Gelesen im Oktober

Die Bücher wirken sehr durcheinander diesen Monat, geprägt vom Lesestoff via Buchmesse und dank der Zeit, die ich abends beim Kinder- und Jugendärztekongress in Bad Orb hatte. Hier mein Lesen im vergangenen Monat:

Ein ganzes Leben von Robert Seethaler
Ein Geheimtipp in der deutschsprachigen Literatur, dieser Robert Seethaler. Bereits der Trafikant konnte mich fesseln, dieses neue Buch berichtet – Achtung – über ein ganzes Leben, und nur das. Aber gerade das. Und das macht Seethaler beeindruckend unprätentiös, umso größer ist der Sog. Die Geschichte eines Alpenbewohners im letzten Jahrhundert. Wer schöne Sprache ohne intellektuelles Gesülze mag – Lesen! (5/5)

Marias Testament von Colm Toibin
(deutsch von Giovanni und Ditte Bandini)
Holla, das Buch hatte ich vor einem Jahr mal auf Englisch gekauft, erlegt in einer irischen Buchhandlung, und bald weggelegt, weil zu schwer. Trotzdem war ich neugierig, und versuchte mich jetzt an der Übersetzung. Also… entweder bin ich einfach nicht schlau genug für diese Sprache, oder die Story (klar, die Leidensgeschichte und alles drumherum aus der Sicht der Heiligen Maria) hat´s nicht gebracht. Sehr anstrengend, am Ende: So what? Schade für das Thema. (2/5)

Die Held-Trilogie von Flix
Flix hat mich bereits mit seinem Don Quijote und den Ferdinand-Büchern gekauft. Jetzt habe ich ihn auf der Buchmesse getroffen, damit ich etwas zum Signieren in der Hand hatte, habe ich mir den “Held” gekauft. Was soll ich sagen? Richtig wirklich gut. Lustig, wundernett gezeichnet, obwohl nur schwarzweiss, mit drei Geschichten, die ans Herzle gehen. Gelacht, geweint, gefiebert — danke, Flix. (5/5)

Drohnenland von Tom Hillenbrand
Hillenbrand konstruiert in diesem Roman eine medial vernetzte Zukunftswelt, vor allem einen Überwachungsstaat, in dem jeder jeden durch seine Brille filmt, in dem Drohnen uns als Kameras auf Schritt und Tritt verfolgen, und in der die Vergangenheit durch so genannte Spiegelungen (Rekonstruktionen des Gefilmten) wiedergegeben und “begangen” werden kann. Sehr gewagt, sehr konsequent durchdacht, das fand ich toll. Die Story hingegen hat mich zwischendrin etwas gelangweilt, das Ende kam mir zu glücklich und wenig erarbeitet vor. Ein Zukunfts-Krimi mit einem lockeren Kommissar und beunruhigenden Visionen – noch etwas düsterer als “The Circle”. (4/5)

Opas Engel von Jutta Bauer
Dieses schmale Bilderbuch habe ich auf dem Flohmarkt wiederentdeckt – es ist bestimmt bei vielen bekannt, als Lektüre hier zu präsentieren, beinahe zu kurz. Dennoch: Immer wieder lesenswert, auch zu verschenken. Es gibt einen netten Film der Maus dazu (5/5)

Erziehung – Ein Abenteuer für die ganze Familie von Martina und Volker Kessler
Ein etwas anderes “Erziehungsbuch” – davon demnächst mehr. (3/5)

Mr. Mercedes von Stephen King
(deutsch von Bernhard Kleinschmidt, Hörbuch gelesen von David Nathan)
Ich bin King-Fan, seit “Shining” und “Feuerkind”. Er hat seine Höhen und Tiefen – dieses Buch hier ist ein absolutes High. Wer sich endlich aktiv vom Vorurteil befreien will, Stephen King schreibe nur Horrorbücher (“Uuuh, das ist mir zu eklig”), sollte sich Mr. Mercedes gönnen. Das ist ein handfester Thriller ohne irgendwelches übersinnliches Gedöns, mit fantastischen Charakterstudien, einem Spitzen-Plot und einem sympathischen Held. Was braucht es mehr für gute Unterhaltung? Ohja: Als Hörbuch einen kongenialen Vorleser wie David Nathan, mann, ist der gut! (5/5)

Abgebrochen: World War Z von Max Brooks
(deutsch von Joachim Körber, Hörbuch gelesen von David Nathan und Michael Pan)
Da ist schon ein interessantes Projekt: Das Zombie-Thema mit Berichten und Interviews einer weltweiten Plage wieder zu beleben, der Erfolg des Buches (incl. Film) gibt dem ja auch recht. Dennoch, ich fand, es funktioniert nicht. Die Spannungsbögen brechen regelmäßig ab, die Kapitel sind in sich zu öde, das eigentlich Thema zu wenig variiert. Das geht bei “The Walking Dead” besser. Ich habe das Hörbuch abgebrochen, das rettet nicht einmal David Nathan. Warum ein Kinderarzt so was hört und sieht? Meine dunkle Seite. (1/5)


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Meine #fbm14

Wenn ich durch Twitter lese oder auch mich sonst wie durchs Internet bewege, habe ich heuer den Eindruck, als ob alle Welt auf der Frankfurter Buchmesse ist oder war. Das trügt natürlich, genauso, wie man überall das Auto sieht, das man sich gerade gekauft hat, oder wie ich denke, dass auf Kinderärzte-Kongressen alle Kollegen sind, die ich überhaupt kenne. Tunnelblickerwartung.

Jedenfalls war ich auch auf der Buchmesse. Wie schon die letzten Jahre, da die #fbm (wie wir Twitterer sagen) stets auf das Wochenende vor dem Herbstseminarkongress der Kinder- und Jugendärzte im hessischen Bad Orb fällt. Gleiches Bundesland, gleiche Anreise, läuft. Ich darf als Pressevertreter rein (wie gefühlte 50% der Werktagsbesucher – die anderen sind Azubis der Verlags- und Buchhandelsbranche), also fuhr ich freitags. Schön leer. Oder eher immer noch voll genug.

Diesmal schaffte ich es erst (dank Stau) zur Mittagszeit, mein Auto im Parkhaus Rebstock zu parken und den Pendelbus zu nehmen, ein paar meiner mühsam recherchierten (App!) und geplanten „Favoriten“ waren schon vorbei – also erst mal treiben lassen. Halle 4, Halle 3, die Klassiker, ein bisschen Finnland, ein bisschen Agora, ein paar Gespräche hier, eine Currywurst da, Norbert Blüm gesehen, den flixxx, den Mawil, Michael Köhlmeier, Thomas Hettche und bestimmt ganz viele, von denen ich keine Ahnung hatte, dass ich sie gesehen habe.

Am Ende, zum Ausklang und in Müdigkeit auf zur Preisverleihung des Virenschleuderpreises 2014 – sehr nett, sehr unprätentiös, mit Bionade, Weinchen und Tee – mit entsprechend „ansteckenden“ Ideen aus der (immer wieder anglophil erwähnten) Publishing- und Marketing-Scene mit High End Performance. Deren Website lohnt das Hinterhersurfen. Und da es hier auch um das Virulente ging, sah ich mich als Arzt zumindest als Geistesbruder.

Bilder? Bitte:

Kruso und Vor dem Fest

Mein Favorit für den Buchpreis und der echte Gewinner (“Vor dem Fest” ist aber auch das einzige, was ich von der Shortlist gelesen habe)

Tatortreiniger

Der nette Herr war auch da, wenn auch als Pappkamerad

We the children

Ein toller Bildband, der zusammen mit der Präsentation des Fotografen noch toller wirkte

Pickachus

Non-books spielen echt eine große Rolle auf der Buchmesse – bei Anime/Cartoon-Merchandising verstehe ich das auch

Finnland

Finnland war das Partnerland – und neben den Mumins und dem Bücherbus aus Helsinki gab es diesen wunderschön gestalteten Stand.

Globus

Nochmal Non-book – dieser Stand fasziniert mich, seitdem ich auf die Buchmesse gehe – dabei sind es nur Globen.

Mawil

Mawil hat mir ein Bild gemalt …

Flix

… und der Flix auch – dass sie beide einen roten Hoodie trugen, war wohl eher Zufall

Gonig home

Auf dem Weg nach Hause sind die Gänge völlig leer – das Rollband für mich alleine

VSP

Bei der Preisverleihung des Virenschleuderpreises

Ich sag mal …

Ngugi Wa Thiong’o. Den Namen kann ich zwar nicht aussprechen, aber der Mann wird gerade so sehr hoch gehandelt für den Literaturnobelpreis, vielleicht bekommt er ihn wirklich. Schließlich ist seit Jahren kein farbiger Afrikaner mehr gewählt worden, die letzten zwei (Coetzee 2003 und Gordimer 1991) sind aus Südafrika und weiß. Zählt man Ägypten zum afrikanischen Kontinent, gab´s da noch Mahfus 1988 bzw. Soyinka aus Nigeria 1986. Siehe.

Aber nach dieser Überlegung wäre ja auch ein US-Amerikaner dran (zuletzt Toni Morrison 1993), vielleicht der immer verdächtige Philip Roth oder doch der olle Dylan. Nun war die Gewinnerin letztes Jahr bereits Alice Munro, als Kanadierin zu nahe an den USA.

Murakami wünsche ich mir seit Jahren, aber er ist zu jung und zu populär. Das wird wohl nie etwas.

Um 13 Uhr oder so sind wir schlauer.

[Edit] Irgendwie werde ich als Literaturblog nicht ernst genommen.

Gelesen im September

Das war klar. Nach dem Urlaubsmonat August gab es jetzt im September eine Lektürekarenz, wenig Zeit, wenig Muße, naja. Hier das, was trotzdem “durchkam”:

Fliehkräfte von Stephan Thome
Ein Roman über die Entscheidungsfindung eines Philosophieprofessors aus Bonn, ob er nun seiner Frau nach Berlin folgen soll unter Aufgabe seiner Anstellung, letztendlich die Entscheidung zwischen Bequemlichkeit oder unsicherer Zukunft, Bonn oder Berlin, Universität und Theater. Viel inneren Monolog gibts zu lesen, nervig sind die teilweise nicht nachvollziehbaren Zeitsprünge. Aber warum bitte muß ständig ein Rotwein durchs Bild wandern? Die sicher wahnsinnig authentischen Beschreibungen von Portugal (wohin der Professor “flieht”) sind nur anstrengend. Muß man so sein als Akademiker? (2/5)

The Circle von David Eggers
Für mich eines der Bücher des Jahres, für andere nicht. “The Circle” (Circle – Google, genau…) schildert die vielleicht nahe Zukunft, wenn wir uns weiterhin tapfer vernetzen, teilen und bewerten. Sharing is Caring. Das Buch wird gerne mit “1984″ oder “Brave New World” verglichen, was natürlich Quatsch ist, Orwell und Huxley sind ein anderes Kaliber. Dennoch: Ich denke, ein solches Buch musste früher oder später geschrieben werden. Die Protagonisten Mae ist zwar selten naiv, damit auch nervig, aber die Klaustrophie des Klickens, des Jagens nach noch besseren PartiRanks und der seltsam beziehungslosen Familie des Circle fand ich sehr gut beschrieben. Das Ende war wunderbar konsequent happyendlos. Ich fürchte nur, dass ein solches Buch nichts ändert. (5/5)

Der fünfte Beatle: Die Brian Epstein Story von Vivek J. Tiwari (Autor), Andrew C. Robinson (Autor), Kyle Baker (Autor)
Eine Graphic Novel über Brian Epstein, den Manager der Beatles. Jaaa, okayyy, das kann man machen, hübsch gezeichnet und nett, die Geschichte der FabFour aus der Sicht ihres fünften Mitgliedes zu sehen. Die Homosexualität Epsteins wird thematisiert, klar, ist wichtig, ansonsten bleibt die ganze Story aber seltsam blutleer. Ich fand´s etwas öde. (2/5)

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki von Haruki Murakami
Ein Hörbuch gelesen von Wanja Mues, übersetzt von Ursula Gräfe
Ein wunderschöner Roman einer tragisch traurigen Depression, der aber den Leser/Hörer zum Ende mit ein wenig Optimismus hinterlässt. Murakami verflicht die Geschichte des Herrn Tazaki mit seinen bekannten mystischen Ideen, diesmal bleibt er aber sehr auf dem Boden, ganz anders als beim langen 1Q84. Es passiert nicht viel in diesem Buch, Herr Tazaki arbeitet seine Vergangenheit auf, versucht sich selbst zu finden und definiert sich dennoch immer nur über seine Freunde oder seine neue Freundin. Ich bin mir nicht sicher, ob mir diese Botschaft gefällt. Vielleicht geht es aber auch nur um die Binnenbetrachtung eines zutiefst depressiven Menschen. Sprache wunderschön, Lesung wunderbar. (5/5)

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Happy Birthday, Boss

Treue Leser haben es schon gemerkt – ich bin Bruce Springsteen Fan. Hier also völlig off topic für dieses Blog ein kleines Video zum 65.(!)Geburtstag des Mannes. Letztes Jahr in München – wir alle im Regen – stellte er sich mit seiner Gitarre vor die Überdachung und begann mit “Who´ll stop the rain”, um in beinahe 3 Stunden ein wunderbares Konzert zu spielen, incl. eines kompletten “Born in the U.S.A.”-Sets. Little Steven fand es nicht toll, immer wieder von seinem Boss in den Regen geschleift zu werden, aber uns war das egal. Uns wurde es warm ums Herz. Da war er erst 64.

I want to sleep beneath peaceful skies in my lover’s bed
with a wide open country in my eyes
and these romantic dreams in my head

Wirklich komplett interne Nachricht

Bleiben Sie heute dran, dann erleben Sie den 5.000.000. Pageview dieses Blogs. Huuu, bin ich aufgeregt.

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