fremdküken

ich rufe bei einem meiner kollegen an. ich nehme rücksicht und wähle schon extra die zeit kurz nach der mittagspause, wo erfahrungsgemäß noch keine patienten da sind. und ich wähle die geheimnummer, mit der ich an den arzthelferinnen vorbei (und auch dem anrufbeantworter) hoffentlich direkt an den kollegen gelange.

weibliche stimme: “Was is´?”
ich: “äh… ja, hallo, hier ist dr. kinderdok, kann ich bitte mit herrn dr. nocheinkinderdok sprechen?”
weibliche stimme: “unnwerisda?”
ich: “dr. kinderdok? und wer sind sie? ich möchte gerne herrn dr. nocheinkinderdok sprechen. nur wenn´s geht, oder ist er schon im stress?”
weibliche stimme: “das geht jetzt nicht. der telefoniert grad woandersder.”
ich: “alles klar, dann probier ich´s später noch einmal.”
weibliche stimme: “mmh. aber nicht die nummer. die ist geheim.”
ich: “scheinbar nicht. also nicht für mich. ich habe sie. hat mir dr. nocheinkinderdok selbst gegeben.”
weibliche stimme: “soso.”
ich: “wie war nochmal ihr name? hab ich nicht ganz verstanden.”
weibliche stimme: “ach, ich seh grad, da kommt er.”
na prima. mein kollege und ich haben uns dann mal kurz ausgetauscht über die umgangsformen von auszubildenden. die war es nämlich in seinem fall. da kann man noch dran arbeiten. definitiv. auch im dritten jahr. ist sie nämlich.

küken 2.0

jetzt ist sie schon im 2.lehrjahr, unsere sabine. ich fürchte, da habe ich mir eher ein entchen eingekauft. die hälfte der ausbildungszeit ist nun rum und mir scheint, als haben wir schon stillstand erreicht. erschreckend nach anderthalb jahren. die arbeiten in der berufsschule schreibt sie gut, aber die endnoten zum halbjahreszeugnis und zum ende des letzten jahres zeigen mir aber doch, dass sie das nur schriftlich hinbekommt: die gesamtnoten liegen stets um ein bis zwei noten unter denen der klassenarbeiten.

und so ist es hier auch: sie kriegt den mund nicht auf. ob man mit ihr diskutiert, ob die helferinnen sie zu etwas auffordern, ob sie ein kleines referat bei der teambesprechung beisteuern soll. immer bleibt ihr stimmchen klein und piepsig, kaum versteht man sie. vielleicht sollte ich sie mal in ein rhetorikseminar oder zur urschreitherapie schicken. vielleicht täts auch ein chor.

aber mit den eltern. man hört sie zwar kaum, wenn sie die kinder mit den eltern aus dem wartezimmer holt, manche bleiben auch auf der strecke hängen, während das küken ins untersuchungszimmer vorausgegangen ist. sie verlieren die verbindung zu ihr. bezeichnend. dann stehen die eltern mit den kindern an der hand irgendwo im flur und sind verloren. schon öfters muß dann eine der großen helferinnen hinterher und schauen, wo sabine abgeblieben ist.

aber die eltern mögen sie. sabine darf mit den kids kleine testungen machen, motorische sachen bei den vorsorgeuntersuchungen, sie darf sie messen und wiegen, darf alles vorbereiten, bevor ich dann hinzukomme. und da gibt es nur positive rückmeldungen. sie sei nett, sie sei freundlich, sie spreche mit den kindern und offen mit den eltern. vielleicht sollte ich mal mikrofone aufstellen. also kann sie doch mehr.

na gut, bleibt noch dieses halbe jahr, dann kommt das finale jahr. der entscheidende push muß bis zum sommer noch kommen, denn idealerweise soll sabine ab dem dritten jahr wie eine vollwertige medizinische fachangestellte arbeiten, das heißt auch telefon, terminvergaben, komplettassistenz und eigenverantwortliche labor- und verbandsarbeit. wie soll das aber gehen, wenn ich sie kaum verstehe. manchmal denke ich, hinter den öhrchen des kükens kleben noch die eierschalen, dabei müßte sie jetzt schon ordentlich zwitschern, bis sie am ende der ausbildungszeit wunderschön singen kann.

küken 1.2

als auszubildendeausbilder soll darf ich mir auch regelmäßig die klassenarbeiten der berufsschule meiner sabine anschauen. ich bin froh, dass sie im unterricht auf jeden fall gut mitmacht und wohl auch das erlernte – zumindest in den arbeiten – gut reproduzieren kann. bisher alles einsen und zweien.

letztens gings um familienrecht in dtschl und da wollte die lehrerin ein paar statements zu einem getrennten pärchen haben – güterrecht, sorgerecht für die kinder usw. spannend, was sabine dazu so zu schreiben hatte (abkürzungen und rechtschreibfehler wie im original erhalten):
“[...] sie hatten die wahl zwischen ehevertrag und zugewinngem. bei der zugewinngemeinschaft wird alles gerecht aufgeteilt [...]. und die renten werden gleichgesetzt. bei einem ehevertr ist vieles regelbar, ob man manches aufteilt oder jeder auf seinem geld oder schulden sitzen bleibt. alles frei verhandelbar. welche ich wählen würde, kommt auf den mann an, wie er drauf ist ob finanziell oder charakteristisch. [...]“

prognose

mensch, wat hab ich doch für´ne fiese charakter: da warte ich doch tatsächlich jeden tag drauf, dass sabine sich krankmeldet wegen durchfall, scharlach, fieber, husten, weiß-ich. aber es passiert nicht, jeden morgen ist sie pünktlich, gesund und fit. rein statistisch in der dritten woche müsste eigentlich jetzt für das küken der erste infekt kommen. mensch, was bin ich doch gemein.

küken 1.1

sabine ist nun zwei wochen bei uns und muss noch viel lernen. aber manche dinge muss man einfach nicht lernen. manche dinge sollte man einfach mitbringen. man nennt sie “aus gutem haushalt” oder “gesunder menschenverstand”.

also, sabine, wenn ich ihnen als ihr chef sage, dass das kind da gerade gekotzt hat sich übergeben musste, und der papa und ich das nötigste mit den papierhandtüchern aufgewischt haben, man aber nochmal mit einem wischlappen drübergehen sollte, dann wäre es schön, wenn sie das dann auch täten. und da möchte ich eigentlich nicht nochmal ins zimmer schauen müssen, um zu sehen, dass auf dem boden noch immer verdächtige flecken zu sehen sind. weil sie nämlich doch nur die wickelablage geputzt haben.

das führt nämlich dann dazu, dass ich den kontrolleti rauskehre. und wenn ich dann sehe, dass sie den lappen von der spüle nehmen, ihn kurz mit wasser ausspülen, um dann über besagten boden zu wischen, um nachher den lappen wieder zurück auf die spüle zu legen, dann geht das gar nicht. ist das klar?

küken 1.0

der august geht seinem ende entgegen und damit kommt der september (nb spitzeneinleitungssatz dieses postings – sprüht vor sinnhaftigkeit, transzendenz und nie da gewesener wissensprojektion). traditionell ist der 1.september der beginn vieler ausbildungsverträge, und nachdem ich heut abend beim zappen über herrn rachs kochschule gestolpert bin, fiel mir gleich meine neue auszubildende ein, die auch übermorgen bei uns den einstand gibt. meine letzte azubi hat erfolgreich ihren abschluss gemacht – auch gar nicht so schlecht – und nun dreht sich das rädchen weiter zur nächsten.
ich werde mal schauen, ob ich ihre entwicklung hier ein wenig spiegeln kann, ohne zuviel von ihrer person und dem ablauf bei uns preiszugeben. nicht dass mich am ende meine eigene azubine als blogger entdeckt ;-) .

nennen wir sie schlicht sabine.
bei den bewerbungsgesprächen fiel sie durch ihre besonnenheit und ruhe auf – meine gestandenen mfas machten daraus gleich “maulfaul”. mal sehen. da wäre sie nicht das erste küken frisch aus der schule, welches sich erst einmal freifliegen muss. außerdem kann nicht jede so gackern wie die alten hühner.

sabine ist noch siebzehn, damit aber die älteste der letzten auszubildenden. diejenigen davor hatten immer mit sechzehn ihre ausbildung begonnen. nun also eine siebzehnjährige, die ab ende des jahres schon volljährig wird und damit nicht mehr dem jugendarbeitsschutzgesetz unterliegt.
bis dahin darf sie a) an keinem dienst teilnehmen, b) nicht länger als acht stunden täglich oder vierzig wöchentlich arbeiten und c) auch nicht samstags arbeiten. in der regel. aber wer arbeitet bei uns schon samstags ;-) ? und sie darf laut jarbschg keine “arbeiten übernehmen, die ihre körperlichen kräfte übersteigen oder bei denen sie sittlichen gefahren ausgesetzt ist. ausdrücklich ist die beschäftigung mit akkord- und fließbandarbeit verboten.”
na, da müssen wir uns wohl noch was einfallen lassen.

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