Die Grippe

Der Tag ist erfüllt von Grippe. Kaum ein Kind, welches irgendetwas anderes hat. Da verblassen die wenigen Pickelchen, die mir Frau Riebesehl am Gesäß ihrer dreimonatigen Tochter präsentiert, tatsächlich zu einer Marginalie der Sprechstunde. Hier gibts ein paar wenige Impfungen, von den fMFA vorausschauend bereits in den Tagesablauf eingestreut, dazu am Anfang des Morgens und des Nachmittags die obligatorischen Vorsorgeuntersuchungen, zu einer Uhrzeit, wo die akuten Patienten noch gar nicht aufgestanden sind oder noch in der Schule resp. Kindergarten weilen.

Aber allem voran die armen Gripper. Die Tageszeitung erwähnte in einem Zehnzeiler auf Seite 4 rechts unten, die Grippewelle sei nun “am Kommen”, für uns in der Praxis hat sie den Climax bereits erreicht, hoffentlich überschritten. Es sind vor allem die Schulkinder, dazu ihre Eltern, hier sitzen viel mehr kranke Erwachsene. Ihre Kinder sind meist ganz fit. Vor allem die Jungs. Bilde ich es mir ein, oder sind die Mädchen und Mütter diesmal viel kränker (wer hat eigentlich diesen Komparativ erfunden?) als ihre Brüder oder Männer? Entgegen aller Vorurteile, was das Kranksein des männlichen Geschlechts angeht.

Leute, kocht Hühnersuppe. Packt Euch ins Bett. Esst Eis. Lutscht Bonbons und schnippelt Euch einen gescheiten Obstsalat. Vergesst die Antibiotika und habt Geduld: die diesjährige Influenza bringt Dünnpfiff mit sich, viel Halsweh und dauert alleine vom Fieber her fünf bis sechs Tage.

Wen hat’s schon erwischt? Und wer liest hier gerade vom Krankenbett aus? Lichtblick zum Aschermittwoch: Da ist meist alles vorbei. Außer, man hat am Faschingsdienstag zu sehr… Ihr wisst schon.

Warum denn bloß?

“Ihr Kollege am Wochenende hat das Antibiotika verordnet.”
“Ah, ok. Und warum?”
“Nuja, die Kleine hat ja die Erkältung?”
“Und was hat er damit behandelt?”
“Ähh, die Grippe?”
“Mmh. Und warum ein Antibiotikum?”
“… Schnupfen?”
“Da hilft kein Antibiotikum.”
“… Husten?”
“auch nicht…”
“Jetzt weiß ich!”
“Ja?”
“Sie hätte einen Virusinfekt, hat er gesagt.”
“Ah, ok, das denke ich auch. Und warum dann ein Antibiotikum?”
“Es könnte ja auch bakteriell sein, hat er gesagt.”
“Alles klar.”

Okay, ich habe das Gespräch etwas dramatisiert, aber so lief es in meinem Kopf ab. Himmel, ich hasse die Grippezeit. Dass es immer noch Kollegen gibt, die meinen, Antibiotika seien der Segen aller Erkältungstherapien. “Und wenn es doch nicht viral ist, könnte es am Ende ja noch bakteriell *werden*!” Die Eltern können nichts dafür. Ich weiß, den Vater habe ich etwas auflaufen lassen, aber wie gesagt, das meiste davon kam in meinem Kopf vor.
Ungelogen: In der Influenza-Saison sitzen hier Eltern, die kränker sind als ihre vorgestellten Kinder, und sie haben *alle* *sogar* ein Antibiotik … -sic- …*a*.

Kinderdok kocht

Ich schnipple das Suppengrün nur grob, die Zwiebel wird halbiert und kurz mit der angeschnittenen Seite nach unten im Topf angebräunt. Dann zwei Liter Wasser dazu, hei, das zischt. Den Hahn hinein, das grobe Gemüse dazu, wenig Salz, ein wenig Pfeffer – so. Einmal aufkochen. Das darf knappe zwei Stunden köcheln. Temperatur dabei weit runter nehmen.

Schnitt. Kurzer Test, das Fleisch fällt sanft. Also: Hahn raus, Grünzeug raus, Brühe durchsieben in einen zweiten Topf. Die Fettaugen vorsichtig abschöpfen – genug Kraft ist da sowieso drin, brauchts nicht auch noch igitt. Der Hahn wird mit scharfem Messer und Gabel zerteilt, die Haut kommt weg (bzw. zur Katze, die kann ein bisschen was auf den Rippen vertragen im Winter), das weiße Fleisch kleingerupftgeschnitten. Zurück zur Brühe. Das Grünzeug kurz kleiner geschnitten (kann man auch schon vorher machen – egal). Zurück zur Brühe. Nochmal aufkochen und gut ist.

Für die Kids gibts Buchstabennudeln dazu – die haben jetzt auch den Klammeraffen (“schau mal Papa, ein Ät”) und das Eurosymbol – nett. Die Nudeln gibt man in kochendes Wasser in den ersten Topf, lässt sie dort nach Empfehlung gar werden, abgießen, und gibt soviel Suppe bei, wie aktuell gegessen wird. Nicht die ganzen Nudeln zur Suppe geben, sonst haste nachher Nudelsuppe – ist aber eine Hühnersuppe. Die nämlich (ohne Nudeln) geht in den Kühlschrank – kannste nachher noch bequem das Fett abheben. Oder in Tupper in den Tiefkühler.

So. Jetzt soll mal die Grippe kommen. Nicht zu mir.

Original in-vitro-Studie
Chicken Soup for a cold – das Rezept der Forscher (die essen das ohne Fleisch)

göttin chamomilla

nein nein, das wird jetzt nicht das gebet für die homöopathie oder irgendwelche potenzen, sondern die verneigung vor dem gott der infektabwehr. für mich immer noch die kamille.

hier herum erkranken jetzt alle, erst kotzt sich kinderdoks kid no.1 die seele aus dem hals (wer einmal die ehefrau mit vorgehaltener hand vor dem würgenden kind durch die wohnung hat rennen sehen, vergisst dieses bild nie wieder), dann schwächelt kid no.2, schließlich bekommt die beste ehefrau von allen seit dem vortag nur noch ein krächzen heraus – von der praxis wollen wir mal gar nicht reden. also bleibt für mich nur die ultimative abwehr. denn merke: kann die praxis brummen wie sie will, des doktors erkältung bleibt stets still. nur wenn die eig´ne familie husten tut, dann ist´s für doktors abwehr gar nicht gut.

bei mir heißt das vor allem kamillentee. sobald es irgendwie kratzt und ächzt, schütte ich den literweise in mich rein. mir schmeckt das sogar, auch wenn die sprösslinge die zähne zeigen beim anblick des *scheusslichen blümchentees* (blümchen war das erste, was sie früher auf der teepackung erkannt haben, bevor sie lesen konnten). nicht immer hilfts, aber meistens schon.

was hilft bei meinen bloglesern? kleine umfrage: a) vor dem infekt, damit´s gar nicht dazu kommt und b) wenn dann der schnodder bereits fließt. und kommt mir nicht mit warmem bier und früh ins bett gehen.

 

amtlich: weniger antibiotika vom kinderarzt

wir kinderärzte habens schon immer gewusst, aber nun macht es eine neue studie publik: wir verordnen weniger antibiotika als die anderen jungs. das macht natürlich selbstzufrieden, aber wir werden uns weiterhin anstrengen, diesem guten ruf gerecht zu werden. also weiter kräftig die neuesten journals lesen, das rote ohr lieber noch mal einbestellen und stets dran denken, dass nicht jeder rote hals gleich scharlach bedeutet. häufiges ist häufig und seltenes ist selten. aber das wissen die anderen doch auch ;-)

die bertelsmannstudie beruht auf erhebungen der neuen großkasse barmer-gek. und man kann auch anders darüber berichten: denn immer noch bekommen in der summe die kinder zuviele antibiotika. da scheinen die kinderärzte die einäugigen unter den blinden zu sein. was mich stutzig macht: während der grippesaison bekommt hier gefühlt jedes elternteil jedesmal ein antibiotikum (“sogar ein antibiotikum”), obwohl nun auch der letzte weiß, das die influenza ein virus ist. da kann ich nicht die studienzahlen nachvollziehen, dass erwachsene weniger antibiotika bekommen als die kids.

in einem gebe ich allerdings unserem präsi recht: der druck der eltern auf die gabe von antibiotika ist enorm hoch. ich muß eher die eltern überzeugen, *kein* antibiotikum zu verordnen, also noch abzuwarten, als sie dazu zu überreden. da hört man eher den spruch “sie schreiben ja nie etwas auf” als “muß er immer mit medikamenten vollgepumpt werden”.

 

blüten

jugendliche, denen panisch die tränen in die augen schießen. wegen einer diagnose.
kinder, die andere kinder hänseln. wegen einer diagnose.
eltern, die stolz ihre diagnose vortragen. weil´s schon chic ist.
firmen, die auf verdacht väter und mütter nach hause schicken.
kindergärten, die jedes räuspernde kind von den eltern abholen lassen.
mütter, die jede vorstellung mit dem satz beginnen “es wird doch wohl nicht…” und beenden mit “und gott sei dank ist keine …”
ärzte, die ihren mitarbeitern von impfungen abraten, die diese vor erkrankung und verbreitung schützen sollen. sogar auf onkologischen stationen.
und promis, die endlich wieder mal eine bild-schlagzeile bekommen. auch  wenn´s nur ist, weil sie mal krank sind.

alles blüten, die die sorge panik angst der medienhype um die neue grippe treibt.
so langsam hat´s ein ende. die zahlen gehen gefühlt zurück. entspannung ist angesagt. und das hat sicher nichts mit der impfung zu tun.

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