begriffsbestimmung

wenn eltern von sich selbst nur in der dritten person reden, und sich nur noch mit „mama“ und „papa“ bezeichnen, auch wenn die kinder mal nicht dabei sind („mama, der papa holt mal kurz noch wasser aus´m konsum!“) – wie nennt man das dann?
extreme identification?

fäden raus

vater baut sich breitbasig vor meiner arzthelferin an der theke auf.

vater: „ja, hier jetzt mal fäden ziehen.“
emine: „ok… guten tag. haben sie denn einen termin?“ liest heroisch multitaskingfähig parallel in dem brief des erstbehandelnden chirurgen.
vater: „wie? hier? nein, wieso?“
emine: „weil wir nur mit termin behandeln.“
vater: „na der doktor beim nähen hat gesagt, ich soll zu kinderarzt, der zieht fäden.“
emine: „schon. machen wir auch. aber da sollten sie vorher anrufen, um termin zu machen.“
vater: „habe ich ja. der hat gesagt, ich soll zu kinderarzt, der zieht fäden. so. jetzt bin ich hier.“ himmel!
emine: „ich sehe gerade, der sturz war erst vor sechs tagen, dann hat das fädenziehen noch zeit bis morgen. ich gebe ihnen mal einen termin für …“
vater: „morgen keine zeit. jetzt fäden ziehen.“
emine: „sie dürfen gerne warten, aber es ist ganz schön voll heute nachmittag, und zuerst nehmen wir mal die patienten dran, die einen termin ausgemacht…“
vater: „ok. fäden ziehen. heute.“
emine: „ach, moment, ich sehe grad, hier steht: fadenzug am 7.tag. wenn wir das heute machen, geht vielleicht die wunde wieder auf. das wollen sie sicher nicht. also. ich gebe ihnen einen termin für morgen nachmittag.“
vater: „ah, ok, ja, gut.“
es ist sehr entspannend, solche gespräche nicht ständig selbst führen zu müssen, und so fitte schlagfertige helferinnen an der anmeldung zu haben. wunde geht wieder auf. köstlich. danke, emine.

mein samstagabend film

einblicke in die psyche eines kindes erhält man oft nur schwerlich. jeder sieht so manches an den eigenen kindern, viele meinen, im verhalten anderer kinder alles daraus zu lesen. und doch ist das schwerer als bei erwachsenen.

wenigen filmen gelingt es, kindergedanken so darzustellen, wie sie authentisch sind. amerikanische schaffen das gar nicht, zuviel wird hier mit erwachsenengedanken verwoben, kinder müssen gross sein, abenteuer bestehen und probleme lösen, denen sie meist in realite nicht gewachsen sind. kinderfilme wiederum entstehen aus der fantasie der grossen, welche die fantasie der kleinen anregen sollen. das gelingt mal, oft auch nicht. viele fantasien der kinder entstehen oft aus den fantasien der drehbuch- oder buchautoren.

jetzt habe ich einen film gesehen, der um die psyche der kinder kreist. sein thema ist eigentlich ein anderes. es soll – wie oft – um unsere vergangenheit gehen, vielmehr um die vergangenheit unserer groß- oder urgroßeltern (je nach baujahr). er wirkt wie ein roman, vordergründig vielleicht sogar wie ein krimi. der ich-erzähler erzeugt für den zuschauer den nötigen abstand.
und trotzdem: vor allem dreht es sich um die kinder. und die familien. und die abhängigkeiten der schutzbefohlenen im wirklich wahrsten sinne dieses wortes. und der mißbrauch dieser abhängigkeit. es geht auch um die naiven gedankengänge von kinder, deren unschuld in der handlung vertan wird, weil sie gedanken in handlungen zu ende führen, die ins verderben führen. obwohl sie in ihrer kindlichen konsequenz unausweichlich sind.
es geht auch um die verbrechen, die eltern ihren kindern antun. nicht nur körperliche, sondern vor allem auch die seelische gewalt im alltäglichen. und man erahnt die konsequenz, mit der auch diese eltern handeln, weil sie auch von ihren eltern mutmaßlich so behandelt wurden.

jedem, der diesen film sieht, ist bewußt, dass es – gott oder wer auch immer bewahre – heute anders zu geht. aber unbedingt besser? man entrüstet sich über den erziehungsstil der vergangenheit, und trotzdem ist manchen eltern anzumerken, dass streuspuren dieser erziehungsstile auch in der heutigen zeit noch gelebt werden. oder deren perfiden gegenmodelle.

kein film für leichte stunden, kein film fürs popcorn im fernsehsessel. tränen entstehen in den szenen, wenn kinder sich wie kinder verhalten, fragen wie kinder, und sich verhalten wie kinder. dann ist der film zeitlos und rührt am meisten. und die tränen werden zu einem kloß im hals, wenn eltern aus diesen kindern bereits erwachsene machen wollen, denn nichts anderes ist die gestrige erziehung.

jedem, der an der psyche des kindes interessiert ist – nicht umfassend, das ist filmisch auch nicht zu stemmen – sehr zu empfehlen: das weisse band.

gepflegte vorurteile

wieso sind kinder aus slawischen staaten immer ruckzuck „trocken“?
wieso schauen kinder aus kroatien und slowenien immer den ganzen tag fern?
wieso sprechen französische kinder noch schlechter deutsch als manche türkischen?
wieso haben immer nur deutsche kinder adhs?
und italienische überhaupt nie?
wieso sind skandinavische kinder immer picobello rausgeputzt?
wieso können schwedische kinder immer guten tag sagen, deutsche aber nie?

schiefe gebühren

sommerzeit – reisezeit – bescheinigungszeit. für patienten, die methylphenidat (= ritalin (r)) mit in den urlaub nehmen müssen, gibt es spezielle formulare, insbesondere für das einführen eines btm-mittels in die vereinigten staaten. so weit. so gut.

da dies keine leistung der versicherungen ist und für eine reise gebraucht wird, gibt es dafür eine aufwandsentschädigung – nach der gebührenordnung für ärzte eine ziffer 70, welche mittels faktorberechnung maximal auf 8,10 euro steigerbar ist. wird nehmen aus praktischen gründen 5 euro. damit wird das ausfüllen eines zweiseitigen formulars bezahlt, welches – ich habe letztens mal geschaut – die arbeitszeit von arzthelferin und arzt für ca. fünfzehn minuten bindet. so weit. so gut.

haken an der sache: der schrieb des arztes reicht dem zoll nicht aus. daher muss am ende des formulars das zuständige gesundheitsamt oder landratsamt seinen stempel und seine unterschrift setzen. kostenpunkt dort – für lesen des formulars und setzen eines stempels: 17 (in worten: siebzehn) euro.

und wir ärzte sind unethisch, wenn wir überhaupt direkt geld verlangen.

regeln

sehr echauffierte mama: „so, ich bekomme jetzt nur ein privat-rezept, weil mir die flasche mit dem antibiotikum runtergefallen ist? und diese komische kindergartenbescheinigung, auf der sowieso nur ein kreuzchen von ihnen drauf ist, die soll ich auch noch bezahlen? und den termin für die u8 können sie nicht noch reinschieben (anmerkung kinderdoc: den sie zweimal nicht wahrgenommen hat) vor ihrem urlaub? ja, denken sie denn, es geht hier nur nach ihren regeln?“
ich: „äh… ja?“

house zu impfungen

mit bestem dank an linn und andere, die mir endlich den tipp für diesen videoclip gegeben haben:

mami: „du kriegst nicht die flasche, nur mamis natürliche gesunde muttermilch.“
house: „yummi.“
mami: „ihr ganzes gesicht ist über nacht angeschwollen.“
house: „kein fieber. drüsen normal. die impftermine wurden versäumt.“
mami: „wir lassen sie nicht impfen.“ zu baby: „na? quaak, quaaak, quaaak.“
house: „denken sie, das bringt nichts?“
mami: „ich denke, ein multinationaler pharmakonzern will mir einreden, das es funktioniert, um seinen gewinn aufzustocken.“
house: „erlauben sie?“ greift sich den spielefrosch.
mami: „klar!“
house: „quak, quak, quak… naturreiner farbstoff. ist ein hervorragendes geschäft – naturreines kinderspielzeug. spielzeugfirmen kennzeichnen ihre frösche nicht willkürlich, und bestimmt lügen sie nicht über die summe, die sie für forschung und entwicklung aufwenden. den schlimmsten vorwurf, den man einer spielzeugfabrik machen könnte, wäre dass ein frosch langweilig aussieht.“
house: „quak, quak – wissen sie, was sich noch gut verkauft? sehr kleine … babysärge, glaub ich, die kriegt man in froschgrün, feuerwehrrot, wirklich! die antikörper in der yummi-mami schützen das kind nur für sechs monate, weswegen die großunternehmen denken, sie könnten sie über den tisch ziehen, die gehen davon aus, dass sie jeden preis bezahlen, um ihr kind am leben zu erhalten. wollen sie was ändern? unternehmen sie was. wenn ein paar hundert eltern ihr kind lieber sterben lassen würden, anstatt ein paar mäuse für eine impfung auszugeben, würden die preise bestimmt fallen, glauben sie mir! quak, … quakquakquak! quak, … quakquakquak!“
mami: „sagen sie mir, was sie hat!“
house: „eine erkältung.“

http://www.clipfish.de/video/1096133/dr-house-praxisdienst-teil-2-fortsetzung/

regenmänner

ich kenne sie schon reichlich lange, das erste mal kam sie, glaube ich, mit den zwillingen zur u4 bei mir vorbei. damals erzählte sie bereits, das sie allein erziehend sei. der vater habe sich kurz nach der geburt aus dem staub gemacht. sprach sie mit dem gebrochenen russischem akzent. wenigstens hatte sie hilfe von ihrer mutter, die auch hier in der nähe wohnte. alleinerziehend ist immer schwierig. mit zwillingen hoch drei. als vor einem jahr nach deutschland gekommen, frisch verliebt und dann geschwängert noch erst recht.

die kinder haben sich ganz gut gemacht. im ersten jahr die normalen fortschritte, sitzen, laufen, essen. gestört hat die mutter immer nur, dass nach den ersten brabbelversuchen und mamama und dadada mit einem jahr die sprache ins stocken geriet. wir haben uns beide mit der zweisprachigkeit beruhigt. oma kann nur russisch, spricht das mit den kleinen und die mama – auch wenn ihr deutsch besser wurde – wollte ihnen nicht ihr gebrochen deutsch antun. also russisch.

bei der zwei-jahres-untersuchung waren die entschuldigungen dann vorbei. die zwillinge sprachen kaum ein echtes wort. in der summe kam der eine auf vielleicht zehn worte, der andere auf ein oder zwei mehr. jungs eben. wir konnten sicher sein, dass beide hören. das war nicht das problem. die mutter hatte auch gute ideen, die kinder in ihrer sprache zu fördern. und trotzdem passierte nicht viel. dazu kam, dass der eine den anderen immer in seiner zickigkeit ansteckte. brüllte der eine, tobte der andere. wenn sie mich sahen, war der ofen meist sofort aus. aber nicht nur bei mir. auch bei anderen fremden neben der mutter.

dann kam der kinderhort. mama musste wieder arbeiten. zwei kinder, oma selbst am arbeiten. und die mutter auch. und die kinder den halben tag in die betreuung. sehr schnell kam die negative rückmeldung: die zwillinge würden nur zusammenhängen, wer den einen anfasst, bekommt von dem anderen eine gehauen. freunde bekamen sie so zusammen keine. aber auch nicht alleine. war die mutter mit einem von beiden alleine auf dem spielplatz,  gelang es diesem, für kurze minuten ein normales spiel zu beginnen, aber meist endete es in hauen, beißen, kneifen. die mama gab sich die schuld. erziehungsfehler meinten die anderen. also meinte sie das auch.

die sprache wurde nicht besser. aber sonst war die körperliche und motorische entwicklung der zwei recht gut. zügiges trockenwerden – klassisch slawisch – auch selber essen, sogar anziehen habe funktioniert. also mussten wir einen weiteren schritt tun. da die sprachentwicklung so gehemmt war, die mutter aber vor allem russisch spricht, mussten andere konzepte her. ich schickte die kinder ins sozialpädiatische zentrum (spz) der nächsten großstadt.

und dann habe ich lange nichts mehr gehört.

die vorsorge zum dritten lebensjahr hat die mutter nicht wahrgenommen – vergessen? – sich geschämt? – zu sehr eingespannt mit kindern und beruf? – erst letzte woche kam sie wieder mit beiden zur u8 — zur untersuchung mit vier. inzwischen hatte ich aber auch schon die briefe aus dem spz erhalten. meine helferinnen verzweifelten an den beiden jungs. kein hörtest war möglich, kein sehtest, keine einfachen motorischen aufgaben. die sprache sei besser – aber bei mir echolalierten sie nur meine fragen: „schau mal, was ist das da?“ – zeigte ich auf ein haus. „das da!“ sagte der zwilling. nächster versuch von mir „kletter mal da die leiter hoch.“ – „leiter hoch!“ vom zwilling. ohne bewegung. und dergleichen mehr.

zwei nette burschen. sehr ängstlich. sehr abwehrig. man darf sich ihnen nur ganz vorsichtig nähern. schnell gehen die hände wie in abwehr gegen das harmlose stethoskop nach oben. oder gegen den weichen ball oder die bunten klötzchen bei der vorsorge. sie besuchen aber inzwischen den regelkindergarten mit integrationshilfe.

die mutter war mit der diagnose nicht zufrieden, die das spz gestellt hat. sie möchte noch eine zweite meinung. wird sie jetzt auch noch woanders und bestimmt gesichert bekommen. aber es wird sich nichts daran ändern – laut den kollegen im sozialpädiatrischen zentrums haben die zwillinge mit der alleinerziehenden mama „eine tiefgreifende entwicklungsstörung unklarer genese mit deutlichen hinweisen auf autismus.“ die mutter ist vierundzwanzig. und eben alleine.

euro d12

homöopathie auf allen kanälen – der spiegel titelt diese woche damit, freund „fliege“ lauterbach meldet sich lautstark zu wort, die medikamentenkommission trötet fröhlich mit, sogar unsere lokale zeitung nimmt sich des topics an, sogar das berühmte intranet der kinder-und jugendärzte, welches nur eingeweihte (= also subscribers) kennen, diskutiert sich die ohren heiß – soll ich da wirklich auch noch etwas dazu schreiben?

zum glück kennen mich meine patienten inzwischen ausreichend gut – und die neu hinzukommenden haben meist schon davon gehört: glaubuli kommen bei mir nicht auf rosa daher. nein, ich habe da keine neuen argumente, außer denen, die schon immer und überall ausgetauscht wurden. einzig alleine der sparaspekt, der gerade von seiten herrn lauterbachs so herausgestellt wird, ficht mich nun überhaupt nicht an. sparen kann man mit oder ohne homoöpathie nun gar nichts. das zeug kaufen die meisten leute sowieso selbst, und wenn die krankenkassen das auch nicht mehr übernehmen würden, dann bedeutete das noch lange keinen enormen zugewinn für die solidarkasse der gesundheit.

dann schon eher um die ecke gedacht: wer patienten dazu erzieht, bei jedem wehwehchen ein mittelchen zu nehmen, wer sich zur aufgabe gemacht hat, dass jeder patient mit einem rosa zettel aus der tür geht – der produziert ganz sicher kosten im gesundheitswesen. denn der sorgt auch für das bedürfnis und den wunsch, bei jedem wehwehchen zum arzt zu gehen. darf man nicht mehr sagen: „das geht von alleine weg“ oder „ein bisschen pusten, dann fühlt sich´s bobele besser“ ? und: wenn etwas so arg ist, dass man zu wirklich wirksamen medikamenten greifen muss (also z.b. antibiotika), dann hilft auch das zucker nimmer. und wer dann trotzdem zu letzterem greift, der unterlässt eine hilfe und produziert erneut kosten.

diesen link kann ich mir nicht verkneifen.

playstation vs. schule

man nehme eine anzahl von grundschülern, teile diese in zwei gruppen a und b. beide werden getestet, wie gut sie gerade in der schule stehen, also vor allem die schriftsprache, das lesen und das rechnen.

dann schenke man den probanden aus gruppe a jeweils eine playstation.

nach vier monaten gehe man wieder zu den beiden gruppen und teste sie erneut. gruppe b bekommt nun auch eine playstation – damit sie nicht so traurig sind.

ergebnis: bei grundschülern würde man erwarten, dass sich die leistungen insgesamt innerhalb dieser 4 monate  verbessern würden – denn dafür geht man schließlich in die schule. aber: gruppe a verschlechtert sich sogar in der leseleistung und die verbesserungen im schrifterwerb bleiben weit hinter denen der gruppe b zurück. interpretiert werden diese rückgänge unter anderem mit der fehlenden zeit, die man sonst statt playstation für lesen verbringen würde.

überraschendes ergebnis? eigentlich nicht. aber eindrücklich, dies auch in einem studiendesign so nachvollziehen zu können. eine andere studie aus neuseeland mit wesentlich mehr probanden über medieneinfluss und familiäre bindungen ergab eine nachvollziehbare isolierung der „heavy user“ – das entkräftet auch das argument vieler eltern, eine spielekonsole oder ein eigener fernseher würde die kontakte zu den kumpels fördern… doch, das denken viele eltern.

hier noch der entsprechende artikel, wie immer sehr amüsant geschrieben von manfred spitzer aus ulm: schenken sie doch – schlechte noten.

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