Da müssese mal zur Ergo

Ein sehr beliebter Kritikpunkt bei Schuluntersuchungen im Kindergarten ist die “Richtige Stifthaltung”. Die RSH ist ein Mysterium an sich und verlangt viel Aufmerksamkeit, aber auch Disziplin vom Prüfling. Schließlich geht es gar nicht darum, ein hübsches Bild zu malen, sondern es *richtig* zu tun. Also: Der Stift wird brav in der rechten Hand gehalten, streng im Dreifingergriff, Handgelenk und Ellenbogen haben auf dem Tisch aufzuliegen. Die Stiftführung erfolgt nun aus dem Handgelenk heraus. So. Richtig. Alles andere falsch.

Zeigen Sie das mal einem Viereinhalbjährigen, ja, dem mit der männlichen Bezeichnung, denn die Mädchen können die RSH schon in utero. Der lacht sie aus. Oder rammt Ihnen den dicken Bleistift mitsamt dem Faustschluß in die Magengrube, wenn Sie ihm zum zehnten Mal die RSH erklären wollen.

Kinder wollen malen. Aber so, wie sie Lust haben, und das, wozu sie Lust haben. Also nicht das Haus-Baum-Mensch-Spielchen, das die Schuluntersuchungen so drauf haben, oder auch der dämliche Kinderdok bei der U9, sondern Autos, Pferde, Prinzessinnen, Batman oder Sponge-Bob. Alles schon bei den Vorsorgeuntersuchungen gesehen. Es kommt schließlich auf den Spaß an der Freud´ an und nicht auf die RSH, die in irgendwelchen Büchern als die einzig Heilbringende beschrieben wurde. Schauen Sie mal Erwachsenen auf die Pfoten: Haben da wirklich alle den Stift zwischen den richtigen Fingern?

Also bitte: Gemalt wird, wie es Spaß macht, und wenn´s im Faustgriff ist. Ab einem Jahr vor der Schule darf man den RSH anleiten, aber nicht einpauken, denn gar nicht malen ist gar keine Übung, und Sie glauben gar nicht, wie schnell auch der Fünfjährige nicht mehr malt, wenn er das nur noch im RSH darf. Anleiten bedeutet pädagogisch arbeiten, nicht therapeutisch, denn merke: Schreibenlernen, bitt´schön, darf man immer noch in der Schule lernen. Und nicht in der Ergotherapie.

Und übrigens: Linkshändigkeit – auch so´n Ding – ist eine Variante der Dominanten Hirnhemisphären und keine Krankheit. Moment… ja, seit Jahrzehnten schon.

Kohle scheffeln durchs Impfen

Impfgegner, oh, pardon, Impfkritische bringen oftmals das Argument an, wir Kinder- und Jugendärzte würden uns eine goldene Nase durchs Impfen verdienen, unlängst geschehen auf der Facebook-Seite von “Deutschland verbrennt den Impfpass” (wtf? Verlinkung nur, damit vielleicht ein paar Vernunftbegabte auf deren Seite Kommentare hinterlassen, aber siehe [Edit] weiter unten) -

wiederum eine andere Facebook-Initiative “Für Impfen”, bat mich, hierzu einen Gastbeitrag als Replik zu schreiben. Wenn Ihr das gut findet, dann geht auf deren Seite und “liked”, wassesnurgeht.


Kohle scheffeln durch Impfen

Ich habe keine Ahnung, was daran schlimm sein soll, das Ärzte Geld fürs Impfen bekommen. Es zweifelt doch auch niemand an, dass sie Geld bekommen, oder?

Mit der gleichen Begründung dürften TÜV-Prüfer oder Streifenpolizisten kein Geld erhalten. Das Honorar, wie es richtigerweise recherchiert wurde, ist legitim und ethisch einwandfrei, denn Ärzte dürfen keine kostenlosen Leistung anbieten – *das* wäre unlauterer Wettbewerb.

Erstmal die Fakten:
Ein Honorar von 7 Euro für eine Einzelimpfung bis hin zu 19 Euro für eine Kombinationsimpfung beinhaltet
1) Kosten für die Bevorratung der Impfstoffe (eine logistische Sache, sonst müssten die Eltern stets den Impfstoff selbst in der Apotheke holen – und die Kühlkette im heißen Sommer einhalten) – also Bereitstellung mindestens eines übergroßen Impfstoff-Kühlschranks mit Umluft, idealerweise mit Kühltemperaturüberwachung mit Online/SMS-Benachrichtung bei Ausfall – kostet Geld
2) Impfstoffausfallsversicherung (wenn die Putzfrau den Stecker zieht)
3) Impfaufklärung der Eltern (die Dauer bestimmen die Eltern, das kann auch schon mal länger gehen)
4) Impfplanung (Terminvergaben etc)
5) Untersuchung des Impflings (komplett)
6) Durchführung der Impfung (incl. Kanülen, Desinfektion, evtl. Glucose bei Säuglingen)
7) Dokumentation in Impfheft, Karteikarte und (optional) einem speziellen Impfbuch der Praxis
8) Achja – und Honorar für die getane Arbeit, für Arzt und MFA
9) Achja – und wenn 3) oder 5) negativ ausfallen, weil die Eltern doch nicht impfen möchten oder der Impfling krank ist – gibt’s gar kein Geld. Für eine Impfberatung an sich – also mit offenem Ausgang – gibt es im übrigen im Abrechnungssystem der Gesetzlichen Krankenkassen keine Abrechungsziffer, d.h. das ist sowieso eine Gratisleistung des Arztes.

Die Gesamtsummen, die im Artikel des “Deutschland verbrennt den Impfpass-Team“ genannt werden, sind hübsch extrapoliert.
Ein paar kleine Fehler haben sich jedoch eingeschlichen:
So wird die Rotavirusimpfung nur mit zwei Impfdosen vergütet (es gibt zwei Impfstoffe, der eine wird dreimal gegeben, der andere nur zweimal – die Kassen zahlen nur die zweimalige Gabe …). Außerdem wird die Gesamthonorarmenge von 149,54€ mit der Geburtenrate eines Jahres hochgerechnet, was nicht korrekt ist, da die Kinder ja nicht mit 12 Monaten komplett durchgeimpft sind. Der Impfplan geht mindestens bis zum 15. Lebensmonat, erst ab dann sollte z.B. die zweite MMRV-Impfung gegeben werden. Ergo wäre es richtiger, jeweils die Impfungen des ersten Jahres (90,57 €) und des zweiten Jahres (44,21€) mit der Geburtenrate zu koppeln. Das ergibt eine Gesamthonorierung von (90,57 € x 673544 Geburten + 44,21 € x 673544 Geburten) 90.780.260,32 € bzw. 45.390.130, 16 € pro Jahr (und nicht 100.721.769,76€). Weiter macht das dann nur noch 3444,13€ pro Jahr und Arzt (statt 7642,60€).
Aber wir wollen nicht kleinlich sein.

Jeder verdient Geld in seinem Beruf – was eine Leistung wirklich „wert“ ist, bestimmen oft andere. Für das Geld, was ein Arzt für Impfungen bekommt, würde ein Handwerker in der gleichen Zeit, mit dem gleichen Aufwand, keinen Finger krumm machen.

Wir Ärzte impfen nicht, um uns zu bereichern, sondern weil wir von der Sinnhaftigkeit und medizinischen Notwendigkeit dieser Empfehlungen des 21. Jahrhunderts überzeugt sind. Mit Korruption hat das wohl nichts zu tun, denn das Geld fließt schließlich nicht aus den Pharmafirmen, sondern über die Kassenärztlichen Vereinigungen letztendlich von den beitragszahlenden Mitgliedern der Krankenkassen. Daher ist der „Switch“ im Artikel von den Ärztehonoraren hin zur „bösen“ Pharmaindustrie nicht nachvollziehbar.

Was allerdings völlig richtig ist in den Überlegungen der Impfgegner: Die Gesamtzahlen ALLER Kinder in Deutschland zum Ausgangspunkt zu nehmen und diese der Anzahl ALLER Kinder- und Jugendärzte gegenüber zu stellen, denn: Die Impfquote in Deutschland in den ersten Lebensjahren liegt bei über 90%, und eine ähnliche Quote dürften auch die Kinder- und Jugendärzte erreichen, welche von den Impfungen überzeugt sind. Die Impfgegner sind in der Minderheit. Die Vernunft hat immer noch die Mehrheit.

So hat ein einziger Satz in diesem Artikel wirklich tieferen Wahrheitsgehalt: Wir Kinder- und Jugendärzte impfen „freudig Kinder/Säuglinge“ – aber aus humanitären und nicht monetären Gründen

Für Impfen – Facebook.

[Edit]: Ich habe beschlossen, doch den Link zur “Deutschland verbrennt den Impfpass” zu löschen. Ich habe versucht, einen Kommentar zu posten, das wurde aber mit dem Hinweis auf die Seiteninfo “Beiträge Pro-Impfen” würden sofort gelöscht. Naja. Soviel Selbstvertrauen muß man erstmal haben.

Wenn Säuglinge nichts hören

“Ja, nein, diese Ohruntersuchung möchte ich nicht.” Die Mama schüttelt bestimmt mit dem Kopf.

Ich mache mal wieder meine Vorsorgechecks in der Frauenklinik des Nachbarortes, konsiliarisch, nennt sich U2 – die erste Vorsorge nach der Entbindung, noch in der Klinik. Gerade war Tayo dran, ein schmächtiger Junge mit wahnsinnig vielen Haaren auf dem Kopf, darüber hatte ich grade mit der dabeistehenden Mama ein paar Witze gerissen. (“Schade, dass die alle noch ausfallen” – “Herr Doktor machen Sie mir keine Angst.” – “Nein, nein, das merken Sie gar nicht, da wachsen gleich wieder welche nach. Aber das ist kein Garant für volles Haar bis ins Seniorenalter.” usw.)

Die Kinderkrankenschwester hatte mir schon vorher zugeraunt, die Mutter lehne die TEOAE ab, ein Hörscreening in den ersten Lebenstagen, dass sehr segensreich angeborene Hörstörungen erkennt. Frühes Erkennen bedeutet frühe Therapie. Früher eine Serviceleistung der Krankenhäuser (oft mit Sponsoring proudly by the Lions Club), inzwischen Kassenleistung und gesetzlich vorgeschriebenes Screeningverfahren wie das Stoffwechselscreening und der Hüftschall mit einem Monat. Außer, die Eltern lehnen das ab.

“Man weiß ja nichts von den Langzeitnebenwirkungen”, setzt die Mutter fort.
“Doch, … es gibt keine”, sage ich etwas flapsig.
Sie schaut mich an mit einem Blick, der besagt, was soll ich als Mediziner auch schon anderes sagen? “Könnte ja selbst zu Hörstörungen führen.”
“Sagt wer?”, frage ich.
“Die Elke… also, meine Hebamme in der Schwangerschaftsvorsorge.”
Jetzt ist es an mir, die Augenbrauen hochzuziehen.
“Naja, ich fürchte, da ist die Hebamme nicht gut informiert.”
Der Buzzer dröhnt in meinem Kopf. Fehler meinerseits, ganz klar. Kritisiere nie eine Duz-Freundin.

“Ach, naja”, wieder der mitleidige Blick für den Arzt, “nur weil es keine Studien gibt … Immerhin wird da ein Schall aufs Ohr gegeben.”
“Ja, aber ein sehr geringer. Da kommt im Moment, wenn wir reden, mehr und lauterer Schall an das Ohr Ihres Babys.”
Sie senkt die Stimme: “Aber dann muß ich es ja nicht noch provozieren.”
“Was provozieren?”, frage ich.
“Die Schwerhörigkeit.”
“Ich denke, von einem Schall unter 35 Dezibel wird man nicht taub.”
Sie wiegt den Kopf hin und her: “Das kann man nicht wissen.”

“Ein frühes Erkennen kann aber sehr gut für Ihr Kind sein, man kann dann früh behandeln und eventuell früh Hörgeräte anpassen”, sage ich etwas lahm.
“Naja, wissen Sie, eine Mutter merkt das auch so, ob ein Kind nicht wirklich hört, früher ging es ja auch ohne.”
“Stimmt, da haben Sie Recht, früher wurden die Kinder aber oft erst im zweiten Lebensjahr auffällig, wenn die Sprache sich nicht richtig entwickelte.”
“Reicht doch.”
Reicht nicht.

Schließlich ihr letzter Versuch einer Argumentation: “Außerdem…, wie oft kommt denn sowas schon vor? Da verdient sich doch bestimmt wieder jemand eine goldene Nase beim Quasi-Erkennen einer seltenen Krankheit.”
“Wow”, sage ich, “gegen das Argument habe ich natürlich kaum etwas vorzubringen. Immerhin sorgen diese Menschen dafür, dass pro Jahr in diesem Krankenhaus drei oder vier Kinder herausgefischt werden, die man dann frühzeitig versorgen kann.” Wir haben hier ungefähr neunhundert bis tausend Entbindungen.
“Herausgefischt …, wie Sie das schon sagen”, sie rümpft die Nase, “als ob das Trophäen wären.”

Da hat es mir die Sprache verschlagen (kommt selten vor), auch zum empfohlenen Stoffwechselscreening mußte sie später dezent von der Krankenschwester und dem Gynäkologen “überredet” werden. Da könne es zu einem frühen Trauma des Kindes kommen, sagte sie.

Bärli Pupsi Globli

Liebe Firma He.el,
ich weiss nicht, was das nun wieder soll, aber Deine neue Reihe “Kinderarznei” ist ja nun werbetechnisch ganz unterste Schublade. Wir sprechen noch nicht einmal vom Inhalt der Schachteln (deren medizinische Wertigkeit gegen Null tendiert, aber das wurde schon an anderer Stelle ausreichend beschrieben), sondern von Aufmachung und Wortwahl.20140209-183332.jpg

“Kinderarznei”. Ok, das klingt zuerst einmal nach Wilhelm Busch oder nach einem Mittelchen, was der gute Onkel Doktor in Lindgrenschen Büchern verabreicht. Ist eine solch putzige Sprache jetzt ein geschickter Schachzug, oder triffst Du da auf die Bestimmungen der Pharmaindustrie, irgendwelche unbedeutenden Substanzen nicht als Medikamente bezeichnen zu dürfen?

Und dann die Einzelmittel: “Flatulini”, “Cutacalmi”, “Lunafini” und “Bronchobini“.20140209-183410.jpg
Ja, Himmel, geht’s noch? Da wären Pupsi, Skinni, Schlummerli und Schnauferli wesentlich einleuchtender gewesen, ne’ wahr? Dieses Einmischen von Pseudolatein ist nun wirklich einer Weltfirma von Rang nicht würdig. Das könnt Ihr doch besser! Außerdem: Wo bleibt denn da der schöne Firmenname, den Du sonst so geschickt einbaust? Früher gab’s doch so Sachen wie “Angin-He.el” oder “Traum.eel”. Viel einleuchtender, much more sophisticated, das Zeug klang allerliebst nach “heal”, wenn’s auch sonst nicht half.

Und dann dieses Bärli. Ein roter Fuß, ein grüner Fuß, ein Stethoskop, fertig ist der Gesundmachbär. Was ich bloß nicht verstehe: Warum trägt der Bär einen Koffer aus der Schweiz mit sich herum und trägt eine Eismann-Mütze? Oder ist das die Assoziation Bambini -> Italien -> Eis? Erklärungen bitte.

Aus dem Kleingedruckten zitiere ich noch schnell, darf ich? Ja? Danke.
“Zur Anwendung bei Kindern unter 6 Jahren liegen keine ausreichend dok. Erfahrungen vor. Es soll deshalb bei Kindern unter 6 Jahren nur nach Rücksprache mit einem Arzt angewendet werden.” Das liest sich recht optimistisch, dafür, dass der Erklärbär behauptet, die “Kinderarznei” sei zugelassen ab 0 bzw. 6 Monaten.

Hiermit erfolge also die Rücksprache mit dem kinderdok:
Finger weg von dem Zeug, spart Euch das Geld und die Möglichkeit einer Aspiration von unnützen und unwirksamen “Streukügelchen”! (Ist eigentlich der Begriff Glaubuli durch die DHU geschützt worden oder ist er inzwischen sooo negativ besetzt?)

[Nein, ich habe weißgott keine Sponsorenverträge mit He.el]

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Frühförderung

Vater: “Herr Doktor, macht es denn Sinn, das Alphabet mit dem A zu beginnen, oder soll die Jamie-Majorie die Buchstaben lernen, wie sie mag?”
Ich: “… äh, Ihre Tochter ist gerade mal vier Jahre alt?”
Vater: “Ja schon, aber ich dachte, wenn wir jetzt schon anfangen … dann wiederholt es sich ausreichend oft bis zur Einschulung.”
Ich: “Erstmal Fahrradfahren? Spielen? Anziehen lernen?”
Vater: “Ok, aber dann nächstes Jahr…”

Vorweihnachtlich

Mich stört schon lange nicht mehr, wenn ich kurz vor Feiertagen, allen voran Weihnachten, das Familienfest, Kinder vorgestellt bekomme, die dringend gesund zu machen sind. Aber es gibt Sprüche, die mich dann doch überraschen.
Von gestern und heute:

“Die ist gar nicht krank, aber vielleicht können Sie mal schauen, ob sie nicht doch was hat. Wegen Heiligabend, wissense?”
“Morgen kommt die Oma, und vielleicht können Sie mal schauen…”, na? … “… ob wir der noch absagen können.”
“Wir fliegen gleich nach Fuerte, und die Schule braucht noch die Bescheinigung, dass er heute krank ist.”
“Heute war doch die Weihnachtsfeier in der Schule, und da wollte Melvyn uuunbedingt hin. Ja, die Läuse hat er schon seit gestern abend. Nein, behandelt haben wir noch nicht, wir mussten ja erst heute zu Ihnen, wegen des Rezepts.”
“Ja, ich weiß, Romina ist gesund, aber ich hatte am Telefon gesagt, dass sie ein bissel erkältet ist, weil ich noch ein paar Sachen brauche, warten sie mal, ich hab’ da eine Liste.”
“Kommen wir dann mal dran? Wir wollen noch auf den Weihnachtsmarkt.”

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