Terminquickie

Termin zur U6, 11 Uhr.
Mutter am Telefon: “…ja, wollte ich anrufen wegen meinem Termin jetzt.”
fMFA: “Ja, genau, jetzt um 11 Uhr.”
Mutter: “Richtig, wollte nur sagen, wir kommen eine Stunde später, is´ ok?”
fMFA: “Das ist nett, dass Sie anrufen, aber da geht es leider nicht.”
Mutter: “Wieso? Da kann aber erst mein Mann, hat Schicht bis zehn vor.”
fMFA: “Schon, nur Ihr Termin ist ja jetzt.”
Mutter: “Geht jetzt nicht.”
fMFA: “Um 12 Uhr ist der Doktor in der Mittagspause.”
Mutter: “Kann man verschieben?”
fMFA: “Den Termin? Ja, sicher, müssen wir wohl …”
Mutter: “Nein, die Mittagspause?”
fMFA: “Äh… ich gebe einen neuen Termin, ok?”

Küken 4.0

Seit letztem Herbst haben wir eine neue Auszubildende, stets ein Quell der Freude und des Einblicks in die Jugend-von-heute ™. Letztens habe ich mit ihr Blutdruckmessen geübt.
Küken: “Hat mir Moni schon gezeigt.”
Ich: “Na, dann, machen Sie mal.”
Sie läuft los und holt das vollautomatische Hightech-Quadrupel-Messgerät.
Ich: “Ne, Ne, das kommt später. Messen Sie mal mit der Hand.”
Küken (nebst Fragezeichen): “Am Arm?”
Ich: “Ja. Klar. Aber aus der Hand. Also mit dem Handgerät.”
Küken: “Aber schon am Arm?”
Ich: “Ja. Die Manschetten liegen auch da im Schrank.”
Küken: “Kenn ich, Kann ich, hat mir mein Bruder schon mal beigebracht, der ist bei den ASBlern.”
Und die Arzthelferinnen zeigen das auch von Anfang an. Grundprinzip bei allem: Zuschauen, Einweisen, Selbermachen, Alleinemachen.
Sie läuft los und kommt mit der Handmanschette wieder. Wir bewegen uns zu unserem Opfer – ein vierzehnjähriger schlanker Mann zur Sportuntersuchung, sicher gute Kreislaufwerte – und weihen ihn in unsere Absichten ein. Erlaubnis erteilt.

Das Küken legt die Manschette korrekt an, findet auch die Innenseite des Ellenbogens, platziert die Markierung “Arteria” korrekt und fängt an zu pumpen. Pffft, die Luft entweicht. Nochmal pumpen. Pffft, die Luft entweicht. Ich lasse erstmal machen, sage nichts. Kenn ich, kann ich.
Sie entdeckt das Rädchen zum Schließen des Ventils und dreht. Erstmal so rum. Pffft, die Luft entweicht. Also andersrum. Erfolg.
Die Nadel steigt auf 120, 130, 140… 180, 200. Sie hat ein Erbarmen.
Dann schaut sie den Arm an, die Manschette, das Manometer.
Küken: “Oh, ich glaube, ich brauche noch ein Stethoskop.”
Ich nicke und reiche ihr meins. Details später, denke ich mir.

Sie hört. Macht das Rädchen auf, die Luft rauscht ab, der Zeiger auch. Binnen Sekundenbruchteile auf 40 mmHg. Das ist nicht einfach, ich weiß.
Sie pumpt wieder auf. Sie lässt wieder ab. Sie pumpt wieder auf, sie lässt wieder ab.
Am Ende bekommen wir einen Wert von 120/80 – das dachte ich mir schon – , Details kommen später.

Küken: “Gut. Das war´s”, sprach´s zum Vierzehnjährigen.
Ich: “Fehlt noch was?”
Küken: “Aufräumen!”
Richtig. Predige ich jeden Tag. Aufräumen. Wann immer eine Arbeit getan ist.
Ich: “Schon, sehr gut! Noch was? Was gehört immer zum Blutdruck dazu?”
Küken: “Ah! Puls!”
Ich nicke.

Sie sucht verzweifelt nach einer Uhr, der Vierzehnjährige kann aushelfen. Sie sucht nach dem Puls, zwei Finger, sehr gut, Innenseite radialseitig, sehr gut. Prima. Sie schaut auf die Uhr, sie tastet den Puls, sie schaut auf die Uhr. Schaut auf die Uhr.
Ich: “Soll ich Ihnen die Zeit ansagen?”
Küken: “Auja.” Es ist eine Digitaluhr mit Ziffern statt Zeigern.
Ich: “OK, wie möchten Sie das machen?”
Küken: “Fünfzehn Sekunden.”
Machen wir. Ich sage “Start!”, sie zählt den Puls und zählt den Puls, ich sage “Stop!”, sie zögert und sagt “Siebzehn!”
Ich: “Gut. Und nun?”
Küken: “Ähm. Jetzt pro Minute.”
Ich: “Also? Wie geht das?”
Küken… zögert … (vorsichtig): “… mal vier?”
Ich: “Richtig! Und wieviel ist das?”
Küken…: “…”
Küken?
Ich: “Können Sie ja draussen rechnen, ich frag Sie nachher, ok?”
Sie nickt.
Ich: “Wunderbar, bis dahin. Vielen Dank. Das üben sie jetzt bei jedem Jugendlichen, ok?”

Ich widme mich dem jungen Mann, mache meine Untersuchung, verabschiede ihn und gehe wieder an die Anmeldung, um meinen Befund zu notieren. Sie kommt mir strahlend entgegen.
“Siebenundsechzig!”

Haben wir nicht mehr

Beim Bestellen von Verbrauchsmaterialien (Impfstoffe, Sprechstundenbedarf, Schreibzeugs, Putzmittel, Handtücher usw.) ergeben sich zwangsläufig einige Regeln:

1. Das Material X wird immer dann am dringendsten gebraucht, wenn es verbraucht ist.
2. Das Material X ist genau dann beim Versender nicht lieferbar.
3. Das Material Y mit dem kürzesten Verfallsdatum (MHD) kostet am meisten (–> Adrenalininjektor).
4. Wird eine Sammelbestellung erarbeitet und versandt, gibt es stets das Phänomen des “Ich hab da noch was – oh, Du hast das Fax schon abgeschickt”.
5. Das Objekt des Phänomens aus No. 4 ist das dringendst benötigte.
6. Der/Die Bestellbeauftragte für die verbrauchten Materialien XYZ hat immer frei.
7. Medikamente laufen immer dann ab, wenn sie gebraucht werden. Paradebeispiel: Notfallmedikamente. Gegenbeispiel: Salben.
8. Medikamente werden immer dann aus der SSB-Liste gestrichen, wenn sie am meisten genutzt werden.
9. Wichtigstes Verbrauchsmaterial in Arbeitsgruppen (Praxis/Krankenhaus/Büro): Kaffee. Ist immer knapp.
10. Sonderangebote an Verbrauchsmaterialen orientieren sich nicht am Bedarf, sondern an der Lagerdauer beim Versender.
11. Bonusgeschenke der Versender sind stets a) kleiner als auf der Abbildung b) instabiler als Rutherfordium und c) schwer weiter zu verschenken.
12. Listen zu benötigten Verbrauchsmaterialien existieren ausschließlich virtuell. Bemühungen, diese in Schriftform zu bannen, scheitern bereits in Ansätzen.
13. “Haben-wir-noch?” ist das Synonym für “Muss-man-bestellen” bzw. “Kann-ich-mal-haben?”

Spezialfälle:
- Fibrinkleber – ist in der akuten Gebrauchsform stets eingetrocknet.
- Briefmarken – existieren stets in höherwertigen unpassenden Mengen, zu viel oder zu wenig
- Papierhandtücher – sind a) zu dünn und b) nicht saugend und c) fehlgefaltet (C-Form oder Z-Form)
- Kugelschreiber – existieren in der Regel nur als Werbeträger und sind auch nur als solche zu gebrauchen

Warum ich ausgerechnet jetzt darauf komme?
14. Am Anfang des Quartals/Jahres/Monats ist alles alle.

Terminkonkurrenz

Mutter: “Können Sie mir noch einen Termin für die U8 geben?”
freundliche MFA: “Ja gerne, Ihr Sohn wird Anfang Januar vier Jahre alt, wie wäre es dann mit dem 8.Januar?”
Mutter: “Geht das nicht früher?”
fMFA: “Wir machen das gerne um den Geburtstag herum…”
Mutter: “Die kann man doch auch schon jetzt machen, oder?”
fMFA: “Ja, die U8 kann man ab dreieinhalb machen, Ihr Sohn hatte im Januar aber die U7a, da macht es Sinn, nach einem Jahr die nächste Vorsorge zu machen, dann bleibt der Jahresabstand erhalten.”
Mutter: “Ach, wissen Sie, dann nehme ich doch den Termin bei Doktor Gautert, da habe ich schon einen Termin am 11.Dezember bekommen…”

Doktor Gautert ist der Kinderarzt im Nachbarort.

Neue Ziffern für gleiche Arbeit

Mal wieder wird die Gemeinde der Ärzte mit einem neuen Abrechnungsschlüssel geplagt, dem so genannten “Einheitlichen Bewertungsmaßstab“, kurz EBM, hier finden sich die Abrechnungsziffern für die verschiedenen erbrachten Leistungen. In der Zeit meiner Niederlassung ist das jetzt bereits die vierte Nivellierung des EBM – bisher konnte ich keine Verbesserung ausmachen. In der vorletzten Veränderung (war das 2004?) wurden viele viele Einzelleistungen zu Pauschalen vereinheitlicht, um die Abrechnung zu erleichtern, es ergab sich eine Flatline-Behandlung: egal wie oft der Patient im Quartal kommt, es fließt stets das gleiche Geld. Bei einem Auftritt ist das viel, beim fünfzehnten Mal verdammt wenig. Kinder kommen eher häufig zum Arzt.

Der neue EBM ist von den Pauschalen nicht weg gekommen. Aber: Es gibt neue Gesprächsziffern (die 2011 gelöscht worden waren), um die sprechende Medizin wieder mehr zu würdigen. Außerdem gibt es genauere Differenzierungen bei chronischkranken Patienten, denn die müssen ja häufiger zum Arzt, und da darf es ein Plus bei der Quartalspauschale geben. Klingt ja erst einmal gut.
Problem: Es gibt ja nicht mehr Geld im System. Die Krankenkassen haben Überschüsse, die sie jetzt endlich auch mal an die Versicherten zurückgeben, die Ärztegehälter steigen jedes Jahr (wobei ich mich immer frage, wer davon wirklich profitiert – in meiner Jahresbilanz kommt seit Jahren immer weniger pro Patient raus) – also fließt keine neues Geld in den EBM. Da es aber neue Ziffern gibt (eben die Gesprächsziffer), wird auf der anderen Seite wieder bei der Bewertung der Pauschalen gespart.
Bedeutet in der Summe: Alles bleibt beim Alten, nur die Gewichtung ist anders. Wer allerdings vergisst, das zwanzig-Minuten-Gespräch mit Mutter Siebke wegen der toten Katze des Nachbarn und den Auswirkungen auf die Psyche der sechsmonatigen Tochter abzurechnen – Pech.

Im Alltag heißt das zum 1.10.: Update des Arzt-EDV-Programms, Schulung der fMFA, diverse Post-its auf dem Bildschirm (“Hallo, Dummkopf, hier eine Gesprächsziffer ansetzen!”) und penibles Nachrechnen nach zwei Quartalen (denn dann gibts erst die Zahlen), ob sich das alles so gelohnt hat.

Achja: Die GOÄ, die Gebührenordnung für Ärzte, nach der Leistungen für Privatpatienten abgerechnet werden, datiert von 1985 (!), die finanzielle Anpassung ist seit 1996 unverändert, d.h. für eine einzelne Impfung oder ein Gespräch bekommst Du Arzt immer noch das gleiche Geld wie vor siebzehn Jahren – das nenne ich einen konsequenten Inflationsausgleich.

Ku-hu-rz

Mutter an der Anmeldung: “Ich weiß, dass ich keinen Termin habe, aber der Dokter soll ja auch nur mal kurz wegen dem Schnupfen von der Marlyn…”
fMFA: “Tut mir leid, Sie dürfen sich gerne nochmal kurz ins Wartezimmer setzen, der Doktor hat noch ein paar Vorsorgen und dann kommen noch zwei akute Fälle mit Termin.”
Mutter: “Wie jetzt? Ist doch nur ku-hu-rz…”
fMFA: “Ich verstehe das. Aber bei vielen ist es nur ganz kurz, und in der Summe ist es lang für die, die einen Termin haben.”
Fehler meinerseits: Ich komme aus einem Zimmer und gehe, bevor ich ins nächste Zimmer gehe, kurz in den Personalraum (Aufschrift “Personal” = “Faulenzen”), um die Kaffeemaschine zu starten (Knöpfchen – Wasser aufwärmen – Chance von fünfzehn Minuten, bevor die Kaffeemaschine wieder alleine ausgeht).
Mutter: “Aber da war er doch grad der Dokter…”
fMFA: “Ja, schon, aber jetzt muß er doch zu der nächsten Vorsorge, die warten doch auch schon auf ihn.”
Mutter: “Aber grad lief doch da die Kaffeemaschine an, da hätter doch mal ku-hu-rz…”
Ich lasse mir nichts anmerken, schlage mir ein imaginäres Staubflöckchen vom Hosenbein und gehe ins nächste Zimmer (die Uhr tickt … die Kaffeemaschine ist an…)
Mutter hinter mir, verklingend: “Jetzt isser weg, da hätten´se doch ku-hu-rz mal…”
Ich, Tür zu: “Hallo, Frau Karabay, na, was gibt´s denn?”
Frau Karabay: “Die U6 beim Alican, wir warten auch schon …”
Ich lächle. Denn Lächeln vertreibt die Sorgen.

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