Macht Schule krank?!?

Der WDR setzt sich mit dieser Frage auseinander -

http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/aktuelle_stunde/videomachtschulekrank100.html

der Aufhänger dieses Kurzberichtes ist der bereits letztens angesprochene Kongress für Jugendmedizin in Weimar, der heute zuende ging. Da zumindest hieß das Thema “Schule macht krank ?!?”, was schon etwas verbindlicher klingt.
Ohne das hier zunächst weiter zu kommentieren:
Wie sind Eure Erfahrungen? Bauchweh? Kopfweh?
Alles übertrieben? G8? G9? Keine Freizeit, nur noch Stress? Ist das nur die Schule, oder auch das Drumherum? Oder gibt es gar kein Drumherum mehr? Andere Länder haben keine somatisierenden Kinder?
Lasst hören … ich bin gespannt.

verplappert

Die 12jährige stellt sich bereits zum zweiten Mal in einem Jahr vor, weil sie alle paar Wochen Rückenschmerzen habe. Bereits beim letzten Mal konnte ich eine leichte Haltungsschwäche sehen – nicht untypisch für das Alter – , vorgezogene Schultern, leichter Rundrücken, funktionelle Tests nach Matthiass und Schober waren aber ok.
Mutter wirkt leicht … mmh, unzufrieden.
Ich: “Aber das hatten wir vor einem halben Jahr schon mal besprochen, oder?”
Mutter: “Ja, aber, ist ja nicht besser geworden.”
Ich zur Tochter: “Ich hatte Dir empfohlen, ein paar Übungen zuhause zu machen, Schwimmen zu gehen, auf Deine Schultasche zu achten, Deinen Schreibtisch und den Stuhl gut auszurichten, Balancieren mit einem Buch auf dem Kopf, Zehenspitzenlaufen …”
Die Tochter schaut mich kurz an, verzieht das Gesicht, zeigt dann mit dem Finger auf Ihre Mutter.
Tochter: “Die da hat gesagt, das sei völliger Blödsinn, was Sie da empfohlen haben.”

uups.

Max am Abend

Ich komme an Max nicht ran.

Er sitzt hier zur J1, wir überstehen die übliche Vorgeplänkelgesprächsrunde, um uns dem Messen, Wiegen und Untersuchen zu widmen. Ich plappere vor mich hin, während der Untersuchung, texte, um die Stille zu überbrücken, wie ich es manchmal bei Säuglingen mache, um sie zu beruhigen. Die Fragen nach seinem Lieblingssport, dem Hockey, verpuffen in der stickigen Luft des Untersuchungszimmers. Frotzeleien, Witzchen und ernsthaftes Nachfragen vergehen zwischen uns. Max ist still, nicht maulfaul wie sonst Pubertierende, die sagen oft genauso wenig, erwarten aber, dass man sie hört. Max sagt nichts, weil ihn etwas bedrückt.

Seine Eltern haben sich vor zwei Jahren getrennt, mehr zerstritten als geeinigt, der Vater ist ausgezogen, die Mutter blieb mit Max daheim. Eine schwierige Zeit, die für den betreuenden Arzt mit Gesprächen über Bauch- und Kopfweh und Schulattesten erfüllt war. Die erwünschte Begleitung durch ProFamilia im Ort und dem Verein Alleinerziehender lehnte Max heroisch ab. Er spielte lieber Hockey.

Max ist fit, er ist gesund, er steht im Saft, mit vierzehn ein Oberkörper wie ein Olympiaschwimmer, aber sein Blick sieht im Moment kein Ziel vor Augen. Denn sein Vater, der ausgezogen war, und zu dem er gerade wieder Kontakt gefunden hatte, ist vor einem halben Jahr mit dem Auto verunglückt. Die Mutter, die zweimal ihren Partner verliert, kann Max in dieser Zeit keine Hilfe sein. Die Großeltern sind alt, die Freunde mit sich selbst beschäftigt, das Hockeyspielen schafft Erfolge für ein Wochenende, es reicht nicht für die Woche.

Ich komme nicht an ihn ran. Ich kreise um *das* Thema, ich biege immer wieder zur Weggabelung ein, bei der er sich öffnen kann oder auch nicht. Ich komme nicht bis dorthin. “Passt schon”, sagt er irgendwann am Ende der Untersuchung. Ich nicke nur.

Nach der Untersuchung, Max ist fertig angezogen, kommt seine Mutter mit dazu. Auch sie hat andere Dinge im Kopf als die Jugenduntersuchung ihres Sohnes, trotzdem flüchten wir uns zu dritt in die Erläuterung des Befundes. Es geht ihm gut, der Sport ist gut, die Schule auch, wir besprechen die fehlende Impfung, wir erledigen das Geschäftliche. Am Ende kommen die ersten Verabschiedungsfloskeln, die den Termin beenden, kleine Pausen, die mit Schlußfragen schließbar wären, dann nur von mir ein “Gibt´s denn noch etwas sonst, irgendetwas zu besprechen?”, das von Max´ Mutter mit einem freundlichen Kopfschütteln verneint wird. Sie stehen beide auf. “Also dann.”

Die Mutter holt ihren Mantel von der Garderobe, geht zur Praxistür und hält sie auf. Max ist ihr gefolgt, dann bleibt er aber stehen, zögert und kommt zu mir zurück.
“Danke, Doktor”, sagt er, “bis bald.”

Kranke Söhne

Cem ist erkältet.
Das heißt, er leidet. Er erzählt mir von “richtig fett Fieber” am Sonntag, auf Nachfrage gibt er erst nach viel Nachdenken ein “sibbeunndreissigacht” zum Besten. Das hat ihn zumindest so beeindruckt, dass er Montag nicht zur Schule gegangen ist, aber abends zum Fussball. Dienstag war ganz ok, aber gestern, “am Tag von Arbeit”, da hat´s ihn dann wirklich gebrezelt. “Richtig dicke Kopf, Dokter, weisst?” und “vor´m Bayernspiel voll gespuckt un´ so.”
Hat ihn nicht abgehalten, mit den Kumpels das Spiel zu schauen. Dienstag war ja nicht, gab´s ja nur auf Sky, hat doch keiner. Aktuell stehen sie alle auf Gündogan.

Dann wenigstens gestern “EffCeeBeeEffZeeBee”. Ja, gab´s Chips und Cola. Vatter war ja auch dabei. So wie heute. Der lässt seinen Sohn erstmal reden. Mit fünfzehn ist das auch ok. Die Basecap (“Galatasaray”) bleibt auf. Ich gebe mir ganz viel Mühe, ziehe komplett vom Leder mit Abhören vorne und hinten, sogar inklusive Perkutierens – das bekommen nur die ganz Kranken. Der Vater schaut beeindruckt. Ich lasse sich Cem wieder anziehen, ziehe mir den Rollhocker zurecht und setze mich. Wichtige Diagnosen brauchen Anlauf.

Ich: “Er hat eine Erkältung.”
Cem hebt seinem Vater beide Hände hin, als präsentiere er persönlich die Krankheit. “Siehst?”
Der Vater zuckt mit den Schultern.
Ich: “Damit kannst Du morgen wieder in die Schule. Halb so wild.”
Jetzt ist es am Vater, seinem Sohn einen Blick mit hochgezogenen buschigen Augenbrauen zuzuwerfen. “Siehst?”
Cem schaut enttäuscht.
“Und Fussball am Wochenende?”
Ich: “Entweder Du bist so krank, dass Du nicht in die Schule kannst, dann gibts auch kein Fussball, oder es geht, dann kannst Du auch Kicken gehen.”
Er sagt nichts, sondern nickt nur wissend. “Alles klar, Doc.”
Aber er wäre nicht Sohn, wenn nicht sein Vater noch etwas anmerken muss: “Gut. Gut. Doktor. Also Erkältung. Aber wissense, jetzt ist er schon seit Sonntag krank, seit Sonn!tag!”, er hält fünf Finger nach oben, “fünf Tage, Doktor!”
Ich warte. Sage nichts.
“Wird es da nicht mal Zeit für ein Antibiotikum?”

Ganz frisch reingekommen

Aus der Reihe “Gerade passiert”:

Ich: “Na, alles klar, guten Abend.”
Ayla: “Hallo, Doktor.”
Ich: “Und, Du kommst heute zur Jugenduntersuchung, J1, weißt Du denn, was da so passiert?”
Ayla: “Nö.”
Ich: “Haben Deine Freundinnen mal was erzählt oder welche aus der Klasse?”
Ayla: “Nö.”
Ich: “Gehst Du nicht mit Hatice in die gleiche Schule, die war letztens mal da.”
Ayla: “Die? Nö, die hat nichts erzählt.”
Ich: “Wie auch immer. Keine Sorge, viel passiert nicht, wir unterhalten uns eine Runde, dann macht die Helferin noch die Körpermaße und es wird noch Blutdruck gemessen.”
Ayla: “´ist das?”
Ich: “Blutdruck? Da schaut man, ob Dein Kreislauf ok ist, das misst man am Arm, mit einer Manschette.”
Ayla: “´tut weh?”
Ich: “Nö.”
Ayla: “All´sklar.”
Ich: “Gibt´s denn grad was aktuell, drückt Dich was? Beschwerden, beim Sport, Rücken, wasweißich?”
Ayla: “Nö, all´sok.”
Ich: “Gut.”
Ich werfe einen Blick auf den Fragebogen, den die Jugendlichen bei uns immer ausfüllen, viel eingefallen ist Ayla nicht. Naja. Das ist oft so. Trotzdem finden sich manchmal ein paar Dinge. Hier nicht. Da steht praktisch gar nichts (“Wovor hast Du Angst?” – “Spinnen.” – “Jungs sind…?” – “Scheisse.” usw.).
Ich: “Na, der Fragebogen hat Dich wohl nicht so inspiriert?”
Ayla: “Instawas?”
Ich: “Fandest Du nicht so spannend?”
Ayla: “Nö. Naja. Kannt´ ich ja schon.”
Ich: “Ja? Woher?”
Ayla: “Hab´ch schon mal gemacht, JotEins.”
Ich scrolle im PC durch die Karteikarte. Siehe da. Vor anderthalb Jahren, J1 bei Ayla Acar. Fragebogen ausgefüllt.
Ich: “Und was machst Du dann jetzt hier?”
Ayla: “Weiß nicht. JotEins.”
Ich: “Wer hat den Termin gemacht?”
Ayla: “Ich. Mit Helferin draußen. Meine Mutter hat gesagt, soll ich machen.”
Ich: “Problem ist, die J1 machen wir nur einmal, und Du hattest sie schon mit zwölf Jahren. Müssen wir jetzt nicht nochmal machen.” Können und dürfen wir auch nicht. Ganz abgesehen davon, dass es auch keiner zahlt. Und privat will Familie Acar vermutlich nicht in der Prävention investieren.
Ayla: “Ich hab mir schon gewundert, das Sie gleichen Fragebogen geschickt haben.” Ich nicht. Die fMFA.
Ich: “Na prima. Gibt´s noch was? Fragen hast Du keine?”
Ayla: “Nö.”
Ich: “Dann kann Dich die Helferin trotzdem nochmal messen und wiegen, und dann war´s das für heute.”
Ayla: “Echt? Und JotEins?”
Ich: “Gibt´s nicht, haben wir schon.”
Ayla: “Super. Hätt´ ich auch mit Hatice chillen können.”
Ich: “Ja. Man sollte immer über seine Termine Bescheid wissen.”
Ayla: “Muss ich mal in meine Chronik gucken.”

Ich verabschiede mich und pflanze mich dann vor der Anmeldung auf.
“Moni! Tülay! Katja! Küken! Antreten zum Kopfwaschen!”

Japs

Zum Thema Asthma bei Jugendlichen gibt es nicht nur etwas zum Informationsfluss von mir zum Patienten zu sagen, sondern, dass sie oft auch gegen ihre Eltern anarbeiten müssen. Viele verstehen die Krankheit besser als ihre Eltern.
“Herr Dokter, ich habe das Inhalationsmittel mal wieder abgesetzt, damit er nicht süchtig wird davon”, sagt die Mutter. Wohlgemerkt: Nach drei Tagen, bei zuvor echt ausgeprägter obstruktiver Bronchitis. Dem Jungen ging es wirklich nicht gut.
“Keine Sorge, das Mittel macht nicht süchtig. Aber es wirkt sehr gut”, sage ich und an den Vierzehnjährigen gewandt: “Dir gings doch besser, danach, oder?”
Er nickt. Aber die Mutter lässt ihn nicht weiter reden.
“Aber man liest da doch soviel, wenn man damit mal anfängt, muss man immer inhalieren.”
“Ja, überall wird davon berichtet, oder?” Überall in den Elternforen jedenfalls, in Fachzeitschriften geht es immer nur um den Schlüsselfaktor Compliance, also die Mitarbeit des Patienten und die Konsequenz der Medikamenteneinnahme.
“Ich verstehe, dass man sich da sehr beeinflussen lässt. Wenn man das aber nicht konsequent über den empfohlenen Zeitraum inhaliert, muss man es in Etappen immer wieder inhalieren. Und das bedeutet wiederum, man muss immer inhalieren, wenn man den die empfohlene Zeit nicht inhaliert.”
“Also macht es doch süchtig.”
Ich höre ihren Sohn ab und leider klingt seine Lunge wie vor vier Tagen – obstruktiv, er giemt, ich sehe Einziehungen am Jugulum und intercostal.
“Ich kann Sie ja verstehen. Aber im Moment braucht ihr Sohn auf jeden fall das Medikament, oder sehen Sie im Moment eine Verbesserung?”
Der Vierzehnjährige hebt den Finger.
“Mama – wenn der Dokter das empfiehlt …” Er holt etwas schwer Luft. “… dann sollte ich das auch nehmen…” Wieder eine Pause. “… es wirkt doch auch …” Japs. “… wirklich schnell…” — “Und vielleicht …” — “Geht’s mir dann auch länger mal …” — “…besser.” Er sinkt zurück auf den Stuhl.
“Sehen Sie, wie es ihm geht”, die Mutter deutet auf ihren Sohn. “Der braucht was richtig starkes, das hat doch gar nichts gebracht.”
Ich grinse und reiche dem Jungen sein Inhalationsdevice, was er zum Glück mitgebracht hatte und bitte ihn, das Medikament zu inhalieren. An der Technik kann man immer etwas ändern, das hebe ich mir für das Ende des Gespräches auf, aber nach Mutter bei ihrem Sohn verbringe, atmet er schon viel freier.
“Siehste, Mama”, grinst der Junge seine Mutter an.
Ich kann mir ein schlaues Lächeln nicht verkneifen.
“Aber kommen Sie mir nicht mit Cortison, Herr Dokter.”
Nein, ganz bestimmt nicht heute. Er bräuchte es schon, da bringt auch eine bestätigende Lungenfunktion keine großen neuen Erkenntnisse, aber das besprechen wir beim nächsten Mal.
“Ist ok. Jetzt inhalierst Du mal drei oder viermal am Tag mit dem Mittel und wir sehen uns nächste Woche wieder.” Und besprechen dann das weitere. Vielleicht sogar ohne die Mama. Schließlich ist er schon vierzehn, und in der Konsequenz seiner Handlungen weit erwachsener als seine Mutter. Deshalb arbeite ich so gerne mit Jugendlichen. Wenn sie einmal von einer Sache wirklich überzeugt sind, kann man sich auf sie auch völlig verlassen. Der Weg dahin ist manchmal beschwerlich, man geht ihn besser ohne die Eltern und setzt auf die eigene Urteilsfindung der Jugendlichen. Aber gelingen will mir das auch nicht immer.

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