Was tun wir unseren Kindern an?

Die Zeit griff in ihrer letzten Printausgabe, und seit dem Wochenende auch online lesbar, eine Problematik auf, welche die Entwicklung unserer Kinder in den nächsten Jahren entscheidend beeinflussen wird: Die unzureichende Versorgung von Krippenkindern. Der Bindungsforscher Karlheinz Brisch aus München beantwortet Fragen, die ihn umtreiben, dem Interview spürt man nach, dass der Mann sich Sorgen macht.

“Internationale Studien sagen sehr klar, dass bei den Säuglingen eine Betreuungsrelation von eins zu zwei [...] herrschen sollte. Das ist in den allermeisten Krippen in Deutschland nicht gegeben. [...] Wir haben zwölf und mehr Kinder in einer Gruppe mit formal zwei Erzieherinnenstellen.”
“[...] keine Erzieherin kann mit sechs oder acht unter Dreijährigen emotional ausreichend in Kontakt sein. [...] Damit wird der Mangel an Zuneigung für die Kleinen zur Alltagserfahrung.”

Brisch lehnt die Fremdbetreuung von Kleinstkindern nicht generell ab, bei schwachen Bindungen in der Familie kann dies in einer gut besetzten Kinderkrippe sogar zum Vorteil sein, aber die Realitäten sehen eben anders aus. Aus seiner Sicht bedeutet das aktuelle insuffiziente System eine Kostenexplosion in der späteren Therapie und Jugendhilfe, die besser in der Bezahlung von ausreichend gut ausgebildeten Erzieherinnen investiert wäre.
“Wenn wir das Geld aber nehmen und durch das kleine Gehalt der Erzieher und Erzieherinnen teilen, sind wir locker bei einer Eins-zu-drei-Betreuung, die sicher gebundene Kinder erziehen kann und Verhaltensauffälligkeiten vorbeugt. Wenn wir vorbeugend früh das Geld ausgeben würden, dann hätten wir Renditen wie sonst nirgendwo.”

Ein lesenswertes Interview, was Eltern, Krippenbetreiber und Politiker zum Nachdenken bringen sollte. Hier wurde zu schnell zuviel gewollt, ohne die Komsequenzen zu überblicken. In unserer Gegen wird auch gerade eine neue Krippe gebaut. Sie macht das Neubaugebiet attraktiv für junge Eltern, dem gesetzliche Anspruch auf einen Krippenplatz (und eben nicht auf eine 2:1 Betreuung) muss nachgekommen werden. Der Bürgermeister lobt die Ausstattung der Krippe, die Behindertengerechtigkeit, die vielen Parkplätze (!) und die hübschen Aussenanlagen. Kein Wort zum Stellenschlüssel. Ich frage seit geraumer Zeit die Eltern, wie denn der Stellenschlüssel in ihrer Kita ist – meist betreut eine Erzieherin sechs Kinder unter zwei Jahren, ein Schlüssel von 4:1 wird nie unterschritten, dazu kommen Krankheitsausfälle und das Aushelfen bei “den Großen”.

Die sichere Bindung zwischen Eltern und Kind oder auch Erzieherin und Kind wird seit Jahren als der entscheidende Faktor für die emotionale Entwicklung unserer Kinder gesehen. Die Forschung läu auf Hochtouren und Herr Brisch hat in Deutschland einen hohen Anteil daran. In der Politik scheint das noch nicht angekommen zu sein. Tun wir das bitte unseren Kindern nicht an!

Das Krippenrisiko
noch was mit Herrn Brisch: Whale watching
Rechtsanspruch auf Kita-Plätze

Rechtsanspruch auf Kita-Plätze – ein kinderärztlicher Einwurf

Ab 1.8. gilt der rechtliche Anspruch auf einen Kita-Platz auch ab dem 1.Lebensjahr (für 3jährige gab es diesen Anspruch bereits seit 1996 – hat auch nichts genützt). Wie wollen die Kommunen das erreichen?
- Anwerbung von ungelerntem Personal?
- Anwerbung von Fachpersonal aus anderen Ländern?
- Aufstockung der Gruppengrößen zu Ungunsten des Betreuungsschlüssels?
- Erhöhung der Kindergartengebühren, um das alles zu bezahlen?
- Bildung eines “Klage”-fonds, um die kommenden Gerichtsverfahren zu bestreiten?
- whatelse …

Mir ist das persönlich alles recht egal – die Kinder sind in der Schule, mit dem Nachwuchs wirds wohl erstmal nichts mehr; Aber kinderärztlich treibt mich die Sorge um, dass insbesondere der dritte Punkt zu enormen Problemen in der Entwicklung der Kinder führt.
Bereits in den letzten Jahren hat die Einführung der offenen Gruppen (diskutieren wir erstmal nicht num die pädagogische Wertigkeit dieses Projektes) zur quantitativen Verbesserung der Betreuung (es werden weniger Erzieherinnen gebraucht, als wenn man geschlossene Kleingruppen führt) die katastrophale Wirkung gehabt, das vielen Kindern die Orientierung im Kindergarten verloren ging. Sozial kompetente Kleinkinder mit guter Kontaktaufnahme, die Rampensäue und Hansdampfe, hatten mit all dem kein Problem. Die Verschüchterten, Regressiven, die lieber noch am Rockzipfel der Mutter durch die Kindergartentüre gehen, leiden sehr wohl am hochfrequenten Wechsel der “Bezugserzieherinnen” und der Orientierungslosigkeit in manchen Großraumprojekten. Und die zukünftigen ADSler, die eh unter der Reizüberflutung des Alltags leiden, können sich in offenen Gruppen gar nicht mehr erden, sondern driften von einer (fehlenden) Anregung zur nächsten.

Und nun womöglich auch noch für die U3-Kinder? Herr, laß Vernunft walten. Nach einhelliger Meinung aller Experten der frühkindlichen Entwicklung ist ein Stellenschlüssel von 1:3 unabdingbar – es zähle mal jeder selbst in der eigenen Kita und Kindergarten nach. Und berücksichtige nicht nur die Papierform, sondern auch die Realitäten, wenn wieder mal eine Erzieherinnen mit Konjunktivitis, Masern, Burnout Durchfall zu Hause bleibt.

Meine eigene retrospektive Befragung bei ADS-Verdacht: Die Inzidenz steigt mit der Betreuungsform und dem schlechteren Personalschlüssel in der Vorschule. Mich nicht falsch verstehen: Ich habe kein Problem damit, wenn Kinder früh in die Fremdbetreuung gehen, weil die Eltern arbeiten gehen müssen, aber es muss qualitativ stimmig sein – der Rechtsanspruch mag zwar Druck auf die Kommunen ausüben, aber die Folgen sind noch gar nicht abzusehen, wenn nur Kindergärten gebaut und Haken mit bunten Bildchen an die Wand geschraubt werden, um neue Plätze zu schaffen, aber kein entsprechendes Personal eingestellt wird.

Deine blauen Augen

“Ja, hallo, ich wollte mal meine Tochter anschauen lassen, weil, die hat jetzt seit zehn Tagen eine Bindehautentzündung.”
“Aaahja…”, ich wende mich Joelle-Mary zu, die mich aus strahlend blauen – und völlig gesunden – Augen anstrahlt, “aber im Moment ist alles gut?”
“Jaja”, die Mutter hält mir ein Fläschchen der LieblingsFirma aller Mütter W*el*eda unter die Nase. “Das habe ich ihr jeden Tag in die Augen gemacht.”
“Euphrasia…”, lese ich. “D3. OK, dann ist ja noch ein Tausendstel Wirkstoff drin enthalten. Augentrost ist ein gutes Pflanzenmittel. Haben schon die Altvorderen angepflanzt.”
“Sehen Sie, hat was gebracht.”
“Wie sah denn die Bindehautentzündung aus?”
“Das war richtig dick und rot und eitrig, beide Augen, fett verklebt, ich habe es mit Wasser gesäubert und nach ein paar Tagen hat mir der Apotheker das da verkauft.”
“Und dann war es besser.”
“Genau.”
“Und was kann ich jetzt noch tun?”, ich frage ganz unschuldig.
“Zum einen kriege ich ein Rezept dafür”, sie schwenkt das W*el*eda-Fläschchen, “zum anderen will der Kindergarten eine Bescheinigung, dass sie weiter in den Kindergarten darf.”
Ich nicke. “Verstehe. Das Problem ist, nachträglich dürfen wir keine Rezepte aufschreiben, schon gar nicht für Medikamente, die nur zweifelhafte Wirkung haben.”
Sie zeigt auf Joelle-Mary: “Hat doch gewirkt.”
“Sagen Sie. Immerhin haben Sie auch die Augen regelmäßig gesäubert. Die meisten Bindehautentzündungen sind durch einen Virus ausgelöst, die braucht man nicht zu behandeln. Auch nicht mit Augentrost in tausendfacher Verdünnung.”
“Aber fett eitrig war es ja auch, der Apotheker hat gesagt, es war bestimmt baktarial.”
“Wenn es bakteriell war, dann wäre es ohne antibiotikahaltige Augentropfen nicht besser geworden.”
“Aha. Und der Kindergarten?”
“Eine virale Bindehautentzündung ist nicht ansteckender als ein Schnupfen. Damit darf man schon in den Kindergarten.” (auch wenn das die Erzieherinnen oft anders sehen) “Bei einer bakteriellen wartet man ein oder zwei Tage nach Behandlung ab.”
“Haben wir auch, solange ich nur gesäubert habe, dann ist sie wieder in den Kindi und die Erzieherinnen haben sie wieder heimgeschickt, ich solle mir das da”, wieder schwenkt sie das Fläschchen, “in der Apotheke holen, dann darf sie wieder in den Kindergarten. Aber nur mit Bescheinigung.”

Die ich trotzdem nicht schreibe. Dann muss ich irgendwann alle Kindergartenkinder nach Schnupfen “gesundschreiben”, viel Spaß auch. Nochmal zum Mitschreiben: Die meisten Bindehautentzündungen sind viralen oder mechanischen (“Zug”) Ursprungs und brauchen außer Säubern keine spezielle Therapie und sind auch nicht ansteckender als die viralen Schnupfens (Ausnahme: Adenoviren, anderes Thema). Bestes Vorgehen: Zuhause bleiben, säubern, wenn´s nach zwei Tagen nicht besser wird, eher von einer bakteriellen Konjunktivitis ausgehen, Arzt aufsuchen, topisches Antibiotikum für die Augen verordnen lassen.
Realität oft: Wie oben, wo alles durcheinander geht, oder: das Kind muss schnell schnell wieder funktionsfähig sein, bekommt bereits ab dem ersten Tag (auf Druck der Erzieherinnen) Antibiotika-Augentropfen, “weil man das so macht”. Da werden 80% überflüssigerweise behandelt.

wäre doch mal ein service

mutter: “ja, also, der meilo-jannis hat die hand-fuß-mund-krankheit.”
ich: “glückwunsch, dann ist doch alles klar.” … und was soll ich jetzt noch diagnostizieren?
mutter: “ja, aber, das ist doch ansteckend.” … kann ich doch auch nichts dafür.
ich: “schon. wie lange hat er das denn schon?”
mutter: “also die ersten bläschen am mund schon vor fünf tagen, dann vor zwei an den händen, und heute an den füßen. da hab ich ihn dann mal zu hause gelassen.”
ich: “gute idee. aber wahrscheinlich haben´s nun alle in der kindergartengruppe schon gehabt.”
mutter: “genau. da hatte er es ja her. die kindergärtnerin hat gesagt, ich soll mal zum arzt, einen zettel holen, dass er montag wieder gehen kann.”
ich: “das kann ich ihnen heute noch nicht sagen. einen zettel brauchen sie aber so oder so nicht. wenn die bläschen im mund abgeklungen sind, kann er wieder springen. da es schon solange her ist, wirds wohl montag oder dienstag soweit sein. darauf müssen sie achten, dann kann er wieder in den kindergarten.”
mutter: “… ohne zettel?”
ich: “ohne zettel. und ohne pickel im mund.”
mutter: “ah. ok. und in die krabbelgruppe heute?”
ich: “nein, bitte auch nicht.”
mutter: “aber am wochenende, da ist taufe von sei´m cousin, da kann er …”
ich: “nein, auch nicht.”
mutter: “ist das sooo ansteckend?”
ich: “jaaa? und den viren ist es auch egal, ob sie im kindergarten ein opfer finden oder woanders.”
mutter, murmelnd: “also gar nicht rausgehen.”
ich: “doch, klar. man kann auch ohne kindkontakt an die luft.”
mutter: “langweilig. trifft man ja niemand. wie soll´n das gehen. hallo, du, schön, dich zu sehen, aber bleib weg, mein kind ist ansteckend? wie klingt denn das?”
ich: “besser als, hallo, schön, wie toll unsere kinder zusammen gespielt haben, übrigens, meine hat eine ansteckende krankheit.”
mutter: “ja, ok. deswegen macht auch der kindi so panik.”
ich: “macht er das?”
mutter: “jaja, jedes pickelchen wird gleich zur pest erhoben. und die mund-hand-fuß-krankheit ist ja auch sehr gefährlich sagen die.”
ich: “nunja, nicht wirklich.”
mutter: “laut wikipedia sind da schon ganz viele menschen gestorben dran.”
ich: “ja. wie an grippe, windpocken und durchfall auch.”
mutter: “sagt aber der kindergarten.”
ich: “deswegen sind sie ja jetzt hier. die hand-fuß-mund-krankheit ist nicht gefährlicher als jeder andere virusinfekt. sieht nur etwas heftiger aus, manchmal sind die bläschen im mund etwas unangenehm, aber sonst…”
mutter: “gut…, also…”
pause.
ich zögere.
ich spüre instinktiv nach langjähriger erfahrung, dass hier noch eine frage im raume schwebt.
aber ich besinne mich auf “wer was wissen will, muss fragen” und leite die verabschiedung ein.
ich: “aaalso, dann. kind darf wieder in den kindergarten, wenn die bläschen weggehen. bescheinigung brauchen sie nicht….” ich halte ihr meine hand hin. “auf wiedersehen.”
pause. es kommt keine hand.
mutter: “eine frage hab ich noch.”
war ja klar.
mutter: “könnten sie im kindergarten mal anrufen und sagen, dass mein meilo-jannis wieder in den kindi darf?”

medikamente im kindergarten

“herr dokter, also der kindergarten, nicht?, der möchte jetzt einen zettel von ihnen, dass die erzieherin da dem philipp-mario die arnica-globuli geben dürfet, wenn er sich mal das knie aufhaut. und für den ambroxol-saft wegen dem husten auch.”

nene, tut mir leid, frau freudenthaler, das geht nicht.
medikamente sollten nur verabreicht werden, wenn sie von einem arzt abgesegnet sind. das ist soweit mal richtig vom kindergarten. aber das sind dann auch medikamente, die wirklich vom arzt verordnet sind und unbedingt während der kindergartenzeit gegeben werden müssen. zum beispiel ein antibiotikum zur mittagszeit, wenn ihr stöpsel im ganztagskindergarten ist, oder die meli-angely, die hat epilepsie, die braucht auch ihr medikament genau um die richtige uhrzeit.

aber für frei verkäufliches, dazu noch fragwürdiges in der wirkung, was nicht einmal von einem arzt verordnet wurde, gibts keine bescheinigung. und die erzieherinnen tun gut daran, diese “medikamente” auch nicht zu geben. medikamentengabe ist mit verantwortung verbunden: das medikament muss richtig gelagert sein, es muß richtig gegeben werden und auch dem richtigen kind. over-the-counter-präparate dürfen eltern gerne geben, aber nicht die erzieherinnen, das kann man nicht verlangen.

wenn ein kind so krank ist, dass es medis braucht, sollte es zum arzt und nicht in den kindergarten. wenn eltern meinen, sie brauchen keinen arzt, sollten sie die medikamente selbst geben. wenigstens morgens und abends, die kindergartendosis muß dann eben ausfallen.

aber noch etwas: es ist mitnichten so, dass erzieherinnen nicht medizinisch tätig werden dürfen. im gegenteil: sie sind zur ersten hilfe verpflichtet. also ist das pflasterkleben, kühlen, verbinden genauso ok wie das zeckenziehen während der waldtage. zur ersten hilfe gehören dann aber wiederum keine glaubuli und auch keine schusselsalze, die frau freudenthaler gerne im kindergarten deponiert haben möchte. das ist nämlich nicht teil der ersthelferausbildung, die jede erzieherin mitmachen muß.

frage: was machen wir mit sonnencreme? empfehlung meinerseits: kinder morgens eincremen und sonnencreme mitgeben. dürfen sich die kids selbst eincremen. mit ein bisschen hilfe der erzieherinnen. denn sonnenbrand ist unterlassene hilfeleistung. oder? (“aber, wir können doch nicht alle dreissig kinder eincremen, wie stellen sie sich das denn vor?” – “geht schon. sie können sich natürlich auch mit sechzig eltern auseinandersetzen, die sonnenverbrannte und -gestochene kinder zu hause haben, weil ohne sonnencreme und ohne mütze.”)

tipp: besprecht das mal mit dem örtlichen kinder- und jugendarzt, für eine flasche wein lässt der sich bestimmt vom elternbeirat und dem kindergarten einladen, mal eine fortbildung zu halten. fragt mal nach.

erste hilfe in kindertagesstätten
erste-hilfe-kasten für kindergärten

doyen und ausgebildete

der doyen der deutschsprachigen kinderforschung, wenn es denn so etwas gibt, wird nächstes jahr siebzig, das sei nur am rande erwähnt. die faz brachte letztens einen schönen artikel über ihn (und eher zu ehren seines neuen, schon wieder älteren buches) – mehr ein einstieg in seine, die unsere, kinderwelt. remo largo. wer eines seiner bücher gelesen hat, sieht die welt der kinder und deren entwicklung anders. wer sich für kinder interessiert, kommt nicht an ihm vorbei – viel spass. 

ob sie im süden der republik davon auch wissen? bestimmt, largo war sicher teil des curriculums: ausbildung zum bachelor frühkindliche bildung und erziehung. ein schritt zur akademisierung (urrgs…) des ausbildungsberufs zur erzieherin. absolventen (-innen vor allem, vermutlich) dieses studienganges werden später sicher in leitungen der kindergärten und -tagesstätten einziehen – denn die bezahlung als normal angestellte erzieherin wird den hochschulabsolventinnen zu wenig sein.

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