An wen auch immer

Lass mich alles erkennen, was mir in der Praxis Blödes über den Weg läuft. Lass mich nicht zögern, die richtigen Dinge zur richtigen Zeit zu tun. Lass mich den Riecher behalten für das, was wirklich wichtig und gefährlich ist und lass mich dann angemessen reagieren. Lass sich mein Gehirn erinnern an alle Seiten, die ich je in einem Lehrbuch gelesen habe oder lass mir zumindest eine Ahnung davon, dass ich weiß, wo ich nachschlagen muß. Lass es nicht zu, dass mich mein Bildgedächtnis im Stich lässt.Lass meine Patienten gesund werden, auch wenn meine Fähigkeiten mal nicht ausreichen. Lass mich freundlich bleiben, trotz aller Widrigkeiten, Zeitdrücken und Googleauszügen. Lass mich meine Mitarbeiter und ihre Arbeit respektieren, lass die Praxis auch weiterhin gut gedeihen, dass ich jeder von ihnen ein gutes Gehalt bieten kann und alle weiter beschäftigen kann. Lass mich nicht alt im Denken werden, lass mich flexibel bleiben in meinen Methoden, aber trotzdem klar und sicher in meiner Linie und meinem Verständnis der Medizin. Lass meine Arbeit von Überzeugung und Wissenschaft geprägt sein und nicht von Geld, Vorschriften oder Bürokratie. Lass mich den Draht behalten zu den Kindern, ob Säuglinge oder Vorvolljährige, lass mich ihr Vertrauen in mich erhalten und niemanden enttäuschen. Lass mich nicht ungeduldig den Eltern gegenüber werden und erhalte mir die Gelassenheit. Lass mich Zeit nehmen neben der Arbeit für meine Familie und meine Freunde, damit dies meine Energie auflädt für die Zeit in der Praxis.

Danke fürs Zuhören, das Gebet für die Freizeit kommt ein anderes Mal. Erhalte Dir Deinen Humor.

Liebe Patienten

++++ piep ++++
Guten Tag, hier ist nur die Ansage – unser Praxisteam befindet sich im wohlverdienten Sommerurlaub – bitte wenden Sie sich in dringenden Fällen an die Kollegen monsterdoc, Dr. Johannes oder die anderen medizinischen Blogs, auch Pharmama gibt gerne medizinische Auskünfte. Für die Freizeit dazwischen empfehle ich Nessy, Buddenbohm und all die anderen. Wir kommen irgendwann mal wieder, sagen wir Ende August oder so.
Keine Sorge, es gibt wöchentlich einen Blogpost, wordpress-Planung sei Dank, jeweils am Mittwoch, wie sich das für den Arztnachmittag gehört. Passt auf Euch auf — und kommentiert fleißig, vielleicht gelingt es dem Inhaber hier, hie und da einen Internetzugang zu bekommen.
++++ piep ++++

Über das Wissen

Ich bin ein Fachidiot, ein pädiatrischer Nerd, ein Scheuklappenmediziner. Damit stehe ich glücklicherweise nicht alleine. Um sich niederzulassen, ist es in Deutschland notwendig, eine fachärztliche Weiterbildung zu absolvieren, was heißt, das sich nach dem Regelstudium von ca. 6 Jahren eine Weiterbildungszeit von nochmals vier bis sechs Jahren anschließt, die uns dann zum Dermatologen, HNO-Arzt, Allgemeinmediziner oder Kinder- und Jugendarzt machen. Den “praktischen Arzt” von früher, bei dem man sich direkt nach Studium in die eigene Praxis begeben konnte, gibt es heute nicht mehr.

Das ist eine lange Ausbildungszeit. Ein entscheidender Nebeneffekt ist, dass wir uns alle spezialisieren, wir werden zu Experten unseres Gebietes, und je nach Ausbildungsstelle sogar zum Experten eines Teilgebietes unseres Fachbereiches. Ich hatte das Glück, meine Weiterbildung in einem Krankenhaus mit sehr breiter pädiatrischer Versorgung zu genießen, aber es kann auch passieren, dass man trotz Rotation monatelang bei den Gastroenterologen oder Kardiologen verbringt.

Ich kann heute nicht mehr die verschiedenen Frakturformen des Handgelenkes herbeten (wunderbare Eigennamen) oder die Operationsverfahren bei Leistenbrüchen oder die Leopold´ Handgriffe oder sämtliche Abgänge sämtlicher Venen, Arterien und Nerven. Dafür bin ich fit in Impfungen, sozialpädiatrischen und psychosomatischen Zusammenhängen und kann sämtliche Hautausschläge dieser Welt auseinanderhalten. Ich kann einschätzen, ob ein Kind sich über die Jahre normal entwickelt und beurteilen, ab wann es welche Therapie benötigt.

“Es ist erschreckend, wie wenig Ärzte von der Krankheit XYZ wissen”, wird uns nachgesagt. Das stört mich nicht. Es ist essentiell zu wissen, wo man etwas nachlesen kann und die wichtigen von den unwichtigen Informationen zu trennen, statt alles zu wissen. Auf meinem Gebiet kenne ich mich ausreichend aus.
Eltern, deren Kinder eine seltene Krankheit haben, werden zu Hyperexperten. Sie erwarten das auch von ihrem betreuenden Mediziner. Ich kann mich genauso belesen und fortbilden und mich in ein Krankheitgebiet einarbeiten, wie das Eltern tun, und wenn ich eine seltene Krankheit vor mir habe, tue ich das auch. Dabei erkenne ich, was relevante Fakten sind und unterscheide, was nur Internetgerüchte sind. “Ich habe da mal gelesen,…”, bedeutet ein Stochern in der Flut von Informationen. Besonders verloren sind Eltern, wenn die Diagnose noch nicht gestellt ist.

Die wahre Stärke der niedergelassenen Ärzte ist die Differentialdiagnose, das “Darandenken”. Wenn es im Hinterkopf klingelt, dass diese oder jene Krankheit diese oder jene Symptome macht und sich damit von dieser oder jener anderen Erkrankung unterscheidet, ist mein Wissen gut. Das kann man nicht aus dem Internet oder durch reines “Anlesen” wissen. Dazu kommt: Das Gesetz der grossen Zahl. Wer viele Patienten sieht, unterscheidet besser, was häufig ist. Im Internet ist alles häufig und besonders. Aus einem Krankenfall wird da schnell die Regel, aus einem Kolibri ein Starenflug (hrrgs…). Häufiges ist häufig und Seltenes ist selten. Wer Pferdegetrappelt hört, sollte nicht gleich an Zebras denken. Und so weiter, fröhliches Metapherdropping.

Ich bin ein Experte für Serversysteme unter Windows Server 2012, ich kenne mich unglaublich gut in den Spezifikationen der neuesten LED-Fernseher aus und habe ein brutales Wissen zu Fliesen- und Laminatverlegen, dem Programmieren meines HD-Recorders und kann Samba Pa Ti ganz ordentlich auf der Gitarre spielen. Alles im Internet gelernt, dank YouTube und Leserforen. Da macht mir keiner etwas vor. Letztens habe ich ein Brot gebacken, das hätte ich verkaufen können. Danke an Chefkoch.de.
Trotzdem bekomme ich den Computer-Client in Zimmer 4 nicht ans Laufen, das Laminat zeigt an zwei Stellen schöne Lücken und Santana höre ich doch lieber über meinen MP3-Player (und warum geht die Katze immer aus dem Zimmer, wenn ich die Gitarre stimme?). Achja: Meine Frau hat übrigens zweimal in der Klinik entbunden, nicht zuhause, die Kinder bekamen ihre Vorsorgeuntersuchungen bei der Kollegin und Impfen wollten sie sich auch lieber von ihr. Warum ich das erwähne? Weil mein Expertenstatus verpufft, wenn es mich persönlich betrifft und weil Wissen endet, wenn es schwierig wird.

Die uns allen zur Verfügung stehenden Informationen vermitteln ein trügerisches Universalwissen, das frühere Bücherwissen ist heute das Wikipediawissen, es ist umfassender, bodenloser und verwirrender. Das Wissen muß gefiltert werden, dazu braucht es Experten, aber es braucht auch unser Vertrauen in die Nerds, welche sich auf ihrem Gebiet perfekt auskennen. Ich werde jetzt doch Gitarrenunterricht nehmen und für die Neubeplankung meiner Gartenterrasse einen Schreiner engagieren.

Obwohl… da gibt es doch dieses Video von Obi…

(c) Fotos bei Sebastien Wiertz und pfv.

Best of Stock

Noga vom Alzheimerblog (Grimme-Preis nominiert, hier voten!) und Peter von der Schräglage haben mir reichlich zeitgleich ein Stöckchen zugeworfen, das ich gerne aufnehme:

“Benennen Sie die fünf Beiträge im Blog, die Ihnen am meisten am Herzen liegen und von denen Sie sich wünschen würden, dass jeder sie liest. Schreiben Sie ein oder zwei Sätze zu dem Beitrag.”

Nun denn…

Für die Seelenbalance
Ein Posting, das ich rein persönlich mag: Eines meiner Lieblingsthemen (Impfungen), ein Gespräch, sehr authentisch damals direkt aus der Praxis herausgebloggt (und trotzdem genauso exemplarisch immer wieder vorkommend) und “einfach so runtergeschrieben”. Nicht umsonst konnte die Geschichte so auch ins Buch einfließen. Wegen des Sujets ist das ein Artikel mit viel Kommentaren.

Maja und ihre Schwestern
Kinder sind das zentrale Thema meines Berufs und des Blogs, also muß ein Artikel alleine über Kinder in diese Liste. Er war sehr umstritten damals, ich habe zu kitschig und reißerisch geschrieben, um Leser zu generieren. Das hat mich getroffen und nachdenklich gemacht. Aber es gibt diese Familien, und wir verschließen zu oft die Augen vor ihnen. Sie sind Teil unserer Arbeit als Kinder- und Jugendärzte, das Sozialpädiatrisch verdrängt mehr und mehr das rein Medizinische.

Phänomene
Rein statistisch ist dies der meistgelesene und kommentierte Artikel in meinem Blog. Damit muß er mit auf diese Liste. Er ist kein Beispiel für eine wirklich gute Schreibe, aber er zeigt vor allem in den Kommentaren, wie weit manchmal die Meinungen auseinander gehen (und wie weit sich Leute in ihrer Kritik verausgaben). Immerhin aus dem Jahr 2010 stolpern scheinbar regelmäßig die Leser über diesen Beitrag.

Die Impfpflicht – eine Polemik
Ein Artikel aus dem letzten Jahr. Nochmals gehts hier um das Impfen, ich liste diesen Artikel als Beispiel für eine Meinung, die ich kundtue und die dann vielfach diskutiert wird. Es ist mein Blog, meine Meinung, ich freue mich trotzdem über lebhafte Diskussionen, sie sind das Salz in dieser Suppe hier. Neben Berichten aus der Praxis finden sich hier eben auch Allgemeines, Blicke aus der Praxis heraus, über den Tellerrand, und dann auch noch…

… völlige off topics, der Anteil des *me* in “kids and me”. Ich schreibe gerne über meinen Lesestoff, ein wenig über meine Familie, über das wenige, was mich politisch interessiert, und manchmal auch über Musik oder anderes Kulturelles. Danke an meine Leser, die das freundlich tolerierend ignorieren. Also daher als letzter Artikel des Stöckchens, als Beispiel einer beliebten offtopic-Reihe, die inzwischen erstaunliche acht Episoden hat:
Kinderärzte aus einer anderen Welt
___________________

War nicht einfach, diese Liste. Das Stöckchen ist wohl gedacht, den sporadischen Leser ins Blog zu ziehen, ich habs mal eher als Miniquerschnitt durch die Postings interpretiert, was aber bei neunhundert Artikeln in acht Jahren schwer fällt.
Irgendwelche Blogbeiträge, die Euch besonders gefallen haben, bei denen Ihr mitdiskutiert habt oder die Ihr vielleicht auch völlig deplatziert fandet?

Wer das Stöckchen haben will, darfs übrigens gerne aufheben.

Muchas Gracias

Hey! Vielen Dank an die edlen Spender via großem Versandhaus. Kinderdoks Sohn wird es freuen :-)
Zum meinereiner Dank hier ein erneuter Link zu Euch.

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Du bist doch Arzt, oder?

Ich bin auf dieser Fete bei Astrid, der Cliquen-Freundin aus der Oberstufe. Es gibt Essen, Running-Dinner, alle kochen, man fährt zu jedem Gang von A nach B, jeder muß alles essen, am Ende wird vor allem getrunken. Wir befinden uns bereits in der späteren Abendphase, wo die Blase schwächelt und jedes zweite Bierchen mit einem Toilettengang endet. Interessanterweise haben Astrids Eltern ein Bad mit Pissoir. An dem stehe ich.

Ossi kommt rein. Der kam nicht von drüben (das ging damals ™ noch nicht), der hieß einfach nur so. Olaf Siebelt. Ossi.
Er stellt sich ans Waschenbecken und schaut mir beim Pinkeln zu.

“Sachma, Du bist doch Arzt, oder?”
“Mmh”, mache ich und widme mich weiter meinem Bedürfnis.
“Ich hab´ da mal ´ne Frage.”
Ich seufze innerlich, ob der jetzt leeren Blase und der Ansprache von schräg hinten.

“Kann ich Dir das mal zeigen?” Ohne eine Antwort abzuwarten, zieht er seine Jeans über eine Pobacke runter. Da ich zum Waschbecken muß, bleibt mir der Anblick nicht erspart. Ich ignoriere ihn und wasche mir die Hände (macht man schließlich vor der Konsultation, oder?).

“Guck doch mal”, er schiebt seine weiße Haut in meine Richtung. Ich wende mich ihm zu, dosiere meinen Interesseblick auf das Nötigste. Er zeigt mir irgendein räudiges Ekzem direkt über der Gluteusfalz. “´Kann man da machen?”, fragt er und zieht lässig die Nase hoch.

Ich mache eine kleine Bewegung mit der Hand, die Hose wieder hochzuziehen (er machts tatsächlich, gottseidank), dann lege ich meine frisch gewaschene Hand auf seine Schulter und schaue ihm tief in die Augen.
“Hautarzt!”, sage ich gutmütig.

Was einem so alles als … mmh … Mediziner passiert. Das ist schon ein bisschen her, aber es war vermutlich meine erste Konsultation. Als Arzt.
Ich war im 2. Semester. Vorklinik.

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