Macht Schule krank?!?

Der WDR setzt sich mit dieser Frage auseinander -

http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/aktuelle_stunde/videomachtschulekrank100.html

der Aufhänger dieses Kurzberichtes ist der bereits letztens angesprochene Kongress für Jugendmedizin in Weimar, der heute zuende ging. Da zumindest hieß das Thema “Schule macht krank ?!?”, was schon etwas verbindlicher klingt.
Ohne das hier zunächst weiter zu kommentieren:
Wie sind Eure Erfahrungen? Bauchweh? Kopfweh?
Alles übertrieben? G8? G9? Keine Freizeit, nur noch Stress? Ist das nur die Schule, oder auch das Drumherum? Oder gibt es gar kein Drumherum mehr? Andere Länder haben keine somatisierenden Kinder?
Lasst hören … ich bin gespannt.

Konzentrationshormonsteuerungsdefizit

Frau Rudele mit Don-Jason hat sich einen Besprechungstermin mit mir geben lassen – es geht um “die Konzentration” bei dem zwölfjährigen.

Mutter: “Ich hatte ein Gespräch mit der Lehrerin, die secht, man muss mal nach der Schilddrüse oder so gucken lassen, oder ob er ´n Mangel hat oder das. Blutbild halt.”
Ich: “Und was ist das Problem?”
Mutter: “Der Don-Jason würde immer so müde sein im Unterricht, nicht aufpassen, und seine Hausaufgaben nicht machen.”
Ein weites Feld.
Ich: “Aber oft krank ist er nicht?”
Mutter: “Nein. Letztes Mal war´n wir vor drei Jahr´ bei Sie, da hatter mal ein Schnupfen g´ett.”
Ich: “Und zu Hause schläft er wohl nicht plötzlich ein?”
Mutter: “Achwas.”
Ich: “Wie siehts bei Ihnen mit Fernsehen aus?”
Mutter: “Ja, schon.”
Ich: “Heißt?”
Don-Jason: “So nach´n Schule bissel.”
Mutter, deutet einen Schlag auf den Hinterkopf an: “Bissel! Bissel! Vier Stunden glotzt er dann. Un´ obends noch´e mol.”
Don-Jason: “Is´ halt cool.”
Ich: “Vier Stunden? Eher mehr, oder? Sagen wir sechs?”
Mutter: “Wenn´s reicht.”
Ich: “Wie geht´s Ihnen, wenn Sie mal länger fernsehen?”
Mutter: “Hab´ch Kopf, richtig dicken Kopf.”
Ich: “Ich glaube, auf die Blutwerte können wir verzichten, oder? Hat der Lehrer nicht danach gefragt?”
Mutter: “Nach´m Pfernseh`? Nö, iwo. Der hat ´secht, das sin´ die Ho´mone!”

Ganz sicher.
Das war mein Beitrag zum Thema “Wieviel Fernsehen schaut das Kind?
Demnächst in dieser Sendung: “Doch, es gibt auch vernünftige Eltern.”

Fernsehen aufmerksamkeitsgestört

Am Mittwoch im Ersten (parallel zu den wichtigen Serien auf Pro7, daher heute erst per Festplattenrekorder zu sehen) – der Film “Zappelphilipp” oder: Wie man ein gängiges Gesellschaftsphänomen dramaturgisch verarbeiten kann. Bis auf ein paar Plattitüden und den nervigen Öko-Lehrern war der Film gar nicht mal schlecht gemacht.

Zappelphilipp

liebe schulen

könnt ihr euch mal entscheiden, was ihr wollt? mal regt ihr euch auf, dass die kinder ständig krank in die schule kommen, das geht schließlich nicht, weil sie andere anstecken u.s.w. u.s.f, und dann wieder wollt ihr, dass die kinder am letzten tag vor und am ersten tag nach den ferien uuunbedingt in die schule gehen, weil sonst ist das ja schulschwänzen und unberechtigtes verlängern der ferien. ja, was denn nun? bin ich kontrolletti, oder wie?

mama: “gestern abend hatte sie fieber und auch gespuckt, die nacht war wirklich schrecklich. aber heute morgen war alles ok. naja, ich musste sie dann abholen, hat die lehrerin gemeint, weil sie so schlecht aussah. aber jetzt brauche ich eine bescheinigung, weil doch heute der letzte schultag ist.”

och nö. *buzzer*. die lehrerin schickt heim und möchte eine bescheinigung, dass sie sie krank heimgeschickt hat? *kopf — tisch*

die obige mama hat ihr kind tatsächlich nur deswegen in die schule geschickt, weil es *pflicht* sei, am letzten schultag in die schule zu kommen! prima: da hat ihre tochter bestimmt ein paar freundinnen die erste ferienwoche ordentlich vermasselt, weil angesteckt.

herr bahr? nachsitzen!

der bundesgesundheitsbahr hat einen ganz heroischen vorschlag gemacht: ärzte sollen in den schulen vorsorgeleistungen anbieten, um schüler bewußter mit der gesundheit umgehen zu lassen. bahr sieht parallelen zu den “vorbeugeuntersuchungen” zur zahngesundheit (wer beugt sich denn da vor?). die krankenkassen freuen sich.

wer schon einmal bei einer zahn”vorbeuge”untersuchung im kindergarten zugegen war, lacht über diesen vorschlag. die qualität schwankt doch sehr. zum anderen gibt es ja schon seit langem die u10 (mit 7-8 jahren) und die u11 (mit 9-10 jahren), die als echte vorsorgeuntersuchungen durch die kinder- und jugendärzte durchgeführt wird. dies wird in der berichterstattung zum bahrschen vorschlag gerade gerne mal ausgeklammert. denn hier kommt auch das lächeln der krankenkassen her: wird eine vorsorge zur schulischen aufgabe, zahlt der staat, und nicht die kassen, die hingegen sparen enorm viel geld.

für uns kinder- und jugendärzte, die alleine fachlich in der lage wären, solche vorsorgen durchzuführen (vielleicht auch im rahmen des öffentlichen gesundheitsdienstes), kann das nur bedeuten: ja, aber nur, wenn die vorsorgen in der schule nicht zur fünfminutennummer verkümmern, und nur bei fairer bezahlung. die allgemeinärzte werden schon mit den füssen scharren, in diese lücke zu springen und für einen pauschbetrag von hundert euro pro tag geschwind eine klasse durchzuchecken.

nicht falsch verstehen: prävention ist cool und wichtig, keiner weiß das mehr als wir kinder- und jugendärzte, aber so wird wieder einmal luft ins sommerloch gepustet – unausgegoren, vermutlich ohne absprache mit den passenden fachverbänden, womöglich eingeflüstert durch krankenkassen-lobbyisten. am ende gehts doch nur wieder darum: wer zahlt wieviel dafür. und wer machts für das wenige geld, was fließen wird. und wie gut wirds dann gemacht, von dem ders dann macht.

filter

achja genau, heute wieder: wie man schlauer wird in der schule…. doch, auch darum geht es in der kinderarztpraxis.

“musst halt besser aufpassen”, sagt die omma. oder “schwätz nicht so viel”, sagt meist die frau an der tafel. und mutter und vater haben nur den standardspruch auf lager: “also zu unserer zeit, da habe ich schon…” man setze ein: “… goethe rezitiert…”, “… die siebtewurzelauszwölfhundertvierundsechzig gezogen…” oder “… sämtliche römischen kaiser einschließlich ihrer lebenszeiten auswendig beherrscht…”

aber darum geht es heute ja schon lange nicht mehr. heut gehts nur noch um aufmerksamkeit. um konzentration. “der justin-hinnerk guckt ständig aus´m fenster, egal wo er sitzt in der klasse, wir haben jetzt schon alle plätze durch.” oder “der kann immer noch nicht seinen namen tanzen, vielleicht hat er die aufgabe nicht ganz verstanden. die lehrerin sagt aber, er könne den sinn nicht so ganz filtern.” auweia.

dann kommt der reflex medikamente. und der reflex ernährung. und der reflex ärgertherapie. nicht zwingend in dieser reihenfolge. meist fängts mit letzterer an, denn “da kann er mal lernen, seinen tagesablauf zu strukturieren”. andererseits “wissense herr dokter, wir haben ja auch schon verschiedene nahrungsmittel durch, die algenpräparate zum beispiel und das andere fischzeug, und sogar den zucker lassen wir nun komplett weg, bringt aber nix, der holt sich immer die stückle vom bäcker, dann ist alles für die katz.” und am ende dann der ruf nach “… rrrr-idalin, herr dokter, der maavin von nebenan kriecht das auch von seinem dokter, und seitdem isses alles ville besser.”

auweh. es ist mai. es ist die zeit der entwicklungsgespräche im kindergarten und der versetzungsgespräche in der schule. und wenn da gar nichts mehr geht, dann muss der doktor her. und ich bin dann der filter. ich muß hören, fragen, sprechen, erfassen, einschätzen, testen. ich darf die spreu vom weizen trennen, das medizinische vom pädagogischen, das pathologische vom normalen, das dimensionale vom eigentlichen. es ist schade, dass dies beim arzt geschieht, oder?

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