Kugeln im Notdienst (Cave: Schon wieder Hömoipathie-Bashing*)

Tut mir leid, schon wieder Globuli:

Lieber Kollege der Anhängerschaft der weissen Streukügelchen, ich habe nicht grundsätzlich etwas dagegen, wenn Sie im Notfalldienst in der Ambulanz der hiesigen Kinderklinik versuchen, Ihre Zuckerli an die Eltern heranzutragen. Wenn Sie die Zeit im Dienst für eine anständige Erstanamnese zur Wirkstofffindung haben …
Mich ärgert aber, dass Sie a) den Eltern das Wirkprinzip der Globuli nicht verklickern, sondern sie kommentarlos zum nächsten Tag in meine Sprechstunde schicken, damit ich ihnen das Nichtwirkprinzip erkläre (“Weisscht, Dokter, Arzt im Krankenhause haben das da und das da mitgegeben, das sollen wir jetzt drei Woche nehme, weisscht…”) und b) die Zuckermittel auch noch aufs Grüne Rezept schreiben, was bedeutet, dass das die Eltern in ihrer Naivität selbst bezahlen müssen, aber bei der Wiedervorstellung in meiner Praxis dann aber auf ein Rosa Rezept bestehen, damit sie die 18 Euro vierfuffzig von der Apotheke wiederbekommen. Bedeutet, ich muss dazu noch ein Kurz-Referat zum deutschen Gesundheitswesen halten, dem zu Folgen für Eltern, die der deutschen Sprache ethnisch nicht hundertprozentig mächtig sind, ein unmögliches Unterfangen ist.

Liebe Kollegen der Zuckerschaft: Wenn Ihr schon Eure Globuli unters Volk streut, dann bitte an Eltern, die an die Wirkung glauben das Wirkprinzip verstehen wollen. Für alle anderen ist ein kommentarloses Rezeptieren irreführend und unverständlich und ein Erheben der Globuli auf eine Ebene mit wirksamen Medikamenten wie Antibiotika oder Inhalativa.

*manche Eltern haben bereits mit der Aussprache der Therapie ihre Probleme. Homöopathie-Richtigschreiben ist das moderne Hämorrhoiden.

mein teddy ist krank und andere clowns

stammleser hajo hat mich auf eine initiative der uniklinik frankfurt aufmerksam gemacht, bei der medizinstudenten eine plüschtierklinik initiieren. kindergartenkinder dürfen ihre teddys und puppen bringen, sich eine krankheit ausdenken und dann werden die knuddeltierchen therapiert. das ganze soll die hemmschwelle der kinder vor einem arztbesuch reduzieren.

prinzipiell finde ich das eine gute sache, aber ich weiß nicht, ob ein kleinkind wirklich die transferleistung zwischen der erkrankung des plüschhasen und einem eigenen arztbesuch leisten kann. in meiner eigenen praxis sind zwar viele kinder, die ihre lieblingsbezugobjekte neben mama und papa dabei haben, aber wirklich therapieren muss man die in der regel nicht. das wird meist von den eltern angeregt – “komm, jetzt bekommt dein bubu den piekser und dann du.” – naja. geschrei trotzdem.
dann lieber janznormal als tröster dabei. ein kuscheltier in der einen hand, während am anderen arm geimpft wird – das bringt schon was.

es gibt ja auch andere projekte, kinder an ärzte heranzuführen oder einen krankenhausbesuch leichter zu ertragen. allen voran die berühmten klinikclowns, die sich in den letzten jahren wie die wutz vermehrt haben und aus den kliniken kaum mehr wegzudenken sind. ich habe solche und solche kennengelernt. die guten bewegen sich im stillen, im hintergrund, veralbern die situation nicht, verharmlosen auch nicht. die schlechten tröten sogar bei der visite herum und machen faxen mit dem arzt. nicht, dass wir nicht auch blödsinn mit den kindern auf station gemacht haben, aber wir ärzte und schwestern hatten doch das bessere gefühl, wann es angebracht war.
und dann gibt es natürlich auch immer noch die assoziation von clowns mit horror – dank stephen king. ich habe wirklich mal einen achtjährigen in der klinik erlebt, der vor panik unter der bettdecke verschwand.

ob plüschtier hin oder her, die wichtigste vorbereitung für den arztbesuch erfolgt immer noch über die hauptbezugsperson, also die eltern. ich erschrecke immer wieder, wie wenig eltern das umsetzen. sicherlich haben wir jeden tag zwei oder drei kinder, die auf den arztbesuch, sei es spritzen oder stinknormale vorsorgeuntersuchungen nicht vorbereitet waren. wie kann man so wenig kommunikation mit seinem kind leben? oft sind es nur vermutungen, die sich auf nachfrage aber immer bestätigen. kinder verhalten sich einfach anders, wenn sie vorher nichts vom anstehenden arztbesuch erfahren.
wann das richtig alter der vorbereitung ist? ganz sicher ab zwei jahren. aber es schadet nicht, dies bereits von anfang an zu trainieren zur selbstverständlichkeit werden zu lassen, bereits mit seinem säugling über die dinge des tages zu sprechen. auch kleinste kinder verstehen doch immer mehr als man denkt. und verschweigen war noch nie eine gute strategie.

damals, ja damals! II

anlehnend an herrn walter birks lehrbuch für “pflegerinnen, schwestern und mütter” – früher und heute:

damals, ja, damals!

ich stehe ja total auf alte medizinerbücher – und habe auf jedem flohmarkt ein blick darauf. leider fehlt mir oft die gelegenheit dazu. hier ein sehr schönes exemplar:

herr birk illustriert zeitlos schön die pflege von kleinen kindern, er selbst war tübinger kinder-prof von annodunnemals, das buch war als lehrbuch für “pflegerinnen, schwestern und mütter” gedacht, erstmals aufgelegt 1911, das hier ist die auflage von 1946, “unter zulassung der nachrichtenkontrolle der militärregierung”.

ein paar kostproben:
ammenhaltung: wenn für einen säugling eine amme benötigt wird, soll man sie stets aus einer anstalt (…) beziehen. (…) sind stets genau auf tuberkulose, krätze, läuse u. dgl. zu untersuchen. (…)
wer eine amme in das haus nimmt, daß sie sein kind stille, übernimmt damit die moralische verpflichtung, sich auch um das kinder der amme zu kümmern. es geht nicht an, daß man das eigene kind mit ammenmilch füttert, aber das kind der amme mit kuhmilch ernähren und an einer ernährungsstörung vielleicht zugrunde gehen läßt. (…)
der lohn einer amme soll dem einer hausangestellten gleich sein (…), die kost der amme soll dieselbe sein, vermehrt um einen liter miclh. (…) einen ersatz für ammen bilden die sog. stillfrauen. (…) man findet sie in großstädten vermittels der zeitung oder durch befragen der hebammen.”

“es ist nicht überflüssig, an dieser stelle auch noch einige worte über die abhärtung der kinder zu sagen, da die anschauungen der ärzte und der eltern hier weit auseinander gehen. viele leute beginnen schon im säuglingsalter mit einer geregelten abhärtung ihrer kinder. sie lassen sie alle tage einige zeit nackt liegen und stellen sich vor, daß sie damit die gesundheit ihrer kinder stählen. wenn sie dasselbe mit sich selber machen würden, würden sie bald merken, daß dabei für eine abhärtung nicht viel herauskommt. denn viele antworten auf diese abkühlung immer nur mit einem schnupfen.”

“wie viele säuglingsgymnastinnen haben sich nicht schon um stellen an meiner klinik beworben! alle sandten sie nicht bloß zeugnisse, sondern vor allem lichtbilder mit turnenden säuglingen – zukünftigen akrobaten.”

“wenn den kindern die schule schlecht bekommt, so gehen die eltern in der regel zum arzt, weil sie sich vorstellen, daß dem kind gesundheitlich etwas fehlen müsse. dass das schlechte aussehen, der mangelhafte appetit, die gereizte stimmung usw. durch einen fehler in der erziehung bedingt sein können – darauf kommen die wenigsten. es ist alle jahr dieselbe zeit, in der solche patienten in die ärztliche sprechstunde kommen, nämlich die zeit zwischen weihnachten und ostern, also die zeit, in der die anforderungen der schule an die kinder die größten sind. (…)
es ist die gepflogenheit entstanden, die schule (…) für alle körperlichen und geistigen schädigungen der schulkinder (…) verantwortlich zu machen. nun kann ja gewiß nicht bestritten werden, daß ein körnchen wahrheit hierin enthalten ist, d.h. daß es unter den lehrern, manche gibt, die zu allem andern taugen, nur nicht zum erzieher – gleichwie es viele gibt, die da meinen, daß ihre schüler nur dazu da seien, um mit ihnen ihr mathematisches oder altsprachliches steckenpferd zu tummeln. aber das sind doch die ausnahmen. im allgemeinen darf man festhalten, daß die anforderungen der schule sich in einem vernünftigen verhältnis zu dem, was die schüler leisten können, halten.”

himmel. dann gibts da noch so dinge wie schokoladensuppe und die pflege der lagerstatt und nicht zuletzt allgemeine empfehlungen zur pflege der kinder im krankenhaus. ach, was waren das noch für klar geregelte zeiten.

lieber kollege im krankenhaus,

… wenn sie dieses bobele nach hause schicken, nachdem es wegen der gehirnerschüttung zwei tage überwacht wurde, und bis dahin alles ok war, so ist das auch ok. die erkältung, die sich zwischenzeitlich entwickelt hat, kann man in der tat auch ohne krankenhausunterstützung auskurieren.
… aber dafür brauchts maximal nasentropfen.
… und: nein, es ist mitnichten so, dass man “einfach so” mal beim niedergelassenen anrufen kann, um sich ein rezept “rausschreiben” zu lassen.
… denn: wir haben die verpflichtung, die kinder vorher anzuschauen, um festzuhalten, ob das kind ein medikament wirklich braucht. und wenn sie das schon getan haben, dann können sie doch der mutter auch empfehlen, sich nasentropfen in der apotheke zu holen. die sind nämlich nicht rezeptpflichtig.
… so hat´s bobele leider eine stunde warten müssen, weil er auf all die anderen knöpfe getroffen ist, die von ihnen am wochenende genauso beraten wurden.
… und hat sich dabei sicher den einen oder anderen neuen infekt geholt.

… da passt doch ihr kurzbrief nach der entlassung mit dem wunderbaren satz “die laberworte waren alle unauffällig.”

new kid in town

so neu ist sie doch gar nicht, die neonatalie, immerhin bloggt sie nun schon seit april – aber gefühlt sind ihre letzten beiträge hochfrequenter geworden, und ich habe soeben mal komplett alles durchgebloggt. danke, neonatalie – nette sachen, frisch erzählt. gefällt mir echt gut. und nicht zuletzt unsere affinität über die kinder macht dich für mich – und vielleicht andere hier – so lesenswert. klasse finde ich auch ihr downsized design – nicht so überladen, wie bei mir ;-) ). bekommst meinen monatlichen “blogaward” und einen blogrolleintrag. schaut mal rein.

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