Bloß nichts verpassen

Ich soll bei dem Neunjährigen (3.Klasse) einen Sprachtest machen.

Ich: “Um was gehts denn genau?”
Mutter: “Ja, die Sprache ist manchmal nicht so. Also deutlich und so. Buchstaben.”
Ich: “Ok. Na denn. Dann schaue ich mal, wie schlimm das ist.”

Ich checke mit dem Jungen die ganze Palette meines Sprachtestprogramms durch (Einzelbuchstaben, Pluralbildung, Möhring, ZLT – die kleine Screeningeinheit des Kinderarztes) – wir sind so zwanzig, fünfundzwanzig Minuten beschäftigt. Alles ok. Glasklare Sprache, liest schon recht flüssig. Bingo.

Ich: “Sie haben es ja grade gehört, alles ist in Ordnung, prima. Ich kann nichts Schlimmes finden.”
Mutter: “Ja, gut.” Sie strahlt.
Sohn: “Alles prima, sag ich doch.”
Ich: “Wer kam denn auf die Idee mit dem Sprachtest? Gab´s denn Probleme in der Schule?”
Sohn: “Alles prima in der Schule.”
Mutter: “Ja, Schule ist alles bestens. Aber im Kindergarten, da gab´s immer noch Probleme mit dem /S/ und dem /SCH/. Konnte er da noch nicht.”
Ich: “Aber jetzt hört man davon ja nichts mehr.”
Mutter: “Ja, jetzt ist alles gut.”
Ich: “Und warum haben wir dann heute den Test gemacht?”
Mutter: “Haben die im Kindergarten vor der Schule so gesagt. Daß man das während der Schulzeit weiter verfolgen muß.”
Ich: “…” *

*siehe 20.6.

Weihnachtsbuchtipp No. 2

Dieses Jahr empfehle ich nur Ratgeber. Komisch. Egal.

Sehr ans Herz lege ich allen Eltern die Bücher von Herbert Renz-Polster, Kollegen und Schreiber, allen voran das “Gesundheit für Kinder”, ich hatte es unlängst schon erwähnt. In seinen letzten Büchern widmet er sich dem Evolutionären der Kindesentwicklung und -bedürfnissen, auch das neueste “Wie Kinder heute wachsen” ist von diesen Ideen durchflochten. Dabei variiert er sein Lieblingsthema um viele Nuancen, nicht wie manche Winterhoffs, die ihre eine Idee in mehreren Büchern lediglich wiederholen.

Wie Kinder heute wachsen” setzt zudem seinen Schwerpunkt in der Natur. Das erste Kapitel beschäftigt sich mit dem wichtigen Aspekt des Lernens durch Beziehungen und den verschiedenen Lerntypen, das zweite reflektiert die Natur als Entfaltungsraum und ideale Lernumgebung, da “ohne Grenzen” und mit Vielschichtigkeit. Natur ist alles, was keine Grenzen setzt, wo es alle Möglichkeiten gibt. Zitat: “Kinder brauchen keinen Spielplatz. Den brauchen nur wir Erwachsenen. Kinder würden überall spielen, das lassen wir nur nicht zu.”
Die nächsten Kapitel widmen sich dem Gesundheitsaspekt der Natur, wie naheliegend für uns Kinderärzte, und dem bösen Gegenpart, nämlich Computer und Internet, dem Renz-Polster aber erstaunlich viel Positives abgewinnen kann, um es aber schlußendlich doch zum Kontrapunkt zur Natur zu stellen. Es folgen die “Gefahren” der Natur (es gibt wenige)und die Wege dorthin (Kitas und Natur, Tiere, Neue Schulen). Im letzten Kapitel schließt er den grossen Bogen zu uns Eltern und der Natur, dass wir diese mit unseren Kindern gemeinsam erleben, denn – wie am Anfang erwähnt – lernen wir vor allem durch Beziehungen.

Das Buch ist gemeinsam geschrieben mit Gerald Hüther, dem (selbsternannten?) Doyen der deutschen Hirnforschung, dieser darf am Ende eines jeden Kapitels noch ein paar akademische Weisheiten zum besten geben. Ich weiß nicht, ob es dieser gebraucht hätte, teils fand ich sie etwas zusammenhanglos zu den Renz-Polster´schen Texten davor. Nach dem fünften Kapitel habe ich sie übersprungen, ups.

Renz-Polster assoziiert viel und kommt teils vom Höcksken aufs Stöcksken, aber das kennt man aus den Büchern zuvor. Das Buch lässt einen dennoch begeistern für die Welt da draussen, die doch eigentlich unsere Welt in uns ist, am Ende habe ich erstmal die maulenden Kinder geschnappt und wir sind durch die matschigen Felder marschiert, auf der Suche nach dem ausgehenden Herbst.

Achja: IMHO nicht ebook-tauglich – zu schöne Bilder und Vignetten, zu viel schöne Einschübe und farbige Absetzungen. Es sei “auf Buch” gegönnt.

So ähnlich:
Weihnachtsbuchtipp No.1
Menschen(s)kinder
kinder verstehen – eine buchkritik

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Die Vorsorgeuntersuchungen – U4

Oh, wie schön, eine U4. Ich hüpfe innerlich im Kreis und mache Handstand. Die Lieblings-Vorsorgeuntersuchungen aller. Das Kind ist meist entspannt, grinst einen an, völlig bahrbar jeglicher Fremdelversuche, die Eltern sind aus dem Gröbsten raus, der Bauch hat sich beruhigt, die Milchsäurebakterien haben ihr Werk getan. Die erste Impfung liegt auch schon hinter einem (und damit zumeist auch die Beratungen oder Diskussionen).

´s Bobele ist jetzt drei oder vier Monate, blickt wissend durch die Gegend, fixiert bereits sicher und folgt dem Blick, der Rassel oder dem Vollbart vom Opa. Die ersten Sprachlaute werden produziert, noch ein Lallen, Gurren und Quietschen, noch keine echten Worte, aber die Eltern hören bereits feine Nuancen heraus, ob das Kind Hunger hat oder einfach nur zufrieden ist. Bitte spätestens jetzt Reden Reden Reden mit dem Säugling, Kommunizieren, Geschichten erzählen, Singen, Plappern, vom Tag erzählen. Das Kind möchte sich mitteilen und möchte erfahren, dass es gehört (und vielleicht verstanden) wird. Wer jetzt keine Antwort bekommt, verstummt.

Die Eigenmotorik wird freudiger, ´s Bobele bewegt die Hände und die Beine, alles sieht locker, teils schon gezielt aus, es gibt Bewegungen zur Seite, noch ohne Drehen, der Kopf wird nach der Schallquelle oder dem Licht gedreht, das Kind “orientiert sich im Raum”. Dinge werden in der Hand gehalten, wenn auch noch kurz, das erste Spielzeug sind die eigenen Hände, sie werden betrachtet, zueinander bewegt, in den Mund gesteckt. Das produziert Speichel – ganz normal. Das Zahnen kommt erst später.

Man kann theoretisch ab dem vierten Monat mit der Löffelkost beginnen – ab 6. Monat sollte man. Auch das funktioniert jetzt das erste Mal: Der Löffel kommt, der Schnabel geht auf. Wer noch die Zunge schiebt, ist noch nicht soweit. Spätestens jetzt dürfen sich die Eltern mit diesem Thema “Beifüttern” beschäftigt haben: Über die Hebamme, über einen “Gläschenkurs”, über die erfahrenen fMFA des Kinderarztes. Bücher alleine reichen so wenig, wie es reicht, Kochbücher im Schrank zu haben, ohne jemals selbst gekocht zu haben.

U4 macht Spaß. Bei der U4 gibts immer was zu lachen – weil der Säugling so unbedarft lacht. Alles entspannt. Wenn die Eltern es sind. Denn wer selbst innerlich verkrampft, aus Angst vor dem Arzt oder Angst, etwas falsch zu machen, oder aus Angst, nicht entspannt zu sein – das bekommt der Säugling sofort mit. Dann geht vielleicht lieber der Vater zur U4?

(Ohne jetzt Schelte zu erwarten: 95% der U4 werden von der Mutter bestritten, bei der U3 sind noch 50% der Väter dabei – unrepräsentative Zählung in eigener Praxis im letzten Monat).

Aus dieser Reihe:
Die Vorsorgeuntersuchungen – U1
Die Vorsorgeuntersuchungen – U2
Die Vorsorgeuntersuchungen – U3

Die Vorsorgeuntersuchungen – U3

Jetzt gehts ans Eingemachte. Die U3 steht vor der Tür, das ist die Vorsorgeuntersuchung, welche meist am Anfang eines Kontaktes mit dem weiterbetreuenden Kinder- und Jugendarztes steht. Also steht an erster Stelle – wen nimmt man denn da? Wenn man Glück oder Pech hat, gibts nur einen am Ort, der wird es dann wohl sein. Manchmal hat man einen Kinderarzt auch schon bei der U2 kennengelernt, vielleicht ist es der? Ansonsten empfehle ich, Hebammen und andere Eltern zu fragen, das passt dann meist ganz gut.
Problematisch sind immer noch die Empfehlungen in den hinlänglich bekannten Arztbewertungs-Plattformen: Zu wenig “Tester”, die was schreiben, zu hoch der Anteil an negativen Kritiken, die “Rächer” schreiben mehr als die “Fans”. Leider kein Amazon-Effekt.

Bei der U3 empfiehlt es sich, ein wenig vorzuplanen: Den Termin am besten bereits nach der Entlassung aus dem Krankenhaus ausmachen, idealerweise mit beiden Elternteilen, zu einem Zeitpunkt am Tag, der für alle Beteiligten am entspanntesten ist: Die Arztpraxis wird Euch schon sagen, wann das ist aus ihrer Sicht, Ihr selbst müsst sehen, wann das bei Euch am besten klappt. Wir haben in der Praxis bisher immer diese zwei Mengen übereinanderlegen können.
Mitbringen: Säugling, Handtuch, Windeln, etwas Zeit, viele Fragen (am besten auf einer Liste), gelbes Untersuchungsheft, etwas zum Füttern. Wenn´s geht, das Kind eine halbe Stunde zuvor “abfüllen”, dann ist auch dieses “Probleme” gegessen.

In der Regel wird der Säugling erstmal vermessen (Kopf, Länge, Gewicht) und erhält ein letztes Mal das Vitamin K, wie bei U1 und U2. Damit ist diese Prophylaxe abgeschlossen. Auftritt Kinderarzt. Ich untersuche das Kind, unterhalte mich nebenher mit den Eltern, bitte sie, alle Fragen zu stellen, die sie loswerden wollen. Ich schaue nochmals nach angeborenen Veränderungen (Gaumenspalten, Fussfehlstellungen usw.), höre nach dem Herzen – spätestens jetzt werden angeborene Herzfehler hörbar und mache eine neurologische Untersuchung, die vor allem der Beurteilung der Motorik dient. Liegt der Säugling entspannt auf dem Bauch? Kann er schon mal den Kopf heben und zu beiden Seiten drehen? Liegen Asymmetrien vor, die sich durch einfaches Umlagern nicht beheben lassen? Ansonsten gibts Tipps zum Lagern, zum Heben, zum Tragen, bei Hardcore-Patienten auch Krankengymnastik. Die modische Osteopathie ist in 99,9% überflüssig.
Wie sieht der Nabel aus, wie die Fontanelle? Warum schmieren die Augen immer so? Und was hilft bei Blähungen (nichts…)? Wie oft darf man an die frische Luft? Und was, wenn mal jemand krank ist? Kontakt zu Rauchern? Und Haustieren? Ist das Schnarchen des Babys normal und dass Milch aus der Nase kommt, wenn es sich mal verschluckt? Was macht man gegen die Babyakne und gegen den Milchschorf?

Es folgt eine Ultraschalluntersuchung der Hüftgelenke. Hier messen die Kinder- und Jugendärzte den Reifegrad der Hüftpfanne, wenn es hier Verzögerungen gibt, wird bestenfalls kontrolliert, schlechtestenfalls darf der Kinderorthopäde gegenchecken und evtl. eine Spreizhose anpassen.

Alles eintragen im Heft – Prophylaxe für die Knochenentwicklung rezeptieren (Vitamin D), nochmals nach Fragen fragen, die Impfungen ansprechen, Infomaterial mitgeben oder schon aktuell beraten, dann noch ansprechen, was im Notfall außerhalb unserer Sprechzeiten zu tun ist (Notdienst? Nottelefon? Krankenhaus?), und das wars. Dauert bei uns ungefähr eine ganze Stunde, wenn die Eltern nach zwei Wochen nicht wieder da sind, habe ich gut beraten ;-)

Früher gebloggt:
Die Vorsorgeuntersuchungen – U2
Die Vorsorgeuntersuchungen – U1

Wahrheit und Pflicht

Neulich an der Supermarktkasse.
Mutter No.1: “Dann musste ich beim Kinderarzt doch letztens ankreuzen, wieviel Fernsehen der Lenni so guckt.”
Mutter No.2: “Was, wirlich? Ui, na und?”
Mutter No.1: “Ja, bei der U7plus, sollt ich ankreuzen, ob bis eine Stunde, über eine Stunde oder mehr als drei Stunden.”
Mutter No.2: “Nu, da haste aber doch wohl…”
Mutter No.1: “… na klar, bis eine Stunde angekreuzt.”
Mutter No.2: “Ja, logisch.”
Mutter No.1: “Aber sicher, sonst hätte ich doch gleich diskutieren müssen. Bin ich doof?”

Filofax-Eltern IV

Mönsch, schon wieder ein Jahr vorbei, sie waren recht selten da in dieser Zeit, meine Filofax-Eltern, mal eine Erkältung hier, mal ein Durchfall da, nach der Akte nur dreimal im ganzen Jahr. Das spricht für ein gesundes Kind oder gesunde Eltern, jedenfalls, was den Umgang mit Akuterkrankungen angeht. Heute also die U7plus, die Vorsorgeuntersuchung mit Drei – bereits schulvorbereitend – jedenfalls aus Sicht mancher Kindergärten oder der Eltern.
Vater Filofax hat heute gar kein technisches Equpiment dabei – ich bin etwas enttäuscht – dafür zeigt mir die Mutter die ersten Malversuche ihrer Tochter.
„Sehen Sie, das ist unser Haus“, sie deutet auf ein Konglomerat aus Strichen und Kreisfiguren.
„Wunderbar, die Linien sind schon geschlossen“, lobe ich, „das sieht man immer gerne in diesem Alter.“
„Das kann sie ja sonst viel besser“, winkt der Vater ab. „Letztens hat sie mein Auto gemalt, wissen Sie, wir haben so einen Opel Zafira, der hat so ein einen Klappmechanismus für die Hintersitze, da kann man…“
„Ach, Schatz, lass mal“, unterbricht ihn die Mutter. „Tut doch jetzt nichts zur Sache.“
Zu mir: „Aber schön war das mal schon.“ Ich stelle mir ein ähnliches Kunstwerk wie das „Haus“ vor, sage aber lieber nichts. Wir Kinderärzte sind schon sehr streng: Strichfiguren und Kreisfiguren – wunderbar. Bildliche Darstellungen? Unwahrscheinlich. Aber alles in der Perspektive des Betrachters.

Bela-Maryke zeigt sich von ihrer besten Seite – ganz ohne Häme. Sie lässt sich untersuchen, sie zeigt mir alle Sprachbilder, sie hüpft und läuft rückwärts, kann schon die Farben zuordnen und zählt („Eins, Zwei, Vier, Sechs“ – vielleicht hat die Zahlenfrühförderung des Vaters doch Früchte getragen, diesmal mit Häme). Nur gegen Ende spielt sie die Prinzessin, entdeckt sie doch plötzlich, dass sie alles mitgemacht hat, was sie eigentlich doch nicht wollte. Ausgerechnet beim Ballkicken steht sie da wie eselstur, auf meine wiederholte Aufforderung zieht sie eine Flunsch und schaut mitleidsheischend nach der Mama: „Mamaaaah!“
„Komm, das kannste doch“, sagt der Vater etwas zu bissig.
„Mamaahaa!“
„Musste auch nicht, wenn Du nicht willst“, rettet sie die Mutter.
Worauf Bela-Maryke mit schwimmenden Augen in den rettenden Schoß der Mutter flüchtet.
Ach, ich liebe die kleinen Tyrannen.
„Zuhause kannses“, murmelt der Vater, sichtlich enttäuscht, dass seine Tochter nicht gut genug perform-t.
Und die Mutter verbringt den Rest der Vorsorge damit, das Kind unter Gebrülle anzuziehen.
Als hätte ich es geahnt.

Dennoch bin ich zufrieden.
Wir unterhalten uns noch etwas über diametrale Erziehungsstrategien der Eltern und wie man mit der Selbstbestimmung der Kinder umgehen kann, ohne sie gleich zu willfährige Mitläufer zu machen. Mein Optimismus der U3 war begründet – im Rach´schen Sinne „mache ich mir um die Entwicklung dieses Kindes keine Sorgen mehr.“

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1. Platz in Kategorie Baby und Kinder bei den Hitmeister Superblogs 2012
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