Kranke Kassen empfehlen Impfungen… oder auch nicht

Ich: “Wir hatten ja bei der U3 über die Impfungen gesprochen, die empfohlen werden, gibt es denn da noch Fragen?”
Vater: “Nein, eigentlich nicht. Wir werden aber erst ab einem halben Jahr impfen, und dann auch nicht alles, nur dieses Tetanus und Diphterie und Polio, weil…” (das Immunsystem noch so empfindlich ist, weil die Nervenzellen angegriffen werden können, weil die Kinder dann mehr Impfschäden bekommen, weil es die Erkrankungen ja alle gar nicht mehr gibt, und das auch nur, weil die Hygiene heute besser ist als früher, und das hat gar nichts mit den Impfungen zu tun, und soooviel Impfungen auf einmal sind gar nicht gut, und außerdem sind Krankheiten ja auch wichtig für die Entwicklung eines Kindes, und weil der Hirte das so schreibt, und die Pharmaindustrie sowieso daran verdienen will, usw. usf.), “… und außerdem haben wir das mit der Krankenkasse besprochen, und die finden das auch gut.”

Na dann.

Keine Karte dabei

Letztens (wie auch sonst regelmäßig ein- oder zweimal pro Woche) hatte eine Mutter die Versichertenkarte ihres Sohnes nicht dabei. Ok, kann mal passieren, ich vergesse auch.
Unser übliches Vorgehen: Unterschrift, dass das Kind bei der Krankenkasse XYZ versichert ist, Unterschrift, dass man die Karte binnen zwei Wochen vorlegt bzw. dass – bei Unterlassung – die Sache privat in Rechnung gestellt wird. Außerdem gibts nur ein Privat-Rezept, Impfungen machen wir ohne Karte gar nicht.

Mutter: “Das darf doch nicht wahr sein. Natürlich bin ich versichert, das können Sie mir glauben, Sie unterstellen mir hier Betrug, das ist eine Frechheit, ich werde das der Krankenkasse und der Ärztekammer melden, da zahlt man soviele Beiträge und dann so etwas, ihr Ärzte wollt ja nur Geld kassieren, das ist eine Unverschämtheit, und jetzt auch noch ein blaues Rezept, na prima, das muss ich dann auch noch selbst bezahlen, ich habe gar nicht soviel Geld dabei, was, das kostet fünf Euro dreißig, sagen Sie? Eine Frechheit, dann werfe ich das auch noch dem Apotheker in den Rachen. Die anderen Ärzte machen das doch auch nicht anders, da darf man auch so kommen ohne Karte, bei Ihnen ist das aber kompliziert und dreist, das gibt es gar nicht. Sie müssen wohl auf Ihr Budget achten, was? Unglaublich, unglaublich.” Zeter, Mordio.

Unwissentlich hat sie alle Vorhaltungen abgespult, die Eltern bei fehlender Versichertenkarte präsentieren, ich habe das sogar noch verkürzt dargestellt. Dabei ist es imgrunde doch gar kein Problem: Wird die Karte später vorgelegt (wir sind da sogar großzügig bis zum Ende des Quartals), erhalten die Eltern ein rosa Kassenrezept und alles ist geritzt. Das ist mehr, als man beim Me.dia.Markt, am Büdchen oder dem E.de.ka verlangen kann, da kann man auch nicht einfach anschreiben.

Die Frau ist nicht mehr wiedergekommen, das Rezept hat sie nicht eingetauscht, die Versichertenkarte nicht vorgelegt, sie bekam eine Privat-Rechnung, die sie bisher nicht bezahlt hat. Da möchte ich gerne die Aufnahme mit den obigen Tiraden hervorziehen, auf Rewind drücken und alles noch einmal abspielen. Denn genau deswegen sind wir so konsequent im Vorgehen.

Ich bin keine Fallpauschale

Im Süden der Republik regt sich organisierter Widerstand gegen die Finanzierungspolitik für chronisch kranke Kinder – das Reizwort lautet “Fallpauschale”. Hier wird für ein bestimmtes Krankheitsbild eine bestimmte Summe an das Krankenhaus gezahlt, völlig egal, wie lange der Patient Betreuung braucht. Es liegt auf der Hand, dass gerade bei Kindern Durchschnittswerte nicht funktionieren. Die Folge ist: Die Krankenhäuser können sich die Betreuung hochaufwändiger Kinder nicht mehr leisten, die Qualität sinkt, gespart wird an Material, Geräten und Personal.

Die losgetretene Kampagne möchte den Patienten in den Focus rücken, nicht den ICD-Schlüssel, die Behandlung der Krankheit, nicht die gesparten Euros. Ich rufe auf, die erarbeitete Petition zu unterschreiben, Ihr findet sie unter “Mitmachen”. Aber auch wer sich nur dafür interessiert, wie es vielen chronisch kranken Patienten so geht, wie der Alltag nicht nur vom Kampf mit der Krankheit, sondern auch dem Kampf mit den Krankenkassen aussieht, findet hier wichtige Infos.

https://www.ichbinkeinefallpauschale.de/

Ich klage an.

Kam im Radio doch letztens die Werbung von einer der größten Ersatzkassen in Dtschl, “kommen Sie zu uns, wir übernehmen alles” war der Tenor. Ob Globuli oder Osteopathie, ob Schüßlersalze, Reiseimpfungen oder Akupunktur – na wunderbar. Alles wird bezahlt.
Nun kennen wir Ärzte unsere Pappenheimer unter den Kassen, egal ob Gesetzliche oder Private.

Im letzten halben Jahr wurde in meiner Praxis von genau dieser Krankenkasse unter anderem abgelehnt:
- die notwendigen Winterschuhe für ein Kind mit Proteus-Syndrom (ja, da hat man zwei verschiedene Schuhgrößen und Schuherhöhungen, die müssen gesondert gefertigt werden) – das Kind brauche ja eh Winterschuhe.
- das Gerät zur Messung der Sauerstoffsättigung bei einem ehemaligen Frühgeborenen mit Sauerstoffbedarf – das könne man ja “sehen” (OT Sachbearbeiter)
- die Kurmaßnahme für ein Asthmatikerkind zur Elternschulung und Klimawechsel – das bringe keinen dauerhaften Effekt.
etc.

Krankenkassen übernehmen immer nur dann Leistungen, wenn sie nach außen gut da stehen. Oder wenn die Konkurrenz es vormacht. Mit Sinnhaftigkeit oder medizinischer Indikation hat das selten etwas zu tun, schon gar nicht mit dem wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis einer Therapie. Was der Öffentlichkeit, der breiten, gefällt, wird bezahlt. Homöopathie. “Das haben sich unsere Patienten in Umfragen so gewünscht.”
Richtig. Dann bekommt die Krankenkasse auch den Touch des Guten und des Wahren, denn Globuli sind naturrein, gut und sanft. Leider auch nicht wirksam.
Treppenwitz: Bei der Osteopathie hätte diese jene Kasse gerne “eine Bescheinigung” durch den behandelnden Arzt … aha. Damit die Kasse aus dem Schneider ist, wenn´s nicht wirkt oder Schäden gibt oder wie oder was? Wenn schon alternative Kostenerstattung, dann ohne uns.

Der Kleinbedarf wird nicht abgefragt. Ein chronisch Kranker macht Ärger und kostet Geld. Eine Einzelfallentscheidung darf schon einmal negativ ausfallen, genug Patienten trauen sich nicht in Revision und schlucken die Ablehnung. Und zum Schluß gibt es immer noch den Medizinischen Dienst, der sich auch in der Mehrzahl der Fälle pro Krankenkasse und contra Patient entscheidet. Allerdings auch contra dem primär verordnenden ärztlichen Kollegen. Welch´ Affront. “Wenn´s der Arzt aufschreibt, übernehmen wir das auch…”, ja, denkste.

Ich habe eine Familie, die mit ihrem ehemaligen Frühgeborenen von 600g, leider mit Schwerbehinderung, PEG-Ernährung und Sauerstoffbedarf, in den letzten sechs Jahren wirklich *jedes* Hilfsmittel, *jedes* Heilmittel und jede einzelne Plastikspritze zum Aufziehen vom Lani.top begründen musste. Vielleicht haben sie einen blöden Sachbearbeiter erwischt oder einen blöden Nachnamen mit einem blöden Anfangsbuchstaben, aber das kann man Eltern chronisch kranker Kinder nicht vermitteln: Das Verprassen von Leistungen zweifelhafter Wirkung und Verschenken von Boni an die breite Masse versus der einfachsten Hilfsmitteln zum Überleben ihres Kindes.

Krankenkassen produzieren einen alljährlichen Überschuss – jaja, für den Rückhalt, wenns mal wieder schlechter läuft – , aber in der Summe geht es nur um die Positionierung auf dem Markt. Krankenkassen handeln nur in der Werbung für ihre Patienten, in der Realität verwalten sie das Geld wie jedes andere Wirtschaftunternehmen auch – für den eigenen Profit.

J´accuse.
Liebe Krankenkassen! Verzichtet auf die Erstattung zweifelhafter Heilverfahren! Lasst das doch die Leute selbst bezahlen – dann wirkt es auch besser! Und stockt damit Euren Überschuss noch weiter auf, dann bleibt vielleicht auch noch ein wenig Geld für ein paar Winterschuhe mit unterschiedlichen Absatzhöhen übrig.

Wollense ´n Bong? Möchten Sie gerne einen Kassenzettel haben?

Die AOK bietet einen neuen chicken Service für ihre Versicherten an: Die elektronische Patientenquittung. Bereits seit der letzten x-ten Reform der Abrechnungsmodalitäten (das “GKV-Modernisierungsgesetz”) im Jahre 2004 wurde mit Einführung der Praxisgebühr auch diese Patientenquittung eingeführt. Die Gebühr ist abgeschafft seit 1.1., die Quittung gibts immer noch — es hat nur noch nie jemand danach gefragt. Wahrscheinlich möchte man gar nicht wissen, was der Arzt an der Behandlung verdient.

Die AOK geht andere Wege, der Informationsgehalt ist noch geringer: Als Mitglied der Krankenkasse kann man nun über die AOK seine Quittung beantragen. Problem: Der Arzt rechnet ab im Quartal I, erst im Quartal III (nach 4-6 Monaten) ist die Berechnung der Vergütung, der Regelleistungsvoluminaausgleiche, Abzüge der gedeckelten Punktevolumen und sonstigen bürokratischen Spitzfindigkeiten soweit gediehen, dass heraus ist, was von der ursprünglichen Abrechnung übrig bleibt.

Weiß ich denn nach vier oder fünf Monaten noch, was der Doc damals so gemacht hat? Vor allem: Wie oft ich beim Arzt war? Denn: Den größten Abrechnungssatz macht die so genannte Konsultationsziffer als Versicherungspauschale (bei Kinder- und Jugendärzten die 04111 bzw. 04110) aus, die sowieso nur 1x pro Quartal berechnet wird, egal, wie oft der Patient durch die Türe marschiert. Die mögliche Patientenquittung mag vielleicht bei Einzelabrechnungen gut funktionieren, wenn auf der Quittung eine Arthroskopie erscheint, die der Orthopäde aber nie durchgeführt hat, oder – in unserem Fall – eine Impfung, die nie stattgefunden hat.

Es bleibt also die Patientenkontrolle übrig, und es werden sich sicher genug Spitzfindige finden, die akribisch alle Arzt-Kontakte und -Leistungen listen und diese mit den Ziffern der Patientenquittung vergleichen. Es sät also nur vermehrt Skepsis in das Abrechnungsgebahren der Ärzte, eine Transparenz im Sinne einer Einschätzung des wahren Verdienstes pro Patient, wie wir uns das ursprünglich gehofft haben, wird es weniger bringen.

Meine Vision schon immer: Rechnung an den Patienten, da steht alles drauf, kann er gleich korrigieren, und Einreichung bei der Krankenkasse mit Erstattung der Kosten an den Arzt.
Ach, ups, dann hat ja die KV nichts mehr zu tun.

Arzt-Wiki

WANZe

freundliche Medizinische Fachangestellte: “Guten Morgen, was kann ich für Sie tun?”
Mutter: “Also… ich brauche einen Hustensaft, Zäpfchen gegen Fieber, Nasentropfen und … haben Sie auch was gegen Durchfall?” Sie stopft den Spickzettel zurück in die Tasche.
fMFA: “Äh, wir haben das gar nicht. Das führen die Apotheken.”
Mutter: “Ja, aber Sie haben die Rezepte.”
fMFA: “Schon, aber ist denn Ihr Kind krank? Wo ist der Josip-Mirko eigentlich?” Sie versucht, an der Mutter vorbeizuschauen.
Mutter: “Den? Den habe ich nicht dabei. Ist im Kindi.”
fMFA: “Krank?”
Mutter: “Nein, der ist kerngesund.”
fMFA: “Aber die Medikamente brauchen Sie doch nur, wenn er krank ist.”
Mutter (schlau): “Ja, aber das könnte er ja morgen werden.”
fMFA: “Ok, gutes Argument. Aber dann können Sie ja mit ihm auch vorbeikommen. Und der Doktor entscheidet dann, welches Medikament er braucht.”
Mutter (noch schlauer): “Aber ist es dann nicht einfacher, Sie schreiben jetzt was auf, und ich brauche gar nicht erst kommen.”
fMFA: “Die Medikamente schreibt der Doktor auf, ich kann das leider nicht. Und dazu sollte er Ihren Sohn erstmal untersuchen.”
Mutter: “Aber er ist doch gar nicht krank.”
fMFA: “Achja. Genau. Dann brauchen Sie auch keine Medikamente.”
Mutter, beugt sich konspirativ über die Tresen: “Ich könnte das alles auch selbst kaufen, aber dann muss ich es auch bezahlen. Mit Rezept kostet mich das nichts.”
Achsooo… fMFA: “Stimmt.”
Pause.
fMFA: “Medikamente für die Hausapotheke sind leider nicht verordnungsfähig. Das machen die Kassen nicht mit.”
Mutter: “Ich habe extra bei der Kasse angerufen. Die sagen, wenns der Doktor richtig findet und aufschreibt, dann zahlen sie das auch.”
fMFA: “Genau. Und richtig ist nur das Medikament, das ein krankes Kind braucht, um wieder gesund zu werden. Und das muß der Arzt vorher beurteilen.”
Mutter: “Ich sehe schon, Sie wollen mir gar nicht helfen. Dann hole ich mir die Sachen eben woanders.”

Moral? Aufschreiben, damit die Patienten nicht zum VielverschreiberohnePatientenzusehen rennen? Oder weiter nur das aufschreiben, was “wirtschaftlich, ausreichend, notwendig und zweckmäßig” ist (Originalformulierung des Leistungskataloges der Gesetzlichen Krankenkassen.

Nachklapp: Am Nachmittag kreuzt die Mutter mit Josip-Mirko auf. Er hat Husten, Schnupfen und einmal Durchfall gehabt. Ich konnte das bei dem aufgedrehten Jungen nicht nachvollziehen.

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