Bärli Pupsi Globli

Liebe Firma He.el,
ich weiss nicht, was das nun wieder soll, aber Deine neue Reihe “Kinderarznei” ist ja nun werbetechnisch ganz unterste Schublade. Wir sprechen noch nicht einmal vom Inhalt der Schachteln (deren medizinische Wertigkeit gegen Null tendiert, aber das wurde schon an anderer Stelle ausreichend beschrieben), sondern von Aufmachung und Wortwahl.20140209-183332.jpg

“Kinderarznei”. Ok, das klingt zuerst einmal nach Wilhelm Busch oder nach einem Mittelchen, was der gute Onkel Doktor in Lindgrenschen Büchern verabreicht. Ist eine solch putzige Sprache jetzt ein geschickter Schachzug, oder triffst Du da auf die Bestimmungen der Pharmaindustrie, irgendwelche unbedeutenden Substanzen nicht als Medikamente bezeichnen zu dürfen?

Und dann die Einzelmittel: “Flatulini”, “Cutacalmi”, “Lunafini” und “Bronchobini“.20140209-183410.jpg
Ja, Himmel, geht’s noch? Da wären Pupsi, Skinni, Schlummerli und Schnauferli wesentlich einleuchtender gewesen, ne’ wahr? Dieses Einmischen von Pseudolatein ist nun wirklich einer Weltfirma von Rang nicht würdig. Das könnt Ihr doch besser! Außerdem: Wo bleibt denn da der schöne Firmenname, den Du sonst so geschickt einbaust? Früher gab’s doch so Sachen wie “Angin-He.el” oder “Traum.eel”. Viel einleuchtender, much more sophisticated, das Zeug klang allerliebst nach “heal”, wenn’s auch sonst nicht half.

Und dann dieses Bärli. Ein roter Fuß, ein grüner Fuß, ein Stethoskop, fertig ist der Gesundmachbär. Was ich bloß nicht verstehe: Warum trägt der Bär einen Koffer aus der Schweiz mit sich herum und trägt eine Eismann-Mütze? Oder ist das die Assoziation Bambini -> Italien -> Eis? Erklärungen bitte.

Aus dem Kleingedruckten zitiere ich noch schnell, darf ich? Ja? Danke.
“Zur Anwendung bei Kindern unter 6 Jahren liegen keine ausreichend dok. Erfahrungen vor. Es soll deshalb bei Kindern unter 6 Jahren nur nach Rücksprache mit einem Arzt angewendet werden.” Das liest sich recht optimistisch, dafür, dass der Erklärbär behauptet, die “Kinderarznei” sei zugelassen ab 0 bzw. 6 Monaten.

Hiermit erfolge also die Rücksprache mit dem kinderdok:
Finger weg von dem Zeug, spart Euch das Geld und die Möglichkeit einer Aspiration von unnützen und unwirksamen “Streukügelchen”! (Ist eigentlich der Begriff Glaubuli durch die DHU geschützt worden oder ist er inzwischen sooo negativ besetzt?)

[Nein, ich habe weißgott keine Sponsorenverträge mit He.el]

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Ab dem ersten Husten??

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Was fällt bei diesem Bild auf (übrigens als Anzeige in einem so genannten “Fachblatt” für Kinderärzte)?
Das Kindchenschema wird fett bedient. Dazu ein Quatsche-Doktor-Entchen zur Unterstreichung der Harmlosigkeit des Medikamentes. Achja, “frei von Menthol und Campher”, denn da hat sich inzwischen herumgesprochen, dass das böse böse böse ist. Und dann noch “Ab dem ersten Husten.”

Aber Achtung: hier gibt es ein Sternchen (hätten Sie’s gesehen?). Und da steht “*für Kinder ab 6 Monate (nur Rückeneinreibung)”. Oh, interessant. Aber ab dem ersten Husten. Als ob nicht ein zwei oder drei monatiges nicht schon mal Husten würde.20131216-221335.jpg

Kommen wir zum Kleingedruckten. Das sind die nicht entzifferbaren Zeilen ganz unten:

Ich zitiere:20131216-221440.jpg
Gegenanzeigen – … Säuglinge und Kleinkinder bis zum 6. Lebensmonat (Gefahr des Kehlkopfkrampfes), Säuglinge und Kleinkinder vom 6. Monat bis zum vollendeten 6. Lebensjahr dürfen im Gesichts-, Nasen- und Brustbereich nicht mit … eingerieben werden…

Nebenwirkungen – … Kontaktekzeme, … Hustenreiz, … an Haut und Schleimhäuten … Reizerscheinungen, … eine Verkrampfung der Atemmuskulatur (Bronchospasmen) kann verstärkt werden. … nicht auszuschließen, dass in sehr seltenen Fällen, … Atemnot auftreten kann. usw.

Liebe Eltern.
Ihr braucht kein Einreibezeugs. Ihr braucht auch keine Majoranbutter oder Pini.menth.ol Tröpfchen, weder auf dem Kind noch auf Kleidung. Das Zeug hilft nicht. Es schadet.
Husten ist in erster Linie ein Schutzmechanismus des Körpers. Er schadet nicht, sondern hilft. Die meisten Kinder husten wegen verstopften Nasen. Nasentropfen oder -spray ist also ok. Bei länger dauerndem Husten oder Atemnot greift nicht zu diesem Mist von oben, sondern lasst einen Kinderarzt sein Stethoskop und seine Ohren arbeiten. Bei einer Bronchitis gibts gute andere Mittel, ätherische Öle machen alles schlimmer.

Demnächst: Warum auch Schleimlöser Mist sind.

so was Ähnliches:
Das kenne ich auch nicht
Was soll denn das nun wieder heißen, liebe AOK?

Husten und Schnupfen

“Hallo lieber Kinderdoc, (…) Aus eigenem Interesse fände ich es toll, wenn Du mal einen Post über Erkältungen bei Kleinkindern verfassen könntest. Da sich in meinem Umkreis 1000 Meinungen befinden, was man so alles dagegen machen kann, wenn die Kleinen und Kleinsten husten und schnupfen. Über Babix, die s.g. “braunen Nasentropfen”, über Engelwurzbalsam und die Klassiker wie Nasivin o.ä. existieren von Kinderärzten, Hebammen, Erziehern und Bekannten mehrere gegensätzliche Meinungen. Die einen sagen, unbedingt nehmen, die anderen wollen einen beim Jugendamt anzeigen, weil man seinem Kind sowas gibt *kopfschüttel*…vom Internet und den diversen Foren braucht man ja nicht erst reden :) (…)”

Liebe Schreiberin,
dann will ich doch auch mal meine gegensätzliche Meinung dazu äußern ;-) – schlichte Statements aus dem Praxisalltag:

Schnupfen:
- Babys haben meist keinen echten Schnupfen, sondern nur enge Nasengänge und gereizte Schleimhäute (z.B. von trockener Luft) – Anfeuchten mit Kochsalz-Lösung reicht
- Es ist egal, welche Salz-Tropfen man da kauft – chemisch ist alles NaCl – egal ob aus dem Toten Meer oder der Nordsee
- Hochlagern hilft vielen Säuglingen beim Atmen – bitte etwas unter die Matratze, kein Kissen.
- Frischluft lässt die Nase laufen, das ist gut und macht nicht mehr krank. Heizung nachts aus, gut durchlüften.
- Ältere Kinder profitieren von abschwellenden Nasentropfen – also Xylometazolin o.ä. – wenigstens abends gegeben, zum gut Schlafen. Maximal dreimal täglich, maximal 5-7 Tage, sonst droht der Gewöhnungseffekt und entzündete Schleimhäute

Husten:
- … ist erstmal gut, da es die Rotze, Schleim usw. aus den tieferen Atemwegen nach oben befördert. Er sollte nur “abgestellt” werden, wenn das Kind nicht schlafen kann. Dann kann man ausnahmsweise Hustenstiller geben – von heissem Tee/Milch mit Honig angefangen über Thymian-Präparate bis zur “echten” Medikamenten gibts da viel. Aber Vorsicht:
- Steckt hinter dem Husten eine Bronchitis, gibt man keinen Hustenstiller. Besser sind dann so genannte Bronchodilatoren – die die Atemwege öffnen. Gibt´s als Tropfen oder Inhalation (am besten mit einem “Spacer”). Verschreibt der Kinder- und Jugendarzt.

Was ist entbehrlich?
- Jegliche Balsame. Sie helfen nicht, duften zwar hübsch, es gibt aber keinen Wirkungsnachweis. Bei Säuglingen und Kindern mit Bronchitis sogar kontraproduktiv.
- Schleimlöser. Da gibt´s nichts zum Lösen. Kein echter Wirkungsnachweis. Bei Bronchitis eher Verschlechterung.
- Inhalationen mit NaCl-Lösung. Sie wird meist isotonisch (0,9%) durchgeführt und meist nicht richtig (“verdampft”). Kein echter Wirkungsnachweis.
- Naja, und die üblichen Verdächtigen: Glaubuli.

Was lindert – Hausmittel?
- Gar nicht schlecht: Warme Wickel – um den Hals oder die Brust. Wahrscheinlich egal, mit was. Hauptsache warm (nicht heiss!).
- Frischluft
- Tee/Milch mit Honig

Noch was: Erkältungen sind in der Regel viral bedingt – und dauern. 7-10 Tage sind da keine Zeit. In der Wintersaison bei ein- bis fünfjährigen Kindern, also dem klassichen Kita- und Kindergartenalter jagt da ein Infekt den anderen – und schnell wird daraus ein “Dauerschnupfen” oder ein “chronischer Husten” – hier trainiert sich das Immunsystem schön für die kommenden neunzig Jahre. Es will immer keiner glauben, aber Dauerkranke in dieser Zeit sind später oft dauergesund.

Zum gleichen Thema rebloggt:
Warum denn bloß (21.1.2013)
WANZe (18.12.2012)
nein: jetzt! (23.9.2012)
da fällt der groschen (14.11.2011)

Richtigstellung

Nein, nein, Frau Rutzki, das haben Sie falsch verstanden: Wenn ich auf das Rezept schreibe “Vit-D-Tabletten 90 Stck, bis zum 2.Geburtstag geben”, dann heisst das nicht, dass Sie die 90 Tabletten ab heute über den Zeitraum bis zum 2.Geburtstag verteilen sollen. Ihr Kind ist ja erst zehn Monate alt…
Ok, ich hätte auch “1 Tablette tgl, bitte Folgerezepte holen” draufschreiben können. Mein Fehler.

Aber wie meine Lektorin immer sagt: “Beleidige nicht den Leser: Wenn er sich seine eigenen Gedanken machen kann, musst Du nicht alles schreiben.”

Piraten III

wie es begann
wie es weiterging

“Die Idee ist wohl”, setzt er fort, “Asthmatiker sind tapfer, die müssen kämpfen, und da geht’s um Luft und … naja, da sind sie dann auf die Piraten gekommen.”
Er zieht eine der Augenklappen über den Kopf und lässt sie auf das linke Auge schnalzen. Dann zieht er die Oberlippe etwas hoch und lässt ein Grollen hören.
“Hohoho, ich bin Jack Flöto”, sagt er mit tiefer Stimme und zwinkert mit dem freien Auge, dass es für den Moment aussieht, als habe er beide Augen zu.
“Sehr gut, Herr Teufel, sehr gut”, sage ich, “so sollten Sie jetzt immer gleich durch die Tür kommen. Das wäre intensives Pharmamarketing.”
“Ja, das hätten Sie wohl gerne, dass ich mich hier zum Affen mache, nicht wahr?”, und lacht aber trotzdem dabei.
“Und da gibt’s dann auch Belohnungen?”, zeige ich auf die Unterlagen auf dem Tisch.
“Ja, genau, da gibt’s dann diese Kalender, nicht wahr? Da können die Kinners dann eintragen, wie oft sie schon inhaliert haben und so, und dann können die sich dann eine Belohnung ausdenken mit den Eltern, nicht wahr?”
Wie schön. Ich habe schon Thrönchenkalender in meiner Praxis – für die Verstopften – , ich kenne Töpfchen-, Sonnen- und Wölkchenpläne für die einnässenden Kinder, jetzt also noch einen Piraten-Belohnungs-Inhalationskalender. Wenn es hilft.
Er zwinkert mir zu. “Die Marketing plant dann auch noch so was mit Stoffpiraten, das kommt doch immer gut, nicht wahr?”
Nach der Ära der Animalis medicinalis kommen nun also die Piraten auf uns zu. Die Dinos hatten wir auch schon.
“Prima”, sage ich.
“Ja…”, er macht eine Pause, sucht nach Worten, “eigentlich war es dann auch schon, nicht wahr?”
Ich begleite ihn zur Tür. “Danke, Herr Teufel, bis bald dann mal.”
“Aber immer, nicht wahr?” Er fletscht die Zähne und öffnet die Klappe über dem linken Auge, “und denken Sie immer mal an uns, nicht wahr? Sonst kapern wir Ihre Praxis.”
“Super, Herr Teufel, alles klar. Machen Sie das.”
Beim Hinausgehen schauen sich Moni und Katja irritiert an und dann in meine Richtung.
Ich zeige Herrn Teufel hinterher, der immer noch seine Augenklappe trägt.
“Er ist ein Pirat”, forme ich die Worte mehr mit den Lippen, als dass ich sie laut ausspreche. Meine Arzthelferinnen lautieren “Soso!”, und lachen in sich hinein.
Herr Teufel verabschiedet sich lautstark von allen, dabei hat seine Stimme etwas merkwürdig Säuselndes, und sein Gang ist breitbeinig geworden. Er schwenkt einen imaginären Säbel und raunt dem sechsjährigen Mädchen ein “Hohoho…!” zu, das gerade mit seiner Mutter durch die Praxistür kommt. Sie weicht erschrocken hinter den Rücken ihrer Mutter zurück. Aber Herr Teufel lacht ihr zu und sagt etwas Nettes in seiner normalen Sprache.

Herrn Teufel mag ich. Er ist ein guter.

Piraten I

Heute war Herr Teufel da, einer der Pharmavertreter.
Sie kommen wegen Impfstoffen und Antiallergika, wegen Hyposensibilisierungslösungen und Babynahrung, wegen Hustensäften und zweifelhaften Produkten, die wir als “Convenience”, als “Lifestyle”-Produkte bezeichnen würden: Nahrungsergänzungsmittel, Vitaminpräparate, Sälbchen und Öle. Das Zeug wird gerne bei Ärzten beworben, um ihm den Hauch des Medizinischen zu geben, damit der Arzt es mit seiner Aufmerksamkeit adelt und vielleicht an den Patienten weitergibt. Nur wegen Kügelchen war noch niemand bei mir. Ist das konsequente Firmenpolitik bei Globuli: Wenig Werbung erreicht mehr Wirkung?
Da gibt es Pharmaleute, die rauschen in die Praxis, hinterlassen eine Spur aus Werbeartikeln und Arzneimustern, aus aufdringlichen Parfums und Rasierwässern.
Und andere, die texten. Die quasseln einem das Ohr ab, wie toll ihr neues Sensationsprodukt ist und wie sehr es sich von der Konkurrenz abhebt. So wird stets die neueste manipulierte Studie hervorgehoben, wohlwissend, dass eine Woche später der Kollege mit dem Konkurrenzprodukt und einer ähnlich tollen von der eigenen Firma gesponserten Studie dasteht.

Euphemistisch nennen sich viele Pharmareferenten, am liebsten wären mir die, welche man als Pharmaberater bezeichnen könnte, es sind aber nur ganz wenige. Die geben zu, “dass es heute nichts Neues gibt”, aber Background zu Arzneimittelentwicklungen geben. Die unterstützen mit Broschüren und Elternzettel, die Informationen und keine Werbung beinhalten.
Aber ich kann die Spezies verstehen: Man ist ein Klinkenputzer, das Biologiestudium war spannend, aber joblos, man muss im Wartezimmer mit kranken Patienten und kreischenden Kindern sitzen, kommt immer zur unpassenden Zeit und wird verantwortlich gemacht für die x-te Nebenwirkung des beworbenen Medikamentes, oder, warum ausgerechnet jetzt und heute der Impfstoff nicht lieferbar ist. Das Selbstverständnis der Pharmareferenten sollte der Partner und Berater des Arztes sein, nicht der TV-Werbe-Block während der Sprechstunde.

Herr Teufel ist einer der netteren Kollegen. Ich hab ihn ganz gerne. Er ist nicht so aufdringlich wie die anderen, sich seiner Situation bewusst, dass er nervt und kommt daher nicht jede Woche vorbei. Wenn er mal unaufgefordert vorbeikommt, dann lässt er sich auch gerne wieder wegschicken. Das ist ganz angenehm.
Herr Teufel ist Vertreter für Inhalationsgeräte.

Pharmareferenten sind wie die Schnaken im Sommer: Keiner mag sie, keiner sieht sie, aber plötzlich sind sie da, sie umwimmeln den Arzt jede Woche aufs Neue. Nur Draufhauen darf man nicht. Pharmavertreter sind wie das Wetter. Oder besser: Wie der Laubfrosch im Glas am Fuße der Leiter. Sie sind der Zeittakt des Jahres, an ihnen messen sich die Monate, die seit dem letzten Besuch vergangen sind. Die Vertreterin für die Hyposensibilisierungslösungen? Es wird wieder Frühling sein. Der Herr mit den Grippeimpfstoffen – Sofort! Bestellen! – , der kommt nur im Herbst, zum Bestellen für das Jahr darauf. Im Sommer traut sich kaum jemand durch die Tür, da sind Gespräche mit den Ärzten nur Klagen über Budgets und schlechte Bezahlung.
Nur der Mann mit den Inhalationsgeräten, der schafft es, jede Saison einen Grund zu finden, durch meine Tür zu kommen. Zum Atmen gibt es immer was zu sagen.
“Tag, Herr Doktor Kinderdok”, flötet er mir entgegen, “ich habe ihn wieder was mitgebracht, nicht wahr?” Er hat ein Inhalationsgerät, diverse Atemmasken und andere Plastiktüten mit Inhalt auf meinem Schreibtisch ausgebreitet.
“Heute habe ich aber sehr wenig Zeit”, sage ich mit Bedauern, denn Herr Teufel ist ein guter.

Fortsetzung folgt

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