Work Life Balance

Der Vater stemmt die Hände in die Hüften: “Ja, gestern abend, da waren Sie nicht mehr erreichbar.”
Ich: “Es gibt doch dann den Notdienst im Krankenhaus, da können Sie jederzeit hinfahren.”
Vater: “Ja, genau, und da setze ich mich hin und warte stundenlang.”
Ich: “Tagsüber können Sie uns gut erreichen. Hatte Ihre Tochter das Fieber nicht schon übers Wochenende?”
Vater: “Mmh. Wir sind dann zu Ihrem Kollegen in die Stadt gefahren. Der war immerhin um 20 Uhr 30 noch in seiner Praxis und hat gearbeitet. Da hatten Sie”, er zeigt mit dem Zeigefinger auf mich. “schon Ihren segensreichen Feierabend.”

Das Helfersyndrom habe ich in der Klinik abgelegt. Dafür hat es ein paar Therapiestunden gebraucht, aber ich war erfolgreich. Außerdem habe ich eine Familie zuhause, die mich auch gerne mal außerhalb des Wochenendes sieht.

Nachfragen

Liebe Frau Guney,
ich kann verstehen, dass Sie mit Ihrem Anderthalbjährigen nachts um zwei in die Notambulanz am Klinikum fahren, weil er zweimal gespuckt hat. Das kann einen nachts wirklich irritieren, und Ihrem Sohn ging es bestimmt auch nicht so gut dabei.
Ich kann auch noch verstehen, dass Sie in der nächsten Nacht um die gleiche Zeit – ach, nein, ich sehe gerade, es war eine Stunde später – nochmals in die Klinik gefahren sind, weil Ihr Mehmet wieder gespuckt hat, am Tag hatte er ja auch zweimal Durchfall, wie ich sehe.
Etwas unklar ist mir dann aber die Vorstellung in der dritten Nacht um 23 Uhr. Ok, der Durchfall ist nicht besser geworden, und, wie Sie sagen, war der Kollege in der Klinik etwas “unfreundlich und ungeduldig”. Trotzdem hat er Ihnen eine Elektrolytlösung rezeptiert. Die haben Sie aber in der Nachtapotheke nicht besorgen wollen, weil die Apotheke im Nachbarort ist. Gut, manchmal muß man weitere Wege fahren, wenn man möchte, dass das Kind wieder gesund wird.

Darf ich die Frage stellen, warum Sie heute morgen um neun Uhr ohne Termin in meiner Praxis stehen, in der Hoffnung, ich könnte Ihr Kind gesund machen? Ach, er hat gar nicht mehr gespuckt? Und seit gestern nacht – ja, da waren Sie im Krankenhaus, das habe ich verstanden – auch keinen Durchfall mehr gehabt? Klingt doch gut. Aber jetzt isst er nicht mehr richtig, soso. Nur die Hälfte des Keksbreis. Aha.

Doch doch, jeder macht sich Sorgen, wenn´s Kind spuckt und Durchfall hat. Das verstehe ich. Es macht auch Sinn, einen Anderthalbjährigen mal dem Arzt vorzustellen, damit der Schlimmeres ausschließen kann. Aber muß das zweimal nachts nach Mitternacht sein? Wissen Sie, Sie haben auch immer die Möglichkeit, im Laufe des Tages bei uns einen Termin zu machen. Tags war immer alles ok? Ja. Ich verstehe. Nachts ist ein spuckendes Kind anstrengender als am Tag.

Ist das mal dringend!

fMFA: “Herr Doktor, da ist ein Kollege am Telefon. Möchte Sie dringendst sprechen.”
Ich: “Wer denn?”
fMFA: “Ein Dr. Meissner aus Obersterzen, er würde sie kennen.”
Nie gehört.
Ich: “Nie gehört. Na, geben Sie mal her.”

Ich: “Hallo, Kinderdok hier.”
Meissner: “Grüß Gott, Herr Kollege, es gibt was Dringendes.”
Ich: “Grüß Gott, ja, was denn?”
Meissner: “Mein Sohn ist ja bei Ihnen in Behandlung.”
Meissner? Meissner? Ich hacke schnell auf der Tastatur rum. Gibt´s nicht. “Achja?”, frage ich.
Meissner: “Ja. Der hat den Namen meiner Ex, Pletzikowski.”
Jetzt finde ich ihn. Acht Jahre, einmal jemals bei mir gewesen, vor vier Jahren. Damals Schnupfen.
Ich: “Und was gibt´s?”
Meissner: “Ich wollte nur sagen, der kommt jetzt vorbei. Der hat Nasenbluten. Kommt aus der Schule. Meine Frau …, also Ex…, holt ihn grade ab. Sind sicher schon zu Ihnen auf dem Weg. Muß man was machen.”
Ich: “Äh. Ok, alles klar. Dann lassen wir ihn mal kommen.”
Meissner: “Robert heißt der.”
Ich: “Prima.”
Meissner: “Ich dachte, ich ruf mal an.”
Ich: “Mmmh.”
Meissner: “Damit er auch gleich dran kommt.”
Ich: “Aha.”
Meissner: “Ist ja was Dringendes.”
Ich: “Ja?”
Meissner: “Gut.” Pause. “Dann mache ich mal hier weiter.” Pause. “Noch viel zu tun.” Pause. “Auf Wiederhören, Herr Kollege.”
Ich: “Wiederhören, Herr Meissner.”

Es vergehen keine zehn Minuten, da drängt sich eine hochgewachsene Frau auf Stöckelschuhen an den anderen Wartenden an der Anmeldung vorbei und meldet ihren Sohn als “dringenden Notfall” an. Die fMFA waren vorgewarnt und setzen Robert ins Untersuchungszimmer. Sie wissen, was bei Nasenbluten zu tun ist.
Da die anderen Patienten teilweise Termine haben, manch andere Ohren-, Hals- oder Bauchweh, und Nasenbluten sowieso seine Zeit braucht, lasse ich mir selbige.

Als ich gerade von einem Zimmer ins nächste wechsele, stürzt die Mutter aus dem Zimmer: “Herr Doktor Kinderdok, gut, dass Sie jetzt kommen!”
Ich: “Ich wollte eigentlich vorher noch…” … zu dem anderen Patienten, wollte ich sagen, denke aber, wir wollen die Sache nicht unnötig ausreizen und folge ihr.
Mutter: “Das ist wirklich dringend, dringend, dringend. Hat denn mein Mann…, also mein Ex…, also Dr. Meissner nicht angerufen?”
Ich: “Dochdoch, hat er gemacht.”
Mutter: “Sehen Sie, sehen Sie, wie dringend das ist?”

Was soll ich sagen? Robert sitzt brav auf der Untersuchungsliege, das angebotene Papierhandtuch zum Auffangen der letalen Blutmenge ist …. unbenutzt. Die Nasengänge noch etwas vertrocknet. Er grinst mich in seiner allwissenden Weisheit eines Sohnes an.
Mutter, deutet auf ihren Sohn: “Sehen Sie, sehen Sie?”
Robert: “Ach, Mama…”

Kurz vor Schluß ein Service-Notfall

Zehn Minuten vor Ende der Sprechstunde.
Mutter am Telefon: “Ja, unser Kinderarzt ist im frei, da kommen wir jetzt zu Ihnen.”
mMFA: “Äh… , und was hat Ihr Kind?”
Mutter: “Na, Fieber, schlecht, kotzt, wir kommen jetzt.”
mMFA: “… na dann.”
Mutter legt auf, steht eine halbe Stunde später vor der Tür. Ja, Privatpatienten.

Ich: “Guten Abend, was gibts denn bei Ihnen?”
Mutter: “Die Malena hat Fieber, gucken Sie mal.” Sie deutet auf das Häuflein Elend von sieben Jahr, dass mich von der Liege … angrinst. Die Bewegung macht klar: Ich soll jetzt retten, sie hat ihren Job getan.
Ich: “Und seit wann hat sie Fieber?”
Mutter: “Na, seitdem ich angerufen habe, so´ne Stunde. Gekotzt hat sie auch. Und Halsweh.”
Ich: “Dann schaue ich mal.”
Mutter: “Bitte!”, wieder diese Bewegung.

Eine Untersuchung später, incl. positivem Streptokokken-Nachweis im Rachen:
Ich: “Also, dann hat Malena eine Streptokokken-Angina.”
Mutter, klatscht sich auf die Schenkel: “Hab ich doch gewußt!”
Ich: “Kennen Sie das schon?”
Mutter: “Nee, aber das haben ja alle schon mal gehabt. Ich wußte, dass ich schnell kommen muß.”
Ich: “Muß man nicht, das hätte auch noch morgen gereicht. Naja, dann kann man es wenigstens jetzt schon behandeln.”
Mutter: “Ahja?”
Ich: “Ja, jetzt kriegt sie Penicillin, Saft, dann wird´s schnell besser.”
Mutter: “Soso… Aber ich muß das nicht behandeln, oder?”
Ich: “Äh… müssen Sie nicht, aber der Kinderarzt hier,” ich zeige auf mich, “empfiehlt es Ihnen, deswegen sind Sie hier, oder?”
Mutter: “Mmmh, naja. Mir ging´s mehr darum, dass ich heute noch zum Arzt komme, morgen früh in der Praxis Ihres Kollegen ist es immer so voll.”

(c) Foto bei Airflore

U-Bahn-Medizin

“Wo issen meine Cola, menno.” Sie kramt in ihrer überdimensionierten Umhängetasche. Ihre Freundin sitzt ihr gegenüber in der U-Bahn.
“Seit wann trinksten Du Cola?”
“Hab ich immer wieder so Magenschmerzen, da so.” Sie hält sich die rechte Seite.
“Echt?”
“Ja, Omma sagt, Pfeffa-Tee oder Cola. Dann aber Cola.”
“Und was haste da?”
“Keine Ahnung, brutale Schmerzen. Wie’d Sau, echt. Morgens schon, auch mal wieder weg. Aber dann wieder brutal, sach ich Dir.”
“Hammer…”
“Ja, wirklich. Wie’d Sau. Muss ich mal Arzt.”
“Warste noch nicht?”
“Nee, geht ja erst zwei Wochen oder so. Brutal, sag ich Dir, das fängt immer da an, … da,” sie krabbelt mit der Hand zwischen den Brüsten hin und her, “und dann zieht das so hoch. Ganz sauer kommt’s mir dann.”
“Sagt’n der Arzt?”
“War ich noch nicht, sag ich doch. Hab’ ich angerufen, gestern, weisste, hab’ ich gesagt, brauch’ ich Termin, also heute, hab’ ich gesagt, kann ich erst zwölf… Weisste, was die da gesagt hat?” Sie flötet: “Zwischen acht und zehn…, sonst geht’s nicht, hat sie gesagt. Wie sie das gesagt hat. Zwischen acht und zehn! Soll ich denn das machen, he? Ist doch B’rufsschule, kann ich erst zwölf.”
“Aber echt…”
“Zwischen acht und zehn… Geh’ ich gar nicht, nach’m Mittag treffe ich doch noch de’ Mätze, kann ich auch nicht. Pff! Geh’ ich abends Notfallambulanz, kannst Du glauben. Machen die siebzehn Uhr auf, geh’ ich hin. Müssen die mich untersuchen, oder?”
“Kann sein…”
“Klar, müssen die. Ist Doktor auch nicht mehr da, um siebzehn Uhr, können die mich gar nicht wegschicken.”
“Ja, klar, bei den Bauchweh.”
“Brutal, sag’ ich Dir, das tut weh wie’d Sau. Geh’ ich morgen Notfallambulanz, wirste sehen. Zwischen acht und zehn, hat sie gesagt, tss! Tussi!”
Sie kramt wieder in der Umhängetasche. “Issen jetzt die Scheiß-Cola?”

Verzögerungserklärung

Als ich letztens im Notdienst den Vater fragte, warum er seine vierjährige Tochter erst jetzt um 21 Uhr in die Notfallambulanz bringt, obwohl sie nach seinen Aussagen schon seit morgens um zehn Uhr Ohrenschmerzen und Fieber habe:

“Wissense, das war ja ers’ma gar nicht so schlimm, und dann war sie auch noch im Kindergarten, und dann hatte meine Frau heute morgen auch kein Auto, und außerdem wollte sie ja noch zu ihrer Freundin spielen…,” – die Tochter – “und später dann hatte der Kinderarzt keine Sprechstunde mehr, also um sieben abends, und außerdem wollte sie dann doch nicht schlafen, und weil doch heute aber Freitag ist, und ich am Wochenende nicht zu irgendeinem wildfremden Doktor gehen will…,” – der ich nun aber auch bin -
“deswegen sind wir hier…”

“Ah, ok… und, haben Sie denn was gegen die Ohrenweh gegeben?”
“Nein, wieso?”

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