Gelesen im August

Im Urlaub endlich kann ich lesen, wie und so oft ich mag, vor allem aber habe ich die Muße dazu. Wir waren viel unterwegs, die Kinder sind inzwischen beide im Lesefieber angekommen, bliebt auch mehr Zeit für meine Bücher, das Wetter tat sein übriges:

Sterbenvon Karl Ove Knausgard
(deutsch von Paul Berf)
Ja, gut, nach dem Ijoma Mangold in der ZEIT behauptete, bei seinen Freunden sei ein Hype nach Knausgard ausgebrochen, wie zuletzt bei Harry Potter… Es geht ein seltsamer Sog von dieser Prosa aus. Knausgard beobachtet sehr genau, schreibt dabei sehr einfach, um in nächster Sekunde wunderbar poetisch zu werden. Ständig fragt man sich, ob das hier wirklich autobiographisch ist, oder einfach genial schlicht. Den Hype hat es bei mir zwar nicht entfacht, aber die anderen Bücher (dies ist das erste einer Reihe) lese ich ganz sicher. (5/5)

Extrem laut und unglaublich nah von Jonathan Safran Foer
(deutsch von Henning Ahrens)
Muss man wohl gelesen haben. Habe ich jetzt auch, ich war beeindruckt, kein besseres Buch kann man vermutlich über 9/11 schreiben als dieses. Eine Auseinandersetzung mit dem Verlust des Vaters und trotzdem eine ganz andere Geschichte als rund um Amerika und die Terroristen. Das zweite von drei Büchern aus der ich-Perspektive über einen toten Vater, nach dem Knausgard und dem nächsten. (4/5)

Auf der richtigen Seite von William Sutcliffe
(deutsch von Christiane Steen)
… dazu gab es gestern schon etwas …

Monty Python at Work von Michael Palin
Nachdem ich mich bereits als MP-Fan geoutet hatte, dies hier als Geschenk eines Freundes. Vielen Dank. Auszüge aus Michael Palins Tagebücher, die Arbeit bei den Pythons betreffend, für Fans ein Schatz, für alle anderen sicher öde. Es gibt viel zu entdecken, nicht nur die Idee der Pythons, im “Leben des Brian”, einen römischen (4/5)

Die Unsterblichen von Ketil Björnstad
(deutsch von Lothar Schneider)
Ein Arzt, ohje, als Protagonist, in dieser Nabelschau einer Familie, viel viel viel innerer Monolog, teils schon recht unterhaltsam, aber mit vorhersehbarem Ende. Ich bin jünger als der Erzähler, vielleicht konnte mich deshalb das Buch nicht wirklich erreichen. Ganz schöne Sprache und schonungslose Erkenntnisse, mit der banalen Endbotschaft, dass eine Nabelschau zu wenig von anderen sieht. (3/5)

Shotgun Lovesongs von Nickolas Butler
(deutsch von Dorothee Merkel)
Fand ich auf meinem ebook, kann mich schon nicht mehr erinnern, wie es dahin kam. Hier erzählt Butler die Geschichte von ein paar Freunden aus der amerikanischen Provinz, einer von ihnen wird ein weltberühmter Rocksänger. Heimat ist, wo Deine Freunde sind, und wo Du ein normaler Mensch sein darfst. Ich tue mich schwer mit Büchern, die in jedem Kapitel die ich-Perspektive einer anderen Person einnehmen. Trotzdem gute Unterhaltung. Und ständig der Gedanke, ob das authentisch ist. (4/5)

Die Brückenbauer von Jan Guillou
(deutsch von Lotta Rüegger und Holger Wolandt)
Das längste Buch dieses Monats, in jeglicher Hinsicht. Wenn es am Anfang des Lesesommers gestanden hätte, wäre es vermutlich nach hundert Seiten in die Ecke gewandert. Mir war der Erzählstil zu seicht, zu wenig Reflexion, zuviel Historiengelaber. Dazu omnipotente Hauptpersonen, ohne ein bisschen Schatten zu zeigen, und seltsame Ansichten der verschiedenen Nationen, die auftreten dürfen (die Deutschen als korrekte übergenaue brave Menschen, die Engländer als skrupellose Kriegstreiber, die Norweger als einzige bodenständige Nation), zuviel Klischee. Da hat einer versucht, die Denke des Anfangs des 20. Jahrhunderts einzufangen, setzt sich aber zu wenig kritisch damit auseinander. (2/5)

Blauer Montag von Nicci French
(deutsch von Birgit Moosmüller)
Mein Krimi in diesem Monat, und was für einer. Eine Wohltat nach dem Guillou-Schinken. Frieda Klein ist eine Psychiaterin, die ungewollt – nein, wirklich – in einen Kindsentführungsfall schlittert und diesen am Ende mit aufgeklärt. Wunderbares Whodunit mit einer hypersympathischen, weil glaubhaften Hauptperson. Was braucht es am Ende noch? Aufklärung auf den letzten Seiten, ein Cliffhanger, wie böse, und damit die Lust auf mehr. (5/5)

Blutspuren von Rutu Modan
(deutsch von Barbara Linner)
Eine graphic novel aus Israel (das Land verfolgt mich diesen Monat, siehe den Sutcliffe weiter oben) über den Taxifahrer Kobi, der die unscheinbare Numi kennenlernt, diese entpuppt sich als Geliebte seines verschwundenen Vaters. Wieder eine Suche nach einem Vater, verschwunden oder tot, irgendwie unbewusst mein Thema in diesem Monat. Die Comiczeichnungen sind einfach und naiv, die Geschichte aber schön erzählt. In zwei Stunden durch. (4/5)

Eines Tages, Baby von Julia Engelmann (als Hörbuch)
Ja, genau die Julia Engelmann, und: Das Hörbuch hatte ich mir kurz vor dem Urlaub noch schnell über meinen audible-Account gezogen, und: Ich fand die Texte ganz nett und schön, und: Auch wenn sie etwas spätpubertär und suchend daherkommen, findet Julia Engelmann schöne Worte und schöne Reime, und: Das macht schon Spaß zu hören. Ein wenig austauschbar sind die Texte ja, interessant wird es, wenn sie sich irgendwann mit einem anderen Sujet auseinander setzen muß, wir werden sehen. Und: Eine nette Stimme hat sie auch, und: Vieles kann man ja auch bei Youtube angucken. (4/5)

Bonus: Downton Abbey – Staffel vier
Jajaaaha, das Kontrastprogramm zu Breaking Bad des letzten Monats, aber ich bin nun mal addicted to Serien, DA ist eine davon. Vielen Dank für das Geschenk, es überbrückte einige regnerische Abende im Urlaub – und schaffte den Entschluss, in nicht langer Zukunft wieder mal ins Königreich zu reisen. Very much indeed. Was den Inhalt angeht: Bewährte englische Fernsehkost, ohne Abrutschen des Niveaus. Hurra, es wird eine 5.Staffel geben. (5/5)


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Die Mauer

Ich gestehe, dass ich mich mit der politischen Situation in Israel und mit den Palästinensern nicht gut auskenne. Lese ich mal einen Übersichts- oder Erklärartikel in Spiegel, Zeit oder der hiesigen Tageszeitung, habe ich eine gewisse Ahnung, die aber sofort wieder verpufft, wenn einige Zeit vergangen ist. Was ist die Westbank, wer kontrolliert den Gaza-Streifen, warum bauen die Israelis eine Mauer, warum kann es keinen autonomen Palästinenserstaat geben?IMG_0393.JPG

Das Hauptgefühl ist Verfahrenheit der Situation auf beiden Seiten. Ob es eine richtige Seite gibt, weiß ich nicht, jede beansprucht diese für sich, Kompromisse scheinen nicht möglich. So genannte Vermittler stehen unter dem Verdacht, die eine oder die andere Seite zu bevorzugen und vielleicht eigene Ziele durchzusetzen.

In der Westbank – die eigentlich Westjordanland heißt – leben überwiegend Palästinenser, sie gehört zu den offiziell palästinensischen Gebieten, wie der Gazastreifen. Und dennoch gibt es hier Enklaven, in denen Israelis leben, die außerdem unter israelischer Militärverwaltung stehen, dies ist Teil einer ehemals offiziellen Siedlungspolitik Israels, auch wenn diese inzwischen eigentlich eingefroren sei.

David lebt in der Westbank, und durch einen Zufall gerät er auf die andere Seite. Wir erleben in dem Buch Auf der richtigen Seite von William Sutcliffe (im Original “The Wall”, übersetzt von Christiane Sheen, 2014 bei rowohlt rotfuchs, 16.99€), wie der Junge eine ganz neue Welt entdeckt, die für ihn bislang mit Angst, Terrorismus und Feinden besetzt war. Für ihn geht es erst einmal nur ums Überleben. Dann um das Zurückkommen. Und schließlich um das Selbstbehaupten in der eigenen Welt, in der er sich nicht mehr wohlfühlt. David wird zu einem Außenstehenden auf der eigenen Seite und zu einem Fremden auf der anderen. Er scheint alles zu verlieren, dabei befindet er sich nur auf der Suche nach der richtigen Richtung in seinem Leben.

Vordergründig geht es in “Auf der richtigen Seite” um den Israel/Palästina-Konflikt, für David geht es irgendwann aber um mehr, denn die Weltpolitik kann er nicht lösen. Es geht für ihn um alles, was einen Jungen im Übergang zum Erwachsenen beschäftigt: Die Beziehung zu seinen Eltern, seinen Freunden, um die Liebe, und die Rolle, in der jeder einzelne in seinem Theaterstück agieren muß.

Genau wie David kann dieses Buch keine entscheidenden Antworten geben, ohne dass sie vordergründig naiv wirken könnten. ‘Aber wenn jeder Einzelne…’ ist der Gedanke, der sich am Ende der Lektüre aufdrängt, und der für Jugendliche, die das Buch lesen, sicher tröstlich und ideal erscheint. Aber Sutcliffe weiß über die Verantwortung seinen jungen Lesern gegenüber und findet für seinen Helden eine andere Lösung, die wiederum der politischen aus dem Weg geht. Das ist zwar schade, aber für einen Jugendroman auch sonst zu schwer zu schultern. Es bleibt die Idee, dass Davids Geschichte auch woanders spielen könnte, in Ostberlin, im Warschauer Ghetto, in Londonderry. Und das wiederum macht die Größe dieses Romans aus. Sehr lesenswert.

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Zeig mir mal, was ist denn das? II

Um Euch nicht weiter auf die Folter zu spannen, hier das Originalblatt des Sprachfragebogens. Klar war die Version vor zwei Wochen ein Fake, aus der Erinnerung ausgefüllt mit den lustigsten oder häufigsten Benennungen, die mir die Kinder hier geliefert haben.
Ich fands allerdings schön, wie das hier manche Leser interpretiert haben: “Ich nehme einfach mal an, das ist um die Kinder zum Sprechen zu animieren? Du sagst das Falsche, und sie fühlen sich genötigt, dich zu verbessern.” (sakasiru) – “Also meine Vermutung wäre, dass die falschen Begriffe oben drüber der mögliche Hinweis sein soll, falls das Kind nicht von allein auf die Bezeichnung kommt. So nach dem Motto “Das ist so etwas ähnliches wie eine Birne” für “Apfel” und “Nachts scheint der Mond und tagsüber?” die “Sonne”…” (Susann)

Vielen Dank fürs Mitraten, aus dem Urlaub heraus (mit seltenst Internet) schön zu verfolgen. Abschließend bleibt die erschreckende Erkenntnis, das manche Kollegen wohl die Sprache bei U7a nicht überprüfen und (zumindest hier) dennoch die Gelassenheit zur Sprachentwicklung überwiegt. So sei es recht.

Ansonsten ist die Praxis wieder am Brummen, bald gibts dadurch so hoffentlich wieder neue Stories.

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Kollegen bei der Arbeit

Ich trage die Kleine durch die Praxistür und behalte sie auch im Wartezimmer gut eingepackt auf dem Schoß, da fühlt sich einfach wohler. Zuvieles von außen, was sie ärgert. Sie jammert leise vor sich hin. Wer könnte es ihr verübeln? Immer diese Checks beim Doktor, und immer wieder die blöden Spritzen.
Leise rede ich mit ihr, dabei beruhigt sie sich auch etwas. Ich streichele sie ein wenig, das funktioniert immer, aus dem Jammern wird nur noch ein leises – tja, Piepsen? Nachher dreht sie wieder auf, kaum, dass wir hier durch die Tür und wieder zuhause sind. Das kenne ich schon. Flitzt sie wieder durch den Garten und spielt, als ob nichts gewesen wäre.

Wir werden aufgerufen. Als ob sie das merkt, geht das Jammern wieder los. Dabei geht es nachher im Untersuchungszimmer ganz schnell – der jährliche Checkup, das unvermeintliche Gepiekse, ok, da ist sie dann aber auch ganz tapfer, auch wenn sie nicht mehr bei mir auf dem Schoß sitzt. Der Doktor macht das alleine mit der Helferin. Da halte ich mich besser zurück, die beiden kriegen sie besser in den Griff.

Am Ende schaut sie mich an, als ob sie erwarte wir gingen jetzt jede Woche hierher. Ich kann sie beruhigen. Ein paar freundliche Worte von Herrn Doktor, dann sind wir entlassen. Wir gehen zur Anmeldung, hier wird immer gleich kassiert. Privat eben. EC-Karte. Ich bin stets geplättet, was hier Geldbeträge über den Tisch wandern, da kann ich in meiner Praxis nur von träumen.

Im Auto sitzt sie sicher auf dem Rücksitz. Zufrieden ist anders. Das kommt erst im Garten daheim.

Tststs… Sie wird heut wieder mal nichts zum Abendbrot essen. Da zeigt sie, wie beleidigt sie mit mir ist. Katzen beim Tierarzt …

Zeig mir mal, was ist denn das?

Zur Orientierung der Sprachentwicklung (z.B. mit drei (U7plus) oder vier Jahren (U8)) benutzen viele Kinderarztpraxen einen Bilderbogen, der die wichtigsten Konsonanten der deutschen Sprache erfragt, um mögliche Sprachbildungsstörungen zu erkennen. Er wurde eine zeitlang über eine Pharmafirma vertrieben und eignet sich für einen kurzen Überblick. Wen´s interessiert, ich habe ihn hier eingescannt:

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Eine kleine Bitte habe ich aber: Nicht anfangen und die Wörter zuhause üben. Das soll schließlich eine Überraschung sein für die Kinder. Nicht, dass demnächst alle Eltern kommen und sagen: “Oh super, das haben wir schon beim Kinderdoc gesehen!” …

Prost und Schwangerschaft?

Dass man in der Schwangerschwaft nicht rauche und keine Medikamente zu sich nehme, hat sich wohl mittlerweile herumgesprochen. Was leider noch nicht in allen Köpfen angekommen ist: Auch Alkohol birgt ein hohes Risiko für kindliche Mißbildungen, vor allem aber für diffuse Entwicklungsstörungen in der Kindheit mit sich. Dabei kann eine einzelne “Dosis” Alkohol bereits auslösendes Moment sein.Vintage Ad: Should You Drink if You're Pregnant?

Interessant in den Studien: Rauchen vor allem Mütter aus sozial schlechter gestellten Schichten, bedeutet der ProSecco auch bei den besser gebildeten Frauen ein Kavaliersdelikt. 2007 haben laut KIGGS Studie immerhin 17% der Frauen gelegentlich Alkohol in der Schwangerschaft getrunken (bei 50% in einer Befragung von 2002).

Ein toller Artikel dazu fand sich unlängst in der Zeit: Vollrausch im Mutterleib, eine Anspielung auf die Dosis Alkohol, die der Embryo abbekommt, wenn es für die Mama nur ein Viertele ist.

(c) Foto bei vintage ads

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1. Platz in Kategorie Baby und Kinder bei den Hitmeister Superblogs 2012
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