Zwischen den Jahren

Die Tage zwischen den Jahren und kurz nach dem Neujahrsfest. Das Wetter wirkt unentschieden, kein Schnee zu Weihnachten, dann die ersten Flocken, die Straßen sind seltsam leer, weil alle im Urlaub sind, die Praxis hat trotzdem genug zu tun, auch wenn spürbar weniger ist als sonst.

Ich habe meine Praxis nun schon ein paar Jahre, die Familie wechseln in langsamen Wellen durch, viele Eltern bemerken, dass sie nicht mehr so oft kommen müssen, wie noch in Zeiten des Kleinkindalters. Ich bilde mir ein, dies liege an meinen Empfehlungen medizinischer Art, weiß ich doch, dass das nur altersabhängig ist. Schulkinder, insbesondere pubertierende, sind weniger krank und brauchen ihren Arzt weniger. Die Impfungen sind alle durch, seltene Auffrischungen alle fünf oder zehn Jahre.

Das Jahr bringt die Neue Kinderrichtlinie, ich hatte schon berichtet, das ändert etwas die Struktur der Abläufe bei Vorsorgeuntersuchungen, bringt neue technisches Equipment mit sich wie neue Hörtests, den Brücknertest und die ominöse Stuhlfarbenkarte (wenn Sie demnächst Ihr Kinderarzt nach der Farbe des Säuglingsstuhls fragt und Ihnen dann noch einen Farbverlauf vor Augen hält, bitte nicht wundern, er findet es genauso eklig), ein neues Einarbeiten in ein Neues Vorsorgeheft, teils Entschlackung, teils Verbesserung, teils mehr Bürokratie, wen wunderts.

Dann kommen neue Familien, keine Frage, der Zufluß ist so gut, wie nie. Deutschlands Geburten boomen, zwei Gemeinden der Umgebung haben das Bauland für das Rathaussäckel für sich entdeckt, neue Kinder, neue Erkrankungswellen. Meine Begleitungen sind wie früher, vielleicht etwas etablierter, vielleicht etwas weniger flexibel, ich werde nicht jünger. Die neue Richtlinie ist nur ein kurzes Ändern der eingefahrenen Pfade, wie ein Fahrrad auf dem holprigen Feldweg rutschen die Reifen schnell wieder in die Gerade hinein.

Was nehme ich mir vor für 2017? Den Eltern wieder mehr Gelassenheit zu vermitteln, mehr Vertrauen in die moderne Medizin, weg von Schwurbelei und Impfgegnertum. Noch mehr Reden, Beraten, Eltern Schulen, auf die Symptome – die echten, wie die eingebildeten – zu achten und eigenverantwortlich zu handeln im Gewissen auf den eigenen Instinkt, wann nun eine professionelle Beurteilung notwendig ist. Und Mut zu haben, keine Medikamente zu geben, auch keine Pseudomedikamente, sondern auf den normalen Verlauf einer Erkrankung zu setzen, ohne Angst zu haben, es ende immer lebensgefährlich. Aber wenn die Angst zu groß wird, den Eltern den Mut vermittelt zu haben, anzurufen und einen Termin zu vereinbaren, ohne falsche Angst, belächelt zu werden. Diese Politik fahren wir Ärzte und die fMFA nicht.

Im Notdienst möchte ich etwas entspannter agieren, mehr Großzügigkeit walten lassen, mehr Gelassenheit. Notfall definiert sich aus der Sicht der Eltern, nicht des Arztes. Was nicht bedeutet, dass ich nachts um eins mit einer Komplettuntersuchung des Kindes die Warze an der Fußsohle diagnostizieren muß. Und es bedeutet nicht, dass ich nicht darauf hinweisen darf, dass das bis zum nächsten Tag gereicht hätte. Aber der Ton macht die Musik, also wird mein Ton bescheidener.

Das Blog? Zwei oder drei Beiträge für die Woche wären schön, die Vorsorgereihe braucht noch weiter Futter, dafür sieht es bei den „Kinderärzten aus einer anderen Welt“ gerade sehr mau aus, TV und Kino setzt andere Prioriäten. Geschrieben wird viel, nicht nur fürs Blog, doch dank der kathartischen Wirkung sehe ich viele Begegnungen in der Praxis nicht mehr so anstrengend wie früher und damit bleiben sie nicht mehr bis abends zum Bloggen in den Hirnwindungen hängen. Ich ventiliere sie schneller. Aber keine Sorge: Die eine oder andere Story gibt es immer.

Nun denn, das Innehalten nach den Feiertagen ins Neue Jahr endet hier, ein letzter Blick auf den noch nicht abgeschmückten Baum im Wohnzimmer, möge das Jahr beginnen. Morgen schließe ich die Praxis auf, stelle mich fünf Minuten an die Anmeldung, wir tauschen uns zu Weihnachtsgeschenken und der ewigen Müdigkeit am Silvestertag aus, lachen das erste Lachen im neuen Jahr, bis der erste Patient die Praxis betritt und jeder seinen Aufgaben nachgeht.

„Hallo Herr Doktor, wir kommen heute zur letzten Sechsfachimpfung…, und was ich noch fragen wollte, wenn ich schon mal da bin…“

(#laterblog, vom Neujahrsnachmittag)

 

 

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10 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. moondance14
    Jan 03, 2017 @ 21:35:21

    Dann wünsche ich dir mal viel Erfolg mit den Vorsätzen, die du dir genommen hast. Du klingst immer so nach einem Traumkinderarzt, bei unserer habe ich immer das Gefühl, dass sie immer sehr hin und her hetzen muss und nicht so die Zeit hat. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass ich bei den Us und impfungen bisher einfach nie sehr viele Fragen hatten, weil du immer schon so schön vorinformiert hast 😉
    Auf ein gutes 2017

    Antwort

  2. annasuppengruen
    Jan 04, 2017 @ 08:58:18

    … und ich habe mich kurz gewundert, warum sich unser Kinderarzt plötzlich für die Farbe der Kinderstühle interessieren sollte (Feng Shui zum Frühstück?) – gut, nach den Mahlzeiten erkennt man diese nicht mehr so gut, weil die Jüngste noch gerne alles vollschmiert und die Umgebung dekoriert, aber das hellbraun würde ich in der Farbkarte bestimmt auch finden. 😉
    Einen guten Start ins Neue Jahr, mögen sich all deine Wünsche erfüllen und viele lesenswerte Artikel dabei rausspringen!
    Von einer, die sich deinetwegen bemüht, ihrem Kinderarzt eine „gute“ Elternpatientin zu sein.

    Antwort

  3. Hajo
    Jan 04, 2017 @ 16:52:04

    Lieber Kinderdok, auch ich wünsche Dr für das neue Jahr, dass alle Deine Vorsätze in Erfüllung gehen möger, aber auch, dass Dr Deine Patienten – und hier meine ich nicht einmal die Kinder, sondern vor Allem deren Eltern – mit der angemessenen Art gegenüber treten.
    Herzliche Grüsse Dir und Deiner Familie
    Hajo

    Antwort

  4. wiederhoeren
    Jan 04, 2017 @ 20:52:23

    Mich interressiert natürlich: Was ist neu an den Hörtests?

    Antwort

    • kinderdok
      Jan 05, 2017 @ 12:45:08

      Nicht viel, außer dass die vielfach verwendeten Screeningtests (ohne Frequenzabstufung) nicht mehr erlaubt sind. Es müssen klar definierte Frequenzen und Lautstärken eingesetzt werden – das wird ja vielfach schon immer gemacht.
      Neu (und lustig) ist auch, dass der Hörtest nur noch bei U8 gefordert wird. Was die Fragen aufwirft:
      – welcher Vierjährige macht da gut mit? Das heißt, wieviele falsch positive Fälle werden wir da produzieren und
      – was ist mit den Vorschulkindern, die evtl. sekundäre Hörstörungen zeigen (Adenoide, Medikamentennebenwirkungen usw.)?

      Antwort

  5. Marie
    Jan 05, 2017 @ 11:39:00

    Die „Zwischen den Jahren“-Artikel sind mir die Liebsten. Da macht der bissige, streitbare kinderdoc wohl manchmal ein paar Tage Urlaub und ein melancholischer Sucher, der selbst grade so zwischen den Enden und Anfängen hängt, macht den Vertretungsdienst. Alles Gute für 2017, beiden kinderdocs, für die Vorsätze und Pläne.
    Hoffentlich wird es ein richtig gutes Jahr!

    Antwort

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