Was tut Ihr Euren Kindern an?

Zwei Meldungen der letzten Tage zu Masern –

Amerika ist masernfrei
Drei Säuglinge in Rumänien an Masern verstorben

… die viel aussagen über den derzeitigen Zustand. Die Alte Welt – einstmals berühmt für Wissenschaft und aufgeklärtes Denken – gelingt es nicht, die letzte lebensgefährliche Kinderkrankheit der Welt auszurotten. Warum? Weil vermeintlich besser informierte Andersdenkende, wahrhaftig aber Fehlinformierende verhindern, dass ihre Kinder ausreichend geimpft sind. Und dies auch noch eifrigst in die öffentliche Welt tragen.

Kennt noch jemand die Folge „Emergency Room“, in der John Carter bei einem Patienten Masern diagnostiziert, darauf die gesamte Ambulanz abgeriegelt wird und die Inkubierten isoliert? Bei uns darfst Du Eltern erst einmal erklären, ja, Masern sind meldepflichtig, sogar! Und anderen, dass Du ein studierter Mediziner bist, der weiss, was Morbilli sind, welche Risiken eine Infektion mit sich bringt und der sehr wohl für seine kleinen Patienten abwägen kann, dass eine Impfung ungleich weniger Risiken birgt als die Erkrankung.

Ich möchte gerne einmal Impfgegner mit Familien zusammen bringen, die Kinder an Infektionskrankheiten verloren haben oder deren Kinder zeitlebens durch diese geschädigt sind, oder mit Familien, deren Kinder keine Impfungen bekommen dürfen, weil sie an einer Immunschwäche leiden oder Chemo erhalten haben. Auch diese haben das Recht auf einen Kindergarten- oder Schulplatz. Genau hier beginnt das Recht des Nächsten auf Schutz der Gesundheit durch andere, der Gesellschaft, des Staates, und es endet das Argument, „eine Impfentscheidung ist immer noch eine persönliche Enscheidung der Eltern für ihr Kind.“

In Facebook schrieb jemand, es gibt Gegenden dieser Welt, da laufen Frauen kilometerweit durch die Wüste mit dem Baby auf dem Rücken, damit dieses geimpft wird. Ist unsere satte ignorante Gesellschaft schon so weit, dass sie sich diesen Luxus des Nichtimpfens erlauben kann? 

Wie gut, dass es immer noch verantwortungsvolle Menschen gibt, die Gesundheitsfürsorge in die Welt tragen.

Geschenke!

Ein Stein
Ein Bügelperlen-Herz
Ein Bild mit „Mann“
Ein Bild mit „Mama, Katze und dem Papa“
Eine Blume (leicht angewelkt)
Ein Papierschiff (mit einigen Fingerabdrücken), zerknüllt und wieder glatt gedrückt
Eine Urkunde („Bester Doktor“ inkl. Glitzer)
Noch ein Bügelperlen-Herz (andere Farben)
Ein Bild mit… tja nun…, ein Bild eben.
So ein geflochtenes Papierviereck
Eine Schachtel Pralinen (Lindt. Auch wenn´s blind macht)
Ein Schokoladen-Herz

…Geschenke der letzten vierzehn Tage.

Das größte Geschenk – wenn Mariebelle Dich trotz der Impfung, zerdrückter Tränen und einem Riesenschluchzer beim Hinausgehen auf dem Flur drückt.

Fakten, die ich schon immer zum Impfen hören wollte

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Ohne jetzt hier die gesamte Begegnung der unheimlichen Art vom heutigen Tag wiederzugeben – hier nur die nackten Fakten, die mir Frau Impfkritisch entgegenwarf:

„Ich kenne mindestens vier Leute, die einen Impfschaden haben.“

„Die meisten Leute impfen ja nur, weil sie nicht mit Ihnen diskutieren wollen. Und außerdem impfen nur noch ganz wenige.“

„Diese Kombiimpfungen sind hochgefährlich. Wenn, aber nur wenn, dann impfen wir alles einzeln.“

„Studien sind grundsätzlich von den Impfherstellern gefaket.“

Und das Beste – mit einem Augenzwinkern, als ob sie ein wohlgehütetes Geheimnis verrate: „Masern sind ja nicht wirklich gefährlich, oder, Herr Doktor?“

Nachdem sie es wirklich geschafft hat, den empfohlenen ersten Impfzeitpunkt um acht Monate zu überschreiten, denn schließlich sei das Kind „immer mal krank gewesen“, und wenn nicht, dann „war ich selbst krank“ oder „mein Mann nicht zuhause“, habe ich ihr heute empfohlen, sich einen anderen betreuenden Arzt zu suchen.

(c) Foto bei Flickr/Brandon Grasley

Dürfen Ärzte Patienten ablehnen?

Erste Antwort: Eigentlich Nein.

Aber so einfach wollen wir es uns hier nicht machen. Ärzte haben grundsätzlich eine Behandlungsverpflichtung, das besagt das Strafrecht (unterlassene Hilfeleistung) und ist ein ethischer Grundsatz allen medizinischen Handelns: Dem Hilfesuchenden wird geholfen. Im reinen Berufsrecht „steht es wiederum auch Ärztinnen und Ärzte frei, eine Behandlung abzulehnen.“ Dies wird jedoch eingeschränkt durch „besondere rechtliche Verpflichtungen“ – und diese beziehen sich auf das so genannte Vertragsarztrecht. Die meisten Ärzte sind Vertragsärzte in Verpflichtung der Kassenärztlichen Vereinigung und müssen hier uneingeschränkt an der Versorgung teilnehmen.

Dies ist der juristische Aspekt und entspricht wie üblich nicht der Realität: Lange Wartezeiten auf Termine, komplettes Ablehnen von Patienten, weil die Praxis „voll“ sei oder das „Budget erschöpft“ oder „nur Private behandelt werden“.

Unterschiede gibt es sicher in der Notfallbehandlung und bei geplanten Untersuchungen. Eine Notfallbehandlung darf niemals abgelehnt werden (außer, der Arzt begibt sich selbst in Gefahr – Autounfälle, Brände, Stromunfälle, aber das gilt bei der Ersten Hilfe im Allgemeinen). Das wiederum bedeutet für Ärzte in Notfallambulanzen und im Krankenhaus, aber auch „Versorgerpraxen“, die eine Sprechstunde anbieten, dass sie ungesehen des Alters, des Geschlechtes, des Aussehens, der Religion oder des Verhaltens des Patienten eine Versorgung übernehmen müssen. Ist der Arzt fachlich nicht befähigt (z.B. ein Kind zu entbinden, einen Infarkt zu behandeln, einen Chaissagnac einzurenken oder eine Wunde zu nähen), so wird er das in seinem Fach Mögliche tun und den Patienten weiterverweisen. Banal.

Geplante Untersuchungen wie Operationen, Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen usw. lassen sich „schieben“, hier gibt es nur bestimmte Kapazitäten, die ein Arzt, eine Praxis schaffen kann. Beispiel bei uns: Auf einen Termin für eine Jugenduntersuchung muss man bei uns im Moment fünf Monate warten, diese „Luft“ haben alle aber auch. Das Fenster für die „jüngeren“ Vorsorgen ist viel kleiner (die U3 muss zwischen dritter und sechster Woche stattfinden, die U7 zwischen 20. und 24. Monat usw.), da wird es schon schwieriger in der Planung. Ähnliche Probleme haben sicher Chirurgen oder Augenärzte – geplante Untersuchungen sind schließlich zeitaufwändiger, nehmen mehr Platz im Terminkalender ein. Irgendwann ist der voll und was soll dann das Team schon machen, als Patienten auf andere Praxen zu verweisen oder ganz abzulehnen? Schließlich wollen wir nicht vergessen: Welcher Patient möchte schon einen Termin in ein paar Monaten oder frühmorgens/spätabends oder in der Praxis stundenlang warten?

Was bedeutet das für den Kinder- und Jugendarzt? Vielleicht mal aus der Praxis geschildert: Wir sind mit der Versorgung, wie viele andere in der Region, am Limit. In der Konsequenz können wir aktuell nur Neugeborene „aufnehmen“, sowie Neuzugezogene. Wie soll man auch sonst jungen Eltern vermitteln, dass sie mit ihrem Neugeborenen nicht willkommen sind? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mit diesem Regime eine ausreichende Fluktuation zwischen Neuzugängen und Weggehern stattfindet. Unsere Praxis arbeitet mit überproportional vielen Patienten im Vergleich zur Fachgruppe, aber so haben die Patienten ein gutes Gefühl bei moderater Wartezeit auf Termine, kurzer Wartezeit in der Praxis und einen entspannten Arzt. Denn das wiederum wollen ja alle haben.

Denn was viele Eltern oft nicht sehen: Konzentrieren sich die Patienten auf einzelne Praxen, während andere noch Kapazitäten haben, leidet irgendwann auch die Qualität der jetzt übervollen Praxen. Ich habe das erlebt: Als Jungniedergelassener wechseln alle zu Dir in die Praxis, zum „Ausprobieren“, zum „Neuen Besen“, und weil die etablierten Praxen voll waren. Das geht eine Zeit gut, bis die eigene Praxis aus allen Nähten platzt, dann beginnt wieder das Wechselkarussell in die nächste Praxis. Es beschwerten sich Eltern über längere Wartezeiten, „weil wir ja jetzt soviele Patienten annehmen würden“, die waren vor nicht langer Zeit zu uns gewechselt.

Und dann das Argument mit den Privaten – die dürfen ja immer und bekommen auch schnell und immer einen Termin. Das stimmt oft. Das liegt an unserem Bezahlsystem: Privatpatienten generieren den Praxen immer gesichertes Honorar (wenn die Bonität und Zahlungsmoral stimmt), bei gesetzlich Versicherten warten wir bekanntermaßen über zwei Quartale auf das Honorar, ohne vorher zu wissen, wie hoch es ausfällt. Überschreitet das bei der Kassenärztlichen Vereinigung angeforderte Honorar den Vergleich zum Jahresvorquartal, droht sogar das komplette Abschneiden des Überschusses, d.h. der Doc hat x Patienten effektiv kostenlos behandelt. Ich kann jeden Arzt in diesem System verstehen, der am Ende des Quartals sagt, er nehme keine Patienten mehr an, die er nicht bezahlt bekommt. Handwerker dürfen auch Aufträge ablehnen, wenn die Arbeitskapazität erschöpft ist, über Aufträge, die sie annehmen müssten, sie aber nicht bezahlt bekommen, würden sie nur müde lächeln.

Ich denke, in Versorgerpraxen wie Haus- oder Kinderärzten kann das System gut funktionieren: Notfallpatienten müssen behandelt werden, ganze neue Patienten (durch Zuzug oder Geburt) werden aufgenommen. Das reicht. Ich mache die Erfahrung, dass die Hälfte der Wechselpatienten irgendwann weiterwechseln. Ganz ablehnen würde ich Gängeleien wie „Bewerbung schreiben“, um eine Praxis aufsuchen zu dürfen (ja, das gibt es!), oder seitens der Patienten das Einklagen einer Behandlung, hier dürfte das Vertrauensverhältnis bereits vor Behandlungsbeginn zerrüttet sein.

Denn auch das kann ein Grund sein, Patienten abzulehnen: Wenn sie sich ungebührlich verhalten (so habe ich eine Familie vor der die Tür gesetzt, bei der der Vater eine Mutter im Kopftuch beleidigt hat; aber es gibt auch Fälle von lautstarkem Gezeter über den Doc im Wartezimmer oder aber schlichtes x-maliges Versäumen von Terminen) oder kein Vertrauen zwischen Patienten und behandeldem Arzt herrscht. Eltern, die wiederholt Medikamente nicht geben, die vier- oder fünfmal eine zweite Meinung einholen, die sich mal in dieser Praxis, mal in jener behandeln lassen. In ein ähnliches Feld fallen die Impfgegner – auch diese finden sicher durch einen anderen Arzt eine bessere Unterstützung als mich.

 

Quellen:
(Muster-)Berufsordnung für Ärzte (siehe vor allem §7, Abs. 3)
Bundesmantelvertrag der Ärzte (d.i. Vertragsrecht, siehe vor allem §13)
Sozialgesetzbuch  (Teilnahme an der vertragsärztlichen Versorgung)
Blogartikel zu den juristischen Hintergründen

Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte wehrt sich gegen die pauschale Verurteilung des Gesundheitswesens

„Dina Michels, Korruptionsbeauftragte der Kaufmännischen Krankenkasse, hat im Interview mit der Frankfurter Rundschau das Gesundheitswesen als korrupten Sumpf bezeichnet. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte wehrt sich gegen die pauschale Verurteilung.

BVKJ-Präsident Dr. Thomas Fischbach: „Frau Michels wirft vor allem uns Ärzten vor, korrupt zu sein, Verordnungen gegen Geld oder Benefits auszustellen. Das Arztgeheimnis begünstige dies, die Justiz sei unfähig, dies zu erkennen und zu verfolgen, mächtige Netzwerke hielten ihre schützende Hand über die Ärzte. Frau Michels Einlassungen mit ihrem Mischmasch aus Unterstellungen und Verschwörungstheorien sind pauschal, böswillig und verleumderisch. Als Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte prüfen wir, Klage dagegen zu erheben.

Über 15.000 Kinder- und Jugendärzte versorgen über 14 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland vom ersten Lebenstag an bis zum 18 Geburtstag. Wir stehen jeden Tag in unseren Praxen und sorgen für die bestmögliche medizinische Betreuung unserer Patienten durch Vorsorgen, Impfungen, Heilung von Infekten, Elternberatung, wir verordnen auch Logopädie, Physiotherapie und Ergotherapie, wenn es uns notwendig für die gesunde Entwicklung der uns anvertrauten Kinder erscheint. Wir sind Anwälte unserer Patienten und unsere Entscheidungen fallen unter das Arztgeheimnis, und das ist gut so. So wird verhindert, dass zum Beispiel die Kassen Leistungen verweigern, weil sie ihnen zu teuer erscheinen oder weil sie der Meinung sind, dass chronisch kranke oder behinderte Kinder Therapien nicht brauchen. Hier von Intransparenz zu sprechen, halten wir für zutiefst bedenklich, ebenso wie der Justiz Inkompetenz vorzuwerfen. An mächtige Netzwerke zu glauben, die irgendwelche Machenschaften decken, zeugt unseres Erachtens von zu reichlichem Konsum von Mafiafilmen. Und anzunehmen, dass Therapeuten uns bezahlen, wenn wir Patienten an sie überweisen, ist angesichts der mickrigen Honorare, die diese von den Kassen bekommen, geradezu absurd. (Physiotherapeuten bekommen im Durchschnitt 19 Euro pro Behandlung von der GKV). Die Wahrheit sieht schlichter aus. Auch in unseren Reihen gibt es mit einiger Sicherheit schwarze Schafe, die die Kassen und damit die Allgemeinheit betrügen. Diese gehören bestraft und werden auch in der Regel bestraft durch unsere gut funktionierende Justiz. Wer anderes behauptet und Ärzte und Ärztinnen unter Generalverdacht stellt, zerstört das jeden Tag millionenfach gelebte Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient und schadet damit vor allem denen, um die es geht: unseren Patienten.“

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Dies ist eine Pressemitteilung des BVKJ.

Dem ist imgrunde nichts hinzuzufügen. Das Interview mit Frau Michels steht in Tradition eines Ärztebashings, das in den letzten Jahren zugenommen zu haben scheint. Vielleicht liegt das aber auch an der selektiven Wahrnehmung des eigenen Berufsstandes. Ähnliches können bestimmt auch Polizisten oder Politiker von sich selbst behaupten.

Und jetzt muß ich mit Luigi sprechen. Er und seine zwei Kleiderschränke haben um einen Termin gebeten. Wahrscheinlich gehts mal wieder um die monatlichen Zahlungen. Dabei habe ich doch letztens Don Marcos Cousine pro bono behandelt.

 

Die neuen Kinderrichtlinien brauchen ihre Zeit

Eigentlich sind sie nun offiziell in Kraft, die neuen Kinderrichtlinien bei den Vorsorgeuntersuchungen durch die Kinder- und Jugendärzte. Sie sollten bereits zum 1.7. kommen, wurden aber wegen Datenschutzproblemen (übertragen der mütterlichen Daten ins Kinderuntersuchungsheft? Seeehr problematisch?!) verschoben. Der erste September war der Stichtag. Trotzdem darf niemand erwarten, dass die neuen Inhalte sofort und komplett in den Praxen umgesetzt werden. Warum?kinderuntersuchungsheft

Zum einen kreißte der Gemeinsame Bundesausschuß sehr lange um das Thema, Inhalte wurden verändert, gestrichen, verschoben, sie bleiben teilweise umstritten, in der Summe werten sie jedoch die Kindervorsorgeuntersuchungen auf. Dies hat aber viel Unsicherheiten bei den Kollegen geschürt, so dass die endgültige Fassung sehr kurzfristig an die erbringenden Praxen gereicht wurde. Zum anderen ist die Bezahlung überhaupt nicht geregelt.

Im Fachdeutsch heisst das, die Finanzierung der aufgepimpten Vorsorgen ist noch nicht in den „Einheitlichen Bewertungsmaßstab“ EBM, das Instrument zur Abrechnung durch die Ärzte, implementiert worden. Ein Schelm, der Böses dabei denkt: Man bringt neue Inhalte auf den Markt, zeigt sie auch den Eltern in der Presse, regelt die Bezahlung aber später. Aktuell erhalten wir im Schnitt gute dreißig Euro pro Vorsorge, in den Zusatzverträgen zur U10 und U11 mit den Krankenkassen werden mindestens 50 Euro berechnet. Ähnliches erwartet der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte auch für die neu erweiterten U1 bis U9. Zitat der KBV: „Bis zur EBM-Anpassung erfolgt die Versorgung weiterhin nach den derzeit gültigen Regelungen.“ Diese Anpassung wird nicht vor Februar erwartet.

Bis die Bezahlung geregelt ist, dürfen Eltern also davon ausgehen, dass ihr Kinderarzt keine Begeisterung zeigt, fürs Gleiche deutlich mehr zu leisten (die Richtlinien setzen auch Neuinvestitionen in Hör- oder Sehtestgeräte voraus, auch die müssen von den Praxen finanziert werden). Wir lassen uns also Zeit, werden peu à peu die neuen Inhalte einüben, bis alles in trockenen Tüchern ist.

Was ändert sich nun konkret? Hier die wichtigsten, für Eltern relevanten Punkte:

– Es gibt ein neues „Gelbes Heft“. Dieses wird ab sofort (? wenn bereits geliefert) an alle Neugeborenen abgegeben. Für ältere Kinder gibt es Einlageblätter in das alte Heft (Hüstel: Bei uns ist noch nichts angekommen, weder Hefte noch Einlageblätter).

Teilnahmekarte für erfolgte Vorsorgeuntersuchungen, diese kann herausgetrennt werden und damit unabhängig vom eigentlichen Gelben Heften an Behörden übergeben werden.

– Neue Augenuntersuchungen: Von U4-U7 wird der so genannte „Brückner-Test“ durchgeführt, er erhöht die Diagnose von Amblyopien (… und beschert den Praxen die eventuelle Neuanschaffung eines oder mehrerer Ophthalmoskope)

– Verpflichtender Hörtest über mehrere Frequenzen bei 4-jährigen (… neues Gerät für die Praxis) – ob das bei allen gelingt?

– Screening auf Mukoviszidose, Abfrage der Stuhlfarbe bei U2-U4 (… übrigens mit Vergleich auf einer Stuhlfarbenkarte – dies dient dem Screening auf Störungen der Gallenwege)

– Deutliches Verweisen auf eine zahnärztliche Vorsorge

– Beobachtung der Interaktion zwischen Kind und Eltern, Angebot von Beratungsmöglichkeiten in der Region, eine Menge an Elterninformationen zu Beginn jedes Kapitels der Vorsorgen.

Gerne hätten die Kinderärzte noch gesehen, dass ein verpflichtendes Sprachscreening stattfinden sollte oder eine stärkere Impfverfügung eingesetzt wird. Außerdem: Warum wurden die Vorsorgen U10-U11, J1 und J2 nicht in das neue Heft aufgenommen? Sie sind zwar nicht Teil der Regelleistung, werden aber inzwischen von der Mehrzahl der Krankenkassen (und sowieso durch alle Privatkassen) erstattet und sind sicher in spätestens fünf Jahren tatsächlich Regelleistung. Dann gibt es eben wieder ein neues Heft.

Antibiotikagabe mit Sachverstand und McIsaac

Mutter: „Die Kleine hat so Halsweh.“Tongue!
Ich: „Fieber auch?“
Mutter: „Nein, sonst gehts ihr gut. Die springt auch rum.“
Ich: „Ich sehe einen roten Rachen. Und Husten hat sie auch.“
Mutter: „Ja, so war das bei meinem Mann und mir auch.“
Ich: „Ok, sie hat auch keine Lymphknotenvergrößerung.“
Mutter: „Das hat sie bestimmt von uns.“
Ich: „Ja, solche Viren gehen schnell rum in der Familie.“
Mutter: „Mein Mann und ich bekommen jetzt schon mal ein Antibiotikum. Supermycin.“

Keine seltene Konversation in der Praxis.
Unser aller Gesundheitsminister möchte die Antibiotika-Gaben in Deutschland einschränken, und macht sich so seine Gedanken. Die G7-Präsidentschaft der Bundesrepublik soll dabei für ein internationales Strategieprogramm genutzt werden. Dabei steht die Hygiene in den Kliniken und die Verordnung von Antibiotika durch Ärzte im Vordergrund. Dass er sich dabei ausgerechnet die Kinder- und Jugendärzte rauspickt, lässt verwundern. So haben Studien und Umfragen immer wieder ergeben, dass die Verschreibung in den Fachgruppen höchst unterschiedlich ausfällt, die Kinderärzte kommen dabei aber stets vernünftig und leitlinienbezogen weg.

Im obigen Fall bedeutet das:
– Bei fehlendem Fieber
– Begleitendem Husten oder Schnupfen
– Wenig oder keinen tastbaren Halslymphknoten und
– Nur rotem Rachen ohne Beläge
kann der behandelnde Arzt von einer viralen Erkrankung ausgehen (McIsaac-Kriterien oder Centor-Score – diese gilt auch für Allgemeinärzte und Erwachsene) – eine weitere Diagnostik wie Blutabnahmen oder Abstriche sind nicht notwendig, und schon gar keine „Schon-mal“- oder „zur Sicherheit“-Antibiotika-Gabe.

Ach ja – sollte man sich dann doch zu einer Antibiotika-Gabe hinreißen lassen, da man eine bakterielle Infektion vermutet, ist das Mittel der ersten Wahl immer noch ein einfaches Penicillin (ja, und Allergien dagegen sind seltener als man denkt), denn in den allermeisten Fällen sind die so genannten betahämolysierenden Streptokokken (GAS) die Ursache der bakteriellen Angina. Da wirkt das Penicillin stets gut, Mittel aus anderen Antibiotikagruppen („Breitband“) sind Ausnahmen vorbehalten, der zu hohe Einsatz dieser Reservemedikamente erschaffen Resistenzen. Trotzdem werden diese häufig verordnet „falls es doch was anderes ist“, oder „damit es nicht schlimmer wird“. Diese Strategie gilt leider oftmals für junge Kollegen in den Nachtambulanzen – trotz positiven Streptokokkenabstrichs und eindeutiger Diagnostik wird zum Cephalosporin der zweiten oder dritten Generation gegriffen – obwohl das Penicillin den Job genauso getan hätte.

(c) Bild bei Flickr/Evan Long

Flurdiagnostik

„Guck mal, Doktor Kinderdok, ich hab´gaahanz viel Punkte.“
Malte kommt mir strahlend auf dem Flur entgegen. Streckt die Arme nach vorne.
„Ich hab nämlich Hand-Muß-Pfund-Krankheit, mmmhja!“
Er präsentiert stolz die Pickelchen am Mund und den Händen. Dann setzt er sich auf den Praxisflur und zieht die Schuhe aus.
„Guck Guck Guck…!“
Ich gucke. Ja, die Füße sind auch dran.
„Aber Dir geht´s trotzdem gut, oder?“, frage ich ihn.
„Klar, Doktor Kinderdok.“
„Gibt´s was zu ergänzen?“, wende ich mich an die grinsende Mutter im Hintergrund.
„Nein,“ sagt sie, „er hat alles gesagt. Fieber hat er auch nicht, und er ist absolut top-top-fit. Bitte sagen Sie, dass er in den Kindergarten darf.“

Allerdings. Was freue ich mich wieder auf den Aufschrei in der Tageseinrichtung über soviel gesunde Maul- und Klauenseuche.

Zitat Robert-Koch-Institut: „Ob der hohen Zahl asymptomatischer Verläufe (s.o.) sind spezifische Empfehlungen hinsichtlich eines Ausschlusses von erkrankten Kindern aus Kinderbetreuungseinrichtungen oder Schulen prima facie kein angemessenes Mittel, um Ausbrüche zeitnah zu beenden. Ein Verbot für Erkrankte, die Einrichtung zu besuchen, führt zwar zu einer Reduzierung der zirkulierenden Virusmenge vor Ort, damit allein können jedoch Infektionsketten nicht wirksam unterbrochen werden, da die Viren noch für Wochen nach Symptomende ausgeschieden werden können und asymptomatische Virusträger nicht erkannt werden.“

Ups, Geburtstag verpasst.

Nämlich den vom Blog. Entschuldige, liebes Blog, aber manchmal weiß Papa einfach nicht, wo ihm der Kopf steht. Nächstes Jahr wieder pünktlich.

Also: Happy Birthday. Jetzt bist Du schon zehn!

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tenth birthday cake

(c) Bild bei Flickr/normanack

Getrennt lebende Eltern müssen sich einigen bei der Impfentscheidung. Für die Kinder.

Die Entscheidung, sein Kind impfen zu lassen, fällt vielen Eltern schwer. Darüber habe ich hier schon ausgiebig berichtet und zu Diskussionen Anlass gegeben. Viele Einflüsse wirken auf die Eltern: Die Omas und Opas, die gutmeinende Nachbarin, die Hebamme, das Internet, die Heilpraktikanten und nicht zuletzt auch wir Kinder- und Jugendärzte, Experten des Impfens und doch immer die vermeintlichen Strohmänner der Pharmaindustrie. Gut, wenn Eltern sich untereinander einig sind, was das Impfen angeht. Ich kenne auch Paare, wo das zu einem existentiellen Streitthema wurde, ähnlich der Frage, ob man politisch rechts oder links steht oder Fleisch isst oder nicht.Impfen

Richtig problematisch ist es für getrennt lebende Eltern, denen beide das Sorgerecht zugesprochen wurde – sie müssen gemeinsam entscheiden, ob ihre Kinder geimpft werden und wieviel. Dies hat jüngst das Oberlandesgericht Frankfurt a. M. so verfügt. Nach Ansicht des Gerichtes liegt im Fall der Impfentscheidung eine „Entscheidung von erheblicher Bedeutung“ vor – was ein Elternteil alleine nicht entscheiden darf. Denn: „Einerseits ist die Impfung mit gesundheitlichen Risiken und Komplikationen verbunden. Andererseits führt die Nichtimpfung zur Gefahr der Ansteckung mit den jeweiligen Krankheiten, die für die Kinder weitere Folgen mit sich bringt,“ so die Begründung auf anwalt.de (OLG Frankfurt a. M., Beschluss v. 04.09.2015, Az.: 6 UF 150/15).

Zuvor sah das Amtsgericht Darmstadt die Lage etwas anders: Impfungen seien eine „Entscheidung des alltäglichen Lebens“, in all ihrer Wertigkeit, denn das alltägliche Leben kann durch eine ablehnende Haltung zu Impfungen erheblich eingeschränkt werden. Stimme das Elternteil, welches mit den Kindern zum Arzt geht, den Impfungen zu – dürfe es alleine entscheiden, denn (wieder anwalt.de): „Als Teil der U-Vorsorgeuntersuchungen gehört die Durchführung der Impfungen zur Alltagssorge. […] Werden die Kinder z. B. nicht gegen Tetanus geimpft, könne die Mutter sie im Freien nicht in allen Gebieten spielen lassen. Deshalb fällt die Entscheidung für die Impfung in den Bereich der Alltagssorge, […]“ Stimme man jedoch gegen eine Impfung, so sei die Einverständnis des anderen Elternteils gefragt, denn „die Folgen des Nichtimpfens können so gravierend sein, dass es sich nicht mehr um eine alltägliche Entscheidung handelt, sondern die Angelegenheit erhebliche Bedeutung erlangen kann.“ (AG Darmstadt, Beschluss vom 11.6.2015, 50 F 39/15 SO)

Eigentlich eine ursprünglich weise Entscheidung des AG Darmstadt, die aber durch das OLG gekippt wurde. Für den Schutz der Kinder wird es dadurch jedoch nicht einfacher – da die konträre Impfentscheidungsdiskussion der Eltern nun vermutlich nicht nur rein sachlich-wissenschaftlich geführt wird, sondern auch noch emotional-partnerkritisch. Noch ein Teil mehr im Korb der schmutzigen Wäsche.

Außerdem ist die Entscheidung des OLG für uns Kinderärzte von Bedeutung: Wenn wir darüber wissen, dass Eltern getrennt leben und ein Elternteil den Impfungen kritisch gegenüber steht, sollten wir nicht impfen.

EDIT: Interview mit mir zu dem Thema bei Mama-arbeitet

(c) Bild bei Flickr/Dirk Vorderstraße

(Danke an @HansZauner für den Linktipp)

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