Schnelles Geschäft

Ich: “So, dann untersuchen wir das mal.”
Mutter: “Aber nicht wieder so wie beim letzten Mal.”
Ich: “Wieso?”
Mutter: “Da hat er Ohrenweh gehabt, und Sie haben ihn nicht mal abgehört.”
Ich: “Ja, weil er Ohrenweh gehabt hat.”
Mutter: “Aber Abhören gehört doch immer dazu.”
Ich: “Wirklich?”
Mutter: “Ja, immer das Komplettpaket.”
Ich: “Aber immer. Um was ging´s heute?”
Mutter: “… hat Warzen an den Füßen.”

Ich mache die Schublade auf und nehme schon einmal das Otoskop, den Spatel und das Stethoskop heraus, lasse mir von der fMFA noch schnell Hör- und Sehtest und den Streptokokken-Schnellabstrich richten, das Mikroskop zur Urinuntersuchung ist sowieso stets einsatzbereit.

Blindhusten

“Wissen Sie, Herr Dokter, das letzte Mal als Jodi-Marie dieses Husten hatte, ging’s über drei Wochen, dann hat’s nicht mehr aufgehört, bis Weihnachten, und dann kam Silvester. Und da waren wir dann bei der Oma, dann hat sie wieder Schnupfen gekriegt und noch mehr Husten, und schließlich wurde es gar nicht mehr besser, bis sie sogar eine Blinddarmentzündung hatte. Da musste sie operiert werden. Und sagen Sie mir jetzt nicht wieder, dass Sie mir keinen Hustensaft aufschreiben.”

Manche pathophysiologischen Zusammenhänge erschließen sich mir auch nicht nach achtzehn Jahren Berufserfahrung.

Wenn Säuglinge nichts hören

“Ja, nein, diese Ohruntersuchung möchte ich nicht.” Die Mama schüttelt bestimmt mit dem Kopf.

Ich mache mal wieder meine Vorsorgechecks in der Frauenklinik des Nachbarortes, konsiliarisch, nennt sich U2 – die erste Vorsorge nach der Entbindung, noch in der Klinik. Gerade war Tayo dran, ein schmächtiger Junge mit wahnsinnig vielen Haaren auf dem Kopf, darüber hatte ich grade mit der dabeistehenden Mama ein paar Witze gerissen. (“Schade, dass die alle noch ausfallen” – “Herr Doktor machen Sie mir keine Angst.” – “Nein, nein, das merken Sie gar nicht, da wachsen gleich wieder welche nach. Aber das ist kein Garant für volles Haar bis ins Seniorenalter.” usw.)

Die Kinderkrankenschwester hatte mir schon vorher zugeraunt, die Mutter lehne die TEOAE ab, ein Hörscreening in den ersten Lebenstagen, dass sehr segensreich angeborene Hörstörungen erkennt. Frühes Erkennen bedeutet frühe Therapie. Früher eine Serviceleistung der Krankenhäuser (oft mit Sponsoring proudly by the Lions Club), inzwischen Kassenleistung und gesetzlich vorgeschriebenes Screeningverfahren wie das Stoffwechselscreening und der Hüftschall mit einem Monat. Außer, die Eltern lehnen das ab.

“Man weiß ja nichts von den Langzeitnebenwirkungen”, setzt die Mutter fort.
“Doch, … es gibt keine”, sage ich etwas flapsig.
Sie schaut mich an mit einem Blick, der besagt, was soll ich als Mediziner auch schon anderes sagen? “Könnte ja selbst zu Hörstörungen führen.”
“Sagt wer?”, frage ich.
“Die Elke… also, meine Hebamme in der Schwangerschaftsvorsorge.”
Jetzt ist es an mir, die Augenbrauen hochzuziehen.
“Naja, ich fürchte, da ist die Hebamme nicht gut informiert.”
Der Buzzer dröhnt in meinem Kopf. Fehler meinerseits, ganz klar. Kritisiere nie eine Duz-Freundin.

“Ach, naja”, wieder der mitleidige Blick für den Arzt, “nur weil es keine Studien gibt … Immerhin wird da ein Schall aufs Ohr gegeben.”
“Ja, aber ein sehr geringer. Da kommt im Moment, wenn wir reden, mehr und lauterer Schall an das Ohr Ihres Babys.”
Sie senkt die Stimme: “Aber dann muß ich es ja nicht noch provozieren.”
“Was provozieren?”, frage ich.
“Die Schwerhörigkeit.”
“Ich denke, von einem Schall unter 35 Dezibel wird man nicht taub.”
Sie wiegt den Kopf hin und her: “Das kann man nicht wissen.”

“Ein frühes Erkennen kann aber sehr gut für Ihr Kind sein, man kann dann früh behandeln und eventuell früh Hörgeräte anpassen”, sage ich etwas lahm.
“Naja, wissen Sie, eine Mutter merkt das auch so, ob ein Kind nicht wirklich hört, früher ging es ja auch ohne.”
“Stimmt, da haben Sie Recht, früher wurden die Kinder aber oft erst im zweiten Lebensjahr auffällig, wenn die Sprache sich nicht richtig entwickelte.”
“Reicht doch.”
Reicht nicht.

Schließlich ihr letzter Versuch einer Argumentation: “Außerdem…, wie oft kommt denn sowas schon vor? Da verdient sich doch bestimmt wieder jemand eine goldene Nase beim Quasi-Erkennen einer seltenen Krankheit.”
“Wow”, sage ich, “gegen das Argument habe ich natürlich kaum etwas vorzubringen. Immerhin sorgen diese Menschen dafür, dass pro Jahr in diesem Krankenhaus drei oder vier Kinder herausgefischt werden, die man dann frühzeitig versorgen kann.” Wir haben hier ungefähr neunhundert bis tausend Entbindungen.
“Herausgefischt …, wie Sie das schon sagen”, sie rümpft die Nase, “als ob das Trophäen wären.”

Da hat es mir die Sprache verschlagen (kommt selten vor), auch zum empfohlenen Stoffwechselscreening mußte sie später dezent von der Krankenschwester und dem Gynäkologen “überredet” werden. Da könne es zu einem frühen Trauma des Kindes kommen, sagte sie.

Macht Schule krank?!?

Der WDR setzt sich mit dieser Frage auseinander -

http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/aktuelle_stunde/videomachtschulekrank100.html

der Aufhänger dieses Kurzberichtes ist der bereits letztens angesprochene Kongress für Jugendmedizin in Weimar, der heute zuende ging. Da zumindest hieß das Thema “Schule macht krank ?!?”, was schon etwas verbindlicher klingt.
Ohne das hier zunächst weiter zu kommentieren:
Wie sind Eure Erfahrungen? Bauchweh? Kopfweh?
Alles übertrieben? G8? G9? Keine Freizeit, nur noch Stress? Ist das nur die Schule, oder auch das Drumherum? Oder gibt es gar kein Drumherum mehr? Andere Länder haben keine somatisierenden Kinder?
Lasst hören … ich bin gespannt.

Verzögerungserklärung

Als ich letztens im Notdienst den Vater fragte, warum er seine vierjährige Tochter erst jetzt um 21 Uhr in die Notfallambulanz bringt, obwohl sie nach seinen Aussagen schon seit morgens um zehn Uhr Ohrenschmerzen und Fieber habe:

“Wissense, das war ja ers’ma gar nicht so schlimm, und dann war sie auch noch im Kindergarten, und dann hatte meine Frau heute morgen auch kein Auto, und außerdem wollte sie ja noch zu ihrer Freundin spielen…,” – die Tochter – “und später dann hatte der Kinderarzt keine Sprechstunde mehr, also um sieben abends, und außerdem wollte sie dann doch nicht schlafen, und weil doch heute aber Freitag ist, und ich am Wochenende nicht zu irgendeinem wildfremden Doktor gehen will…,” – der ich nun aber auch bin -
“deswegen sind wir hier…”

“Ah, ok… und, haben Sie denn was gegen die Ohrenweh gegeben?”
“Nein, wieso?”

Frühförderung

Vater: “Herr Doktor, macht es denn Sinn, das Alphabet mit dem A zu beginnen, oder soll die Jamie-Majorie die Buchstaben lernen, wie sie mag?”
Ich: “… äh, Ihre Tochter ist gerade mal vier Jahre alt?”
Vater: “Ja schon, aber ich dachte, wenn wir jetzt schon anfangen … dann wiederholt es sich ausreichend oft bis zur Einschulung.”
Ich: “Erstmal Fahrradfahren? Spielen? Anziehen lernen?”
Vater: “Ok, aber dann nächstes Jahr…”

Vorherige ältere Einträge

Gesundheitsblog 2009 - 2.Platz
Wir geben 8 aufs Wort - Banner
1. Platz in Kategorie Baby und Kinder bei den Hitmeister Superblogs 2012
%d Bloggern gefällt das: