Prost und Schwangerschaft?

Dass man in der Schwangerschwaft nicht rauche und keine Medikamente zu sich nehme, hat sich wohl mittlerweile herumgesprochen. Was leider noch nicht in allen Köpfen angekommen ist: Auch Alkohol birgt ein hohes Risiko für kindliche Mißbildungen, vor allem aber für diffuse Entwicklungsstörungen in der Kindheit mit sich. Dabei kann eine einzelne “Dosis” Alkohol bereits auslösendes Moment sein.Vintage Ad: Should You Drink if You're Pregnant?

Interessant in den Studien: Rauchen vor allem Mütter aus sozial schlechter gestellten Schichten, bedeutet der ProSecco auch bei den besser gebildeten Frauen ein Kavaliersdelikt. 2007 haben laut KIGGS Studie immerhin 17% der Frauen gelegentlich Alkohol in der Schwangerschaft getrunken (bei 50% in einer Befragung von 2002).

Ein toller Artikel dazu fand sich unlängst in der Zeit: Vollrausch im Mutterleib, eine Anspielung auf die Dosis Alkohol, die der Embryo abbekommt, wenn es für die Mama nur ein Viertele ist.

(c) Foto bei vintage ads

Zum Vitamin-K-Mangel und Hirnblutungen

Neugeborene haben physiologisch ein Vitamin-K-Defizit, der Körper hat noch nicht ausreichendes Vitamin gebildet. Dies ist ein Problem, denn Vitamin K ist essentiell für die Bildung von Gerinnungsfaktoren des Blutes. Früher fürchtete man Blutungen, vor allem eine Gehirnblutung bei Neugeborenen durch den Vitamin-K-Mangel (vitamin K deficiency bleeding = VKDB). Seit Jahrzehnten wird daher eine Vitamin-K-Gabe während der Neugeborenenzeit empfohlen.

Diskussionen, ja Streit und Studien gibt es darüber, wie dies administriert wird. In Deutschland (siehe auch) wird eine orale Gabe von 2mg Vitamin K zu den Zeitpunkten Geburt (U1), erste Woche (U2) und nach einem Monat (U3) empfohlen. In den Staaten gibt man 1mg Vitamin K intramuskulär bei Geburt, in Italien anfangs intramuskulär, dann eine orale Gabe von 25ug/tgl bis in die 14.Woche, ähnlich in den Niederlande. Ein diskutiertes und aggressiv (internet-)publiziertes erhöhtes Risiko durch die Vitamin-K-Gabe für Krebserkrankungen besteht nicht.

Wir fahren in Deutschland gut mit dem hier empfohlenen Regime, in den Kinderkliniken wird bei Frühgeborenen häufig auch die amerikanische Empfehlung der i.m.-Gabe umgesetzt, gefolgt von den oralen Gaben. Die “holländische Linie” wird hier gerne in anthroposophischen Kliniken und von Hebammen propagiert, allerdings mit dem irreführenden Zusatz, dies sei “physiologischer” und nebenwirkungsärmer. Dies wird aber durch keine Studie belegt, im Gegenteil, bei unerkannten Lebererkrankungen wie Fehlanlagen der Gallengänge bedeutet dieses Regime ein erhöhtes Risiko.
Hinzu kommt, dass die regelmäßige Gabe über mehrere Wochen einen hohen Anspruch an die Eltern setzt: Das Kind darf das Vitamin K nicht erbrechen, es darf nicht vergessen werden, das Präparat muß gelagert und im Urlaub mitgenommen werden usw.

Alarmierende Zeichen kommen aus den Staaten – hier berichtet das Center of Disease Control CDC, dass immer mehr Eltern die grundsätzliche Gabe von Vitamin K bei Geburt ablehnen. Es vermutet den background bei Impfgegner, die aus einer “Antiimpfkampagne” inzwischen eine “Antispritzkampagne” entwickeln. Hoffen wir, dass sich diese Ideen bei uns nicht durchsetzen.

Bei den regelmäßigen Besuchen in der Frauenklinik der hiesigen Nachbarstadt (wo wir die U2 durchführen) gibt es mitunter Diskussionen Beratungsbedarf, was die grundsätzliche Gabe von Vitamin K angeht (sicherlich 1-2 Familien pro Jahr, die das komplett ablehnen), aber auch, was die o.g. “holländische Linie” der täglichen Vitamin-K-Gabe angeht. Das Gros der Eltern lässt sich aber umstimmen zu den 3 x 2mg zur U1, U2 und U3, wie es bei uns empfohlen wird. Das stichhaltigste Argument dabei ist tatsächlich die Einsicht, dass die Eltern die Verantwortung tragen, täglich ein Medikament zu geben und dies nicht zu vergessen. Das trauen sich dann doch die wenigsten zu.

Danke an C.P. für den Internet-Tipp.
(c) Foto bei Ernie + Katy Newton Lawley

Sommerzeit Obstfliegenzeit

Die Mutter stellt sich mit ihrem Sohn vor, “weil man mal die Haut auf dem Kopf angucken soll”. So die fMFA vorab.

Ich: “Und was ist da genau am Kopf?”
Mutter: “Der Lucius hat da immer so komische Stellen, die kratzt er sich immer wieder auf.” Sie fängt an, dem Siebenjährigen die Haarpracht zu teilen – Frisur eher Marke Löw als Reus. Schließlich hat sie zwei Stellen freigelegt, die wundgekratzt sind.
Ich: “Und wie lange geht das schon so?”
Mutter: “Och, so zwei Wochen. Er kratzt, dann blutet´s, dann heilt´s, dann juckt´s und wieder von vorne.”
Ich übernehme die Haarsichtung, schaue rechts, schaue links, gehe gezielt an den Scheitel… da krabbelt´s.
Ich: “Oh lala, … da hat´s Läuse.”
Mutter: “Was? Wo?”
Ich zeige sie ihr, es sind drei, etwas träge, aber anwesend.
Mutter: “Ach, und das sind jetzt Läuse?
Lucius: “Iiiihh!!”
Ich: “Halb so wild, lässt sich gut behandeln.” Ich starte meine Festplatte zwecks Pediculosis-Vortrag, da fällt mir die Mutter ins Wort:
“Aber die drei, die kriege ich doch jetzt auch so.” Sie pflückt die Viecher ab und krümelt sie auf meinen Fußboden.
Ich: “Schon, aber wenn sie schon Eier…”
Mutter: “Geht ja gar nicht, die habe ich ja jetzt erlegt.”
Ich: “Aber hat er nicht schon seit Wochen diesen Juckreiz?”
Lucius: “Iiiih, geh weg!”
Mutter: “Jaja, aber dann muß ich das wohl auch noch melden?”
Ich: “Ja, auf jeden Fall. Bescheid geben in der Schule, Behandlung heute und weiter jeden Tag die Haare auskämmen.”
Mutter: “Na, mal sehen. Wenn der heute abend nichts mehr hat, muß man das ja auch nicht an die große Glocke hängen.” Dass die Leute mit “man” immer “ich” meinen, es aber nicht sagen.
Ich: “Mmmh. Aber verpflichtet sind Sie dazu schon…”
Mutter: “Wer will das kontrollieren?”
Ich: “… und ich auch, wenn eine ausreichende Behandlung nicht gewährleistet ist.” Was nicht stimmt.
Mutter: “Achso? Sie auch? Na dann.”

Es folgen die üblichen Beratungseinheiten. Abgang Mutter mit kratzendem Lucius und der Bemerkung beim Rausgehen, wenn auch leise gemurmelt: “So ein Aufstand wegen der paar Obstfliegen.”

 

(c) Fotos bei DW!zzy und Gilles San Martin

Kurzer Aufreger für zwischendrin

Inzwischen bietet die Lobby der Osteopathen einen schönen Service, welche Krankenkassen das Handauflegen problemlos bezahlen – hier ein kleiner Überblick. Erkenntnis: Alle großen Kassen springen auf den Marketing-Zug auf und übernehmen die Kosten zwischen 100 und 400 (!) Euro im Jahr. Zum bekannten Vergleich – Flatlinebetreuung eines Kindes in Deutschland beim Kinder- und Jugendarzt: ca. 160-200 Euro/Jahr.

Glücklicherweise scheint ein Bewußtsein zu entstehen, dass hier mit Alternativmedizin richtig fett Kohle gemacht wird, siehe Pressemitteilung des NDR vom Anfang diesen Monats: Verdreifachung der Mitgliederzahlen in den osteopathischen “Fach”gesellschaften, Verdreifachung der Kosten innerhalb eines Jahres (34 auf 110 Millionen).
Lustig sind da die Stellungnahmen der Osteopathie-Gesellschaften: “So kritisiert der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Manuelle Medizin, Matthias Psczolla, die fehlende Qualitätssicherung: “Man fordert einfach Ärzte auf, die gar nicht osteopathisch ausgebildet sind, ein Rezept auszustellen. Und damit geht man dann zum Osteopathen, der auch keine qualitätsgesicherte Ausbildung haben muss.” Gabi Prediger von der Bundesarbeitsgemeinschaft Osteopathie begrüßt zwar den durch die Kassen ausgelösten “Aufschwung” der Osteopathie, bemängelte jedoch ebenfalls, dass es keine einheitlichen Richtlinien für die Ausbildung von osteopathischen Behandlern gebe. Das sei “eine Gefahr für die Patienten”.

Falsch daran ist, dass ein Rezept für die Osteopathische Behandlung notwendig sei. Meines Wissens verlangt nur die TKK und die AOK in Baden-Württemberg eine Art “Delegation” eines Arztes. Er muß nicht einmal eine echte Indikation stellen. Ansonsten behandeln doch Osteopathen in der Regel einfach mal so, oder weil die Hebamme oder die freundliche Nachbarin das empfohlen hat. Wer schon einmal vom Osteopathen ohne Behandlung nachhause geschickt wurde, möge das doch bitte in den Kommentaren posten.

Erkenntnis des Aufregers: Es gibt schwarze Schafe unter den Osteopathen (nein nein, *Dein* Osteopath, lieber Leser, wird schon nicht dazugehören) und die Behandlungsmaßnahmen der letzten Jahre übersteigen bei Weitem die zu erwartenden Indikationen. Oder hat sich in den Lebensumständen der Menschen in Deutschland in den letzten drei Jahren soviel getan, dass alle plötzlich Osteopathie benötigen?

Hier wird ein Boom bedient. Nichts anderes. Falsche Indikationen (Allergien bei Kindern? Hallo? Einnässen? Bitte? Dauerschnupfen? Wtf?), Angst vor verpassten Chancen (“das machen doch jetzt alle” – “um das Geburtstrauma zu regulieren”), sowie “alternative Seilschaften” zwischen Physiotherapeuten, Hebammen und Osteopathen erhöhen die Nachfrage. Die Krankenkassen decken das aus Marketinggründen ab und schaffen einen Anreiz für noch mehr Osteopathen, diesem Goldrausch zu folgen, die dann noch mehr falsche Indikationen in die Welt setzen. Keine Wunder, dass da die Qualität leidet.

Bloß nichts verpassen

Ich soll bei dem Neunjährigen (3.Klasse) einen Sprachtest machen.

Ich: “Um was gehts denn genau?”
Mutter: “Ja, die Sprache ist manchmal nicht so. Also deutlich und so. Buchstaben.”
Ich: “Ok. Na denn. Dann schaue ich mal, wie schlimm das ist.”

Ich checke mit dem Jungen die ganze Palette meines Sprachtestprogramms durch (Einzelbuchstaben, Pluralbildung, Möhring, ZLT – die kleine Screeningeinheit des Kinderarztes) – wir sind so zwanzig, fünfundzwanzig Minuten beschäftigt. Alles ok. Glasklare Sprache, liest schon recht flüssig. Bingo.

Ich: “Sie haben es ja grade gehört, alles ist in Ordnung, prima. Ich kann nichts Schlimmes finden.”
Mutter: “Ja, gut.” Sie strahlt.
Sohn: “Alles prima, sag ich doch.”
Ich: “Wer kam denn auf die Idee mit dem Sprachtest? Gab´s denn Probleme in der Schule?”
Sohn: “Alles prima in der Schule.”
Mutter: “Ja, Schule ist alles bestens. Aber im Kindergarten, da gab´s immer noch Probleme mit dem /S/ und dem /SCH/. Konnte er da noch nicht.”
Ich: “Aber jetzt hört man davon ja nichts mehr.”
Mutter: “Ja, jetzt ist alles gut.”
Ich: “Und warum haben wir dann heute den Test gemacht?”
Mutter: “Haben die im Kindergarten vor der Schule so gesagt. Daß man das während der Schulzeit weiter verfolgen muß.”
Ich: “…” *

*siehe 20.6.

Lesch und das Impfen

Gestern abend/nacht kurz vor 23 Uhr gab´s eine schöne Sendung von Harald Lesch zum Impfen. In seiner unvergleichlichen Art – deutlich und klar.

Enjoy (Bild anklicken):

LeschÜbrigens: Wem das Video zu lange dauert, darf auch gerne bei 28:20 einsteigen – da gibts übrigens ein “Übrigens” von Herrn Lesch.

Leschs Kosmos – Die Impflüge – wie die Natur uns austrickst

 

 

 

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