Paco in der Sonne

Mal wieder hören, seit heute nur noch aus der Konserve:


Hasta luego, Paco!

Verzögerungserklärung

Als ich letztens im Notdienst den Vater fragte, warum er seine vierjährige Tochter erst jetzt um 21 Uhr in die Notfallambulanz bringt, obwohl sie nach seinen Aussagen schon seit morgens um zehn Uhr Ohrenschmerzen und Fieber habe:

“Wissense, das war ja ers’ma gar nicht so schlimm, und dann war sie auch noch im Kindergarten, und dann hatte meine Frau heute morgen auch kein Auto, und außerdem wollte sie ja noch zu ihrer Freundin spielen…,” – die Tochter – “und später dann hatte der Kinderarzt keine Sprechstunde mehr, also um sieben abends, und außerdem wollte sie dann doch nicht schlafen, und weil doch heute aber Freitag ist, und ich am Wochenende nicht zu irgendeinem wildfremden Doktor gehen will…,” – der ich nun aber auch bin -
“deswegen sind wir hier…”

“Ah, ok… und, haben Sie denn was gegen die Ohrenweh gegeben?”
“Nein, wieso?”

Max am Abend

Ich komme an Max nicht ran.

Er sitzt hier zur J1, wir überstehen die übliche Vorgeplänkelgesprächsrunde, um uns dem Messen, Wiegen und Untersuchen zu widmen. Ich plappere vor mich hin, während der Untersuchung, texte, um die Stille zu überbrücken, wie ich es manchmal bei Säuglingen mache, um sie zu beruhigen. Die Fragen nach seinem Lieblingssport, dem Hockey, verpuffen in der stickigen Luft des Untersuchungszimmers. Frotzeleien, Witzchen und ernsthaftes Nachfragen vergehen zwischen uns. Max ist still, nicht maulfaul wie sonst Pubertierende, die sagen oft genauso wenig, erwarten aber, dass man sie hört. Max sagt nichts, weil ihn etwas bedrückt.

Seine Eltern haben sich vor zwei Jahren getrennt, mehr zerstritten als geeinigt, der Vater ist ausgezogen, die Mutter blieb mit Max daheim. Eine schwierige Zeit, die für den betreuenden Arzt mit Gesprächen über Bauch- und Kopfweh und Schulattesten erfüllt war. Die erwünschte Begleitung durch ProFamilia im Ort und dem Verein Alleinerziehender lehnte Max heroisch ab. Er spielte lieber Hockey.

Max ist fit, er ist gesund, er steht im Saft, mit vierzehn ein Oberkörper wie ein Olympiaschwimmer, aber sein Blick sieht im Moment kein Ziel vor Augen. Denn sein Vater, der ausgezogen war, und zu dem er gerade wieder Kontakt gefunden hatte, ist vor einem halben Jahr mit dem Auto verunglückt. Die Mutter, die zweimal ihren Partner verliert, kann Max in dieser Zeit keine Hilfe sein. Die Großeltern sind alt, die Freunde mit sich selbst beschäftigt, das Hockeyspielen schafft Erfolge für ein Wochenende, es reicht nicht für die Woche.

Ich komme nicht an ihn ran. Ich kreise um *das* Thema, ich biege immer wieder zur Weggabelung ein, bei der er sich öffnen kann oder auch nicht. Ich komme nicht bis dorthin. “Passt schon”, sagt er irgendwann am Ende der Untersuchung. Ich nicke nur.

Nach der Untersuchung, Max ist fertig angezogen, kommt seine Mutter mit dazu. Auch sie hat andere Dinge im Kopf als die Jugenduntersuchung ihres Sohnes, trotzdem flüchten wir uns zu dritt in die Erläuterung des Befundes. Es geht ihm gut, der Sport ist gut, die Schule auch, wir besprechen die fehlende Impfung, wir erledigen das Geschäftliche. Am Ende kommen die ersten Verabschiedungsfloskeln, die den Termin beenden, kleine Pausen, die mit Schlußfragen schließbar wären, dann nur von mir ein “Gibt´s denn noch etwas sonst, irgendetwas zu besprechen?”, das von Max´ Mutter mit einem freundlichen Kopfschütteln verneint wird. Sie stehen beide auf. “Also dann.”

Die Mutter holt ihren Mantel von der Garderobe, geht zur Praxistür und hält sie auf. Max ist ihr gefolgt, dann bleibt er aber stehen, zögert und kommt zu mir zurück.
“Danke, Doktor”, sagt er, “bis bald.”

Maja und ihre Schwestern

Maja ist die Älteste der vier Mädchen. Ihre Eltern sind taubstummgehörlos. Aber das weiß Maja nicht, zumindest nicht am Anfang, als die anderen Schwestern noch nicht geboren sind. Da ist sie nur die Tochter von zwei Eltern. Zum ersten Mal bewusst wurde ihr die Tatsache, dass Mama und Papa nicht hören können, als Svenja geboren wird. Da ist Maja vier Jahre alt. Die zwei Kleinen kamen dann noch ein Jahr später auf die Welt. Wieder Mädchen, diesmal Zwillinge. Mittlerweile sind sie fünf. Als Maja acht wurde, kam noch Niklas. Er ist jetzt der Kleinste.

Maja hat früh gelernt, mit Gebärden zu sprechen, nicht den professionellen, den die Sozialarbeiterin versuchte, ihr beizubringen, später, als sie in die Schule kam. Maja und ihre Familie haben ihre eigenen Gebärden, denn das entwickelt sie so. Schließlich hat die Mama auch nie das Gebärden gelernt. Und Vater kann immerhin laute Töne hören und spricht auch – wenn auch so laut, wie er hört. Maja konnte schon mit einem Jahr Gebärden für Essen und Trinken und Spielen. Und für ihre Spielzeugplüschgiraffe. Die nannte sie immer Mojo, wobei die Sozialarbeiterin nicht genau wusste, ob sie sie nur so nannte, weil sie ihren eigenen Namen nicht richtig sprechen konnte. Und auf den Tisch oder den Boden schlagen, das konnte sie auch von Anfang an. Nur dann hat Mama zu ihr hingeschaut.

Maja muss viel selber machen. Sie bedient das Telefon, wenn Oma nicht da ist. Oder das Faxgerät. Vom Amt kam mal jemand, um den Eltern einen Computer einzurichten, mit E-Mail und so, aber der Telefonanschluss mit Internet war zu teuer. Das Spezialtelefon mit Lichtalarm und Kurztext kostete bereits genug. Majas Traum ist, dass Mama und Papa einmal hören können und vielleicht sprechen. Am liebsten mag sie es, wenn Oma ihr vorliest. Nur, um ihre Stimme zu hören. Mama versucht das zwar auch, aber aus ihrem Mund kommen Laute, die so ganz anders klingen. Maja versteht sie trotzdem. Stimmlagen, Zorn und Müdigkeit, all das kann Mamas Stimme trotzdem transportieren.

Maja kümmert sich um ihre Schwestern. Nicolas ist noch klein, das macht die Mama. Aber die Svenja und die Zwillinge gehen noch zum Kindergarten, das macht Maja, bevor sie selbst zur Schule geht. Sie beantwortet artig jeden Morgen die Fragen der Erzieherinnen im Hort, ob es der Mama gut gehe und wie dem Vater. Maja nickt immer und wackelt mit dem Schulranzen, während sich ihre Schwestern die Hortschuhe anziehen. Alles bestens. Wenn es Nicolas gut geht. Und Vater arbeitet.

Maja freute sich früher sehr auf die Wochenenden. Dann kam immer Oma zu Besuch. Und Papa war da. Jedenfalls am Samstag. Am Sonntag musste er immer schon mittags wieder weg. Wegen Schicht, hat Oma gesagt. Inzwischen sind die Wochenenden nicht mehr so toll, seitdem Maja in der Fünften ist. Oma kommt nicht mehr so oft, schließlich ist Maja ja nun älter. Nicolas heult den ganzen Tag. Papa fährt immer noch am Sonntag Mittag auf Schicht, aber am Samstag sitzt er meist auf dem Dachboden in der Büroecke und hat den Computer an. Da spielt er dann mit anderen. Von Morgens bis abends. Inzwischen reicht das Geld wohl für das Internet. Da liest Papa dann immer die Sachen auf dem Bildschirm und lässt seinen roten Ritter durch irgendwelche Landschaften laufen.

Maja wäre auch gerne ein Ritter. Groß und stark. Im Moment macht sie der Samstag klein und kraftlos. Nicolas heult, sie bringt ihn zur Mama, die Zwillinge und Svenja machen Blödsinn hinter ihrem Rücken und Maja wird dann bestraft. Neulich kam Mama vom Dachboden herunter, das Baby auf dem Arm. Ihre Augen sahen traurig aus. Vorher hatten sich Mama und Papa laut angebrüllt. Maja kennt dieses Brüllen, sie kennt es seit Geburt. Zwischendrin, als sie im Kindergarten war, fand sie das Brüllen manchmal ganz lustig, wenn beide Eltern nach Worten suchten, die sie nicht aussprechen konnten. Inzwischen kann Maja das nicht mehr hören. Aber sie kann nicht vermitteln, kann nicht übersetzen, das hat sie nur einmal versucht. Niemals wieder.

Maja hat sich versteckt. Draußen im Wäldchen. Nach der Schule hat sie die Schwestern im Hort abgeholt, Svenja den Schlüssel in die Hand gedrückt und ihr erklärt, wie man die Tür aufmacht. Das wenigstens wird sie doch wohl hinbekommen. Dann ist Maja zum Wäldchen gelaufen, so schnell sie nur konnte, aus Angst, es könne plötzlich nicht mehr da sein. Sie hat sich ihren Platz gesucht, ganz am Rand, hinter dem dichten Brombeergebüsch, wo ihre Höhle ist. Da hat sie in einer Tupperdose zwei Bücher vergraben und eine Taschenlampe. Man kann nie wissen. Im Sommer ist es hier schön trocken. Jetzt im Kalten nur klamm und die Sträucher noch dorniger als sonst. Trotzdem reicht ihr das, was sie hier hat: Der Blick auf die zwei Häuser am Rande der Siedlung. In einem wohnen die Reicherts mit dem Jungen aus der Klasse unter ihr und dem kleinen Mädchen mit den blonden Zöpfen. Manchmal, wenn Maja Glück hat, sind die Eltern auch mit im Garten. So wie heute. Dann singen die vier ganz viel, oder lachen. Oder schreien und verstecken sich.

Aber das meiste sieht Maja, wenn das kleine Mädchen ruft, sei es, weil sie sich wehgetan hat, oder weil sie ihrer Mutter etwas im Garten zeigen will. Oder einfach nur so. Sie ruft nur ein oder zweimal. Sie hat eine klare schöne Stimme, gar nicht laut, wie bei Majas Schwestern. Und dann kommt ihre Mutter.

Prüfen Rufen Drücken

Mit diesem Pauschalslogan wirbt die Woche der Wiederbelebung EinLebenRetten. Dies ist eine Initiative der Deutschen Anästhesisten unter der Schirmherrschaft des Gesundheitsministeriums. Die wichtigste Botschaft: Leute, tut etwas, wenn Ihr an einen Unfallort kommt, und wenn Ihr einen bewußtlosen Menschen vorfindet, der keine Herzaktion oder Atmung zeigt: Prüft das, Ruft an und Drückt!

Bei Kindern sieht das primär nicht anders aus. Wer sich unsicher ist, wie man eine Atemspende gibt, und sich erst zehnmal überlegt, ob er lieber Mund-Nase oder Mund-Mund oder Mund-Nase/Mund oder wie beatmen soll oder sich gar ekelt: Auch bei Kindern: Drücken. Dabei sollte bei grossen Kindern (> 1 Jahr) wie bei Erwachsenen auch, das Brustbein mittig gegen die Wirbelsäule komprimiert werden – ca. 1/3 des Thoraxes – mit einer hohen Frequenz von 100/min., d.h. zügig deutlich mehr als eine Kompression pro Sekunde. Wer zu zweit ist, wechselt sich ab oder reanimiert im Verhältnis 30:2 Thoraxkompression zu Atemspende (wer sich das zutraut, sonst nur Herzdruck). Erst der hoffentlich eintreffende Rettungssani oder Notarzt beendet bzw. übernimmt die Reanimation.
Säuglinge unter einem Jahr reanimiert man besser mit nur zwei oder drei Fingern auf dem Brustkorb oder mit einem umfassenden Handgriff.

Die Aktion ist Spitze: Kurze prägnante Aussage – Mut zur Aktion.

Reanimationsempfehlung bei Kindern
Weltrekord, bei dem diese Woche 11800 Schüler “reanimiert” haben
Paul in Rettung mit vielen Geschichten zur Ersten Hilfe – zum Nacheifern.

Coole Jungs

Hey, schaust Du aber nett aus der Wäsche, als ich durch die Türe komme. Auf Deinem T-Shirt steht “Tausche Matchbox-Auto gegen grosse Schwester”, es ist knapp geschnitten, Muscle-Shirt haben wir das früherTM genannt, darunter eine Jeans von Pe.pe, modisch geritzt mit Fransen überm Knie und nicht darunter, sogar mit Gürtel. Und die Chucks, Größe “viel zu klein”, in frechem Rot, logisch ohne Schnürsenkel, die müsste man ja schnüren. Deine Haare sind ge-gel-t, das sieht man schon unter der schiefsitzenden Base-Cap mit Yankees-Logo.
Hey, noch stehst Du auf Entfernung, mit Deinen fünf Jahren, als ich durch die Tür komme. Deine Mutter sitzt auf ihrem Stuhl an meinem Schreibtisch. Du drehst Dich zu mir, machst eine lässige Handbewegung mit links – hält der Daumen wirklich Mittel- und Ringfinger zum Headbanger-Gruss? – , während die rechte in der Hosentasche verharrt. Deine erste Zahnlücke grinst zwischen Deinen Lippen hervor.
Als ich näher trete, um Deiner Mutter die Hand zu schütteln, bewegen sich Deine Beine schon ungewollt hinter ihren Stuhl, das sehe ich. Ich grüße Dich lachend und aufmunternd “Alles klar?”, Dein Lächeln erstirbt, jetzt hältst Du die linke vor der Brust mit dem Handrücken zu mir, als führe sie einen imaginären Schild.
Deine Mutter erzählt mir, dass Du eigentlich krank bist, Husten und so, Schnupfen, vorgestern auch etwas Fieber. Kindergarten (ist das mal cool?) – leider heute ausgefallen. Auf meine Ansage, Dich jetzt erst einmal zu untersuchen, sinkt auch der Fantasieschild herab, so wie Deine Mundwinkel.
Und als sich Deine Mutter zu Dir dreht, um Dich sanft nach vorne zu schieben, sinken Deine Augenwinkel dem Mund hinterher und die Unterlippe bekommt eine ganz und gar uncoole Schippeflunsch. Sind da auch schon Tränen in den Augen zu sehen?
“NEIN! Mama! Ich will nicht!”, brüllt es aus Dir heraus. Ruckzuck fliegt die Base-Cap durch den Raum, im Ringkampf mit Deiner Mutter zerfliegt Deine Gelfrisur zu einem Rabaukenschnitt, das T-Shirt kriegt Schlagseite, dass Deine Schwester Dich auch gerne eintauschen wolle. Deine Stimme bekommt ein solches Falsett, dass meinen fMFA vor der Tür ganz sicher die Ohren klingeln. Das alles, obwohl ich noch nicht einmal das Stethoskop in die Hand genommen habe.
Hey, gaaanz uncool, Pätrick-Jäson.

Vorherige ältere Einträge

Gesundheitsblog 2009 - 2.Platz
Wir geben 8 aufs Wort - Banner
1. Platz in Kategorie Baby und Kinder bei den Hitmeister Superblogs 2012
%d Bloggern gefällt das: