Kurzes Bonmot in Vertretung

fMFA: “Wer ist denn der Kinderarzt sonst?”
Mutter mit Kind in Vertretung: “Der Herr Minnesang in Liedern.”
fMFA: “Aha. Das ist ja ein bisschen weiter weg, ist das ein Kinderarzt?”
Mutter: “Jaja, der untersucht auch Kinder. Hat auch selbst welche.”
fMFA: “Ich finde den jetzt gar nicht in meiner Liste, also richtiger Kinderarzt mit Ausbildung?”
Mutter: “Nee, ich glaub´ nicht, der ist nur Normalarzt.”

Urin Ruin*

Sehr regelmäßig gibt´s den Urin zu untersuchen in den Kinder- und Jugendarztpraxen: Bei jeglichen Bauchschmerzen, bei Säuglingen unter einem Jahr, wenn sie Fieber haben, bei den klassischen Harnwegsinfekt-Symptomen (Schmerzen beim Wasserlassen, Häufige Miktion, Fieber), vor allem natürlich bei Mädchen. Gerade, wenn diese anfangen, alleine auf Toilette zu gehen, treten die ersten Blasenentzündungen auf. Meist liegt es doch an der Hygiene.

Den Urin zu gewinnen, ist aus naheliegenden Gründen bei Kindern nicht so einfach: Säuglinge gehen noch nicht aufs Klo, oft kommen andere … mmh … Ingredienzen mit dazu, größere Kinder schaffen es nicht, rechtzeitig auf Toilette zu gehen, ein schöner “Mittelstrahlurin” (also ohne Verunreinigungen aus Scheide oder Penis und ohne “alten” Urin aus der Blase) gelingt erst im späterem Schulalter.
Was also tun?

Der ideale Urin wäre der direkt aus der Harnblase – also machen wir bei allen Kindern eine suprapubische Blasenpunktion… Spässle. Aber das ist der Goldstandard, und bleibt normalerweise Säuglingen in der Kinderklinik vorbehalten. Die nächstsaubere Alternative ist ein Katheterurin, der ebenfalls Urin direkt in der Harnblase gewinnt – auch sehr aufwändig, für die Kinder traumatisierend – und nichts für die Praxis. Den letzten Katheter haben wir bei uns vor sicher fünf Jahren geschoben – und das wegen eines akuten Harnverhaltes. Die Amerikaner sagen: “… ist zuvor eine Urinprobe (Katheterurin oder suprapubische Blasenpunktion) zu gewinnen…” (Diagnosis and management of an initial UTI in febrile infants and young children, Finelli et al, Pediatrics 128;e749-770)

Bleiben die praktikablen Methoden:
- Wenn das Kind alleine aufs Klo geht, sollte das Genitale vorher gesäubert werden (Wasser und Waschlappen reichen) und direkt in einen sauberen Becher (sauberes Schraubglas zuhause) gepinkelt werden. Da kann man versuchen, einen Mittelstrahlurin abzupassen.
- Wenn das Kind aufs Töpfchen geht, auch gut, das sollte natürlich pikobello sauber sein, sonst haben wir schon die ersten Kontaminationen.
- Urinbeutel: Kleben wir bei Säuglingen und Kleinkindern, die noch nicht aufs Klo gehen. Auch hier muß das Genitale vorher gesäubert werden, vor allem auch von Salbenresten (sonst kleben die Beutel nicht). Nichts mit Mittelstrahlurin. Merke: Wer einen Beutel kleben will, sollte stets einen Becher zur Hand haben, oft pieseln die Kleinen genau in diesem Moment. Da muß man eben schnell sein.
- Säubern mit Desinfektionsmittel oder Beta-Lösungen halte ich für übertrieben und reizen das Genitale viel zu sehr.

Ist der Urin mal gewonnen, sollte er zügig untersucht werden. Da gehen die Meinungen auseinander, wann ein Urin noch “frisch” ist. Wir setzen eine Stunde an, dann muß die Probe in der Praxis sein. Ansonsten bilden sich Sedimente, die das Ergebnis verfälschen. Im Winter kann es zudem vorkommen, dass der Urin in der Außenluft gefriert – kann man dann auch vergessen.

Der Urin wird “gestixt” mit einem Reagenzstreifen, der recht genau ist, aber nie genau genug. Zu jeder Urinuntersuchung sollte daher immer eine mikroskopische Untersuchung dazugehören. Der Stix liefert nur Hinweise, keine Beweise. Sind beide Untersuchungen ok, kann man das Thema Blase vorerst ad acta legen. Eine Kontrolluntersuchung macht dann erst später Sinn, wenn das Kind weiter Beschwerden hat. Weitere Hinweise liefert eine Kultur, die über Nacht angelegt wird. Sie wird immer gemacht, wenn sich die Diagnose Harnwegsinfekt einstellt und/oder das Kind mit Antibiotika behandelt wird.

Gerne berichten Eltern, sie hätten zuhause den Urin in der Windel “gestixt”, manche Kollegen sind schon beobachtet worden, Urin aus der Windel zu gewinnen … (keine Ahnung wie) – das geht sicher gar nicht und lässt sich so auch nicht verwerten. Vergesst es. Bereits mit dem Beutelurin steigt die Chance auf eine Kontamination von 10% beim Katheter zu 63% beim Urinbeutel (Fahad et al. Journal of Pediatrics, Vol. 137 Nr.2). Nochmals die Amerikaner: “Wird der Urin mittels eines … Beutels gewonnen, ist nur der negative Befund verlässlich.” (Finelli et al., ebenda)
Dann lieber warten und warten und warten…

*hier gehts nicht um Ruin, aber der Buchstabendreher bot sich gerade an ;-)

… für BB, (c) Foto bei Britt-knee (nanny snowflake) via flickr

Kurzer Aufreger für zwischendrin

Inzwischen bietet die Lobby der Osteopathen einen schönen Service, welche Krankenkassen das Handauflegen problemlos bezahlen – hier ein kleiner Überblick. Erkenntnis: Alle großen Kassen springen auf den Marketing-Zug auf und übernehmen die Kosten zwischen 100 und 400 (!) Euro im Jahr. Zum bekannten Vergleich – Flatlinebetreuung eines Kindes in Deutschland beim Kinder- und Jugendarzt: ca. 160-200 Euro/Jahr.

Glücklicherweise scheint ein Bewußtsein zu entstehen, dass hier mit Alternativmedizin richtig fett Kohle gemacht wird, siehe Pressemitteilung des NDR vom Anfang diesen Monats: Verdreifachung der Mitgliederzahlen in den osteopathischen “Fach”gesellschaften, Verdreifachung der Kosten innerhalb eines Jahres (34 auf 110 Millionen).
Lustig sind da die Stellungnahmen der Osteopathie-Gesellschaften: “So kritisiert der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Manuelle Medizin, Matthias Psczolla, die fehlende Qualitätssicherung: “Man fordert einfach Ärzte auf, die gar nicht osteopathisch ausgebildet sind, ein Rezept auszustellen. Und damit geht man dann zum Osteopathen, der auch keine qualitätsgesicherte Ausbildung haben muss.” Gabi Prediger von der Bundesarbeitsgemeinschaft Osteopathie begrüßt zwar den durch die Kassen ausgelösten “Aufschwung” der Osteopathie, bemängelte jedoch ebenfalls, dass es keine einheitlichen Richtlinien für die Ausbildung von osteopathischen Behandlern gebe. Das sei “eine Gefahr für die Patienten”.

Falsch daran ist, dass ein Rezept für die Osteopathische Behandlung notwendig sei. Meines Wissens verlangt nur die TKK und die AOK in Baden-Württemberg eine Art “Delegation” eines Arztes. Er muß nicht einmal eine echte Indikation stellen. Ansonsten behandeln doch Osteopathen in der Regel einfach mal so, oder weil die Hebamme oder die freundliche Nachbarin das empfohlen hat. Wer schon einmal vom Osteopathen ohne Behandlung nachhause geschickt wurde, möge das doch bitte in den Kommentaren posten.

Erkenntnis des Aufregers: Es gibt schwarze Schafe unter den Osteopathen (nein nein, *Dein* Osteopath, lieber Leser, wird schon nicht dazugehören) und die Behandlungsmaßnahmen der letzten Jahre übersteigen bei Weitem die zu erwartenden Indikationen. Oder hat sich in den Lebensumständen der Menschen in Deutschland in den letzten drei Jahren soviel getan, dass alle plötzlich Osteopathie benötigen?

Hier wird ein Boom bedient. Nichts anderes. Falsche Indikationen (Allergien bei Kindern? Hallo? Einnässen? Bitte? Dauerschnupfen? Wtf?), Angst vor verpassten Chancen (“das machen doch jetzt alle” – “um das Geburtstrauma zu regulieren”), sowie “alternative Seilschaften” zwischen Physiotherapeuten, Hebammen und Osteopathen erhöhen die Nachfrage. Die Krankenkassen decken das aus Marketinggründen ab und schaffen einen Anreiz für noch mehr Osteopathen, diesem Goldrausch zu folgen, die dann noch mehr falsche Indikationen in die Welt setzen. Keine Wunder, dass da die Qualität leidet.

Servicewüste Deutschland

Mutter an der Anmeldung: “Äh, was ich noch sagen wollte, die Windeln in der Toilette sind schon wieder alle, da gibt’s nur noch die großen, und Feuchttücher hat’s auch keine mehr.”
Katja, fMFA: “Oh Danke, dass Sie Bescheid geben.”
Mutter: “Da sollten Sie schon etwas mehr auf Service achten…”
Katja: “…”*
Mutter: “War letztens auch so.”
Katja: “…”*
Andere Mutter: “Entschuldigung, dass ich mich da einmische, aber haben Sie sonst keine Windeln dabei?”
Mutter: “Na, schon, aber doch nicht, wenn ich zum Doktor gehe.”
Katja und andere Mutter: “…”*

*sprachlos

Mich mag auch nicht jeder

grouch

Mittwochnachmittag, wir vertreten ein paar Kinderarztpraxen der Umgebung. Es folgt Mutter mit Tochter, die Praxissoftware verrät, dass Melanie seit anderthalb Jahren nicht mehr da war.

Ich: “Hallo, wir kennen uns doch…”
Mutter: “Ja?”
Ich (mit dem Vorteil der EDV-Dokumentation): “Sie waren doch bis Ende 2012 bei mir in der Praxis, da war Ihre Melanie gute zwei Jahre alt, oder?”
Mutter: “Ja, kann sein.”
Ich: “… seit Geburt. Haben Sie gewechselt?”
Mutter: “Mmmh, ja.”
Ich: “Oh schade, wie bedauerlich. Mich interessiert immer, warum?”
Mutter: “Ach, die Melanie hat bei Ihnen immer so geweint.”
Ich: “Ja, das machen die Kinder beim Kinderarzt mitunter. Und, beim anderen Kollegen geht’s jetzt besser?”
Mutter: “Naja, so lala, sie mag halt keine Ärzte.”
Ich: “Ich seh grad, Sie waren zwischenrein noch bei Frau Kilian, jetzt sind Sie bei Doktor Riemlich?”
Mutter: “Das war irgendwie alles nichts. Hat sie überall geweint. Und der Herr Riemlich schreibt ja auch immer gleich die Hämmer auf. Frau Kilian war gaaar nichts, da hat sie noch mehr geheult.”
Ich: “Wie gesagt…”

Melanie sitzt auf dem kleinen Stühlchen am Kindertisch und kritzelt was aufs Blatt Papier.
Ich: “Na denn,” und bitte die Mama, Melanie auf den Schoß zu nehmen, damit ich sie untersuchen kann. Sicher ist sicher.

Die Mutter geht zögerlich auf ihre Tochter zu und hebt bereits beschwichtigend die Hände:
“So, Melchen, jetzt brauchst Du gar keine Angst zu haben, gelt?”, die Tochter schaut verschreckt auf, als nehme sie die Praxis erst jetzt wahr,
“der Onkel tut Dir gaaar nichts, nicht wahr?”, jetzt zucken schon die Mundwinkel,
“der hat auch gaar keine Spritze dabei, guckst Du?”, die Augen werden größer,
“und der tut auch gaaar nichts Böses, ja? Wir sind dann hier auch ganz schnell wieder weg, dann ist alles wieder gut, gibt dann auch ein Eis, ach, Melchen, Du musst doch gar nicht weinen, komm, ach Schatzileinchen, jetzt komm…”
Der Rest gibt im Brüllen der Tochter unter.

Ich höre noch ein “Dabei habe ich ihr zuhause erstmal gar nichts gesagt, dass wir zu Ihnen gehen, weil, dann hätte sie gleich noch mehr geweint, weil sie Sie doch so gaaar nicht mag…”,
die Untersuchung ein einziges Fiasko.

Man muß nicht alle Menschen mögen, aber was ich mag: Wenn Kindern Vertrauen und Zuversicht vermittelt wird und keine Angst und Abneigung. Projektion nannte das wohl Freud.

 

(c) Foto bei Greg Westfall

Über das Wissen

Ich bin ein Fachidiot, ein pädiatrischer Nerd, ein Scheuklappenmediziner. Damit stehe ich glücklicherweise nicht alleine. Um sich niederzulassen, ist es in Deutschland notwendig, eine fachärztliche Weiterbildung zu absolvieren, was heißt, das sich nach dem Regelstudium von ca. 6 Jahren eine Weiterbildungszeit von nochmals vier bis sechs Jahren anschließt, die uns dann zum Dermatologen, HNO-Arzt, Allgemeinmediziner oder Kinder- und Jugendarzt machen. Den “praktischen Arzt” von früher, bei dem man sich direkt nach Studium in die eigene Praxis begeben konnte, gibt es heute nicht mehr.

Das ist eine lange Ausbildungszeit. Ein entscheidender Nebeneffekt ist, dass wir uns alle spezialisieren, wir werden zu Experten unseres Gebietes, und je nach Ausbildungsstelle sogar zum Experten eines Teilgebietes unseres Fachbereiches. Ich hatte das Glück, meine Weiterbildung in einem Krankenhaus mit sehr breiter pädiatrischer Versorgung zu genießen, aber es kann auch passieren, dass man trotz Rotation monatelang bei den Gastroenterologen oder Kardiologen verbringt.

Ich kann heute nicht mehr die verschiedenen Frakturformen des Handgelenkes herbeten (wunderbare Eigennamen) oder die Operationsverfahren bei Leistenbrüchen oder die Leopold´ Handgriffe oder sämtliche Abgänge sämtlicher Venen, Arterien und Nerven. Dafür bin ich fit in Impfungen, sozialpädiatrischen und psychosomatischen Zusammenhängen und kann sämtliche Hautausschläge dieser Welt auseinanderhalten. Ich kann einschätzen, ob ein Kind sich über die Jahre normal entwickelt und beurteilen, ab wann es welche Therapie benötigt.

“Es ist erschreckend, wie wenig Ärzte von der Krankheit XYZ wissen”, wird uns nachgesagt. Das stört mich nicht. Es ist essentiell zu wissen, wo man etwas nachlesen kann und die wichtigen von den unwichtigen Informationen zu trennen, statt alles zu wissen. Auf meinem Gebiet kenne ich mich ausreichend aus.
Eltern, deren Kinder eine seltene Krankheit haben, werden zu Hyperexperten. Sie erwarten das auch von ihrem betreuenden Mediziner. Ich kann mich genauso belesen und fortbilden und mich in ein Krankheitgebiet einarbeiten, wie das Eltern tun, und wenn ich eine seltene Krankheit vor mir habe, tue ich das auch. Dabei erkenne ich, was relevante Fakten sind und unterscheide, was nur Internetgerüchte sind. “Ich habe da mal gelesen,…”, bedeutet ein Stochern in der Flut von Informationen. Besonders verloren sind Eltern, wenn die Diagnose noch nicht gestellt ist.

Die wahre Stärke der niedergelassenen Ärzte ist die Differentialdiagnose, das “Darandenken”. Wenn es im Hinterkopf klingelt, dass diese oder jene Krankheit diese oder jene Symptome macht und sich damit von dieser oder jener anderen Erkrankung unterscheidet, ist mein Wissen gut. Das kann man nicht aus dem Internet oder durch reines “Anlesen” wissen. Dazu kommt: Das Gesetz der grossen Zahl. Wer viele Patienten sieht, unterscheidet besser, was häufig ist. Im Internet ist alles häufig und besonders. Aus einem Krankenfall wird da schnell die Regel, aus einem Kolibri ein Starenflug (hrrgs…). Häufiges ist häufig und Seltenes ist selten. Wer Pferdegetrappelt hört, sollte nicht gleich an Zebras denken. Und so weiter, fröhliches Metapherdropping.

Ich bin ein Experte für Serversysteme unter Windows Server 2012, ich kenne mich unglaublich gut in den Spezifikationen der neuesten LED-Fernseher aus und habe ein brutales Wissen zu Fliesen- und Laminatverlegen, dem Programmieren meines HD-Recorders und kann Samba Pa Ti ganz ordentlich auf der Gitarre spielen. Alles im Internet gelernt, dank YouTube und Leserforen. Da macht mir keiner etwas vor. Letztens habe ich ein Brot gebacken, das hätte ich verkaufen können. Danke an Chefkoch.de.
Trotzdem bekomme ich den Computer-Client in Zimmer 4 nicht ans Laufen, das Laminat zeigt an zwei Stellen schöne Lücken und Santana höre ich doch lieber über meinen MP3-Player (und warum geht die Katze immer aus dem Zimmer, wenn ich die Gitarre stimme?). Achja: Meine Frau hat übrigens zweimal in der Klinik entbunden, nicht zuhause, die Kinder bekamen ihre Vorsorgeuntersuchungen bei der Kollegin und Impfen wollten sie sich auch lieber von ihr. Warum ich das erwähne? Weil mein Expertenstatus verpufft, wenn es mich persönlich betrifft und weil Wissen endet, wenn es schwierig wird.

Die uns allen zur Verfügung stehenden Informationen vermitteln ein trügerisches Universalwissen, das frühere Bücherwissen ist heute das Wikipediawissen, es ist umfassender, bodenloser und verwirrender. Das Wissen muß gefiltert werden, dazu braucht es Experten, aber es braucht auch unser Vertrauen in die Nerds, welche sich auf ihrem Gebiet perfekt auskennen. Ich werde jetzt doch Gitarrenunterricht nehmen und für die Neubeplankung meiner Gartenterrasse einen Schreiner engagieren.

Obwohl… da gibt es doch dieses Video von Obi…

(c) Fotos bei Sebastien Wiertz und pfv.

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