Geschenke – Umfrage

Liebe Leserinnen und Leser,
es ist in Kinderarztpraxen und beim Zahnarzt usus, den Kindern nach der Behandlung was zu schenken. Ich habe da mal was vorbereitet und bitte um Mitarbeit.

Und da das immer seeehr umstritten ist:

Kommentare oder andere Antworten, die Ihr hier vermisst, bitte ich, gerne zu posten. Danke fürs Ankreuzen, Euer kinderdok.

Maja und ihre Schwestern

Maja ist die Älteste der vier Mädchen. Ihre Eltern sind taubstummgehörlos. Aber das weiß Maja nicht, zumindest nicht am Anfang, als die anderen Schwestern noch nicht geboren sind. Da ist sie nur die Tochter von zwei Eltern. Zum ersten Mal bewusst wurde ihr die Tatsache, dass Mama und Papa nicht hören können, als Svenja geboren wird. Da ist Maja vier Jahre alt. Die zwei Kleinen kamen dann noch ein Jahr später auf die Welt. Wieder Mädchen, diesmal Zwillinge. Mittlerweile sind sie fünf. Als Maja acht wurde, kam noch Niklas. Er ist jetzt der Kleinste.

Maja hat früh gelernt, mit Gebärden zu sprechen, nicht den professionellen, den die Sozialarbeiterin versuchte, ihr beizubringen, später, als sie in die Schule kam. Maja und ihre Familie haben ihre eigenen Gebärden, denn das entwickelt sie so. Schließlich hat die Mama auch nie das Gebärden gelernt. Und Vater kann immerhin laute Töne hören und spricht auch – wenn auch so laut, wie er hört. Maja konnte schon mit einem Jahr Gebärden für Essen und Trinken und Spielen. Und für ihre Spielzeugplüschgiraffe. Die nannte sie immer Mojo, wobei die Sozialarbeiterin nicht genau wusste, ob sie sie nur so nannte, weil sie ihren eigenen Namen nicht richtig sprechen konnte. Und auf den Tisch oder den Boden schlagen, das konnte sie auch von Anfang an. Nur dann hat Mama zu ihr hingeschaut.

Maja muss viel selber machen. Sie bedient das Telefon, wenn Oma nicht da ist. Oder das Faxgerät. Vom Amt kam mal jemand, um den Eltern einen Computer einzurichten, mit E-Mail und so, aber der Telefonanschluss mit Internet war zu teuer. Das Spezialtelefon mit Lichtalarm und Kurztext kostete bereits genug. Majas Traum ist, dass Mama und Papa einmal hören können und vielleicht sprechen. Am liebsten mag sie es, wenn Oma ihr vorliest. Nur, um ihre Stimme zu hören. Mama versucht das zwar auch, aber aus ihrem Mund kommen Laute, die so ganz anders klingen. Maja versteht sie trotzdem. Stimmlagen, Zorn und Müdigkeit, all das kann Mamas Stimme trotzdem transportieren.

Maja kümmert sich um ihre Schwestern. Nicolas ist noch klein, das macht die Mama. Aber die Svenja und die Zwillinge gehen noch zum Kindergarten, das macht Maja, bevor sie selbst zur Schule geht. Sie beantwortet artig jeden Morgen die Fragen der Erzieherinnen im Hort, ob es der Mama gut gehe und wie dem Vater. Maja nickt immer und wackelt mit dem Schulranzen, während sich ihre Schwestern die Hortschuhe anziehen. Alles bestens. Wenn es Nicolas gut geht. Und Vater arbeitet.

Maja freute sich früher sehr auf die Wochenenden. Dann kam immer Oma zu Besuch. Und Papa war da. Jedenfalls am Samstag. Am Sonntag musste er immer schon mittags wieder weg. Wegen Schicht, hat Oma gesagt. Inzwischen sind die Wochenenden nicht mehr so toll, seitdem Maja in der Fünften ist. Oma kommt nicht mehr so oft, schließlich ist Maja ja nun älter. Nicolas heult den ganzen Tag. Papa fährt immer noch am Sonntag Mittag auf Schicht, aber am Samstag sitzt er meist auf dem Dachboden in der Büroecke und hat den Computer an. Da spielt er dann mit anderen. Von Morgens bis abends. Inzwischen reicht das Geld wohl für das Internet. Da liest Papa dann immer die Sachen auf dem Bildschirm und lässt seinen roten Ritter durch irgendwelche Landschaften laufen.

Maja wäre auch gerne ein Ritter. Groß und stark. Im Moment macht sie der Samstag klein und kraftlos. Nicolas heult, sie bringt ihn zur Mama, die Zwillinge und Svenja machen Blödsinn hinter ihrem Rücken und Maja wird dann bestraft. Neulich kam Mama vom Dachboden herunter, das Baby auf dem Arm. Ihre Augen sahen traurig aus. Vorher hatten sich Mama und Papa laut angebrüllt. Maja kennt dieses Brüllen, sie kennt es seit Geburt. Zwischendrin, als sie im Kindergarten war, fand sie das Brüllen manchmal ganz lustig, wenn beide Eltern nach Worten suchten, die sie nicht aussprechen konnten. Inzwischen kann Maja das nicht mehr hören. Aber sie kann nicht vermitteln, kann nicht übersetzen, das hat sie nur einmal versucht. Niemals wieder.

Maja hat sich versteckt. Draußen im Wäldchen. Nach der Schule hat sie die Schwestern im Hort abgeholt, Svenja den Schlüssel in die Hand gedrückt und ihr erklärt, wie man die Tür aufmacht. Das wenigstens wird sie doch wohl hinbekommen. Dann ist Maja zum Wäldchen gelaufen, so schnell sie nur konnte, aus Angst, es könne plötzlich nicht mehr da sein. Sie hat sich ihren Platz gesucht, ganz am Rand, hinter dem dichten Brombeergebüsch, wo ihre Höhle ist. Da hat sie in einer Tupperdose zwei Bücher vergraben und eine Taschenlampe. Man kann nie wissen. Im Sommer ist es hier schön trocken. Jetzt im Kalten nur klamm und die Sträucher noch dorniger als sonst. Trotzdem reicht ihr das, was sie hier hat: Der Blick auf die zwei Häuser am Rande der Siedlung. In einem wohnen die Reicherts mit dem Jungen aus der Klasse unter ihr und dem kleinen Mädchen mit den blonden Zöpfen. Manchmal, wenn Maja Glück hat, sind die Eltern auch mit im Garten. So wie heute. Dann singen die vier ganz viel, oder lachen. Oder schreien und verstecken sich.

Aber das meiste sieht Maja, wenn das kleine Mädchen ruft, sei es, weil sie sich wehgetan hat, oder weil sie ihrer Mutter etwas im Garten zeigen will. Oder einfach nur so. Sie ruft nur ein oder zweimal. Sie hat eine klare schöne Stimme, gar nicht laut, wie bei Majas Schwestern. Und dann kommt ihre Mutter.

Klarstellung

Ich: “Und? Kannst Du schon Fahrradfahren?”
Manuel: “Klar.”
Ich: “So richtig? Oder mit einem Laufrad?”
Manuel: “Nee, richtig, mit´m Fahrrad!”
Ich: “Mit Stützrädern?”
Manuel: “Nee, mit´m Fahrrad!”
Ich: “Also mit zwei Rädern?”
Manuel: “Nee, einem Fahrrad!”
Ich: “Mit so zwei kleinen Rädern hinten?”
Manuel: “Ja! Fahrrad!”

Alles klar. Ich hätte auch kurz die Mama fragen können.
Übrigens kein Bruder von dem hier.

Zum Abend

“Tschüss, Chef.”
“Wiedersehen, Doktor.”
“Ich geh dann mal.”
Eine der Arzthelferinnen nach der anderen und das Küken verabschieden sich, kieken kurz um die Zimmertüre, jedesmal für einen kurzen Moment klickt mein Hirn aus, weil mir jemand in Zivil gegenübersteht, aber Quatsch, na klar, ohne weisse Hose und Häubchen sieht jede anders aus.
“Ja, Wiedersehen, bis morgen.”

Ich verlasse stets als Letzter das sinkendeSchiff, so gehört sich das. Ich kenne Kollegen, die ihre MFA so getrimmt haben, dass diese morgens die ersten und abends die letzten sind, dann können die Kollegen den Schauspielplatz betreten, wie der Regisseur bei einem gut besuchten Theaterstück. Ich habe das nie hingekriegt.
Klar, gibt es Tage, wo ich schnell zu einem Termin oder Fortbildung muss, aber die Regel sieht anders aus: Ich sitze an meinem Schreibtisch, der Flur draussen ist dunkel, die eine Strassenlaterne funzelt auf meinen Schreibtisch, ich schalte die Festbeleuchtung zur Begutachtung der Kinder (eine Praxis hat einer Lux-Verordung zu folgen, ohja!!) herunter und belasse es bei der Schreibtischlampe. Dazu schimmert noch der PC-Schirm. Ich widme mich der liegengebliebenen Post, den obligatorische Kuranträgen und den drei Zetteln zwecks Rückruf dieser Mutter oder jenes Vaters.

Ich kann auch ein bisschen für mich sein. Das ist ok. Es drängt mich zwar nach Hause – Abendbrot, Fru und Kinners sehen, Abschalten – aber die Arbeit, die hier noch liegt, liegt schließlich morgen auch noch da. Also besser jetzt erledigen. Morgen kommt neue hinzu.

Und während ich die Lücken der Anträge fülle, meine Sprechstundenliste im PC abarbeite (alles eingetragen? nichts übersehen, weder eine wichtige Diagnose, noch eine wichtige EBM-Ziffer?) und die Telefonanrufe erledigt habe, geistern immer noch die einen oder anderen Kinderpatienten vor meinem Zentralkortex vorbei. Giuseppe mit dem Cochlea-Implantat, frisch in diesem Jahr eingesetzt, und er ach-so-glücklich damit mit seinen dreieinhalb Jahren, die endlich die Welt hören können. Maria-Theresa, mit ihrem Protheus-Syndrom, das linke Bein doppelt so dick wie das rechte, mit bereits zehn OPs in ihren sechs Lebensjahren, doch immer grinsend, jetzt noch schöner mit den ersten Zahnlücken. Und Patrick, der mit der PEG-Sonde seit seinem ersten Geburtstag, weil er trotz seiner Operation an der Speiseröhrenenge immer noch kein festes Essen auf normalem Wege zu sich nimmt. Er trägt sie nun schon zwei Jahre, sie ist Teil seines Körpers, und so stolz wie er darauf ist, so stolz ist er auch immer, ohne Furcht bei seinem Kinderarzt zu erscheinen. Mutig sein, das kann er.

Die Vorsorge U8 heute bei Roman, dem wir vor vier Jahren nach seiner Geburt mit 700 Gramm (“sieben Tafeln Schokolade!” hat die Mama immer gesagt) kaum ein Überleben zugetraut hätten – Hirnblutung, Augenhintergrundsveränderung, seinen ersten Monat an der Beatmungsmaschine – und trotzdem grinst er heute durch seine dicken Brillengläser auf mich zu – die Beine staksen durch den Flur, ok, und er wird auch nachher nicht auf einem Bein hüpfen wie die anderen, aber **so what?**
Dafür plappert er mir die Ohren zu, mit seiner piekfeinen zehnmalklugen Stimme, er räubert durch das Untersuchungszimmer, tatscht alles an, was nur entfernt nach Technik aussieht – Stethoskop, Otoskop, Waage, PC, Sonogerät, Wecker, Telefon – und will bei allem ganz genau wissen, “was das denn ist, Dokkor!” Er sagt immer Dokkor – so lange er schon sprechen kann.

Und das Fussvolk. Die vielen vielen geschafften Eltern dazwischen nach der Grippewelle, die tapferen Rekonvaleszenten, die ihre Kinder nochmal vorstellen, ob sie denn “jetzt wirklich wieder fit sind”, und, kann ich es ihnen verübeln? Da waren noch die tapferen Frischeltern mit Vanessa zur ersten Impfung (die Mamas weinen immer mehr als ihre Töchter!), die Mutter, die beruhigt ihren zehn Monate alten Robin präsentiert – endlich ohne Neurodermitis-Spuren, nach erfolgreicher Cortisontherapie und nun Dauerpflege seit einem Monat – und “er hat endlich mal wieder durchgeschlafen”. Und noch diese. Und noch welche. Und die auch. Und jene auch.

Ich lasse sie jetzt aber hier, schließe die Tür, schalte das Licht aus, winke dem blauen dimensionslosen Bär von Pharmafirma Nullachtdreizehn, der mich morgens begrüßt und heute abend verabschiedet. Tschüss, Bär. Morgen wieder. Heute Ende. Nacht.

SesamStraße wird 40 – bin ich schon alt?

Ich habe mal zurückgerechnet, aber ja, doch, das kommt hin. Und ich kann mich auch dumpf erinnern, die erste Folge gesehen zu haben. War für alle sehr aufregend. Und ab dann gab es nur noch eins: Sesamstrasse, und zwar 9.30 morgens (da gucken meine Kinder heute kein TV…) Mir haben Bob und Oscar am besten gefallen, Tiffy fand ich doof, Samson zu träge und Liselotte Pulver zu schick. Dann schon lieber später Anke Engelke.
Aber die Klassiker bleiben: Ernie und Bert und das Krümelmonster.

Zum Jubiläum mein Lieblings-Sketch und einer der ältesten Ohrwürmer meinereiner:

auf jeden Fall die wichtigere Nachricht heute als die Familie Wulff.

Die Woche vor Weihnachten

Gibt es ein unpassenderes Fest als Weihnachten, wenn ein Kind krank wird? Zum Geburtstag lässt sich das verschmerzen, das ist nur ein Tag, und wer hat nicht schon einmal seinen Geburtstag nachgefeiert? Ostern? naja, sind wir ehrlich: ganz abgesehen davon, dass unsere Jüngsten eh keine Ahnung haben, was da gefeiert wird (eine Geburt lässt sich da noch ganz gut verkaufen), stört es vor allem die Eltern, wenn die Kinder krank werden. Ostern ist so ideal zum Wegfahren.

Aber Weihnachten? Lässt sich nicht nachfeiern. Ganz doof. Und vor allem dieses Jahr: Effektive fünf Tage am Stück Feiertagsstimmung (wertfrei, ob gut oder schlecht). Morgen am Samstag: krankes Kind, ganz schlecht – schließlich muß noch der Großeinkauf her. Und ab Sonntag bis Mittwoch ist nur noch Vorbereitung, Kochen, Backen, Bescherung, Spielen und Verdauen. Keine gute Zeit für spuckende oder rotzende, genervte Kinder.

Ganz abgesehen von der Freude am Fest. Wer schon mal einen grippigen sechsjährigen Melvin auf der Couch sitzen hatte, während im Hintergrund Sinatra aka Bublé “Merry little christmas” trällert, Vater verzweifelt versucht, die Kerzen auf dem Weihnachtsbaum gerade zu stecken, damit der Korkboden nicht komplett vertropfwachst wird, und Mutter noch schnell das vergessene Großpaket von Oma Annelie aus dem Heizungskeller holt, das dort seit Allerheiligen versteckt ist – der weiß, was krankes Weihnachten ist.

Gehuste und Gerotze, Gespucke und Gekratze, Gefiebere und … naja, was noch so aus einem kranken Körper kommen kann. Melvin ist müde, paracetamol-benebelt und fiebrig-überdreht, sein Vorschulwissen zerrt in ihm zwischen Bettgehzeit und Ausharren der Geschenke. Die kleine Schwester – kerngesund – singt zum hundertsten Mal “Schimmel bellt, Schimmel bellt” und hüpft ihm mit der Pippilotta-Puppe auf dem virusgeblähten Bauch herum. Kein Fernlenkauto kann ihn jetzt beglücken.

“Herr Dokter, Herr Dokter, jetzt komme ich schon zum dritten Mal in dieser Woche, und der Husten ist immer noch nicht weg”, reisst mich Frau Schwieberding aus meinen vorweihnachtlichen Gedanken.
“Wunder gibt es erst nächste Woche”, sage ich lächelnd und schenke Melvin einen Schoko-Schneemann (klein). Er grinst mich an und wird schon wieder gesund bis zum Heiligen Abend. Ganz anders als in meinen Tagträumen. Da bin ich zuversichtlich.

Vorherige ältere Einträge

Gesundheitsblog 2009 - 2.Platz
Wir geben 8 aufs Wort - Banner
1. Platz in Kategorie Baby und Kinder bei den Hitmeister Superblogs 2012
%d Bloggern gefällt das: