Smoke gets in your eyes.

Nach erfolgter U3 (Vorsorge mit einem Monat) ratsche ich gerne mit den Eltern. Diese Vorsorgeuntersuchung ist schließlich oft das erste Zusammentreffen mit dem neuen Kinderarzt, da darf ich mir ein bisschen mehr Zeit lassen. Also wird noch dieses und jenes besprochen, die Impftermine angerissen, mitfühlend gelacht und gelächelt, wenn die Eltern von den unruhigen Nächten berichten und diverse urban legends aus der Welt geschaffen, die auf die junge Familie einstürzen.

 

Vater: “Was können wir denn noch Gutes tun?” Er ist der lässige Typ und fragt das nebenbei, als wolle er sagen, man muß ja nicht jeden Mist machen.
Ich: “Was meinen Sie jetzt genau?”
Vater: “Naja, da gibts doch so Babyturnen, Massage, Yoga, Schwimmen, Tragetücher oder nicht, Krabbelgruppen, PEKIP…”
Ich: “Ohja, alles gaanz wichtig. Wissen Sie, wie sie ihrer Tochter am nachhaltigsten helfen?”
Vater: “Ja? Wie?”
Ich: “Geben Sie beide das Rauchen auf.” Ich roch es bereits, als ich durch die Tür kam.
Vater: “Sie haben leicht reden. Außerdem rauchen wir nie in der Nähe der Kleinen.” Sagt´s und gibt seiner Tochter einen Kuß auf die Stirn.
Ich: “Klar. Ich sehe abends ja auch all die armen Väter und Mütter auf den Balkonen stehen, wenn ich bei uns durch die Nachbarschaft laufe.”
Und sehe genug Eltern, die beim Spazierengehen mit Kippe in der Hand den Kinderwagen schieben, oder schnell die Zigarette am Klettergerüst ausdrücken, bevor sie Klein-Philipp von ebensolchem heben.
Ich: “Rechnen Sie doch mal… eine Schachtel am Tag?” – “Ja…” – “Alle beide?” – “Meine Frau nur die Hälfte, sie stillt ja noch…” – “Also 1,5 Schachteln am Tag, die kostet aktuell wieviel?” – “Fünfzwanzig.”
Ich zähle an meinen Finger: Ene Mene, Eins, Zwei, Drei, Rechenlösung, komm´ herbei.
“Das macht knapp 34000 Euro, bis Ihre Tochter achtzehn wird. Natürlich nicht berücksichtigt, dass die Zigarettenpreise weiter steigen und Sie tendenziell eher stärkere Kippen brauchen, um der Sucht nachzukommen, und die sind wieder teurer.”
Vater: “Stimmt. Habe ich mir auch schon mal ausgerechnet. Ein schönes Auto ist das.”
Ich: “Aber für Ihre Tochter zur Volljährigkeit!”
Vater: “Solange kann ich sowieso nicht sparen. Da kaufe ich mir vorher lieber selbst ein neues Auto.” Die Mutter im Hintergrund verdreht die Augen.
Ich: “Nicht, wenn Sie so weiterrauchen. Geben Sie´s auf, für Ihre Tochter! Wenn schon nicht für sich selbst oder den Geldbeutel.”
Vater: “Sie haben ja leicht reden.”
Ich: “Stimmt. Habe ich. Ich hab´s nämlich auch mal aufgegeben, während des Studiums.”
Vater: “Als Arzt ist es ja auch leichter.”
Ich: “Ja, wieso? Weil wir die ganzen üblen Sachen sehen, die das Rauchen so anrichtet?”
Vater: “Naaa. Weil Sie doch an ganz andere Sachen rankommen, als an die paar Fluppen.”

?

Gentleman

What is going on ?

Der Mutter fällt beim Wickeln ein Socken runter.
Der Junge hebt sie auf.
“Na, Du bist aber ein Gentleman, danke”, sagt die Mutter.

“Mama, was ist ein Dschennelmän?”
Sagt der Zwillingsbruder kaugummikauend: “Das ist, wenn Du ‘ner Dame die Tür aufhältst.”
“Na toll, dann muß ich das wohl auch noch machen?”

Ich: Am Boden.

 

(c) Foto bei SAN_DRINO

Die Dinge besprechen

K.O.-Gespräche bei der U3:
- Vitamin D, macht das nicht den Schädel weich?
- Sie impfen schon ab dem nächsten Monat, und dann gleich alles auf einmal?
- Wir waren schon mal beim Osteopath, denn die Geburt war so traumatisch, sagt die Hebamme.
- Wie stehen Sie denn zur Homöopathie?
- Bekommen wir dann auch einen Ultraschallpaß?

Ich find’s gut, dass wir das gleich am Anfang abarbeiten. Dann ist genug Zeit für alle Beteiligten, sich aneinander zu gewöhnen. Oder sich woanders zu finden.

Ein wenig Statistik

Das hat mich mal interessiert und bin selbst beeindruckt über den Rückgang der Windpockenerkrankungen in meiner Praxis nach Einführung der Impfung (Pfeil). Nebenbei: Von den verbleibenden Infektionen der letzten Jahre kann ich mich nur an ein einziges Kind erinnern, das trotz der Windpockenimpfung dieselben bekam:

 

Windpocken-Erkrankungen in meiner Praxis

Windpocken-Erkrankungen in meiner Praxis

(Außerdem macht Numbers so schöne Grafiken)

Und Sie sind…?

Ich habe ein ganz schlechtes Namensgedächtnis.
Wenn mir am Tag im Supermarkt oder auf der Straße ein Vater, Mutter, ein Kind über den Weg läuft, bei der/m sich meine Synapsen zumindest entfernt erinnern, dass ich ihn, sie oder es kenne (und das ist für mich schon richtig gut!), dann gibt es eine Blockade bei der Frage: Bloß woher? Ist das jemand aus der Praxis? Sind das meine eigenen Patienten? Oder Vertretungen? Kenne ich die vom Elternabend der Tochter? Oder vom Aufräumen nach der letzten Schulveranstaltung?

Mir ist das sehr unangenehm. Kommt es bei der Begegnung zu einem Gespräch (mal kurz über die Straße grüßen ist unverfänglich, und man kommt in keine peinliche Situation), dann merke ich, wie sich kleine Scharniere oder Weichen im Hirn umlegen – ich hoffe zumindest immer darauf -, die dann meinen Erinnerungszug passieren lassen. Das klappt nicht oft. Manchmal kommt das Gespräch sehr schnell an diesen Punkt, mitunter gar nicht. Ich konzentriere mich auf das Bedürfnis zu wissen, woher ich die Person kenne, gleichzeitig versuche ich, dem Gespräch zu folgen oder es geschickt zu lenken, um doch eine Idee zu bekommen, woher wir uns kennen (“…wie geht´s den Kindern?” – “Kinder? Welche Kinder?” Ups, doch jemand aus dem Kirchenchor…).

Für einen Arzt ist das natürlich keine guter Zustand, aber was soll ich machen? Ich kenne Kollegen, die erinnern jeden Patienten, den sie in ihrer Laufbahn je gesehen haben, einschließlich Eltern, Krankheitsverlauf und Versicherungsstatus. Ein Oberarzt in der Klinik kannte alle Frühgeborene mit all ihren Komplikationen, auch wenn sie zehn Jahre später mit Durchfall aufgenommen wurden (“Meyer-Lauritz? Das ist doch das ANS mit CPAP und nachfolgend drittgradiger RPM? Anfang 1999, oder? Und der hat keine Brille?”). Eine andere beherrschte zudem die gesamte Genealogie der Familie und der Angestellten der Klinik, jede Auszubildende wurde mit Namen begrüsst, jeder Patient mit dem Onkel des Vaters in Verbindung gebracht, der “doch vor fünf Jahren auf der Inneren mit einem Ileus lag”. Da bin ich weit von entfernt.

In der Praxis geht das etwas leichter. Ich habe meinen Spickzettel in Form der EDV in jedem Zimmer stehen. Bevor ich die Untersuchung beginne, blättere ich im anderen Zimmer schnell durch die elektronische Patientenakte, sichte die Geschwisterkinder, checke den Impfstatus und dessen Lücken und beeindrucke dann im Zimmer mit unendlichem Elefantengedächtnis (“Wie war denn die Hochzeit? Sie wollten doch heiraten?” – “Das wissen Sie noch, Herr Doktor, das ist doch schon ein halbes Jahr her.” – Tja…). Seid sicher: Das machen alle Doctores so, außer sie sind von Natur aus gedächtnisbegabt. Ich eben nicht.

Blöd ist nur, wenn jemand mich nicht erkennt. Das stört mein Ego. Letztens hat mich in der Fußgängerzone eine Frau mit Kind nach der Uhrzeit gefragt, und ich habe sie tatsächlich mal erkannt: Wir hatten uns in der Praxis vor zwei Jahren ordentlich die Meinung gesagt (freundlich ausgedrückt), es ging ums Impfen – logisch – , sie verließ damals Zeter und Mordio schreiend die Praxisräume. Seltsam: Diese Leute vergesse ich immer nie.
Jetzt in der Fußgängerzone habe ich sie freundlich angelächelt: “Und sonst bei Ihnen, alles ok? Alle gesund? Wie geht´s den Kindern?”
Sie hat die Stirn gerunzelt: “Und Sie sind…?”

Privat oder nicht privat versichern?

Eltern stehen mitunter vor der Entscheidung, ob sie ihr Kind privat oder gesetzlich versichern wollen. Manche fragen auch den Kinderarzt nach seiner Meinung, ein Versicherungsvertreter (der privaten PKV) wird sicher eine klare Meinung haben. Privat versichern können sich alle die, welche nicht der gesetzlichen KV unterliegen, also Beamte, Selbständige, Arbeitnehmer mit einem Verdienst über 53500 € p.a. oder unter 450 €, außerdem Studierende.

Was sind die Vorteile einer Privatversicherung für Kinder?
- In der Zahnbehandlung und bei Brillen wird i.d.R. deutlich mehr übernommen, als in der GKV
- Viele private Kassen übernehmen von vorne herein besondere Therapien wie Akupunktur, Homöopathie oder Osteopathie. Für wen das wichtig ist, liegt bei Privatversicherungen sicher richtig, auch wenn sich viele gesetzliche Versicherungen inzwischen ebenfalls aus Werbegründen mit diesen Kostenübernahmen schmücken, medizinisch-wissenschaftlichen Sinn muß man hier nicht suchen.
- In vielen Praxen werden Privatversicherte immer noch bevorzugt behandelt, was Terminvergaben oder grundsätzliche Behandlung angeht, s.u. – mich rein persönlich interessiert das nicht so sehr, meine fMFA fragen auch nicht nach der Versicherung, wie das andere machen.

Was sind die Nachteile?
- die PKV kostet zunächst einmal mehr, da auch für die Kinder extra bezahlt wird, eine Familienversicherung gibt es nicht. Viele Versicherung zahlen aber Rückvergütungen, wenn keine Ansprüche geltend gemacht werden.
- Es finden medizinische Prüfungen statt, bei Neugeborenen kein Problem, bei älteren Kindern wird genauestens die Krankenvorgeschichte geprüft und mitunter Behandlungen ausgeschlossen. Da mussten wir schon diskutieren, dass die Neugeborenengelbsucht keine lebenslange Lebererkrankung bedeutet oder die vereinzelten akuten Bronchitiden kein Asthma
- Bei manchen Behandlungen muß mehr “erstritten” werden als in der GKV – ich erlebe, das z.B. sinnvolle Impfungen, die aber (noch) nicht Stiko-empfohlen sind, i.d.R. in der PKV auch nicht bezahlt werden (FSME, Meningokokken B). Auch bei kostenintensiven Behandlungen wie Hyposensibilisierungen muß vorher eine Kostenübernahme genehmigt werden. Diese Probleme sehen wir in der GKV eigentlich nur bei chronisch kranken oder behinderten Kindern, bei denen die Eltern jedes Hilfsmittel extra begründen müßen. Das kann aber in der PKV genauso passieren.
- Auch bei PKV gibt es zwischenzeitlich so manche Behandlungshürde: So werden nur Medikamente von bestimmten Pharmafirmen übernommen (wie auch in der GKV) und auch die PKV besteht selbstverständlich auf eine Verordnung eines Arztes. Zu Recht: Die Einstellung, “ich bin privatversichert, also schreiben Sie mir das mal auf” entbehrt jeder medizinischen Sinnhaftigkeit.

Aus ärztlicher Sicht sind Privatpatienten gerne gesehen, das hat zwei einfache Gründe: Die Bezahlung der ärztlichen Leistung ist meist besser dotiert und landet auch schneller auf dem Konto – wenn gezahlt wird. Denn auch bei Patienten gibt es genug schwarze Schafe, die die Zeche prellen. Hier ist ein Nachteil: Ich trage das wirtschaftliche Risiko, dass ich auf meinen Kosten sitzenbleibe.
Bei Gesetzlichversicherten gibt es unter den Begriffen des so genannten Regelleistungsvolumens und Fallzahlbegrenzung noch immer eine Deckelung der Behandlungszahlen: Überschreitet das Behandlungsvolumen die Zahl des Vorjahresquartales, erhalte ich diese Patienten nicht oder nur abgestaffelt bezahlt. Das ist auch der Grund, warum manche Praxis für Gesetzlichversicherte einen Aufnahmestopp verfügen: Sie bekommen sie schlichtweg nicht bezahlt. Ds gibt es in der Privatversicherung nicht. Der Vertragspartner ist der Patient selbst, nicht die Versicherung. Deshalb müssen übrigens manchmal Gesetzlichversicherte länger auf einen Termin warten: Das Budget ist schlicht erschöpft.

In der Summe gleichen sich PKV und GKV immer mehr aneinander an, es gibt hier und da Hürden zu überwinden, wenn es um die Bezahlung geht. Um auf beiden Seiten die Kunden nicht zu verlieren, hat sich jede Seite eine Aufweichung der Vorgaben ausgedacht: So gibt es Zusatzversicherungen für GKV-Versicherte, die lediglich z.B. die Zahnbehandlung abdecken oder eine bessere Krankenhausversorgung (Chefarztbehandlung! Wer’s braucht… Aber ein Einzelzimmer mit einem kranken Kind kann Vorteile haben.). Dann gibt es Kostenerstattungsmodelle der GKV, d.h. die Kassen können individuelle Heilverfahren im Nachhinein erstatten, müssen aber zunächst vom Versicherten vorgestreckt werden. Ein anderes Novum ist der Basistarif, welcher so kompliziert verklausuliert ist, dass er sich weder bei Patienten noch den Ärzten herumgesprochen hat.

Eines sollte man außerdem nicht vergessen: Die Erstattung bei PKV und GKV hängt in hohem Maß vom zuständigen Sachbearbeiter ab – hier wird oft a) nach Aktenlage oder b) Großzügigkeit oder c) Quote entschieden. Es gibt viele Berichte, wonach Anfragen zu Kostenerstattung primär abgelehnt wurden, um dann nach Nachhaken doch noch durchzugehen. Da unterscheiden sich die Versicherungsformen nicht. Streiten wir uns nun noch darüber, ob dieser oder jener medizinisch besser oder schlechtet versorgt ist (PKV-Versicherte erhalten manches Mal überflüssige Therapien und Diagnostiken), ist das Entscheidungschaos perfekt.

(Für B.t.H.)

Vorherige ältere Einträge

Gesundheitsblog 2009 - 2.Platz
Wir geben 8 aufs Wort - Banner
1. Platz in Kategorie Baby und Kinder bei den Hitmeister Superblogs 2012
%d Bloggern gefällt das: