Verzögerungserklärung

Als ich letztens im Notdienst den Vater fragte, warum er seine vierjährige Tochter erst jetzt um 21 Uhr in die Notfallambulanz bringt, obwohl sie nach seinen Aussagen schon seit morgens um zehn Uhr Ohrenschmerzen und Fieber habe:

“Wissense, das war ja ers’ma gar nicht so schlimm, und dann war sie auch noch im Kindergarten, und dann hatte meine Frau heute morgen auch kein Auto, und außerdem wollte sie ja noch zu ihrer Freundin spielen…,” – die Tochter – “und später dann hatte der Kinderarzt keine Sprechstunde mehr, also um sieben abends, und außerdem wollte sie dann doch nicht schlafen, und weil doch heute aber Freitag ist, und ich am Wochenende nicht zu irgendeinem wildfremden Doktor gehen will…,” – der ich nun aber auch bin -
“deswegen sind wir hier…”

“Ah, ok… und, haben Sie denn was gegen die Ohrenweh gegeben?”
“Nein, wieso?”

Achtung! Weihnachtszeit!

Unaufhaltsam gehen wir auf die Weihnachtstage zu – dabei ist noch nicht mal 1.Advent. Aber die Supermärkte beliefern schon seit August mit Lebkuchen, die Kaufhäuser packen die Glitzerkugeln aus, die fMFA haben die Praxis auch schon vernadelt und die ersten Adventskalender wurden als Werbeträger bereits Mitte des Monats abgeladen.

Die Weihnachtszeit ist auch Unfallzeit.
Gewußt? Na klar, wer Kinder hat, kennt diese Dinge. Also bitte beachten (aus der Praxis, nicht aus irgendeinem Erste-Hilfe-Buch):

- Keine Nüsse jeglicher Sorte unter … ja, ich sag mal fünf Jahre. Eigentlich gehts immer nur um die “Kleinteile” unter Drei – aber in der Klinik haben wir schon genug Vorschüler aufgenommen, denen der HNO später eine Pistazie aus dem Hauptbronchus bronchoskopieren musste. “Mein Kind hustet seit Weihnachten” ist Synonym für “Erdnuss-Aspiration”.
- Messer, Gabel, Schere, Licht, sind für kleine Kinder nicht. Naja. Soweit gehen wir mal nicht – Messer und Gabel gibts heute in ausreichend kindgerechter Form, stumpf. Bei Schere und vor allem Licht wirds da schon schwerer. Also: beim Basteln die grosse Papierschere den Elternhänden überlassen, die Kleinen bekommen die Mini-Kinder-Stumpf-Dinger.
- Kerzen never ever unbeaufsichtigt bei den Kleinen lassen. Das gilt bis ins Schulalter hinein. Kokeln ist was Feines, Licht zieht die Finger an, wie die Motten. Und heißes Wachs kann ganz tolle Verbrennungen machen.
- Den Weihnachtsbaum sturzsicher (breiter Ständer, Spitze am besten an der Decke fixieren) aufstellen. Mit elektrischen Kerzen. Ist zwar nicht so heimelig, aber sicher. Und sparsamer.
- Plätzchenbacken ist harmlos. Ach nein: Bitte auch hier auf Nüsse verzichten (wieder die Aspirationsgefahr) und bei sehr kleinen Kindern (< 2 Jahren) mit Mehl vorsichtig umgehen – eingeatmet, kann das sehr unangenehm werden. Und dann ist da noch der Backofen ("sie wollte nur kurz schauen, ob die Plätzchen schon fertig sind" – Patsch, Aua)
- Und dann das weite Feld der Geschmacksstoffe. Wer sich und seinen Kindern wirklich was Gutes tun will, backt selbst – da weiß man wenigstens, was drin ist. Es gibt kaum eine Jahreszeit, in der Kinder so oft auf Nahrungsmittel reagieren: Lebkuchengewürz, dubiose Backmischungen, Aromastoffe, Kiwi und Obst von der anderen Seite des Globus, gut gespritzt und haltbar gezüchtet.
- Verstopfung. OK, kein echter Notfall, aber wer ein Kind hat, dass gerne ungerne “groß” aufs Klo geht(doch doch, das sind relevante Themen in der Kinderarztpraxis), sollte dafür sorgen, dass das Kind nicht zuviel Teigzeugs und Schokolade futtert. Weihnachten kommt da gleich nach Ostern (da tun die hartgekochten Eier ihr übriges).

Neulich im Notdienst

“Also, wir waren am Freitag abend schon in der Notfallpraxis, am Sonntag nochmal, und jetzt sind wir wieder hier,” schmettert mir die Mutter entgegen, als ich am Abend durch die Tür des Notfallzimmers trete. Ich mache meinen wöchentlichen Notfalldienst an der Kinderklinik des Nachbarortes. Es ist Montag.
Ich: “Und um was gehts?”
Auf der Liege sitzt ein vielleicht Zweijähriger, der mich taxierend, aber freundlich anschaut. Mein Arztinstinkt sagt: Nicht wirklich krank.
Mutter: “Na, Fieber hat er. Schon seit Freitag.”
Ich: “Und sonst? Husten? Schnupfen?”
Mutter: “Ja, Husten und Schnupfen.”
Ich: “Sie waren also Freitag hier, gestern hier und nun heute abend wieder? Was sagt denn Ihr Kinderarzt?”
Mutter: “Da waren wir heute morgen.”
Ich: “Aha.”
Mutter: “Ja, der hat gesagt, das ist ein Viruseffekt, wenns nicht besser wird, sollen wir am Mittwoch wieder zu ihm.”
Ich: “Was machen Sie dann jetzt hier?”
Mutter: “Na, ist ja nicht besser geworden…”
In diesen Momenten sammele ich mich immer mittels Untersuchung des Kindes. Was ich dann auch tue.
Der Kleine ist krank, ja, er hat Fieber, ok, Husten und Schnupfen auch, keine Frage, aber vor allem ist er richtig müde. Es geht gegen 21 Uhr.
Ich: “Das ist ein Virusinfekt. Fieber. Und Erkältung. Wenn’s nicht besser wird, können Sie Mittwoch nochmal zu ihrem Kinderarzt gehen.”
Mutter: “Der muss doch jetzt ein Antibiotika kriegen. Ist doch der dritte Tag.”
Ich: “Eigentlich der vierte, aber das wird wohl bei einer solchen Erkältung nicht viel bringen.”
Mutter: “Mein Hausarzt sagt, ab dem dritten Tag muss man Antibiotika geben.”
Ich: “Mag sein, dass der das so macht, aber bei einem Virus bringt das nichts.”
Mutter: “Also krieg ich jetzt kein Antibiotikum.”
Ich: “Nein. Braucht Ihr Sohn nicht.”
Mutter: “Gar kein Rezept?”
Ich: “Nasentropfen und Fiebermittel haben Sie zu Hause?”
Mutter: “Ja.”
Ich: “Gut. Mehr ist im Moment nicht nötig. Und lassen Sie ihren Sohn am Tag ruhig etwas fiebern, dann ist er vielleicht bis Mittwoch gesund.”
Mutter: “Auch noch fiebern lassen, na Sie sind mir ja ein Doktor. Morgen gehe ich auf jeden Fall nochmal zum Kinderarzt.”

Neulich im Notdienst

Ich gehe in das Untersuchungszimmer. 7jähriger liegt auf der Untersuchungsliege, rechtes Hosenbein hochgekrempelt, unterhalb des Knies sieht man eine leicht gerötete Stelle, Typ oberflächliche Schürfwunde. Es ist 21.30 Uhr.
Der Vater sitzt am Kopfende und hält dem Jungen die Hand…

Ich: “So, was gibts denn bei Ihnen?”
Vater: “Na, da, die Wunde.”
Ich: “Ok, was ist das passiert?”
Vater: “Ist beim Fussball ausgerutscht. Geschürft.”
Ich: “Wann war das?”
Vater: “Vor drei Tagen.”
Ich: “Alles klar.” Ich schaue mir kurz die Wunde an, sie sieht sauber aus, beginnt schon zu verschorfen. “Was haben Sie bisher gemacht?”
Vater: “Haben wir Pflaster gekriegt von Kinderarzt.”
Ich: “Und warum sind Sie jetzt da?”
Vater: “Na, Pflaster ist heute morgen abgegangen. Muß man neu machen.”
Ich: “…” Ich schaue mir die Wunde nochmal an. Sie sieht wirklich, wirklich reizlos und klein aus.
Ich: “Da dürfen Sie – wenn Sie möchten – gerne ein Pflaster draufkleben, aber eigentlich würde ich´s eher offen lassen.”
Vater: “Sind Sie sicher? Doch Pflaster?”
Ich: “Luft ist besser für Schürfwunden, wirklich. Dann kann sie besser verkrusten.”
Vater: “Machen Sie mal Pflaster.”
Ich zucke mit den Schultern, ziehe die Schublade auf und hole ein banales Kinderpflaster raus. Ich reiche es dem Vater. “Bitte schön.”
Vater: “So etwas? Haben wir auch zuhause.”
Ich: “Genau. Mehr brauchts nicht.”
Vater: “Und warum bin ich dann in Krankenhaus gekommen?”

Keine Ahnung.

Achja: EBM-Ziffer 01210, erlöst 15,20€. Für mich in diesem Fall bequem verdientes Geld. Aber letztendlich “zahlt” es ja die Krankenkasse. Das Pflaster gab´s kostenlos.

Notfalltelefon

Ich: “Kinderdok, hallo?”
Mutter: “Ja, Tach auch, ich ruf an, weil, der Dschäisen hat grad auffe Herdplatte gefasst. Wollt’ch mal fragen, was man da jetzt machen kann?”
Nach einer Viertelstunde Erklärung übers Telefon zur Ersten Hilfe bei Verbrennungen und meiner folgenden Aufregung, dass Jasons Mutter nicht einmal auf die Idee kam, die Hand unter Wasser zu halten, meinte Kinderdoks Frau: “Vielleicht hättest Du sagen sollen, sie soll zuerst einmal die Hand von der Platte nehmen…”

Kugeln im Notdienst (Cave: Schon wieder Hömoipathie-Bashing*)

Tut mir leid, schon wieder Globuli:

Lieber Kollege der Anhängerschaft der weissen Streukügelchen, ich habe nicht grundsätzlich etwas dagegen, wenn Sie im Notfalldienst in der Ambulanz der hiesigen Kinderklinik versuchen, Ihre Zuckerli an die Eltern heranzutragen. Wenn Sie die Zeit im Dienst für eine anständige Erstanamnese zur Wirkstofffindung haben …
Mich ärgert aber, dass Sie a) den Eltern das Wirkprinzip der Globuli nicht verklickern, sondern sie kommentarlos zum nächsten Tag in meine Sprechstunde schicken, damit ich ihnen das Nichtwirkprinzip erkläre (“Weisscht, Dokter, Arzt im Krankenhause haben das da und das da mitgegeben, das sollen wir jetzt drei Woche nehme, weisscht…”) und b) die Zuckermittel auch noch aufs Grüne Rezept schreiben, was bedeutet, dass das die Eltern in ihrer Naivität selbst bezahlen müssen, aber bei der Wiedervorstellung in meiner Praxis dann aber auf ein Rosa Rezept bestehen, damit sie die 18 Euro vierfuffzig von der Apotheke wiederbekommen. Bedeutet, ich muss dazu noch ein Kurz-Referat zum deutschen Gesundheitswesen halten, dem zu Folgen für Eltern, die der deutschen Sprache ethnisch nicht hundertprozentig mächtig sind, ein unmögliches Unterfangen ist.

Liebe Kollegen der Zuckerschaft: Wenn Ihr schon Eure Globuli unters Volk streut, dann bitte an Eltern, die an die Wirkung glauben das Wirkprinzip verstehen wollen. Für alle anderen ist ein kommentarloses Rezeptieren irreführend und unverständlich und ein Erheben der Globuli auf eine Ebene mit wirksamen Medikamenten wie Antibiotika oder Inhalativa.

*manche Eltern haben bereits mit der Aussprache der Therapie ihre Probleme. Homöopathie-Richtigschreiben ist das moderne Hämorrhoiden.

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