Schule einhalten können. Dafür kann eine schriftliche Empfehlung des Arztes hilfreich sein“, so Dr. Kahl.

Folgende Maßnahmen können den Schulalltag erleichtern: Regelmäßige Pausen, geringe Gewichtsbelastung z.B. durch den Schulranzen, Wahl eines Sitzplatzes fern vom Fenster (lichtarm), evtl. Aufsetzen einer Sonnenbrille, zunächst Sportverzicht, Nutzen von Rolltreppen und Fahrstuhl, Vermeidung unnötiger Geräuschbelastung oder evtl. Tragen eines Hörschutzes, minimaler Gebrauch von Computer, Handys und sonstigen Bildschirmen sowie Einschränkung des Lesens.

Die Initiative „Schütz Deinen Kopf!“ der ZNS-Hannelore-Kohl-Stiftung empfiehlt ein 5-Stufen-Programm:

  • Stufe 1: keine geistige Aktivität,
  • Stufe 2: 5- bis 15-minütige geistige Aktivitäten,
  • Stufe 3: Erhöhung der geistigen Tätigkeiten mit 20- bis 30-Mintuten-Intervallen,
  • Stufe 4: schrittweiser Schulbeginn mit 1 bis 2 Stunden Konzentrationszeit,
  • Stufe 5: Wiederaufnahme der vollen geistigen Arbeit und Beginn des Zurück-zum-Sport-Protokolls.

Quellen: Unfallchirurg, GET – Gehirn Erschüttert? TestApp, 5-Stufen-Programm der Initiative „Schütz Deinen Kopf!“ der ZNS-Hannelore-Kohl-Stiftung, HealthDay
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Dies ist eine Pressemeldung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V.

(C) Foto bei Flickr/Dennis Skley (unter CC Lizenz CC BYND 2.0)

Vorsagen

Sehr unterhaltsam ist es immer, wenn Eltern bei den „grossen“ Vorsorgeuntersuchungen, also U7+, U8 oder U9 ihren Schützlingen Hilfestellung geben wollen. Ich frage ja dann dies und das und möchte ein kleines Gespräch mit den Kindern entwickeln, um Sprache, Auffassungsgabe und Reflektion zu überprüfen. die Eltern wiederum haben natürlich den Wunsch, dass ihre Kinder auch funktionieren, mitmachen und möglichst auch alles richtig machen, damit der Tüv-Stempel am Ende auch stattfindet.
Ich (zeige auf das Bild mit dem Hammer): „Und was ist das?“
Bobele: „…?“
Ich: „Hat der Papa bestimmt zuhause.“
Bobele: „…?“
Papa: „Ei, Bobele, das ist doch ein Hammer.“
Danke.
Ich (Zum Bobele): „Genau. Ein Hammer. Und wozu braucht den der Papa?“
Papa: „zum Nägel einhauen.“
Ja. Danke.
Und so geht das weiter.
Ich: „Was ist das für eine Farbe?“ (gelb)
Bobele: „Lot.“
Papa: „Nein, Quatsch, das ist gelb.“
Böser Blick vom kinderdok.
Ich: „Und das hier?“ (rot)
Bobele: „Glün.“
Papa: „Ah, ne, das ist jetzt rot.“
Böser Blick und ein kurzes Anraunzen durch den kinderdok.

Und so geht das weiter, bis das Bobele durch die Einwürfe des Vaters immer unsicherer wird – Merke: Bei Vorsorgen immer loben, nie kritisieren und schon gar nicht verbessern – und dann entsprechend „zumacht“, blockiert.
Wir kommen zur körperlichen Untersuchung. Kinderdok möchte sich den Mund ansehen. Lampe, freundliche Aufforderung, Mund bleibt zu. Logisch. Kinderdok müht sich langsam ab, mit allen verbalen und handwerklichen Tricks (einschließlich des unleidigen und unbeliebten Spatels) – der Mund bleibt zu.
Ich (zum Papa): „Jetzt dürfen Sie mal was sagen.“
Papa: „Ach, jetzt soll ich? Ich dachte, ich darf nichts sagen?“
Ich: „Doch. Sie sollten nicht vorsagen und auch nicht verbessern, aber Auffordern zum Mundaufmachen, das dürfen Sie in ihrer väterlichen Autorität schon.“
Papa: „Der macht doch eh, was er will.“
Ja. Stimmt. Ganz der Vater. Merke: Kein Kind wird kooperieren, wenn´s die Eltern nicht selber tun.

 

Prüfen – Rufen – Drücken

Zur Woche der Wiederbelebung –

angucken, checken, anwenden!

Website zur Aktion

Kurzanleitung zum Ausdrucken

Servicewüste Kinderarztpraxis

Telefon

 

Vater: „Ja, hallo, meine Frau ist krank, und kann nicht auf meinen Sohn aufpassen, deshalb muß ich zuhause bleiben und brauche eine Krankschreibung.“
fMFA: „Was hat denn Ihr Sohn?“
Vater: „Nichts, der ist gesund, aber meine Frau ist krank.“
fMFA: „Oh, Sie haben die Kinderarztpraxis Dr. kinderdok gewählt.“
Vater: „Ja, das weiß ich, ich brauche eine Krankschreibung, für den Arbeitgeber, dass ich zuhause bleiben kann.“
fMFA: „Aber Ihr Sohn ist nicht krank.“
Vater: „Das sagte ich schon. Meine Frau ist krank. Und. Ich. Muss. Deswegen. Zuhause. Bleiben.“
fMFA: „Tut mir leid, aber wir können nur eine Bescheinigung für den Arbeitgeber rausschreiben, wenn Ihr Kind krank ist und Sie deswegen zuhause bleiben müssen.“
Vater: „Meine Frau ist krank.“
fMFA: „Ich habe das verstanden, aber solange Ihr Sohn nicht…“
Vater: „Wissen Sie was? Mein Sohn ist krank. Ich brauche eine Bescheinigung, dass ich zuhause bleiben kann. Für den Arbeitgeber.“
fMFA: „… und was hat Ihr Sohn. Wann haben Sie denn Zeit vorbeizukommen, um ihn untersuchen zu lassen?“
Vater: „Geht´s noch? Jetzt soll ich auch noch vorbeikommen?“

(c) Foto bei Flickr/Idaponte (unter CC BY-SA 2.0)

Die Katze geht zum Arzt, nicht zum Heilpraktikant

Unsere Katze hat immer wieder diese kleinen schwarzen Punkte unter dem Kinn, sieht aus wie Mohnkrümel oder schwarze Schuppen. Es scheint, zu jucken, denn gerne schabt sie mit dem Kinn auf der Couch herum. Nach einiger Zeit wird es besonders wüst: Die Haare gehen an der Stelle aus, vor zwei Monaten war ein Mundwinkel richtig wund geworden.

Der Tierarzt nennt das salopp „Katzenakne“, keine Ahnung, ob das stimmt, bei meinen Kindern google ich nicht irgendwelche Krankheiten, sondern verlasse mich auf den Experten. Als der Tierarzt mitbekam, dass ich was mit Medizin mache, murmelte er etwas von Autoimmunerkrankung, „nicht so schlimm“, und dass Cortison ja immer helfe, oder nicht?

Das war dann auch so: Die ein- bis zweimonatliche Spritze tat Wunder, die Hautveränderungen gingen zurück, die Katze war wieder glücklich. Der Behandlungsversuch zuvor mit antibiotischer Salbe scheiterte am Gefauche der Dame und dem Unvermögen des therapierenden Herrchens. Antibiotische Salbe bei Autoimmunerkrankung? Ok, wohl für die Superinfektion.

Im Wartezimmer kam ich ins Gespräch, eine Dame erzählte mir, sie gehe immer zuerst zu dem Tierheilpraktiker im Nachbarort. Eine schöne Praxis gebe es da, in schönen Farben und schönen Gerüchen, man merke, die Tiere fühlten sich gleich viel wohler. Da werden die Tiere auf dem Schoß der „Eltern“ untersucht, sagte sie, nicht, wie hier, auf einem kalten nackten Tisch. Sie zeigte auf ihren bereits grauhaarigen Yorkshire-Terrier, der müde hechelnd unter ihrem Stuhl saß. Es war ein heißer Tag. Der Tierheilpraktiker könne sicher auch was für unsere Katze tun, meinte sie. Und wo man das Geld nun ausgebe, sei doch egal, meinte sie.

Fand ich nicht. Wer ein Haustier hat, weiß, wie teuer ärztliche Behandlungen sein können. Es gibt zwar Tierkrankenversicherungen, aber, Hand aufs Herz, wer schließt die schon ab, wenn man nicht gerade einen Araberhengst im Schuppen stehen hat? So bleibt einem die Überraschung, wenn die Arzthelferin nach der EC-Karte fragt.

Und jetzt soll ich das Geld für Heilpraktikanten ausgeben? Da ist die Erstverschlechterung meiner Begeisterung inklusive. Katzen sind doch Einflüsterungen von außen sowieso nicht zugänglich. Denkt wirklich jemand, dass eine Katze auf Placebos reinfällt? Ein Hund vielleicht, ok, der freut sich über alles, was Frauchen oder Herrchen ihm Gutes tut, da ist die Placebo-by-proxy-Wirkung schon in der Tierart implementiert. Aber Katzen? Da die immer das Gegenteil von dem machen, was wir wollen, müsste ich ja am Ende statt „Similia similibus curentur“ „Contrarium contrario curentur“ anwenden (und man lege mich bitte nicht auf die richtige Deklination fest).

Vielleicht hilft ja Chiropraxie oder Osteopathie bei der Katzenakne? Der Gemütliche Riese aus Norddeutschland (RIP) hätte vielleicht auch das bei unserer Tigerin eingerenkt. Jedenfalls erschlüge sicher sein Charisma unsere Überzeugung. Im Fernsehen war es auf jeden Fall gut anzusehen. Spaß beiseite. Aber es denkt wohl niemand, das Schröpfen bei den Fellungeheuern irgendwas bewirkt, oder? Wie soll der Heilpraktikant denn da auch ein ordentliches Vakuum aufbauen?

Dann vielleicht die Akupunktur. Unsere Katze ist immer hellauf begeistert, wenn sie die Cortisonspritze oder ihre Impfungen bekommt. Ihr Instinkt meldet das schon fünf Minuten vorher an. Wenn dann die Tierärztin mit dem Besteck klappert, wird aus dem wilden Tiger endgültig die Feldmaus, die wir immer schon in ihr vermutet haben. Also dann Akupunkturnadeln? Und wer will die wiederfinden nach getaner Arbeit? Obwohl, man könnte die Nadel mit Fähnchen …

Ich gehe also weiterhin zu Dr. Engel (doch, so ungefähr heißt der tatsächlich) mit seiner Grummelstimme und dem sterilen Metallbeckenuntersuchungstisch mit Abflusseinrichtung. Der hat das – denke ich mal – auch richtig studiert. Der Tierheilpraktiker aus dem Nachbarort hat vielleicht schnell 2.000 Euro in die Hand genommen, ist von Haus aus Bankkaufmann und „mit Tieren groß geworden“. Wenigstens folgen beide ihrer Berufung. Aber ich muss nicht allem hinterher rennen.

Kurzer Faktencheck

(Der Faktencheck wurde der Infoplattform www.tierheilpraktiker.net entnommen. Ergänzen sollte ich, dass der Hinweis auf Praktika, d.h. die Arbeit direkt am Tier nicht bei allen Ausbildungsanbietern zu finden ist.)

Interessant in diesem Zusammenhang fand ich auch die beiden Artikel „Aber bei Kindern und Tieren hilfts doch auch“ und „So wirken Placebos bei Tieren“.

(c) Bild bei Werner Mandl/Flickr unter CC-Lizenz

Dieses Posting erschien ursprünglich bei DocCheck Blogs.

Gesundheit für Kinder – Buchtipp [Werbung]

Das Buch habe ich schon häufiger hier erwähnt, vielleicht findet auch jemand noch die Erstempfehlung (ich habe es nicht geschafft), meine erste Wahl, wenn Eltern nach einem guten Buch über Kinderkrankheiten fragen:

Gesundheit für Kinder von Herbert Renz-Polster, Nicole Menche und Arne Schäffler

Es erschien wenige Monate nach meiner Niederlassung und hat mich gleich fasziniert, heuer erlebt das Buch seine neunte („überarbeitete“) Auflage und bleibt eine Empfehlung. Die Inhalte sprechen für sich: Prävention, Symptome und ihre Ursachen, Kinder mit Handicaps, Darstellung der Einzelerkrankungen und schließlich Erste Hilfe, schnell findbar am Ende des Buches und sauber rot abgesetzt.

Was gefällt?

Selten finden sich die wichtigen Dinge rund um die Kindergesundheit so gut zusammengefasst, sinnig gegliedert und gewertet. Tabellen zum schnellen Überblick, Cartoons und schöne Kinderbilder ergänzen die Auswahl, das Layout mit viel Farbe und dem „Kreidestil“ sind stimmig. Wer es braucht: Es finden sich genug Hinweise zu alternativen Heilverfahren.

Die Positionen zu denselben sind freundlich, es gibt Empfehlungen, aber es gibt auch gute Grenzsetzungen.

Was gefällt nicht so?

Der Ratgeber ist nun dick genug (528 Seiten). Mehr Inhalt in den nächsten Auflagen würde das Werk überfrachten und die Grenze zum Lehrbuch überschreiten. Bereits jetzt sind manche Texte zu lang.

Klar sehe ich die Empfehlungen zur Homöopathie sehr kritisch, aber die Be-wertung in den einführenden Texten wirkt zwar leicht distanziert, in den speziellen Krankheitskapiteln stehen dann jedoch Glaubuli und andere pseudomedizinische Heilverfahren oft gleichberechtigt zur echten Medizin.

Impfungen werden klar befürwortet, individuelle Impfentscheidungen für mein Empfinden kritisch gesehen, jedoch bestimmte Impfungen als eingeschränkt (Mumps, Hepatitis B, HPV, Rota) bzw. als verzichtbar (Windpocken) eingestuft. Hier hätte ich mir mehr Vertrauen in die STIKO-Empfehlung gewünscht, ich habe den Eindruck, die Autoren wollen es (wie bei den Alternativverfahren) allen Recht machen, deshalb wird alles erwähnt. Aber vielleicht muss ein Buch so sein.

Auch wenn der Absatz des Nichtgefallens größer ausfällt, bleibt das Buch eine Empfehlung, für mich gibt es keine gute andere, vor allem abseits der GU-Ratgeber-Flut.

Gesundheit für Kinder: Kinderkrankheiten verhüten, erkennen, behandeln von Herbert Renz-Polster, Nicole Menche und Arne Schäffler (alles Drs.)
€ 29,95 [D] inkl. MwSt.
€ 30,80 [A] | CHF 39,90*
(* empf. VK-Preis)
Gebundenes Buch, Pappband
ISBN: 978-3-466-30904-7

Link zu Random House mit mehr Infos, Videos und Leseprobe

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