Kugeln im Notdienst (Cave: Schon wieder Hömoipathie-Bashing*)

Tut mir leid, schon wieder Globuli:

Lieber Kollege der Anhängerschaft der weissen Streukügelchen, ich habe nicht grundsätzlich etwas dagegen, wenn Sie im Notfalldienst in der Ambulanz der hiesigen Kinderklinik versuchen, Ihre Zuckerli an die Eltern heranzutragen. Wenn Sie die Zeit im Dienst für eine anständige Erstanamnese zur Wirkstofffindung haben …
Mich ärgert aber, dass Sie a) den Eltern das Wirkprinzip der Globuli nicht verklickern, sondern sie kommentarlos zum nächsten Tag in meine Sprechstunde schicken, damit ich ihnen das Nichtwirkprinzip erkläre (“Weisscht, Dokter, Arzt im Krankenhause haben das da und das da mitgegeben, das sollen wir jetzt drei Woche nehme, weisscht…”) und b) die Zuckermittel auch noch aufs Grüne Rezept schreiben, was bedeutet, dass das die Eltern in ihrer Naivität selbst bezahlen müssen, aber bei der Wiedervorstellung in meiner Praxis dann aber auf ein Rosa Rezept bestehen, damit sie die 18 Euro vierfuffzig von der Apotheke wiederbekommen. Bedeutet, ich muss dazu noch ein Kurz-Referat zum deutschen Gesundheitswesen halten, dem zu Folgen für Eltern, die der deutschen Sprache ethnisch nicht hundertprozentig mächtig sind, ein unmögliches Unterfangen ist.

Liebe Kollegen der Zuckerschaft: Wenn Ihr schon Eure Globuli unters Volk streut, dann bitte an Eltern, die an die Wirkung glauben das Wirkprinzip verstehen wollen. Für alle anderen ist ein kommentarloses Rezeptieren irreführend und unverständlich und ein Erheben der Globuli auf eine Ebene mit wirksamen Medikamenten wie Antibiotika oder Inhalativa.

*manche Eltern haben bereits mit der Aussprache der Therapie ihre Probleme. Homöopathie-Richtigschreiben ist das moderne Hämorrhoiden.

Neulich im Notdienst

Wir befinden uns mitten in der Nacht, es ist 1.15 Uhr (ein Uhr fünfzehn, nach Mitternacht). Das Handy klingelt.

Ich: “Kinderdok, hallo?”
Mann: “Ja, ich ruf an, wegen mein Neffe der hat grad Sonnenblumenkerne gekotzt.”
Ich: “Guten Abend, hier ist Kinderdok, wie war nochmal Ihr Name?”
Mann: “Deibovic, Sonnenblumenkerne. Mein Neffe.”
Ich: “Alles klar. Wie alt ist denn Ihr Neffe?”
Es knistert und stört in der Leitung, dann seine Stimme, abgedämpft, wie mit der Hand auf dem Telefon: “Alt issen der?” Eine andere Stimme antwortet im Hintergrund.
Mann, wieder am Hörer: “Der is´ zwonhalb.”
Ich: “Aha.”
Mann: “Ja, der hat vor vor zwei Stunden die Sonnenblumenkerne gegessen, und jetzt gekotzt. Kamen wieder raus. Mit dem Husten.”
Nachtigall, ich hör Dich trapsen …
Ich: “Also nochmal: Der ist zweieinhalb, hat vor zwei Stunden, also so kurz vor Mitternacht, Sonnenblumenkeren gegessen, gehustet, jetzt gespuckt.”
Mann: “Ja, genau.”
Ich: “Warum isst Ihr Neffe mit zweieinhalb vor Zwölf Uhr nachts Sonnenblumenkerne?”
Mann: “Wieso? Keine Ahnung, hatt´er eben.”

Ich ersparte mir die weitere Aufklärung am Telefon, habe die Familie direkt in die hiesige Klinik geschickt, mit dem dringenden Verdacht auf Aspiration eines Fremdkörpers. Das wird der HNO-Kollege sicher gerne in der Nacht vom zweiten Feiertag regeln.
An der Unvernünftigkeit mancher Eltern kann auch der nichts drehen. Manchmal bedeutet Kindsvernachlässigung auch, wenn man zuviel erlaubt – Zweieinhalb Jahre, Mitternacht wach und Sonnenblumenkerne essen lassen.

Dienst-Potpourri

“ich wollte heute nochmal mit der Mady-Jane kommen, weil gestern bei dem anderen Arzt, der hat ja gar nichts verschrieben. Da komm ich doch heute glatt nochmal.”

“jaja, der Husten geht ja jetzt schon sechs Wochen beim Luys, weiß ich genau, da wars noch beinahe Sommer. Und Montag wegen Heiligabend ging´s ja nicht, gestern war Omma-Besuch, dann dachte ich, geh ich mal gleich am zweiten Feiertag.”

“nö, sonst bin ich bei meinem Hausarzt, aber im Notdienst ist mir das zu stressig bei den Allgemeinärzten, und wenns doch einen Kinderarzt-Notdienst gibt… Die Vorsorgeuntersuchungen? Das ist doch egal, wer die macht. Mein Jääimiii kann doch eh alles.”

“Doch, jaja, gestern waren wir auch schon bei der Ärztin mit der Cilla-Marie. Jaja, die hat auch gesagt, unsere Kleine hat eine Ohrenentzündung. Wir wollten nur mal heute gucken lassen, ob´s wirklich stimmt oder schon besser ist.”

“Seit einer Stunde. Ja, immerhin bis achtunddreißigfünf. Das muß man jetzt angucken. Wer weiß, was morgen ist.”

“Ach, Zahnarzt sind Sie nicht?”

“Ist doch egal, ob der Robin schon neunzehn ist, oder? Schließlich wohnt er noch bei mir. Und beim Allgemeinärztlichen Notdienst sitzen immer nur so alte Leute.”

“Sie trinken Kaffee? Na, Sie haben aber die Ruhe weg. Ich warte jetzt schon eine Viertelstunde.”

Nach hundertfünfundvierzig Kindern in vierzehneinhalb Stunden – wir haben teils zu zweit gearbeitet – , Zwischenreinsnacks in Form von Plätzchen und Apfelkuchen, immerhin keiner Krankenhauseinweisung und einem geschätzten Anteil von zwanzig Prozent wirklich kranker Kinder (der Rest war eher “weil doch Weihnachten ist” oder “morgen ist der eigene Kinderarzt auch im Urlaub”), war ungelogen die letzte Bemerkung des letzten Vaters um 21.30 Uhr:
“bei Ihnen ist es heute aber ruhig, ist ja gar keiner da.”

korrekte anamnese

mal wieder klingelt das telefon spät in der nacht.

ich: “kinderdok, guten abend, hallo?”
mutter: “guten abend, entschuldigen sie die störung, sie haben heute notdienst?”
ich: “ja, genau.”
mutter: “oh prima. das ist toll, dass man um diese uhrzeit noch jemanden erreichen kann. ich habe hier einen siebzehneinhalbmonatigen  jungen, fieber seit zwei tagen, maximum neun´ndreißigfünf, husten, schnupfen, keine nebengeräusche, sein bruder war auch letzte woche erkältet. sonst hatt´er nichts, kein spucken, kein durchfall, isst und trinkt gut, ich hab´ ihm heute schon zwei paracetamol hundertfünfundzwanzig supp gegeben, jetzt sind´s aber grad vier stunden her, der ist wach, kann nicht schlafen, ich wollte fragen, isses ok, wenn ich mal ibu-saft gebe?”
ich: “ja.”
mutter: “ok, danke. auf wiederhören.”
ich: “auf wiederhören.”

ich: “ach, moment. sie sind nicht zufällig eine der neuen mutant-phone-mothers, ich meine, wegen der korrekten anamnese?”
mutter: “nein. aber kollegin.”
ich: “achso. alles klar. ruhige nacht. und ruhigen dienst.”
mutter: “danke. ihnen auch. wiederhören.”

ok, ich geb zu, das ab den pünktchen war erfunden. aber der erste teil hat sich absolut so ereignet. ich war so was von dankbar um drei uhr nachts. da bin ich nicht mehr in der lage, die entscheidenden infos aus den anrufenden nasen zu ziehen.

ich auch, ich auch, frau von der leyen

frau von der arbeit regt momentan eine diskussion an, dass arbeitgeber nicht ständig – auch in urlaub oder gar krankheit – per smartphone und/oder email erreichbar sein sollen. finde ich einen netten ansatz. da habe ich auch eine anekdote beizutragen:

ich: “hallo? hier kinderdok, hallo?” sehr schlechte verbindung.
mutter: “ja, sie müssen dann mal kommen.”
ich: “hallo? wer spricht denn da?”
mutter: “hier ist meyerdingens, meine jenny-nina hat da so einen ausschlag. müssense mal kommen, angucken. jetzt.”
ich: “entschuldigung, aber haben sie unseren anrufbeantworter abgehört? ich bin im urlaub…”
mutter: “müssense mal ausnahme machen. sind ja nur pickelchen. nur mal gucken.”
ich: “ich habe übrigens auch eine vertretung, die kollegen doktor …”
mutter: “jaja. ich hab aber jetzt hier da auf ihrem handy angerufen, die nummer hab ich mir letztens aufgeschrieben, für´n notfall. kommense jetzt?”
ich: “auch wenn ich wollte, frau meyerdings. es wird schwierig.”

in der tat. ich stand gerade mit bepacktem auto, genervten kinder und kopfschüttelnder ehefrau exakt hier.

neulich am telefon

21 uhr 15, kinderdok sitzt bequem auf der couch und spielt mit dem neuen eipad.

telefonklingel. dank polyphon in einem angenehmen sanften weckton, nicht das genervige gerappel des praxistelefons.

ich: “kinderdok, hallo?”
vater: “äh, ja, ´nabend. ich habe da mal eine frage.”
ich: “… und mit wem spreche ich?”
… erstmal den namen sichern. essentiell.
vater: nuschel”…nitzki…”nuschel.
… naja. war wohl nichts.
ich: “ok, um was gehts denn?”
vater: “meine tochter, die jammert jetzt schon die ganze zeit, ihr fuß tut so weh.”
ich: “alles klar, wie alt ist denn ihre tochter?”
… dann das administrative klären.
vater: “dreinhalb.”
ich: “wo sind denn die schmerzen … am fuß?”
… der fuß ist immer relativ. im süddeutschen anatomieatlas beginnt der fuß bei der spina iliaca anterior superior und endet am digitus pedis I.
vater: “so am knie, rechts glaub´ch.”
ich: “und seit wann hat sie diese schmerzen?”
vater: “na, so zehn minuten, viertelstunde.”
ich: “äh. ok. kann sie denn da gar nicht auftreten?”
vater: “naja. geht schon. hinkt halt.”
ich: “haben sie denn was gegen schmerzen zu hause?”
vater: “ja, glaub´ch schon. so zäpfchen oder so.”
ich: “gut. dann geben sie ihr mal eins, wenn sie morgen noch…”

es rattert in meinem hirn. ich schiebe die eine differentialdiagnose gegen die andere hin und her, blättere geistig im kapitel rheumatologie, orthopädie und infektiologie, wäge zeit, ausmaß und alter ab und …

ich: “sagen sie mal, die ist doch drei jahre alt, wir haben kurz vor zehne nachts, liegt die noch nicht im bett? ist sie aufgewacht von den schmerzen?”
vater: “ne, die liegt grad nicht im bett.”
ich: “und dass sie irgendwie gestürzt ist? aus´m bett gefallen? hat sie ein hochbett?”
vater: “ja, die hat ein hochbett.”
ich: “und da ist sie rausgefallen?”
vater: “ja. da ist sie rausgefallen.”
ich: “und seitdem hat sie die schmerzen im knie?”
vater: “ja. dick ist es auch.”

das war der moment, indem ich kurz weggetreten bin, weil mein kopf auf die tischkante knallte. es müssen nur sekunden gewesen sein.

ich: “also, sie ist aus dem bett gefallen, auch noch ein hochbett, das war vor einer viertelstunde, seitdem hat sie schmerzen am knie, und das ist dick. so richtig?”
vater: “ja. so war das wohl.”
ich: “na dann. fahren sie bitte nach unterstelzen mit ihr ins krankenhaus? das muß wahrscheinlich geröntgt werden. vielleicht ist was gebrochen.”
vater: “wirklich? und da kann man jetzt so nichts machen?”
ich: “nein, wirklich nicht. lassen sie das mal im krankenhaus angucken, ok?”
vater: “ok. wenn sie meinen. muss ich da anrufen, termin ausmachen?”

ich: “nein, bitte nicht, sonst wimmelt sie der kollege am telefon ab, bevor er an die stelle mit dem hochbett kommt. neinnein, fahren sie mal direkt dahin, passt schon.”
vater: “dann mach ich das mal.”
ich: “gut. auf wiederhören.”
vater: “ja, tschüss. … ach, und morgen reicht aber nicht, oder?”

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