Die Dinge besprechen

K.O.-Gespräche bei der U3:
- Vitamin D, macht das nicht den Schädel weich?
- Sie impfen schon ab dem nächsten Monat, und dann gleich alles auf einmal?
- Wir waren schon mal beim Osteopath, denn die Geburt war so traumatisch, sagt die Hebamme.
- Wie stehen Sie denn zur Homöopathie?
- Bekommen wir dann auch einen Ultraschallpaß?

Ich find’s gut, dass wir das gleich am Anfang abarbeiten. Dann ist genug Zeit für alle Beteiligten, sich aneinander zu gewöhnen. Oder sich woanders zu finden.

Volkskrankheit Allergie

Einen Supervortrag gab es heute zur Eröffnung des Herbstseminarkongresses der Kinder- und Jugendärzte im schönen überschaubaren Bad Orb: Über die Volkskrankheit Allergie, und wie diese in der Bevölkerung und der Gesundheitspolitik unterschätzt wird. Allergien werden als Befindlichkeit wahrgenommen (“das bisschen Heuschnupfen”) und die Risiken unterschätzt.
- 18% der Bevölkerung leiden unter einem relevanten Heuschnupfen, der unbehandelt zum Asthma führen kann.
- 30% haben überhaupt Allergien (incl. nachgewiesener Nahrungsmittelallergien, allergischem Asthma und Neurodermitis usw.).
- 5000 Menschen sterben jährlich in Deutschland an Asthma (aus dem Weißbuch Allergie in Deutschland 2010).
- Zwischen 2007 und 2010 kam es zu einer Zunahme der Asthmaerkrankungen von 8%.
- Im gleichen Zeitraum nahm die Zahl der therapierenden Praxen um 27% ab! (vor allem aufgrund der miserablen Vergütungen für die Ärzte. Es lohnt sich einfach nicht, Asthmatiker zu behandeln…)
- Trotzdem ist es medizinisch sehr effektiv, Asthmatiker zu versorgen: Die “Number needed to treat” liegt bei Vier, d.h. man behandelt vier Patienten, um einen Asthmanfall zu verhindern (zum Vergleich: Man muss über 300 Patienten mit so genannten Statinen behandeln, um einen Schlaganfall zu verhindern – NNT = 300! Und das wird unendlich häufiger gemacht mit erheblich teureren Medikamenten als den Asthmamitteln).

Um das zu ändern, gibt es nun einen Nationalen Aktionsplan Allergie. Mehr Aufklärung, mehr Fortbildung, mehr Politikbewusstsein, mehr Vergütung für die Ärzte, um die Behandlung attraktiver zu machen.
Wir werden sehen.

… vor allem werden wir sehen, wie lange das dauert, bis Ergebnisse in unseren Praxen ankommen. Aktionspläne bleiben meistens Pläne und werden keine Aktionen.

Work Life Balance

Der Vater stemmt die Hände in die Hüften: “Ja, gestern abend, da waren Sie nicht mehr erreichbar.”
Ich: “Es gibt doch dann den Notdienst im Krankenhaus, da können Sie jederzeit hinfahren.”
Vater: “Ja, genau, und da setze ich mich hin und warte stundenlang.”
Ich: “Tagsüber können Sie uns gut erreichen. Hatte Ihre Tochter das Fieber nicht schon übers Wochenende?”
Vater: “Mmh. Wir sind dann zu Ihrem Kollegen in die Stadt gefahren. Der war immerhin um 20 Uhr 30 noch in seiner Praxis und hat gearbeitet. Da hatten Sie”, er zeigt mit dem Zeigefinger auf mich. “schon Ihren segensreichen Feierabend.”

Das Helfersyndrom habe ich in der Klinik abgelegt. Dafür hat es ein paar Therapiestunden gebraucht, aber ich war erfolgreich. Außerdem habe ich eine Familie zuhause, die mich auch gerne mal außerhalb des Wochenendes sieht.

Und Sie sind…?

Ich habe ein ganz schlechtes Namensgedächtnis.
Wenn mir am Tag im Supermarkt oder auf der Straße ein Vater, Mutter, ein Kind über den Weg läuft, bei der/m sich meine Synapsen zumindest entfernt erinnern, dass ich ihn, sie oder es kenne (und das ist für mich schon richtig gut!), dann gibt es eine Blockade bei der Frage: Bloß woher? Ist das jemand aus der Praxis? Sind das meine eigenen Patienten? Oder Vertretungen? Kenne ich die vom Elternabend der Tochter? Oder vom Aufräumen nach der letzten Schulveranstaltung?

Mir ist das sehr unangenehm. Kommt es bei der Begegnung zu einem Gespräch (mal kurz über die Straße grüßen ist unverfänglich, und man kommt in keine peinliche Situation), dann merke ich, wie sich kleine Scharniere oder Weichen im Hirn umlegen – ich hoffe zumindest immer darauf -, die dann meinen Erinnerungszug passieren lassen. Das klappt nicht oft. Manchmal kommt das Gespräch sehr schnell an diesen Punkt, mitunter gar nicht. Ich konzentriere mich auf das Bedürfnis zu wissen, woher ich die Person kenne, gleichzeitig versuche ich, dem Gespräch zu folgen oder es geschickt zu lenken, um doch eine Idee zu bekommen, woher wir uns kennen (“…wie geht´s den Kindern?” – “Kinder? Welche Kinder?” Ups, doch jemand aus dem Kirchenchor…).

Für einen Arzt ist das natürlich keine guter Zustand, aber was soll ich machen? Ich kenne Kollegen, die erinnern jeden Patienten, den sie in ihrer Laufbahn je gesehen haben, einschließlich Eltern, Krankheitsverlauf und Versicherungsstatus. Ein Oberarzt in der Klinik kannte alle Frühgeborene mit all ihren Komplikationen, auch wenn sie zehn Jahre später mit Durchfall aufgenommen wurden (“Meyer-Lauritz? Das ist doch das ANS mit CPAP und nachfolgend drittgradiger RPM? Anfang 1999, oder? Und der hat keine Brille?”). Eine andere beherrschte zudem die gesamte Genealogie der Familie und der Angestellten der Klinik, jede Auszubildende wurde mit Namen begrüsst, jeder Patient mit dem Onkel des Vaters in Verbindung gebracht, der “doch vor fünf Jahren auf der Inneren mit einem Ileus lag”. Da bin ich weit von entfernt.

In der Praxis geht das etwas leichter. Ich habe meinen Spickzettel in Form der EDV in jedem Zimmer stehen. Bevor ich die Untersuchung beginne, blättere ich im anderen Zimmer schnell durch die elektronische Patientenakte, sichte die Geschwisterkinder, checke den Impfstatus und dessen Lücken und beeindrucke dann im Zimmer mit unendlichem Elefantengedächtnis (“Wie war denn die Hochzeit? Sie wollten doch heiraten?” – “Das wissen Sie noch, Herr Doktor, das ist doch schon ein halbes Jahr her.” – Tja…). Seid sicher: Das machen alle Doctores so, außer sie sind von Natur aus gedächtnisbegabt. Ich eben nicht.

Blöd ist nur, wenn jemand mich nicht erkennt. Das stört mein Ego. Letztens hat mich in der Fußgängerzone eine Frau mit Kind nach der Uhrzeit gefragt, und ich habe sie tatsächlich mal erkannt: Wir hatten uns in der Praxis vor zwei Jahren ordentlich die Meinung gesagt (freundlich ausgedrückt), es ging ums Impfen – logisch – , sie verließ damals Zeter und Mordio schreiend die Praxisräume. Seltsam: Diese Leute vergesse ich immer nie.
Jetzt in der Fußgängerzone habe ich sie freundlich angelächelt: “Und sonst bei Ihnen, alles ok? Alle gesund? Wie geht´s den Kindern?”
Sie hat die Stirn gerunzelt: “Und Sie sind…?”

An wen auch immer

Lass mich alles erkennen, was mir in der Praxis Blödes über den Weg läuft. Lass mich nicht zögern, die richtigen Dinge zur richtigen Zeit zu tun. Lass mich den Riecher behalten für das, was wirklich wichtig und gefährlich ist und lass mich dann angemessen reagieren. Lass sich mein Gehirn erinnern an alle Seiten, die ich je in einem Lehrbuch gelesen habe oder lass mir zumindest eine Ahnung davon, dass ich weiß, wo ich nachschlagen muß. Lass es nicht zu, dass mich mein Bildgedächtnis im Stich lässt.Lass meine Patienten gesund werden, auch wenn meine Fähigkeiten mal nicht ausreichen. Lass mich freundlich bleiben, trotz aller Widrigkeiten, Zeitdrücken und Googleauszügen. Lass mich meine Mitarbeiter und ihre Arbeit respektieren, lass die Praxis auch weiterhin gut gedeihen, dass ich jeder von ihnen ein gutes Gehalt bieten kann und alle weiter beschäftigen kann. Lass mich nicht alt im Denken werden, lass mich flexibel bleiben in meinen Methoden, aber trotzdem klar und sicher in meiner Linie und meinem Verständnis der Medizin. Lass meine Arbeit von Überzeugung und Wissenschaft geprägt sein und nicht von Geld, Vorschriften oder Bürokratie. Lass mich den Draht behalten zu den Kindern, ob Säuglinge oder Vorvolljährige, lass mich ihr Vertrauen in mich erhalten und niemanden enttäuschen. Lass mich nicht ungeduldig den Eltern gegenüber werden und erhalte mir die Gelassenheit. Lass mich Zeit nehmen neben der Arbeit für meine Familie und meine Freunde, damit dies meine Energie auflädt für die Zeit in der Praxis.

Danke fürs Zuhören, das Gebet für die Freizeit kommt ein anderes Mal. Erhalte Dir Deinen Humor.

Ist das mal dringend!

fMFA: “Herr Doktor, da ist ein Kollege am Telefon. Möchte Sie dringendst sprechen.”
Ich: “Wer denn?”
fMFA: “Ein Dr. Meissner aus Obersterzen, er würde sie kennen.”
Nie gehört.
Ich: “Nie gehört. Na, geben Sie mal her.”

Ich: “Hallo, Kinderdok hier.”
Meissner: “Grüß Gott, Herr Kollege, es gibt was Dringendes.”
Ich: “Grüß Gott, ja, was denn?”
Meissner: “Mein Sohn ist ja bei Ihnen in Behandlung.”
Meissner? Meissner? Ich hacke schnell auf der Tastatur rum. Gibt´s nicht. “Achja?”, frage ich.
Meissner: “Ja. Der hat den Namen meiner Ex, Pletzikowski.”
Jetzt finde ich ihn. Acht Jahre, einmal jemals bei mir gewesen, vor vier Jahren. Damals Schnupfen.
Ich: “Und was gibt´s?”
Meissner: “Ich wollte nur sagen, der kommt jetzt vorbei. Der hat Nasenbluten. Kommt aus der Schule. Meine Frau …, also Ex…, holt ihn grade ab. Sind sicher schon zu Ihnen auf dem Weg. Muß man was machen.”
Ich: “Äh. Ok, alles klar. Dann lassen wir ihn mal kommen.”
Meissner: “Robert heißt der.”
Ich: “Prima.”
Meissner: “Ich dachte, ich ruf mal an.”
Ich: “Mmmh.”
Meissner: “Damit er auch gleich dran kommt.”
Ich: “Aha.”
Meissner: “Ist ja was Dringendes.”
Ich: “Ja?”
Meissner: “Gut.” Pause. “Dann mache ich mal hier weiter.” Pause. “Noch viel zu tun.” Pause. “Auf Wiederhören, Herr Kollege.”
Ich: “Wiederhören, Herr Meissner.”

Es vergehen keine zehn Minuten, da drängt sich eine hochgewachsene Frau auf Stöckelschuhen an den anderen Wartenden an der Anmeldung vorbei und meldet ihren Sohn als “dringenden Notfall” an. Die fMFA waren vorgewarnt und setzen Robert ins Untersuchungszimmer. Sie wissen, was bei Nasenbluten zu tun ist.
Da die anderen Patienten teilweise Termine haben, manch andere Ohren-, Hals- oder Bauchweh, und Nasenbluten sowieso seine Zeit braucht, lasse ich mir selbige.

Als ich gerade von einem Zimmer ins nächste wechsele, stürzt die Mutter aus dem Zimmer: “Herr Doktor Kinderdok, gut, dass Sie jetzt kommen!”
Ich: “Ich wollte eigentlich vorher noch…” … zu dem anderen Patienten, wollte ich sagen, denke aber, wir wollen die Sache nicht unnötig ausreizen und folge ihr.
Mutter: “Das ist wirklich dringend, dringend, dringend. Hat denn mein Mann…, also mein Ex…, also Dr. Meissner nicht angerufen?”
Ich: “Dochdoch, hat er gemacht.”
Mutter: “Sehen Sie, sehen Sie, wie dringend das ist?”

Was soll ich sagen? Robert sitzt brav auf der Untersuchungsliege, das angebotene Papierhandtuch zum Auffangen der letalen Blutmenge ist …. unbenutzt. Die Nasengänge noch etwas vertrocknet. Er grinst mich in seiner allwissenden Weisheit eines Sohnes an.
Mutter, deutet auf ihren Sohn: “Sehen Sie, sehen Sie?”
Robert: “Ach, Mama…”

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