Wahrheit und Pflicht

Neulich an der Supermarktkasse.
Mutter No.1: “Dann musste ich beim Kinderarzt doch letztens ankreuzen, wieviel Fernsehen der Lenni so guckt.”
Mutter No.2: “Was, wirlich? Ui, na und?”
Mutter No.1: “Ja, bei der U7plus, sollt ich ankreuzen, ob bis eine Stunde, über eine Stunde oder mehr als drei Stunden.”
Mutter No.2: “Nu, da haste aber doch wohl…”
Mutter No.1: “… na klar, bis eine Stunde angekreuzt.”
Mutter No.2: “Ja, logisch.”
Mutter No.1: “Aber sicher, sonst hätte ich doch gleich diskutieren müssen. Bin ich doof?”

Filofax-Eltern IV

Mönsch, schon wieder ein Jahr vorbei, sie waren recht selten da in dieser Zeit, meine Filofax-Eltern, mal eine Erkältung hier, mal ein Durchfall da, nach der Akte nur dreimal im ganzen Jahr. Das spricht für ein gesundes Kind oder gesunde Eltern, jedenfalls, was den Umgang mit Akuterkrankungen angeht. Heute also die U7plus, die Vorsorgeuntersuchung mit Drei – bereits schulvorbereitend – jedenfalls aus Sicht mancher Kindergärten oder der Eltern.
Vater Filofax hat heute gar kein technisches Equpiment dabei – ich bin etwas enttäuscht – dafür zeigt mir die Mutter die ersten Malversuche ihrer Tochter.
„Sehen Sie, das ist unser Haus“, sie deutet auf ein Konglomerat aus Strichen und Kreisfiguren.
„Wunderbar, die Linien sind schon geschlossen“, lobe ich, „das sieht man immer gerne in diesem Alter.“
„Das kann sie ja sonst viel besser“, winkt der Vater ab. „Letztens hat sie mein Auto gemalt, wissen Sie, wir haben so einen Opel Zafira, der hat so ein einen Klappmechanismus für die Hintersitze, da kann man…“
„Ach, Schatz, lass mal“, unterbricht ihn die Mutter. „Tut doch jetzt nichts zur Sache.“
Zu mir: „Aber schön war das mal schon.“ Ich stelle mir ein ähnliches Kunstwerk wie das „Haus“ vor, sage aber lieber nichts. Wir Kinderärzte sind schon sehr streng: Strichfiguren und Kreisfiguren – wunderbar. Bildliche Darstellungen? Unwahrscheinlich. Aber alles in der Perspektive des Betrachters.

Bela-Maryke zeigt sich von ihrer besten Seite – ganz ohne Häme. Sie lässt sich untersuchen, sie zeigt mir alle Sprachbilder, sie hüpft und läuft rückwärts, kann schon die Farben zuordnen und zählt („Eins, Zwei, Vier, Sechs“ – vielleicht hat die Zahlenfrühförderung des Vaters doch Früchte getragen, diesmal mit Häme). Nur gegen Ende spielt sie die Prinzessin, entdeckt sie doch plötzlich, dass sie alles mitgemacht hat, was sie eigentlich doch nicht wollte. Ausgerechnet beim Ballkicken steht sie da wie eselstur, auf meine wiederholte Aufforderung zieht sie eine Flunsch und schaut mitleidsheischend nach der Mama: „Mamaaaah!“
„Komm, das kannste doch“, sagt der Vater etwas zu bissig.
„Mamaahaa!“
„Musste auch nicht, wenn Du nicht willst“, rettet sie die Mutter.
Worauf Bela-Maryke mit schwimmenden Augen in den rettenden Schoß der Mutter flüchtet.
Ach, ich liebe die kleinen Tyrannen.
„Zuhause kannses“, murmelt der Vater, sichtlich enttäuscht, dass seine Tochter nicht gut genug perform-t.
Und die Mutter verbringt den Rest der Vorsorge damit, das Kind unter Gebrülle anzuziehen.
Als hätte ich es geahnt.

Dennoch bin ich zufrieden.
Wir unterhalten uns noch etwas über diametrale Erziehungsstrategien der Eltern und wie man mit der Selbstbestimmung der Kinder umgehen kann, ohne sie gleich zu willfährige Mitläufer zu machen. Mein Optimismus der U3 war begründet – im Rach´schen Sinne „mache ich mir um die Entwicklung dieses Kindes keine Sorgen mehr.“

zwischenrein ein wenig werbung

nur mal so für zwischendurch -

insofern nicht ohne Reiz, weil die Firma als Multifunktionsausstatter für Kindern sehr wohl auch das Bedürfnis der Eltern bedient, aus ihren Kinder stets das Beste durch die beste Förderung herauszuholen. Und dabei auch noch gut auszusehen. Völlig verständlich. Und ein schönes Video.

filter

achja genau, heute wieder: wie man schlauer wird in der schule…. doch, auch darum geht es in der kinderarztpraxis.

“musst halt besser aufpassen”, sagt die omma. oder “schwätz nicht so viel”, sagt meist die frau an der tafel. und mutter und vater haben nur den standardspruch auf lager: “also zu unserer zeit, da habe ich schon…” man setze ein: “… goethe rezitiert…”, “… die siebtewurzelauszwölfhundertvierundsechzig gezogen…” oder “… sämtliche römischen kaiser einschließlich ihrer lebenszeiten auswendig beherrscht…”

aber darum geht es heute ja schon lange nicht mehr. heut gehts nur noch um aufmerksamkeit. um konzentration. “der justin-hinnerk guckt ständig aus´m fenster, egal wo er sitzt in der klasse, wir haben jetzt schon alle plätze durch.” oder “der kann immer noch nicht seinen namen tanzen, vielleicht hat er die aufgabe nicht ganz verstanden. die lehrerin sagt aber, er könne den sinn nicht so ganz filtern.” auweia.

dann kommt der reflex medikamente. und der reflex ernährung. und der reflex ärgertherapie. nicht zwingend in dieser reihenfolge. meist fängts mit letzterer an, denn “da kann er mal lernen, seinen tagesablauf zu strukturieren”. andererseits “wissense herr dokter, wir haben ja auch schon verschiedene nahrungsmittel durch, die algenpräparate zum beispiel und das andere fischzeug, und sogar den zucker lassen wir nun komplett weg, bringt aber nix, der holt sich immer die stückle vom bäcker, dann ist alles für die katz.” und am ende dann der ruf nach “… rrrr-idalin, herr dokter, der maavin von nebenan kriecht das auch von seinem dokter, und seitdem isses alles ville besser.”

auweh. es ist mai. es ist die zeit der entwicklungsgespräche im kindergarten und der versetzungsgespräche in der schule. und wenn da gar nichts mehr geht, dann muss der doktor her. und ich bin dann der filter. ich muß hören, fragen, sprechen, erfassen, einschätzen, testen. ich darf die spreu vom weizen trennen, das medizinische vom pädagogischen, das pathologische vom normalen, das dimensionale vom eigentlichen. es ist schade, dass dies beim arzt geschieht, oder?

filofax-eltern III

zum dritten, aber zum zweiten geburtstag ihres kindes, sind sie wieder da, die filofaxeltern. der spitzname ist schon veraltet, auch wenn sie so immer bei mir heißen werden, hatte papa doch das letzte mal bereits alles im kopf gespeichert. ich hätte mit mir gewettet, dass er den heutigen termin auf einem ipad notiert, aber so hip sind sie dann doch nicht.

die mutter hatte ich in den letzten zwei jahren hin und wieder gesehen, sie begleitete stets die tochter, wenn es um erkrankungen ging. papa arbeitet und kommt nur zu den vorsorgeterminen. wir haben uns ausgetauscht über die selbstheilungskräfte des kindlichen organismus, die entbehrlichkeit der meisten medikamente, vor allem derer, die man over-the-counter in den apotheken erhält. und wir hatten auch die erste diskussion über das notwendige antibiotikum bei der eitrig laufenden ohrenentzündung hinter uns gebracht einschließlich des abendlichen anrufes des vaters, ob man nun das antibiotikum mit milch geben dürfe oder nicht und ob man nicht den darm nach all den strapazen wieder aufbauen müsse. man lese ja soviel im internet darüber.

nun also die u7. das trotzen noch von der letzten vorsorge bewegte sich im normalen altersentsprechendem maße, die untersuchung war ein wechsel zwischen beschwichtigung der mutter, verzweifelten versuchen des vaters, das kind mit der babyrassel abzulenken, und meinen bemühungen, an beiden vorbei wenigstens sekundenweise das stethoskop zum einsatz zu bringen. als wir uns auf eine position einigen konnten – ihre tochter saß im kuschelkreis an mama geklammert auf dem schoß, mutter selbst saß auf dem stuhl, vater rasselte von der einen seite und ich lauschte von der anderen – wurde tochter kurzzeitig ruhig, um bei der geringsten unerwarteten bewegung einer der drei erwachsenen sofort wieder ins brüllen zu verfallen. irgendwie gelang die körperliche untersuchung trotzdem.

nach meinen obligatorischen fragen zur entwicklung und der wichtigen frage nach wichtigen fragen der eltern zog vater filofax, doch tatsächlich  sein: … iphone aus der tasche und stellte die ultimative frage: “welche zahlen muß sie denn jetzt schon können?” ich war mir nicht sicher, was er damit meinte. zahlen, mengen, zahlensymbole, zählen? doch auf meine vorsichtige antwort, dass immerhin manche zweijährige schon sagen könnten, dass sie zwei sind, ließ er nicht locker. schließlich sei es doch unumgänglich, dass kinder bereits so früh mit den aufgaben der schule vertraut gemacht werden. wiederholung sei doch die halbe miete. wenn er jetzt schon mit dem zahlenbereich bis zehn beginne, das bis drei jahre auf zwanzig oder so aufbaue, und dann auch schon die kleinen einmaleins-schritte übe, zahle sich das doch später aus.

ich deutete vorsichtig an, dass es gerade in der presse sehr en vogue sei, sich über den förderwahn bei kinder auseinanderzusetzen, und dass die moderne hirnforschung sehr wohl grenzen setze beim lernen und es zudem inzwischen allgemeingut sei, dass kinder in diesem alter doch eher spielerisch lernten, besser auch viel draußen spielen sollten und überhaupt eher altersentsprechend gefördert werden sollten. aber ich war wohl zu unpräzise, denn es kam nur ein: “und wie sieht es mit den buchstaben aus? das *b* aus ihrem namen kann sie jetzt schon.” arme bella-maryke.

robert

robert ist so ein kandidat, der mir für die zukunft sorgen macht.

er ist jetzt schon vierzehn, und immer ist seine oma bei ihm. der vater existiert noch irgendwo, er sieht ihn nur noch selten, die mutter ist noch länger verschollen. die zwei haben sich getrennt, als robert vier jahre alt war, da “isse über alle berge”, wie die oma immer sagt. und zum vater darf er schon, wenn der ihn sehen will, aber oma ist froh, wenn er da nicht hingeht, denn “da stinkt er immer so nach kippen, wissense, der bub.”

robert hat schon im kindergarten seine probleme gehabt, vor zehn jahren hieß das noch “ein frühförderkind”, heute wäre es wahrscheinlich ein frühes ads, ohne h. robert träumt gerne vor sich hin. nach dem kindergarten hat er seine erste ehrenrunde in der grundschulförderklasse gedreht, dann war der einstieg in die schule etwas leichter. nach der zweiten klasse bekam er ergotherapie, weil seine schreib- und malkünste auch die grundschullehrerin nicht entscheidend verbessern konnte. zwischendrin gings oma nicht so gut. die galle. da hat er dann die dritte wiederholt.

jetzt erst er schon in der weiterführenden schule. sogar auf real. das beeindruckt mich sehr. wie er da auf der untersuchungsliege sitzt, mit klaren, frischen augen, die schultern vielleicht eine spur zu sehr hängend, hört man eine leise zuversicht in seiner stimme, wenn er von seinem vater spricht, den er vielleicht zu ostern besuchen geht. “ja, wenn nich wieder die neue von dem da is`” sagt die oma. “dann darf der robert wieder nich hin.” robert schaut zu seiner oma, und sein blick verrät, dass er ihr in diesem gedanken nicht folgen will.

für die oma zählt nur, dass robert grad nicht schlafen kann. deshalb sind sie da. es ist das übliche: zuviel fernsehen, zuviel pc, zuviel playstation nach dem abendessen. mal um achte ins bett, mal um zwölfe, am wochenende ausschlafen in den mittag, unter der woche, klar, früh raus in die schule. kein erholendes schlafritual. und supermario oder “was ich im fernsehen gucke? keine ahnung” sind keine guten schlaflieder. ob´s da nicht “was so tablettche” gebe, fragt die oma. ein tee tät´s auch. sagt die oma. und als ich auf das fernsehen und den computer zu sprechen komme, verflucht sie “den janzen miste”, den´s doch früher nicht gab. “aber wissese, herr dokter, wer soll ihm die flausen schon aus dem kopf pusten?”

die oma kümmert sich. dabei hätte sie gerne ein enkelchen, dass sie verwöhnen kann. so muß sie einen zweiten sohn erziehen. und robert? der hat hoffentlich noch lange diese oma. denn was, wenn ihm auch diese noch abhanden kommt, so wie mama und papa?

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