Saftladen

Vater: “Und dann, übrigens: Sie isst ja gar nichts.” Nachdem ich mir die nicht vorhandene Bindehautentzündung und den nicht vorhandenen Ausschlag angeschaut habe.
Ich: “Und was isst sie?”
Vater: “Na, nichts.”
Ich: “Gar nichts?”
Vater: “Gar nichts. … also fast.”
Ich: “Und was?”
Vater: “Mal ´n Keks.”
Ich: “Aber trinken tut sie?”
Vater: “Ja und wie.”
Ich: “Und was? Zum Beispiel heute morgen?”
Vater: “Milch. Mit Kaba.”
Ich: “Und mittags?”
Vater: “Auch wieder Milch. Ohne Kaba.”
Ich – ahnend: “Aus der Flasche?”
Vater: “Ja.”
Ich – ängstlich: “Wieviele Flaschen?”
Vater: “Keine Ahnung. So zwei Liter werden´s schon sein.”
Ich: “Wie alt ist Ihre Tochter?”
Vater: “Drei Jahre?”
Ich: “Wieviel Taschengeld bekommt sie?”
Vater: “Äh… noch keins?”
Ich: “Und wie oft geht sie einkaufen?”
Vater: “Gar nicht?”
Ich: “Sehen Sie? Das ist der Schlüssel zum Glück. Wenn Ihre Tochter noch nicht losgeht und sich selbst die Milch in Flaschen mit Kaba kauft, dann werden Sie das wohl selbst machen.”
Vater: “…”
Ich: “Genau. Kaufen Sie keinen Kaba mehr und lassen Sie sie nicht mehr soviel Milch trinken. Dann wird sie auch essen.”
Vater: “Und was soll ich ihr dann in die Flaschen tun? Saft?”

In Variationen führe ich dieses Gespräch sicher ein oder zweimal die Woche. Ich unterstelle den Eltern gar kein Unwissen. Es ist die Angst vor dem Verhungern, dass sie zu solchen Schritten treibt, gepaart mit der Konfliktscheue, den Kindern die Flasche zu verweigern. Aber so einfach ist es nun einmal: Wer einkauft, bestimmt, was zuhause auf den Tisch kommt. Und nur das nehmen die Kids zu sich. Lässt sich beliebig austauschen (Fruch.tzwer.ge, Fan.ta, Zuckermuesli, GuteNacht-Breie usw.).

Work Life Balance

Der Vater stemmt die Hände in die Hüften: “Ja, gestern abend, da waren Sie nicht mehr erreichbar.”
Ich: “Es gibt doch dann den Notdienst im Krankenhaus, da können Sie jederzeit hinfahren.”
Vater: “Ja, genau, und da setze ich mich hin und warte stundenlang.”
Ich: “Tagsüber können Sie uns gut erreichen. Hatte Ihre Tochter das Fieber nicht schon übers Wochenende?”
Vater: “Mmh. Wir sind dann zu Ihrem Kollegen in die Stadt gefahren. Der war immerhin um 20 Uhr 30 noch in seiner Praxis und hat gearbeitet. Da hatten Sie”, er zeigt mit dem Zeigefinger auf mich. “schon Ihren segensreichen Feierabend.”

Das Helfersyndrom habe ich in der Klinik abgelegt. Dafür hat es ein paar Therapiestunden gebraucht, aber ich war erfolgreich. Außerdem habe ich eine Familie zuhause, die mich auch gerne mal außerhalb des Wochenendes sieht.

Kranke Kassen empfehlen Impfungen… oder auch nicht

Ich: “Wir hatten ja bei der U3 über die Impfungen gesprochen, die empfohlen werden, gibt es denn da noch Fragen?”
Vater: “Nein, eigentlich nicht. Wir werden aber erst ab einem halben Jahr impfen, und dann auch nicht alles, nur dieses Tetanus und Diphterie und Polio, weil…” (das Immunsystem noch so empfindlich ist, weil die Nervenzellen angegriffen werden können, weil die Kinder dann mehr Impfschäden bekommen, weil es die Erkrankungen ja alle gar nicht mehr gibt, und das auch nur, weil die Hygiene heute besser ist als früher, und das hat gar nichts mit den Impfungen zu tun, und soooviel Impfungen auf einmal sind gar nicht gut, und außerdem sind Krankheiten ja auch wichtig für die Entwicklung eines Kindes, und weil der Hirte das so schreibt, und die Pharmaindustrie sowieso daran verdienen will, usw. usf.), “… und außerdem haben wir das mit der Krankenkasse besprochen, und die finden das auch gut.”

Na dann.

Ist das mal dringend!

fMFA: “Herr Doktor, da ist ein Kollege am Telefon. Möchte Sie dringendst sprechen.”
Ich: “Wer denn?”
fMFA: “Ein Dr. Meissner aus Obersterzen, er würde sie kennen.”
Nie gehört.
Ich: “Nie gehört. Na, geben Sie mal her.”

Ich: “Hallo, Kinderdok hier.”
Meissner: “Grüß Gott, Herr Kollege, es gibt was Dringendes.”
Ich: “Grüß Gott, ja, was denn?”
Meissner: “Mein Sohn ist ja bei Ihnen in Behandlung.”
Meissner? Meissner? Ich hacke schnell auf der Tastatur rum. Gibt´s nicht. “Achja?”, frage ich.
Meissner: “Ja. Der hat den Namen meiner Ex, Pletzikowski.”
Jetzt finde ich ihn. Acht Jahre, einmal jemals bei mir gewesen, vor vier Jahren. Damals Schnupfen.
Ich: “Und was gibt´s?”
Meissner: “Ich wollte nur sagen, der kommt jetzt vorbei. Der hat Nasenbluten. Kommt aus der Schule. Meine Frau …, also Ex…, holt ihn grade ab. Sind sicher schon zu Ihnen auf dem Weg. Muß man was machen.”
Ich: “Äh. Ok, alles klar. Dann lassen wir ihn mal kommen.”
Meissner: “Robert heißt der.”
Ich: “Prima.”
Meissner: “Ich dachte, ich ruf mal an.”
Ich: “Mmmh.”
Meissner: “Damit er auch gleich dran kommt.”
Ich: “Aha.”
Meissner: “Ist ja was Dringendes.”
Ich: “Ja?”
Meissner: “Gut.” Pause. “Dann mache ich mal hier weiter.” Pause. “Noch viel zu tun.” Pause. “Auf Wiederhören, Herr Kollege.”
Ich: “Wiederhören, Herr Meissner.”

Es vergehen keine zehn Minuten, da drängt sich eine hochgewachsene Frau auf Stöckelschuhen an den anderen Wartenden an der Anmeldung vorbei und meldet ihren Sohn als “dringenden Notfall” an. Die fMFA waren vorgewarnt und setzen Robert ins Untersuchungszimmer. Sie wissen, was bei Nasenbluten zu tun ist.
Da die anderen Patienten teilweise Termine haben, manch andere Ohren-, Hals- oder Bauchweh, und Nasenbluten sowieso seine Zeit braucht, lasse ich mir selbige.

Als ich gerade von einem Zimmer ins nächste wechsele, stürzt die Mutter aus dem Zimmer: “Herr Doktor Kinderdok, gut, dass Sie jetzt kommen!”
Ich: “Ich wollte eigentlich vorher noch…” … zu dem anderen Patienten, wollte ich sagen, denke aber, wir wollen die Sache nicht unnötig ausreizen und folge ihr.
Mutter: “Das ist wirklich dringend, dringend, dringend. Hat denn mein Mann…, also mein Ex…, also Dr. Meissner nicht angerufen?”
Ich: “Dochdoch, hat er gemacht.”
Mutter: “Sehen Sie, sehen Sie, wie dringend das ist?”

Was soll ich sagen? Robert sitzt brav auf der Untersuchungsliege, das angebotene Papierhandtuch zum Auffangen der letalen Blutmenge ist …. unbenutzt. Die Nasengänge noch etwas vertrocknet. Er grinst mich in seiner allwissenden Weisheit eines Sohnes an.
Mutter, deutet auf ihren Sohn: “Sehen Sie, sehen Sie?”
Robert: “Ach, Mama…”

Bis(s) zum Abendbrot

Ich untersuche das Kind zur U3, alles prima, alles proper, ich lerne die Eltern kennen, ich sage was zum weiteren Ablauf in der Praxis, über Stillen, Beifüttern, Schlafen usw. “Gibts denn sonst noch Fragen?”
Vater: “Ja, wir hätten gerne noch die Blutgruppe unseres Sohnes.”
Das fragen Eltern interessanterweise häufiger. Irgendwie muß es da ein Urwissen im Elterndasein geben, dass die Blutgruppe des Nachwuchs von eminenter Wichtigkeit ist.
Ich: “Die wird heutzutage nicht mehr regelmäßig bestimmt.” Ich kenne die Blutgruppe meiner Kinder auch nicht. Wenn die Blutgruppe nicht gerade zur Bestimmung der Vaterschaft interessiert, braucht man sie eigentlich nur noch bei OPs oder Transfusionen – und da wird sie ad hoc bestimmt, kein Krankenhaus würde sich auf einen Zettel mit notierter Blutgruppe verlassen. Die Untersuchungsmethoden gehen heute so fix, Bed-Side-Teste sind eine Frage von Minuten.
Vater: “Achso… Meine Nachbarn kennen die Blutgruppe ihres Kindes aber auch.”
Ich: “Vielleicht hatte das Kind eine Gelbsucht als Neugeborenes? Da wird das auch manchmal bestimmt.” Es gibt Blutgruppenunverträglichkeiten, die dann zu einem vermehrten Ikterus führen.
Vater: “Stimmt. Das Baby lag damals in der Klinik nach Geburt.”
Ich: “Dann war´s wohl das. Und warum interessiert Sie jetzt die Blutgruppe?”
Vater: “Wissen Sie, naja, wegen der Ernährung. Wir ernähren uns passend zur Blutgruppe.” Vampire?
Ich: “Aha. Interessant.”
Vater: “Ja, wir sind sehr ernährungsbewußt, und seitdem wir das machen, gehts uns richtig gut, meiner Frau und ich. Deshalb möchten wir das bei unserem Kind auch machen.”
Ich: “Aber, Ihre Frau stillt doch.”
Vater: “Das ist egal. Da muss sie dann noch mehr aufpassen, weil, wenn Ihre Blutgruppe eine andere ist als die vom Kind, dann muß man die Ernährung anpassen, wissen Sie?”
Nein, wusste ich nicht. Ich habe mich aber danach mal informiert. Jeder braucht sein Hobby. Die Blutgruppe haben wir trotzdem nicht bestimmt. Nur so zum Spaß zahlt die Kasse nicht. Und der Spaß hätte über fünfzig Euro gekostet. So wichtig war den Eltern die Blutgruppe dann doch nicht.

Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Ernährung

Tagesgeschäft – fMFA

fMFA: “Tut mir lied, Herr Gapfer, aber Ihr Termin mit der Jessica war um 10 Uhr. Jetzt ist es viertel vor 11.”
Herr Gapfer: “Okay…”
fMFA: “Und der Doktor ist jetzt schon in der nächsten Vorsorgeuntersuchung.”
Herr Gapfer: “Okay…”
fMFA: “Und die U5 bei Ihrer Tochter dauert schon auch eine halbe Stunde.”
Herr Gapfer: “Okay…”
fMFA: “Da hat der Doktor dann auch wieder einen Termin.”
Herr Gapfer: “Okay…”
fMFA: “Gut. Also. Dann gebe ich Ihnen einen neuen Termin nächste Woche.”
Herr Gapfer: “Äh… Okay …”
fMFA: “Wann haben Sie denn da Zeit?”
Herr Gapfer: “Äh… Jetzt?” (Wirklich!!!)
fMFA: “Ja, nur… wie gesagt… jetzt ist der Doktor grad …”
Herr Gapfer: “Da ist er doch!”
Er zeigt auf mich, als ich gerade von einem Zimmer ins andere gehe. Ich nicke ihm freundlich zu und setze meinen Weg fort. Merke: Sich nie im Bereich der Anmeldung ansprechen lassen.
Herr Gapfer: “Hat er ja doch Zeit… Könnte er doch kurz…”
fMFA: “Tut mir leid, also…”
usw.

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