Schluckimpfung ist süß, Google ist süßer

Gestern jährte sich zum hundertsten Mal der Geburtstag von Jonas Salk, dem Entwickler der Impfung gegen die Kinderlähmung (Poliomyelitis). In der oralen Verabreichung (Erdacht von Albert Sabin) konnte die Impfung weltweit eingesetzt werden. Aus diesem Anlass änderte Google sogar sein Doodle und ehrte damit den Wissenschaftler:

salk

Artikel von Google über das Doodle
Aktuelle Zahlen des RKI zur Kinderlähmung: “Als noch nicht Polio-freie Länder gelten laut WHO aktuell neben den drei Endemieländern Pakistan, Afghanistan und Nigeria noch sieben weitere Staaten: Syrien, Irak, Kamerun, Äquatorial Guinea, Äthiopien, Somalia und Israel. In diesem Jahr wurden bislang insgesamt 243 Poliofälle gemeldet, davon 224 in den Endemieländern, 206 Fälle (85 %) allein in Pakistan (Stand: 14. Oktober 2014). Das ist die höchste Zahl an Neuerkrankungen in Pakistan seit dem Jahr 2000.”
NY-Times Bericht über die heutigen Polio-Risikogebiete
Über die irrsinnigen Bedingungen beim Impfen in Pakistan

Während Salk für die US-Amerikaner (und eigentlich alle Mediziner dieser Welt) ein Held ist, gibt es immer noch Leute, die sich über die Forschung am Polio-Virus lustig machen

Fakten zum nasalen Grippeimpfstoff für Kinder – Update 2014

Zur Grippesaison 2014/2015 habe ich diesen Artikel nochmal hochgeholt, schließlich gibt es für Kinder einen deutlich besseren Grippeimpfstoff als die bisherigen:

- Zugelassen ab 2 bis 18 Lebensjahre (18. Geburtstag!)
– von der STIKO als Impfstoff der Wahl für 2- bis 6-jährige Risikopatienten (Asthmatiker usw.) empfohlen
– Gut verträglich und gleichwertig dem klassischen Spritzen-Impfstoff, Update: Er ist besser, Studien zeigen eine bessere Antikörperentwicklung, vermutlich wegen der besseren Immunogenität via Schleimhäute und weil es sich um einen Lebendimpfstoff handelt und nicht um einen Totimpfstoff (wie die klassische Influenzaimpfung)
– Schnellere Schutzwirkung (meist schon nach wenigen Tagen)
– Nebenwirkungen u.a.: Naselaufen, Kopfweh, Nasenbluten, ansonsten das Übliche bei Impfungen, also Fieber, Unwohlsein etc.
– Keine Zulassung bei schwerem Asthma oder nachgewiesener Immunschwäche (weil Lebendimpfstoff)
– Eine Dosis pro Nasenloch
– nennt sich Fl.u.enz
– Kosten: 23€ (üblicher Grippeimpfstoff 20-30€)

- Keine grundsätzliche Erstattung durch die Krankenkassen
– Unterschiede auch der Erstattungsfähigkeit in einzelnen Bundesländern
– bei manchen Kassen enorme bürokratische Hürden (Kostenerstattung nach Privatrec hnung, Bestätigung der Zweckmäßigkeit usw)
– Rabattverträge mit Impfstoffen (Bestimmte Krankenkassen bevorzugen bestimmte Impfstoffe in bestimmten Regionen – kein Ausweichen auf Alternativimpfstoff möglich) schließen den nasalen Impfstoff nicht ein
– Gibt es inzwischen auch als Einzelgebinde, vor einem Jahr mussten wir immer Zehnerpackungen verteilen.

Pressemitteilung des BVKJ zum Nasalen Grippeimpfstoff

Für mich bedeutet das für meine eigene Praxis: Ich kläre über den nasalen Impfstoff auf, stelle die Vorteile wie oben hervor und überlasse die Entscheidung den Eltern. Es gibt interessanterweise Vorbehalte gegen die nasale Applikation, Impfungen müssen wohl gespritzt werden – so sehen das vielleicht manche. Die Nase ist Atmungsorgan und für Nasentropfen, nicht für eine Impfung. Auch die Schluckimpfung gegen Rotaviren wird von einigen Eltern mit “Und das soll wirken?” kommentiert.

Dann beginnt die Suche nach der Erstattungsmöglichkeit:

Fernsehtipp

Heute abend auf ARTE 21.45 Uhr gibts (wieder einmal) eine Doku- und Infosendung zum Thema Impfungen “Impfen, Risiko mit Methode” – und es bleibt zu hoffen, dass diese nicht die Klischeezielgruppe der ARTE-Zuschauer (Lehrer und Waldorfabsolventen, böses Vorurteil) anvisiert und Impfungen zu kritisch sieht. Der Onlinetext lässt hoffen:

“Sind Schutzimpfungen wirklich sinnvoll? Was spricht dagegen, was dafür? Die australische Autorin Sonya Pemberton geht diesen Fragen an ausgewählten Beispielen nach und zeigt, wie schwer eine eindeutige Antwort darauf fällt.

Ihre Dokumentation macht anhand „klassischer“ Kinderkrankheiten wie Masern, Keuchhusten und Kinderlähmung das Pro und Kontra frühkindlicher Immunisierung deutlich und blickt zurück in die Geschichte – denn schon die Antike kannte frühe Formen des Impfens.

In der Frage frühkindlicher Immunisierung stehen sich Impfgegner und -befürworter meist unversöhnlich gegenüber. Wenige Themen sind emotional so aufgeladen. Dabei könnte ein sachlicher Umgang nicht schaden. Und die vielzitierte Impfmüdigkeit verschärft das Dilemma noch. Mediziner gehen davon aus, dass eine Impfrate von 95% notwendig ist, um eine Gesellschaft dauerhaft, beispielsweise vor Masernepidemien, zu schützen. Fällt diese Rate um nur ein paar Punkte, kann dies dramatische Konsequenzen haben. Und lebenslange Folgen für ein erkranktes Kind.”

Auf der ARTE-Seite gibts dazu – wie üblich – noch mehr Informationen.

[Edit] — Die hervorragende Sendung lässt sich zeitlich begrenzt via ARTE Mediathek HIER anschauen.

Ein wenig Statistik

Das hat mich mal interessiert und bin selbst beeindruckt über den Rückgang der Windpockenerkrankungen in meiner Praxis nach Einführung der Impfung (Pfeil). Nebenbei: Von den verbleibenden Infektionen der letzten Jahre kann ich mich nur an ein einziges Kind erinnern, das trotz der Windpockenimpfung dieselben bekam:

 

Windpocken-Erkrankungen in meiner Praxis

Windpocken-Erkrankungen in meiner Praxis

(Außerdem macht Numbers so schöne Grafiken)

Volkskrankheit Allergie

Einen Supervortrag gab es heute zur Eröffnung des Herbstseminarkongresses der Kinder- und Jugendärzte im schönen überschaubaren Bad Orb: Über die Volkskrankheit Allergie, und wie diese in der Bevölkerung und der Gesundheitspolitik unterschätzt wird. Allergien werden als Befindlichkeit wahrgenommen (“das bisschen Heuschnupfen”) und die Risiken unterschätzt.
– 18% der Bevölkerung leiden unter einem relevanten Heuschnupfen, der unbehandelt zum Asthma führen kann.
– 30% haben überhaupt Allergien (incl. nachgewiesener Nahrungsmittelallergien, allergischem Asthma und Neurodermitis usw.).
– 5000 Menschen sterben jährlich in Deutschland an Asthma (aus dem Weißbuch Allergie in Deutschland 2010).
– Zwischen 2007 und 2010 kam es zu einer Zunahme der Asthmaerkrankungen von 8%.
– Im gleichen Zeitraum nahm die Zahl der therapierenden Praxen um 27% ab! (vor allem aufgrund der miserablen Vergütungen für die Ärzte. Es lohnt sich einfach nicht, Asthmatiker zu behandeln…)
– Trotzdem ist es medizinisch sehr effektiv, Asthmatiker zu versorgen: Die “Number needed to treat” liegt bei Vier, d.h. man behandelt vier Patienten, um einen Asthmanfall zu verhindern (zum Vergleich: Man muss über 300 Patienten mit so genannten Statinen behandeln, um einen Schlaganfall zu verhindern – NNT = 300! Und das wird unendlich häufiger gemacht mit erheblich teureren Medikamenten als den Asthmamitteln).

Um das zu ändern, gibt es nun einen Nationalen Aktionsplan Allergie. Mehr Aufklärung, mehr Fortbildung, mehr Politikbewusstsein, mehr Vergütung für die Ärzte, um die Behandlung attraktiver zu machen.
Wir werden sehen.

… vor allem werden wir sehen, wie lange das dauert, bis Ergebnisse in unseren Praxen ankommen. Aktionspläne bleiben meistens Pläne und werden keine Aktionen.

Der blinde Darm

Plötzlich heftige, stärker werdende Bauchschmerzen sind Warnzeichen für BlinddarmentzündungSieht schon viel besser aus ;-)

Wenn Kinder plötzlich starke Bauchschmerzen haben, die sich steigern, kann dies ein Warnzeichen für eine Blinddarmentzündung sein.

„Die Bauchschmerzen gehen zunächst vom Nabel aus und wandern dann häufig in den rechten Unterbauch. Druck auf den Bauch und plötzliches Loslassen, das Anziehen des rechtens Beins, Gehen oder Bewegung mit Erschütterung – wie z.B. das Hüpfen von einem Stuhl – oder Husten sind mit starken Schmerzen verbunden. Fieber und Übelkeit können ebenso auftreten“, beschreibt Prof. Hans-Jürgen Nentwich, ehemaliges Vorstandsmitglied des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) mit langjähriger Klinikerfahrung (Leitung der Kinderklinik in Zwickau), häufig auftretende Beschwerden. „Jede Art von Schmerzen, die ein Kind nicht still sitzen lassen und es ihm schwer machen, eine angenehme Position zu finden, erfordern umgehende ärztliche Hilfe“, rät er. Eine Blinddarmentzündung kann in jedem Alter auftreten, doch trifft sie Teenager, insbesondere männliche, häufiger als kleine Kinder.

Doch bei kleinen Kindern ist das Gefährliche, dass die Anzeichen einer Blinddarmentzündung oft schwer zu erkennen sind. „Hier kann auch ein geblähter Bauch mit einer Blinddarmentzündung zusammenhängen. Bauchschmerzen, die Kleinkinder nicht schlafen lassen oder die sie nachts aufwecken, sollte der Kinder- und Jugendarzt auf jeden Fall abklären“, rät Prof. Nentwich. Mit Blinddarm ist eigentlich der kleine Wurmfortsatz des Blinddarms gemeint, der Appendix. Kotreste, Darmparasiten oder eine Verengung des Blinddarms können zu einer Entzündung des Wurmfortsatzes führen, zu einer Appendizitis. Wird eine Blinddarmentzündung nicht rechtzeitig behandelt, kann der Wurmfortsatz platzen, und es gelangen Eiter und Stuhl in die Bauchhöhle. Dies kann zu einer lebensbedrohlichen Blutvergiftung führen.

Eine Pressemitteilung des BVKJ.

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Tja, wenn´s nur immer so einfach wäre, wie der gute Professor das umschreibt. Er gibt Lehrbuchwissen weiter, das mal stimmt, mal überhaupt nicht. Auch hier gilt das Selbstverständliche für den untersuchenden Arzt: Daran denken. Mein Diagnoseschnitt liegt aktuell eher pro “richtige Diagnose”, d.h. die Kinder, die ich mit dem Verdacht auf Appendizitis eingewiesen habe, hatten i.d.R. auch eine. Manche aber auch nur eine dicke Verstopfung. Toitoitoi, bisher ist noch keines nach Hause gewandert, was später mit Blinddarmdurchbruch im Notfall operiert werden mußte.

In der Öffentlichkeit ist die Blinddarmentzündung klar präsent: Wenn ein Kind mit Bauchweh kommt, mußt der behandelnde Kinderarzt nach der Untersuchung den entscheidenden Satz sagen: “Ein Blinddarmentzündung ist es nicht”, und schon entspannen sich die elterlichen Gesichtsmuskeln. “Gott sei dank.” Die Salmonellose, die Skyballa oder die Askardien nimmt man dann eher gelassen hin.

Es gilt der Lehrsatz: Der Verdacht auf eine Appendizitis muß zumindest zum Chirurgen führen, besser zur OP. Dank hoch auflösender Ultraschalls ist man inzwischen zwar etwas gewappneter in der Diagnostik und muß sich nicht mehr komplett auf Leukozyten und McBurney-Punkte verlassen, aber dennoch: Der Blinddarm darf einen nicht blind machen. Kalauer Ende.

 

(c) Bild Flickr bei Jan Stettler

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