Happy Towel Day

(starte 1:45)

 

Notdienstzecke 2*

Your average tickNeulich im Notdienst, so gegen 21.30 Uhr.

Vater: „Wir sind hier, weil der Hinnerk-Miro hatte eine Zecke.“
Ich: „Alles klar. Und jetzt hat er sie nicht mehr?“
Vater: „Nein, die haben wir entfernt.“
Ich: „Das ist toll von Ihnen. Und was kann ich nun für Sie tun?“
Vater: „Na, sich das mal anschauen.“
Ich: „Die Stichstelle?“
Vater: „Da, wo sie gebissen hat, ja.“
Ich: „Zecken stech … ach egal, zeigen Sie mal.“
Wir begutachten voll Hingabe eine kleine Stelle oberhalb des distalen Endes der rechten Clavikula, vulgo rechte Schulter. Also, ich sehe nichts.
Ich: „Das da?“ Ich zeige auf eine vage Rötung.
Vater: „Nee. Das ist doch ein Mückenstich. Da…“ Er zeigt auf eine diskrete Veränderung der Hauttextur und -färbung.
Ich: „Sieht gut aus. Prima. Merken und abwarten.“
Vater: „Worauf?“
Ich: „Ob´s rot wird.“
Vater: „Ist es doch schon.“
Ich: „Also, mehr rot. So richtig rot. Und größer.“ Ich mache eine gewichtige Bewegung mit Daumen und Zeigefinger beider Hände, umschließend eines virtuellen kreisförmigen Gebildes. „Das ist dann eine Wanderröte.“ Ich erläutere in einer Kurzvorlesung die Segnungen einer Borrelienfrühinfektion.
Vater: „Kommt das noch?“
Ich: „Ja. Kann aber dauern. Manchmal drei bis vier Wochen.“
Vater: „Dann hätte man heute nicht kommen müssen.“
Ich: „Nein, hätte man nicht. Auch um diese Uhrzeit nicht.“ Hinnerk-Miro hat inzwischen den Kopf auf die Hände gebettet und ist eingenickt. „Aber – ich bin ja da.“
Vater: „Und warum heißt es dann immer: Nach einem Zeckenbiß sofort den Arzt aufsuchen.“
Ich: „Heißt es das? Übrigens, Zecken stech … ach, egal.“
Vater: „Ja, ich habe den ganzen Nachmittag damit verbracht, im Internet zu suchen, was man jetzt machen kann. Die einen sagen so, die anderen sagen so. Am Ende überwog aber die Meinung, zu Sicherheit einen Arzt aufzusuchen.“
Ich: „Und wann hatten Sie die Zecke nochmal entfernt?“
Vater: „Nach dem Spielplatz, da schauen wir immer alles durch. So nach´m Mittag.“

*Stammleser erinnern sich vielleicht.

(c) Foto bei Flickr/Ragnhild Brosvik

Der Zollstock und Helene Fischer

Aramäer, Türken, Griechen, Kroaten, Serben, Kanadier, US-Amerikaner, Franzosen, Deutsche, Italiener, Spanier, Polen, Tschechen, Norweger, Schweden, Syrer, Briten, Tunesier, Iraner, Iraker, Portugiesen, Kenianer, Kurden, Ghanaer, Japaner, Chinesen, Australier, alle in meiner Praxis.

Alle haben Kinder, die krank sind. Warum sollte mich interessieren, welche Sprache sie sprechen oder ob und an welchen Gott sie glauben? Oder wie sie versichert sind? Oder ob sie politisch verfolgt, nach einem besseren Leben und bessere Versorgung suchen oder schlicht hier arbeiten? Nennt mich sozialromantisch, cheesy, idealistisch oder naiv oder dumm, aber Arzt sein verlangt das. Humanität sowieso.

Aus einem fantastischen Artikel des SPIEGEL (Nr. 18/2016 vom 30.4.2016):
„- Es migrieren wesentlich mehr Europäer innerhalb Europas als Afrikaner nach Europa.
– Es migrieren ungleich mehr Menschen innerhalb des Nahen Ostens als von Nahost nach Europa.
– Die größte transkontinentale Bewegung findet nach wie vor zwischen Süd- und Nordamerika statt. […]
– Der Anteil Europas am gesamten Wanderungsvolumen ist gesunken.
– Was sich im langen Rückblick verändert hat, ist die generelle Hauptrichtung der Migration: Von Nord-Süd zu Süd-Nord und nun immer mehr zu Süd-Süd. In früheren Jahrhunderten waren es die Europäer, die auswanderten und andere Weltgegenden kolonisierten – was auch nur eine Form der Migration ist.
Die globale Migration in den vergangen fünf Jahren [war] rückläufig. Die Zahl der wandernden Migranten zwischen 2010 und 2015 (36,5 Millionen) ist um mehr als 8 Millionen kleiner als in der vorherigen Fünfjahresperiode (45 Millionen).“

Sehr anschaulich wird der Artikel mit dem Zollstockvergleich: „Bitte nehmen Sie einen Zollstock zur Hand. Klappen Sie diesen auf die volle Zwei-Meter-Länge aus. […]“ In den letzten fünf Jahren migrierten weltweit „36,5 Millionen oder 0,5 Prozent der Weltbevölkerung – das ist auf Ihrem Zollstock etwa ein Zentimeter. Alle anderen, also 99,5 Prozent der Weltbevölkerung, sind Nichtmigranten; sie lebten 2015 im gleichen Land wie 2010. Das sind die anderen 199 Zentimeter des Zollstocks.“ Und weiter: In dieser Zahl steckt „… jeder, der jemals aus seinem Geburtsland weggezogen ist und noch am Leben ist […]. Der Mann vom nächsten Kebab-Laden, seit 20 Jahren in Deutschland, steckt da drin. Der indische Professor für Astrophysik, in den Achtzigerjahren nach Göttingen berufen, steckt da drin. Die schwedische Designerin, seit Mitte der Neunziger in Berlin, steckt da drin. Pep Guardiola steckte da drin. Helene Fischer. Die Klitschkos. Charlotte Roche. Der Autor dieser Zeilen, in der Schweiz geboren, steckt ebenfalls drin.“ (= Guido Mingels)

Zum Spaß habe ich mein Statistikprogramm angeworfen: Da das Programm keine Nationalitäten kennt, ist der Asylstatus das einzige, das bei mir einen Migranten ausmacht. Unter den ca. 6000 Patienten des letzten Jahres waren immerhin 10 Kinder aus Familien, die in Deutschland Asyl beantragt haben. Das sind heroische 2 Promille. Natürlich hinkt diese Zahl: Manche Patienten kommen häufiger als einmal pro Jahr.
Und natürlich gibt es Praxen in Großstädten, die mehr Patienten im Asylsuche-Status behandeln. Aber auch „bei uns“ gibt es ein Erstaufnahmelager in der näheren Umgebung und im Ort bereits mehrere, auch Familienunterkünfte für Asylsuchende.

Meine fMFA sprachen letztens von „den vielen Asylanten“, die wir in Deutschland und damit auch in unseren Praxen versorgen müssen. Wir haben die Statistik wie oben bemüht, und waren alle überrascht. Und von meinen fMFA blieb am Ende auch nur eine übrig, die – sagen wir grob – zu den 197 oberen Zentimeter des Zollstocks zählt, die also keinen Migrationshintergrund hat.

Global Migration? Actually, The World Is Staying Home, der Artikel aus dem SPIEGEL ist hier auf englisch zu finden, die deutsche Übersetzung muß gekauft werden.

Fragen an Kinderärzte aus dieser Welt II

chef-ganz-neuHier kommt No.2 der Fragen an die Kinderärzte aus dieser Welt.

Wir machen weiter mit dem Kollegen Dr. Matthias Krueger aus Klingenberg, der auf seiner Homepage preisgibt, dass er neben dem Kinderarztsein ein Faible hat fürs Singen und die Schauspielerei. Klingenberg liegt unweit des hessischen Odenwaldes, aber eindeutig noch in Bayern. Direkt am Main.

Außerdem hat er eine wunderschöne Praxis in einem wunderschönen Haus.p1030877-jpg

20 Fragen an den Kinderarzt

kinderdok: Warum Kinderarzt und nicht Urologe?
Matthias Krueger: Seit Kindheit wußte ich, dass ich was mit Kinder machen würde; erst dachte ich Psychologie, dann brachte mich mein Tutor in der Schule auf Medizin (weil ich sehr naturwissenschaftlich angehaucht bin – ich habe es nie bereut.

Ihr Prüfungsthema in der Facharztprüfung?
Röteln-Embroypathie und etliche weitere Sachen (an die ich mich aber nicht mehr erinnere (bei ersterem habe ich mich gründlich blamiert, weshalb es mir noch so bewusst ist); ach ja, und ein Thema war ein Granuloma anulare: wenn ich nicht als Praxisassistent in einer pädiatrischen Praxis gewesen wäre, hätte ich damit nichts
anfangen können….

Was, wenn nicht Kinderarzt?
????

Wie lange werden Sie diese Woche in der Praxis arbeiten?
Da ich Himmelfahrt 24 h Dienst habe -> sehr lang

Einzelkämpfer oder Teamplayer?
Einzelunterhalter

Gibt es etwas, was Sie an der heutigen Medizin ärgert?
Mehr Zeit für Verwaltungskram als für die Kinder….

Was möchten Sie jungen Eltern auf den Weg geben?
Sie sollten sich auf ihre Intuition verlassen und nicht zu sehr durch Internet, Großeltern, Zeitschriften oder sonstige Einflüsterer verunsichern lassen.

Gibt es ein Buch oder eine Website, das/die Sie Eltern ans Herz legen?
Largos „Babyjahre“ und „Kinderjahre“

Beruf ist Berufung oder Pflicht?
Ersteres

Welches Kind werden Sie aus Ihrer Arbeit niemals vergessen?
Meine (z.T. mittlerweile verstorbenen) Palliativpatienten

Die ewige Frage: Behandeln Sie die Kinder in der Praxis genauso wie Ihre eigenen Kinder?
Jo. (ich hatte noch kein eigenes, als ich mich niederließ; meine Richtschnur war aber immer: wie würde ich beim eigenen vorgehen? Daran habe ich nichts geändert, auch als die eigenen kamen)

Kaffee oder Tee?
Kaffee, Espresso, Cappuccino

Fahrrad, Laufen oder Auto?
Auto, gern auch Fahrrad (bin aber mit angehenden 60 Jahren mittlerweile etwas faul geworden)

Rock´n´Roll oder Klassik? Beatles oder Stones?
Jazz, anspruchsvolle Popmusik, Klassik, Sinti-Swing

Computer oder Karteikarte?
PC

Globuli oder Abwarten?
Abwarten

Impfen oder Abhärten?
Impfen

Ihre aktuelle Verfassung?
Müde (ich schlafe in der letzten Zeit nicht sehr gut durch)

Ihr Motto für den Praxisalltag?
Habe ich eines? Nee, eher nicht.

Wichtige unbeantwortete Frage?
Wüßte ich keine


Danke, Herr Krueger. Auf ein Wiederlesen in Pädinform.

Lampenfieber

Frankfurt am Main: Bühne

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, das im hohen Alter (… no comment) abzulegen, aber leider geht es mir heute immer noch wie zu Schulzeiten: Jeden Morgen habe ich Bauchgrimmen, bevor ich zur Arbeit gehe. Ob das der normale Schulbesuch war, von Klassenarbeiten ganz zu schweigen, im Studium vor Seminaren oder Prüfungen (weniger in den Vorlesungen) oder jetzt – morgens schlägt mein Magen Kapriolen. Er sagt Hallo, er drückt, er meldet sich wie ein Stein im Schuh, ignorierbar, aber nervig.

Das fängt an, wenn ich mich ins Auto setze oder aufs Fahrrad, nimmt zu, wenn ich zu den letzten Kreuzungen, der letzten Ampel komme, das Auto parke, dann ist der Gipfel erreicht. Keine Sorge, erbrochen habe ich mich noch nie.
Die Krönung war früherTM die Sieben-Nächte-Schicht auf der Neugeborenen-Intensiv. Das gab es das Bauchgrummeln vor der Schicht – logisch, aber dann noch einmal in der letzten Stunde von fünf bis sechs in der früh, kurz vor der Ablösung. Die Stunde der Bewährung – wenn jetzt ein Kreißsaaleinsatz anstand (und das kam oft genug vor), konntest Du sicher sein, dass irgendwas schief läuft. Du bist müde, die Kreißsaalschwester ebenso, der Oberarzt hatte kein erweitertes Interesse, um diese Uhrzeit anzurücken. Trotzdem ging es meist glimpflich aus.

Mit dem ersten Patienten am Morgen ist es dann vorbei. Vermutlich erreicht mein Adrenalinspiegel dann das nötige Maß, um meine Magensäure wieder runter zu regulieren (Physiologie war schon immer meine Stärke). Ich denke an etwas anderes, bin eingebunden in den Tagesablauf. So hat das früher mit Klassenarbeiten genauso funktioniert. Ein echtes Blackout kenne ich nicht. Es nervt.

Habe ich Angst vor der Arbeit? Respekt vor dem, was da auf mich zukommt? Hallo, das kenne ich aber schon seit Jahren, große Überraschungen gibt es nicht. Oder sind es die Hormone, die meinen Verstand und Körper auf die nötige Betriebstemperatur bringen? Immerhin sorgt das Bauchgrummeln für einen gewissen „Hallo-wach“-Zustand, völlig verpennt zur Arbeit zu erscheinen ist sicher nicht sinnvoll. Zeitdruck verschlimmert den Zustand übrigens: Verschlafen ist der Horror, außerdem, wenn der normale Tagesablauf am Morgen gestört ist (Kinder krank, fMFA krankgemeldet, Auto kaputt), dann kommt zum Grimmen noch das Flirren und das Heppeln dazu (kann sich jeder mit Sinn füllen, was das denn nun bedeutet).

Alles probiert: Gut frühstücken, nichts frühstücken, Kaffee, Schwarzen Tee, warme Milch, Holunderschnaps, das Bauchgrummeln kam, blieb und ging, wie jeden Tag aufs Neue. Nach all den Jahren habe ich mich nun damit arrangiert und akzeptiert als mein Vegetativum, meinen persönlichen Zwang, meine unangenehme Routine. Da würde mir bestimmt etwas fehlen. Ob ich das mal erlebe?

(c) Bild bei Flickr/Kevin Hackert

Hohen Blutdruck bei Kindern beachten

„Erhöhte Blutdruckwerte bei Kindern und Jugendlichen sind die Vorboten für Bluthochdruck im Erwachsenenalter ab etwa 38 Jahren. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Veröffentlichung in der Fachzeitschrift „Hypertension“.

Demnach sollten Jugendliche ab 12 Jahren einen Blutdruck unter 120/80mmHg anstreben und bei Kindern unter 12 Jahren wären Werte unter 110/70mmHg optimal. „Ein 11,5 Jahre alter Junge mit einer Größe von 149cm sollte laut KiGGS idealerweise einen Blutdruck von etwa 106,1/64,7mmHg aufweisen. Mit 13,5 Jahren und 163cm Körpergröße sollten die Werte etwa bei 111,6/66,8mmHg liegen“, nennt Dr. Hermann Josef Kahl, Kinder- und Jugendkardiologe sowie Bundespressesprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Beispiele.
Bei Kindern und Jugendlichen steigt der Blutdruck mit zunehmendem Alter und auch abhängig von der Körpergröße. Bis zum 13. Lebensjahr unterscheiden sich der systolische und diastolische Blutdruck bei Jungen und Mädchen kaum, aber mit der Pubertät erhöhen sich die Werte bei Jungen stärker als bei Mädchen. Als Bluthochdruck gilt nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bei Jugendlichen ein Wert über 140/90mmHg. „Bis zum Alter von etwa 5 Jahren sind normale Blutdruckmanschetten zu groß für Kinderarme, sodass eine Messung nur in der Praxis sinnvoll ist. Bei älteren Kindern können Eltern versuchen, auch zuhause den Blutdruck ihres Kindes zu erfassen. Idealerweise wird der Blutdruck im Sitzen nach etwa 5 Minuten Ruhe gemessen, und dies dreimal zur gleichen Tageszeit. Davon können Eltern dann einen Durchschnitt errechnen. Der Kinder- und Jugendarzt beurteilt anhand von Tabellen, die die Größe des Kindes berücksichtigen, ob der Blutdruck im Normbereich liegt“, erklärt Dr. Kahl.“

Mithilfe des Blutdruckrechners können eltern sich informieren, in welchem Bereich sich die Blutdruckwerte ihres Kindes befinden: www.kinderaerzte-im-netz.de/mediathek/blutdruckrechner/
Quellen: HealthDay, Hypertension, KiGGS (RKI)
________________________________________________

Dies ist eine Pressemeldung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V. 

Fragen an Kinderärzte aus dieser Welt

Eine neue Rubrik: Ich habe ein paar Fragen an kinderärztliche Kolleginnen und Kollegen in Deutschland gestellt, viele waren so freundlich zu antworten, hier in loser Reihenfolge die Antworten. Nach den Kinderärzten aus einer anderen Welt, jetzt also Kinderärzte aus dieser Welt.
—–
steffen_neuDen Anfang macht Herr Dr. Steffen Lüder aus der Hauptstadt. Kollege Lüder praktiziert in eigener Praxis in Berlin-Hohenschönhausen seit über sechs Jahren, unter Kollegen ist er bekannt als „Berliner Schnauze“ und Organisator eines Workshops für Einsteiger in die kinderärztliche Praxis.
Seine Praxis auf Homepage

 

20 Fragen an den Kinderarztdrlueder_logo

kinderdok: Warum Kinderarzt und nicht Urologe?
Steffen Lüder: Weil ich mehr kann……

Ihr Prüfungsthema in der Facharztprüfung?
Tuberkulöse Meningitis, linksseitige Erdnussaspiration, TGA (= Transposition der großen Arterien), Kopfschmerz-DD

Was, wenn nicht Kinderarzt?
Bin auch Diplombiologie und Läufer bis zu 24 Std.

Wie lange werden Sie diese Woche in der Praxis arbeiten?
Nicht länger als sonst, 26 Std. Öffnungszeit sind wahrschlich genug

Einzelkämpfer oder Teamplayer?
I am the one and only one, the schnellste Nadel Lichtenbergs

Gibt es etwas, was Sie an der heutigen Medizin ärgert?
Die Frage ist unfair, ich will heute noch ins Bett.

Was möchten Sie jungen Eltern auf den Weg geben?
Erst Hirn einschalten, dann in die Kiste.

Gibt es ein Buch oder eine Website, das/die Sie Eltern ans Herz legen?
Kindheit ist keine Krankheit.

Beruf ist Berufung oder Pflicht?
Weder noch, macht Spaß, bringt Kohle und zeitigen Feierabend

Welches Kind werden Sie aus Ihrer Arbeit niemals vergessen?
Marvin, Hämatokrit von 11 % (siehe unten)
Justin, Meningeom
na, da gibt es einige

Die ewige Frage: Behandeln Sie die Kinder in der Praxis genauso wie Ihre eigenen Kinder?
Nein, schlechter! Tims Trommelfell platzte letzten Montag, na und?

Kaffee oder Tee?
Kaffee, Bier, Whisky

Fahrrad, Laufen oder Auto?
Laufen

Computer oder Karteikarte?
Computer, meine Schrift kann keiner Lesen

Globuli oder Abwarten?
Hääääh

Impfen oder Abhärten?
IMPFEN!

Ihre aktuelle Verfassung?
Super, werde in 9 Tagen 50.

Ihr Motto für den Praxisalltag?
Hab keins.

Dr. Lüder hat noch eine Geschichte an den Fragebogen angehängt – betreffend o.g. „Marvin“:

„Marvin – wahre Begebenheit.

Ein Freitag im Februar. Die Praxis ist voll, die Infektsaison tobt.
Wieder über 50 bis zum Mittag. Darunter auch Marvin, 3 1/2 Jahre alt.
Montag war er schon mit einem geplatzen Trommelfell in der Praxis gewesen.
Er war gut drauf, hatte kein Fieber und benötigte keine Antibiose.
Nach 5 Tagen lief das Ohr noch ein wenig. Da Marvin ordentlich blass war, gönnte ich ihm und mir eine Blutuntersuchung. Nicht, dass ich doch eine schwere bakterielle Infektion übersehen hätte.

16 Uhr. Meine Familie hatte ich vom Flughafen abgeholt, ich war schon eine Woche zuvor aus Thailand zurückgekommen. Nun badete ich mit meiner Tochter, als mir meine Frau das Telefon zur Badewanne brachte.
Das Labor war dran und gab die Werte durch.
Hb 1,6 mmol/l (normal 6-9), Hämatokrit 10,4 % !!!, Leuko 4,9 normal, Thr 342 normal, Reti 50 rel. erhöht, Ferritin 1,3 sehr sehr niedrig, CrP normal.
Upps, war das mit dem Leben vereinbar?
Hab ich das Blut irgendwie falsch abgenommen?
Nein. Die anderen Werte waren ja in Ordnung.
Was nun.
Raus aus der Wanne, Töchterchen geschnappt, rein ins Auto, ab in die Praxis. Computer hochfahren, Telefonnummer raussuchen. Anruf. Keiner da.
Mist, also Vorbeifahren. Keiner zuhause. Aber es war schöne Sonne. Also mal auf den zwei Spielplätzen schauen. Kein Marvin. Einmal zu Real – kein Marvin. Zurück zur Wohnung. Ich klingelte beim Nachbarn, stellt mich als Marvins Kinderarzt vor und bat Frau Nachbarin UNBEDINGT Bescheid zu geben, dass Marvin sich im Krankenhaus vorstellen sollte.
Dort rief ich an und kündigte den Jungen an. Entschuldigte mich sogleich, dass er ohne Einweisungsschein käme.
Auf dem Rückweg im Auto klingelte es, die Mutter hatte die Nachricht bekommen.

Marvin kam auf die ITS, erhielt zwei Blutkonserven und viel Diagnostik. Wodurch so eine starke Anämie auftrat, konnte nicht geklärt werden.

Als ich zurückkam, war das Badewasser kalt, aber mir war warm.

St. Lüder“

5/4

Multitasking

Doch, ich kann es schon verstehen, dass man zwei Kinder hat. Also, dass man das erste Kind mitbringt in die Kinderarztpraxis, wenn das zweite seine Vorsorgeuntersuchung hat,  vor allem, wenn das erste Kind noch kein Kindergartenkind ist oder so alt, dass es bei der Omma bleiben kann für zwei Stunden. Das verstehe ich sehr gut. Wie soll man´s dann auch anders machen?

Was ich aber nicht verstehe, ist, dass das erste Kind, während ich das zweite Kind untersuche, die ganze Zeit unbeachtet durch die Mutter (aber sehr wohl registriert durch mich), sämtliche zur Verfügung stehende Schranktüren im Behandlungsraum (als da wären … Moment … sechs) und Schubladen (… äh, drei) mehrmals öffnen darf, um den dort befindlichen Inhalt genauestens zu untersuchen. Verbandsmaterial, Handtücher und Windeln sind sehr interessante Dinge während einer langweiligen Untersuchung des Geschwisterkindes. Spannend auch das Otoskop und die Ewingrassel, ganz zu schweigen von den Pflastern, Mundspateln und Ohrtrichtern – die nebenbei später eventuell bei anderen Kindern Verwendung finden sollen.

Ich verstehe, dass man in gewissen Situationen nicht multitaskingfähig ist. Und ich verstehe auch, dass Kind Nummer Eins einen gottgebenen Instinkt dafür hat, wann Mama abgelenkt ist – in diesem Fall durch die Untersuchung (durch mich) ihres Kindes Nummer Zwo.

Was ich nicht verstehe, dass ich das – im Gegensatz zur Mutter – sehr wohl wahrnehme und auch reagiere. Zunächst gegenüber Kind Nummer Eins, dann bei der dritten Bemerkung auch gegenüber der Mama. Nicht verstehen kann ich dann die rotzfreche naive Bemerkung der Mutter, sie dachte, sie sei in einer Kinderarztpraxis. Nun gut.

Meine Konzentration bei der Beurteilung von Kind Zwei ist ausreichend geschult. Sogar so sehr, dass ich (während ich Kind Zwei impfe:  Eine Hand hält den Oberschenkel, die andere impft) schnell genug bin, um die Kanüle zu ziehen, außer Reichweite von Kind Zwei zu legen, um im gleichen Moment die Hand von Kind Eins zu erwischen, die bereits neugierig auf dem Impftablett rumgrapscht. („Aber, Leon-Malte-Moritz, dass darfst Du doch nicht, da kannst Du doch Aua-Aua bekommen.“ OT Mutter.)

Ich verstehe mich schließlich sehr gut, wenn ich nach diesem Moment kurz mal austickte.

—-
Dies ist ein Nostalgie-Posting – veröffentlicht erstmals vor fünf Jahren – für Euch, liebe Leser, recycelt und aufpoliert. Enjoy.

Gelesen im April

Selbstporträt mit Flusspferd von Arno Geiger
In der Reihe der Bücher über junge männliche Protagonisten vom Übergang des Schüler- oder Studentendaseins zum Erwachsenenwerden mit allen Irrungen und Wirrungen dieser Zeit, erster echter Liebe, erstem Sex, der Auseinandersetzung mit den Autoritäten dieser Welt, den Freunden, die sich jetzt wie die Spreu vom Weizen trennen, viel Musik und viel Selbstzweifel – ist dies auch eines. Die Sprache von Arno Geiger ist viel gerühmt, die Metapher des Flusspferdes taugt für viele Interpretationen in Lesezirkeln und Deutsch-Grundkursen, eine echte nachhaltige Botschaft konnte ich dem Buch nicht entnehmen. Abgehakt unter „Arno Geiger gelesen“. (3/5)

Unsere Kinder: Was sie für die Zukunft wirklich stark macht von Reimer Gronemeyer und Michaela Fink
Die Autoren nehmen sich unglaublich viel vor: Krisen der Zukunft, Bildung, Sicherheit, Toleranz, Empathie, Information, Gesundheit und Stärke, schließlich den Sprung in die Zukunft – so die Kapiteltitel. Dabei kommen sie pro Kapitel, quatsch, pro Absatz vom Hundertsten zum Tausendsten, wilde Assoziationen von der Familie hin zur Ausbeutung der Welt, vom Handykonsum zum Schicksal von afrikanischen Kindern. Schreibt man ein Sachbuch, dann mag man vielleicht mit einem Brainstorming beginnen, einer Mind-Map, dabei kommen unglaublich schlaue Gedanken heraus, keine Frage, aber ihnen fehlt der rote Faden. Als ob die Basis-Mind-Map in Sätze verwandelt wurde. Bei jedem zweiten oder dritten Absatz fragte ich mich: Wo ist hier der Lektor, der die Kapitel straffte, strukturierte, auf den Punkt brachte?
Und zuletzt – Wer die Devise anpeilt „Was unsere Kinder für die Zukunft wirklich stark macht“, sollte sich immer wieder auf diese Frage besinnen und hinarbeiten.
Man verstehe mich nicht falsch: Das Buch ist sehr interessant und es gibt viele Ansätze zum Grübeln, ein Rundumschlag der Gesellschaftskritik.
Mir war´s am Ende zu chaotisch. (2/5)

Der Araber von morgen, Band 2: Eine Kindheit im Nahen Osten (1984 – 1985) von von Riad Sattouf
(Deutsch von Andreas Platthaus)
Der Zweite Teil der Autobiographie von Riad Sattouf ist kompakter als der erste Teil, geschuldet sicher dem besseren Erinnern der Zeit, als der kleine Riad nun in die Schule kommt. Noch mehr spielt Sattouf mit den Farben, dem blaßen Rosa in der Geschichte, dem feurigen Rot bei Gefahr, dem Blaßblau in den Szenen in Frankreich. Wie schon beim ersten Teil fasziniert die naive Sicht des Jungen auf die Gegebenheiten im patriachalischen Islam, das Nichtverstehen des Judenhasses und der Diktatur, die Schilderungen des seltsamen Essens und der Lebenskultur. Man fürchtet die „Lebensphilospophie“ zu spüren, die Menschen zu Islamisten machen. Sattouf hat später sein Vaterland verlassen, und ist in seinem Mutterland zu einem berühmten Zeichner gereift (der auch in „Charlie Hebdo“ veröffentlichte). — Ganz gespannt auf den nächsten Teil. (5/5)

Sophia, der Tod und ich von Thees Uhlmann
Sänger schreiben Bücher. Na dann. Und dann lesen sie auch noch das eigene Buch als Hörbuch ein. Ohje. Ob das wird?
Und ob. Selten habe ich ein Hörbuch so gerne konsumiert, wartete jeden Morgen im Auto gespannt auf die Fortsetzung. Der Gedanke, der Tod steht vor der Tür, wie knapse ich ihm ein paar Zeit ab – genial umgesetzt, sehr lustig formuliert, sehr herzerwärmend. Ich habe teils laut losgelacht, am Ende geheult. Und das Thees Uhlmann das Buch selbst liest, versüßt den Genuß – seine norddeutsche Schnodderschnauze passt hervorragend. Da wird sogar der Tod sympathisch. (5/5)

Fieber am Morgen von Péter Gárdos (Hörbuch gelesen von Axel Wostry, übersetzt von Timea Tankó)
Im Literarischen Quartett kam das Buch so leidlich gut weg, ich habe es mir ausgesucht, weil ich mal wieder einen historischen Stoff lesen wollte. Péter Gárdos Vater schreibt im Nachkriegsexil in Schweden hunderte von Briefen an ungarische Frauen, und verliebt sich in eine. Eine romantische Geschichte mit viel Hoffnung nach dem großen Leid. Der Zauber entsteht tatsächlich aus der Authentizität. Die Schrecken des Dritten Reiches ertönen in wenigen Sätzen, „über die sie nie sprachen“ – und sind dafür umso eindringlicher.
Vielleicht hätte ich den Atem für die Lektüre nicht gehabt, als Hörbuch war es ein interssantes Erlebnis. (4/5)

… und geguckt:
Bosch – Staffel 2
Better Call Saul – 2
Fargo – Season 2

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